„Where are we now?“

Einer meiner Lieblingssongs von David Bowie – so schön melancholisch. Ich hörte ihn heute wieder im Auto, als ich zur Arbeit fuhr. Und – ich gebe es zu – ich sang laut mit. Mir war so danach. 😉 (Fahrt nie als Beifahrer mit mir, denn entweder fluche ich – oder ich singe. 😉 Doch nein: Würde jemand mit mir mitfahren, würde ich maximal fluchen. Singen niemals. Eher wie aufgezogen reden, weil ich stets viel rede. 😉 )

Irgendwie passt der Song auch in diese Zeit und zur derzeitigen Stimmung. Where are we now? Wo sind wir nun? Wohin sind wir geraten? Oder: Wohin sind wir nur geraten?

Eine Frage, die ich mir ganz oft stelle. Nicht selten, sobald ich die Zeitung lese. Ich bin damit großgeworden, dass Medien dazu da seien, den Gemeinen Bürger zu informieren, und das, bitte, möglichst fundiert. Und, ganz klar, natürlich möglichst neutral. Mag sein, dass mein Anspruch irgendwie vom heutigen Anspruch differiert – ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, ich sei irgendwie in die falsche Zeit hineingeworfen worden. Oder, ohne dass ich es merkte, in ein Paralleluniversum gebeamt.

Zeitunglesen war früher eigentlich schöner. Damals, als man dem Leser noch eine gewisse Grundintelligenz zutraute, zugestand. Gut, es mag auch damals schon Menschen gegeben haben, die diesem Vertrauensvorschuss nicht gerecht wurden. Aber das liest sich so richtig widerlich arrogant. Ich will nicht arrogant sein, befürchte dennoch … Nun ja.

Inzwischen bin ich immer wieder erstaunt, wenn ich die Zeitung aufschlage und Dinge lese, die ich zunächst für ganz neu hielt, da getarnt durch irreführende Überschriften. Im Grunde aber bin ich jedes Mal nicht nur enttäuscht, sondern bisweilen, gar nicht selten, sogar schockiert! Denn nicht selten handelt es sich um Aspekte, die völlig selbstverständlich sind, die man mit nur einem Jota gesunden Menschenverstandes eigentlich selber weiß und handhabt!

Vor einigen Tagen las ich allen Ernstes: „Wie Sie bei Schnee und Eis am besten gehen“! Ich war neugierig. Hatte man eine neue Technik entwickelt, sich bei Schneeglätte und Blitzeis auf seinen beiden Füßen oder sonstwie vorwärts zu bewegen? (Ich empfehle bei Blitzeis den Gang auf allen Vieren, ergo auf Händen und Knien, obwohl man auch da dauernd weggleitet … Besser noch: auf dem Bauch rutschen. Das hat den Vorteil, dass man eh schon auf dem Boden liegt. Und das Rutschen geht ganz einfach und sogar dann, wenn man es eigentlich gar nicht wünscht.)

Ich klickte den Artikel an, las und brach in eine Art Geheul aus. Das Geheul des Gepeinigten. „Gehen Sie wie ein Pinguin“ hatte da gestanden. Man müsse kleine Schritte machen. Ach! Revolutionär! Ein Experte – wir leben in der Hochzeit der Experten! – beschrieb en détail, wie man die Füße zu setzen habe. (Als ich nach dem Lesen des Artikels kurz ins Bad musste, um mich zu übergeben – nein, nicht wirklich -, sah ich im Badezimmerspiegel mit Schrecken, dass meine Stirn knallrot war. Was um alles in der Welt war das? Eine Spontanallergie? O Gott! Ich dachte lange und ausgiebig darüber nach, erwog schon die Konsultation eines Experten, bis mir einfiel, dass ich mir offenbar beim Lesen des Artikels wiederholt und hochfrequent mit Schmackes mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen hatte, und das unter dem wiederholten Ausruf: „Nein! Nein! Nein-nein-nein! Das kann doch nicht sein! Wollt ihr mich verarschen?“)

Ich kehrte an meinen PC zurück, obwohl ich mir des Risikos bewusst war, irgendwann aufgrund von Hyperventilation bewusstlos zu werden. So nahm ich den Umweg über die Küche, um eine Papiertüte zu holen. Man weiß ja nie, was passiert, aber gut ist es, zu wissen, dass man bei Hyperventilation in eine Tüte aus- und einatmen muss, um den CO2-Gehalt im Blut wieder zu erhöhen. 😉

Unter dem Artikel standen inzwischen diverse Kommentare. Einige beruhigten mich – die waren sarkastisch und besagten, dass die Schreiber den Artikel genauso bescheuert fanden wie ich. Aber es gab auch einige, die ernstgemeint waren und die Sarkastiker in ihre Schranken wiesen, indem sie meinten, was das denn solle – man müsse doch dankbar sein für gute Tipps, und einige Mitmenschen fänden wohl immer ein Haar in der Suppe! Aaah!

Zwei Tage später begab ich mich auf harmloseres Terrain. Glaubte ich zumindest, als ich die Wochenendkategorie „Kulinarisches“ anklickte. Da gab es das „ultimative Pfannkuchen-Rezept“! Gut, meine eigene Schuld, das Ding überhaupt anzuklicken – ich gebe es zu. Aber man lernt ja gern dazu. Oder nicht?

Gut, ich lernte auch hier dazu … Nichts über Pfannkuchen, denn da stand das Standard-Pfannkuchenrezept, von Mama, Oma, Ur-, Ur-Ur-, Ur-Ur-Ur- und sonstigen Omas stets so durchgeführt, weil man Pfannkuchen einfach so macht! Das Neue war, dass man zum Schluss den Ratschlag gab: „Lassen Sie also den fertigen Pfannkuchenteig in der Flasche im Laden stehen!“

Pfannkuchenteig in Flaschen! Aua. War mir zwar schon seit vielen Jahren bekannt, aber bis dato habe ich immer versucht, dessen Existenz zu ignorieren. Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so einfach sind wie die Herstellung eines Pfannkuchenteigs. Ich saß kopfschüttelnd vor meinem Rechner. Fortschrittlich war, dass ich keine Geräusche von mir gab. Ich hatte gelernt, rief nicht mehr: „Nein-nein-nein!“ Ich war verstummt.

Heute las ich in der Onlineversion einer Tageszeitung, dass nach Silvester zurückgerudert werde – es seien nicht nur Staatsbürger dreier Länder des nördlichen Bereichs eines anderen Kontinents in Köln oder anderswo aufgefallen, sondern auch Staatsbürger anderer Staaten, die hier Schutz suchten, wie es hieß. (So man hier überhaupt eine präzise Zuordnung leisten kann.)

Ich war bass erstaunt – und auch ein wenig enttäuscht, weil es so vorhersehbar war. Aber irgendwie auch beruhigt, denn eigentlich hatte ich schon mit einem Kollegen wetten wollen, wie lange es wohl dauern würde, bis hier zurückgerudert werde. Ich grinste sogar, als ich die Meldung las, fragte mich aber, was nun daran besser sei. Eigentlich nichts. Und das nach tagelanger Aufregung um eher semantische Aspekte. Ich will auf keinen Fall, dass Unschuldige bezichtigt werden. Aber ich frage mich auch, was nun diese Haarspaltereien sollen.

Dann noch verschiedene Artikel über die bombastische, kürzlich eröffnete Errungenschaft der Stadt Hamburg, seit zehn Jahren im eifrigen Gespräch. Es gab so viele verschiedene Urteile. Einige verfolgten den Tenor, dass die Akustik in dieser Philharmonie massiv zu wünschen übrig lasse. Erstaunlich die Kommentare. Wo Kritik an der Akustik, der Kernkompetenz eines Konzerthauses, laut wurde, wurde gern gebrüllt: Aber diese Philharmonie sei ein Tourismusmagnet für die Stadt Hamburg – und sie sähe ja auch so geil aus! Herzlichen Glückwunsch, ja, tut sie. Aber es ging um Akustik, nicht um Architektur, auch wenn beides mit A beginnt, dem schönsten der fünf Vokale. 😉 Mein Name lautet damit an. 😉

Und es gab noch so viele andere Artikel, da ich mich fragte, wie es um die Lesekompetenz, die Eigenverantwortung und das Verständnis heutzutage bestellt sei … Ist denn nur noch der Schein wichtig? Wird noch selber gedacht? Manchmal frage ich mich das wirklich. Mundus vult decipi – eine lateinische Redensart: Die Welt will betrogen sein. Ist das wirklich so? Wenn ja, stelle ich mir die Frage: „Where are we now?“ doppelt und dreifach. Will die Welt nur betrogen werden, oder will die Welt auch, dass man ihr die einfachsten und selbstverständlichen Dinge vorkaut und vorschreibt? Falls ja, würde mir das Angst machen. Falsch. Es macht mir Angst.

Aber was mich dann immer wieder aufmuntert und erheitert, ist die Tatsache, dass es nicht selten die Menschen sind, die Vorschriften auch hinsichtlich Selbstverständlichkeiten fordern und begrüßen, die dann ebenso rigide darauf beharren, dass „wir das Volk der Dichter und Denker“ seien.

Na, dann! Dann ist ja alles tutti! 😉 Und ich frage mich ab sofort nicht mehr: „Where are we now?“, sondern lächle nur noch, dankbar für all die wertvollen Tipps und Hinweise, und denke gar nicht mehr. Wenn das kein echter Fortschritt ist! 😉

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