Bewerbungsgespräche und der Horror danach, Chelsea Boots und Einkommensteuerbescheide

Ich gebe ja selber zu, dass ich bisweilen eine große Klappe habe. Aber im Grunde genommen bin ich ein ganz normaler, sogar – wie einige Leute, nicht ich, sagen – gutmütiger Mensch. (Wie gesagt, das sagen andere Leute, die etwas genauer hinsehen. 😉 ) Daher hängt auch an meiner Arbeitsplatz-Pinnwand ein Bild mit einem lachenden Minion, und daneben steht: „Ich habe ein Herzklappenproblem. Klappe ist zu groß – Herz ist zu weich.“ Früher hatte ich fast ausschließlich ein zu weiches Herz. Da man damit nicht selten ausgenutzt wird, habe ich nun sicherheitshalber auch noch eine große Klappe. (War mir zwar wohl immer schon innewohnend, aber es bedurfte eines gewissen Trainings, die verschütteten „Talente“ wieder hervorzulocken, nachdem u. a. meine Grundschul-Klassenlehrerin, Frau Buchmüller, aber auch manch andere Menschen mir das Ganze mit ihrer unbeschreiblichen „Pädagogik“ ausgetrieben hatten … Fazit: Immer aufs Bauchgefühl hören und sich selber treu bleiben! 😉 ) Wie auch immer: Eine große Klappe schreckt „Fressfeinde“ ab. Pure Mimikry. 😉 (Und trotzdem werde ich nicht selten noch immer ausgenutzt, wie ich fürchte …)

Dass ich im Grunde gewiss nicht total tough bin, sieht man an meinem Verhältnis zu Bewerbungsgesprächen, vor denen ich meist sage: „Lieber noch einmal mein Uni-Examen, wenn ich nur dieses Gespräch nicht durchstehen müsste!“ Der Unterschied besteht darin, dass man beim Examen „nur“ pures Wissen preisgeben, aber nicht noch auf psychologische Winkelzüge, Stressfragen oder sonstige reizende Dinge achten muss. Gut, was Stressfragen anbelangt, gibt es auch beim Examen den einen oder anderen Prüfer, der sich daran ergötzt, möglichst miese Fragen und dem Prüfling ein Bein stellen zu wollen. 😉 Aber wenn man sein Fach versteht und nicht auf den Kopf gefallen ist, ist das alles kein Problem.

Fahre ich zu einem Bewerbungsgespräch, habe ich das Gefühl, zum Schafott geführt zu werden. Ich bin nervös wie tausend Mann! Und das, obwohl ich bestmöglich vorbereitet bin – das ist Schmach in Reinkultur. Letzten Mittwoch wollte ich im Zug noch einmal all das, was ich verinnerlicht hatte, Revue passieren lassen. But my mind went blank! Da war nur das große, schwarze Nichts. Zu nervös. Am liebsten wäre ich umgekehrt. Aber das wäre ja extrem blöd gewesen.

Und so fuhr ich weiter, kam an und wurde alsbald der ersten Prüfung unterzogen: Ich sollte einen etwa halbseitigen Text innerhalb von 25 Minuten vom Deutschen ins Englische übersetzen. Natürlich ohne Hilfsmittel, wie sie im normalen Arbeitsalltag gang und gäbe sind. Aber doch kein Problem! Und schon legte ich los … Es lief auch alles gut. Die echten Fußangeln erkannte ich erst im Verlauf des Texts, und ich habe drei Begriffe nicht ganz so präzise übersetzt. Aber in jenem Moment dachte ich nur: „Eine Lücke zu lassen, ist viel schlimmer. Schreib das hin, was den gesuchten Begriff am besten trifft, damit ein jeder sehe, dass du weißt, worum es hier geht und wie der Hase läuft!“ (Meine Pein war nur, dass ich alle Begriffe, die mit der Branche zu tun haben, die Tage davor hochnotpeinlich gepaukt hatte – und im Moment allergrößten Drucks fielen sie mir nicht ein … Das hat mich sehr geärgert, auch wenn ich eine recht zügig durchgeführte, dennoch nicht schlechte Übersetzung ablieferte.)

Danach dann eine Dreiviertelstunde Gespräch. Aber „Gespräch“ klingt so harmlos. Auf Herz und Nieren wurde ich geprüft, von Fangfragen verfolgt – ich wette, einige habe ich nicht erkannt. Anfangs war ich extrem nervös, dann aber plauderte ich drauflos, überschwänglich, aber nicht ohne Sinn und Verstand, wusste Zahlen, Daten und Fakten, brachte lebhaft Beispiele – und switchte dann nahtlos von Deutsch auf Englisch um, als dies verlangt wurde, während mir der kalte Schweiß im aus dem „Alles muss raus!“-Ausverkauf bei Flinn und Kleckers erworbenen Outfit stand. Vier Personen saßen da in der Kommission – drei Frauen, ein Mann. Ich glaube, der Mann mochte mich nicht. Er stellte die blödesten Fragen – wahrscheinlich war er zum „bad cop“ im „Good-cop-bad-cop“-Spiel ernannt worden.

Ich hielt mich an das, was ich von Personalern gehört hatte: aufgeschlossen sein, jeden begrüßen, die Hand erst reichen, wenn sie von der anderen Seite angeboten wird, danke für die Möglichkeit, eingeladen zu sein, sagen, dann schön gerade am Tisch sitzen, die Hände möglichst leger und nicht verknotet auf dem Tisch, nicht im Gesicht herumwurschteln, brav das angebotene Getränk annehmen – und auch austrinken! Immer schön offen – und lächeln. Immer lächeln, auch wenn man Fracksausen hat, Rauschen in den Ohren; im Gespräch jeden anblicken, aber nicht wie auf dem Tennisplatz. Die meisten Dinge muss man mir gar nicht explizit erläutern – das kann ich auch so, aber es ist immer ganz gut, daran erinnert zu werden. Speziell dann, wenn man sehr nervös ist.

45 Minuten saß ich da, parlierte möglichst sinnstiftend fließend deutsch und englisch, und das mit kaltem Schweiß im Dessous. Danach ward ich entlassen, bedankte mich noch einmal, auch dafür, dass so eine angenehme Atmosphäre geherrscht habe – nettes Nicken zu den drei Damen, einen Tick noch netteres Nicken zum „bad cop“.

Wie auch immer das ausgeht: Ich glaube, ich habe das gar nicht so schlecht gemacht. 😉

Aber man fühlt sich – zumindest ich tue das – doch immer ein wenig unsicher danach. Ich tendiere dazu, zu Hause noch einmal die Punkte, die im Gespräch schwächer erschienen, durchzugehen und dann gegebenenfalls kurz vor einer Ohnmacht zu stehen: „Waaas? O Gott! Das hättest du doch viel besser machen können!“

Tut das nie! Finger weg von Informationsmaterial oder Aufzeichnungen nach einem Vorstellungsgespräch (wahlweise Examen oder sonstiger Prüfung) – das macht einen nur verrückt. Es ist sehr schwer, aber möglich, das Ganze unter dem Motto „tempi passati“ einfach links liegenzulassen. Ändern könnt ihr eh nichts mehr. Entweder liegt das Kind im Brunnen, oder es tanzt – das Victory-Symbol zeigend – auf dem Brunnenrand herum, hüpft alsbald herunter und fragt: „Wann kann ich anfangen?“ 😉

Ich weiß nur eines: Ich habe mich gar nicht so schlecht geschlagen, finde ich. Und wenn ich das schon finde, muss wohl etwas dran sein.

Dennoch ertappte ich mich heute dabei, wie ich im Internet nach Schuhen suchte. Offenbar eine Kompensationssache. Auf der anderen Seite brauche ich dringend Übergangsschuhe, die auch für den Winter geeignet sind. Derzeit habe ich nur zwei Paare – so geht das nicht! 😉 Ergo eine ganz rationale und vernünftige Suche. 😉

Und mein Herz lechzt seit Jahren nach einer Schuhart: Chelsea Boots! Erstmalig hatte ich solche in der Mittel- und Oberstufe meiner Schulzeit besessen – von „Kickers“. Ich glaube, das Modell heißt „Knox“. Die waren irgendwann aufgekommen. Am besten die in Dunkelblau und Wildleder! Waren aber alsbald ausverkauft, und Wildleder ist auch so heikel zu pflegen. Dann also dunkelblaues Glattleder! Hauptsache, blau!

Leider war die Auflage in dunkelblauem Glattleder entweder zu gering oder zu beliebt – ich bekam keine. Bordeauxrot bekam man auch nur mit viel Glück noch, und so landete ich bei Beige. In der Glattleder-Variante. Ich war zwar von Beige noch nie so begeistert, aber es mussten diese Schuhe sein, die überall ausverkauft waren – und wenn es sie nur in Beige gab, dann eben so. Außerdem passte Beige besser zu anderen Farben, als Blau und Rot dies taten. (Man kann sich vieles einreden.)

Wie habe ich an diesen Schuhen gehangen! Ich hasste Schuheputzen, aber an diesen Schuhen lag mir wirklich sehr viel. 😉

Irgendwann waren sie dann nicht mehr en vogue, aber ich nahm sie mit nach Aachen, wo ich studierte, und ab und an trug ich sie auch noch. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal beim Arzt im Wartezimmer saß und eine Arzthelferin angelaufen kam und mich eifrig-kurzatmig-großäugig fragte: „Woher haben Sie diese Schuhe, Frau B.? Ich suche die seit geraumer Zeit! Ich hatte vor ein paar Jahren solche und habe sie leider weggetan – wo gibt es die zu kaufen?“ – „Die habe ich lange nicht gesehen.“ – „Ja, aber – Sie haben doch welche!“ – „Die hier? Die besitze ich seit ganz vielen Jahren und konnte mich nicht davon trennen.“ – „Aber die sehen wie neu aus – bitte sagen Sie mir doch, woher Sie die haben!“ – „Es tut mir leid, aber es ist so, wie ich es sagte. Ich besitze diese Schuhe seit Jahren. Ich liebe diese Schuhe, und daher sind sie so gut erhalten. Und es ist ja auch gute Qualität.“ Die Arzthelferin sank in sich zusammen. Dann straffte sie ihren Oberkörper und meinte: „Wenn Sie sie nicht mehr mögen sollten: Bitte denken Sie an mich! Ich würde dafür auch zahlen!“ – „Haben Sie Schuhgröße 38?“ – „Nein, 40, aber egal!“ – „Sehen Sie, dann kommen meine Schuhe nicht in Frage. Ich werde sie auch tragen, bis sie auseinanderfallen. Die sind derzeit nicht en vogue, und ich möchte meine gern behalten. Sie leben auf größerem Fuß als ich – sie würden Ihnen eh nicht passen.“ Die Arzthelferin meinte: „Ja, Sie haben ja Recht – aber ich hätte so gern wieder solche Schuhe!“

Ich musste meine auch irgendwann wegtun. Sie fielen wirklich fast auseinander. Das durften sie aber auch, denn es waren wohl die Schuhe, die ich am längsten getragen hatte, die überall dabei waren. Ich muss jedoch gestehen, dass es mir sehr wehtat, sie wegzuwerfen, auch wenn sie zu nichts anderem mehr taugten.

Vergessen habe ich diese Schuhart jedoch nie, und so habe ich mir heute ein Paar „Chelsea Booties“ gekauft, die dem „Kickers“-Modell sehr ähnlich sehen. Nur nicht in Beige, sondern in Schwarz. Passt zu allem, nur nicht Dunkelblau. 😉 Ich bin mir sicher, es war eine Kompensationsaktion. 😉

Immerhin konnte bzw. kann ich mir das leisten. Denn am Wochenende ist mein Einkommensteuerbescheid in den Briefkasten gesegelt. 😉

Ich hatte mich schon gewundert, warum das diesmal so lange dauere, hatte das aber als gutes Zeichen gewertet. Denn gemeinhin ergeht sehr schnell ein Bescheid, wenn es etwas nachzuzahlen gibt. Da es diesmal so lange dauerte, dachte ich .., ach, lassen wir das. 😉

Aber in der Tat: Ich bekomme etwas vom Finanzamt, meiner allerliebsten Lieblingsbehörde, zurück! 😉 Allzu leicht dürfte es ihnen nicht gefallen sein, denn im Beiblatt wurde ich erst einmal zünftig zusammengeschissen, dass ich die Steuervorauszahlungen im Zuge von Nebentätigkeit unverschämter Weise als „Belastungen“ angegeben hatte! Frechheit von mir – als wäre das eine Belastung! Als gute Bürgerin müsste es mir doch ein Bedürfnis und eine Freude sein, Schulen, Kindergärten und Kitas, wie im Vorschreiben gelistet, für das vorgeblich das Finanzministerium bzw. der Finanzminister meines Bundeslandes verantwortlich zeichnet, zu unterstützen! Ebenso die sonstige Infrastruktur – wie zum Beispiel Straßen! Von sonstigen Gründen keine Spur … Und das Schreiben allein ist schon … fragwürdig. Da wird mir, die ich seit Jahrzehnten brav Steuern zahle, wie einer Dreijährigen erklärt, wofür all das gut sei … Ach, wie gut, dass mir das mal jemand erklärt! Merkwürdig, dass solch ein Vorblatt in den Jahren zuvor nie als nötig empfunden wurde und ich nun auf einmal ausschließlich Kindergärten, Kitas, Schulen und Straßen unterstütze! Und natürlich nur solche Projekte. (Die ich übrigens voller Überzeugung unterstütze!) 😉 Ein bisschen ist mir danach, dem Finanzminister mal einen Brief zu schreiben und nachzufragen, ob dieser Brief ernst gemeint sei …

Aber immerhin bekomme ich etwas zurück und kann mir nun Chelsea Boots leisten – wenn das nichts ist! 😉

Mein Urlaub ist auch schon gebucht, wenn auch nicht von meinen „Rückkünften“. Nach Schottland wird es gehen, und das bereits im Mai. 🙂

Wenn es dort kühler als hier sein sollte, sind meine Chelsea Boots auch dabei. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂