„Have some milk, dolly!“

Meine Berufung hat mich offenbar schon recht früh ereilt – im zarten Alter von etwas über zwei Jahren. Zumindest glaube ich, dass es da passiert sein muss, denn ich kann mich an vieles und die Eckpunkte noch durchaus erinnern.

Ich habe – wie so viele Leute sagen – eine vermeintlich brotlose Kunst studiert. Ich bin Anglistin. Allzu brotlos ist meine Kunst eigentlich nicht, denn es gibt so viele Menschen, die zwar glauben, die englische Sprache zu beherrschen, die dann aber, wenn man sich ihre Kunst anhört, kläglich versagen, weil das, was sie für Englisch halten, keinesfalls dem entspricht, was Englisch wirklich bedeutet. 😉 Im Übrigen ist Anglistik viel mehr – Linguistik und Literaturwissenschaft plus Landeskunde. Aber das zählt ja heutzutage gar nicht mehr, da Fachidiotie die Rolle der Allgemein- und speziellen Bildung eingenommen zu haben scheint. 😉 Ich musste mir gar mal von einem ehemaligen Chef anhören, dass mein Hauptamt, das der Linguistin, so witzig sei, dass seine Kinder mich wahrscheinlich für eine Nudelfabrikantin halten würden. „Linguine“, diese platten Spaghetti – ihr versteht? Ich grinste und meinte: „Immerhin kennen sich Ihre Kinder mit Teigwaren aus. Dass sie den Begriff ‚Linguistik‘ nicht kennen, ist sicherlich nicht meinem Hauptfach anzulasten, sondern eher Ihren Kindern oder deren Lehrern und Erziehungsberechtigten.“ Da kenne ich nix. Seither kam auch nichts mehr in dieser Richtung von diesem Chef. Ist auch besser so, denn alles, was da sonst noch kommen könnte, würde finsteren bildungstechnischen Rückschlüssen Tür und Tor öffnen.

Nachdem ich als Kind über Jahre erst Tierärztin, als Jugendliche mitten in der Pubertät dann Psychologin werden wollte, habe ich mich dann auf das gestürzt, was ich heiß und innig liebe: Sprachen. Ich rede gern und viel, wahrscheinlich liegt es daran. 😉

Aber warum Englisch und nicht Französisch, Spanisch, Italienisch oder Mandarin, Swahili oder Finnisch?

Ich vermute, das liege wirklich in meiner frühen Kindheit begründet. Denn als ich knapp 2 ½ Jahre alt war, verbrachte meine Familie Weihnachten in Franken bei meiner Oma Margareta. Wunderschön war es, draußen lag sogar Schnee – anders als in NRW. 🙂 Und an einem der Weihnachtsfeiertage kam Omas zweitjüngste Schwester, die sonst in den USA lebte, mit einem Teil ihrer Familie zu Besuch. Man war gerade in Deutschland, weil Tante Lilibet öfter unter Heimweh litt und zweien ihrer vier Kinder auch mal Weihnachten in Deutschland zeigen wollte. Die beiden Ältesten waren schon so groß, dass sie nicht mitgewollt hatten.

Und so bereitete man alles auf den so selten gesehenen Besuch vor. Eine Aufregung wie in einem Bienenstock, und es wurden sogar extra Wunderkerzen am Weihnachtsbaum befestigt, weil man wohl der Ansicht war, ohne Glitter und Feuerwerk würde es der Besuch von jenseits des Atlantiks allzu langweilig finden. Wunderkerzen am Baum waren nämlich sonst nicht üblich. 😉 Neben dem sonstigen Schmuck nur echte Bienenwachskerzen, deren Duft sich so wunderbar mit dem der Tanne vermischte und den ich seit den Jahren der elektrischen Lichterketten sehr vermisse.

Der Tisch war reichhaltig gedeckt, Kaffee in rauhen Mengen aufgebrüht, als es an der Tür klingelte. Ich hielt mich zurück – wusste der Henker, was da über uns hereinbrechen würde!

Tante Lilibet mochte ich sofort, denn sie war und ist eine ganz liebe, ruhige Person, blond, blauäugig und sehr lieb. Die beiden „Kinder“, Linda und Richard, damals 19 und 16, waren ebenfalls blond und sehr fröhlich. Vor denen hatte ich keine Angst, obwohl sie irgendwie anders wirkten, da sie so anders sprachen. Und auch meine Mutter sprach so, dass ich sie völlig konsterniert anstarrte, denn ich verstand kein Wort von dem, was sie da von sich gab! Ich war mir nicht ganz sicher: Würde das jetzt immer so weitergehen?

Vertrauensvoll-verunsichert wandte ich mich an meine Schwester Stephanie und fragte sie, was das bedeute und warum ich Mama nicht verstünde. Die sah mich an, lachte und meinte: „Bah, bist du doof! Das ist Englisch!“ Ich habe sie dann wohl gefragt, ob sie das verstehe, und da kam: „Natürlich!“ Das habe ich geglaubt. Dabei war es gelogen! Sie verstand genauso wenig wie ich! 😉 Woher hätte das Verständnis auch kommen sollen … 😉

Tante Lilibet fand ich nett. Die nahm mich auf den Arm und sprach Deutsch mit mir! Ihre beiden jüngeren Kinder waren freundlich zu mir, und ich mochte sie ebenfalls, wenn ich auch kein Wort von dem verstand, was sie sagten. Aber das schien in diesem Haushalt offenbar inzwischen normal zu sein. Ich fand mich damit ab, hoffte aber auf bessere Zeiten.

Dann kam er! Mein Onkel Richard. Richard senior. Laut, lärmend, fröhlich – ein echter Amerikaner. Ich versteckte mich lieber sofort hinter meiner Mutter und hielt mich an ihrem linken Bein fest. Der Typ war mir unheimlich. Besser, er sah mich nicht. Und ich fuhr gut damit.

Bis wir alle am Tisch saßen und Kaffee tranken. Da saß ich neben Mama und konnte mich nicht mehr verstecken. Und da rief dieser Mensch etwas und sah in meine Richtung. O Gott! Meine Mutter lachte und antwortete – erneut völlig unverständlich. Und dann sagte sie zu mir: „Ali, sieh mal, Onkel Richard meinte, er kenne dich noch gar nicht. Du sollst mal zu ihm kommen!“ Ich war erschüttert. Da lieferte mich meine eigene Mutter an diesen unheimlichen Menschen aus? Da Kinder damals noch nicht so „selbstbestimmt“ waren wie heute, musste ich hingehen … Der Mensch – ich fühlte mich wie einem Riesen ausgeliefert – hob mich hoch, nahm mich auf den Schoß und redete die ganze Zeit auf mich ein. Ich verstand kein Wort und heftete meine Blicke die ganze Zeit auf meine Mutter. Die fand das kolossal amüsant.

Das Allerschlimmste: Mein Großonkel Richard war als Amerikaner dem Glauben verhaftet, Kinder müssten unentwegt und literweise Milch trinken. Ich hasste Milch, speziell dann, wenn sie heiß war, aber er orderte gleich eine Tasse davon. Er meinte es nicht böse, und das war mir sogar damals schon klar. Er meinte es gut, und meine Mutter und Oma grinsten sich eins, denn sie fochten so manchen Kampf mit mir aus, damit ich Milch trank …

Hier geschah das völlig problemlos. Aber nicht freiwillig. Mehr aus Angst davor, was passieren würde, würde ich dem „Riesen“, der so komisch sprach, Widerstand leisten. Und so war das allererste englische Wort, das ich kennenlernte, „milk“, denn Großonkel Richard rief in Abständen immer wieder fröhlich: „Have some milk, dolly!“ und setzte mir die Tasse an den Mund. Ich traute mich nicht, zu widersprechen und leerte binnen kurzem die ganze Tasse. Puh! Endlich war sie leer! Aber da rief er schon, ob es denn nicht noch mehr Milch für mich gebe … Das verstand ich zwar nicht, sah aber mit Entsetzen, wie kurz darauf eine neue, volle Tasse mit dem ekligen Zeug vor ihm abgestellt wurde.

Auf diese Weise leerte ich drei Tassen Milch voller Abscheu, traute mich aber nicht, zu sagen, dass ich Milch hasste. Meine Mutter und meine Oma saßen feixend am Tisch, und Stephanie lachte sich ebenfalls schlapp. Daran kann ich mich tatsächlich noch genau erinnern, ebenso an das Gefühl von Hilflosigkeit … 😉

Ein Wunder, dass ich dennoch später total begeistert von Englisch war! 😉 Eigentlich hätte mich diese Ersterfahrung genauso gut abschrecken können. 😉

Als ich sieben Jahre alt war, beschloss meine Mutter, ihre Englischkenntnisse aufzufrischen, und das mit Hilfe eines Audiokurses. Damals noch in Form von Kassetten. Irgendwann sollte sie eine schriftliche Aufgabe machen, wahrscheinlich einen Lückentext. Wie auch immer – sie rang nach dem Wort für „Möhre“ und ärgerte sich gleichermaßen, dass ihr dieses einfache Wort nicht einfiel. Und so fragte sie Stephanie, die immerhin schon Englisch in der Schule hatte. Stephanie fiel nichts ein, aber ich schmetterte nach einigem Nachdenken fröhlich: „Vielleicht carrot?“ Meine Mutter lachte und meinte, ich würde mich nicht auskennen, schlug das Wort aber nach und wurde blass. Die Einzige in der Familie, die noch keine Stunde Englischunterricht gehabt hatte, hatte die richtige Lösung gefunden … Dabei war es doch relativ naheliegend, zumal ich damals ein Fan von „Bugs Bunny“ war, der dauernd von „Karotten“ sprach. Und wie Englisch klang, hatte ich inzwischen schon mitbekommen, dank Stephanie. Und ich fand diese Sprache irgendwie cool.

Als ich aufs Gymnasium kam, habe ich den Englischunterricht am meisten gemocht. Und ich war auch gut. Das spornte noch mehr an, und es blieb die neun Jahre bis zum Abi auch so. Französisch hat Englisch nie den Rang ablaufen können. 😉

Ich fand Englisch so toll, dass ich dann auch in diese Richtung studierte. Aber wie peinlich fand ich es, wenn Physikstudenten oder andere Ahnungslose auf ihre Frage, was ich studierte, die Antwort: „Anglistik“ bekamen und dann meinten: „Ach! Das kann man studieren? Nun, ich hatte Englisch schon in der Schule!“ Ja. Klar. Ich auch. Sonst hätte ich das, was ich studierte, auch gar nicht studieren können … 😉

Noch besser diejenigen, die meinten: „Englisch? Ist doch total einfach und genauso wie Deutsch. Im Grunde Neudeutsch.“ Alles, was englisch war, bezeichneten diese Granaten als „neudeutsch“, bis ich einmal auf die Frage nach meinem Studiengang meinte: „Neogermanistik.“ Man hatte noch nie davon gehört, und ich meinte dann: „Auch als Anglistik bekannt, aber einige Geistesgrößen bezeichnen ja alles, was irgendwie englisch ist, als neudeutsch.“

Das hat bis heute nicht aufgehört. Aber es ist echt peinlich, wenn man nicht wenige der „Englisch ist im Grunde genau wie Deutsch“-Verfechter dann mal „Englisch“ sprechen hört. 😉 Angeblich sei mein Fach überflüssig, wie solche Leute oft meinen. Nö. Ist es nicht, wenn man das Gros sprechen hört. 😉

Wie auch immer: Ich liebe mein Fach, ich liebe die Sprache. Wer hätte gedacht, dass ich, deren erstes englisches Wort „milk“ war, und das vor schaurigem Hintergrund, mal derart überzeugt sein würde? Ich habe meine Berufung offenbar gefunden. Nur so richtig reich wird man nicht unbedingt damit. 😉

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