Man sollte nie zu euphorisch sein

Hatte ich vor einiger Zeit nicht noch den Herbst in den höchsten Tönen gelobt? 😉 Diese wunderschöne Jahreszeit mit buntem Laub, dem „goldenen Oktober“, den wunderschönen Nebelschwaden manchmal morgens? Mit Spaziergängen durch das raschelnde Laub, Kastanien sowie weiteren schönen Dingen?

Ich habe im Moment viel Zeit, mir über die Schattenseiten Gedanken zu machen, denn eine Schattenseite fesselt mich derzeit ans Haus, die von meinem Hausarzt heute als Virusinfektion diagnostiziert wurde. In der Wohnung riecht es derzeit wie im Koala-Gehege – Eukalyptus allenthalben. Ein Gefühl, als wäre man gegen einen Gong gelaufen, Nase zu, der Kopf dröhnt – der Herbst ist da … 😉 Immerhin tröstete der Arzt mich damit, dass ich derzeit in guter und zahlreicher Gesellschaft sei, was mir auch schon im Wartezimmer klargeworden war – die Wartenden um mich herum husteten und niesten in allen möglichen Tonlagen.

Man sollte wirklich niemals allzu euphorisch sein. Euphorie kann manchmal stark übertrieben sein, was man dann merkt, wenn die Realität einem voller Hohn ins Gesicht lacht. Daher bin ich meist gar nicht euphorisch – nur neulich überkam es mich, und ich hatte wohl nur die Schokoladenseite des Herbstes vor Augen. 😉

Dabei hätte ich doch gewarnt sein müssen. Meine Schwester Stephanie ist erheblich lebhafter als ich, und manchmal ist sie von einer Sache so begeistert, dass man dies in der Tat als euphorisch bezeichnen könnte. Manchmal wurde sie schon enttäuscht, aber sie ist von ihrer Grundpersönlichkeit eher Optimistin. Darum beneide ich sie manchmal.

Aber eine Sache gab es, da tat sie mir ein bisschen leid, zumal die ganze Familie zu leiden hatte. 😉 Es ist schon viele Jahre her, als Stephanie, die damals seit etwas mehr als einem Jahr Französisch in der Schule als zweite Fremdsprache hatte, die Erfahrung machen musste, dass allzu großer Enthusiasmus einem manches Mal quasi als Bumerang gegen den Kopf knallt. Sie hatte in der siebten Klasse mit dem Französischerwerb begonnen, und sie war ganz begeistert von dieser Sprache. Noch begeisterter, als ihr Lehrer, M. Faubourg, ankündigte, es werde einen Schüleraustausch geben, und aus einer Schule aus dem elsässischen Colmar würden Schüler nach D. kommen. Stephanie war Feuer und Flamme! Ich glaube nur, dass ihr etwas anderes vorschwebte, als sie von Franzosen hörte, vor allem mitten in der Pubertät. 😉 Sie fragte meine Eltern, ob wir auch einen Austauschschüler aufnehmen könnten, und meine Eltern, die dieses Austauschprogramm gut fanden, sagten ja. Ich saß daneben und fragte mich, wie ich mich wohl mit diesem temporären Familienzuwachs unterhalten solle – wohl mit Händen und Füßen … Der Rest der Familie war in der Lage, sich auf Französisch zu verständigen, nur ich nicht. Aber Stephanie erklärte mir überlegen, dass die zu erwartenden Elsässer Deutsch in der Schule hätten. Puh! Ich würde also nicht wild gestikulierend kommunizieren müssen … Was dabei alles zu Bruch gehen kann!

Es dauerte noch einige Wochen bis zum großen Tag, aber Stephanie versüßte uns die Wartezeit, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und die Gelegenheiten waren zahlreich – begeistert und verzückt: „Die Franzosen kommen!“ rief. Hmmm, ja, klang eindeutig besser als: „Die Russen kommen!“ Ging aber nach drei Tagen aufgrund der entfesselten Euphorie ein bisschen auf den Geist. 😉

Dieser enthusiastische Ausruf nahm in seiner Frequenz zu, je näher der Ankunftstermin rückte. Meine Mutter rollte jedes Mal die Augen und meinte: „Hoffen wir, dass diese Euphorie nicht enttäuscht wird …“ Manchmal glaube ich, meine Mutter könnte ohne weiteres einen Nebenjob als Wahrsagerin ausüben … 😉

Und dann war der große Tag da, und Mama und Stephanie rasten mit Mecki, Stephanies bester Freundin, in Mamas Auto zum Gymnasium. Mecki erwartete auch einen Austauschschüler, eher eine -schülerin, denn ihre Eltern wollten nur ein Mädchen aufnehmen, machten sie sich doch Sorgen, dass ein heißblütiger Franzose sich an ihrer Tochter vergreifen könne. Offenbar grassierten viele Klischees … 😉

Papa und ich warteten zu Hause auf Anne-Marie, die unsere nächsten Verwandten mit nach Hause bringen sollten. Es dauerte ziemlich lange, bis die Haustür aufgeschlossen wurde und Mama, Stephanie und ein schmächtiges Mädchen mit ellenlangen, dunkelbraunen geflochtenen Zöpfen, dunkelbraunen Augen und einem schüchternen Lächeln ins Haus kamen. „Das ist Anne,“, sagte meine Mutter laut, während das Mädchen meinem Vater die Hand gab und knickste. Und leise zu meinem Vater: „Wir sind knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert, denn das ist ein anderes Mädchen als das, was ursprünglich kommen sollte. Das heißt Anne-Marie, ist aber krank geworden und kommt später.“ – „Und woher habt ihr dann dieses Mädchen?“ – „Ein Glücksfall, wenn man das so nennen kann. Die Kinder von Annes Gastgebern haben die Windpocken bekommen, und Anne wusste nicht, wohin – da habe ich mich mit ihrer Gastmutter geeinigt, dass sie Anne-Marie nimmt, falls die rechtzeitig gesund werden sollte, und ihre Kinder auch. Stephanie war nämlich schon völlig fertig. Und so ist doch allen geholfen.“ Meinte meine Mutter.

Anne war ein sehr höfliches Mädchen. Sie überreichte ihre Gastgeschenke, unter anderem eine Original-Gugelhupf-Form und typisch elsässisch. Meine Mutter telefonierte mit Véronique, Annes Mutter in Colmar, um mitzuteilen, dass ihre Tochter gut angekommen, aber in einer anderen Gastfamilie gelandet sei – Véronique müsse sich keine Sorgen um ihre „petite fille“ machen, wie meine Mutter sagte.

Mein Vater war sehr angetan von Annes Höflichkeit. Noch mehr davon, dass sie Geige und Klavier spielte. Und er sagte zu mir: „Siehst du! Und du meckerst immer, wenn du Klavier üben sollst. Anne macht das sehr gern.“ Anne lächelte. Ich sah sie an und fand sie schon gar nicht mehr so nett. 😉

Und auch Stephanies Euphorie verflüchtigte sich erschreckend rasch. Denn Anne war eine Oberlehrerin und ein Blaustrumpf in Reinkultur. Jeden noch so geringen Fehler korrigierte sie streng und mit erhobenem Zeigefinger. Nicht nur bei meiner Schwester. Als es einmal Kartoffelsalat mit Würstchen gab, erklärte meine Mutter Anne: „C’est une salade de pommes de terre.“ Anne probierte, lobte den Salat, aber hatte etwas zu korrigieren: „Ce n’est pas une salade de pommes de terre! C’est un mélange!“ Mit erhobenem Zeigefinger und in einem Tonfall, dass man ihr am liebsten die Zöpfe aufgelöst und zu einem straffen Dutt hätte winden mögen – passte besser zum Oberlehrerverhalten. Meine Mutter zog eine Augenbraue hoch und meinte: „Ah, ja … Es sind zwar hauptsächlich Kartoffeln drin, aber weil auch noch Gurken drin sind, ist es kein Kartoffelsalat. Wieder was gelernt.“ Und Anne nickte und lächelte selbstzufrieden. Meine Mutter lächelte auch, aber etwas hintergründig. Aber da hatte Anne sich schon meinem Vater zugewandt, den sie ebenfalls mit erhobenem Zeigefinger belehrte. Der hatte danach auch ein etwas hintergründiges Grinsen im Gesicht.

Stephanie war gar nicht mehr so begeistert. Abendliche Unternehmungen mit den anderen deutschen und französischen Schülern? Dafür war Anne so gar nicht zu haben – die anderen waren ihr zu oberflächlich. Und so litt Stephanie beim abendlichen Gesellschaftsspieleabend, während ihre Mitschüler fröhlich beim Tanzen waren. Arme Stephanie – da tat sie mir wirklich leid. Die Einzige, die Anne etwas entgegensetzte, war ich – aber auch nur, weil ich noch kleiner war und kein Französisch konnte, und so konnte ich mich immer mit interkulturellen Missverständnissen herausreden, wenn meine Eltern mich ermahnten. Stephanie grinste mich immer aufmunternd an. 😉

Es war ein für Stephanie ziemlich frustrierender Austausch. Anne war gewohnt, immer abends um acht ins Bett zu gehen, und wenn man wirklich mal mit den anderen etwas unternahm, die laut Stephanie keineswegs oberflächlich, sondern ganz normal waren, hieß es gegen halb acht stets von Annes Seite: „Je suis fatiguée. Je veux rentrer à la maison. Iiisch biiin müdää. Iiisch möschte nach Ause!“ Die Abende waren für Stephanie kurz, der Frust groß. 😉

Nur mein Opa war ganz begeistert von Anne. Sagte nicht mäh und nicht bäh, solange sie nicht angesprochen wurde, knickste, plauderte so reizend mit ihm und spielte ihm dann sogar etwas auf seinem Klavier vor! Stephanie und mich musste man immer fast dranprügeln – mich noch mehr als Stephanie. Und dass Anne auch noch Geige spielte, begeisterte Opa noch mehr – er spielte ja selber Geige und Klavier. Und so ermahnte er Stephanie und mich – mit erhobenem Zeigefinger -, dass Anne ein wirklich nettes Mädchen sei und wir doch, bitte, auch so sein sollten. Stephanie machte ein Gesicht, als habe ihr jemand in den Kakao gespuckt, und ich rief: „Nee!“ Meine Mutter verließ unter einem Vorwand das Zimmer – es zuckte in ihrem Gesicht, und man hörte sie von draußen unterdrückt lachen.

Stephanie zählte die Tage bis zu Annes Abreise. Merkwürdigerweise ohne den enthusiastischen Ausruf: „Die Franzosen fahren!“

Sie atmete auf, als die Franzosen wieder in den Bus stiegen. Die meisten fand sie total nett, die hätten auch gern bleiben dürfen. Aber Opfer mussten gebracht werden, und die Hauptsache war, dass Anne in diesen Bus stieg. 😉 Komischerweise konnte sie dann auch gar nicht am Gegenaustausch teilnehmen, der sie in Annes Familie geführt hätte … Wahrscheinlich hätte sie bis dahin auch noch mindestens bei „Jugend musiziert“ gewonnen haben müssen oder sonst etwas in der Art. Möglicherweise noch ein zweites Instrument binnen kurzer Zeit virtuos erlernen müssen, denn Annes Familie, so Anne, legte auf so etwas allergrößten Wert. 😉

Meine Mutter zog sie noch länger damit auf, und wann immer über Anne gesprochen wurde, rief sie provozierend: „Die Franzosen kommen!“ Stephanie reagierte dann immer ein wenig unwirsch, und meine Mutter lachte sich schlapp.

Im Nachhinein sagt Stephanie übrigens: „Anne war eigentlich ein nettes Mädchen. Aber irgendwie passte es absolut nicht.“ Und sie war in der Tat eigentlich nett. Aus heutiger Sicht. Damals erschien sie etwas sehr brav und extrem ehrgeizig. 🙂

Vielleicht hätte sie Anne gegen Meckis Austauschpartner tauschen sollen – das hätte besser zur Familie gepasst. Denn Mecki hatte keineswegs eine Denise zugeteilt bekommen, wie geglaubt. Ein Tippfehler, denn es handelte sich um einen Denis, der Meckis Mutter in arge Sorgen stürzte … 😉 Denis fand es wohl in Meckis Familie etwas zu „formell“, und dass er sonntags mit in die Kirche musste, war gar nicht nach seinem Geschmack. Vielleicht hätten Stephanie und Mecki einfach tauschen sollen – immerhin war es ein Austauschprogramm. 😉

Und so war das Ganze eine Lehrstunde in Sachen: „Euphorie – nie!“ Denn man kann so leicht enttäuscht werden … 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

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