Social Media und Erinnerungen

Heute dachte ich an nichts Böses. Chef ganztägig extern unterwegs. Der Anschlag auf des Kollegen Ollis Auto im Grunde zwar noch schlimmer als angenommen, da sein Wagen mit Gas fuhr und man sich die Konsequenzen gar nicht ausmalen wollte, hätte nicht ein anderer Mitarbeiter das Debakel, das zwischen halb 11 und 11 Uhr vormittags seinen Anfang genommen hatte – noch unglaublicher -, rechtzeitig bemerkt und die Feuerwehr gerufen, während er versuchte, den Brand selbsttätig zu löschen. (Ich war hinsichtlich dieser Info noch froher, gestern nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren zu sein, da ich nicht selten neben Olli parkte, da ich gern neben Autos von Leuten parke, die ich kenne und die mich kennen. Da weiß ich, dass die mir nicht die Tür in die Seite hauen – okay, seit ich Autobesitzerin bin, stelle ich ganz neue Seiten an mir fest – Seiten, die ich nicht unbedingt erstrebenswert finde, manchmal, aber auf der anderen Seite: Wer lässt gerne freiwillig sein Auto beschädigen? 😉 )

Vorhin habe ich Olli eine WhatsApp-Nachricht geschickt, dass mir das mit seinem Auto total leid täte. Er war – wie ich Olli seit 12 Jahren kenne – gelassen. Inzwischen wieder, denn gestern wirkte er anders. Er schrieb zurück, er habe nun ein anderes Auto und leider keinen Mercedes. Nein, nicht, wie ihr denken mögt! Olli liebt alte Autos, und sein angebrannter „Alter“ ist über 20 Jahre alt, aber Olli hing an ihm. Nun hat er wohl einen Japaner, aber, wie er mir schrieb, nur, weil es gerade keinen schönen gebrauchten Benz gab. 😉 Nun müsse er auch dringend ins Bett, da er die letzte Nacht kaum geschlafen hätte, und er wünschte mir eine gute Nacht und süße Träume. Wenn ich möge, solle ich morgen mal vorbeikommen, dann könnten wir eine zusammen rauchen. Ich wünschte ihm auch eine gute Nacht – die hatte er sich ja wohl mehr als verdient.

Doch zurück. Ich ordnete heute meine sogenannte Ablage vor, trug einen Stapel ungeordneter Papiere ab, und mein Arbeitsplatz sieht inzwischen erschreckend geordnet aus. 😉 Wann immer mich die Lust dazu verließ, schrieb ich zu schreibende Briefe und Mails, zwischendurch warf ich auch einen Blick ins Internet.

Und da bin ich an etwas geraten, das mich an meine Schulfreundin Tanni erinnerte, zu der ich seit 2004 keinen Kontakt mehr hatte. Er war eingeschlafen, so wie Kontakte bisweilen einschlafen. Nicht aus dem Willen heraus, sie einschlafen zu lassen, sondern einfach so, wenn Leben auseinanderdriften.

In Folge gab ich Tannis Namen bei Google ein, und schon warf mir die sehr zuverlässige Suchmaschine Ergebnisse aus. Das erste verwarf ich – da stand etwas von einer Heilpraktikerin. Tanni war BWLerin! (Dass wir einander überhaupt verstanden, wird wohl nicht gerade an unseren völlig unterschiedlichen Berufungen gelegen haben … Aber sie ist einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.) Dann sah ich näher hin … Wiederholt tauchte diese Heilpraktikerin auf! Und sie praktizierte an Tannis Wohnort – zumindest dem letzten Wohnort, den ich von ihr kannte. Ich klickte den ersten Link an – und dann staunte ich! Das war „meine“ Tanni! Ihre Praxis. Es haute mich fast aus den Schuhen.

Ich war nie Tannis engste Freundin. Sie auch nicht meine. Aber wir verstanden einander irgendwie, und – ich gestehe es – es vergeht kein 25. November, an dem ich nicht an sie dächte. Ihr Geburtstag. Und obwohl wir seit so vielen Jahren keinen Kontakt hatten, denke ich immer daran, wenn der Tag mal wieder gekommen ist. Ich glaube, ich war immer selber total überrascht darüber, dass sie ausgerechnet mich mochte. Vielleicht geht es ihr umgekehrt genauso. 😉

Sie hat mich mal in Aachen besucht, und es war so typisch für mich damals: Völlig wurschtig, war ich erst kurz vor ihrem geplanten Eintreffen einkaufen gegangen. Als ich mit zwei schweren Plastiktüten an meinem Haus anlangte, saß Tanni da schon auf den Eingangsstufen. Ich war unangenehm berührt, schalt mich selber für meine Wurschtigkeit, aber da stand sie schon auf, und als ich mir Vorwürfe machte, sagte sie: „Du bist doch total bescheuert – hör auf damit! Ich freue mich total, dich mal wieder zu sehen, und ich sitze auch noch gar nicht lange hier! Komm mal her!“ Und dann nahm sie mich in den Arm und drückte mich ganz fest. Wir haben dann erst einmal einen zünftigen Brunch veranstaltet, dann gingen wir durch den Stadtpark, und abends zogen wir gemeinsam um die Häuser. Ein sehr schönes Wochenende.

Drei Jahre später – wir hatten immer schriftlichen Kontakt und telefonierten auch miteinander – besuchte sie mich in meinem Elternhaus, als ich dasselbe während eines Urlaubs meiner Eltern gerade hütete. Und das war echt anstrengend mit viel Sekt und Rotwein, den ich damals noch vertrug. Damals war mir Migräne und die entsprechende Wirkung von Rotwein weitgehend unbekannt, und wir erzählten einander unsere geheimsten Geheimnisse – beide zu der Zeit gerade ganz unglücklich in völlig unterschiedliche Männer verliebt. 😉 Sie in einen absoluten Realisten, ich in einen Spinner. 😉 Da habe ich sie auch gefragt, warum sie mich eigentlich möge, obwohl wir doch beide so ganz unterschiedliche Ziele hätten. Da meinte sie: „Weil du ein so lieber Mensch bist! Wir sind wirklich total verschieden, aber ich mag dich sehr, und du bist jemand, dem ich einfach viel erzählen mag, weil ich den festen Eindruck habe, dass du mich verstehst. Wie ist das umgekehrt?“ Ich grinste und meinte: „Genauso.“ Und da lachte sie und meinte: „Mir fällt gerade etwas ein, und ich warne dich: Wehe, du lachst!“ Ich versprach, nicht zu lachen, und da meinte sie: „Du bist doch Sternzeichen Löwe, ne?“ – „Ja. Und?“ – „Dann scheint das, was mir mal jemand, der an den Schnickschnack fest glaubt, erzählte, zu stimmen, denn der meinte, dass mein Sternzeichen hervorragend zu Löwen passe!“ Ich überlegte, dann lachte ich und meinte: „Zwei sehr gute Freundinnen von mir haben das gleiche Sternzeichen wie du – es muss wohl was dran sein!“ – „Siehste, sag ich doch!“ Und dann machten wir noch eine Flasche Rotwein auf. Der nächste Tag war dann etwas schwierig im Ansatz. 😉

Und dann besuchte ich Tanni mehrfach an ihrem Wohnort – auch das recht sekt- und rotweinlastige Abende. Durchquatschte Nächte, rote Augen am nächsten Tag, aber immer gutgelaunt. 😉

Dann heiratete Tanni. Und das nächste Mal trafen wir einander wieder am Ort unserer gemeinsamen Schulzeit. Wir saßen in einem Café, sie deutlich schwanger, und es war ein sehr schöner Tag. Ein Mädchen werde es, sagte sie mir, und es solle Anna heißen. Doof sei nur, dass ihr Asthma in der Schwangerschaft heftiger geworden sei. Sie kam mir viel erwachsener vor als ich, die ich da völlig unschwanger vor ihr saß. Dennoch war das Verständnis immer noch da.

Und dann bekam ich eine Geburtsanzeige, zusammen mit einem langen Brief. Ich schickte ein Päckchen mit einer babygerechten Stoffgans und einem langen Brief. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass die Verbindung damit abgerissen sei. Aber Tanni hielt das Ganze aufrecht.

Einander wiedergesehen haben wir, als sie bereits ihre zweite Tochter bekommen hatte – da besuchte sie mich, als ich schon in der Nähe von Düsseldorf lebte, zusammen mit Anna und Katharina. Ich war begeistert davon, wie sie mit den beiden kleinen Hühnern umging. Und ein wenig neidisch war ich, denn das, was sie hatte, würde ich mit dem damaligen Partner wohl niemals haben. Aber den Neid habe ich rasch überwunden – ein so fieses Gefühl passte nicht zu Tanni, die alles so natürlich wuppte. 🙂 Und wenn ich es jemandem so richtig gönnte, dann ihr.

Sie nahm mich in den Arm und bedankte sich, weil ich Anna freundlich, aber energisch in den Griff bekommen und ihr ihre eigene Bedeutung erklärt hatte, als sie gerade – einmal mehr – zornig und eifersüchtig auf ihre kleine Schwester war, sich auf den Boden warf und schrie. Ich erinnere mich deutlich an ihre Worte: „Ali, such dir einen neuen Partner, einen, auf den man sich verlassen kann – und dann bekomm, bitte, Kinder! Du machst das so schön! Anna ist ganz begeistert von dir – die hört und gehorcht sonst nicht so schnell!“

Tja, ich hätte mal auf sie hören sollen. 😉 Aber es ist okay so, wie es ist. 🙂

Doch zurück. Ich habe Tannis Praxis gefunden, auch in einem bekannten Sozialen Medium. Sie hat wohl ihr Spektrum erweitert, und ich gab ihr ein Like auf ihrem Praxis-Account. Keine Viertelstunde später hatte ich eine Freundschaftsanfrage von ihrem persönlichen Account, die ich mich zu stellen gar nicht getraut hatte – zu lange her der letzte Kontakt. Und vielleicht schreibe ich sie in den nächsten Tagen mal persönlich an.

Es ist ein komisches Ding mit der Zeit. Manchmal ist sie ein echtes Hindernis, auch wenn man sich Menschen nahe fühlt. Man traut sich aber nicht immer, auch wenn die Beziehung zuvor mehr oder weniger eng war. Schauen wir mal, wie es weitergeht. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

Rosenmontag

Zugegeben: Ich bin kein Karnevalsfan. Kein echter. Mir sind feste Termine gezwungener Fröhlichkeit zumeist zuwider. Ich halte es da mit BAP, die einst in einem ihrer Songs, „Nit für Kooche“, besangen: „Isch bin jeck wie isch will `t janze Jooh“ (ergo das ganze Jahr … 😉 ). Genau so und nicht anders.

Aber ich habe insgesamt 18 Jahre im Rheinland gelebt, erst in Aachen, dann in der Nähe von Düsseldorf. Und wenn man dort lebt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder wegfahren oder mitmachen. Ein Mittelding gibt es nicht. Die erste Zeit in Aachen bin ich geflohen. Aber wenn man in einer Studentenkneipe jobbt, muss man bisweilen auch Karneval ran, weil man schichtmäßig eingeteilt ist. Das erste Mal war wirklich schwer … 😉

Eigentlich („äijjentlisch“) hätte ich mit Freddy, so unsere Chefin, den Service machen, ergo volle Tabletts mit Bier und Schnaps an die Tische tragen sollen. Darauf hatte ich aber keine Lust, und ich begab mich schnurstracks auf mein ureigenes Terrain: den Tresen. Ich war bereit, alles in Grund und Boden zu zapfen – Bier bis zum Umfallen! 😉 Aber Mike, der Freund meiner Chefin, traute mir, die ich noch relativ neu im „Gewerbe“ war, noch nicht zu, die anstürmenden Massen bier- und schnapsmäßig zügig genug auszustatten, und so fand ich mich plötzlich am Spülbecken wieder, gefühlt hunderte von Biergläsern spülend und nicht nur quasi im Akkord, sondern „ganz in echt“. Erst ärgerte ich mich ein wenig, dann dachte ich: „Spülen ist auch elementar wichtig an solch einem Tag!“ Irgendwann wechselten dann auch die Rollen, als Mike meinte: „Komm, wir wechseln uns mal ab.“ Und siehe da: Ali konnte auch im Akkord Bier zapfen und Schnaps und andere Getränke ausschenken! Ratz-fatz ging das und war eine prima Übungsstunde für nachfolgende starkfrequentierte Schichten, in denen ich als alleinverantwortliche Thekenfrau da war. (Oder, wie wir intern recht derb sagten, „Thekenschlampe“. 😉 )

Nachdem ich von der gesamten „Öcher Börjerwehr“ gebützt, gedrückt und geknuddelt worden war, noch zahllose andere Karnevalisten abgefertigt hatte, war dann irgendwann abends auch Schicht im Schacht, und Mike rief: „Wir ziehen jetzt auch noch los!“ Und schon brachte er diverse Farben zu Tage, mit denen er umgehend unser aller Gesichter bemalte. Meine Chefin, Louise, rief: „Wie süß, Ali! Er hat dich so bemalt, dass du wie eine Katze aussiehst!“ Mike meinte: „Sie hat mich heute, als sie so da vor sich hin im Akkord Gläser spülte, mehrfach angesehen wie eine wütende Katze, und ihre Augen passen auch dazu – wie sollte ich sie sonst bemalen? Aber sie war zu Recht sauer – sie kann hervorragend Bier zapfen, und das schnell dazu. Ich hatte sie unterschätzt und war im Unrecht. Aber diese Blicke! Die erinnerten mich an eine Katze, die meine Eltern hatten, als ich ein Kind war – wenn die sich falsch behandelt fühlte, guckte sie genauso. Der Unterschied zwischen Ali und der Katze ist, dass Ali mich nicht zur Strafe gekratzt hat.“ Na, super! 😉

Der Abend war dann aber sehr lustig, und ich muss gestehen: Im Rheinland Karneval zu feiern, ist, wenn man schon ein, zwei Bier intus hat, wirklich gar nicht so unnett. 😉 (Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob es stocknüchtern genauso wäre. Ich glaube, stocknüchtern ertragen das nur einheimische Abstinenzler, die Karneval dennoch lieben. 😉 )

Seit ich wieder in Westfalen lebe, hier im westfälischen Teil des Ruhrgebiets, sehe ich das wieder ein wenig anders als damals in Aachen oder zu der Zeit, als ich in der Nähe Düsseldorfs lebte. Denn ich war mehrfach zu Karneval auch in Düsseldorf.  Als Nichtkarnevalist braucht es eine gewisse Zeit, bis man sich an den Wahnsinn gewöhnt oder sogar angepasst hat. Und ein paar Biere, ich gebe es zu. Siehe oben. 😉

Der heutige Rosenmontag gestaltete sich für mich so, dass ich morgens um halb 6 aufstehen musste, weil ich einen Arzttermin hatte: Hautkrebsvorsorge. Am 27. März habe ich dann einen Termin „zur Exzision eines Muttermals“. Am Rücken, na, super – der Tag fing gut an.

Danach fuhr ich zur Arbeit. Bis 12:00 h wollte ich bleiben, damit ich auch noch vor dem exorbitant tollen Rosenmontagszug in meinem Heimatstadtteil zu Hause sein möge. Gegen 11:00 h dann plötzliche Aufregung, denn unser Sicherheitsbeauftragter schlug Alarm: Offenbar hatten Vandalen auf dem Mitarbeiterparkplatz das Auto eines Kollegen angezündet! Ich dachte noch: „Wie gut, dass ich heute ohne Auto hier bin“, als ich auch schon erfuhr, es hatte den Wagen meines Kollegen Olli getroffen. Olli gehört zu meinen Lieblingskollegen, und er hängt an seinem Wagen, einem zwanzig Jahre alten Mercedes-Kombi. Mein Herz blutete, gleichzeitig dachte ich: „Toll! Wo parke ich morgen?“ Aber in erster Linie tat mir Olli leid, und ich war wütend und dachte: „Was für Geistesgrößen rennen hier eigentlich herum? Macht euch so etwas Spaß, ihr Idioten?“

Janine erbleichte, als ich ihr mitteilte, man habe Ollis Wagen angezündet. „Ich parke nicht weit von ihm entfernt!“ rief sie, und ich meinte, wir sollten dann lieber schnell gehen, denn sie hatte sich bereiterklärt, mich mitzunehmen, zumindest so weit, bis ich einen Bus zum Busbahnhof ergattern würde. Und schon eilten wir gen Mitarbeiterparkplatz, wo Ollis Wagen mit blindem Heckfenster und blinden Fenstern im Fond stand, linksseitig waren die Rückleuchten völlig verschmort, einige Karosserieteile lagen lose am Boden im trocknenden Löschschaum der Feuerwehr. Erneut packte mich der Zorn, und ich fragte laut und wütend, mit was für Vollidioten man eigentlich Tag für Tag zu tun habe, die es lustig finden, das, was sich andere erarbeitet haben und woran sie hängen, zu zerstören. Ich war total wütend, Janine desgleichen, und sie meinte: „Kann man hier überhaupt noch ruhigen Gewissens parken? Zeit, dass hier mal eine vernünftige Videoüberwachung hinkommt!“ O ja – das wäre schön …

Janine nahm mich dann mit, und ich stieg aus, um zu REWE zu gehen, da ich noch einiges einkaufen musste. Und als ich den Supermarkt verließ, erwischte ich gerade noch den 244er, der zum Busbahnhof fuhr. Von da aus ging ich zur Straßenbahn-Haltestelle, wo bereits eine große Anzahl westfälischer Karnevalisten des Transportmittels harrte. Die Straßenbahn fuhr nicht mehr, da sie meinen Heimatstadtteil durchfährt, wo heute der „legendäre“ Rosenmontagszug stattfindet, den ich von 2006 bis 2013 indirekt immer miterleben durfte … Dafür verkehrte ein Bus, und ich ergatterte, als er eintraf, sogar noch einen Sitzplatz.

Ratz-fatz füllte sich der Bus mit „Karnevalisten“, und ratz-fatz stellte ich den Unterschied zwischen rheinischen und westfälischen Karnevalisten fest. Im Rheinland wirkt alles erheblich weniger verkrampft. Irgendwann kotzte dann auch noch in einer Kurve einer der „Karnevalisten“ in den Bus – zum Glück im Mittelteil. Ich saß im Hinterteil des Busses, da, wo der Kotz-Karnevalist ganz gewiss besser hingepasst hätte, denn der war um 12:30 h schon völlig am Arsch. 😉

Irgendwo stiegen dann sämtliche „Karnevalisten“ aus, und im Bus wurde es merklich entspannter (bis auf die Kotzpfütze im Mittelteil, modern auch „street pizza“ genannt). Ich fuhr einen größeren Umweg mit, vorbei an diversen Karnevalswagen, die im Vergleich zu ihren großen Geschwistern in den Karnevalsmetropolen nicht ganz so beeindruckend wirkten. Und einer war geeignet, jegliche lockere Stimmung im Keim zu ersticken, denn über seine Längsseite stand geschrieben: „Nach den Kamelle: Zähne putzen!!!“ Wahrscheinlich von der Zahnarztinnung … Toll, ein Moral-Karnevalswagen, der einfach nur ein Stimmungskiller war! Und ich dachte so für mich hin: „Auch wenn ich Karneval hasse, hat es doch manchmal Spaß gemacht, damals im Rheinland. Die Westfalen können es eben nicht!“ (Ein gewisses Augenzwinkern war dabei. 😉 )

Ich war auf alle Fälle froh, als ich zu Hause war. Karneval hier? Nee, danke. 😉

An all diejenigen, die meinen, dass die Leute, die Straßenkarneval nicht mögen, grundsätzlich humorlos seien und zum Lachen in den Keller gehen: Nee, beileibe nicht. Ich habe Verständnis für Karnevalisten, habe das Ganze viele Male selber mitgemacht und Spaß gehabt. Aber Karneval hier in meiner Heimatstadt? Nein, danke. Gleiches gilt für die, die Karneval zu einer Glaubens- oder Pflichtveranstaltung machen und jedem die Fresse polieren wollen, der – zum Beispiel – in Aachen „Helau“ statt „Alaaf“ sagt. Nein, das habe ich nicht erfunden – mir selber wurden einst ganz ernst gemeinte Prügel angedroht, weil ich dort – in einer „Alaaf!“-Hochburg – „Helau!“ rief … 😉

Aber sicher ist: Karneval ist stets das Fest der Humorvollen! Zum Glück kenne ich zwei Seiten. 😉

Zwei auf Tour(en)

Heute um 15:30 h sollte es losgehen: Lydia und ich wollten nach Köln fahren – „Bodyguard“ als Musical stand an. Ich war dazu wie die Jungfrau zum Kind gekommen, da ich gestern eine WhatsApp-Nachricht von Lydia bekommen hatte, deren Mann erkrankt war und nicht mitfahren konnte. Sie lud mich ein, mitzukommen, und so machte ich mich gegen Viertel nach 3 auf den Weg – zum Geldautomaten musste ich vorher auch noch, wie ich Lydia, die gerade aus dem Haus kam, als ich die schräg gegenüberliegende Packstation – von mir häufig frequentiert – passierte, fröhlich mitteilte. Ich rief ihr zu, ich würde nur noch schnell zum Automaten flitzen, käme dann aber sofort.

Und dann saßen wir im Auto, genauer: in dem von Lydias Mann, da dieses über ein Navi verfügt. Und los ging es Richtung Autobahn. Aber herrje – wir wurden kreuz und quer durch die Stadt geleitet, überall dort, wo wir hätten abbiegen müssen, war alles gesperrt. Kein Wunder, denn der lokale Fußballverein spielte heute. Daran hatten wir beide nicht gedacht …

Und so fuhren wir mit der Kirche ums Dorf, hatten aber zum Glück genug Zeit eingeplant und sind einander in solchen Angelegenheiten recht ähnlich: Wir lachten beide laut, wann immer wir erneut umgeleitet wurden und uns immer weiter von der nächstgelegenen Möglichkeit, auf die A2 zu kommen, entfernten. (Dieser Galgenhumor ist uns nicht nur offenbar von Natur aus eigen, zumal wir beide fränkische Mütter haben – nein, wir haben ihn beim gemeinsamen Arbeitgeber quasi perfektioniert. 😉 ) Wir mussten dann erst einmal zurück in unseren Heimatstadtteil und von dort in dessen Nachbarstadtteil, um auf die A2 zu kommen. Bei der ersten Auffahrt meinte Lydia: „Scheiße, in welche Richtung müssen wir eigentlich?“ – „Also, ganz bestimmt nicht Richtung Hannover! Hier noch nicht!“ rief ich, die „Expertin“ für Autobahnfahren, war aber eindeutig im Recht, und so fuhr Lydia dann weiter, bis ich: „Da! Oberhausen! Das ist die richtige Richtung!“ schrie, da das Navi auf stumm geschaltet war.

Und schon waren wir auf der A2 Richtung Oberhausen. Überall Baustellen, und wir krochen zeitweilig so dahin, dass ich dachte: „Hier könnte ich auch problemlos fahren.“ Unterwegs unterhielten wir uns über alles Mögliche, jedoch auch über die neuesten Unglaublichkeiten bei der Arbeit. Lydia ist im Personalrat, und sie hatte einige interessante Dinge zu berichten. Zwar so, dass sie keine personalratsinternen Aspekte verriet, aber wir kennen einander schon so lange, dass ich wusste, was sie meinte und ein ums andere Mal ungläubig den Kopf schüttelte. Nun ja, einerseits ungläubig. Andererseits wundert mich im Grunde gar nicht mehr so viel in dieser Hinsicht.

Partiell kamen wir sogar recht zügig voran, trotz Baustellen, und schließlich erreichten wir Köln. „Wir müssen in Deutz runter,“, sagte Lydia, und da tauchte auch schon die Abfahrt auf. Das blaue Schild war mit zwei neonorangefarbenen Streifen durchkreuzt. „Moment!“ rief Lydia. „Was ist das denn?“ – „Offenbar ist die Ausfahrt gesperrt,“, gab ich zurück, und erneut fingen wir dröhnend zu lachen an – das passte ja wie Arsch auf Eimer zu den Verhältnissen, die wir in unserer Heimatstadt erfahren hatten. Dort wollte man uns nicht an gewohnter Stelle und auf dem kürzesten Weg hinauslassen, hier nicht auf dem kürzesten Weg herein. Und so kurvten wir erneut wild durch die Gegend, wobei ich meine Augen fest auf das stumme Navi geheftet hatte, um den vorgegebenen Weg sinnstiftend zu interpretieren. Wir starrten beide auf den leuchtend grünen Pfeil, der darauf die Richtung wies.

Endlich waren wir an Ort und Stelle, fanden einen kostenfreien Parkplatz und latschten dann über die Hohenzollernbrücke zum Musical Dome. Jacken an der Garderobe abgeben, noch ein Gang zur Toilette, und schon stürzten wir uns auf bzw. an die Bar. Erstmalig seit langer Zeit trank ich mal wieder ein Kölsch, etwas, das ich normalerweise zu vermeiden trachte, aber der Ansicht bin, dass man, wenn man denn in Köln sei, doch ein lokales Bier trinken solle.

Danach enterten wir unsere Plätze, und schon begann das Musical. Und zwar so lautstark, dass ich fast an einem Herzschlag dahingeschieden wäre. Zumindest fühlte es sich so an. Nach etwas über einer Stunde dann die Pause und Kölsch Numero zwo. Auch Lydia trank eines, und dann ging es zurück in die Vorstellung.

Den Film „Bodyguard“ hatte ich vor -zig Jahren das letzte Mal gesehen, davor mehrfach. Nicht mein Lieblingsfilm, aber das hier war immerhin ein Musical, und das war nicht schlecht. (Die meisten anwesenden männlichen Zuschauer wirkten aber nicht nur mitgebracht, sondern teils etwas mitgenommen – war wohl nicht ihr Genre … 😉 ) Nachdem es zu Ende war und die Darsteller noch einmal gesammelt auf die Bühne gekommen waren, trat dann noch eine Männertanztruppe auf – beeindruckende Darbietung, die jedoch plötzlich abbrach und eine Stimme aus der Regie kam: „Meine sehr verehrten Damen und Herren – es tut uns leid, die Vorstellung hier unterbrechen zu müssen. Wir haben ein technisches Problem. Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen und verlassen nicht den Saal!“

Da wir uns in Köln befanden und gerade Karneval, ergo eine Großveranstaltung ist, wurden einige Leute unruhig. Auch ich dachte: „Was mag der Grund sein? Warum sollen wir nicht hinausgehen?“ Aber im nächsten Moment schalt ich mich einmal mehr eine kleine Bedenkenträgerin und schüttelte innerlich den Kopf über mich.

Bis ich die für gewöhnlich stets coole Lydia ansah. Die machte ebenfalls ein bedenkliches Gesicht, das immer bedenklicher wurde, je länger die Unterbrechung andauerte. Von einem technischen Problem war rein gar nichts spür- oder sichtbar gewesen. Und ich sah, wie sie ihr Smartphone zückte. Ich meinte: „Hast du auch das Gefühl, dass hier möglicherweise irgendwas nicht stimme?“ – „Ja, ich wollte gerade mal googeln. Draußen war vorhin in der Pause schon recht viel Polizei zu sehen. Und vorhin hörte man verstärkt Martinshörner.“ Das stimmte, und die beiden kleinen Bedenkenträgerinnen beugten in trauter, wenn auch stummer Übereinkunft ihre Häupter über Lydias Smartphone, während um uns herum schon einige Leute gen verschlossene Saaltüren strebten, die schließlich widerstrebend geöffnet wurden.

Überraschend tat sich dann aber doch etwas auf der Bühne, nach etwa einer Viertelstunde. Und das sahen wir uns dann noch an. Worin das technische Problem bestand, haben wir nicht erfahren, auch nicht, ob es überhaupt ein solches Problem gab.

Draußen sahen wir einander an und lachten, als Lydia gemeint hatte: „Du meine Güte! Jetzt machen wir uns schon bei jedem kleinen Zwischenfall Gedanken, dass vielleicht etwas ganz anderes dahinterstecken könnte.“ – „Ja,“, meinte ich, „das ist wirklich schlimm. Aber man rechnet ja schon mit allem Möglichen, speziell an solchen Tagen. Vor allem dann, wenn man regelmäßig Zeitung liest.“

Den Heimweg haben die beiden kleinen Bedenkenträgerinnen dann gut überstanden. Und alles in allem war es ein sehr netter Ausflug. Gerne wieder. Noch lieber aber ohne technische Probleme. 😉

Lydia meinte zum Abschied: „Wenn wir schon mal zusammen losfahren …“ Und dann lachte sie wieder schallend. Ich tat es ihr gleich.

Euch einen schönen Wochenbeginn (falls man das überhaupt sagen kann … ;-))!

Dinge, die man nicht gerne macht

Gestern war es endlich soweit: Ich hatte alle Seminarklausuren korrigiert, was gar nicht so toll ist, wie ich mir als Kind immer vorgestellt hatte. Daher werde ich auch jedes Mal, wenn ich Klausuren korrigieren muss, von einer meiner Schwächen heimgesucht oder – besser – angefallen: der Prokrastination – ich berichtete bereits an anderer Stelle. (Die Prokrastination macht sich übrigens bereits dann bemerkbar, wenn die später zu korrigierende Klausur von mir erstellt werden muss, was noch weniger Spaß macht als die Korrektur dann. ;-))

Auf ganz natürliche Weise ergibt sich stets die Gaußsche Normalverteilung hinsichtlich der Noten. Zumindest ist das bei mir bisher so gewesen. Ich las allerdings neulich einen Kommentar zu einem Zeitungsartikel zum Thema Schule, da eine Mutter behauptete, die Normalverteilung werde von den Lehrern künstlich herbeigeführt, da sie entsprechende Order hätten. Ich bin zwar keine Lehrerin an einer Regelschule, aber die Normalverteilung ergibt sich meiner bisherigen Erfahrung nicht durch Manipulation. Bei mir jedenfalls nicht. Vielleicht war das Kind der meckernden Mutter aber auch nur wiederholt im unteren Bereich der Verteilung vertreten – Schuld hatte natürlich der Lehrer, und alles war manipuliert. 😉

Auch gestern stellte ich erneut fest: Gauß ließ grüßen. Und dann machte ich mich an die Benachrichtigung der Studis. Das geschieht per E-Mail – jeder bekommt eine individuelle Mail von mir zugesandt, in der ich die individuelle Note mitteile und erläutere. Immer mit freundlichen Worten. Ganz besonders freundlichen in Fällen, da der Studi sich eher im unteren Bereich der Verteilung befindet.

So auch gestern. Aus mir unerfindlichen Gründen hatte ein Erasmus-Student aus dem ehemaligen Ostblock eine grottenschlechte Klausur geschrieben und nur knapp bestanden. Dabei war er mir ansonsten nur positiv aufgefallen. Gut, bei seiner Präsentation war er sehr nervös gewesen und hatte das, was eigentlich nur 20 Minuten dauern sollte, auf das Doppelte ausgedehnt, was dann den Plan für diese Stunde etwas über den Haufen warf. Aber a) sah ich, dass er sehr nervös war, b) wollte ich ihn aufgrund dessen zunächst nicht ausbremsen, c) stellte ich fest, dass er sich – als ich schließlich mit fröhlichen Worten eingreifen wollte – gar nicht ausbremsen ließ. Nicht aus bösem Willen – er war wirklich furchtbar nervös. Und da lasse ich schon einmal fünfe gerade sein, in Ausnahmefällen. Nichts ist schlimmer, als Menschen, die nervös sind und Angst haben, noch eins vor den Latz zu knallen. Die fühlen sich dann doch gleich in ihrer Angst bestätigt, und das muss nicht sein. Denn das macht alles noch viel schlimmer.

Ergo schrieb ich gestern auch erst die Studis an, die besser abgeschnitten haben. Dann machte ich mich an die Mail, die am schwersten war. Nicht, weil sie auf Englisch zu schreiben war, sondern weil ich ungern Mails schreibe, in denen ich mitteilen muss, dass eine Klausur völlig vergeigt und nur ganz hauchdünn bestanden wurde. Zwar wird der Studi nicht scheitern, weil er ein Englischseminar bei Frau B. nicht oder nur ganz knapp bestanden hat, aber es ist nie schön, solch eine Nachricht zu erhalten, und dieser Studi nahm die Sache besonders ernst, wie er mir nach einer Seminarsitzung mal mitteilte. Und nun das.

Ich schrieb eine besonders verständnisvolle Mail, schrieb, es sei „nur ein Englischseminar“, letzten Endes habe er ja auch bestanden. Und im Kurs habe er immer eine sehr gute Performanz gezeigt. Ich fragte sogar noch, ob es an mir gelegen habe. Ich kenne diverse Dozenten, die bei Versagen von Studis gern räsonieren, dass die Studis immer blöder würden – das mag ich nicht. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht selten Dozenten sind, die einfach nicht gut erklären, bei denen dann Studis scheitern. Der Fehler liegt in solchen Fällen nicht bei den Studenten, aber manche Dozenten schweben in derart anderen Sphären, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, es könne an ihnen liegen.

Bis dato habe ich keine Antwort erhalten. Dafür aber drei Mails anderer Seminarteilnehmer, die mich sehr erfreuten. Die drei jungen Männer schrieben, sie hätten sich in meinem Seminar sehr wohlgefühlt, es sei nie langweilig gewesen, und der Letzte, ein Erasmus-Student aus Frankreich, schrieb sogar, er habe sich immer auf den Montag und das Seminar gefreut. Und sollte ich mal wieder nach Frankreich reisen, möge ich mich doch, bitte, bei ihm melden – er würde sich sehr freuen, mich wiederzutreffen. Das hat mich sehr gefreut. 🙂

Ein bisschen graut mir vor der Mail des anderen Erasmus-Studenten – falls er eine schreibt. Der war sehr nett, aber auch immer etwas „problemorientiert“. Wie ich ihn kennengelernt habe, feilt er möglicherweise schon an einer Antwort, die ebenso problemorientiert ist. Noch schlimmer wäre, hätte meine Mail ein schlechtes Gewissen bei ihm ausgelöst, weil ich die Schuld bei mir suchte. Es ist nicht immer leicht als Dozentin, wenn man nicht 08/15 sein möchte … Man wird dann selber oft in die Problemorientierung hineingezogen, obwohl man eigentlich ganz anders tickt, und man macht sich dann Gedanken, wie andere Dinge wohl auffassen. (Andererseits ist das auch ein Vorteil, da man so offen für die Denkweise anderer Menschen ist. Es kann nur sehr anstrengend sein. 😉 )

Immerhin erreichte mich heute eine nette WhatsApp-Nachricht: Meine Ex-Kollegin Lydia, die ein paar Straßen von mir entfernt lebt, fragte an, ob ich morgen mit ihr nach Köln fahren wolle. Sie hätte Karten für ein Musical, das sie eigentlich mit ihrem Mann besuchen wollte – aber der läge flach und sei krank. Ich sei selbstverständlich eingeladen. Ich sagte direkt zu. Mit Lydia wollte ich ohnehin in absehbarer Zeit etwas unternehmen. 🙂

Eigentümerversammlung

Die Zeit ist wieder gekommen, und das Damoklesschwert schwebt einmal mehr über mir …

Ich bin beileibe keine Freundin regelmäßiger „wichtiger Versammlungen“. Sie sind für mich eher ein notwendiges Übel. Daher bin ich auch – abgesehen von meiner Mitgliedschaft in zwei verschiedenen Reitvereinen in meiner Jugend – kein Mitglied in irgendeinem Verein. Ich weiß nicht, seit wann das so und ob das wirklich erst seit meiner Tätigkeit in der Telekommunikationssoftware-Firma der Fall ist, in der ich vor diversen Jahren als technische Redakteurin, technical writer, arbeitete. Zwei Jahre, bis die Firma dann Insolvenz anmelden musste – was aber nicht an mir lag. An niemandem aus der Mitarbeiterriege. Mehr an der Geschäftsführung.

Dort war an jedem Freitagmorgen ein Meeting angesagt. Nicht etwa eine Besprechung. Nein. Ein Meeting, das im Meeting Room stattfand. Die Mitwirkenden zum Großteil Deutsche, dazwischen ein Engländer und zwei Italiener. Die Italiener sprachen beide fließend deutsch. Die Firma war niederländisch. Aber es wurde englisch gesprochen. Kein Problem für mich, da mein Metier, aber es wirkte alles so aufgesetzt. Die Meetings dauerten meist zwei Stunden, manchmal auch länger, denn es war zwar schon alles gesagt worden – nur noch nicht von jedem. Diejenigen, die sich gern reden hörten, blühten auf, aber die meisten von uns wollten einfach nur an ihren Arbeitsplatz, wo das wartete, wovon diese Firma lebte. Zumindest, solange sie lebte.

An einem solchen Freitag erklärte uns die Geschäftsleitung, die uns stets ganz tolle Zahlen vorgelegt hatte, dass mit sofortiger Wirkung die Gehälter aller Mitarbeiter um 5% gekürzt werden müssten – die Situation sei etwas schwierig derzeit. Fünf Prozent klingt harmlos, ist es aber nicht. Einige begehrten auf, wurden aber gleich vom ganz besonders charismatischen Geschäftsführer angeherrscht, wem das nicht passe, könne gleich in der Personalabteilung seine Papiere abholen. Nur einer von uns verließ wutschnaubend den Meeting Room, tätigte einen Anruf bei seinem vorherigen Arbeitgeber, der sich stets bemüht hatte, ihn zurückzubekommen, und hatte – schwupps – einen neuen Job. Wir anderen blieben – die meisten wohl aufgrund des Mangels alternativer, spontaner Möglichkeiten und der besonders düsteren Situation auf dem Arbeitsmarkt – lieber sitzen. Keiner sprach ein Wort. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Wie gut, dass wir erst vor kurzem einen Betriebsrat gegründet haben!“ An dessen Gründung war ich maßgeblich beteiligt gewesen. Aber letzten Endes nutzte auch das nicht, denn ein Jahr später war finito. Meine Kündigung und auch die meiner Kollegen ausgesprochen hat übrigens … der Betriebsrat. Die Geschäftsführung war wohl zu – sagen wir es, wie es ist – feige. Im ersten Schock fing ich laut zu lachen an und meinte: „Sagt mal, schämt ihr euch eigentlich nicht? Ihr kündigt uns – als Betriebsrat? Warum macht ihr das – wieso lasst ihr euch darauf ein? Wo bin ich hier gelandet? In topsy-turvy land, wo alles genau verkehrtherum ist und auf dem Kopf steht?“

Meine Betriebsratskollegen hatten wohl mit diesem eher rebellischen Verhalten nicht gerechnet – sie starrten einander betreten an und meinten dann: „Ali, ganz ruhig! Die Geschäftsführung wird noch mit euch sprechen – wir haben uns bereiterklärt …“ – „Ja! Ihr habt euch bereiterklärt, und das finde ich schändlich! Auf wessen Seite seid ihr denn? Ihr sollt eure Kollegen vertreten – nicht die Geschäftsleitung! Ich fasse es nicht!“ – „Ali, wirklich, wir machen das auch nicht gern …“ – „Ihr macht es aber! Ihr müsstet das nicht! Oder warum habt ihr euch bereiterklärt? Habt ihr dadurch Vorteile?“ – „Ali, so kennen wir dich gar nicht …“ – „Nee, war bis dato auch nicht nötig, und ich werde auch zum ersten Mal in meinem Leben gekündigt. Und das von Kollegen! Ich kann das wirklich nicht fassen!“ Und ich stand auf und wandte mich zum Gehen. „Warte, Ali – wir wollten dir noch vom Sozialplan erzählen …“ – „Lasst es gut sein! Sozialplan! Bei Insolvenz! Ich kann mir an zwei Fingern – ach, was sage ich! – an einem Finger ausrechnen, was mit dem tollen Sozialplan passieren wird! Nichts! Wird mangels Masse nicht zum Tragen kommen!“ – „Ja, aber …“ – „Es ist alles gesagt.“ – „Aber du musst doch noch wissen, was du jetzt machen musst – zur Agentur für Arbeit gehen, zum Beispiel …“ – „Das weiß ich selbst, und den Rest erfahre ich aus dem Internet und wahrscheinlich von meinen bereits gekündigten Kollegen. Denen vertraue ich eher. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist so. Schönen Tag noch!“ Und ich rauschte aus dem Raum und ging an meinen Arbeitsplatz, wo ich eine Zeitlang wie betäubt saß, bis ich in Tränen ausbrach.

Ich glaube, meine Abneigung gegen Versammlungen hat auch mit all dem zu tun. Da kommen Menschen zusammen, die ganz unterschiedliche Charaktere besitzen. Das ist per se nicht schlimm oder schlecht, aber manchmal braucht man starke Nerven, eine stundenlang andauernde Versammlung unbeschadet zu überstehen oder einigermaßen ruhig mitzumachen, ohne sich die Haare zu raufen, die Augen zu verdrehen oder sonstige Dinge dieser Art.

Ich bin eine Freundin zügigen Vorgehens, zumindest bei zu klärenden Dingen. Ich finde Wichtigtuer furchtbar, die alles besser wissen und – extra für die doofe Umwelt, die bekanntermaßen nie mitdenkt – mit erhobenem Zeigefinger erklären, als sprächen sie zu den ersten Menschen, die sich nur durch gutturale Laute miteinander verständigen.

Und so graut mir einmal mehr vor ihr – der Eigentümerversammlung. Der Versammlung, die jedes Jahr stattfindet, zu der sich die Eigentümer der Wohnungen dieses Komplexes aus Mehrfamilienhäusern in einer extrem spießigen Kneipe in der Nähe einfinden und dann über die Anschaffung neuen Streuguts für den Winter abstimmen. Über die Erneuerung der Balkongitter. Über die Wasch- und Wäscheaufhängungsordnung in Haus Nr. 37 – denn da herrscht ein viel strengeres Regiment als in meinem Haus, wo man waschen darf, wann man will – und auch aufhängen! Also: die Wäsche, nicht sich selber. 😉 (Würde ich in Haus Nr. 37 leben, würde ich ggf. auch Letzteres in Erwägung ziehen, denn in der 37 regiert Herr Lieven, der auch gern im Herbst bei den ersten fallenden Blättern jeden Samstag, wenn man länger schlafen kann – oder könnte -, um Punkt 8 Uhr diesen Scheiß-Laubbläser im Garagenhof anwirft und gefühlte Stunden Laub zusammenbläst, auf dass auch alle anderen Leute nicht schlafen können … Ich bin mir aber sehr sicher, dass Herr Lieven es auch streng verbieten würde, sich selber zu erhängen. 😉 ) Zum Glück lebe ich in der 39. Und hier ist schon alles sehr reglementiert. 😉

Es scheint in jedem dieser Häuser ein „Befehlshaber“ zu leben. Ein selbsternannter. Unserer ist eigentlich recht umgänglich. Die in den anderen Häusern scheinen viel rigider zu sein. 😉 Schließlich soll keiner echte Freude beim Wohnen empfinden. Denn Wohnen ist eine ernste Angelegenheit. Jawohl! Und so ist dann auch die Eigentümerversammlung. Möglichst kleinlich wird da vorgegangen, und im Grunde handelt es sich um eine Art Gerichtsverhandlung, denn ich habe schon miterlebt, dass Herr Lieven sich einen Nachbarn vorknöpfte und diesen vor versammelter Mannschaft der mangelnden Dankbarkeit für seine – Herrn Lievens – Sorgetätigkeit bezichtigte! Der Nachbar gab zurück, er sei Eigentümer wie Herr Lieven auch, und schließlich bekomme Herr Lieven für seine Dienste auch zusätzlich Geld aus der Hausgemeinschaft. Ob er noch einen roten Teppich wünsche oder sonst keine Freude im Leben habe? (Ich gestehe, da habe ich albern in mich hineingekichert, denn ich konnte nicht anders, und der bezichtigte Nachbar warf mir einen Blick zu, grinste und zwinkerte. Ich zwinkerte zurück, wenn auch sehr verstohlen.) Herr Lieven wurde zornrot im Gesicht und war nicht mehr in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu äußern. Ich kniff lieber meine Lippen zusammen und dachte an grässliche Flugzeugunglücke … Bloß nicht lachen. Zum Glück kam da einer der anderen „Hausvorsteher“, wie sich diese Leute wohl empfinden, der ein Problem mit der Vogelfütterung im Winter hatte. Und so ging es weiter, und nach vier Stunden schieden wir dann voneinander.

Zweimal habe ich das Ganze mitgemacht. Zweimal annähernd vier Stunden. Beim zweiten Mal dachte ich, dass dies das zweite und letzte Mal gewesen sein müsse – das halte ich nervlich nicht durch, denn ich tendiere zu peinlichen und spontanen Lachanfällen. Vor allem dann, wenn es um die Vogelfütterung im Winter geht. Oder Vergleichbares. Oder um geltungssüchtige selbsternannte Hausvorsteher. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. 😉

Und so werde ich auch dieses Mal wieder den selbsternannten „Hausvorsteher“ meiner Nr. 39 bevollmächtigen, mich zu vertreten, da ich – wie schon seit zwei Jahren – leider just am Tage der Eigentümerversammlung einen echt wichtigen und unaufschiebbaren Abendtermin habe. Ich werde erneut die vom Verwalter erstellte Sitzungsagenda durchgehen, neben jeden zu entscheidenden TOP ein Ja oder ein Nein schreiben, das Ganze Herrn Wolski in den Briefkasten werfen, zusammen mit der Vollmacht, und um Vertretung bitten, da ich leider total unabkömmlich sei. Es erleichtert das Leben. 😉

Und trotzdem habe ich immer ein etwas schlechtes Gewissen … 😉

„Fuchs, du hast die Gans gestohlen …“

„ … gib sie wieder her! Gib sie wieder her! Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewee-hee-heer! Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr!“

So ein Lied aus meiner Kinderzeit. Ich bin seit jeher eine Tierfreundin gewesen, liebe Tiere, seit ich denken kann. Aber: Merkwürdigerweise war ich nie frustriert, schockiert oder sonstiges über dieses Lied! Es muss etwas mit mir falsch sein.

Nicht einmal die zweite Strophe konnte mich aus den Angeln heben, obwohl da von „roter Tinte“ die Rede ist. Ich verstand unter diesem Euphemismus offenbar schon als Kind das, was gemeint war: Blut. Zumindest waren meine Eltern offenbar dazu in der Lage, mir kindgerecht mitzuteilen und zu erklären, dass „die rote Tinte“ keine echte Tinte, sondern Blut sei, das der Fuchs, würde er abgeschossen, wiewohl man ihn warnte, verströmen würde. Das war zwar keine schöne Vorstellung, aber ich akzeptierte es als „den Lauf der Dinge“. Mir tat das zwar weh, aber ich dachte auch an die Gans. Meine Eltern waren gar so grausam, mir Dokumentationen über wilde Tiere nicht vorzuenthalten, in denen Löwen, Leo- und sonstige -parden arme, großäugige Antilopen nicht nur jagten, sondern nicht selten auch rissen und dann verspeisten. Schön war das nicht, und oft saß ich mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher, aber da ich meist diejenige war, die Tiersendungen sehen wollte, meinten meine Eltern folgerichtig und pädagogisch wirklich wertvoll: „Ali – das ist Natur! Du magst doch Tiere, oder?“ – „Ja!“ – „Dann magst du doch auch Löwen, Leo- und sonstige -parden, nicht wahr?“ Klar! Vor allem Löwen, immerhin lautet mein Sternzeichen so! 😉 Aber auch die anderen Raubtiere mochte ich, auch wenn ich sie manchmal fast hasste, wenn sie mal wieder ein Zebra gerissen hatten. Nur: Meine Eltern haben mir beigebracht, dass das – auch, wenn es einem leidtue – der Lauf der Natur sei. Die Löwen, Leo- und Geparden, wie auch Hyänen und Schakale müssten ja auch leben dürfen. Oder?

Ich nickte immer tapfer und wischte mir die Tränen aus den Augen. Schön war das nicht, aber ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir das so erklärten. Ebenso, dass das Fleisch, das den Sonntagsbraten ausmache, von echten Tieren komme. Sie erklärten mir auch die „rote Tinte“, und das zum Glück völlig unverbrämt und natürlich. (Obwohl Mama da auch bisweilen ein bisschen schlucken musste – die Tierliebe habe ich wohl speziell von ihr geerbt. Zum Glück aber auch das, was man wohl Pragmatismus nennt. 😉 )

Mama meinte immer: „Ali, eines muss dir klar sein: Wer Fleisch isst, muss sich darüber bewusst sein, dass ein Tier dafür sterben muss. Und das darf man nie vergessen.“ (Als hätte ich das je gekonnt! Bei mir wird ohnehin nur wenig Essen weggeworfen, und wenn, dann sicherlich kein fleischhaltiges. Das erschiene mir wie Frevel.)

Es klingt ein bisschen so, als käme ich aus einer „grünen“ Familie. Stimmt aber nicht. Es gibt auch Menschen jenseits von Grün, die mitdenken und ein Gewissen haben. Es ist ja nicht alles schwarz und weiß – oder grün. 😉

Ich akzeptiere daher auch Veganer. (Vegetarier ohnehin – ich esse selber stark gemüsehaltig.) Was ich allerdings nicht mehr akzeptiere, sind Intoleranz und Irrsinn; Irrsinn, der der Meinung ist, dass er sich auch auf alle andersdenkenden Menschen ausbreiten müsse.

Heute las ich in einer Online-Zeitung, dass es in Limburg eine strenge Veganerin geschafft habe, eines der Lieder, die das Glockenspiel des Rathauses Tag für Tag absonderte, quasi auf den „Glockenspiel-Index“ setzen zu lassen. Sein frevlerischer Titel: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“! Denn das sei ja tierfeindlich!

Es ging der Dame wohl weniger um die geraubte Gans, sondern mehr darum, dass ein „Jäger“ den räuberischen Fuchs bei Zuwiderhandlung der Vorgaben „mit dem Schießgewehr“ kurzerhand abmurksen würde! Durch ein Glockenspiel fühlte sich die Dame wohl seit geraumer Zeit wirklich provoziert! Ein Glockenspiel, das nur Töne, aber keinerlei Text absondert!

Ich staunte: „Was es nicht alles gibt“, als auch schon ein besonders engagierter Vater kund und zu wissen gab, dass auch sein dreijähriger Sohn völlig verstört eine Nacht lang nicht schlafen konnte, als er, der Vater, demselben vorsang: „Seine große, lange Flinte schießt auf dich das Schrot, schießt auf dich das Schrot! Bis dann spritzt die rote Tinte, und dann bist du to-ho-hot! Bis dann spritzt die rote Tinte, und dann bist du tot!“ Der Vater meinte, das sei ja wirklich nicht kindgerecht.

Zum Glück meldete sich sofort ein anderer Kommentator, der meinte, es würde nicht wunder nehmen, wenn der Dreijährige auf derart splattermäßige Darstellungen verstört reagierte – was der Vater denn so für Filme sehe! Besser, so der Kommentator, wäre es doch in jedem Falle, würde der Text dieses alten Volksliedes auch korrekt wiedergegeben: „[…], dass dich färbt die rote Tinte, und dann bist du tot.“ Alles andere würde ja nun wirklich nach Splatterfilm klingen, und in dem Falle könne er den Dreijährigen fast verstehen, wenn er sich auch wunderte, dass man einem Kind nicht beibringen könne, was damit gemeint sei. Er selber, so der Kommentator, habe diverse Tiere in seinem Heim, und er lehne die Jagd ab – aber man möge doch nichts übertreiben.

So dachte auch ich, und auch ich hinterließ einen ähnlichen Kommentar. Die Folge war, dass der meines Erachtens recht rational agierende andere Kommentator wie auch ich mit einem bösen Shitstorm überzogen wurden. Man könne tierlieben Kindern, die Tiere als „Kumpel“ auffassten, doch keine derart schauderhafte Darstellung zuteil werden lassen!

Aber wirklich nicht! 😉 Tiere lieben einander doch – genauso wie Menschen. Lämmchen liegen neben Löwen, und beide beschmusen einander! Warum muss man Kindern denn einreden, wir seien nicht alle gleich?

Ja, nun wirklich – warum denn nur? 😉 Und wieso überhaupt sollte eine absolute Minderheit  nicht Recht bekommen? (Zumindest muss nun das Glockenspiel ohne das meines Erachtens vergleichsweise harmlose Volkslied auskommen – weil eine einzelne Person es so wollte und obwohl das Glockenspiel keinerlei Text enthielt!)

Wir leben in einer Zeit des Irrsinns, einer Zeit lange undiagnostizierter Narzissten, die sich darin gefallen, anderen ihren Willen aufzuzwacken. Das wird immer klarer.

Und nein – ich wurde durch „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ nicht traumatisiert. Das Lied war eher eine Lehre. Traumatisiert werde ich seit Neuestem Tag für Tag durch bis dato unglaublich scheinende Aktionen wie die Einstellung eines harmlosen Glockenspiels, weil mal wieder jemand sich berufen fühlt, dem Rest der Welt seine krude Weltanschauung aufzwingen zu müssen, auf dass wir alle gute Menschen werden.

Herzlichen Dank auch – aber ich denke und fühle gerne selber. 🙂 Und ja: Das kann ich, auch wenn manch Mitmensch für sich selber aufgrund einer selbsterwählten Ideologie postuliert, das besser zu können als ich.

Mein Fazit: Es wird immer bekloppter, und ich muss mir den Film „Idiocracy“ mal wieder ansehen … Als Warnung.

Bewerbungsgespräche und der Horror danach, Chelsea Boots und Einkommensteuerbescheide

Ich gebe ja selber zu, dass ich bisweilen eine große Klappe habe. Aber im Grunde genommen bin ich ein ganz normaler, sogar – wie einige Leute, nicht ich, sagen – gutmütiger Mensch. (Wie gesagt, das sagen andere Leute, die etwas genauer hinsehen. 😉 ) Daher hängt auch an meiner Arbeitsplatz-Pinnwand ein Bild mit einem lachenden Minion, und daneben steht: „Ich habe ein Herzklappenproblem. Klappe ist zu groß – Herz ist zu weich.“ Früher hatte ich fast ausschließlich ein zu weiches Herz. Da man damit nicht selten ausgenutzt wird, habe ich nun sicherheitshalber auch noch eine große Klappe. (War mir zwar wohl immer schon innewohnend, aber es bedurfte eines gewissen Trainings, die verschütteten „Talente“ wieder hervorzulocken, nachdem u. a. meine Grundschul-Klassenlehrerin, Frau Buchmüller, aber auch manch andere Menschen mir das Ganze mit ihrer unbeschreiblichen „Pädagogik“ ausgetrieben hatten … Fazit: Immer aufs Bauchgefühl hören und sich selber treu bleiben! 😉 ) Wie auch immer: Eine große Klappe schreckt „Fressfeinde“ ab. Pure Mimikry. 😉 (Und trotzdem werde ich nicht selten noch immer ausgenutzt, wie ich fürchte …)

Dass ich im Grunde gewiss nicht total tough bin, sieht man an meinem Verhältnis zu Bewerbungsgesprächen, vor denen ich meist sage: „Lieber noch einmal mein Uni-Examen, wenn ich nur dieses Gespräch nicht durchstehen müsste!“ Der Unterschied besteht darin, dass man beim Examen „nur“ pures Wissen preisgeben, aber nicht noch auf psychologische Winkelzüge, Stressfragen oder sonstige reizende Dinge achten muss. Gut, was Stressfragen anbelangt, gibt es auch beim Examen den einen oder anderen Prüfer, der sich daran ergötzt, möglichst miese Fragen und dem Prüfling ein Bein stellen zu wollen. 😉 Aber wenn man sein Fach versteht und nicht auf den Kopf gefallen ist, ist das alles kein Problem.

Fahre ich zu einem Bewerbungsgespräch, habe ich das Gefühl, zum Schafott geführt zu werden. Ich bin nervös wie tausend Mann! Und das, obwohl ich bestmöglich vorbereitet bin – das ist Schmach in Reinkultur. Letzten Mittwoch wollte ich im Zug noch einmal all das, was ich verinnerlicht hatte, Revue passieren lassen. But my mind went blank! Da war nur das große, schwarze Nichts. Zu nervös. Am liebsten wäre ich umgekehrt. Aber das wäre ja extrem blöd gewesen.

Und so fuhr ich weiter, kam an und wurde alsbald der ersten Prüfung unterzogen: Ich sollte einen etwa halbseitigen Text innerhalb von 25 Minuten vom Deutschen ins Englische übersetzen. Natürlich ohne Hilfsmittel, wie sie im normalen Arbeitsalltag gang und gäbe sind. Aber doch kein Problem! Und schon legte ich los … Es lief auch alles gut. Die echten Fußangeln erkannte ich erst im Verlauf des Texts, und ich habe drei Begriffe nicht ganz so präzise übersetzt. Aber in jenem Moment dachte ich nur: „Eine Lücke zu lassen, ist viel schlimmer. Schreib das hin, was den gesuchten Begriff am besten trifft, damit ein jeder sehe, dass du weißt, worum es hier geht und wie der Hase läuft!“ (Meine Pein war nur, dass ich alle Begriffe, die mit der Branche zu tun haben, die Tage davor hochnotpeinlich gepaukt hatte – und im Moment allergrößten Drucks fielen sie mir nicht ein … Das hat mich sehr geärgert, auch wenn ich eine recht zügig durchgeführte, dennoch nicht schlechte Übersetzung ablieferte.)

Danach dann eine Dreiviertelstunde Gespräch. Aber „Gespräch“ klingt so harmlos. Auf Herz und Nieren wurde ich geprüft, von Fangfragen verfolgt – ich wette, einige habe ich nicht erkannt. Anfangs war ich extrem nervös, dann aber plauderte ich drauflos, überschwänglich, aber nicht ohne Sinn und Verstand, wusste Zahlen, Daten und Fakten, brachte lebhaft Beispiele – und switchte dann nahtlos von Deutsch auf Englisch um, als dies verlangt wurde, während mir der kalte Schweiß im aus dem „Alles muss raus!“-Ausverkauf bei Flinn und Kleckers erworbenen Outfit stand. Vier Personen saßen da in der Kommission – drei Frauen, ein Mann. Ich glaube, der Mann mochte mich nicht. Er stellte die blödesten Fragen – wahrscheinlich war er zum „bad cop“ im „Good-cop-bad-cop“-Spiel ernannt worden.

Ich hielt mich an das, was ich von Personalern gehört hatte: aufgeschlossen sein, jeden begrüßen, die Hand erst reichen, wenn sie von der anderen Seite angeboten wird, danke für die Möglichkeit, eingeladen zu sein, sagen, dann schön gerade am Tisch sitzen, die Hände möglichst leger und nicht verknotet auf dem Tisch, nicht im Gesicht herumwurschteln, brav das angebotene Getränk annehmen – und auch austrinken! Immer schön offen – und lächeln. Immer lächeln, auch wenn man Fracksausen hat, Rauschen in den Ohren; im Gespräch jeden anblicken, aber nicht wie auf dem Tennisplatz. Die meisten Dinge muss man mir gar nicht explizit erläutern – das kann ich auch so, aber es ist immer ganz gut, daran erinnert zu werden. Speziell dann, wenn man sehr nervös ist.

45 Minuten saß ich da, parlierte möglichst sinnstiftend fließend deutsch und englisch, und das mit kaltem Schweiß im Dessous. Danach ward ich entlassen, bedankte mich noch einmal, auch dafür, dass so eine angenehme Atmosphäre geherrscht habe – nettes Nicken zu den drei Damen, einen Tick noch netteres Nicken zum „bad cop“.

Wie auch immer das ausgeht: Ich glaube, ich habe das gar nicht so schlecht gemacht. 😉

Aber man fühlt sich – zumindest ich tue das – doch immer ein wenig unsicher danach. Ich tendiere dazu, zu Hause noch einmal die Punkte, die im Gespräch schwächer erschienen, durchzugehen und dann gegebenenfalls kurz vor einer Ohnmacht zu stehen: „Waaas? O Gott! Das hättest du doch viel besser machen können!“

Tut das nie! Finger weg von Informationsmaterial oder Aufzeichnungen nach einem Vorstellungsgespräch (wahlweise Examen oder sonstiger Prüfung) – das macht einen nur verrückt. Es ist sehr schwer, aber möglich, das Ganze unter dem Motto „tempi passati“ einfach links liegenzulassen. Ändern könnt ihr eh nichts mehr. Entweder liegt das Kind im Brunnen, oder es tanzt – das Victory-Symbol zeigend – auf dem Brunnenrand herum, hüpft alsbald herunter und fragt: „Wann kann ich anfangen?“ 😉

Ich weiß nur eines: Ich habe mich gar nicht so schlecht geschlagen, finde ich. Und wenn ich das schon finde, muss wohl etwas dran sein.

Dennoch ertappte ich mich heute dabei, wie ich im Internet nach Schuhen suchte. Offenbar eine Kompensationssache. Auf der anderen Seite brauche ich dringend Übergangsschuhe, die auch für den Winter geeignet sind. Derzeit habe ich nur zwei Paare – so geht das nicht! 😉 Ergo eine ganz rationale und vernünftige Suche. 😉

Und mein Herz lechzt seit Jahren nach einer Schuhart: Chelsea Boots! Erstmalig hatte ich solche in der Mittel- und Oberstufe meiner Schulzeit besessen – von „Kickers“. Ich glaube, das Modell heißt „Knox“. Die waren irgendwann aufgekommen. Am besten die in Dunkelblau und Wildleder! Waren aber alsbald ausverkauft, und Wildleder ist auch so heikel zu pflegen. Dann also dunkelblaues Glattleder! Hauptsache, blau!

Leider war die Auflage in dunkelblauem Glattleder entweder zu gering oder zu beliebt – ich bekam keine. Bordeauxrot bekam man auch nur mit viel Glück noch, und so landete ich bei Beige. In der Glattleder-Variante. Ich war zwar von Beige noch nie so begeistert, aber es mussten diese Schuhe sein, die überall ausverkauft waren – und wenn es sie nur in Beige gab, dann eben so. Außerdem passte Beige besser zu anderen Farben, als Blau und Rot dies taten. (Man kann sich vieles einreden.)

Wie habe ich an diesen Schuhen gehangen! Ich hasste Schuheputzen, aber an diesen Schuhen lag mir wirklich sehr viel. 😉

Irgendwann waren sie dann nicht mehr en vogue, aber ich nahm sie mit nach Aachen, wo ich studierte, und ab und an trug ich sie auch noch. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal beim Arzt im Wartezimmer saß und eine Arzthelferin angelaufen kam und mich eifrig-kurzatmig-großäugig fragte: „Woher haben Sie diese Schuhe, Frau B.? Ich suche die seit geraumer Zeit! Ich hatte vor ein paar Jahren solche und habe sie leider weggetan – wo gibt es die zu kaufen?“ – „Die habe ich lange nicht gesehen.“ – „Ja, aber – Sie haben doch welche!“ – „Die hier? Die besitze ich seit ganz vielen Jahren und konnte mich nicht davon trennen.“ – „Aber die sehen wie neu aus – bitte sagen Sie mir doch, woher Sie die haben!“ – „Es tut mir leid, aber es ist so, wie ich es sagte. Ich besitze diese Schuhe seit Jahren. Ich liebe diese Schuhe, und daher sind sie so gut erhalten. Und es ist ja auch gute Qualität.“ Die Arzthelferin sank in sich zusammen. Dann straffte sie ihren Oberkörper und meinte: „Wenn Sie sie nicht mehr mögen sollten: Bitte denken Sie an mich! Ich würde dafür auch zahlen!“ – „Haben Sie Schuhgröße 38?“ – „Nein, 40, aber egal!“ – „Sehen Sie, dann kommen meine Schuhe nicht in Frage. Ich werde sie auch tragen, bis sie auseinanderfallen. Die sind derzeit nicht en vogue, und ich möchte meine gern behalten. Sie leben auf größerem Fuß als ich – sie würden Ihnen eh nicht passen.“ Die Arzthelferin meinte: „Ja, Sie haben ja Recht – aber ich hätte so gern wieder solche Schuhe!“

Ich musste meine auch irgendwann wegtun. Sie fielen wirklich fast auseinander. Das durften sie aber auch, denn es waren wohl die Schuhe, die ich am längsten getragen hatte, die überall dabei waren. Ich muss jedoch gestehen, dass es mir sehr wehtat, sie wegzuwerfen, auch wenn sie zu nichts anderem mehr taugten.

Vergessen habe ich diese Schuhart jedoch nie, und so habe ich mir heute ein Paar „Chelsea Booties“ gekauft, die dem „Kickers“-Modell sehr ähnlich sehen. Nur nicht in Beige, sondern in Schwarz. Passt zu allem, nur nicht Dunkelblau. 😉 Ich bin mir sicher, es war eine Kompensationsaktion. 😉

Immerhin konnte bzw. kann ich mir das leisten. Denn am Wochenende ist mein Einkommensteuerbescheid in den Briefkasten gesegelt. 😉

Ich hatte mich schon gewundert, warum das diesmal so lange dauere, hatte das aber als gutes Zeichen gewertet. Denn gemeinhin ergeht sehr schnell ein Bescheid, wenn es etwas nachzuzahlen gibt. Da es diesmal so lange dauerte, dachte ich .., ach, lassen wir das. 😉

Aber in der Tat: Ich bekomme etwas vom Finanzamt, meiner allerliebsten Lieblingsbehörde, zurück! 😉 Allzu leicht dürfte es ihnen nicht gefallen sein, denn im Beiblatt wurde ich erst einmal zünftig zusammengeschissen, dass ich die Steuervorauszahlungen im Zuge von Nebentätigkeit unverschämter Weise als „Belastungen“ angegeben hatte! Frechheit von mir – als wäre das eine Belastung! Als gute Bürgerin müsste es mir doch ein Bedürfnis und eine Freude sein, Schulen, Kindergärten und Kitas, wie im Vorschreiben gelistet, für das vorgeblich das Finanzministerium bzw. der Finanzminister meines Bundeslandes verantwortlich zeichnet, zu unterstützen! Ebenso die sonstige Infrastruktur – wie zum Beispiel Straßen! Von sonstigen Gründen keine Spur … Und das Schreiben allein ist schon … fragwürdig. Da wird mir, die ich seit Jahrzehnten brav Steuern zahle, wie einer Dreijährigen erklärt, wofür all das gut sei … Ach, wie gut, dass mir das mal jemand erklärt! Merkwürdig, dass solch ein Vorblatt in den Jahren zuvor nie als nötig empfunden wurde und ich nun auf einmal ausschließlich Kindergärten, Kitas, Schulen und Straßen unterstütze! Und natürlich nur solche Projekte. (Die ich übrigens voller Überzeugung unterstütze!) 😉 Ein bisschen ist mir danach, dem Finanzminister mal einen Brief zu schreiben und nachzufragen, ob dieser Brief ernst gemeint sei …

Aber immerhin bekomme ich etwas zurück und kann mir nun Chelsea Boots leisten – wenn das nichts ist! 😉

Mein Urlaub ist auch schon gebucht, wenn auch nicht von meinen „Rückkünften“. Nach Schottland wird es gehen, und das bereits im Mai. 🙂

Wenn es dort kühler als hier sein sollte, sind meine Chelsea Boots auch dabei. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

Ja, is denn heit scho‘ Weihnachdn? Alis Gerry-Weber-Kostüm …

Bis dato lief ich eigentlich nur mit präsentablen Plastik-, Papier- oder nobleren Tragebehältern von Gerry Weber herum, da meine Mutter seit geraumer Zeit offenbar Fan dieses westfälischen Modeunternehmens ist.

Nun hat man nicht unbedingt Mode im Sinn, wenn es um Westfalen geht, aber es gibt auch durchaus pfiffige Sachen dieser Marke, mit der ich meist mehr Konservatives verbinde, die mir heute das Leben gerettet hat. Zumindest optisch. Und das, obwohl ich keineswegs eines der pfiffigen Produkte trug, sondern ein nobles Kostüm. Eher traditionell-konservativ, da ich nicht wusste, wie mein Gegenüber aussehen würde. Denn ich hatte … ein Bewerbungsgespräch.

Seit einigen Wochen kreisten meine Gedanken um dieses Gespräch. Ich bereitete mich vor, und die Vorbereitung gemahnte bisweilen an Selbstkasteiung. Oder an das Verhalten, das – zumindest zu meiner Schulzeit – Fünftklässler an den Tag legen. Im Sinne von: „Huch, ich habe ja noch gar nicht meine Vokabeln und die Grammatik gepaukt!“ Ist heute auch alles anders. In mancher Hinsicht gut, in anderer wiederum nicht ganz so. 😉 Aber davon will ich hier gar nicht berichten.

Auch meine Garderobe hatte ich genau inspiziert und getestet. Eigentlich war alles okay. Und Marine- oder ein eher gen Preußischblau tendierender Farbton ist immer gut, wenn man sich in eher grundständigen Bereichen bewirbt.

Das einzige Problem: Was für eine Hose sollte ich anziehen? Mein Lieblingsblazer ist im Grunde eine Kostümjacke. Die Jacke sitzt super, allein der Rock ist inzwischen eine Nummer zu klein. (Ich beabsichtige, diesen Rock alsbald wieder tragen zu können. Daher habe ich die Kalorienzufuhr seit vorgestern stark eingeschränkt, was jedoch auch mit der Nervosität wegen meines Bewerbungsgesprächs verbunden sein könnte. Aber ich habe den Fehler erkannt und werde nun – das ist so meine Art – dagegen angehen. Haben auch alle Bestes-Bewerbungsgespräch-ever-Videos, die ich mir in den vergangenen Tagen und Wochen ansah, hervorgehoben: Schwächen dürfen sein, aber es müssen Selbsterkenntnis und ein Fortschritt zu erkennen sein. Ein Lernprozess, der den ehemals falsch Handelnden dann aufs richtige Gleis schubse. 😉 )

Mein Problem nur: In der kurzen Zeit würde ich wohl kaum einschlägige Erfolge erzielen können, und mein vorhandenes Outfit gefiel mir nicht. Zumindest nicht das, was man in früheren Zeiten als „Beinkleid“ bezeichnete.

Man mag es nun als Glück im Unglück bezeichnen, aber ich habe mein heutiges Outfit in einer Art Mausoleum gekauft, denn ein namhaftes Textilhaus schließt seine Pforten für immer in dieser Stadt. Der „Herrenbereich“ hat schon vor geraumer Zeit geschlossen. Nun auch der Damenbereich, denn es waren seit jeher zwei unterschiedliche Häuser, die einander gegenüber lagen und stets unter demselben Namen firmierten.

Man mag mir nun auch Kurzsichtigkeit unterstellen, aber ich war ja schon seit Tagen nicht ganz überzeugt von meinem Outfit. Sicherlich – ich hätte eher etwas ändern können, aber bei mir dauern manche Dinge. Und letzten Endes ist doch alles gutgegangen. Wie immer bei mir. Zumindest im organisatorischen Part. 😉

Denn gestern machte ich mich hektisch auf, bei oben genanntem Unternehmen zumindest eine passende Hose zum farblich nicht ganz unheiklen Blazer – respektive: der Kostümjacke – zu ergattern. (Blau ist nicht gleich blau. Es sollte ja schon passen, und mein Lieblingsblazer, einst Kostümjacke, verfügt über ein kaum zu beschreibendes dunkles Blau. 😉 )

Es gab wahlweise 50 oder 30 Prozent Rabatt. (Mir war schon vor Betreten des Hauses klar, dass die von mir bevorzugten Dinge nicht in den 50%-Rabattbereich fallen würden … Nicht etwa, weil ich so ein Snob sei – nein! Weil ich weiß, dass meist nur die Dinge derart ausgepreist sind, die sich nicht unbedingt für ein Vorstellungsgespräch eignen. 😉 )

Endlich angekommen, rannte ich mit meiner Kostümjacke oder meinem Blazer von Hü nach Hott und von Pontius zu Pilatus. Da gab es (zufälligerweise auch vom Hersteller, – Verzeihung! – Couturier meines Blazers, vulgo: Kostümjacke) ganz ähnliche Hosen! Begeistert stürmte ich auf diese zu! Es stellte sich heraus, sie passten farblich annähernd perfekt, waren aber alle in mir nicht konvenablen Größen. Die meisten einfach zu groß. Ähnlich verhielt es sich mit den vorhandenen Röcken.

Großer Mist! Aber nur nicht aufgeben – ich würde schon noch an das passende „Unterkleid“ geraten! 😉 Je mehr ich suchte, desto frustrierter war ich. Nicht nur, weil ich nichts fand, das zu meinem Blazer, wie auch immer man diesen nennen mag, passte, sondern auch, weil mir immer mehr bewusst wurde, dass dieses alteingesessene Geschäft bald schließen werde. Allzu geplündert sah es dort schon aus. Das Geschäft, das ich – unter wechselnder Führung und Namen – kenne, seit ich bewusst Dinge wahrnehme!

Irgendwann – im Geschäft herrschte eine Art Weltuntergangsstimmung, und das nicht zu Unrecht – beschloss ich: „Nicht kleckern! Klotzen!“ Da stand ich gerade im Gerry-Weber-Areal. Und da gab es einen Blazer, den ich sicherlich niemals zu meinem Lieblingsstück erwählen werde, aber: Er war und ist total souverän, ihn haut nichts um, denn: Er ist schwarz. (Als ich ihn prüfend in die Hand nahm, erscholl wie von Geisterhand gesteuert der Satz: „Schwarz steht dir nicht!“ in meinem Ohr – wahrscheinlich in meinem geistigen solchen. Denn diesen Satz habe ich verinnerlicht wie keinen anderen zuvor oder danach, der je von meiner Mutter geäußert wurde … 😉 ) Und somit blickte ich zweifelnd auf den Blazer. Dann aber bahnten sich Gedanken den Weg durch meinen Kopf, die mit: „Schwarz ist die Farbe, mit der man nie etwas falsch machen kann“ begannen und mit: „Kann man auch gut zu Beerdigungen tragen!“ endeten. (Ich gebe zu, dass ich da erschrocken bin.)

Schwarzer Blazer, schwarzer Rock – ich hasse Röcke für gewöhnlich, da ich meine Beine hässlich finde, aber es pressierte, und da durften Beine nicht interessieren -, alles gefunden. Was aber war mit dem Oberteil? Ich rief um Hilfe, als die von mir ausgesuchte Bluse nur eines tat: doof aussehen, und schon eilte eine Verkäuferin herbei. Ich riss mich zusammen, wagte mich in Rock und Blazer aus der Kabine und fragte: „Geht zumindest das Kostüm, oder sehe ich aus wie jemand, den man gleich mit Schimpf und Schande aus dem Dorf jagt?“

Die Verkäuferin lachte sich scheckig und meinte: „Nein, im Gegenteil.“ – „Es fehlt nur noch ein passendes Oberteil. Könnten Sie hier weiterhelfen? Die Bluse hier sah auf dem Bügel gut aus. Aber an mir … nun ja, lassen wir das.“ Die Verkäuferin lachte wieder und meinte: „Ist Ihnen wohl eine Nummer zu groß. Warten Sie, ich hole Ihnen etwas.“ Und schon verschwand sie in den geplünderten und aufgrunddessen unübersichtlichen Tiefen dieser Etage des mehrgeschossigen Geschäfts.

Alsbald kehrte sie mit fünf Oberteilen über dem Arm zurück. Drei davon sahen bereits auf dem Bügel so aus, dass ich am liebsten ein Spendenkonto ins Leben gerufen hätte, um ihnen ein bisschen zum Glück zu verhelfen, und so meinte ich: „Hatte ich erwähnt, dass ich das Ganze für ein Bewerbungsgespräch brauche?“ – „Aber ja – die sind hier alle toll dafür!“ Ich nahm zwei und verzog mich in die relative Abgeschiedenheit der Anprobekabine, vor der die Verkäuferin mit den ausgemusterten Oberteilen lauerte. Immerhin – vielleicht brauchte ich doch eines davon?

Nummer 1 war völlig indiskutabel. Hing an mir wie ein Sack Kartoffeln ohne Kartoffeln, hatte Ärmel, die ich bei jeglichem Tragen sicherlich verflucht hätte. Danke, aber nein, danke. Nummer 2, das ich auch schon argwöhnisch betrachtet hatte, war es dann. Nicht zu streng, sondern weich fallend, und – der größte Vorteil! – es musste nicht gebügelt werden. Ich hasse Bügeln! Hatte ich das schon einmal erwähnt? 😉

Ich nahm sowohl Kostüm als auch Oberteil. Im unteren Geschoss erwarb ich dann noch – zur Sicherheit – zwei Highclass-Strumpfhosen für insgesamt 24,- €. Die dortige Verkäuferin pries sie mir mit den Worten an: „Wenn Sie die tragen, denkt jeder, Sie hätten gar keine Strumpfhose an!“ Ich stutzte. Heißt es nicht immer in puncto Bewerbungsgespräch, dass frau auch im heißesten Sommer in Verbindung mit einem Rock immer eine Strumpfhose tragen solle? Keineswegs mit nackten oder nackt aussehenden Beinen auftreten solle? Nun ja – ich kaufte die Strumpfhosen dennoch, denn bei den derzeit herrschenden Temperaturen würde kein Personaler ernsthaft glauben, ich ginge ohne Strumpfhose aus dem Haus. Wenn doch, würde dies Rückschlüsse auf das Unternehmen zulassen, das sich einen derartigen Personalchef leistet … 😉

Ich bezahlte für den ganzen Segen 160 Euro. Normalerweise hätte mein Herz geblutet, aber mal im Ernst: Wo bekommt man ein Gerry-Weber-Kostüm und weitere Teile für den Preis? Ein absolutes Schnäppchen hatte ich getätigt!

Aber das Schnäppchen hatte auch seine Schattenseiten, und so konnte ich mich gar nicht so recht darüber freuen: Wie schon erwähnt, schließt dieses alteingesessene Geschäft bald seine Pforten für immer. Die Verkäuferin im oberen Stock, die mein Kostüm so liebevoll wieder auf die Kleiderbügel verfügt hatte, die ich auf den Schließungsumstand ansprach, reagierte mit Tränen in den Augen und dem Hinweis, dass sie nun seit vierzig Jahren in diesem Unternehmen beschäftigt gewesen sei. Dann drückte sie mir die Bügel mit Kostüm und Oberteil in die Hand, sagte: „Entschuldigen Sie, bitte“ und verschwand in der Anprobekabine. Ich hörte sie leise schluchzen und war bestürzt: Hätte ich doch meinen Mund gehalten! Obwohl ich auf ihrer Seite war, hatte ich sie zum Weinen gebracht! Etwas schüchtern fragte ich durch den Vorhang: „Kann ich Ihnen helfen?“ – „Nein, danke, das ist sehr nett, aber mir kann keiner helfen.“ – „Es tut mir leid – ich wollte Sie nicht traurig machen. Ich hätte das gar nicht ansprechen dürfen. Ich habe es aber nicht aus böser Absicht gemacht – ich bin auf Ihrer Seite!“ – „Danke, das weiß ich. Entschuldigen Sie, bitte. Ich weiß, dass Sie es nicht böse meinten, aber mich macht das wirklich fertig. Das hat nichts mit Ihnen zu tun, und ich weiß, Sie meinten das nett. Entschuldigen Sie, bitte.“ – „Es gibt nichts, das ich entschuldigen müsste. Ich verstehe Sie, und ich wünsche Ihnen alles Gute.“ – „Danke schön,“, kam es schniefend aus der Kabine. Ich ging lieber schnell weg und fuhr per Rolltreppe ins Erdgeschoss.

Die Kassiererin war handfester und fing selber mit dem Thema an: „Na, haben Sie noch ein schönes Schnäppchen machen können?“ – „Ja, aber nicht mit der größten Freude daran. Es freut einen nicht unbedingt, wenn das Schnäppchen aus einer ‚Alles muss raus‘-Aktion stammt, selbst wenn es da Rabatt gibt. Das schmälert die Freude doch gleich.“ Die Kassiererin meinte, auch sie könne sich die Stadt kaum ohne ihren Arbeitgeber vorstellen. Das Schlimmste aber, so verriet sie mir, sei, dass man allen Verkäuferinnen zugesagt hätte, sie würden auf andere Filialen verteilt. Und nun habe man ihnen gesagt, das werde nicht passieren, und sie würden alle arbeitslos werden. Sie, so die Kassiererin, könne dann demnächst mit diversen Kolleginnen, die schon älter seien, auf der Hochstraße spazieren gehen, denn eine Stelle bekämen sie alle wohl nicht mehr.

Ich starrte sie entgeistert an: „Wie bitte? Sie werden nicht übernommen, obwohl man Ihnen das zugesagt hat? Das ist eine Schweinerei sondergleichen!“ Ich rief es laut und empört, und eine Frau, die gerade nach Strümpfen suchte, blickte mich erstaunt an. Die Kassiererin lachte einigermaßen fröhlich und meinte: „Wissen Sie, was mich freut? Dass es Kunden wie Sie gibt, die laut und deutlich sagen, was das Ganze ist. Es sind leider nur wenige, die das tun, aber wenn dann jemand kommt, der es macht, freue ich mich, denn dann sehe ich, dass es doch noch einige Menschen auf der Welt gibt, die eine Schweinerei erkennen. Es gibt zu viele, die dann auch noch beschönigende Worte finden.“ – „Ich nicht – ich war auch schon einmal arbeitslos, weil mein damaliger Arbeitgeber aufgrund allzu großen Mutes, den andere auch Leichtsinn nennen, Insolvenz anmelden musste. Von mir kommen keine Beschönigungen, weil ich weiß, wie das ist. Und jetzt habe ich auch ein ganz schlechtes Gewissen, wenn ich dieses Kostüm hier kaufe. Es kommt mir vor wie Leichenfledderei – aber verstehen Sie das, bitte, nicht falsch!“ Die Kassiererin lachte und meinte: „Ich verstehe Sie nicht falsch, keine Sorge. Kaufen Sie das Kostüm – so günstig wird es nie wieder.“ – „Das macht mir ja Probleme. Ich bin wohl zu idealistisch. Aber ich brauche es auch ganz dringend, weil ich ein Vorstellungsgespr…“

Das Wort erstarb mir im Mund. Da erzähle ich einer Frau, die demnächst arbeitslos ist und vielleicht bleiben wird, etwas von einem Vorstellungsgespräch! Aber die Kassiererin lachte erneut und meinte: „Keine Sorge, ich komme klar – sprechen Sie das Wort ruhig aus. Das Leben geht weiter – sicher auch für mich. Irgendwie. Und wissen Sie, was? Ich drücke Ihnen ganz, ganz fest die Daumen für Ihr Gespräch – das kommt von Herzen! Und Sie kaufen das Kostüm – es wird Ihnen sicherlich Glück bringen!“ Ich sah das Kostüm an, dachte einmal mehr, hmmm, zumindest bin ich künftig für Beerdigungen gerüstet, erschrak über meine Gedanken, nahm sie zurück, und dann lachte ich und sagte: „Wenn Sie mir so nett Glück wünschen, kann nur alles gut werden! Und das Gleiche wünsche ich Ihnen.“ Und ich zahlte und entschwand mit einer großen Tüte, auf der stand: „Mir kommt nur Schönes in die Tüte“. Ganz ehrlich? Wäre ich Verkäuferin bei Flinn und Kleckers, würde ich platzen, müsste ich im Angesicht meines Schicksals dort dauernd Waren in Tüten mit dieser Aufschrift packen …

Wie mein Gespräch verlaufen ist? Hmmm … Vielleicht morgen. 😉

Jedenfalls habe ich nun ein Gerry-Weber-Kostüm. In schwarz. Passend zur Leichenfledderei …

Mein Fazit: Freie Wirtschaft ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei.