Über den Schrecken an sich

Komischer Titel, gebe ich zu. Aber mit Schrecken kenne ich mich aus, denn ich bin einer der schreckhaftesten Menschen, die ich kenne. Wenngleich es auch schon Menschen gab, die mich als „unerschrocken“ bezeichneten – es steht sogar in einem meiner Arbeitszeugnisse. 😉 Nur sind „schreckhaft“ und „erschrocken“ beziehungsweise das Gegenteil ganz unterschiedliche Schuhpaare. Unerschrocken bin ich wohl in der Tat, wenn mich auch bisweilen angesichts so mancher Situation zunächst der Schrecken packt. Man muss ihn halt nur überwinden und dann quasi losschwimmen. Das kann ich. Die Arbeit muss ja gemacht werden, und wenn außer mir niemand da ist, wohl von mir. So zumindest meine Einstellung. Doch dazu später. 😉

Heute war ich sehr früh bei der Arbeit, bereits um 07:15 h. Allmählich mutiere ich zum Frühaufsteher, aber wozu liegenbleiben, wenn man doch schon wach ist? Und der Vorteil besteht darin, dass man auch schon relativ früh wieder abhauen kann. 😉

Außerdem spielt Schalke heute zu Hause. Zwar erst um kurz nach 21 h, aber wer hier lebt, weiß, was das bedeutet. 😉 Ein Wunder, dass ich vorhin überhaupt noch einen Parkplatz gefunden habe, als ich nach Hause kam! Wenn Schalke hier spielt, ist die Straße meist komplett zugeparkt, obwohl die „Arena“ immerhin vier Kilometer entfernt ist, was ich kaum glauben kann … Doch so weit entfernt … 😉 Sie kommt mir immer viel näher vor, wenn Schalke ein Heimspiel hat. Möge das jeder so interpretieren, wie er mag. 😉

Ich kam also sehr früh bei der Arbeit an, und kurz nach mir traf meine Kollegin Daniela ein. Sie arbeitet erst seit März als Nachfolgerin meiner Kollegin Lydia, aber ich mochte sie auf Anhieb. Eine Teilzeitkollegin, die vormittags arbeitet. Für nachmittags haben wir ja seit fünf Wochen auch jemanden. Gudula, erheblich älter als der Rest von uns, die auch alle gleich duzen möchte, ob sie wollen oder nicht. Und, ja, inzwischen duze auch ich mich mit ihr. Aber immerhin nicht ohne Gegenwehr, denn als sie mir erklärte, dass wir doch unbedingt Du sagen sollten, zumal sie immerhin schon vier Wochen vor Ort und die biologisch Älteste sei, zögerte ich, legte meinen Kopf leicht schräg, wie Hunde es tun, wenn sie etwas Neues hören, das sie gern verstehen wollen, und ich zog beide Augenbrauen hoch. Und dazu dann eine kleine Gedenkpause. Nein, ich bin nicht generell fies, schon gar nicht zu neuen Kolleginnen, aber ich hasse es wie die Pest, wenn jemand „angeschissen“ kommt, noch keine Ahnung von dem, was angesagt ist, und mir dann seine Vorstellungen überstülpen will. Und sie merkte dann auch – das rechne ich ihr inzwischen hoch an! -, dass ihr Vorhaben vielleicht nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß, dass es bei mir nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß, denn sie sagte: „Oder ist Ihnen das nicht recht?“ Ich legte eine weitere kleine Kunstpause ein, dann sagte ich: „Ach … Nein. Das können wir machen.“ – „Ja. Ich bin ja auch die Älteste.“ – „Ja. Und ich bin die Dienstälteste.“

Nein, normalerweise bin ich gar nicht so arschig; eigentlich gar nicht, aber nach der „Erstvorführung“, allen Bemerkungen zu meinem kaputten Arm und der Aussage, das, was bei uns Aufgabe sei, sei doch „Peanuts“, war ich nicht so ganz begeistert. Man möge mir daher mein verzögertes Verhalten verzeihen. Ich traute dem Braten nicht. Und – wie sich allmählich herausstellt – wohl auch zu Recht, obwohl ich hoffe, der Knoten möge wirklich noch platzen.

Die Hoffnung war dahin, nachdem Daniela mir mit Tränen in den Augen erzählte, dass die neue Kollegin trotz aller beteuerter Erfahrung recht unwirsch und unbeholfen sei, selbst bei Bagatellen stets frage, ob denn das überhaupt zu ihren Aufgaben zähle und lieber noch einmal jemanden fragen wolle, der sich damit auskenne, da Jurist. Mir entfleuchte nur: „Ach, du Scheiße, das auch noch!“

Da war es gerade acht Uhr. Und doch waren Schrecken und Pein schon anwesend. 😉 Was hatten wir uns denn da eingehandelt? Zumal ich dann auch noch erfuhr, welche anderen Besonderheiten Gudula für sich reklamierte. Unmöglich, dass sie bis 17 Uhr arbeite. Sie bleibe nur bis 16 Uhr! Und die drei zuständigen Chefs hatten das auch brav abgenickt, ohne darauf zu achten, ob sie nicht damit in die Rechte anderer eingriffen.

Gegen 11 Uhr war ich gerade in der Teeküche damit beschäftigt, die Spülmaschine auszuräumen. Steht zwar nicht in meiner Stellenbeschreibung, und vielleicht sollte ich mal einen Juristen fragen, ob ich das überhaupt müsse, als ich von hinten angesprochen wurde. Ich schrak hoch, schrie wie am Spieß und knallte mit dem Kopp unter eine Oberschranktür, die ich unvorsichtiger Weise offengelassen hatte. Eine größere Anzahl hellleuchtender Sternchen machte sich vor meinen Augen breit, und ich presste beide Hände gegen das, was mein Hirn ummantelt.

Da tönte eine Stimme in belehrender Art: „Man sollte auch nicht die Oberschranktüren offenlassen!“ Richtig, hätte ich nicht machen sollen, war aber nun passiert. Es war Gudula. Ich tönte zurück: „Man sollte sich auch nicht an andere Leute anschleichen, die einem den Rücken zuwenden! Man sollte sich bemerkbar machen, bevor man diese Leute anspricht, damit die erst gar nicht in die Verlegenheit geraten, mit dem Kopp unter eine Kante zu knallen.“ Ich klang ziemlich giftig, ich gebe es zu. Aber Gudula meinte unerschrocken: „Dann hast du ja jetzt etwas gelernt.“ Ich sagte: „Ich hoffe, es möge umgekehrt genauso sein.“ Zu mehr war ich in diesem Moment nicht in der Lage. Hätte ich mehr gesagt, wäre das sicherlich nicht ganz so mit dem Begriff „friedliches Einvernehmen“ Hand in Hand gegangen.

Wie unterschiedlich manche Dinge doch bisweilen sind oder bewertet werden! Ich hatte einmal vor Schreck das oberste Regalbrett unseres Gläserschranks mit -zig Gläsern darauf fast heruntergerissen, als Ex-Kollege Chuck unbemerkt in die Küche gekommen war und mich hinterrücks ansprach. Reaktion: im Prinzip die gleiche, denn ich hatte vor Schreck laut geschrien und das Regalbrett fast heruntergerissen! Mitsamt den Gläsern. Ich konnte das Unglück gerade noch abwenden, als ich bemerkte, es war keineswegs der Gemeine Hammermörder, sondern „nur“ Kollege Chuck, der entgeistert fragte, ob es daran liege, dass ich einfach erschrocken sei oder ob ich erschrocken sei, weil er es sei. Ich fragte mich selber in dem Moment ganz entsetzt, wie ich wohl wirken müsse, wenn er denke, dass ich nur aus dem Grunde erschrocken sei, weil just Kollege Chuck da in die Küche kam, den ich mochte! Es ging doch nur darum, dass ich generell total schreckhaft bin. Da habe ich aber ganz anders reagiert als heute. Es hängt wohl – wie bei so vielen Dingen – von der Person ab, die einen erschreckt: Wenn man jemanden mag, der einem einen Mordsschrecken einjagt, möchte man dem zwar auch zunächst am liebsten die Ohren abreißen, aber man ist keineswegs auf Krawall gebürstet, wie ich es heute war, als Gudula da ankam und noch seichte Belehrungen von sich gab.

Ich befürchte, ich werde mich künftig noch mehr zusammenreißen müssen, als ich es ohnehin schon muss. Gudula ist – ich ahnte es ja schon zuvor – absolut nicht mein Fall. Reagiert beleidigt, wenn man Dinge, weil es gerade schnell gehen muss, selber macht, erklärt andererseits aber dauernd, sie sei noch neu und wolle daher viele Dinge nicht machen. Und dann schleicht sie sich auch noch an und verursacht, dass man sich fast den Schädel einschlägt! 😉

Zum Trost musste ich heute nach der Arbeit eine Parfümerie aufsuchen, zumal meine Patentante mir kürzlich zum Geburtstag einen Gutschein für eben diese Parfümerie geschenkt hat. Und nun ziert ein weiteres Parfum meine Schlafzimmerkommode: „Classique“ von Jean-Paul Gaultier. Das Parfum in dem Flakon, der wie ein Frauentorso aussieht. Riecht umwerfend. Und tröstet ein wenig über die aktuellen Schrecknisse hinweg. 😉

Nein, ich bin nicht generell fies zu neuen Kollegen oder Kolleginnen. Aber die hier ist wirklich ein Fall für sich und hat bis dato wirklich schon für den einen oder anderen Schrecken gesorgt. Wir werden – da bin ich mir jetzt schon ziemlich sicher – niemals Freundinnen werden. Und mit solchen Aussagen gehe ich niemals leichtfertig um. 😉

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