Die berühmte Duplizität der Ereignisse

Es gibt Tage, da komme ich abends nach Hause und denke: „Am liebsten würde ich morgen und überhaupt nicht mehr rausgehen …“ Natürlich würde ich niemals so handeln, aber es gibt eben Tage, da begegnet man Menschen, deren Verhalten man im Grunde gar nicht für möglich gehalten hätte. Kurz: An manchen Tagen scheinen nur Bekloppte herumzulaufen.

Übrigens nehme ich mich da gar nicht aus – auch ich bin nicht immer bester Stimmung und verhalte mich auch bisweilen so, dass andere das vielleicht nicht verstehen. Aber so, wie es mir vorhin widerfuhr, verhalte ich mich zum Glück wohl nie, auch wenn ich ein loses Mundwerk habe …

Doch von Anfang an. Ich verließ heute gegen Mittag das Haus, weil ich einen Arzttermin hatte. Auf dem Weg zur Haustür begegnete ich dem Ehepaar Wolski, das über mir wohnt. Die beiden sind recht nett, und ihn als Mitglied des Vorstands der Wohnungseigentümer hier hatte ich schon zuvor einmal gefragt, ob er wisse, ob es zufällig einen freien und mietbaren Stellplatz gebe, da die Parksituation hier in „meiner“ Straße wirklich gruselig ist. Und morgen und übermorgen wird es noch gruseliger, da der Garagenhof hinter dem Häuserkomplex neu gepflastert wird. Will heißen: Sämtliche Garagen- und Stellplatzinhaber müssen zwei Tage lang auch vorne auf der Straße parken, wo eh schon kaum noch Platz ist. Daher bleibt der kleine Monty morgen auch genau da stehen, wo er steht: Direkt vor dem Haus und parallel zum Bürgersteig. Lieber fahre ich mit Straßenbahn und Bus, als abends nach Hause zu kommen und festzustellen, dass es keinen Platz mehr gibt.

Herr Wolski meinte auch: „Das wird hier morgen und übermorgen ganz schlimm.“ – „Ja, und deswegen bleibt mein Auto morgen auch stehen. Ich habe keine Lust, abends nach Hause zu kommen und dann bis Resse fahren zu müssen, um einen Parkplatz zu bekommen.“ Frau Wolski lachte sich bei der Vorstellung, ich müsse in den Nachbarstadtteil fahren, um überhaupt irgendwo parken zu können, schlapp, meinte aber, so unrealistisch sei das gar nicht.

Ihr Mann meinte, es gebe einen Stellplatz, der von dessen Mieter nicht genutzt würde, der lieber zwei Plätze blockiere, indem er vor dem Haus parke. Ich könne ja mal die Eigentümerin des Stellplatzes fragen, ob sie den von meinem Nachbarn offenbar gar nicht genutzten Stellplatz mir vermieten würde. Sonst gebe es nur noch einen Stellplatz, der zwar auch nicht genutzt würde, weil der Eigentümer inzwischen an anderer Stelle eine Garage habe, „aber, Frau B., ich nenne Ihnen gern seinen Namen, doch falls Sie ihn ansprechen, sagen Sie ihm bitte nicht, dass ich Ihnen seinen Namen genannt habe. Ich spreche mit diesem Menschen nicht mehr. Der hat sich binnen kürzester Zeit mit allen Nachbarn verkracht und ist ein extrem unleidlicher Zeitgenosse. An allem hat er was zu meckern. Rentner, könnte ein schönes, ruhiges Leben haben – aber er legt sich lieber mit allen Leuten an. Ich bin nicht der Einzige, der vermutet, dass er einfach einen Ratsch im Kappes hat. Nur zu Ihrer Info, falls Sie ihn ansprechen sollten.“ Hmmm – wollte ich einen Stellplatz von jemandem mieten, der einen Ratsch im Kappes hat und sicherlich bei jeder – auch nichtvorhandenen – kleinen Störung einen Lauten macht?

„Herr Wolski, nennen Sie mir lieber den Namen der Dame, der der andere Stellplatz, der von Herrn K. offenbar gar nicht genutzt wird, gehört … Man will sich ja nicht ohne Not Ärger ins Haus holen.“ Herr Wolski lachte und gab mir den Namen der Nachbarin. Er meinte, er wolle aber auch die Augen nach einem Stellplatz für mich bzw. den kleinen Monty offenhalten.

Super – offenbar gibt es einen Nachbarn, der einfach sozial nicht kompatibel ist. Solche Leute sind nicht wirklich angenehm, und man sollte einen großen Bogen um sie machen. Das dachte ich, als ich das Haus verließ und – auch heute schon – gen Straßenbahnhaltestelle schritt. Denn ich musste ja auch noch nach Dortmund, wo ich mein Seminar abhalten musste.

Arztbesuch und Seminar liefen prima, und sogar die S-Bahn war pünktlich, mit der ich von der Uni-Haltestelle losfuhr. Auch die Anschlussbahn war pünktlich, und gegen 18:50 h fuhr sie in meinem Heimatbahnhof ein. Ich brauchte dringend noch Brot, Quark und Toilettenpapier, und so stürmte ich den Supermarkt in der Bahnhofspassage, da meine Straßenbahn gerade weg war.

Wie üblich um diese Zeit war dort sehr viel los. Klar, viele Pendler kaufen dann dort ein. Ich hatte wenig Lust, mich dort länger als nötig aufzuhalten, und so beeilte ich mich und langte dann an einer von zwei geöffneten Kassen an. Es ging nicht so recht voran, ich war müde und wollte nach Hause, aber ich harrte geduldig aus. Was blieb mir auch übrig? 😉

Endlich konnte ich die Waren aufs Band laden – nur Zigaretten fehlten noch. Der Automat an der Kasse war nicht in Betrieb, also würde ich die Kassiererin bitten müssen, ihn einzuschalten. Als ich mich ihr gerade zuwenden wollte, pampte mich von hinten, drei Leute hinter mir, ein älterer Mann mit einem karierten Hut an: „Verdammt nochmal, jetzt schieben Sie die Dinger doch mal weiter – da kommt man ja gar nicht dran!“ Ich war irritiert und wusste erst nicht, was er meinte. Erst als er sich unter dem Protest der beiden vor ihm Stehenden an diesen vorbeidrängelte und links neben das Band griff, wusste ich, was er meinte: Er wollte einen Warentrenner haben, einen dieser im Querschnitt dreieckigen Stäbe, die die Waren der Kunden auf dem Kassenband voneinander trennen!

Klar, ich hätte diese natürlich weiterschieben können, aber ich war gerade im Begriff gewesen, die Kassiererin anzusprechen. Und – ehrlich gestanden – so dringend war sein Bedürfnis nun nicht, da er seine Waren ohnehin noch nicht aufs Band legen konnte, weil es bis hinten besetzt war, sich aber merkwürdigerweise keiner der vor ihm Stehenden aufgeregt hatte. Die hatten vielleicht ein besseres Gedächtnis als „Herr Ich-nörgle-also-bin-ich“, vielleicht waren sie auch geduldiger. (Um die Ehrlichkeit zu ihrem Recht kommen zu lassen: Ich war gerade abgelenkt gewesen, denn ich bin normalerweise durchaus hilfsbereit und denke ebenso bisweilen mit. 😉 )

Ich sah ihn an, und als Erstes schoss mir der Satz durch den Kopf: „Mann mit Hut fährt selten gut.“ Offenbar gilt die mangelnde Güte aber auch in anderen Bereichen … Als Zweites dachte ich: „Ah, ja – einer dieser ‚Männer vom alten Schlag‘, die alle anderen für doof halten, speziell Frauen, die für sie nur für eines gut sind, und die daheim Omma Elfriede unterdrücken, die nur noch gesenkten Hauptes herumläuft und sich kaum traut, den Mund aufzumachen. Männer, die einen Anfall bekommen, wenn das Essen nicht Punkt 18 Uhr auf dem Tisch steht – und wehe, es schmeckt ihnen nicht!“ Diese Art Männer hatte ich schon als Kind nicht leiden können – und nun pampte mich ein Exemplar davon an, das gut und gerne der Prototyp dieses furchtbaren Schlages hätte sein können.

Sofort fuhr ich die Krallen aus und sagte ihm ins Gesicht: „Ah, sehr freundlich.“ Die blanke Ironie quoll aus meinen Worten, und kopfschüttelnd drehte ich mich wieder um, als ich hörte, wie er vor sich hin nörgelte: „Dumme Kuh!“

Ich gestehe, da musste ich sehr an mich halten, denn mein Blutdruck stieg so rasant an, dass ich dachte, es sprenge mir im nächsten Moment die Schädeldecke ab! Aber ich blieb ruhig, zumindest nach außen, und ich tat so, als hätte ich es gar nicht gehört. Noch jetzt bin ich stolz auf mich! 😉

Doch dann bat ich die Kassiererin um Zigaretten. Und der doofe Automat machte Zicken. Es kam nichts, obwohl er lief, und da hörte ich erneutes Nörgeln von hinten: „Scheiß-Zigaretten! Aber typisch, dass die raucht!“

Das war zu viel! Es reichte doch nun langsam mal! Und ich schnellte zu dem Unsympathen mit dem Hut herum und schnauzte ihn an: „Geht Sie doch wohl gar nichts an! Halten Sie sich doch ein bisschen zurück! Und überhaupt: Sie sind doch ganz offenbar Rentner – wieso kaufen Sie jetzt ein? Abends um 19 Uhr? Sehen Sie sich mal um: nur jüngere Leute, wahrscheinlich Pendler, auf alle Fälle Berufstätige, die noch eben dringend benötigte Dinge einkaufen! Übrigens regt sich von denen keiner auf – nur Sie!“

Der Typ war auch noch feige, als ich ihn mit seinem bescheuerten Verhalten konfrontierte, sah mich nicht einmal an, und so schnauzte ich noch: „Ja, und jetzt so tun, als wäre nichts gewesen! Aber ich habe ganz genau gehört, dass Sie mich eine dumme Kuh nannten! Sagen Sie das noch einmal, zeige ich Sie gerne an! Anders begreifen gewisse Leute offenbar nicht, dass sie sich nicht alles herausnehmen können!“

Der Mann direkt hinter mir meinte: „Bravo!“ Und zu dem Hutträger gerichtet: „Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Im Grunde sollten Sie sich bei der Dame entschuldigen. Sie waren sehr unhöflich.“ Ich meinte: „Nein, danke. Ich verzichte. Aber vielen Dank für Ihre Zustimmung.“ Und zur Kassiererin sagte ich: „Lassen Sie mal die Zigaretten – das scheint nicht zu funktionieren. Ich würde ja normalerweise warten, befürchte aber, dass hier noch jemand Amok läuft, wenn es noch länger dauert.“ Die Kassiererin lachte und kniff mir ein Auge zu. Ich versprach, beim nächsten Besuch die Zigaretten wieder bei ihrem Arbeitgeber zu kaufen – nur erschiene mir das heute nicht ratsam. Da lachte sie noch mehr, und der Mann hinter mir lachte auch und klopfte mir auf die Schulter.

Ich zahlte, packte die Waren ein und war froh, als ich in der Straßenbahn saß. Allerdings war ich ziemlich wütend über die „dumme Kuh“ – was fiel diesem Hutträger eigentlich ein? Aber ich beruhigte mich schnell wieder, denn immerhin hatte ich ihm erfolgreich die Zähne gezeigt. 😉

Und als ich dann an die Unterhaltung mit Herrn Wolski über den unleidlichen Nachbarn denken musste, fing ich zu lachen an: So etwas nennt man wohl Duplizität der Ereignisse. Zumindest schien der Hutträger dem mit allen verfeindeten Nachbarn vom Wesen sehr ähnlich zu sein. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

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