Der letzte Nerv …

Manchmal habe ich den Eindruck, in manchen Teilen ziemlichen Mist geerbt zu haben. Natürlich auch Positives, wie ich hoffe, aber die negativen Dinge sind ja meist prägnanter. Unter solch einer prägnanten Schwäche habe ich an diesem Wochenende zu leiden – warum denn ausgerechnet am Wochenende?

Einer meiner Zähne – mein Zahnarzt meint, ich hätte die dentale Schwäche geerbt, und ich danke hier sehr einigen meiner Blutsverwandten, die ebenfalls oft Probleme mit den Zähnen hatten – hat nämlich beschlossen, sich offenbar zur ewigen Ruhe zu betten. Nun bin ich ja der Ansicht: Lieber dentale, als mentale Schwäche, aber im Moment ist mir so, als würde ich noch zusätzlich bald wahnsinnig, denn dieser Zahn bringt mich durch Höllenschmerzen wahrscheinlich binnen kurzem um den Verstand.

Nun gibt es ja den zahnärztlichen Notdienst, aber ich vermute, der würde mir den Zahn kaltlächelnd einfach ziehen. Und es ist eher ein Frontzahn … Mit zahnärztlichen Notdiensten habe ich in zwei Fällen keine so günstigen Erfahrungen gemacht, und so sitze ich hier mit tränenden Augen – eine wunderbare Begleiterscheinung -, habe gerade den Badezimmerschrank nach Paracetamol abgesucht, aber nur meine Migränetabletten gefunden. Die helfen hier nicht. Und so muss ich wohl nun da durch, aber ich werde sicherlich heute Nacht kein Auge zutun. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopp gegen die Wand rennen … 😉

Meinen nächsten Vorsorgetermin beim Zahnarzt habe ich am 22. – das ist viel zu lange hin, und so ist mir klar, dass ich am Montagmorgen sofort bei ihm anrufen, zur Not die Praxis stürmen werde.

Warum müssen meine Zähne eigentlich immer so einen Terror machen? Sie werden durchaus gehegt und gepflegt – von Dank keine Spur. Vier von ihnen sind schon den Weg alles Irdischen gegangen – zum Glück gibt es ja Wurzelbehandlungen. Habe ich gerade „zum Glück“ gesagt? Das ist nun wirklich nicht angenehm, und ich freue mich schon jetzt wieder auf diverse Sitzungen im Behandlungsstuhl, aus dem ich schweißgebadet wieder aufstehen werde. Nicht wegen Angst oder so, aber die Behandlung ist meist ziemlich unangenehm, noch dazu, da mein Zahnarzt immer wieder begeistert ruft: „Prachtvolle Wurzeln, Frau B. – und recht lang!“ Und je länger die Wurzel, desto umfangreicher die Behandlung.

Und warum melden sich meine Zähne immer erst, wenn es schon zu spät ist? Und dann immer derart spontan und plötzlich, dass man erst gar nicht begreift, was passiert ist. Denn das, was sich da gerade in meinem Oberkiefer abspielt, ist quasi der Todeskampf eines Nervs – und solch ein Nerv scheint sehr am Leben zu hängen und sich mit allen Mitteln, in diesem Falle Schmerzen, gegen den nahenden Tod zur Wehr zu setzen. Da zu diesem Zeitpunkt ohnehin der point of no return erreicht und nichts mehr zu ändern ist, kann ich jetzt im Grunde warten, bis es vorbei ist – abgesehen vom zahnärztlichen Notdienst, den ich nicht sonderlich schätze -, denn irgendwann sind die Schmerzen weg. Wie abgeschnitten. Das bedeutet: Der Zahn ist tot.

Bin ich jetzt fies, wenn ich meinem ohnehin nicht zu reanimierenden Zahn einen raschen Tod wünsche? Wir hätten doch alle etwas davon! 😉 Wie gesagt: Ändern kann man am Sterben des Nervs ja ohnehin nichts mehr – warum muss das Ding denn dann noch so herumnerven? Ach, ja, weil es ein Nerv ist … Das scheint zu seinem Berufsprofil zu gehören und steht sicherlich so in seiner Stellenbeschreibung.

Vorteilhaft ist in diesem Falle ausnahmsweise, dass ich derzeit allein bin. Würde jetzt noch jemand bei mir sein und auch nur die geringste Kleinigkeit machen, die ich vielleicht nicht so toll finde – es wäre sicherlich kein schöner Abend. 😉

Ich erinnere mich an einen Abend vor einigen Jahren, als ich noch mit Henrik zusammen war. Ich hatte bestialische Zahnschmerzen, aber zum Glück war wenigstens kein Wochenende. Die ganze Zeit rannte Henrik hin und her und fragte mich dauernd: „Kann ich etwas für dich tun?“ – „Nein, bitte – lass mich einfach nur hier sitzen.“ – „Ja, aber ich würde dir gern helfen – soll ich dir einen Tee kochen?“ – „Danke, ich weiß, das ist sehr lieb, aber lass mich doch bitte einfach nur hier sitzen.“ – „Aber du leidest doch – man muss doch etwas tun!“ – „Ja, danke, das finde ich auch sehr lieb, aber, wirklich: Am besten, du lässt mich einfach in Ruhe.“ – „Soll ich dir vielleicht doch einen Tee machen?“ – „Nein, danke!“ [Mit allmählich etwas ungeduldig klingender Stimme.] – „Ich will dir doch nur helfen …“ – „ICH WEISS. Aber bitte – lass mich netterweise ein bisschen in Ruhe!“ – „Oder möchtest du etwas essen? Ich kann …“ – „Essen? Mit dem Zahn? Ich kann noch nicht einmal kauen! Nur rechts! Und ich will auch nichts essen! Ich will meine Ruhe – mich nervt schon der Zahn! Warum hörst du nicht einfach auf mich?“ – „Aber ich will dir nur helfen – und du bist so undankbar! Finde ich Scheiße.“ – „Und ich finde Scheiße, dass offenbar niemand auf mich hört. Ich sagte nun schon mehrfach, dass ich es wirklich lieb finde, dass du mir helfen möchtest, und das meine ich durchaus ernst. Aber du kannst mir nicht helfen – dieser Zahn bringt mich um, raubt mir den letzten Nerv, und offenbar hast du beschlossen, es ihm gleichzutun. Bitte – lass mich netterweise jetzt einfach in Ruhe. Es wird sicher bald wieder besser sein, dann komme ich gern auf deine Angebote zurück. Vielen Dank, wirklich.“ Ich klang ein klein wenig gereizt, zugegeben, aber hätte Henrik diese Schmerzen gehabt, wäre er auch nicht so fluffig damit umgegangen und hätte seine Ruhe gewollt. Nun verließ er türenknallend das Wohnzimmer. „Danke fürs Türenknallen!“ rief ich hinter ihm her, denn laute Geräusche schienen direkt in den Nerv zu gehen und sich dort durch noch größere Schmerzen fortzupflanzen.

Da er hinterher noch schmollte, musste ich mich auch noch bei ihm entschuldigen, denn ansonsten hätte er noch viel länger geschmollt, und das war wirklich gruselig. Dabei hatte ich ihn doch von Anfang an nur darum gebeten, mir meine Ruhe zu lassen …

Am nächsten Tag war alles wieder im Lack – der Zahn tat nicht mehr weh. Klar, er war ja auch nach zähem Ringen und einer schlafarmen Nacht über die Regenbogenbrücke gegangen … 😉 Henrik freute sich, dass ich wieder normal war, und der Zahn wurde dann wenige Tage darauf gezogen, denn die Wurzeln waren nicht mehr zu retten gewesen. Aber das war ein hinterer Backenzahn oder – vornehm – Molar …

Drückt mir die Daumen, dass ich am Montag einen Zahnarzttermin bekomme … Und eines weiß ich: Im nächsten Leben komme ich hoffentlich als Blauwal zur Welt. Der hat Barten und keine Zähne. Aber wer weiß, was für Probleme Barten bereiten können … Vielleicht ist der vielgerühmte Gesang der Wale gar kein Gesang, sondern es handelt sich um Schmerzensschreie. Wegen Bartenschmerzen. Wer weiß das schon?

Euch ein schönes Wochenende! Meines ist dahin … 😉

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