Es geht aber auch ganz anders …

Vorgestern überlegten Kollegen und ich, ob wir nicht eine Weihnachtsfeier für unseren Flur machen wollten. Das war eigentlich schon letztes Jahr überlegt worden, aber in der vorweihnachtlichen Hektik untergegangen. Denn auf unserem Flur sitzen recht viele Kollegen, die keiner bestimmten Abteilung angehören und daher jedes Jahr – während die verschiedenen Abteilungen tolle Weihnachtsfeiern machen – leer ausgehen, was auch den Chefs nicht aufzufallen scheint. Nun ja – mal abgesehen vom letztjährigen Weihnachtsessen mit den Chefs, an dem Lydia, Janine und ich teilnahmen. Das war ein wenig verkrampft, wenn auch das Essen sehr gut schmeckte. Aber das war wohl eine einmalige Sache, wie es scheint. Daher nun die Überlegung einer separaten Weihnachtsfeier für unseren Flur.

Damals, als ich noch an der RWTH arbeitete, war es vor Weihnachten immer schön. Gleich in meinem ersten Jahr hieß es wenige Tage vor Heiligabend: „Los, Ali, alles fallenlassen – wir gehen mit der Feinguss-Gruppe zum Weihnachtsmarkt!“ (Denn es gab – je nach Betätigungs- und Forschungsfeld – verschiedene Gruppen dort. Ich gehörte der Feinguss-Gruppe an … )

Und schon zogen wir zu neunt los, vom Institut bis zum Weihnachtsmarkt rund um das alte Rathaus und den Dom. Dort angekommen, gab Kollege Frederic zu bedenken: „Wir sollten aber eine Grundlage schaffen und noch etwas essen.“ Eine weise Entscheidung, wie sich noch herausstellen sollte, für einige aber dennoch nicht ausreichend … 😉

Vor dem alten Rathaus trennten wir uns, nachdem wir eine Uhrzeit und einen Treffpunkt zur neuerlichen Zusammenkunft ausgemacht hatten, und strömten in verschiedene Richtungen los, etwas Essbares zu uns zu nehmen. Zwei Kollegen arbeiteten sich zum Rievkooche-Stand vor, einer wollte Backfisch, drei Bratwurst, und Vivian, Ute und ich beschlossen, in einer Burgerschmiede einen gigantischen Burger zu uns zu nehmen, der mir dann – ich greife vorweg – noch zwei Tage später „Pfötchen“ gab und meinem Magen zu schaffen machte … Nein, ich nenne keine Namen. 😉

Anschließend trafen wir uns wieder mit den anderen, und es konnte losgehen. Bei der Vielzahl der Glühweinstände jedoch war es gar nicht so einfach, zu entscheiden, wo wir vor Anker gehen wollten, aber eine Lösung war rasch gefunden: Auf dem Katschhof vor dem Dom war ein Stand, der – so die Kollegen Christian, Robert und Frank einhellig – den besten Glühwein machte. Der sei da wenigstens nicht so verwässert. Nun gut, wir plazierten uns dort, während ich als Dienstjüngste die erste Runde holte, roten und weißen Glühwein. Und schon prosteten wir einander zu.

Wie schnell so eine Glühweintasse doch leer sein kann! Aber da zog schon Bodo los und holte die nächste Runde. Und danach Frederic Runde Numero drei. Bei dieser beschloss ich dann, dass es für mich zumindest keine Numero vier geben werde, zumal ich eher ins Institut zurück musste, da auf meinem Schreibtisch noch ein englischsprachiger Projektbericht darauf wartete, von mir zu Ende geschrieben zu werden. Es war mein erster Projektbericht, und ich hatte noch nicht alle Fachtermini im Kopf, mit denen ich zu tun hatte, so dass ich ab und an recherchieren musste, was diesen ersten Bericht zum zeitaufwendigsten in meiner dortigen Dienstzeit machte. 😉

Doch erst einmal Glühwein Nummer drei schön langsam trinken und mich mit den Kollegen unterhalten. Es war eine sehr fröhliche und laute Unterhaltung, so laut und fröhlich, dass plötzlich ein junger Mann auf uns zukam. Er hielt ein Mikrofon in der Hand, ein Aufnahmegerät hing von seiner Schulter, und er rief: „Hallo! Ich komme von Antenne 100, 1 – Antenne Aachen! Sind Sie alle Kollegen?“ – „Ja!“ – „Sie scheinen sich ja gut zu amüsieren und passen exakt zu meinem Auftrag. Ich soll nämlich für unsere morgige Frühsendung die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt einfangen. Würde eine oder einer von Ihnen denn mal ein Weihnachtslied singen?“

Ach, du Scheiße! War das sein Ernst? Wo war die versteckte Kamera? Das fragte ich mich gerade, als ich nach vorne Richtung Mikrofon geschubst wurde und Frederic hinter mir rief: „Los, Ali – du bist die Dienstjüngste und kannst singen!“ Der junge Mann kam schon begeistert auf mich zu, aber ich sagte: „Es tut mir leid – ich bin heute ganz schlecht bei Stimme. Halsschmerzen, Sie verstehen?“ Und zu Frederic gerichtet frotzelte ich laut: „Na warte, das kriegst du zurück …“  Frederic lachte sich schlapp.

Der junge Mann hatte da Robert ins Auge gefasst, aber der gab vor, sehr schüchtern zu sein. Kollege Frank desgleichen – ausgerechnet diese beiden schüchtern! 😉 Vivian, Ute, Christian und auch Frederic waren das ganz plötzlich auch. Komisch – davon merkte man im Alltag gar nichts … 😉

Schließlich erbarmte sich Bodo, und er sang „In der Weihnachtsbäckerei“, ein Lied, das sein jüngerer Sohn in der Kita gelernt hatte. Unter den begeisterten Anfeuerungen seiner schüchternen und halsschmerzbewehrten Kolleginnen und Kollegen … 😉 Aber der Mensch wächst ja mit seinen Aufgaben, und Bodo war immerhin unser Gruppenleiter. 😉

Der junge Mann war begeistert, dass sich da tatsächlich einer von uns erbarmt – oder zum Affen gemacht? – hatte, und er betonte noch einmal, dass all das in der Frühsendung am folgenden Tage bei Antenne Aachen zu hören sein werde.

Ich verabschiedete mich kurz darauf und machte mich auf den Rückweg zum Institut. Und den Bericht habe ich dann tatsächlich an diesem Tag fertiggeschrieben. 😉

Am nächsten Morgen machte ich zu Hause das Radio an – um 7 Uhr sollte diese Sendung laufen. Und da wurde der wahnsinnig wichtige Beitrag vom Weihnachtsmarkt auch schon angekündigt: „Der Weihnachtsmarkt dieses Jahr ist mal wieder ein voller Erfolg! Mein Kollege Thomas Schmidt hat sich gestern dort umgesehen und -gehört, um die Stimmung einzufangen …“ Überblendung, und schon hörte man den Reporter sprechen. Zunächst hatte er wohl einige andere Leute angesprochen, die aber nicht ganz so ergiebig zu sein schienen. Und dann hörte man unsere Feinguss-Gruppe laut palavern, ebenso, wie Thomas Schmidt uns ansprach. Man hörte alles. Man hörte auch meine liebreizende Stimme dreist und völlig klar behaupten, sie sei heute nicht gut drauf … Ebenso meine „Drohung“ gegenüber Frederic, sowie die schüchternen Kolleginnen und Kollegen. Doch dann kam’s! Bodo sang! Ich verschüttete vor Lachen meinen allerersten Kaffee – was für eine Veranstaltung … 😉

In bester Stimmung machte ich mich auf den Weg zum Institut und enterte Frederics und mein Büro. Frederic war schon da, kurz vor mir angekommen, und nach der Begrüßung rief er: „Und? Hast du die Sendung gehört?“ – „Ja – total klasse!“ – „Vor allem, wenn man bedenkt, wie Bodo hinterher zurecht war … Du bist eindeutig viel zu früh gegangen, Ali! Den blöden Bericht hättest du auch noch heute fertigmachen können – oder morgen. Das eilt doch nicht so. Das Beste hast du verpasst!“

Und Frederic berichtete. Man hatte wohl noch länger getagt. Bodo hatte zwar bereits beim ersten Glühwein gesagt: „Ich muss noch einen Weihnachtsbaum kaufen – ganz so lange kann ich nicht bleiben.“ Bei Nummer zwei und drei hatte er das Ganze erneut erwähnt. Dann hatte er gesungen. Und später muss irgendetwas entgleist sein. 😉 Jedenfalls erzählte Frederic lachend: „Gegen halb acht sagte er dann so etwas wie: ‚Achu Schssse! Muss janoch ’n Weihachsaum bsss …‘“ O Gott!

„Ja, und dann?“ schrie ich begeistert. „Dann hat Frank für Bodo telefoniert und Teresa – Bodos Frau – angerufen. Frank war da noch besser bei Stimme und Artikulation.“ – „Und?“ – „Naja, du hast Teresa ja schon zweimal erlebt: Die ist sehr energisch.“ O ja … „Die hat sich dann ins Auto gesetzt und Bodo abgeholt. Hui – war die wütend! Wir mussten Bodo zum Auto schleppen, weil der nicht mehr so ganz sicher auf den Beinen war. Als wir ihn zum Auto brachten, sang er ‚In der Weihnachtsbäckerei‘, und als wir ihn hineinwuchteten, grinste er wie nicht von dieser Welt, rief: ‚Trrrngd noch ein aumich – da!‘, gab uns einen Geldschein und winkte jovial in die Runde, während Teresa ihn wütend anmotzte, das sei ja ganz toll, und einen Weihnachtsbaum hätten sie auch noch nicht! Ob sie den jetzt holen solle? Das sei so nicht vereinbart gewesen, und was ihm eigentlich einfiele …“ – „O je, armer Bodo! Und er war doch auf dem Weihnachtsmarkt so fröhlich gewesen!“ – „Das dürfte heute anders aussehen. Teresa hat ihm sicher die Hölle heißgemacht.“ – „Aua!“ meinte ich und verzog kollektivschmerzgepeinigt mein Gesicht. Die Hölle heißgemacht zu bekommen, wenn man einen Kater hat, dürfte ziemlicher Mist sein. 😉

Kurz darauf begegnete ich Bodo auf dem Flur. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn er sah gar nicht gut aus – sehr bleich und gar nicht fröhlich. „Na, Bodo, hast du die Sendung heute gehört?“ – „Hör mir bloß auf! Erinnere mich nicht an gestern! Wenn du wüsstest …“ – „Weiß ich schon. Frederic hat mir schon alles erzählt.“ – „Mir geht es richtig schlecht, und nach der Arbeit muss ich auch noch …“ – „… einen Weihnachtsbaum besorgen?“ – „Ja! Und es muss ein besonders schöner sein, sonst bringt meine Frau mich um!“ Und mit diesen Worten presste er beide Hände gegen seine Schläfen.

Ich lachte und wünschte gute Besserung. „Und nimm am besten eine Nordmanntanne,“, riet ich ihm noch.

Die Weihnachtsmarktbesuche in den kommenden Jahren waren dann ähnlich. Nur war immer ein anderer das Opfer. Ich zum Glück nie, da ich mich – wenngleich wir natürlich alle immer ein bisschen angeschickert waren – zurückhielt, obwohl ich das bei Bodo total sympathisch gefunden hatte: Der war immer sehr nett, wirkte aber oft etwas zu ernsthaft. Aber hier hatte man gesehen: Er konnte auch ganz anders … 😉

Vielleicht sollten meine jetzigen Flurkollegen und ich auch mal auf den Weihnachtsmarkt gehen … 😉

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