Wer schön sein will, muss leiden …

Schön bin ich ganz gewiss nicht, aber ich glaube, so ganz unansehnlich bin ich auch nicht. Vor allem seit dem Zeitpunkt, da ich von Brille wieder auf Kontaktlinsen umgestiegen bin. Ein sehr, sehr langer, steiniger Weg …

Ich war neun Jahre alt, als nahe Verwandte feststellten, dass ich, zeichnete ich etwas, immer fast mit der Nase am Zeichenpapier klebte, den Kopf stets über den Tisch geneigt, als drohte ich, einzunicken. Doch weit gefehlt – ich war wach! Ich musste nur so nahe an die Auflagefläche für das Zeichenpapier gehen, weil ich – ja, ich gebe es zu – offenbar blind wie ein Maulwurf war.

Zumindest auf dem linken Auge, wie ein Bamberger Augenarzt feststellte und mich tröstete, die ich die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, nachdem Stephanie mich am Abend zuvor einem „Sehtest“ unterzogen hatte. Sie hatte – mit Bleistift und in normaler, dünner Schrift – Buchstaben und Zahlen auf ein Blatt Papier geschrieben, dies innen an Oma Margaretas Wohnungstür geklebt und mich – der Flur war sehr lang – bis ans andere Ende des Flurs geführt und mich von dort aus geheißen, die schon für Normalsichtige auf knapp einem Viertel der Strecke kaum erkennbaren Lettern zu entziffern. Ich scheiterte. Natürlich. Immer wieder. Und irgendwann rief Stephanie, vier Jahre älter als ich: „Aber Alilein! Das kannst du nicht lesen! Dann bist du ja blind!“

Die Folge war, dass „Alilein“ zu heulen begann und meine Mutter Stephanie zur Seite nahm und sie gehörig zusammenstauchte: „Bist du bescheuert? Da, sieh nur: Jetzt weint sie! Das hast du doch mit Absicht gemacht! Es ist Scheiße, sich über die Gebrechen anderer lustig zu machen! Und wie soll man deine albernen Bleistiftstriche überhaupt lesen? Da muss auch ich mit der Nase drangehen. Nee, Stephanie – das ist nicht nett!“

Ich hörte nur: „Gebrechen“, und ich weinte noch mehr. „Gebrechen“ hatten nur alte Leute, und ich war neun!

Am nächsten Tag saßen wir im Wartezimmer eines sehr netten Augenarztes. Der ließ mich diverse Buchstaben lesen, mit ganz unterschiedlichen Linsen vor den Augen. Zahlen ebenso. Er unterzog mich ganz verschiedenen Tests. Seine Diagnose: „Die Kleine ist auf dem linken Auge kurzsichtig. Das rechte Auge ist normalsichtig. Sobald Sie wieder an Ihrem Heimatort sind, sollten Sie noch einmal zum Augenarzt gehen, damit der eine Brille verschreibt.“

Brille! O Gott! Sofort fing ich wieder zu heulen an. Ich wollte doch keine „Brillenschlange“ sein, wie all die Mädchen in meiner Grundschulklasse von den Jungs genannt wurden, die eine Brille trugen! (Gerade fällt mir auf, dass ich offenbar schon als Kind allzu großen Wert auf das Urteil „der Jungs“ gelegt habe … 😉 )

Der restliche Aufenthalt bei Oma Margareta war getrübt, zumal mir nun definitiv bewusst war, dass ich nicht richtig sehen konnte. Hätte man mich nur nie darauf aufmerksam gemacht, denn zuvor ging es mir – zumindest gefühlt – besser. 😉

Wieder am Heimatort, befand der dortige Augenarzt dasselbe wie sein Kollege in Bamberg. Er gab jedoch zu bedenken, dass ich sicherlich doppelt gehänselt werden würde, wenn ich eine Brille trüge, deren linkes Glas optisch geschliffen sei, während das rechte quasi „Fensterglas“ sei, und er verwies auf die Möglichkeit von Kontaktlinsen. Bzw. einer singulären solchen.

Meine Eltern wollten mich nicht Hohn und Spott auf dem Schulhof aussetzen, und so erwarben sie für 300,- DM eine Kontaktlinse für das linke Auge ihrer fünfzigprozentigen Maulwurfstochter, die alsbald geschult wurde, sich das – es war eine weiche Kontaktlinse – wabbelige Ding einzusetzen und wieder aus dem Auge zu entfernen. Klappte beim Augenarzt prima!

Hätte auch zu Hause prima geklappt, hätte nur meine Mutter nicht eingegriffen, die am ersten Abend meinte: „Warte mal, Ali – lass mich das besser machen! 300,- Mark sind eine Menge Geld!“ Und schon zückte sie den reizenden rosafarbenen Gummisauger en miniature, den der Augenarzt mitgegeben und gemeint hatte, „das Kind“ müsse selber am besten herausfinden, wie es die Kontaktlinse einsetze und entferne. Von den Eltern war gar nicht die Rede gewesen! 😉

Aber meine Mutter, in Sorge um das teure Stück Kunststoff, setzte an, wollte auch, wie vom Augenarzt beschrieben, mit dem Rand des Gummisaugers unter den Rand der Linse fahren, war aber, da außenstehend, etwas zögerlich. So ein Auge ist ja auch ein fragiles Gebilde. 😉 Und so geschah es, dass sie den Saugnapf direkt auf die Linse setzte und instinktiv zu ziehen begann. Hui – das tat nicht nur weh, sondern erzeugte auch ein schmatzendes oder knackendes Geräusch, und vor meinem geistigen Auge erschien das Szenario, dass mein Auge, an mehreren blutigen „Drähten“ hängend, vor meiner damals noch flachen Brust baumelte. Es tat ziemlich weh, und ich schrie wie am Spieß, worauf meine Mutter den Gummisauger losließ, der nun mittig und frontal auf meinem Auge saß und nach vorne deutete: Ich hatte im wahrsten Sinne einen Balken im Auge!

Recht zornig ergriff ich das Instrument, entfernte es, und dann führte ich meiner Mutter ohne viel Aufhebens vor, wie man eine Kontaktlinse richtig aus dem Auge nehme. Sie war verblüfft – das Kind konnte es besser als sie. 😉

Seit damals lehne ich jegliche Hilfsmittel beim Einsetzen und Entfernen von Kontaktlinsen ab – am besten geht es aus meiner Sicht mit den Fingern. Vorher aber gut waschen, sonst droht eine Bindehautentzündung oder Schlimmeres. 😉

Irgendwann aber war mir damals das Gehampel mit dieser Kontaktlinse zuviel geworden, die – es war eine „Dauerlinse“ – auch noch einmal pro Woche in ein spezielles Reinigungsbad gelegt werden musste. Das geschah bei mir immer sonntags, und solange dieser reizende Kunststoffschnipsel im Bad lag, lief ich wieder „halbblind“ herum. Es ist nervend, nur auf einem Auge klar zu sehen, es strengt an, speziell beim Lesen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf die Kontaktlinse. Zum Glück fing da mein rechtes Auge auch an, Symptome von Kurzsichtigkeit zu zeigen, und da meinte ich: „Vielleicht doch eine Brille?“

Und dann lief ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr bebrillt herum – mit wechselnden Gestellen und wechselnden Gläsern.

Mit 17 fand ich – ich hatte eine Kurzgeschichte Ephraim Kishons gelesen -, die Worte der „besten Ehefrau von allen“, die in der Geschichte vorkam, übernehmend, dass eine Frau mit Brille wie eine gepresste Blume aussehe. Und erneut ließ ich mir Kontaktlinsen anpassen. Diesmal – ich musste die Dinger eh selber bezahlen – ging ich zu meinem Optiker. Der untersuchte meine Augen, stellte fest, was ich schon wusste: Ich bin nicht nur kurzsichtig, sondern leide auch noch unter Hornhautverkrümmung oder Astigmatismus. Und so meinte der reizende Optiker, dem ich heute noch die Ohren langziehen könnte: „Nun ja, Frau B., bei Ihnen gehen daher nur harte Kontaktlinsen. Weiche würden Ihnen ja wegen der Hornhautverkrümmung so wieder aus den Augen herausfallen!“ Ich glaubte dem Mann – heute weiß ich es besser.

Und schon schritt er zur Tat: „Sehen Sie mal nach oben!“ Ich sah nach oben, er praktizierte mir etwas ins Auge. Im nächsten Moment liefen aus meinem Auge, es war das linke, wahre Sturzbäche von Tränen! Es war, als hätte er mir eine Glasscherbe ins Auge gedrückt!

„O Gott, das halte ich nicht aus!“ rief ich entsetzt und tränenerstickt, und er meinte: „Schnell, sehen Sie auf den Boden – das hilft.“ Ich starrte auf den Boden, als wolle ich mit meinen Augen Löcher in die Auslegeware in dezentem Grau brennen. Tatsächlich, das half ein wenig. Aber dann musste ich wieder nach oben sehen, denn „Glasscherbe“ Numero zwei sollte in mein rechtes Auge gesetzt werden. Kaum drin, rief auch das rechte Auge sehr deutlich: „Land unter!“, und ich starrte wieder wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Teppich und rief: „Entfernen Sie das sofort wieder! Sofort! Das ist ja Folter!“ Aber der Optiker, sich seiner Verantwortung bewusst, meinte nur: „Sie wollen Kontaktlinsen – Sie bekommen Kontaktlinsen!“ – „Aber keine harten – das ist ja furchtbar!“ – „Ich habe Ihnen erklärt, warum weiche bei Ihnen nicht gehen. Und nun stehen Sie schön auf, ich bringe Sie zur Tür, und dann gehen Sie eine Stunde spazieren. An der frischen Luft wird es gleich besser – Sie werden sehen. Gehen Sie aber nirgendwo hinein – wirklich nur draußen bleiben.“

Sie werden sehen. Dieser Satz hallte in meinem Kopf nach, als er mich zur Tür brachte und hinausschubste. Ich sah nämlich gar nichts. Meine Augen waren überflutet, und zunächst tastete ich mich mehr durch die Gegend, als dass ich ging. Keine Ahnung, was mir entgegenkommende Leute dachten, und es war mir auch scheißegal, denn der Schmerz in meinen Augen war eindeutig vordringlich. Meine verschwollenen Augen starrten auf den Boden vor mir, und es ist ein Wunder, dass ich mit nichts kollidierte. Irgendwann sprach mich dann jemand an, dessen Stimme mir bekannt vorkam, und ich sah ein Paar Füße vor mir auf dem Boden: „He, Ali, was ist denn mit dir los? Hast du mich nicht gesehen, oder wieso reagierst du nicht, wenn ich dich grüße? Wieso starrst du die ganze Zeit auf den Boden? Hast du etwas verloren?“ – „Ja, meinen Verstand,“, murmelte ich und hob kurz die Augen, was kaum erträglich war, und so senkte ich meinen Blick wieder. Immerhin hatte ich meine Mitschülerin Sabine kurz durch die Tränen und geschwollenen Lider erkennen können. Sie fragte, was los sei, ich erläuterte mit belegter Stimme, dass alles in Ordnung sei und ich nur meine Kontaktlinsen eintrüge, wahrscheinlich aber nun fortan einen Blindenhund brauchen könne. Da griff sie – ganz Sabine – meinen Arm und meinte besorgt: „Die können dich doch nicht einfach so durch die Gegend laufen lassen! Komm, wir gehen zusammen weiter – du brauchst doch jemanden, der für dich sieht!“ Super! Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Erst „halbblind“, nun völlig eingeschränkt.

Sabine musste irgendwann nach Hause, und ich zog weiter meine erratischen Bahnen. Als ich zum vierten Mal – mein damaliger Wohnort ist nicht ganz so ausgedehnt, zumindest der innerstädtische Bereich – an derselben Ecke vorbeikam, war dort wohl gerade ein Unfall geschehen (ich hatte mich wohl gerade am anderen Ende durch die Altstadt getastet), und mühsam nahm ich wahr, dass dort diverse Schaulustige standen, ein Rettungswagen und die Polizei. Rasch wandte ich mich ab und ging weiter – ich hasse dieses Gegaffe. Ein alter Mann kam mir entgegen und meinte angesichts des Unfalls und meiner noch immer tränenden Augen: „O je, junge Frau! Ist es so schlimm? Gibt es etwa Tote?“ – „Wie bitte? Keine Ahnung!“ – „Ja, aber ich dachte – Sie weinen doch!“ – „Ich trage gerade meine neuen Kontaktlinsen ein. Ich hoffe auch, dass der Unfall nicht so schwerwiegend ist, aber ich habe keine Ahnung, was passiert ist.“ Ich konnte es nicht sehen, da ein erneuter Tränenschwall mich übermannte, aber ich bin mir ziemlich sicher, der alte Mann starrte mir entgeistert hinterher … Ich kann es ihm nicht einmal verdenken. 😉

Eine Stunde kann furchtbar lange dauern, aber irgendwann war sie vorüber, und ich betrat sehr demütig das Optikergeschäft. Und ebenso demütig meinte ich: „Nehmen Sie mir bitte einfach nur diese beiden Folterinstrumente aus den Augen.“ Man tat dies, hieß mich aber, zwei Tage später wiederzukommen. Und das habe ich tatsächlich getan und mich peu à peu an diese fiesen, kleinen Dinger gewöhnt.

Wenn auch die Gewöhnung nicht lange vorhielt, denn ich hatte nur ein Jahr etwas von meinen harten Kontaktlinsen, und auch das stets mit gewissen Ruhepausen. Irgendwann ging gar nichts mehr, und eines schönen Tages habe ich die kleinen Biester mit ehrlicher Genugtuung ins Klo gespült. Sie machten mehr Stress, als dafür stand. Kontaktlinse im Auge verrutscht? Kein Problem mit weichen Linsen – die kann man notfalls mit den Fingern in die richtige Position schieben und auch viel leichter entfernen. Vorsichtig natürlich. Bei harten Linsen unmöglich oder zumindest nicht so einfach. Eine hatte sich mal derart im äußeren Augenwinkel verkantet, dass ich vor Schmerz fast durchdrehte – und dafür braucht es eine Menge. Aber die wohlfeilen Worte meines Optikers – der Himmel möge ihm gnädig sein! – klangen mir im Ohr: „Und wenn eine Linse mal verrutscht, müssen Sie einfach nur konzentriert in diese Richtung blicken. Wenn Sie das Auge dann zurückbewegen, hat sich auch die Linse wieder ruck-zuck richtig ausgerichtet – ganz einfach!“ (Ich hätte den Optiker, einen Brillenträger, an jenem Abend auch gerne ruck-zuck ganz einfach massakriert! 😉 Da richtete sich nämlich gar nichts aus, obwohl mein rechtes Auge bereits fast ins Gehirn kroch, und das linke gleich mit – wahrscheinlich sah man vorne nur noch das Weiße … Und als ich wieder in die normale Richtung und geradeaus blickte, klemmte die rechte Linse immer noch irgendwo im Nirgendwo. Es war mit großen Schmerzen verbunden, das blöde Linsending aus dem Auge zu holen. Danach hatte ich den Papp auch auf. 😉 )

Fortan war ich wieder Brillenträgerin, und auch wenn es schöne Brillen gibt: Mir gefiel es einfach nicht. Dann kam ich mit Giacomo zusammen. Seitdem bin ich wieder Kontaktlinsenträgerin, denn er brachte mir aus Italien – „da sind die Kontaktlinsen viel, viel günstiger, Principessa!“ – welche mit. Weiche, torische Kontaktlinsen. Extra für Leute, die nicht nur kurzsichtig sind, sondern auch Astigmatiker. 😉 Und es läuft seitdem prima, und ich habe immer noch Kontaktlinsen, wenn ich auch Giacomo schon ganz lange nicht mehr habe. 😉

Mein Tipp: Auch Experten sind bisweilen völlig ahnungslos. Vertraut Eurem Bauchgefühl und dem – gesunden – Menschenverstand. Und meidet Gummisauger … 😉

Nachruf für einen geliebten Vertrauten

Da gehst du hin, den ich mein ganzes Leben lang kenne! Nun gut – so ganz gehe man ja niemals, heißt es, und das stimmt sicherlich auch hier.

Aber du bist einfach heutzutage nicht mehr en vogue, wie ich immer wieder erfahren muss. Immer dann, wenn Menschen in deiner Anwesenheit offenen Mundes dastehen, irritiert und perplex, weil sie offenbar nicht verstanden haben, was du eigentlich meinst. Und sobald dein wahres Wesen angekommen ist, bricht nicht selten ein Sturm der Entrüstung bei jenen aus, die dich nicht verstehen. Böse seist du, heißt es dann, und die, die mit dir umgehen, seien allesamt genauso und ganz frustriert. So sagen sie mit frustrierten Mienen über dich, diese Muster an Güte und Wohlwollen.

Ich werde meinem geliebten Vertrauten aber weiterhin die Treue halten. Ich wüsste nicht, wie es anders gehen sollte – er gehört zu mir, seit ich denken kann. Mein treuer Freund Sarkasmus, meine Freundin Ironie.

Leicht haben die beiden es in der Tat heutzutage nicht mehr. Ich habe manches Mal den Eindruck, ihr Bekanntheitsgrad sei drastisch im Schwinden begriffen, seit ich erstmalig im Kommentarbereich einer Zeitung die gebieterische Aufforderung las, man möge doch ironische oder sarkastische Kommentare mit dem Zusatz *Ironie* kennzeichnen … Damit auch jeder es verstehe …

Ich verstehe nicht, wie man Ironie und Sarkasmus nicht verstehen kann. Aber ich gehöre auch zu denen, die sich nicht vorstellen konnten, dass es Menschen gibt, die Phenylthioharnstoff bzw. dessen bitteren Geschmack nicht wahrzunehmen in der Lage sind, als unsere Biologielehrerin uns im Themenbereich Genetik in Vorfreude grinsend dem sogenannten Schmecker-Nichtschmecker-Test aussetzte. Alle 24 Schüler bekamen einen Schnipsel Papier, getränkt mit niedrigkonzentriertem PTH, und auf ihr Kommando mussten wir alle gleichzeitig den Papierschnipsel in den Mund stecken. Einen Sekundenbruchteil später war zu beobachten, wie 20 Schüler angeekelt die Gesichter verzogen, laute, unästhetische Geräusche des Abscheus produzierten und angewidert den Papierschnipsel entweder ausspuckten oder hektisch mit den Fingern aus dem Mund entfernten. Und diese 20 – darunter ich – überzogen die Biolehrerin, die lachend am Lehrerpult stand, mit lautstarken Vorwürfen. (Ich glaube, ich bezichtigte die Lehrerin, sie wolle uns wohl umbringen … 😉 )

Irritiert beäugt wurde dieses Szenarium von den 4 übrigen Mitschülern. „Was habt ihr denn?“ riefen sie in der Angst, etwas verpasst zu haben. 😉 Daraufhin hagelte es von der Mehrheit auch noch Vorwürfe in Richtung der vier Ahnungslosen. Ob sie uns verarschen wollten! Das sei das Widerlichste und Bitterste, das man sich nur vorstellen könne – und sie fragten, was wir denn hätten! „Bitter? Wieso? Das schmeckt doch nach gar nichts,“, kam von den vieren, und wir anderen begannen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Glücklicherweise griff da Frau P. ein und erklärte, die vier seien ganz normal, nur eben sogenannte Nichtschmecker. Und sie erklärte das spannende Phänomen, ebenso das, bei dem es um die Fähigkeit des Zungenrollens ging. Glühend beneideten wir die vier Nichtschmecker, denn das Furchtbarste an diesem widerlichen PTH war, dass der Geschmack noch lange vorhielt … Aber nun waren wir wenigstens im Bilde. Nur der einzige Mitschüler, der sowohl Nichtschmecker, als auch Nicht-Zungenroller war, ging nach der Stunde gesenkten Hauptes aus der Klasse. Er fühlte sich wohl benachteiligt … 😉

Vielleicht ist es beim Ironie- und Sarkasmusverständnis ja ähnlich. Hier monierte jemand einen Kommentar, der derart überspitzt war, dass es mir fast schon zu dick aufgetragen war. Und der einen Ironiehinweis Vermissende hatte ihn für bare Münze genommen, höchst humorlos gegenkommentiert, war ausgelacht worden und nun sauer, weil es ihm peinlich war, das Offensichtliche nicht erkannt zu haben. Ist der Hammer schuld, wenn sich jemand damit auf die Flossen haut?

Ironiehinweise sind der Tod der wahren Ironie und des Sarkasmus. Und im Vergleich zu den Zahlenverhältnissen bei PTH-Nichtschmeckern versus PTH-Schmeckern scheinen die Verhältnisse hier – sukzessive – bald diametral zu sein; zumindest fühlt es sich so an, dass bald die Mehrheit Ironie und Sarkasmus nicht mehr versteht …

Dabei begeben Sarkastiker sich stets in akute Gefahr, denn ihre Bemerkungen können sich bei Nichtankommen beim Adressaten wie ein Bumerang verhalten und einem dann an den Kopp knallen. Es ist bitter, fast so bitter wie Phenylthioharnstoff, wenn das Gegenüber eine solche Bemerkung nicht versteht, sondern für bare Münze nimmt und einen dann reflexartig mit Zurechtweisungen oder gar Beschimpfungen überzieht. Am schlimmsten, wenn die Zurechtweisungen mit sanfter, vermeintlich nachsichtiger Stimme geäußert werden. Verdammt! Kapiert nicht, was ich eigentlich meinte, fühlt sich aber überlegen – Schmach in Reinform … 😉 Dabei sind Sarkasmus und Ironie im Grunde nicht als Waffen gedacht, sondern als Stilmittel. Aber an Stil mangelt es gemäß meinem Dafürhalten ohnehin in zunehmendem Maße … 😉

Am schlimmsten ist es, wenn man an einen eifrigen Küchenpsychologen gerät, der einem gleich eine schwere Kindheit attestieren will, weil er meint, dass die Quelle des Sarkasmus in schrecklichen Kindheitserfahrungen liegen müsse. Nein. Muss es nicht. Manche Menschen sind einfach so. Akzeptiert es. 😉

Dass nun – von immer mehr Leuten, wie ich kürzlich erfuhr – Ironie- und Sarkasmuswarnungen gefordert werden, wundert mich allerdings gar nicht so sehr. Nicht in einer Zeit, da einem sicherlich bald auch noch erklärt wird, wie man atmen müsse.

In diesem Sinne – ein schönes Wochenende! Und das meine ich völlig sarkasmus- und ironiefrei. 😉

„Where are we now?“

Einer meiner Lieblingssongs von David Bowie – so schön melancholisch. Ich hörte ihn heute wieder im Auto, als ich zur Arbeit fuhr. Und – ich gebe es zu – ich sang laut mit. Mir war so danach. 😉 (Fahrt nie als Beifahrer mit mir, denn entweder fluche ich – oder ich singe. 😉 Doch nein: Würde jemand mit mir mitfahren, würde ich maximal fluchen. Singen niemals. Eher wie aufgezogen reden, weil ich stets viel rede. 😉 )

Irgendwie passt der Song auch in diese Zeit und zur derzeitigen Stimmung. Where are we now? Wo sind wir nun? Wohin sind wir geraten? Oder: Wohin sind wir nur geraten?

Eine Frage, die ich mir ganz oft stelle. Nicht selten, sobald ich die Zeitung lese. Ich bin damit großgeworden, dass Medien dazu da seien, den Gemeinen Bürger zu informieren, und das, bitte, möglichst fundiert. Und, ganz klar, natürlich möglichst neutral. Mag sein, dass mein Anspruch irgendwie vom heutigen Anspruch differiert – ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, ich sei irgendwie in die falsche Zeit hineingeworfen worden. Oder, ohne dass ich es merkte, in ein Paralleluniversum gebeamt.

Zeitunglesen war früher eigentlich schöner. Damals, als man dem Leser noch eine gewisse Grundintelligenz zutraute, zugestand. Gut, es mag auch damals schon Menschen gegeben haben, die diesem Vertrauensvorschuss nicht gerecht wurden. Aber das liest sich so richtig widerlich arrogant. Ich will nicht arrogant sein, befürchte dennoch … Nun ja.

Inzwischen bin ich immer wieder erstaunt, wenn ich die Zeitung aufschlage und Dinge lese, die ich zunächst für ganz neu hielt, da getarnt durch irreführende Überschriften. Im Grunde aber bin ich jedes Mal nicht nur enttäuscht, sondern bisweilen, gar nicht selten, sogar schockiert! Denn nicht selten handelt es sich um Aspekte, die völlig selbstverständlich sind, die man mit nur einem Jota gesunden Menschenverstandes eigentlich selber weiß und handhabt!

Vor einigen Tagen las ich allen Ernstes: „Wie Sie bei Schnee und Eis am besten gehen“! Ich war neugierig. Hatte man eine neue Technik entwickelt, sich bei Schneeglätte und Blitzeis auf seinen beiden Füßen oder sonstwie vorwärts zu bewegen? (Ich empfehle bei Blitzeis den Gang auf allen Vieren, ergo auf Händen und Knien, obwohl man auch da dauernd weggleitet … Besser noch: auf dem Bauch rutschen. Das hat den Vorteil, dass man eh schon auf dem Boden liegt. Und das Rutschen geht ganz einfach und sogar dann, wenn man es eigentlich gar nicht wünscht.)

Ich klickte den Artikel an, las und brach in eine Art Geheul aus. Das Geheul des Gepeinigten. „Gehen Sie wie ein Pinguin“ hatte da gestanden. Man müsse kleine Schritte machen. Ach! Revolutionär! Ein Experte – wir leben in der Hochzeit der Experten! – beschrieb en détail, wie man die Füße zu setzen habe. (Als ich nach dem Lesen des Artikels kurz ins Bad musste, um mich zu übergeben – nein, nicht wirklich -, sah ich im Badezimmerspiegel mit Schrecken, dass meine Stirn knallrot war. Was um alles in der Welt war das? Eine Spontanallergie? O Gott! Ich dachte lange und ausgiebig darüber nach, erwog schon die Konsultation eines Experten, bis mir einfiel, dass ich mir offenbar beim Lesen des Artikels wiederholt und hochfrequent mit Schmackes mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen hatte, und das unter dem wiederholten Ausruf: „Nein! Nein! Nein-nein-nein! Das kann doch nicht sein! Wollt ihr mich verarschen?“)

Ich kehrte an meinen PC zurück, obwohl ich mir des Risikos bewusst war, irgendwann aufgrund von Hyperventilation bewusstlos zu werden. So nahm ich den Umweg über die Küche, um eine Papiertüte zu holen. Man weiß ja nie, was passiert, aber gut ist es, zu wissen, dass man bei Hyperventilation in eine Tüte aus- und einatmen muss, um den CO2-Gehalt im Blut wieder zu erhöhen. 😉

Unter dem Artikel standen inzwischen diverse Kommentare. Einige beruhigten mich – die waren sarkastisch und besagten, dass die Schreiber den Artikel genauso bescheuert fanden wie ich. Aber es gab auch einige, die ernstgemeint waren und die Sarkastiker in ihre Schranken wiesen, indem sie meinten, was das denn solle – man müsse doch dankbar sein für gute Tipps, und einige Mitmenschen fänden wohl immer ein Haar in der Suppe! Aaah!

Zwei Tage später begab ich mich auf harmloseres Terrain. Glaubte ich zumindest, als ich die Wochenendkategorie „Kulinarisches“ anklickte. Da gab es das „ultimative Pfannkuchen-Rezept“! Gut, meine eigene Schuld, das Ding überhaupt anzuklicken – ich gebe es zu. Aber man lernt ja gern dazu. Oder nicht?

Gut, ich lernte auch hier dazu … Nichts über Pfannkuchen, denn da stand das Standard-Pfannkuchenrezept, von Mama, Oma, Ur-, Ur-Ur-, Ur-Ur-Ur- und sonstigen Omas stets so durchgeführt, weil man Pfannkuchen einfach so macht! Das Neue war, dass man zum Schluss den Ratschlag gab: „Lassen Sie also den fertigen Pfannkuchenteig in der Flasche im Laden stehen!“

Pfannkuchenteig in Flaschen! Aua. War mir zwar schon seit vielen Jahren bekannt, aber bis dato habe ich immer versucht, dessen Existenz zu ignorieren. Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so einfach sind wie die Herstellung eines Pfannkuchenteigs. Ich saß kopfschüttelnd vor meinem Rechner. Fortschrittlich war, dass ich keine Geräusche von mir gab. Ich hatte gelernt, rief nicht mehr: „Nein-nein-nein!“ Ich war verstummt.

Heute las ich in der Onlineversion einer Tageszeitung, dass nach Silvester zurückgerudert werde – es seien nicht nur Staatsbürger dreier Länder des nördlichen Bereichs eines anderen Kontinents in Köln oder anderswo aufgefallen, sondern auch Staatsbürger anderer Staaten, die hier Schutz suchten, wie es hieß. (So man hier überhaupt eine präzise Zuordnung leisten kann.)

Ich war bass erstaunt – und auch ein wenig enttäuscht, weil es so vorhersehbar war. Aber irgendwie auch beruhigt, denn eigentlich hatte ich schon mit einem Kollegen wetten wollen, wie lange es wohl dauern würde, bis hier zurückgerudert werde. Ich grinste sogar, als ich die Meldung las, fragte mich aber, was nun daran besser sei. Eigentlich nichts. Und das nach tagelanger Aufregung um eher semantische Aspekte. Ich will auf keinen Fall, dass Unschuldige bezichtigt werden. Aber ich frage mich auch, was nun diese Haarspaltereien sollen.

Dann noch verschiedene Artikel über die bombastische, kürzlich eröffnete Errungenschaft der Stadt Hamburg, seit zehn Jahren im eifrigen Gespräch. Es gab so viele verschiedene Urteile. Einige verfolgten den Tenor, dass die Akustik in dieser Philharmonie massiv zu wünschen übrig lasse. Erstaunlich die Kommentare. Wo Kritik an der Akustik, der Kernkompetenz eines Konzerthauses, laut wurde, wurde gern gebrüllt: Aber diese Philharmonie sei ein Tourismusmagnet für die Stadt Hamburg – und sie sähe ja auch so geil aus! Herzlichen Glückwunsch, ja, tut sie. Aber es ging um Akustik, nicht um Architektur, auch wenn beides mit A beginnt, dem schönsten der fünf Vokale. 😉 Mein Name lautet damit an. 😉

Und es gab noch so viele andere Artikel, da ich mich fragte, wie es um die Lesekompetenz, die Eigenverantwortung und das Verständnis heutzutage bestellt sei … Ist denn nur noch der Schein wichtig? Wird noch selber gedacht? Manchmal frage ich mich das wirklich. Mundus vult decipi – eine lateinische Redensart: Die Welt will betrogen sein. Ist das wirklich so? Wenn ja, stelle ich mir die Frage: „Where are we now?“ doppelt und dreifach. Will die Welt nur betrogen werden, oder will die Welt auch, dass man ihr die einfachsten und selbstverständlichen Dinge vorkaut und vorschreibt? Falls ja, würde mir das Angst machen. Falsch. Es macht mir Angst.

Aber was mich dann immer wieder aufmuntert und erheitert, ist die Tatsache, dass es nicht selten die Menschen sind, die Vorschriften auch hinsichtlich Selbstverständlichkeiten fordern und begrüßen, die dann ebenso rigide darauf beharren, dass „wir das Volk der Dichter und Denker“ seien.

Na, dann! Dann ist ja alles tutti! 😉 Und ich frage mich ab sofort nicht mehr: „Where are we now?“, sondern lächle nur noch, dankbar für all die wertvollen Tipps und Hinweise, und denke gar nicht mehr. Wenn das kein echter Fortschritt ist! 😉

Ein kleiner Ratgeber für Aviatophobiker

Nein, ich gehöre nicht dazu – ich habe keine Flugangst. Vielmehr fliege ich für mein Leben gern, was in meiner Familie weitverbreitet ist. Mein leider verstorbener Onkel Hans-Jörg war darin so fortgeschritten, dass er selber flog. Unvergessen die Wochenenden bei ihm und Tante Henrike, genauer: die jeweiligen Frühstücke. Denn keines verging, ohne dass Onkel Hans-Jörg mehrfach aufsprang, wenn er Motorengeräusche aus der Luft vernahm, ans Fenster rannte und begeistert schrie: „Da! Das ist eine Cessna 205!“ oder: „Hol mich der Teufel, wenn das keine Piper PA-32 ist! Eine Cherokee Six!“

Der Teufel hat ihn nicht geholt, und Fachleute bestätigten, dass Onkel Hans-Jörg sich so gut wie nie irrte. Er hörte es wohl am Motorengeräusch, und sobald die Maschine in Sichtweite auftauchte, bestätigte sich der erste Eindruck. Sein Traum: selber fliegen. Und den hat er auch wahrgemacht und erwies sich obendrein als sehr guter und vorausschauender Flieger mit Nerven aus Stahl. Es lag ihm wohl am Herzen, und er war mit Begeisterung Flieger. Ich war sehr stolz auf meinen Onkel.

Irgendwie scheint das Gerne-Fliegen in der Tat in meiner Familie verwurzelt zu sein – weiß der Himmel (!), woher es kommt.

Flugangst? Nö. Nur einmal habe ich echte Beklemmungen auf einem Flug gehabt, die ihren Ursprung allerdings noch auf dem Boden hatten. Drückende Situation im Flieger, in dem wir weit über die Abflugzeit hinaus am Gate angedockt standen, quasi ein Wärmestau, obwohl die Klimaanlage an war, deren monotones Dröhnen jedoch ziemlich an die Nerven ging und nur noch durch ein schreiendes Baby in der Reihe hinter Stephanie und mir getoppt wurde. (Ich bin leider ein Geräuschsensibelchen und kann Wärmestaus nicht gut vertragen … 😉 ) Es war ein noch sehr kleines Baby, ein Säugling, und eigentlich war der Säugling auch gar nicht so schlimm. Man hätte ihn einfach schreien lassen sollen, den kleinen Kerl, der sich wohl in dem stickigen Gedröhn auch einfach nicht wohlfühlte. Seine Eltern aber – er war wohl ihr allererstes Kind und neu noch dazu – versuchten, das winzige Ding abzulenken, indem sie mit lärmenden Rasseln und Spieluhren Abhilfe schaffen wollten, worauf der kleine Kerl nur noch lauter schrie. (Ich konnte ihn gut verstehen – wir waren wohl quasi ähnlich geartet. 🙂 ) Als wir schließlich vom Gate geschoben wurden und auf dem Taxiway dahingondelten, kam uns auch noch ein ebenfalls dahinrollendes Flugzeug in die Quere, und unser Pilot musste abrupt bremsen. Das Flugzeug, ein Airbus 321, war hervorragend und weich gefedert, und es schwankte und pendelte vor- und rückwärts, dass mir so richtig schlecht wurde. Gekoppelt mit der Wärme, dem Dröhnen, dem Schreien des Winzlings und den Rasseln und Spieluhren, fühlte ich mich, als sei ich in einem schwankenden Irrenhaus gelandet. Und da muss man sich doch anpassen – oder? 😉

Mir war speiübel, mein Herz raste, kalter Schweiß stand auf meiner Stirn, und am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte eine der Flugbegleiterinnen gezwungen, die Tür sofort zu öffnen und mich hinauszulassen! (Man sagt von Seekranken, dass man sie bisweilen festbinden müsse, weil sie in ihrer Panik sogar lieber freiwillig über Bord gehen und ertrinken würden, um ihrem Martyrium zu entfliehen … Mir ging es ähnlich, auch ohne See …) Aber das ging nicht mehr, denn inzwischen rollten wir Richtung Startbahn. Zum Glück flogen wir nur nach Nürnberg, aber es waren die schlimmsten 40 Minuten meines Lebens. Stephanie meinte es gut und wollte mich ablenken, indem sie mich ständig fragte: „Du musst aber doch nicht brechen! Oder? Hier, trink einen Schluck Wein – und sieh aus dem Fenster, dann geht es dir besser!“ Ich trank mühsam einen Schluck Wein (es ist mühsam, zu trinken, wenn man nicht ganz sicher ist, ob die Flüssigkeit auch bei einem bleiben möchte …) und starrte aus dem Fenster, als zwinge man mich mit einer Knarre an der Schläfe dazu. Da flogen wir gerade eine steile Linkskurve über Düsseldorf, und ich starrte annähernd frontal auf die Hausdächer weit unter mir, aber doch gut als solche erkennbar. Keine gute Idee, obwohl das ansonsten perfekt hilft, wenn man einfach nur einen Bezugspunkt benötigt – wie bei Übelkeit auf Schiffen der Blick auf den Horizont allmählich Besserung eintreten lässt. Einfach stur starren. Half hier aber nicht – im Gegenteil! Mehr tot als lebendig kam ich in Nürnberg an. Ich habe es nie vergessen und weiß bis heute nicht, warum das passiert ist. Ich vermute, es lag an den Umständen: Wärme, penetrante Baby-Aufscheuchungsmittel – das Babygeschrei selbst empfand ich gar nicht als so störend -, Dröhnen und diffuses Stimmengewirr. Dazu noch dieser wenig magenschonende Bremsvorgang – ich hasse zu weiche Matratzen, und offenbar hasse ich auch zu weiche Federung bei Luft- und sonstigen Fahrzeugen. 😉

Zum Glück ein einmaliger Vorfall, auch wenn ich seitdem immer daran denken muss, wenn ich mal wieder im Flieger sitze und mich wie Bolle freue, mal wieder zu fliegen. Irre, aber wahr. Man sollte auch nicht lange darüber nachdenken, aber zumindest weiß ich, wie man sich als Aviatophobiker wohl fühlen muss. Daher hier nun ein kleiner Ratgeber, angelehnt an meinen heutigen Flug von Nürnberg nach Düsseldorf …

(Nur für die Regie: Ich bin heute um 06:00 h in Bamberg im Hotel aufgestanden, weil ich einen Zug um kurz vor 8 nach Nürnberg Hbf erreichen musste, um dann die nächste U2 zu bekommen, eine jener führerlosen Nämbercher U-Bahnen, die zum Albrecht Dürer Airport Nürnberg fährt. Mein Flieger sollte um 11:05 h starten und gegen 12:10 h in Düsseldorf landen. Zu Hause war ich dann – und alle Züge waren pünktlich – um 16:45 h … Ein paar kleine Verzögerungen gab es, während derer ich dachte: „Hättest du Flugangst, wäre das hier ein Alptraum!“)

Und da kam mir die Idee mit dem kleinen Ratgeber … 😉

Ein kleiner Leitfaden für Flugängstliche

Wir alle kennen wohl das Gefühl, hilflos einer höheren Macht oder dem Finanzamt ausgeliefert zu sein – was im Grunde aufs Selbe herauskommt.

So geht es auch einigen beim Fliegen. Da ich einmal zu spüren bekommen habe, was das bedeutet, hier nun einige wirklich wahnsinnig hilfreiche Hinweise … 😉

1.            Bereiten Sie sich gründlich auf das Abenteuer vor. Nein, das bedeutet keineswegs, dass Sie sich Mut antrinken sollen – Rotwein färbt Erbrochenes so unnatürlich, dass es aussieht, als handle es sich um Heringssalat mit Roter Bete. Nicht machen! Ihre Sitznachbarn werden es Ihnen danken.

Sagen Sie sich einfach: „Ich fliege heute von Paris nach Rom!“ Oder so etwas in der Art. Ganz so, als sei das etwas völlig Alltägliches – was es für manche Leute ja auch ist. Warum also nicht für Sie? 😉 Denken Sie in Zweifelsfällen an das Oberhaupt der Regierung und den klugen Spruch, dass Angst ein schlechter Ratgeber sei. 😉 Denken Sie aber nicht allzu oft und zu lange daran. Nicht, dass noch Widersprüche auftauchen, die Sie messerscharf erkennen. 😉 Nein, nein! Alles ist in bester Ordnung! 😉

2.            Grübeln Sie nicht darüber, dass der Mensch nicht fürs Fliegen geschaffen sei. Das ist Unsinn. Hummeln fliegen ja auch und scheinen fröhlich brummend stets die Botschaft zu übermitteln: „Fliegen macht Spaß!“ 🙂 Zumindest ist ein Ende – wie auch immer – absehbar. Nichts dauert ewig. Wenn man denn mal in der Luft ist … (Das kann sich manchmal hinziehen, aber denken Sie gar nicht darüber nach … Denken Sie am besten gar nicht! Ein heutzutage ohnehin bisweilen recht kluger Ratschlag. 😉 )

3.            Wenn Sie am Flughafen ankommen, checken Sie sofort und unverzüglich ein. Geben Sie Gepäck stets auf, und packen Sie Dinge, an denen Ihr Herz wirklich hängt, in den Koffer! So verhindern Sie, dass Sie in blinder Panik vom Gate wegrennen und am Ende noch von der Polizei in Gewahrsam genommen werden, weil Sie laut und unartikuliert schreiend und sich an den Haaren reißend durch die Gegend springen.

4.            Nach dem Check-in sofort durch den Security Check – dann ist das Zurück noch schwieriger. Nein, falsche Formulierung … Damit festigen Sie Ihren löblichen Entschluss, Ihre Angst zu überwinden!

Und denken Sie niemals darüber nach! 😉 Denken Sie an den schönen, großen Duty-free-Shop, in dem es so viele wundervolle Sachen gibt, legen Sie brav Ihr Handgepäck nebst Bordkarte und Smartphone(s) in eine Plastikwanne auf dem rollenden System zur Durchleuchtung. Denken Sie an den Gürtel an Ihrer Hose, den Sie in eine weitere Plastikwanne legen, zusammen mit Ihrer Armbanduhr, Ihrem Schal und Mantel oder Jacke. Ihr Laptop, Tablet sowie Portemonnaie (überprüfen Sie Ihre Hosentaschen auf Münzgeld!) dann in eine dritte Wanne, und in die vierte kommen dann Ihre Schuhe. Denken Sie – anders als ich heute – daran, keine niedlichen Ringelsöckchen zu tragen, wenn Sie dauerhaft ernstgenommen werden wollen. 😉

5.            Dann werden Sie in den Bodyscanner gebeten. Stellen Sie Ihre ringelbesockten Füße auf die beiden gelben Fußabdrücke auf dem Boden. Heben Sie Ihre Arme, als wären Sie soeben der Meisterklasse der Eleven einer renommierten Ballettschule entronnen, über Ihren Kopf. Am besten lächeln Sie dabei. Lächeln wirkt ohnehin so entspannend. 😉

6.            Denken Sie nicht, dass Sie gleich verhaftet werden, wenn man Sie aus dem Bodyscanner bittet und Sie dann abtastet, als seien Sie ein Schwerstkrimineller mit Waffen im BH, während sinister aussehende Gestalten am Nebenschalter fröhlich und ungehindert einfach durchgewinkt werden. Es geht nicht gegen Sie! Es geht um unser aller Sicherheit. Zu Land, zu Wasser – aber speziell in der Luft.

7.            Sollten Sie nach der Abtastung vom Sicherheitspersonal an die Seite gerufen werden, das einen Gegenstand aus einer Ihrer vier Plastikwannen anklagend in der Hand hält, bleiben Sie ruhig! Sagen Sie, dass Ihnen völlig durchgegangen sei, dass Ihr Lieblingsparfum noch blank und bloß in seinem Flakon in der Handtasche steckte, obwohl es doch in einem vergleichsweise kleinen Plastikbeutelchen in einer fünften Plastikwanne in der Kolonne hätte liegen müssen – zusammen mit Shampoo, Kochsalz- und Aufbewahrungslösung für Ihre Kontaktlinsen, Deo, Haarspray, Nagellack und -entferner nebst weiteren Flüssigkeiten. Mein Tipp daher noch einmal: Packen Sie alle Flüssigkeiten in einen Trolley, den Sie dann einfach aufgeben, während Ihre Handtasche nur feste Stoffe enthält. (Obwohl ich es irgendwie unfair fand, als man es bei meinem vorletzten Security-Check einer ökologisch abbaubaren Dame durchgehen ließ, dass sie eine Flasche Apfelessig im Handgepäck hatte, während ich gedemütigt gerade meine sehr engen Stiefeletten wieder anzog, in denen man offenbar Handgranaten vermutet hatte … Nachdem ich meinen Lieblingsnagellack hatte entsorgen müssen – dieses wunderschöne Rot habe ich nie wieder gefunden, und ich glaube fast, ich hatte Tränen in den Augen …)

8.            Besuchen Sie zum Trost den Duty-free-Shop. Sie werden dort gewiss das eine oder andere finden, das Sie über das Grauen zuvor hinwegtrösten wird. So gehen Sie schon viel gelassener ans Gate!

9.            Sehen Sie sich dort die Mitpassagiere nicht allzu genau an. Ein wirklich guter Rat. Manche wirken ein wenig … strange. Einfach nicht hinsehen. Oder sich fröhlich lachend denken, dass die anderen Sie unter Umständen auch für einen Terroristen halten. Auch das hilft bisweilen. 😉

10.          An Bord setzen Sie sich einfach nur hin, schnallen sich an und halten die Backen. Auch, wenn Sie etwas Brenzliges riechen. Wahrscheinlich wird gerade eines der überteuerten und in der Auslage gepriesenen „AirSchmeckt“-Baguettes in einer Galley aufgebacken! 😉 Einfach nicht darüber nachdenken – Sie können eh nichts ändern. 😉

11.         Beim Start: Ja, da wird es bisweilen etwas lauter. Schreien Sie aber nicht: „Huch!“ oder etwa: „O Gott!“, wenn die Triebwerke gecheckt werden. Nicht alle Mitreisenden sind gläubig. Auch vorher sollten Sie nicht kundgeben, dass Flugzeuge eigentlich gar nicht rückwärts fahren können. Sie könnten andere Fluggäste irritieren. Obwohl Sie Recht haben: Flugzeuge haben keinen Rückwärtsgang und werden aus der Parkposition geschoben, wenn sie an einem Gate angedockt sind.

Vor der Startbahn kommt der „taxiway“, die Rollbahn, auf der Sie – und all die anderen Leute im Flugzeug – gen Startbahn rollen und nichts dagegen tun können. Lassen Sie es einfach zu, jammern Sie nicht, und auch Weinen könnte die anderen Fluggäste verängstigen. 😉

Richtig laut wird es dann, kurz bevor die Maschine startet, ergo richtig loslegt. Starren Sie niemals beunruhigt aus dem Fenster (Sie nehmen am besten ohnehin keinen Fensterplatz!), äußern Sie niemals Einwände. Lassen Sie sich fallen … Und in den Sitz drücken, wenn die Triebwerke volllastig sind und die Maschine losrast … Mal ehrlich: Ist das nicht einfach geil? 😉 Versuchen Sie, so zu denken, krallen Sie sich nicht am Vordersitz fest. 😉

12.          Ja, es ist ein bisschen unangenehm, wenn die Maschine im Steigflug begriffen ist, und es fühlt sich an, als wollten beide Trommelfelle mindestens bis ins Innenohr, wenn nicht ins Gehirn hineinkriechen … Nehmen Sie Kaugummis mit, einen Beißring für Babys oder etwas Ähnliches. Alles wird gut!

13.          Bleiben Sie stets angeschnallt, zumindest auf Kurzstrecken. Das ist kein Weicheitum. Ich weiß, wovon ich spreche …

14.          Hören Sie immer auf das, was die Crew Ihnen sagt. Die wissen, warum sie das tun.

15.      Nicht über unerwartete Geräusche erschrecken und laut schreien: „O Gott, wir stürzen ab!“ Wahrscheinlich wird gerade nur das Fahrwerk ausgefahren – oder slats und flaps, die dabei helfen und notwendig sind, gut zu landen.

Bei der Landung rummst es manchmal beim Aufsetzen etwas – je nach Wetterlage und Pilot -, aber auch das sollte Sie nicht schrecken. Und wenn Sie dann auf dem Boden sind, sollten Sie auch nicht in Panik verfallen, wenn die Maschine zunächst weiterrast – das muss so sein. Sie werden auch in Kürze bemerken – es wird dann recht laut, und es zieht Sie etwas aus Ihrem Sitz, aber Sie sind ja angeschnallt -, dass der Pilot Schubumkehr eingeleitet hat. Das ist nichts Schlimmes und gehört zum Bremsvorgang. Also nicht schreien: „O Gott – wir werden alle sterben!“ Das könnte zu einem Tumult in der Maschine führen. 😉

16.         Am besten im Frühjahr oder Sommer den allerersten Flug wagen, nicht im Herbst und Winter. (Obwohl es da viel spannender ist … 😉 )

Und mein allerletzter Rat: Wenn sich ein hinterwärtiges Bedürfnis in Ihnen regt, das noch aufschiebbar ist: Schieben Sie es auf, bis Sie im Flieger sitzen! Denn das hilft über all Ihre anderen Sorgen hinweg. 😉 Man braucht einfach manchmal ganz reelle Sorgen. Die helfen über Ängste und andere Misshelligkeiten hinweg. 😉

Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen, und das als Nicht-Aviatophobikerin, aber mit einem kleinen Eindruck dieser Not. 😉 Und natürlich eher augenzwinkernd. 😉 Ich kam heute kurz vor dem Dunkelwerden zu Hause an. Wir sind mit über zwei Stunden Verspätung in NUE losgeflogen, wurden insgesamt dreimal enteist, weil es so stark schneite. Aber all das habe ich – wenn auch zähneknirschend – auf mich genommen, denn: Ich fliege für mein Leben gern. Fliegen ist geil! 🙂 Und man muss immer mit Humor bei der Sache sein. 😉 Dann übersteht man auch heftigere Flüge, die ich stets besonders spannend fand. 😉

Euch alles Gute fürs Neue Jahr! 🙂