Nachruf für einen geliebten Vertrauten

Da gehst du hin, den ich mein ganzes Leben lang kenne! Nun gut – so ganz gehe man ja niemals, heißt es, und das stimmt sicherlich auch hier.

Aber du bist einfach heutzutage nicht mehr en vogue, wie ich immer wieder erfahren muss. Immer dann, wenn Menschen in deiner Anwesenheit offenen Mundes dastehen, irritiert und perplex, weil sie offenbar nicht verstanden haben, was du eigentlich meinst. Und sobald dein wahres Wesen angekommen ist, bricht nicht selten ein Sturm der Entrüstung bei jenen aus, die dich nicht verstehen. Böse seist du, heißt es dann, und die, die mit dir umgehen, seien allesamt genauso und ganz frustriert. So sagen sie mit frustrierten Mienen über dich, diese Muster an Güte und Wohlwollen.

Ich werde meinem geliebten Vertrauten aber weiterhin die Treue halten. Ich wüsste nicht, wie es anders gehen sollte – er gehört zu mir, seit ich denken kann. Mein treuer Freund Sarkasmus, meine Freundin Ironie.

Leicht haben die beiden es in der Tat heutzutage nicht mehr. Ich habe manches Mal den Eindruck, ihr Bekanntheitsgrad sei drastisch im Schwinden begriffen, seit ich erstmalig im Kommentarbereich einer Zeitung die gebieterische Aufforderung las, man möge doch ironische oder sarkastische Kommentare mit dem Zusatz *Ironie* kennzeichnen … Damit auch jeder es verstehe …

Ich verstehe nicht, wie man Ironie und Sarkasmus nicht verstehen kann. Aber ich gehöre auch zu denen, die sich nicht vorstellen konnten, dass es Menschen gibt, die Phenylthioharnstoff bzw. dessen bitteren Geschmack nicht wahrzunehmen in der Lage sind, als unsere Biologielehrerin uns im Themenbereich Genetik in Vorfreude grinsend dem sogenannten Schmecker-Nichtschmecker-Test aussetzte. Alle 24 Schüler bekamen einen Schnipsel Papier, getränkt mit niedrigkonzentriertem PTH, und auf ihr Kommando mussten wir alle gleichzeitig den Papierschnipsel in den Mund stecken. Einen Sekundenbruchteil später war zu beobachten, wie 20 Schüler angeekelt die Gesichter verzogen, laute, unästhetische Geräusche des Abscheus produzierten und angewidert den Papierschnipsel entweder ausspuckten oder hektisch mit den Fingern aus dem Mund entfernten. Und diese 20 – darunter ich – überzogen die Biolehrerin, die lachend am Lehrerpult stand, mit lautstarken Vorwürfen. (Ich glaube, ich bezichtigte die Lehrerin, sie wolle uns wohl umbringen … 😉 )

Irritiert beäugt wurde dieses Szenarium von den 4 übrigen Mitschülern. „Was habt ihr denn?“ riefen sie in der Angst, etwas verpasst zu haben. 😉 Daraufhin hagelte es von der Mehrheit auch noch Vorwürfe in Richtung der vier Ahnungslosen. Ob sie uns verarschen wollten! Das sei das Widerlichste und Bitterste, das man sich nur vorstellen könne – und sie fragten, was wir denn hätten! „Bitter? Wieso? Das schmeckt doch nach gar nichts,“, kam von den vieren, und wir anderen begannen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Glücklicherweise griff da Frau P. ein und erklärte, die vier seien ganz normal, nur eben sogenannte Nichtschmecker. Und sie erklärte das spannende Phänomen, ebenso das, bei dem es um die Fähigkeit des Zungenrollens ging. Glühend beneideten wir die vier Nichtschmecker, denn das Furchtbarste an diesem widerlichen PTH war, dass der Geschmack noch lange vorhielt … Aber nun waren wir wenigstens im Bilde. Nur der einzige Mitschüler, der sowohl Nichtschmecker, als auch Nicht-Zungenroller war, ging nach der Stunde gesenkten Hauptes aus der Klasse. Er fühlte sich wohl benachteiligt … 😉

Vielleicht ist es beim Ironie- und Sarkasmusverständnis ja ähnlich. Hier monierte jemand einen Kommentar, der derart überspitzt war, dass es mir fast schon zu dick aufgetragen war. Und der einen Ironiehinweis Vermissende hatte ihn für bare Münze genommen, höchst humorlos gegenkommentiert, war ausgelacht worden und nun sauer, weil es ihm peinlich war, das Offensichtliche nicht erkannt zu haben. Ist der Hammer schuld, wenn sich jemand damit auf die Flossen haut?

Ironiehinweise sind der Tod der wahren Ironie und des Sarkasmus. Und im Vergleich zu den Zahlenverhältnissen bei PTH-Nichtschmeckern versus PTH-Schmeckern scheinen die Verhältnisse hier – sukzessive – bald diametral zu sein; zumindest fühlt es sich so an, dass bald die Mehrheit Ironie und Sarkasmus nicht mehr versteht …

Dabei begeben Sarkastiker sich stets in akute Gefahr, denn ihre Bemerkungen können sich bei Nichtankommen beim Adressaten wie ein Bumerang verhalten und einem dann an den Kopp knallen. Es ist bitter, fast so bitter wie Phenylthioharnstoff, wenn das Gegenüber eine solche Bemerkung nicht versteht, sondern für bare Münze nimmt und einen dann reflexartig mit Zurechtweisungen oder gar Beschimpfungen überzieht. Am schlimmsten, wenn die Zurechtweisungen mit sanfter, vermeintlich nachsichtiger Stimme geäußert werden. Verdammt! Kapiert nicht, was ich eigentlich meinte, fühlt sich aber überlegen – Schmach in Reinform … 😉 Dabei sind Sarkasmus und Ironie im Grunde nicht als Waffen gedacht, sondern als Stilmittel. Aber an Stil mangelt es gemäß meinem Dafürhalten ohnehin in zunehmendem Maße … 😉

Am schlimmsten ist es, wenn man an einen eifrigen Küchenpsychologen gerät, der einem gleich eine schwere Kindheit attestieren will, weil er meint, dass die Quelle des Sarkasmus in schrecklichen Kindheitserfahrungen liegen müsse. Nein. Muss es nicht. Manche Menschen sind einfach so. Akzeptiert es. 😉

Dass nun – von immer mehr Leuten, wie ich kürzlich erfuhr – Ironie- und Sarkasmuswarnungen gefordert werden, wundert mich allerdings gar nicht so sehr. Nicht in einer Zeit, da einem sicherlich bald auch noch erklärt wird, wie man atmen müsse.

In diesem Sinne – ein schönes Wochenende! Und das meine ich völlig sarkasmus- und ironiefrei. 😉

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