„Wunderbare Sachen“

So hieß das Lesebuch einer Cousine, das sie in der ersten Klasse gehabt und mir als Kleinkind überlassen hatte. Ich hatte sie stets heiß und innig darum beneidet, denn es waren so schöne Bilder darin. Mein Erstklässler-Lesebuch später war nicht nur erheblich weniger schön, ich konnte auch schon lesen, als ich in die Schule kam. Hatte es mir selber beigebracht, da keiner Zeit für mich hatte, als mein Elternhaus ein Neubau war – der Umzug war erfolgt, als das Haus noch nicht komplett war. Außen war es das zwar, innen aber noch nicht überall, und ein Haufen Arbeit stand an. Für mich hatte man keinen Kindergartenplatz bekommen, und während fast alle anderen Kinder aus der Neubausiedlung im Kindergarten waren, ödete ich mich fast zu Tode.

Meine Mutter las mir damals abends immer aus „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren vor. Aber eben immer erst abends, wenn sie Zeit hatte. Ich konnte mich zwar immer schon sehr gut allein beschäftigen und war kein Kind, das rund um die Uhr bespaßt werden musste – manchmal war es mir sogar lieber, ich konnte ganz allein für mich hin malen, mit meinen Stofftieren, Puppen oder sogar Spielzeugautos spielen -, aber es gab ja keinen Stundenplan, und manchmal wollte ich dann gern vorgelesen bekommen. Nur hatte meine Mutter alle Hände voll zu tun, und es war nicht immer passend, wenn ich wie eine kleine Ente hinter ihr herlief, das Buch an der passenden Stelle aufgeschlagen …

Irgendwann war es mir dann auch zu blöd. Ich weiß zwar nicht mehr, wie es dazu kam, aber ich beschloss, dass Lesen doch keine Schwarze Kunst sein könne. Stephanie konnte es auch, warum sollte ich es nicht können? Und das Alphabet kannte ich schon. Und so ging ich hin, mit dem Erstklässler-Lesebuch meiner Cousine, und ich las die erste Lektion, die total einfach war, denn sie bestand nur aus zwei Vokalen. Dem U und dem I. Man sah mehrere Kinder und einen Teich in einem Park. Ein Mädchen mit frechen Zöpfen taucht einen Fuß ins Wasser, und ein Junge steht mit aufgekrempelten Hosenbeinen im Wasser und spritzt ein anderes Mädchen in einem feinen Kleid und mit weißen Kniestrümpfen nass, das abwehrend beide Hände hebt. Darunter steht: „Ui – ui!“ Na, also – das war nicht schwer. 😉

Und ich arbeitete mich von Seite zu Seite, lernte Susi, Lili, Uli, Ali, Lisa, Nina, Else, Mia, Tim, Tina, Edi, Oma und Asta kennen. Asta mochte ich besonders, denn Asta war ein Dackel, der Tim gehörte. Ich fand zwar den Namen „Asta“ für einen Dackel ungewöhnlich, denn einer meiner Onkel hatte eine Altdeutsche Schäferhündin, die so hieß – eine Hündin aus einer ganzen Reihe Schäferhündinnen dieses Namens, die ich über die Jahre kennen- und lieben lernte – und mit der ich gut befreundet war. Und während Stephanie sich ein bisschen vor dem Hund fürchtete, musste man mich beim Essen wiederholt unter dem Tisch hervorzerren, da ich lieber mit Asta dort saß, mit der ich vor dem Essen so schön gespielt hatte, statt wie ein normaler Mensch am Tisch zu sitzen, aber meine Mutter hatte viel Geduld mit mir, lachte und meinte, sie könne es verstehen, denn Asta sei ein wirklich feiner Hund … 😉 Und so war ich erst ein wenig erstaunt, denn „Asta“ war seit jeher ein Schäferhundname für mich, keiner für Dackel. Aber gut – das A war halt dran in diesem Lesebuch, und es kam kurz nach der Einführung des S und des T. 😉

Ich war derart diszipliniert, dass ich mich heute noch wundere, denn Selbstdisziplin ist eine Sache, zu der ich mich wirklich ganz oft zwingen muss. 😉 Offenbar war das Bedürfnis, lesen zu können und „ein großes Mädchen“ zu sein, derart brennend, dass ich wirklich alles daransetzte. 😉

Zwei Laute gab es, mit denen ich ein bisschen auf Kriegsfuß stand: das X und das V. „Xaver“ ist da ein beliebtes Beispiel, aber dieser Name ist nicht gerade modern, und ich hatte meine liebe Not damit, denn das X hielt ich für ein schlecht geschriebenes H. Es war ja bis dato alles in Schreibschrift. Ich grübelte. „Hafer“ schrieb sich doch mit F!

Ich beschloss, Stephanie zu fragen, die mich unwirsch abfertigte: „Lesen lernst du in der Schule – ich habe keine Zeit!“ sagte sie in der Erhabenheit ihrer acht Lebensjahre. „Aber was ist das da für ein Buchstabe?“ – „Ein Ix!“ sagte sie genervt, als hielte ich sie von einem wichtigen Date ab … „Und was heißt das da?“ – „Xaver!“ – „Was ist das?“ – „Ein Name!“ – „Das ist aber ein komischer Name!“ – „Ja, und? Das ist halt ein Name!“

Zwar war ich etwas brüsk abgefertigt worden, aber immerhin nun weiter. Und ich las das ganze „Wunderbare Sachen“-Erstklässler-Lesebuch durch, bis hin zur Druckschrift im hinteren Buchteil – echte Erwachsenenschrift! -, übte, bis ich mich dann an „Ferien auf Saltkrokan“ machte und weiterlas, wo meine Mutter am Abend zuvor aufgehört hatte. Immerhin war das Buch schon zur Hälfte von ihr vorgelesen worden, als ich endlich durch mühsames Aneinanderreihen von Buchstaben oder Lauten selber lesen konnte. Langsam zwar, aber stetig und sinnstiftend. Wie lange das Ganze gedauert hat, Tage, Wochen, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich in der Zeit weder mit Stofftieren, noch mit Puppen spielte. Das Ziel war zu wichtig.

Meine Mutter entdeckte mich, als ich im Wohnzimmer auf einem Sessel las, völlig verloren in dem Buch, das ich wie eine Alte vor mich hielt. Sie kam an, sah sich das Buch an und meinte: „Aber Ali! Das ist doch nichts für dich! Da sind doch gar keine Bilder drin! Was machst du denn da?“

Sie riss mich mitten aus dem Geschehen auf dieser Schäreninsel – und meinem Kopfkino. Und so sagte ich ebenso erhaben wie Stephanie: „Ich lese.“ Sie wollte es nicht glauben, lachte und meinte: „Ja, klar! Du liest!“ Ich beharrte darauf, zu lesen. Da deutete sie auf eine Passage im Buch und meinte: „Gut. Dann lies mir doch mal das hier vor!“ Und stand da und grinste. Ich fand es ein wenig albern, denn für mich war es ja klar, dass ich lesen konnte, weniger klar jedoch, dass sie das nicht wissen konnte, aber ich setzte mich gerade hin und las ihr vor. Langsam, aber nicht stockend. Sie wurde blass. Sah mich an und meinte: „Das hast du dir sicher gemerkt – die Stelle habe ich doch gestern Abend vorgelesen. Warte, das haben wir gleich!“ Und sie blätterte vor, bis zu einer Stelle, die sie noch nicht gelesen hatte: „Lies das!“ Ich las vor. Sie wurde noch blasser, blätterte bis ans Ende des Buches und hieß mich erneut, zu lesen, indem sie auf eine Passage zeigte. Ich las ihr auch diese vor. Sie starrte mich an. Dann schrie sie: „Karl-Heinz!“ und rannte aus dem Wohnzimmer und Richtung Treppe ins Obergeschoss, wo ihr mein Vater schon entgegen kam, der mit einer Katastrophe rechnete. Ich sah ihr hinterher, etwas erstaunt. Was war denn falsch? Sie freute sich gar nicht!

Danach kamen sie und mein Vater zu mir gerannt, als wäre ich verunglückt. Und ich musste auch meinem Vater vorlesen. Mehrere Passagen, andere als die, die ich Mama hatte vorlesen müssen. Alle hinten im Buch. 😉 Mein Vater strahlte, meine Mutter rief nach meiner Schwester und fragte, ob sie mir das beigebracht habe. Stephanie sagte nur: „Als hätte ich nichts Besseres zu tun! Nein! Wieso?“ – „Deine Schwester kann lesen!“ – „Ach … Deswegen kam sie neulich an und wollte wissen, was ein X und ein V sei.“ – „Hast du ihr das beigebracht?“ – „Nein! Als hätte ich nichts Besseres zu tun. Nee!“

Und meine Eltern starrten mich an, als sei ich ein Wunderkind. War ich aber nicht. Nur extrem ungeduldig, weil ich das Buch von Astrid Lindgren so sehr mochte! 🙂 Und ich wollte doch ein „großes Mädchen“ sein! 😉 Es war damals auch gar nicht so schwer, das Ganze zu lernen, da ich ja das Alphabet – bis auf das X und das V – schon gut beherrschte. Man muss sich nur selber halblaut bis laut vorlesen, indem man die bekannten Laute aneinanderreiht. Das klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es macht richtig Freude, wenn dann vom Hören bekannte Wörter dabei herauskommen. 😉 Und ich hatte es immer im stillen Kämmerlein geprobt. 😉

Ein Wunderkind war ich nicht, was sich spätestens dann herausstellte, als ich zur Schule kam und leider festzustellen war, dass ich in dem Bereich, der mehr mit Zahlen zu tun hatte, kein Naturtalent war. Auch ließ da die Selbstdisziplin sehr zu wünschen übrig. 😉

Ein literarisch interessiertes Kind zu haben, das Bücher quasi „frisst“, ist auch nicht ganz billig – dauernd mussten neue Bücher her. Zum Glück gibt es öffentliche Bibliotheken. 😉

Nach wie vor lese ich sehr gern. Man kann so schön abtauchen, wenn ein Buch einem wirklich zusagt. Kopfkino war und ist für mich seit jeher wichtig.

Und neulich habe ich mir – in einem Anfall von Nostalgie – das Buch „Wunderbare Sachen“ gebraucht gekauft, denn das Originalexemplar ist irgendwann abhandengekommen. Das schönste Lesebuch für Erstklässler, das ich kenne. Aber es ist auch von Ursula Wölfel, die so wunderschöne Kindergeschichten geschrieben hat. Die Illustrationen von Lilo Fromm. Und es war immer ein Stück Heimat, zumal da von Hochöfen, Hütten und Kokereien die Rede war. Und die wunderschönen Illustrationen erinnerten mich ebenfalls an meine Heimat Nr. 1, das Ruhrgebiet.

Jetzt weiß ich auch, warum. Auf der Suche nach diesem Buch meiner Kindheit lernte ich, dass die Autorin ein echter „Ruhri“ war. Kein Wunder, dass mir schon als Kind alles so vertraut war. Und sie, die Illustratorin, sowie Astrid Lindgren sind schuld daran, dass ich wirklich echte Selbstdisziplin aufbrachte, die normalerweise nicht zu meinem Standardrepertoire gehört. 😉

Manchmal ist es doch schön, nostalgisch zu sein. 😉

Euch einen schönen und entspannten Abend. Und sucht auch bei euch nach einem Stückchen Nostalgie. 🙂

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