Komische Oper – so richtig komisch

Vor diversen Jahren und noch unter Begleitung Dirks, des Juristen, geschah es, dass Giacomo fragte, ob wir nicht Lust hätten, mit ihm und Sabrina für ein Wochenende nach Berlin zu fahren. Er habe vier Karten für „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart in der Komischen Oper mal sicherheitshalber reserviert, sei sich zumindest sicher, dass, wenn wir alle in Berlin wären, zumindest ich mit ihm in die Oper gehen würde. Stimmt. Ich bin auch vor Opern nicht fies. Ich muss allerdings gestehen, dass es mir hauptsächlich um die Musik geht – ich bin nicht so der Theatermensch. Doch wenn dabei gesungen und musiziert wird … 😉 Und wenn alle Stricke, genannt Dirk und Sabrina, reißen würden, würde ich selbstredend mit Giacomo in die Oper gehen. Dirk, der seine ersten Lebensjahre im Osten Berlins verbracht hatte, sagte sofort zu, und Sabrina macht ohnehin meist das, was Giacomo macht. Und da ich ein Berlin-Fan bin, war alles klar.

Ende Juli war es, als wir losfuhren. Die Fahrt war stressig, und ich erinnere mich, dass Giacomo mitten in Treptow, wo unser Hotel war, durch eine riesige Pfütze raste und eine Passantin dabei nassspritzte. Ich schrie: „Giacomo! Halt an – du hast die Frau total nassgespritzt!“ Giacomo schrie: „Bist du dir sicher?“ Ich schrie: „Ja! Halt an, du musst dich zumindest entschuldigen!“ Giacomo schrie zurück: „Okay!“ (Giacomo und ich schreien eigentlich immer, wenn wir einander etwas mitteilen wollen – wir sind das so gewohnt nach vier Jahren Beziehung. 😉 ) Und er setzte zurück. Sabrina meinte nur: „Interessant, Giacchi, wie du immer parierst, wenn Ali etwas sagt! Ich wäre ja weitergefahren. Aber nein! Ali sagt: ‚Fahr zurück!‘ Und du fährst zurück! Warum machst du das? Warum tust du mir das an?“ Und Sabrina barg ihr Gesicht in den Händen.

Giacomo, den ich nie „Giacchi“, sondern eher ganz anders genannt habe, meinte: „Was soll das? Ich habe diese Frau nassgespritzt, und da muss ich mich entschuldigen. Was soll das jetzt? Müssen wir schon wieder ein Problemgespräch führen? Ich entschuldige mich jetzt erst einmal bei der Frau!“ Und er stieg aus und verhandelte mit der Frau, deren Dackel derart erzürnt war, dass er Giacomo ins Bein beißen wollte, was die Frau verhinderte. Sie war ohnehin offenbar ein netter Mensch, denn sie wollte keine Erstattung der Reinigungsgebühren für ihre Hose. Sie bat nur darum, beim nächsten Mal besser aufzupassen und weigerte sich standhaft, Giacomos Kompensationsbemühungen anzunehmen. Inzwischen sagte ich tröstend zu Sabrina: „Als ich noch mit Giacomo zusammen war, hat er nie auf mich gehört. Erst hinterher.“ 😉

Wir fuhren weiter, checkten im Hotel ein, und dann war es schon Zeit, uns aufzumachen, denn Mozart wartete in der Komischen Oper auf uns.

Die Komische Oper kannte ich vornehmlich aus Erich Kästners „Pünktchen und Anton“, zumal sie im Ostteil der Stadt Berlin liegt. Ich hatte ganz falsche Vorstellungen, dachte, es würden nur komische Opern dort aufgeführt. Mich irritierte schon, dass wir zu einer Aufführung der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ gehen würden. Ich war bis dahin wohl ziemlich naiv. 😉

Als wir mit dem ÖPNV zum Ort des Geschehens fuhren, meinte Giacomo: „Ich bin ja gespannt, was heute Abend passiert. Immerhin wohnen wir einer Aufführung eines echten Skandalregisseurs bei!“ Ja, davon hatte ich auch schon gelesen. Während der Premiere hatten diverse Zuschauerinnen und Zuschauer unter Protest den Konzertsaal verlassen – es stand in den Gazetten.

Wir tranken zunächst ein Glas Sekt, wie es sich gehört, wenn man eine Oper besucht. Von klein auf so gelernt. 😉 Dann suchten wir unsere Plätze auf. Ich versank fast auf meinem. Aber kein Problem.

Dann begann die Oper. Ich muss gestehen, dass ich des Regisseurs Leistung auch ziemlich fragwürdig fand. Dass aber während der Aufführung eine Frau laut und türenknallend – sie wollte wohl auch an dem Shitstorm, der damals noch gar nicht so hieß, teilhaben – den Konzertsaal verließ und aus dem ersten Rang zweimal ein sehr autoritäres: „Diskussion!“ gen Bühne gebrüllt wurde, was extrem peinlich anmutete, da offenbar gar nicht so spontan, wie es wirken sollte, fand ich lächerlich. Und ich lachte.

Giacomo, der rechts neben mir saß, freute sich und rief: „Ich wusste, dass dir das gefallen würde! Vor allem mit dem ganzen Scheiß drumherum und diesem Studienrat, der ‚Diskussion!‘ gen Bühne brüllt. Ich wusste, dass dir das gefallen würde!“ – „Ich finde es eigentlich peinlich, zumal die Skandal-Premiere eh vorbei ist. Dass der einzig noch Brüllende ein Studienrat ist, wundert mich weniger.“

Mich wunderte es in der Tat nicht sehr. Ich hatte mein Studium mit vielen „Lehrämtlern“ absolvieren müssen, was kein Honigschlecken war. Nicht, weil sie so kritisch gewesen seien. Eher das Gegenteil.

Wie auch immer: Euch einen schönen Abend! 🙂

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