Wenn Blicke töten könnten …

Heute war ich wieder bei meiner Fron in der Uni einer der Nachbarstädte. Da ich Autobahnfahren hasse wie die Pest – immerhin bin ich erst Anfang des Jahres nach elf langen Jahren wieder zu den Lebenden, Verzeihung, den Autofahrern, erweckt worden, und man sollte den Bogen nicht überspannen oder zu schnell spannen -, war ich heute mit Straßenbahn, Bussen und Bahnen unterwegs. Erstaunlich, wie schnell man entwöhnt ist. Oder sollte das Ganze in den paar Monaten noch schlimmer geworden sein als zuvor? Ich kann es mir nicht vorstellen – ich bin sicherlich einfach entwöhnt. 😉 (Ganz sicher bin ich mir dessen jedoch nicht …)

Heute sollte das erste Referat stattfinden. Die Studis müssen zum Bestehen des Seminars neben Anwesenheit und aktiver Mitarbeit sowie der Klausur alle eine Präsentation mit anschließender Diskussion absolvieren, während ich danebensitze und sie – so die neuen Regeln – mit Argusaugen beobachte und anhand eines Bewertungskatalogs evaluiere. Wie spricht der Studi? Spricht er frei? Hat er Wortfindungsstörungen, so wie ich bisweilen im Deutschen? (Erstaunlicherweise fallen mir die entsprechenden englischen Begriffe stets sofort ein, und es ist schon vorgekommen – speziell nach Fachbereichsversammlungen oder Ähnlichem -, dass ich einen Satz auf Deutsch begann, ihn dann aber auf Englisch fortsetzte. Es gab sogar, das natürlich in längeren Sätzen, mehrere Wechsel. Das aber nicht, weil ich mir cool vorkam oder auf peinliche Weise demonstrieren wollte, dass ich binnen kurzem zwischen zwei Sprachen, die ich in der Tat fließend spreche, hin- und herswitchen kann. Nein. Wurschtig, wie ich bisweilen bin, fiel es mir nicht einmal auf.)

Das fing bereits in der Oberstufe an, als ich als Einzige meiner 116 Schüler umspannenden Jahrgangsstufe die Leistungskurse Englisch und Französisch gewählt hatte und dafür von manchem Mitschüler als „völlig verrückt“ deklariert worden war. Während der Oberstufenzeit gab es, ich gebe es zu, auch den einen oder anderen Moment, da ich geneigt war, die Meinung jener Mitschüler zu teilen. Ich war quasi das sprachliche Gegenstück zu jenen, die – genauso wahnsinnig – Physik und Mathe als Leistungskurse gewählt hatten. (Die kamen mir allerdings erheblich verrückter vor … ) 😉

Eines Tages hatten wir eine vierstündige Französisch-LK-Klausur geschrieben, irgendwann in 12.1. Das Thema war toll gewesen, obwohl es eine Gedichtanalyse gewesen war. Ich weiß es noch wie heute: Es war ein Gedicht von Jacques Prévert gewesen – „Chez la fleuriste“. Das Gedicht ist gar nicht so lang, aber man kann sich ungelogen vier Stunden lang die Finger wund schreiben, denn es ist sehr gehaltvoll. 😉 Und das hatte ich auch getan, bevor ich mich zum Englisch-LK aufmachte. Noch einmal zwei Stunden Fremdsprache. Ich beschloss, es ruhig angehen zu lassen. Aber meine Lehrerin war anderer Ansicht, und als ich an diesem Tag völlig still und wortlos in der Klasse saß, nahm sie mich irgendwann einfach dran: „Would you please explain the voidness of this dialogue between Daisy and Tom, Ali?“ (Jaaa, schon damals stand „The American Dream“ auf dem Programm für den Englischunterricht, und wir lasen gerade „The Great Gatsby“ …) „Scheiße!“ dachte ich. „Ich wollte doch meine Ruhe.“ Und das dachte ich auf Deutsch, das weiß ich noch. Dann sortierte ich meine Gedanken und gab eine Antwort. Schweigen. Ich wunderte mich. War meine Idee so blöd gewesen, dass alle erstarrt waren? Da drang Frau Gutmonds Stimme an mein Ohr: „Could you please explain that again?“ Ich war irritiert, wiederholte aber, was ich gesagt hatte. Erneut Schweigen. Dann wurde leises Raunen laut, und ich begriff nicht, was passiert war. Ich wusste es wirklich nicht, bis Frau Gutmond auf Deutsch meinte: „Ali! Das klang sehr, sehr schön, und ich vermute auch, dass das, was Sie sagten, den Kern getroffen hat. Nur – mein Französisch ist total eingerostet.“ – „Wie: Französisch?“ rief ich. „Sie haben auf Französisch geantwortet. Zweimal.“ O Gott – wie peinlich! Frau Gutmond wollte wissen, warum, und da sagte ich ihr, dass ich neben Englisch auch Französisch als LK hatte. Sie war schwerstens beeindruckt, aber ich war peinlich berührt und versicherte, dass ich es wirklich nicht gemerkt hätte. Ich hätte gerade eine LK-Klausur geschrieben, über ein Thema, das mir zu Herzen ging. Da sagte sie: „Ali, ich bin beeindruckt, dass Ihnen das nicht öfter passiert – kommt man da nicht leicht durcheinander?“ – „Eigentlich nicht. Offenbar nur in Ausnahmefällen.“ – „Ich lasse Sie dann mal heute in Ruhe.“ Danke, das fand ich gut. Ich hatte „la douce France“ offenbar noch nicht verlassen. 😉 Netterweise haben meine Mitschüler mich danach nicht gedisst. Immerhin hätten sie mich für eine peinliche Poserin halten können, aber sie kannten mich – so war ich damals – als sehr bescheiden. Das Einzige, was sie sagten, war: „Englisch und Französisch als LK? Ali – du musst verrückt sein! Aber irgendwie war es cool, wie du gesprochen hast.“ (Ich staune noch heute … Ich vermute, ich habe im Franz-LK niemals derart flüssig gesprochen wie im Englisch-LK völlig unbeabsichtigt … 😉 )

Doch zurück. Ich musste die Studentin heute anhand eines Abhak-Kataloges bewerten. Sie sprach frei, sie machte keine allzu großen Grammatikfehler. Ihre Wortwahl war vielfältig und gut, sie hatte das Thema gut ausgearbeitet – und so fort. Auch die Diskussion lief gut – fürs erste Mal. 😉 Alles lief super, wenn mir auch dieses Abhaken nicht gefällt. Ich würde lieber entspannt zuhören.

Dann gingen wir zum Alltagsgeschäft über. Ich hatte zum Auflockern einen fachsprachlichen Lückentext mitgebracht und die Studis geheißen, ihn ganz durchzulesen und unten die einzusetzenden Begriffe genau anzusehen und zu versuchen, schon einmal eine Lösung zu finden, bevor wir gemeinsam drangehen wollten. Sie waren sehr schnell fertig. Jaaa – ich weiß: Lückentexte sind nicht sonderlich beliebt, aber irgendwie muss man einen Einstieg finden, und so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht! 😉

Wir begannen, und gleich der erste Satz war nach zwei Versuchen – „Read carefully and try to find a logical and unambiguous solution!“ – richtig gelöst. Dann meldete sich Yannick, der immer mit finsterer Miene dasitzt und mir gegenüber geäußert hatte, ihm sei eigentlich scheißegal, worüber gesprochen werde. Hauptsache: Englisch. Er versuchte sich an einer Lösung, und die war leider nicht richtig. Seitdem fühle ich mich nicht mehr so wohl in meiner Haut … 😉 Denn irgendwie scheint Yannick Kritik nicht so gut vertragen zu können …

Gut, es ist so eine Sache mit der Kritik. Es kommt immer darauf an, wie sie geäußert wird, aber ich bin professionell genug, weil ich den Job schon lange mache, immer freundlich zu sein, wenn ich jemandem sagen muss, dass das, was er abgeliefert habe, leider nicht so ganz … Und ich habe ja auch gar nichts gegen Yannick. Nun ja. Ich bin wirklich immer freundlich, weil ich weiß, wie es ist, wenn man unsensibel kritisiert wird. 😉 Es scheint aber Menschen zu geben, die noch empfindlicher sind, als ich es bin. 😉

Es gab heute Momente während des Seminars, da ich darüber nachdachte, ob ich das wirklich weitermachen wolle, denn Yannick war ziemlich pampig, sprach ich ihn danach an, und er blickte mich die ganze Zeit über feindselig an. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich heute schon relativ zu Beginn des Seminars und nach Josefines Präsentation sang-, klang- und ruhmlos vor dem Whiteboard zu Boden gesunken. 😉

Erfreulicherweise waren aber die anderen Studis so, wie ich es gewohnt bin. Ich hatte seit 2008 in wirklich jedem meiner vielen Seminare immer ein Paar Studis, das ich „Waldorf and Statler“ nannte. Für die, die die Muppets-Show noch kennen, muss ich sicherlich nicht erklären, was damit gemeint ist: zwei Sarkastiker in Reinform. Alle anderen googeln bitte. 😉 Mein Rekord war in einem Kurs ein ganzes Trio solcher Studis. Und immer sind es Männer. 😉 Keine Frage, dass ich mit denen besonders gut klarkomme, sie aber nie bevorzugt habe. Nur stimmte die Chemie besonders. (Die Leistung nicht immer.) 😉

Auch hier habe ich wieder ein „Waldorf and Statler“-Paar. Das habe ich den beiden Studis aber gar nicht erst erzählt, weil sie zu jung sind, zu wissen, was damit gemeint ist. 😉 Sehr erfreulich – es scheint sich nichts geändert zu haben.

Nur Yannick scheint mich zu hassen. 😉 Ich werde ihn künftig etwas behutsamer als die anderen „anpacken“. Er scheint besonders sensibel zu sein, und dem möchte ich gern Rechnung tragen, und das nicht nur der Evaluation meines Kurses wegen. Mir ist einfach wichtig, dass sich die Studis wohlfühlen. Und deswegen habe ich heute auch meine allsemesterliche Ansprache gehalten, dass ich bisweilen etwas sarkastisch sei, sich eine Studentin vor einigen Jahren zu Unrecht über mich beschwert habe, ich aber weder bisse, noch sonstwie böse sei und sie mich per Mail immer kontaktieren dürften, wenn Not am Mann sei. Und ich nickte besonders liebevoll in die Runde, damit auch Yannick sehe, dass ich es ernst meinte.

Er guckte danach noch immer finster drein.

O je – das diessemestrige Seminar scheint in einer Hinsicht ein härterer Brocken zu sein. So stellte ich fest, als ich meinen Raum verließ, wo ich auf eine Kollegin traf, die Polnisch unterrichtet. Sie ist Polin, sehr nett, und wir haben uns schon früher immer sehr nett unterhalten, wenn wir vor Pavillon 08/15 mehr oder minder zufällig aufeinandertrafen, weil wir beide Raucherinnen sind und immer in nebeneinanderliegenden Räumen unterrichteten, woran sich nichts geändert zu haben scheint. Sie freute sich riesig, mich zu sehen, und ich fragte: „Und? Wie läuft’s?“ Da klagte sie mir ihr Leid – die Studis würden immer respektloser, würden die ganze Zeit vor ihrer Nase mit dem Smartphone zugange sein, aber noch pampig reagieren, wenn sie dann keine so gute Note bekämen! So gehe das nicht!

Ich gab ihr Recht, denn so geht das wirklich nicht. Ich war überrascht, dass dieses alberne Betragen nun auch an dieser Uni angelangt sei, denn das kannte ich bis dato nur von der Hochschule in einer anderen Stadt, von der ich schon berichtet habe, wo ich die Studis auch schon mal anbrüllen musste. Den Tipp gab ich meiner Kollegin für den Notfall. Da sah sie mich an wie ein krankes Reh und meinte: „Aber wo kommen wir denn hin, wenn wir die Studenten anbrüllen müssen, um Gehör zu finden? Es kotzt mich an, dass die meinen, sie hätten alle Rechte, und ich darf nicht einmal leise Kritik üben, weil sie das schon nicht ertragen! Wo kommen wir denn da hin? Ich will nicht brüllen – die sollen was lernen! Das muss denen doch klar sein. Oder, Frau B.?“ – „Eigentlich schon. Ist es aber wohl nicht. Ich will auch nicht brüllen, aber mir stinkt es auch, mich blöd behandeln zu lassen, nur, weil ich sage: ‚Diese Lösung war nicht so ganz richtig – versuchen Sie es nochmal, und sehen Sie genau hin!‘“

Wir blickten einander wie zwei waidwunde Rehe an, rauchten noch eine Zigarette zusammen und gingen dann unserer Wege.

Es scheint rauher geworden zu sein für Dozenten. Und wenn es so weitergeht und ich nur noch „Yannicks“ da sitzen habe, gebe ich freiwillig auf. Schade.

Euch einen schönen Abend. 🙂

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