Wer schön sein will, muss leiden …

Schön bin ich ganz gewiss nicht, aber ich glaube, so ganz unansehnlich bin ich auch nicht. Vor allem seit dem Zeitpunkt, da ich von Brille wieder auf Kontaktlinsen umgestiegen bin. Ein sehr, sehr langer, steiniger Weg …

Ich war neun Jahre alt, als nahe Verwandte feststellten, dass ich, zeichnete ich etwas, immer fast mit der Nase am Zeichenpapier klebte, den Kopf stets über den Tisch geneigt, als drohte ich, einzunicken. Doch weit gefehlt – ich war wach! Ich musste nur so nahe an die Auflagefläche für das Zeichenpapier gehen, weil ich – ja, ich gebe es zu – offenbar blind wie ein Maulwurf war.

Zumindest auf dem linken Auge, wie ein Bamberger Augenarzt feststellte und mich tröstete, die ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, nachdem Stephanie mich am Abend zuvor einem „Sehtest“ unterzogen hatte. Sie hatte – mit Bleistift und in normaler, dünner Schrift – Buchstaben und Zahlen auf ein Blatt Papier geschrieben, dies innen an Oma Margaretas Wohnungstür geklebt und mich – der Flur war sehr lang – bis ans andere Ende des Flurs geführt und mich von dort aus geheißen, die schon für Normalsichtige auf knapp einem Viertel der Strecke kaum erkennbaren Lettern zu entziffern. Ich scheiterte. Natürlich. Immer wieder. Und irgendwann rief Stephanie, vier Jahre älter als ich: „Aber Alilein! Das kannst du nicht lesen! Dann bist du ja blind!“

Die Folge war, dass „Alilein“ zu heulen begann und meine Mutter Stephanie zur Seite nahm und sie gehörig zusammenstauchte: „Bist du bescheuert? Da, sieh nur: Jetzt weint sie! Das hast du doch mit Absicht gemacht! Es ist Scheiße, sich über die Gebrechen anderer lustig zu machen! Und wie soll man deine albernen Bleistiftstriche überhaupt lesen? Da muss auch ich mit der Nase drangehen. Nee, Stephanie – das ist nicht nett!“

Ich hörte nur: „Gebrechen“, und ich weinte noch mehr. „Gebrechen“ hatten nur alte Leute, und ich war neun!

Am nächsten Tag saßen wir im Wartezimmer eines sehr netten Augenarztes. Der ließ mich diverse Buchstaben lesen, mit ganz unterschiedlichen Linsen vor den Augen. Zahlen ebenso. Er unterzog mich ganz verschiedenen Tests. Seine Diagnose: „Die Kleine ist auf dem linken Auge kurzsichtig. Das rechte Auge ist normalsichtig. Sobald Sie wieder an Ihrem Heimatort sind, sollten Sie noch einmal zum Augenarzt gehen, damit der eine Brille verschreibt.“

Brille! O Gott! Sofort fing ich wieder zu heulen an. Ich wollte doch keine „Brillenschlange“ sein, wie all die Mädchen in meiner Grundschulklasse von den Jungs genannt wurden, die eine Brille trugen! (Gerade fällt mir auf, dass ich offenbar schon als Kind allzu großen Wert auf das Urteil „der Jungs“ gelegt habe … 😉 )

Der restliche Aufenthalt bei Oma Margareta war getrübt, zumal mir nun definitiv bewusst war, dass ich nicht richtig sehen konnte. Hätte man mich nur nie darauf aufmerksam gemacht, denn zuvor ging es mir – zumindest gefühlt – besser. 😉

Wieder am Heimatort, befand der dortige Augenarzt dasselbe wie sein Kollege in Bamberg. Er gab jedoch zu bedenken, dass ich sicherlich doppelt gehänselt werden würde, wenn ich eine Brille trüge, deren linkes Glas optisch geschliffen sei, während das rechte quasi „Fensterglas“ sei, und er verwies auf die Möglichkeit von Kontaktlinsen. Bzw. einer singulären solchen.

Meine Eltern wollten mich nicht Hohn und Spott auf dem Schulhof aussetzen, und so erwarben sie für 300,- DM eine Kontaktlinse für das linke Auge ihrer fünfzigprozentigen Maulwurfstochter, die alsbald geschult wurde, sich das – es war eine weiche Kontaktlinse – wabbelige Ding einzusetzen und wieder aus dem Auge zu entfernen. Klappte beim Augenarzt prima!

Hätte auch zu Hause prima geklappt, hätte nur meine Mutter nicht eingegriffen, die am ersten Abend meinte: „Warte mal, Ali – lass mich das besser machen! 300,- Mark sind eine Menge Geld!“ Und schon zückte sie den reizenden rosafarbenen Gummisauger en miniature, den der Augenarzt mitgegeben und gemeint hatte, „das Kind“ müsse selber am besten herausfinden, wie es die Kontaktlinse einsetze und entferne. Von den Eltern war gar nicht die Rede gewesen! 😉

Aber meine Mutter, in Sorge um das teure Stück Kunststoff, setzte an, wollte auch, wie vom Augenarzt beschrieben, mit dem Rand des Gummisaugers unter den Rand der Linse fahren, war aber, da außenstehend, etwas zögerlich. So ein Auge ist ja auch ein fragiles Gebilde. 😉 Und so geschah es, dass sie den Saugnapf direkt auf die Linse setzte und instinktiv zu ziehen begann. Hui – das tat nicht nur weh, sondern erzeugte auch ein schmatzendes oder knackendes Geräusch, und vor meinem geistigen Auge erschien das Szenario, dass mein Auge, an mehreren blutigen „Drähten“ hängend, vor meiner damals noch flachen Brust baumelte. Es tat ziemlich weh, und ich schrie wie am Spieß, worauf meine Mutter den Gummisauger losließ, der nun mittig und frontal auf meinem Auge saß und nach vorne deutete: Ich hatte im wahrsten Sinne einen Balken im Auge!

Recht zornig ergriff ich das Instrument, entfernte es, und dann führte ich meiner Mutter ohne viel Aufhebens vor, wie man eine Kontaktlinse richtig aus dem Auge nehme. Sie war verblüfft – das Kind konnte es besser als sie. 😉

Seit damals lehne ich jegliche Hilfsmittel beim Einsetzen und Entfernen von Kontaktlinsen ab – am besten geht es aus meiner Sicht mit den Fingern. Vorher aber gut waschen, sonst droht eine Bindehautentzündung oder Schlimmeres. 😉

Irgendwann aber war mir damals das Gehampel mit dieser Kontaktlinse zuviel geworden, die – es war eine „Dauerlinse“ – auch noch einmal pro Woche in ein spezielles Reinigungsbad gelegt werden musste. Das geschah bei mir immer sonntags, und solange dieser reizende Kunststoffschnipsel im Bad lag, lief ich wieder „halbblind“ herum. Es ist nervend, nur auf einem Auge klar zu sehen, es strengt an, speziell beim Lesen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf die Kontaktlinse. Zum Glück fing da mein rechtes Auge auch an, Symptome von Kurzsichtigkeit zu zeigen, und da meinte ich: „Vielleicht doch eine Brille?“

Und dann lief ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr bebrillt herum – mit wechselnden Gestellen und wechselnden Gläsern.

Mit 17 fand ich – ich hatte eine Kurzgeschichte Ephraim Kishons gelesen -, die Worte der „besten Ehefrau von allen“, die in der Geschichte vorkam, übernehmend, dass eine Frau mit Brille wie eine gepresste Blume aussehe. Und erneut ließ ich mir Kontaktlinsen anpassen. Diesmal – ich musste die Dinger eh selber bezahlen – ging ich zu meinem Optiker. Der untersuchte meine Augen, stellte fest, was ich schon wusste: Ich bin nicht nur kurzsichtig, sondern leide auch noch unter Hornhautverkrümmung oder Astigmatismus. Und so meinte der reizende Optiker, dem ich heute noch die Ohren langziehen könnte: „Nun ja, Frau B., bei Ihnen gehen daher nur harte Kontaktlinsen. Weiche würden Ihnen ja wegen der Hornhautverkrümmung so wieder aus den Augen herausfallen!“ Ich glaubte dem Mann – heute weiß ich es besser.

Und schon schritt er zur Tat: „Sehen Sie mal nach oben!“ Ich sah nach oben, er praktizierte mir etwas ins Auge. Im nächsten Moment liefen aus meinem Auge, es war das linke, wahre Sturzbäche von Tränen! Es war, als hätte er mir eine Glasscherbe ins Auge gedrückt!

„O Gott, das halte ich nicht aus!“ rief ich entsetzt und tränenerstickt, und er meinte: „Schnell, sehen Sie auf den Boden – das hilft.“ Ich starrte auf den Boden, als wolle ich mit meinen Augen Löcher in die Auslegeware in dezentem Grau brennen. Tatsächlich, das half ein wenig. Aber dann musste ich wieder nach oben sehen, denn „Glasscherbe“ Numero zwei sollte in mein rechtes Auge gesetzt werden. Kaum drin, rief auch das rechte Auge sehr deutlich: „Land unter!“, und ich starrte wieder wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Teppich und rief: „Entfernen Sie das sofort wieder! Sofort! Das ist ja Folter!“ Aber der Optiker, sich seiner Verantwortung bewusst, meinte nur: „Sie wollen Kontaktlinsen – Sie bekommen Kontaktlinsen!“ – „Aber keine harten – das ist ja furchtbar!“ – „Ich habe Ihnen erklärt, warum weiche bei Ihnen nicht gehen. Und nun stehen Sie schön auf, ich bringe Sie zur Tür, und dann gehen Sie eine Stunde spazieren. An der frischen Luft wird es gleich besser – Sie werden sehen. Gehen Sie aber nirgendwo hinein – wirklich nur draußen bleiben.“

Sie werden sehen. Dieser Satz hallte in meinem Kopf nach, als er mich zur Tür brachte und hinausschubste. Ich sah nämlich gar nichts. Meine Augen waren überflutet, und zunächst tastete ich mich mehr durch die Gegend, als dass ich ging. Keine Ahnung, was mir entgegenkommende Leute dachten, und es war mir auch scheißegal, denn der Schmerz in meinen Augen war eindeutig vordringlich. Meine verschwollenen Augen starrten auf den Boden vor mir, und es ist ein Wunder, dass ich mit nichts kollidierte. Irgendwann sprach mich dann jemand an, dessen Stimme mir bekannt vorkam, und ich sah ein Paar Füße vor mir auf dem Boden: „He, Ali, was ist denn mit dir los? Hast du mich nicht gesehen, oder wieso reagierst du nicht, wenn ich dich grüße? Wieso starrst du die ganze Zeit auf den Boden? Hast du etwas verloren?“ – „Ja, meinen Verstand,“, murmelte ich und hob kurz die Augen, was kaum erträglich war, und so senkte ich meinen Blick wieder. Immerhin hatte ich meine Mitschülerin Sabine kurz durch die Tränen und geschwollenen Lider erkennen können. Sie fragte, was los sei, ich erläuterte mit belegter Stimme, dass alles in Ordnung sei und ich nur meine Kontaktlinsen eintrüge, wahrscheinlich aber nun fortan einen Blindenhund brauchen könne. Da griff sie – ganz Sabine – meinen Arm und meinte besorgt: „Die können dich doch nicht einfach so durch die Gegend laufen lassen! Komm, wir gehen zusammen weiter – du brauchst doch jemanden, der für dich sieht!“ Super! Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Erst „halbblind“, nun völlig eingeschränkt.

Sabine musste irgendwann nach Hause, und ich zog weiter meine erratischen Bahnen. Als ich zum vierten Mal – mein damaliger Wohnort ist nicht ganz so ausgedehnt, zumindest der innerstädtische Bereich – an derselben Ecke vorbeikam, war dort wohl gerade ein Unfall geschehen (ich hatte mich wohl gerade am anderen Ende durch die Altstadt getastet), und mühsam nahm ich wahr, dass dort diverse Schaulustige standen, ein Rettungswagen und die Polizei. Rasch wandte ich mich ab und ging weiter – ich hasse dieses Gegaffe. Ein alter Mann kam mir entgegen und meinte angesichts des Unfalls und meiner noch immer tränenden Augen: „O je, junge Frau! Ist es so schlimm? Gibt es etwa Tote?“ – „Wie bitte? Keine Ahnung!“ – „Ja, aber ich dachte – Sie weinen doch!“ – „Ich trage gerade meine neuen Kontaktlinsen ein. Ich hoffe auch, dass der Unfall nicht so schwerwiegend ist, aber ich habe keine Ahnung, was passiert ist.“ Ich konnte es nicht sehen, da ein erneuter Tränenschwall mich übermannte, aber ich bin mir ziemlich sicher, der alte Mann starrte mir entgeistert hinterher … Ich kann es ihm nicht einmal verdenken. 😉

Eine Stunde kann furchtbar lange dauern, aber irgendwann war sie vorüber, und ich betrat sehr demütig das Optikergeschäft. Und ebenso demütig meinte ich: „Nehmen Sie mir bitte einfach nur diese beiden Folterinstrumente aus den Augen.“ Man tat dies, hieß mich aber, zwei Tage später wiederzukommen. Und das habe ich tatsächlich getan und mich peu à peu an diese fiesen, kleinen Dinger gewöhnt.

Wenn auch die Gewöhnung nicht lange vorhielt, denn ich hatte nur ein Jahr etwas von meinen harten Kontaktlinsen, und auch das stets mit gewissen Ruhepausen. Irgendwann ging gar nichts mehr, und eines schönen Tages habe ich die kleinen Biester mit ehrlicher Genugtuung ins Klo gespült. Sie machten mehr Stress, als dafür stand. Kontaktlinse im Auge verrutscht? Kein Problem mit weichen Linsen – die kann man notfalls mit den Fingern in die richtige Position schieben und auch viel leichter entfernen. Vorsichtig natürlich. Bei harten Linsen unmöglich oder zumindest nicht so einfach. Eine hatte sich mal derart im äußeren Augenwinkel verkantet, dass ich vor Schmerz fast durchdrehte – und dafür braucht es eine Menge. Aber die wohlfeilen Worte meines Optikers – der Himmel möge ihm gnädig sein! – klangen mir im Ohr: „Und wenn eine Linse mal verrutscht, müssen Sie einfach nur konzentriert in diese Richtung blicken. Wenn Sie das Auge dann zurückbewegen, hat sich auch die Linse wieder ruck-zuck richtig ausgerichtet – ganz einfach!“ (Ich hätte den Optiker, einen Brillenträger, an jenem Abend auch gerne ruck-zuck ganz einfach massakriert! 😉 Da richtete sich nämlich gar nichts aus, obwohl mein rechtes Auge bereits fast ins Gehirn kroch, und das linke gleich mit – wahrscheinlich sah man vorne nur noch das Weiße … Und als ich wieder in die normale Richtung und geradeaus blickte, klemmte die rechte Linse immer noch irgendwo im Nirgendwo. Es war mit großen Schmerzen verbunden, das blöde Linsending aus dem Auge zu holen. Danach hatte ich den Papp auch auf. 😉 )

Fortan war ich wieder Brillenträgerin, und auch wenn es schöne Brillen gibt: Mir gefiel es einfach nicht. Dann kam ich mit Giacomo zusammen. Seitdem bin ich wieder Kontaktlinsenträgerin, denn er brachte mir aus Italien – „da sind die Kontaktlinsen viel, viel günstiger, Principessa!“ – welche mit. Weiche, torische Kontaktlinsen. Extra für Leute, die nicht nur kurzsichtig sind, sondern auch Astigmatiker. 😉 Und es läuft seitdem prima, und ich habe immer noch Kontaktlinsen, wenn ich auch Giacomo schon ganz lange nicht mehr habe. 😉

Mein Tipp: Auch Experten sind bisweilen völlig ahnungslos. Vertraut Eurem Bauchgefühl und dem – gesunden – Menschenverstand. Und meidet Gummisauger … 😉

19 Gedanken zu „Wer schön sein will, muss leiden …

  1. Chaosvater sagt:

    ich handhabe das mit dem Bömpel (?) also dem Toilettenreinigerdingsbums auch so – da sind die weichgummierten auch effektiver, als Hartgummibömpel …
    und schon wieder bekomme ich mein Kopfkino nicht aus … aber sehr schön geschrieben !

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