Die berühmte Duplizität der Ereignisse

Es gibt Tage, da komme ich abends nach Hause und denke: „Am liebsten würde ich morgen und überhaupt nicht mehr rausgehen …“ Natürlich würde ich niemals so handeln, aber es gibt eben Tage, da begegnet man Menschen, deren Verhalten man im Grunde gar nicht für möglich gehalten hätte. Kurz: An manchen Tagen scheinen nur Bekloppte herumzulaufen.

Übrigens nehme ich mich da gar nicht aus – auch ich bin nicht immer bester Stimmung und verhalte mich auch bisweilen so, dass andere das vielleicht nicht verstehen. Aber so, wie es mir vorhin widerfuhr, verhalte ich mich zum Glück wohl nie, auch wenn ich ein loses Mundwerk habe …

Doch von Anfang an. Ich verließ heute gegen Mittag das Haus, weil ich einen Arzttermin hatte. Auf dem Weg zur Haustür begegnete ich dem Ehepaar Wolski, das über mir wohnt. Die beiden sind recht nett, und ihn als Mitglied des Vorstands der Wohnungseigentümer hier hatte ich schon zuvor einmal gefragt, ob er wisse, ob es zufällig einen freien und mietbaren Stellplatz gebe, da die Parksituation hier in „meiner“ Straße wirklich gruselig ist. Und morgen und übermorgen wird es noch gruseliger, da der Garagenhof hinter dem Häuserkomplex neu gepflastert wird. Will heißen: Sämtliche Garagen- und Stellplatzinhaber müssen zwei Tage lang auch vorne auf der Straße parken, wo eh schon kaum noch Platz ist. Daher bleibt der kleine Monty morgen auch genau da stehen, wo er steht: Direkt vor dem Haus und parallel zum Bürgersteig. Lieber fahre ich mit Straßenbahn und Bus, als abends nach Hause zu kommen und festzustellen, dass es keinen Platz mehr gibt.

Herr Wolski meinte auch: „Das wird hier morgen und übermorgen ganz schlimm.“ – „Ja, und deswegen bleibt mein Auto morgen auch stehen. Ich habe keine Lust, abends nach Hause zu kommen und dann bis Resse fahren zu müssen, um einen Parkplatz zu bekommen.“ Frau Wolski lachte sich bei der Vorstellung, ich müsse in den Nachbarstadtteil fahren, um überhaupt irgendwo parken zu können, schlapp, meinte aber, so unrealistisch sei das gar nicht.

Ihr Mann meinte, es gebe einen Stellplatz, der von dessen Mieter nicht genutzt würde, der lieber zwei Plätze blockiere, indem er vor dem Haus parke. Ich könne ja mal die Eigentümerin des Stellplatzes fragen, ob sie den von meinem Nachbarn offenbar gar nicht genutzten Stellplatz mir vermieten würde. Sonst gebe es nur noch einen Stellplatz, der zwar auch nicht genutzt würde, weil der Eigentümer inzwischen an anderer Stelle eine Garage habe, „aber, Frau B., ich nenne Ihnen gern seinen Namen, doch falls Sie ihn ansprechen, sagen Sie ihm bitte nicht, dass ich Ihnen seinen Namen genannt habe. Ich spreche mit diesem Menschen nicht mehr. Der hat sich binnen kürzester Zeit mit allen Nachbarn verkracht und ist ein extrem unleidlicher Zeitgenosse. An allem hat er was zu meckern. Rentner, könnte ein schönes, ruhiges Leben haben – aber er legt sich lieber mit allen Leuten an. Ich bin nicht der Einzige, der vermutet, dass er einfach einen Ratsch im Kappes hat. Nur zu Ihrer Info, falls Sie ihn ansprechen sollten.“ Hmmm – wollte ich einen Stellplatz von jemandem mieten, der einen Ratsch im Kappes hat und sicherlich bei jeder – auch nichtvorhandenen – kleinen Störung einen Lauten macht?

„Herr Wolski, nennen Sie mir lieber den Namen der Dame, der der andere Stellplatz, der von Herrn K. offenbar gar nicht genutzt wird, gehört … Man will sich ja nicht ohne Not Ärger ins Haus holen.“ Herr Wolski lachte und gab mir den Namen der Nachbarin. Er meinte, er wolle aber auch die Augen nach einem Stellplatz für mich bzw. den kleinen Monty offenhalten.

Super – offenbar gibt es einen Nachbarn, der einfach sozial nicht kompatibel ist. Solche Leute sind nicht wirklich angenehm, und man sollte einen großen Bogen um sie machen. Das dachte ich, als ich das Haus verließ und – auch heute schon – gen Straßenbahnhaltestelle schritt. Denn ich musste ja auch noch nach Dortmund, wo ich mein Seminar abhalten musste.

Arztbesuch und Seminar liefen prima, und sogar die S-Bahn war pünktlich, mit der ich von der Uni-Haltestelle losfuhr. Auch die Anschlussbahn war pünktlich, und gegen 18:50 h fuhr sie in meinem Heimatbahnhof ein. Ich brauchte dringend noch Brot, Quark und Toilettenpapier, und so stürmte ich den Supermarkt in der Bahnhofspassage, da meine Straßenbahn gerade weg war.

Wie üblich um diese Zeit war dort sehr viel los. Klar, viele Pendler kaufen dann dort ein. Ich hatte wenig Lust, mich dort länger als nötig aufzuhalten, und so beeilte ich mich und langte dann an einer von zwei geöffneten Kassen an. Es ging nicht so recht voran, ich war müde und wollte nach Hause, aber ich harrte geduldig aus. Was blieb mir auch übrig? 😉

Endlich konnte ich die Waren aufs Band laden – nur Zigaretten fehlten noch. Der Automat an der Kasse war nicht in Betrieb, also würde ich die Kassiererin bitten müssen, ihn einzuschalten. Als ich mich ihr gerade zuwenden wollte, pampte mich von hinten, drei Leute hinter mir, ein älterer Mann mit einem karierten Hut an: „Verdammt nochmal, jetzt schieben Sie die Dinger doch mal weiter – da kommt man ja gar nicht dran!“ Ich war irritiert und wusste erst nicht, was er meinte. Erst als er sich unter dem Protest der beiden vor ihm Stehenden an diesen vorbeidrängelte und links neben das Band griff, wusste ich, was er meinte: Er wollte einen Warentrenner haben, einen dieser im Querschnitt dreieckigen Stäbe, die die Waren der Kunden auf dem Kassenband voneinander trennen!

Klar, ich hätte diese natürlich weiterschieben können, aber ich war gerade im Begriff gewesen, die Kassiererin anzusprechen. Und – ehrlich gestanden – so dringend war sein Bedürfnis nun nicht, da er seine Waren ohnehin noch nicht aufs Band legen konnte, weil es bis hinten besetzt war, sich aber merkwürdigerweise keiner der vor ihm Stehenden aufgeregt hatte. Die hatten vielleicht ein besseres Gedächtnis als „Herr Ich-nörgle-also-bin-ich“, vielleicht waren sie auch geduldiger. (Um die Ehrlichkeit zu ihrem Recht kommen zu lassen: Ich war gerade abgelenkt gewesen, denn ich bin normalerweise durchaus hilfsbereit und denke ebenso bisweilen mit. 😉 )

Ich sah ihn an, und als Erstes schoss mir der Satz durch den Kopf: „Mann mit Hut fährt selten gut.“ Offenbar gilt die mangelnde Güte aber auch in anderen Bereichen … Als Zweites dachte ich: „Ah, ja – einer dieser ‚Männer vom alten Schlag‘, die alle anderen für doof halten, speziell Frauen, die für sie nur für eines gut sind, und die daheim Omma Elfriede unterdrücken, die nur noch gesenkten Hauptes herumläuft und sich kaum traut, den Mund aufzumachen. Männer, die einen Anfall bekommen, wenn das Essen nicht Punkt 18 Uhr auf dem Tisch steht – und wehe, es schmeckt ihnen nicht!“ Diese Art Männer hatte ich schon als Kind nicht leiden können – und nun pampte mich ein Exemplar davon an, das gut und gerne der Prototyp dieses furchtbaren Schlages hätte sein können.

Sofort fuhr ich die Krallen aus und sagte ihm ins Gesicht: „Ah, sehr freundlich.“ Die blanke Ironie quoll aus meinen Worten, und kopfschüttelnd drehte ich mich wieder um, als ich hörte, wie er vor sich hin nörgelte: „Dumme Kuh!“

Ich gestehe, da musste ich sehr an mich halten, denn mein Blutdruck stieg so rasant an, dass ich dachte, es sprenge mir im nächsten Moment die Schädeldecke ab! Aber ich blieb ruhig, zumindest nach außen, und ich tat so, als hätte ich es gar nicht gehört. Noch jetzt bin ich stolz auf mich! 😉

Doch dann bat ich die Kassiererin um Zigaretten. Und der doofe Automat machte Zicken. Es kam nichts, obwohl er lief, und da hörte ich erneutes Nörgeln von hinten: „Scheiß-Zigaretten! Aber typisch, dass die raucht!“

Das war zu viel! Es reichte doch nun langsam mal! Und ich schnellte zu dem Unsympathen mit dem Hut herum und schnauzte ihn an: „Geht Sie doch wohl gar nichts an! Halten Sie sich doch ein bisschen zurück! Und überhaupt: Sie sind doch ganz offenbar Rentner – wieso kaufen Sie jetzt ein? Abends um 19 Uhr? Sehen Sie sich mal um: nur jüngere Leute, wahrscheinlich Pendler, auf alle Fälle Berufstätige, die noch eben dringend benötigte Dinge einkaufen! Übrigens regt sich von denen keiner auf – nur Sie!“

Der Typ war auch noch feige, als ich ihn mit seinem bescheuerten Verhalten konfrontierte, sah mich nicht einmal an, und so schnauzte ich noch: „Ja, und jetzt so tun, als wäre nichts gewesen! Aber ich habe ganz genau gehört, dass Sie mich eine dumme Kuh nannten! Sagen Sie das noch einmal, zeige ich Sie gerne an! Anders begreifen gewisse Leute offenbar nicht, dass sie sich nicht alles herausnehmen können!“

Der Mann direkt hinter mir meinte: „Bravo!“ Und zu dem Hutträger gerichtet: „Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Im Grunde sollten Sie sich bei der Dame entschuldigen. Sie waren sehr unhöflich.“ Ich meinte: „Nein, danke. Ich verzichte. Aber vielen Dank für Ihre Zustimmung.“ Und zur Kassiererin sagte ich: „Lassen Sie mal die Zigaretten – das scheint nicht zu funktionieren. Ich würde ja normalerweise warten, befürchte aber, dass hier noch jemand Amok läuft, wenn es noch länger dauert.“ Die Kassiererin lachte und kniff mir ein Auge zu. Ich versprach, beim nächsten Besuch die Zigaretten wieder bei ihrem Arbeitgeber zu kaufen – nur erschiene mir das heute nicht ratsam. Da lachte sie noch mehr, und der Mann hinter mir lachte auch und klopfte mir auf die Schulter.

Ich zahlte, packte die Waren ein und war froh, als ich in der Straßenbahn saß. Allerdings war ich ziemlich wütend über die „dumme Kuh“ – was fiel diesem Hutträger eigentlich ein? Aber ich beruhigte mich schnell wieder, denn immerhin hatte ich ihm erfolgreich die Zähne gezeigt. 😉

Und als ich dann an die Unterhaltung mit Herrn Wolski über den unleidlichen Nachbarn denken musste, fing ich zu lachen an: So etwas nennt man wohl Duplizität der Ereignisse. Zumindest schien der Hutträger dem mit allen verfeindeten Nachbarn vom Wesen sehr ähnlich zu sein. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

Es geht aber auch ganz anders …

Vorgestern überlegten Kollegen und ich, ob wir nicht eine Weihnachtsfeier für unseren Flur machen wollten. Das war eigentlich schon letztes Jahr überlegt worden, aber in der vorweihnachtlichen Hektik untergegangen. Denn auf unserem Flur sitzen recht viele Kollegen, die keiner bestimmten Abteilung angehören und daher jedes Jahr – während die verschiedenen Abteilungen tolle Weihnachtsfeiern machen – leer ausgehen, was auch den Chefs nicht aufzufallen scheint. Nun ja – mal abgesehen vom letztjährigen Weihnachtsessen mit den Chefs, an dem Lydia, Janine und ich teilnahmen. Das war ein wenig verkrampft, wenn auch das Essen sehr gut schmeckte. Aber das war wohl eine einmalige Sache, wie es scheint. Daher nun die Überlegung einer separaten Weihnachtsfeier für unseren Flur.

Damals, als ich noch an der RWTH arbeitete, war es vor Weihnachten immer schön. Gleich in meinem ersten Jahr hieß es wenige Tage vor Heiligabend: „Los, Ali, alles fallenlassen – wir gehen mit der Feinguss-Gruppe zum Weihnachtsmarkt!“ (Denn es gab – je nach Betätigungs- und Forschungsfeld – verschiedene Gruppen dort. Ich gehörte der Feinguss-Gruppe an … )

Und schon zogen wir zu neunt los, vom Institut bis zum Weihnachtsmarkt rund um das alte Rathaus und den Dom. Dort angekommen, gab Kollege Frederic zu bedenken: „Wir sollten aber eine Grundlage schaffen und noch etwas essen.“ Eine weise Entscheidung, wie sich noch herausstellen sollte, für einige aber dennoch nicht ausreichend … 😉

Vor dem alten Rathaus trennten wir uns, nachdem wir eine Uhrzeit und einen Treffpunkt zur neuerlichen Zusammenkunft ausgemacht hatten, und strömten in verschiedene Richtungen los, etwas Essbares zu uns zu nehmen. Zwei Kollegen arbeiteten sich zum Rievkooche-Stand vor, einer wollte Backfisch, drei Bratwurst, und Vivian, Ute und ich beschlossen, in einer Burgerschmiede einen gigantischen Burger zu uns zu nehmen, der mir dann – ich greife vorweg – noch zwei Tage später „Pfötchen“ gab und meinem Magen zu schaffen machte … Nein, ich nenne keine Namen. 😉

Anschließend trafen wir uns wieder mit den anderen, und es konnte losgehen. Bei der Vielzahl der Glühweinstände jedoch war es gar nicht so einfach, zu entscheiden, wo wir vor Anker gehen wollten, aber eine Lösung war rasch gefunden: Auf dem Katschhof vor dem Dom war ein Stand, der – so die Kollegen Christian, Robert und Frank einhellig – den besten Glühwein machte. Der sei da wenigstens nicht so verwässert. Nun gut, wir plazierten uns dort, während ich als Dienstjüngste die erste Runde holte, roten und weißen Glühwein. Und schon prosteten wir einander zu.

Wie schnell so eine Glühweintasse doch leer sein kann! Aber da zog schon Bodo los und holte die nächste Runde. Und danach Frederic Runde Numero drei. Bei dieser beschloss ich dann, dass es für mich zumindest keine Numero vier geben werde, zumal ich eher ins Institut zurück musste, da auf meinem Schreibtisch noch ein englischsprachiger Projektbericht darauf wartete, von mir zu Ende geschrieben zu werden. Es war mein erster Projektbericht, und ich hatte noch nicht alle Fachtermini im Kopf, mit denen ich zu tun hatte, so dass ich ab und an recherchieren musste, was diesen ersten Bericht zum zeitaufwendigsten in meiner dortigen Dienstzeit machte. 😉

Doch erst einmal Glühwein Nummer drei schön langsam trinken und mich mit den Kollegen unterhalten. Es war eine sehr fröhliche und laute Unterhaltung, so laut und fröhlich, dass plötzlich ein junger Mann auf uns zukam. Er hielt ein Mikrofon in der Hand, ein Aufnahmegerät hing von seiner Schulter, und er rief: „Hallo! Ich komme von Antenne 100, 1 – Antenne Aachen! Sind Sie alle Kollegen?“ – „Ja!“ – „Sie scheinen sich ja gut zu amüsieren und passen exakt zu meinem Auftrag. Ich soll nämlich für unsere morgige Frühsendung die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt einfangen. Würde eine oder einer von Ihnen denn mal ein Weihnachtslied singen?“

Ach, du Scheiße! War das sein Ernst? Wo war die versteckte Kamera? Das fragte ich mich gerade, als ich nach vorne Richtung Mikrofon geschubst wurde und Frederic hinter mir rief: „Los, Ali – du bist die Dienstjüngste und kannst singen!“ Der junge Mann kam schon begeistert auf mich zu, aber ich sagte: „Es tut mir leid – ich bin heute ganz schlecht bei Stimme. Halsschmerzen, Sie verstehen?“ Und zu Frederic gerichtet frotzelte ich laut: „Na warte, das kriegst du zurück …“  Frederic lachte sich schlapp.

Der junge Mann hatte da Robert ins Auge gefasst, aber der gab vor, sehr schüchtern zu sein. Kollege Frank desgleichen – ausgerechnet diese beiden schüchtern! 😉 Vivian, Ute, Christian und auch Frederic waren das ganz plötzlich auch. Komisch – davon merkte man im Alltag gar nichts … 😉

Schließlich erbarmte sich Bodo, und er sang „In der Weihnachtsbäckerei“, ein Lied, das sein jüngerer Sohn in der Kita gelernt hatte. Unter den begeisterten Anfeuerungen seiner schüchternen und halsschmerzbewehrten Kolleginnen und Kollegen … 😉 Aber der Mensch wächst ja mit seinen Aufgaben, und Bodo war immerhin unser Gruppenleiter. 😉

Der junge Mann war begeistert, dass sich da tatsächlich einer von uns erbarmt – oder zum Affen gemacht? – hatte, und er betonte noch einmal, dass all das in der Frühsendung am folgenden Tage bei Antenne Aachen zu hören sein werde.

Ich verabschiedete mich kurz darauf und machte mich auf den Rückweg zum Institut. Und den Bericht habe ich dann tatsächlich an diesem Tag fertiggeschrieben. 😉

Am nächsten Morgen machte ich zu Hause das Radio an – um 7 Uhr sollte diese Sendung laufen. Und da wurde der wahnsinnig wichtige Beitrag vom Weihnachtsmarkt auch schon angekündigt: „Der Weihnachtsmarkt dieses Jahr ist mal wieder ein voller Erfolg! Mein Kollege Thomas Schmidt hat sich gestern dort umgesehen und -gehört, um die Stimmung einzufangen …“ Überblendung, und schon hörte man den Reporter sprechen. Zunächst hatte er wohl einige andere Leute angesprochen, die aber nicht ganz so ergiebig zu sein schienen. Und dann hörte man unsere Feinguss-Gruppe laut palavern, ebenso, wie Thomas Schmidt uns ansprach. Man hörte alles. Man hörte auch meine liebreizende Stimme dreist und völlig klar behaupten, sie sei heute nicht gut drauf … Ebenso meine „Drohung“ gegenüber Frederic, sowie die schüchternen Kolleginnen und Kollegen. Doch dann kam’s! Bodo sang! Ich verschüttete vor Lachen meinen allerersten Kaffee – was für eine Veranstaltung … 😉

In bester Stimmung machte ich mich auf den Weg zum Institut und enterte Frederics und mein Büro. Frederic war schon da, kurz vor mir angekommen, und nach der Begrüßung rief er: „Und? Hast du die Sendung gehört?“ – „Ja – total klasse!“ – „Vor allem, wenn man bedenkt, wie Bodo hinterher zurecht war … Du bist eindeutig viel zu früh gegangen, Ali! Den blöden Bericht hättest du auch noch heute fertigmachen können – oder morgen. Das eilt doch nicht so. Das Beste hast du verpasst!“

Und Frederic berichtete. Man hatte wohl noch länger getagt. Bodo hatte zwar bereits beim ersten Glühwein gesagt: „Ich muss noch einen Weihnachtsbaum kaufen – ganz so lange kann ich nicht bleiben.“ Bei Nummer zwei und drei hatte er das Ganze erneut erwähnt. Dann hatte er gesungen. Und später muss irgendetwas entgleist sein. 😉 Jedenfalls erzählte Frederic lachend: „Gegen halb acht sagte er dann so etwas wie: ‚Achu Schssse! Muss janoch ’n Weihachsaum bsss …‘“ O Gott!

„Ja, und dann?“ schrie ich begeistert. „Dann hat Frank für Bodo telefoniert und Teresa – Bodos Frau – angerufen. Frank war da noch besser bei Stimme und Artikulation.“ – „Und?“ – „Naja, du hast Teresa ja schon zweimal erlebt: Die ist sehr energisch.“ O ja … „Die hat sich dann ins Auto gesetzt und Bodo abgeholt. Hui – war die wütend! Wir mussten Bodo zum Auto schleppen, weil der nicht mehr so ganz sicher auf den Beinen war. Als wir ihn zum Auto brachten, sang er ‚In der Weihnachtsbäckerei‘, und als wir ihn hineinwuchteten, grinste er wie nicht von dieser Welt, rief: ‚Trrrngd noch ein aumich – da!‘, gab uns einen Geldschein und winkte jovial in die Runde, während Teresa ihn wütend anmotzte, das sei ja ganz toll, und einen Weihnachtsbaum hätten sie auch noch nicht! Ob sie den jetzt holen solle? Das sei so nicht vereinbart gewesen, und was ihm eigentlich einfiele …“ – „O je, armer Bodo! Und er war doch auf dem Weihnachtsmarkt so fröhlich gewesen!“ – „Das dürfte heute anders aussehen. Teresa hat ihm sicher die Hölle heißgemacht.“ – „Aua!“ meinte ich und verzog kollektivschmerzgepeinigt mein Gesicht. Die Hölle heißgemacht zu bekommen, wenn man einen Kater hat, dürfte ziemlicher Mist sein. 😉

Kurz darauf begegnete ich Bodo auf dem Flur. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn er sah gar nicht gut aus – sehr bleich und gar nicht fröhlich. „Na, Bodo, hast du die Sendung heute gehört?“ – „Hör mir bloß auf! Erinnere mich nicht an gestern! Wenn du wüsstest …“ – „Weiß ich schon. Frederic hat mir schon alles erzählt.“ – „Mir geht es richtig schlecht, und nach der Arbeit muss ich auch noch …“ – „… einen Weihnachtsbaum besorgen?“ – „Ja! Und es muss ein besonders schöner sein, sonst bringt meine Frau mich um!“ Und mit diesen Worten presste er beide Hände gegen seine Schläfen.

Ich lachte und wünschte gute Besserung. „Und nimm am besten eine Nordmanntanne,“, riet ich ihm noch.

Die Weihnachtsmarktbesuche in den kommenden Jahren waren dann ähnlich. Nur war immer ein anderer das Opfer. Ich zum Glück nie, da ich mich – wenngleich wir natürlich alle immer ein bisschen angeschickert waren – zurückhielt, obwohl ich das bei Bodo total sympathisch gefunden hatte: Der war immer sehr nett, wirkte aber oft etwas zu ernsthaft. Aber hier hatte man gesehen: Er konnte auch ganz anders … 😉

Vielleicht sollten meine jetzigen Flurkollegen und ich auch mal auf den Weihnachtsmarkt gehen … 😉

Merry Christmas! Weihnachtsfeiern im Dienst …

Nachdem ich seit gestern von mir behaupten kann, quasi aus Ruinen auferstanden zu sein, fuhr ich heute fieberfrei, aber noch immer ein bisschen schlapp zur Arbeit. Ich fuhr daher auch etwas weniger dynamisch als sonst, denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Ein bisschen blöd fühlte ich mich, weil ich just heute – am Tage der Weihnachtsfeier für die gesamte Belegschaft – zurückkam.  Irgendwie sieht so etwas immer ein bisschen komisch aus, finde ich zumindest, denn am Tage der Gesamtbelegschafts-Weihnachtsfeier wird nicht übermäßig viel gearbeitet. Da bin ich ein bisschen eigen. Hängt aber mit einer gewissen Lebenserfahrung zusammen, ebenso der Kenntnis einiger Personalmitarbeiter im Allgemeinen. (Bei uns arbeiten nur nette.) 😉

Betriebsfeiern sind ja ohnehin ein Kapitel für sich. 😉 Manchmal entstehen daraus merkwürdige Dinge.  Speziell dann, wenn etwas zu viel Alkohol im Spiel war. Manchmal gibt es ein böses Erwachen. Gut, das ist mir zumindest auf Betriebsfeiern noch nie passiert, aber es soll Leute geben, die dann in der Folgezeit gesenkten Hauptes durch den Betrieb gingen, mit einem bestimmten Kollegen oder einer bestimmten Kollegin lieber nicht mehr kommunizierten oder ihn oder sie betont fröhlich begrüßten, wenn auch nur von Weitem. 😉 Man musste ja irgendwie die Form und das Gesicht wahren, zumal es schon ganz merkwürdige „Kombinationen“ gab. 😉 Aber – wie gesagt – von Betriebsfeiern kenne ich so etwas von mir nicht. Nicht von diesen. 😉

In unserem Betrieb besteht zumindest auf der Weihnachtsfeier dieses Risiko nur bedingt, denn wenn ich mich auch immer freue, manche Kollegen, die in einer anderen Abteilung arbeiten, mal wiederzusehen, so muss ich doch leider sagen: Unsere Belegschafts-Weihnachtsfeier Ende November ist immer ziemlich dröge.

Man steht herum, isst einen Keks und wartet auf die Gulaschsuppe oder was sonst so angeboten wird. Kaum angeliefert, stürzen sich die meisten darauf bzw. stellen sich – so wie in der Kantine – in eine Schlange und schieben und drängeln, bis sie an der Reihe sind. Liebe Leute, möchte man manchmal rufen, es ist eine Gulaschsuppe, und es sind große Mengen davon da!

Oft geht dann auch schon das Genörgel los … Die Nörgler bemängeln die Suppe, die sie zu Hause weit besser zubereitet hätten, das Fleisch sei von minderer Qualität, und die Brötchen erst! Nein, also so etwas! (Ich arbeite im öffentlichen Dienst …)

Über die vielen verschiedenen Kuchen, die bereitstehen, spricht man höchstens hinter vorgehaltener Hand, denn die werden von Mitarbeitern – meist Mitarbeiterinnen – selber gebacken und gespendet. Da ich Backen hasse, wird es niemals einen von mir gebackenen Kuchen auf dieser wundersamen Weihnachtsfeier geben. Ich berichtete ja schon von meinen letzten Muffins, die ein Ex-Kollege als Türstopper bezeichnete. Ich war zerknirscht, aber übelgenommen habe ich es ihm nicht, denn a) waren es „Türstopper“, b) mochte ich den Kollegen. Hätte das jemand anderes gesagt, je nach Beliebtheitsgrad, wäre ich sicherlich weniger gnädig gewesen. 😉 Es gibt einige Menschen, die bei einer solchen Äußerung sicherlich bis zum Jüngsten Gericht bei mir verschissen hätten … 😉

Und dann steht man da in der Cafeteria, in der ein Klangteppich wie einem Bienenstock entsprungen herrscht, und das in einem immensen Geräuschpegel. Allüberall stehen Menschen mit Tassen, in denen entweder Kaffee, Kinderpunsch oder echter Glühwein ist. Oder mit Biergläsern. Manche trinken auch Wasser oder Cola.

Janine und ich waren mit dem Auto da, und mir fiel auch erst, als ich den kleinen Monty auf dem Mitarbeiterparkplatz großzügig geparkt hatte, wieder ein, dass ja heute die wundervolle Weihnachtsfeier sei. Die übersteht man kaum ohne wenigstens einen Glühwein …

Janine nölte auch herum: „Mist – ich bin mit dem Auto da! Hatte ich glatt vergessen! Aber einen kleinen Glühwein können wir ja wohl trinken.“

Doch wehe, wenn sie losgelassen … Wir tranken nicht nur einen Glühwein. Ich trank zwei. Zwar waren die Tassen recht klein, aber nach dem zweiten, nach dem ich aufhören wollte, kam Kollege Oliver, riss mir meine Tasse, besser, das Tässchen, aus der Hand und rannte zum Auffüllen. Nun gut, es war ja noch früh am Tage. Janine bekam da bereits den vierten, aber ihre Tassen waren auch nicht ganz voll gewesen … Es war aber in dieser Gruppe auch wirklich recht nett, auch wenn die Weihnachtsfeier ansonsten eher … dröge war. Nach dem dritten Tässchen fühlte ich mich wie auf Wolken, was albern ist, da ich ansonsten durchaus mehr vertrage. Allerdings bin ich, wenn ich Alkohol trinke, Biertrinkerin. Das ist wenigstens solide. 😉 Dieses süße Gebräu wirkte grauenhaft, und so sagte ich zu Olli: „Olli, sei ein Schatz, und hole mir bitte ein Wasser.“ Was? „Sei ein Schatz“? So etwas sage ich sonst nie! Ich bin doch keine Tussi! 😉 Schon gar nicht schicke ich gern Mitmenschen herum! Wo hatten die den Glühwein her? Diese drei lächerlich kleinen Tassen davon schienen merkwürdige Eigenschaften in mir zutage zu bringen! Olli, der selber überirdisch grinste, legte den Arm um mich und meinte: „Lass uns lieber singen!“ Und – ich sage es ungern – dann standen wir da Arm in Arm und sangen: „Und dann erschuf der liebe Gott die Mädchen aus dem Kohlenpott“ … Ging es schlimmer? Ja. Denn als wir gerade voller Inbrunst erneut den Refrain sangen, kam mein Chef herein. 😉 Und der ist nicht aus dem Pott und versteht auch die Art der Menschen hier nicht so …

Janine rief aus vollem Herzen ziemlich enthemmt: „Ach, du Scheiße, Ali! Da ist dein Chef!“ Ja. Das hatte ich auch schon gesehen … Olli lachte, lief auf meinen Chef zu und meinte: „Wollen Sie mitsingen?“ Mein Chef wollte nicht, lachte aber auch, wenn auch etwas gezwungen. Super! Wahrscheinlich dachte er: „Aha. Da ist Frau B. den ersten Tag nach Krankschreibung wieder da und verwandelt sich binnen kurzem zum Ballermannwesen, singt hier mit diesem langhaarigen Bombenleger fragwürdige Lieder.“ Das zumindest traute ich ihm zu. Und so holte ich mir gleich zwei Flaschen Wasser. 😉 Schade, es war gerade recht lustig gewesen. Manchmal stören Chefs wirklich! 😉

Janine meinte dann: „Da kommt auch noch mein Chef. Ich glaube, wir gehen besser, bevor noch etwas Furchtbares passiert.“ – „Wieso? Was ist?“ – „Mir ist sooo schlecht! Was für ein Höllenglühwein ist das?“ – „Ich habe keine Ahnung, aber in der Tat wäre es vielleicht besser, wenn wir einfach gingen.“

Und wir schlingerten – zumindest fühlten wir uns so – in unser Büro. Janine jammerte, ihr sei so schlecht, und ich kochte einen schwarzen Tee. Und wir haben dann sehr, sehr viel Wasser und Kaffee getrunken, in den vielen Stunden, die wir da am Arbeitsplatz verharrten, bis wir dann nach Hause fuhren. Uns beiden ging es nicht so gut, denn heute hatte es neben der obligatorischen Gulaschsuppe auch noch Grünkohl gegeben. Und der verträgt sich mit Glühwein gar nicht gut, wie ich feststellte, als ich zwischendurch zur Toilette eilte, deren Außentür normalerweise nie schließt, während meiner Erkrankung aber wohl repariert worden war. Ich brach mir fast die Finger, als ich sie mit Schwung aufschubsen wollte … 😉

Zur Strafe stand ich auch noch im Stau, denn heute spielt Schalke zu Hause. Janine stand sicher auch im Stau – sie war kurz nach mir gefahren.

Morgen frage ich erst einmal die Organisatoren, aus welcher Quelle dieser Glühwein kam. Denn ein Gebräu, das solch grauenvolle Wirkung trotz recht geringer Menge erzielt, dass ich mit einem Kollegen lauthals: „Und dann erschuf der liebe Gott die Mädchen aus dem Kohlenpott“ singe, ein Lied, das ich unter normalen Bedingungen niemals singen würde, kann nicht von dieser Welt sein … 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

Man sollte nie zu euphorisch sein

Hatte ich vor einiger Zeit nicht noch den Herbst in den höchsten Tönen gelobt? 😉 Diese wunderschöne Jahreszeit mit buntem Laub, dem „goldenen Oktober“, den wunderschönen Nebelschwaden manchmal morgens? Mit Spaziergängen durch das raschelnde Laub, Kastanien sowie weiteren schönen Dingen?

Ich habe im Moment viel Zeit, mir über die Schattenseiten Gedanken zu machen, denn eine Schattenseite fesselt mich derzeit ans Haus, die von meinem Hausarzt heute als Virusinfektion diagnostiziert wurde. In der Wohnung riecht es derzeit wie im Koala-Gehege – Eukalyptus allenthalben. Ein Gefühl, als wäre man gegen einen Gong gelaufen, Nase zu, der Kopf dröhnt – der Herbst ist da … 😉 Immerhin tröstete der Arzt mich damit, dass ich derzeit in guter und zahlreicher Gesellschaft sei, was mir auch schon im Wartezimmer klargeworden war – die Wartenden um mich herum husteten und niesten in allen möglichen Tonlagen.

Man sollte wirklich niemals allzu euphorisch sein. Euphorie kann manchmal stark übertrieben sein, was man dann merkt, wenn die Realität einem voller Hohn ins Gesicht lacht. Daher bin ich meist gar nicht euphorisch – nur neulich überkam es mich, und ich hatte wohl nur die Schokoladenseite des Herbstes vor Augen. 😉

Dabei hätte ich doch gewarnt sein müssen. Meine Schwester Stephanie ist erheblich lebhafter als ich, und manchmal ist sie von einer Sache so begeistert, dass man dies in der Tat als euphorisch bezeichnen könnte. Manchmal wurde sie schon enttäuscht, aber sie ist von ihrer Grundpersönlichkeit eher Optimistin. Darum beneide ich sie manchmal.

Aber eine Sache gab es, da tat sie mir ein bisschen leid, zumal die ganze Familie zu leiden hatte. 😉 Es ist schon viele Jahre her, als Stephanie, die damals seit etwas mehr als einem Jahr Französisch in der Schule als zweite Fremdsprache hatte, die Erfahrung machen musste, dass allzu großer Enthusiasmus einem manches Mal quasi als Bumerang gegen den Kopf knallt. Sie hatte in der siebten Klasse mit dem Französischerwerb begonnen, und sie war ganz begeistert von dieser Sprache. Noch begeisterter, als ihr Lehrer, M. Faubourg, ankündigte, es werde einen Schüleraustausch geben, und aus einer Schule aus dem elsässischen Colmar würden Schüler nach D. kommen. Stephanie war Feuer und Flamme! Ich glaube nur, dass ihr etwas anderes vorschwebte, als sie von Franzosen hörte, vor allem mitten in der Pubertät. 😉 Sie fragte meine Eltern, ob wir auch einen Austauschschüler aufnehmen könnten, und meine Eltern, die dieses Austauschprogramm gut fanden, sagten ja. Ich saß daneben und fragte mich, wie ich mich wohl mit diesem temporären Familienzuwachs unterhalten solle – wohl mit Händen und Füßen … Der Rest der Familie war in der Lage, sich auf Französisch zu verständigen, nur ich nicht. Aber Stephanie erklärte mir überlegen, dass die zu erwartenden Elsässer Deutsch in der Schule hätten. Puh! Ich würde also nicht wild gestikulierend kommunizieren müssen … Was dabei alles zu Bruch gehen kann!

Es dauerte noch einige Wochen bis zum großen Tag, aber Stephanie versüßte uns die Wartezeit, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und die Gelegenheiten waren zahlreich – begeistert und verzückt: „Die Franzosen kommen!“ rief. Hmmm, ja, klang eindeutig besser als: „Die Russen kommen!“ Ging aber nach drei Tagen aufgrund der entfesselten Euphorie ein bisschen auf den Geist. 😉

Dieser enthusiastische Ausruf nahm in seiner Frequenz zu, je näher der Ankunftstermin rückte. Meine Mutter rollte jedes Mal die Augen und meinte: „Hoffen wir, dass diese Euphorie nicht enttäuscht wird …“ Manchmal glaube ich, meine Mutter könnte ohne weiteres einen Nebenjob als Wahrsagerin ausüben … 😉

Und dann war der große Tag da, und Mama und Stephanie rasten mit Mecki, Stephanies bester Freundin, in Mamas Auto zum Gymnasium. Mecki erwartete auch einen Austauschschüler, eher eine -schülerin, denn ihre Eltern wollten nur ein Mädchen aufnehmen, machten sie sich doch Sorgen, dass ein heißblütiger Franzose sich an ihrer Tochter vergreifen könne. Offenbar grassierten viele Klischees … 😉

Papa und ich warteten zu Hause auf Anne-Marie, die unsere nächsten Verwandten mit nach Hause bringen sollten. Es dauerte ziemlich lange, bis die Haustür aufgeschlossen wurde und Mama, Stephanie und ein schmächtiges Mädchen mit ellenlangen, dunkelbraunen geflochtenen Zöpfen, dunkelbraunen Augen und einem schüchternen Lächeln ins Haus kamen. „Das ist Anne,“, sagte meine Mutter laut, während das Mädchen meinem Vater die Hand gab und knickste. Und leise zu meinem Vater: „Wir sind knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert, denn das ist ein anderes Mädchen als das, was ursprünglich kommen sollte. Das heißt Anne-Marie, ist aber krank geworden und kommt später.“ – „Und woher habt ihr dann dieses Mädchen?“ – „Ein Glücksfall, wenn man das so nennen kann. Die Kinder von Annes Gastgebern haben die Windpocken bekommen, und Anne wusste nicht, wohin – da habe ich mich mit ihrer Gastmutter geeinigt, dass sie Anne-Marie nimmt, falls die rechtzeitig gesund werden sollte, und ihre Kinder auch. Stephanie war nämlich schon völlig fertig. Und so ist doch allen geholfen.“ Meinte meine Mutter.

Anne war ein sehr höfliches Mädchen. Sie überreichte ihre Gastgeschenke, unter anderem eine Original-Gugelhupf-Form und typisch elsässisch. Meine Mutter telefonierte mit Véronique, Annes Mutter in Colmar, um mitzuteilen, dass ihre Tochter gut angekommen, aber in einer anderen Gastfamilie gelandet sei – Véronique müsse sich keine Sorgen um ihre „petite fille“ machen, wie meine Mutter sagte.

Mein Vater war sehr angetan von Annes Höflichkeit. Noch mehr davon, dass sie Geige und Klavier spielte. Und er sagte zu mir: „Siehst du! Und du meckerst immer, wenn du Klavier üben sollst. Anne macht das sehr gern.“ Anne lächelte. Ich sah sie an und fand sie schon gar nicht mehr so nett. 😉

Und auch Stephanies Euphorie verflüchtigte sich erschreckend rasch. Denn Anne war eine Oberlehrerin und ein Blaustrumpf in Reinkultur. Jeden noch so geringen Fehler korrigierte sie streng und mit erhobenem Zeigefinger. Nicht nur bei meiner Schwester. Als es einmal Kartoffelsalat mit Würstchen gab, erklärte meine Mutter Anne: „C’est une salade de pommes de terre.“ Anne probierte, lobte den Salat, aber hatte etwas zu korrigieren: „Ce n’est pas une salade de pommes de terre! C’est un mélange!“ Mit erhobenem Zeigefinger und in einem Tonfall, dass man ihr am liebsten die Zöpfe aufgelöst und zu einem straffen Dutt hätte winden mögen – passte besser zum Oberlehrerverhalten. Meine Mutter zog eine Augenbraue hoch und meinte: „Ah, ja … Es sind zwar hauptsächlich Kartoffeln drin, aber weil auch noch Gurken drin sind, ist es kein Kartoffelsalat. Wieder was gelernt.“ Und Anne nickte und lächelte selbstzufrieden. Meine Mutter lächelte auch, aber etwas hintergründig. Aber da hatte Anne sich schon meinem Vater zugewandt, den sie ebenfalls mit erhobenem Zeigefinger belehrte. Der hatte danach auch ein etwas hintergründiges Grinsen im Gesicht.

Stephanie war gar nicht mehr so begeistert. Abendliche Unternehmungen mit den anderen deutschen und französischen Schülern? Dafür war Anne so gar nicht zu haben – die anderen waren ihr zu oberflächlich. Und so litt Stephanie beim abendlichen Gesellschaftsspieleabend, während ihre Mitschüler fröhlich beim Tanzen waren. Arme Stephanie – da tat sie mir wirklich leid. Die Einzige, die Anne etwas entgegensetzte, war ich – aber auch nur, weil ich noch kleiner war und kein Französisch konnte, und so konnte ich mich immer mit interkulturellen Missverständnissen herausreden, wenn meine Eltern mich ermahnten. Stephanie grinste mich immer aufmunternd an. 😉

Es war ein für Stephanie ziemlich frustrierender Austausch. Anne war gewohnt, immer abends um acht ins Bett zu gehen, und wenn man wirklich mal mit den anderen etwas unternahm, die laut Stephanie keineswegs oberflächlich, sondern ganz normal waren, hieß es gegen halb acht stets von Annes Seite: „Je suis fatiguée. Je veux rentrer à la maison. Iiisch biiin müdää. Iiisch möschte nach Ause!“ Die Abende waren für Stephanie kurz, der Frust groß. 😉

Nur mein Opa war ganz begeistert von Anne. Sagte nicht mäh und nicht bäh, solange sie nicht angesprochen wurde, knickste, plauderte so reizend mit ihm und spielte ihm dann sogar etwas auf seinem Klavier vor! Stephanie und mich musste man immer fast dranprügeln – mich noch mehr als Stephanie. Und dass Anne auch noch Geige spielte, begeisterte Opa noch mehr – er spielte ja selber Geige und Klavier. Und so ermahnte er Stephanie und mich – mit erhobenem Zeigefinger -, dass Anne ein wirklich nettes Mädchen sei und wir doch, bitte, auch so sein sollten. Stephanie machte ein Gesicht, als habe ihr jemand in den Kakao gespuckt, und ich rief: „Nee!“ Meine Mutter verließ unter einem Vorwand das Zimmer – es zuckte in ihrem Gesicht, und man hörte sie von draußen unterdrückt lachen.

Stephanie zählte die Tage bis zu Annes Abreise. Merkwürdigerweise ohne den enthusiastischen Ausruf: „Die Franzosen fahren!“

Sie atmete auf, als die Franzosen wieder in den Bus stiegen. Die meisten fand sie total nett, die hätten auch gern bleiben dürfen. Aber Opfer mussten gebracht werden, und die Hauptsache war, dass Anne in diesen Bus stieg. 😉 Komischerweise konnte sie dann auch gar nicht am Gegenaustausch teilnehmen, der sie in Annes Familie geführt hätte … Wahrscheinlich hätte sie bis dahin auch noch mindestens bei „Jugend musiziert“ gewonnen haben müssen oder sonst etwas in der Art. Möglicherweise noch ein zweites Instrument binnen kurzer Zeit virtuos erlernen müssen, denn Annes Familie, so Anne, legte auf so etwas allergrößten Wert. 😉

Meine Mutter zog sie noch länger damit auf, und wann immer über Anne gesprochen wurde, rief sie provozierend: „Die Franzosen kommen!“ Stephanie reagierte dann immer ein wenig unwirsch, und meine Mutter lachte sich schlapp.

Im Nachhinein sagt Stephanie übrigens: „Anne war eigentlich ein nettes Mädchen. Aber irgendwie passte es absolut nicht.“ Und sie war in der Tat eigentlich nett. Aus heutiger Sicht. Damals erschien sie etwas sehr brav und extrem ehrgeizig. 🙂

Vielleicht hätte sie Anne gegen Meckis Austauschpartner tauschen sollen – das hätte besser zur Familie gepasst. Denn Mecki hatte keineswegs eine Denise zugeteilt bekommen, wie geglaubt. Ein Tippfehler, denn es handelte sich um einen Denis, der Meckis Mutter in arge Sorgen stürzte … 😉 Denis fand es wohl in Meckis Familie etwas zu „formell“, und dass er sonntags mit in die Kirche musste, war gar nicht nach seinem Geschmack. Vielleicht hätten Stephanie und Mecki einfach tauschen sollen – immerhin war es ein Austauschprogramm. 😉

Und so war das Ganze eine Lehrstunde in Sachen: „Euphorie – nie!“ Denn man kann so leicht enttäuscht werden … 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

Komische Oper – so richtig komisch

Vor diversen Jahren und noch unter Begleitung Dirks, des Juristen, geschah es, dass Giacomo fragte, ob wir nicht Lust hätten, mit ihm und Sabrina für ein Wochenende nach Berlin zu fahren. Er habe vier Karten für „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart in der Komischen Oper mal sicherheitshalber reserviert, sei sich zumindest sicher, dass, wenn wir alle in Berlin wären, zumindest ich mit ihm in die Oper gehen würde. Stimmt. Ich bin auch vor Opern nicht fies. Ich muss allerdings gestehen, dass es mir hauptsächlich um die Musik geht – ich bin nicht so der Theatermensch. Doch wenn dabei gesungen und musiziert wird … 😉 Und wenn alle Stricke, genannt Dirk und Sabrina, reißen würden, würde ich selbstredend mit Giacomo in die Oper gehen. Dirk, der seine ersten Lebensjahre im Osten Berlins verbracht hatte, sagte sofort zu, und Sabrina macht ohnehin meist das, was Giacomo macht. Und da ich ein Berlin-Fan bin, war alles klar.

Ende Juli war es, als wir losfuhren. Die Fahrt war stressig, und ich erinnere mich, dass Giacomo mitten in Treptow, wo unser Hotel war, durch eine riesige Pfütze raste und eine Passantin dabei nassspritzte. Ich schrie: „Giacomo! Halt an – du hast die Frau total nassgespritzt!“ Giacomo schrie: „Bist du dir sicher?“ Ich schrie: „Ja! Halt an, du musst dich zumindest entschuldigen!“ Giacomo schrie zurück: „Okay!“ (Giacomo und ich schreien eigentlich immer, wenn wir einander etwas mitteilen wollen – wir sind das so gewohnt nach vier Jahren Beziehung. 😉 ) Und er setzte zurück. Sabrina meinte nur: „Interessant, Giacchi, wie du immer parierst, wenn Ali etwas sagt! Ich wäre ja weitergefahren. Aber nein! Ali sagt: ‚Fahr zurück!‘ Und du fährst zurück! Warum machst du das? Warum tust du mir das an?“ Und Sabrina barg ihr Gesicht in den Händen.

Giacomo, den ich nie „Giacchi“, sondern eher ganz anders genannt habe, meinte: „Was soll das? Ich habe diese Frau nassgespritzt, und da muss ich mich entschuldigen. Was soll das jetzt? Müssen wir schon wieder ein Problemgespräch führen? Ich entschuldige mich jetzt erst einmal bei der Frau!“ Und er stieg aus und verhandelte mit der Frau, deren Dackel derart erzürnt war, dass er Giacomo ins Bein beißen wollte, was die Frau verhinderte. Sie war ohnehin offenbar ein netter Mensch, denn sie wollte keine Erstattung der Reinigungsgebühren für ihre Hose. Sie bat nur darum, beim nächsten Mal besser aufzupassen und weigerte sich standhaft, Giacomos Kompensationsbemühungen anzunehmen. Inzwischen sagte ich tröstend zu Sabrina: „Als ich noch mit Giacomo zusammen war, hat er nie auf mich gehört. Erst hinterher.“ 😉

Wir fuhren weiter, checkten im Hotel ein, und dann war es schon Zeit, uns aufzumachen, denn Mozart wartete in der Komischen Oper auf uns.

Die Komische Oper kannte ich vornehmlich aus Erich Kästners „Pünktchen und Anton“, zumal sie im Ostteil der Stadt Berlin liegt. Ich hatte ganz falsche Vorstellungen, dachte, es würden nur komische Opern dort aufgeführt. Mich irritierte schon, dass wir zu einer Aufführung der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ gehen würden. Ich war bis dahin wohl ziemlich naiv. 😉

Als wir mit dem ÖPNV zum Ort des Geschehens fuhren, meinte Giacomo: „Ich bin ja gespannt, was heute Abend passiert. Immerhin wohnen wir einer Aufführung eines echten Skandalregisseurs bei!“ Ja, davon hatte ich auch schon gelesen. Während der Premiere hatten diverse Zuschauerinnen und Zuschauer unter Protest den Konzertsaal verlassen – es stand in den Gazetten.

Wir tranken zunächst ein Glas Sekt, wie es sich gehört, wenn man eine Oper besucht. Von klein auf so gelernt. 😉 Dann suchten wir unsere Plätze auf. Ich versank fast auf meinem. Aber kein Problem.

Dann begann die Oper. Ich muss gestehen, dass ich des Regisseurs Leistung auch ziemlich fragwürdig fand. Dass aber während der Aufführung eine Frau laut und türenknallend – sie wollte wohl auch an dem Shitstorm, der damals noch gar nicht so hieß, teilhaben – den Konzertsaal verließ und aus dem ersten Rang zweimal ein sehr autoritäres: „Diskussion!“ gen Bühne gebrüllt wurde, was extrem peinlich anmutete, da offenbar gar nicht so spontan, wie es wirken sollte, fand ich lächerlich. Und ich lachte.

Giacomo, der rechts neben mir saß, freute sich und rief: „Ich wusste, dass dir das gefallen würde! Vor allem mit dem ganzen Scheiß drumherum und diesem Studienrat, der ‚Diskussion!‘ gen Bühne brüllt. Ich wusste, dass dir das gefallen würde!“ – „Ich finde es eigentlich peinlich, zumal die Skandal-Premiere eh vorbei ist. Dass der einzig noch Brüllende ein Studienrat ist, wundert mich weniger.“

Mich wunderte es in der Tat nicht sehr. Ich hatte mein Studium mit vielen „Lehrämtlern“ absolvieren müssen, was kein Honigschlecken war. Nicht, weil sie so kritisch gewesen seien. Eher das Gegenteil.

Wie auch immer: Euch einen schönen Abend! 🙂

„Wunderbare Sachen“

So hieß das Lesebuch einer Cousine, das sie in der ersten Klasse gehabt und mir als Kleinkind überlassen hatte. Ich hatte sie stets heiß und innig darum beneidet, denn es waren so schöne Bilder darin. Mein Erstklässler-Lesebuch später war nicht nur erheblich weniger schön, ich konnte auch schon lesen, als ich in die Schule kam. Hatte es mir selber beigebracht, da keiner Zeit für mich hatte, als mein Elternhaus ein Neubau war – der Umzug war erfolgt, als das Haus noch nicht komplett war. Außen war es das zwar, innen aber noch nicht überall, und ein Haufen Arbeit stand an. Für mich hatte man keinen Kindergartenplatz bekommen, und während fast alle anderen Kinder aus der Neubausiedlung im Kindergarten waren, ödete ich mich fast zu Tode.

Meine Mutter las mir damals abends immer aus „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren vor. Aber eben immer erst abends, wenn sie Zeit hatte. Ich konnte mich zwar immer schon sehr gut allein beschäftigen und war kein Kind, das rund um die Uhr bespaßt werden musste – manchmal war es mir sogar lieber, ich konnte ganz allein für mich hin malen, mit meinen Stofftieren, Puppen oder sogar Spielzeugautos spielen -, aber es gab ja keinen Stundenplan, und manchmal wollte ich dann gern vorgelesen bekommen. Nur hatte meine Mutter alle Hände voll zu tun, und es war nicht immer passend, wenn ich wie eine kleine Ente hinter ihr herlief, das Buch an der passenden Stelle aufgeschlagen …

Irgendwann war es mir dann auch zu blöd. Ich weiß zwar nicht mehr, wie es dazu kam, aber ich beschloss, dass Lesen doch keine Schwarze Kunst sein könne. Stephanie konnte es auch, warum sollte ich es nicht können? Und das Alphabet kannte ich schon. Und so ging ich hin, mit dem Erstklässler-Lesebuch meiner Cousine, und ich las die erste Lektion, die total einfach war, denn sie bestand nur aus zwei Vokalen. Dem U und dem I. Man sah mehrere Kinder und einen Teich in einem Park. Ein Mädchen mit frechen Zöpfen taucht einen Fuß ins Wasser, und ein Junge steht mit aufgekrempelten Hosenbeinen im Wasser und spritzt ein anderes Mädchen in einem feinen Kleid und mit weißen Kniestrümpfen nass, das abwehrend beide Hände hebt. Darunter steht: „Ui – ui!“ Na, also – das war nicht schwer. 😉

Und ich arbeitete mich von Seite zu Seite, lernte Susi, Lili, Uli, Ali, Lisa, Nina, Else, Mia, Tim, Tina, Edi, Oma und Asta kennen. Asta mochte ich besonders, denn Asta war ein Dackel, der Tim gehörte. Ich fand zwar den Namen „Asta“ für einen Dackel ungewöhnlich, denn einer meiner Onkel hatte eine Altdeutsche Schäferhündin, die so hieß – eine Hündin aus einer ganzen Reihe Schäferhündinnen dieses Namens, die ich über die Jahre kennen- und lieben lernte – und mit der ich gut befreundet war. Und während Stephanie sich ein bisschen vor dem Hund fürchtete, musste man mich beim Essen wiederholt unter dem Tisch hervorzerren, da ich lieber mit Asta dort saß, mit der ich vor dem Essen so schön gespielt hatte, statt wie ein normaler Mensch am Tisch zu sitzen, aber meine Mutter hatte viel Geduld mit mir, lachte und meinte, sie könne es verstehen, denn Asta sei ein wirklich feiner Hund … 😉 Und so war ich erst ein wenig erstaunt, denn „Asta“ war seit jeher ein Schäferhundname für mich, keiner für Dackel. Aber gut – das A war halt dran in diesem Lesebuch, und es kam kurz nach der Einführung des S und des T. 😉

Ich war derart diszipliniert, dass ich mich heute noch wundere, denn Selbstdisziplin ist eine Sache, zu der ich mich wirklich ganz oft zwingen muss. 😉 Offenbar war das Bedürfnis, lesen zu können und „ein großes Mädchen“ zu sein, derart brennend, dass ich wirklich alles daransetzte. 😉

Zwei Laute gab es, mit denen ich ein bisschen auf Kriegsfuß stand: das X und das V. „Xaver“ ist da ein beliebtes Beispiel, aber dieser Name ist nicht gerade modern, und ich hatte meine liebe Not damit, denn das X hielt ich für ein schlecht geschriebenes H. Es war ja bis dato alles in Schreibschrift. Ich grübelte. „Hafer“ schrieb sich doch mit F!

Ich beschloss, Stephanie zu fragen, die mich unwirsch abfertigte: „Lesen lernst du in der Schule – ich habe keine Zeit!“ sagte sie in der Erhabenheit ihrer acht Lebensjahre. „Aber was ist das da für ein Buchstabe?“ – „Ein Ix!“ sagte sie genervt, als hielte ich sie von einem wichtigen Date ab … „Und was heißt das da?“ – „Xaver!“ – „Was ist das?“ – „Ein Name!“ – „Das ist aber ein komischer Name!“ – „Ja, und? Das ist halt ein Name!“

Zwar war ich etwas brüsk abgefertigt worden, aber immerhin nun weiter. Und ich las das ganze „Wunderbare Sachen“-Erstklässler-Lesebuch durch, bis hin zur Druckschrift im hinteren Buchteil – echte Erwachsenenschrift! -, übte, bis ich mich dann an „Ferien auf Saltkrokan“ machte und weiterlas, wo meine Mutter am Abend zuvor aufgehört hatte. Immerhin war das Buch schon zur Hälfte von ihr vorgelesen worden, als ich endlich durch mühsames Aneinanderreihen von Buchstaben oder Lauten selber lesen konnte. Langsam zwar, aber stetig und sinnstiftend. Wie lange das Ganze gedauert hat, Tage, Wochen, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich in der Zeit weder mit Stofftieren, noch mit Puppen spielte. Das Ziel war zu wichtig.

Meine Mutter entdeckte mich, als ich im Wohnzimmer auf einem Sessel las, völlig verloren in dem Buch, das ich wie eine Alte vor mich hielt. Sie kam an, sah sich das Buch an und meinte: „Aber Ali! Das ist doch nichts für dich! Da sind doch gar keine Bilder drin! Was machst du denn da?“

Sie riss mich mitten aus dem Geschehen auf dieser Schäreninsel – und meinem Kopfkino. Und so sagte ich ebenso erhaben wie Stephanie: „Ich lese.“ Sie wollte es nicht glauben, lachte und meinte: „Ja, klar! Du liest!“ Ich beharrte darauf, zu lesen. Da deutete sie auf eine Passage im Buch und meinte: „Gut. Dann lies mir doch mal das hier vor!“ Und stand da und grinste. Ich fand es ein wenig albern, denn für mich war es ja klar, dass ich lesen konnte, weniger klar jedoch, dass sie das nicht wissen konnte, aber ich setzte mich gerade hin und las ihr vor. Langsam, aber nicht stockend. Sie wurde blass. Sah mich an und meinte: „Das hast du dir sicher gemerkt – die Stelle habe ich doch gestern Abend vorgelesen. Warte, das haben wir gleich!“ Und sie blätterte vor, bis zu einer Stelle, die sie noch nicht gelesen hatte: „Lies das!“ Ich las vor. Sie wurde noch blasser, blätterte bis ans Ende des Buches und hieß mich erneut, zu lesen, indem sie auf eine Passage zeigte. Ich las ihr auch diese vor. Sie starrte mich an. Dann schrie sie: „Karl-Heinz!“ und rannte aus dem Wohnzimmer und Richtung Treppe ins Obergeschoss, wo ihr mein Vater schon entgegen kam, der mit einer Katastrophe rechnete. Ich sah ihr hinterher, etwas erstaunt. Was war denn falsch? Sie freute sich gar nicht!

Danach kamen sie und mein Vater zu mir gerannt, als wäre ich verunglückt. Und ich musste auch meinem Vater vorlesen. Mehrere Passagen, andere als die, die ich Mama hatte vorlesen müssen. Alle hinten im Buch. 😉 Mein Vater strahlte, meine Mutter rief nach meiner Schwester und fragte, ob sie mir das beigebracht habe. Stephanie sagte nur: „Als hätte ich nichts Besseres zu tun! Nein! Wieso?“ – „Deine Schwester kann lesen!“ – „Ach … Deswegen kam sie neulich an und wollte wissen, was ein X und ein V sei.“ – „Hast du ihr das beigebracht?“ – „Nein! Als hätte ich nichts Besseres zu tun. Nee!“

Und meine Eltern starrten mich an, als sei ich ein Wunderkind. War ich aber nicht. Nur extrem ungeduldig, weil ich das Buch von Astrid Lindgren so sehr mochte! 🙂 Und ich wollte doch ein „großes Mädchen“ sein! 😉 Es war damals auch gar nicht so schwer, das Ganze zu lernen, da ich ja das Alphabet – bis auf das X und das V – schon gut beherrschte. Man muss sich nur selber halblaut bis laut vorlesen, indem man die bekannten Laute aneinanderreiht. Das klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es macht richtig Freude, wenn dann vom Hören bekannte Wörter dabei herauskommen. 😉 Und ich hatte es immer im stillen Kämmerlein geprobt. 😉

Ein Wunderkind war ich nicht, was sich spätestens dann herausstellte, als ich zur Schule kam und leider festzustellen war, dass ich in dem Bereich, der mehr mit Zahlen zu tun hatte, kein Naturtalent war. Auch ließ da die Selbstdisziplin sehr zu wünschen übrig. 😉

Ein literarisch interessiertes Kind zu haben, das Bücher quasi „frisst“, ist auch nicht ganz billig – dauernd mussten neue Bücher her. Zum Glück gibt es öffentliche Bibliotheken. 😉

Nach wie vor lese ich sehr gern. Man kann so schön abtauchen, wenn ein Buch einem wirklich zusagt. Kopfkino war und ist für mich seit jeher wichtig.

Und neulich habe ich mir – in einem Anfall von Nostalgie – das Buch „Wunderbare Sachen“ gebraucht gekauft, denn das Originalexemplar ist irgendwann abhandengekommen. Das schönste Lesebuch für Erstklässler, das ich kenne. Aber es ist auch von Ursula Wölfel, die so wunderschöne Kindergeschichten geschrieben hat. Die Illustrationen von Lilo Fromm. Und es war immer ein Stück Heimat, zumal da von Hochöfen, Hütten und Kokereien die Rede war. Und die wunderschönen Illustrationen erinnerten mich ebenfalls an meine Heimat Nr. 1, das Ruhrgebiet.

Jetzt weiß ich auch, warum. Auf der Suche nach diesem Buch meiner Kindheit lernte ich, dass die Autorin ein echter „Ruhri“ war. Kein Wunder, dass mir schon als Kind alles so vertraut war. Und sie, die Illustratorin, sowie Astrid Lindgren sind schuld daran, dass ich wirklich echte Selbstdisziplin aufbrachte, die normalerweise nicht zu meinem Standardrepertoire gehört. 😉

Manchmal ist es doch schön, nostalgisch zu sein. 😉

Euch einen schönen und entspannten Abend. Und sucht auch bei euch nach einem Stückchen Nostalgie. 🙂

Wenn man um Viertel nach sieben morgens schon mit der Polizei telefonieren muss …

Dann kann der Tag nicht wirklich gut werden.

Heute früh erwachte ich mit verstopfter Nase und fiesen Gliederschmerzen. Es hatte sich leise angekündigt. Aber wegen solcher Petitessen bleibt man der Arbeit nicht fern. Nun wirklich nicht.

Mein Seminar in der Uni fiel heute sowieso aus, und so musste ich wenigstens nicht mit den Bazillenschleudern Straßenbahn, Bus und S-Bahn fahren. 😉 Sondern mit Monty, der vor dem Haus stand.

Als ich einen ersten Blick nach draußen warf, traf mich fast der Schlag: Alles glitzerte, und Montys Scheiben sahen aus wie Milchglas. Nun ja, es hatte gefroren letzte Nacht. Da würde ich mich etwas sputen müssen, denn es sah nicht gerade einfach aus, den kleinen, gefrosteten Wagen zumindest im Scheibenbereich fahrbereit zu machen, und ich dankte meiner Voraussicht, zumindest einen Scheibenenteiser gekauft zu haben. Ebenso einen wunderschönen Eiskratzer in Schwarz, mit zwei Minions drauf. Uni gab es die leider nicht …

Ich stürzte ins Bad, duschte, wusch meine Haare, machte mich fertig. Zwischendurch habe ich sogar noch mein Mittagessen zubereitet, das auf dem Herd munter vor sich hin brodelte.

Bei einem neuerlichen Blick aus dem Fenster – ich hoffte, die Temperaturen mögen ruckartig gestiegen sein (nein, nicht wirklich …) – sah ich einen Nachbarn, der mit laufendem Motor verzweifelt versuchte, sein Auto zu enteisen. Einige Leute waren auf der Straße unterwegs. Unter anderem auch eine Dame mit langen, schwarzen, gelockten Haaren in einer weißen Winterjacke, eine Kippe in der linken, ihr Smartphone in der rechten Hand, Ear-ins in beiden Ohren. Sie ging von Auto zu Auto, und bei manchen, speziell denen, die neuer waren, blieb sie stehen und hackte irgendetwas in ihr Handy.

Sie blieb ruckartig auch bei meinem kleinen Monty stehen, zu dem sie wohl besonders viel zu tippen hatte. Jedenfalls sah sie ihn sich ganz genau an, ging vor, zurück, wieder vor, tippte mit der Fußspitze gegen seine neuen Winterreifen, und dabei tippte sie eifrig und gekonnt etwas in ihr Smartphone. Ich ging ans Fenster, riss es auf und rief: „He! Was machen Sie da?“ Sie blickte erschrocken hoch und gab umgehend Fersengeld.

Ich muss gestehen, ich war anfangs etwas verunsichert. Vielleicht irrte ich mich ja, und sie war einer jener Menschen, die ohne ihr Smartphone kaum existieren können. Ihre Vor- und Rückwärtsbewegungen irritierten mich, aber richtig fuchtig wurde ich, als sie gegen die Reifen trat. Wohl, um zu testen, wie diese beschaffen seien. Und da wurde ich richtig sauer! In der mehr oder minder näheren Umgebung sind schon einige Autos geknackt und gestohlen worden – ich riss das Fenster auf. Und die Dame ging sehr zügig weg, als ich sehr laut und zornig fragte, was sie da mache.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, deren Hobby es ist, bei der Polizei anzurufen. Ganz und gar nicht. Ich rang kurz mit mir, rief dann aber an. Um mir anzuhören, ich hätte einen Fehler gemacht. War mir auch klar, wie ich auch gleich sagte: „Ja, ich weiß, ich ärgere mich auch. Ich hätte mich nicht bemerkbar machen dürfen, sondern hätte gleich Sie anrufen müssen. Weiß ich auch, und es ärgert mich auch, dass ich es nicht so gemacht habe.“ Ich muss sehr zerknirscht geklungen haben, denn der diensthabende Beamte meinte gleich: „Nein, Frau B. – das ist ja nur zu verständlich. Niemand bleibt in so einer Situation ruhig. Vermutlich haben Sie in Ihrer Siedlung jetzt auch erst einmal Ruhe, weil die Frau bemerkt hat, dass sie beobachtet wurde. Aber wenn Sie so etwas noch einmal sehen, …“ – „… rufe ich umgehend die Polizei.“ – „Rufen Sie gleich die 110 an.“ – „Ja, okay, mache ich.“

Dann musste ich trotz Scheibenenteiser noch ein wenig kratzen, fuhr dann aber schwungvoll los und kam gleichzeitig mit Kollegin Saskia an, die ich sehr mag. Wir parkten nebeneinander und beanspruchten drei Parkboxen, wie es auf dem Mitarbeiterplatz so üblich ist, weil die Parkboxen so eng sind. 😉

Der Arbeitstag war gruselig langweilig, aber ich recherchierte eifrig, ob es in meinem Stadtteil in meiner Nähe eine freie Garage oder einen freien Stellplatz gebe. Ich mag nach heute mein Auto nur noch ungern an der Straße parken …

Mein Hausverwalter versprach, mir weiterzuhelfen. Wollen wir das Beste hoffen, denn ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ich morgens auf die Straße komme, und da, wo ich mein Auto geparkt hatte, klafft eine mehr oder minder große Lücke … 😉 Ich glaube, ich würde ziemlich sauer werden.

Das hätte ich vor einem Jahr auch nicht gedacht. Vielleicht hätte ich keine Auffrisch-Fahrstunden nehmen sollen. Eigentum verpflichtet nicht nur. Bisweilen belastet es sogar. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

„Have some milk, dolly!“

Meine Berufung hat mich offenbar schon recht früh ereilt – im zarten Alter von etwas über zwei Jahren. Zumindest glaube ich, dass es da passiert sein muss, denn ich kann mich an vieles und die Eckpunkte noch durchaus erinnern.

Ich habe – wie so viele Leute sagen – eine vermeintlich brotlose Kunst studiert. Ich bin Anglistin. Allzu brotlos ist meine Kunst eigentlich nicht, denn es gibt so viele Menschen, die zwar glauben, die englische Sprache zu beherrschen, die dann aber, wenn man sich ihre Kunst anhört, kläglich versagen, weil das, was sie für Englisch halten, keinesfalls dem entspricht, was Englisch wirklich bedeutet. 😉 Im Übrigen ist Anglistik viel mehr – Linguistik und Literaturwissenschaft plus Landeskunde. Aber das zählt ja heutzutage gar nicht mehr, da Fachidiotie die Rolle der Allgemein- und speziellen Bildung eingenommen zu haben scheint. 😉 Ich musste mir gar mal von einem ehemaligen Chef anhören, dass mein Hauptamt, das der Linguistin, so witzig sei, dass seine Kinder mich wahrscheinlich für eine Nudelfabrikantin halten würden. „Linguine“, diese platten Spaghetti – ihr versteht? Ich grinste und meinte: „Immerhin kennen sich Ihre Kinder mit Teigwaren aus. Dass sie den Begriff ‚Linguistik‘ nicht kennen, ist sicherlich nicht meinem Hauptfach anzulasten, sondern eher Ihren Kindern oder deren Lehrern und Erziehungsberechtigten.“ Da kenne ich nix. Seither kam auch nichts mehr in dieser Richtung von diesem Chef. Ist auch besser so, denn alles, was da sonst noch kommen könnte, würde finsteren bildungstechnischen Rückschlüssen Tür und Tor öffnen.

Nachdem ich als Kind über Jahre erst Tierärztin, als Jugendliche mitten in der Pubertät dann Psychologin werden wollte, habe ich mich dann auf das gestürzt, was ich heiß und innig liebe: Sprachen. Ich rede gern und viel, wahrscheinlich liegt es daran. 😉

Aber warum Englisch und nicht Französisch, Spanisch, Italienisch oder Mandarin, Swahili oder Finnisch?

Ich vermute, das liege wirklich in meiner frühen Kindheit begründet. Denn als ich knapp 2 ½ Jahre alt war, verbrachte meine Familie Weihnachten in Franken bei meiner Oma Margareta. Wunderschön war es, draußen lag sogar Schnee – anders als in NRW. 🙂 Und an einem der Weihnachtsfeiertage kam Omas zweitjüngste Schwester, die sonst in den USA lebte, mit einem Teil ihrer Familie zu Besuch. Man war gerade in Deutschland, weil Tante Lilibet öfter unter Heimweh litt und zweien ihrer vier Kinder auch mal Weihnachten in Deutschland zeigen wollte. Die beiden Ältesten waren schon so groß, dass sie nicht mitgewollt hatten.

Und so bereitete man alles auf den so selten gesehenen Besuch vor. Eine Aufregung wie in einem Bienenstock, und es wurden sogar extra Wunderkerzen am Weihnachtsbaum befestigt, weil man wohl der Ansicht war, ohne Glitter und Feuerwerk würde es der Besuch von jenseits des Atlantiks allzu langweilig finden. Wunderkerzen am Baum waren nämlich sonst nicht üblich. 😉 Neben dem sonstigen Schmuck nur echte Bienenwachskerzen, deren Duft sich so wunderbar mit dem der Tanne vermischte und den ich seit den Jahren der elektrischen Lichterketten sehr vermisse.

Der Tisch war reichhaltig gedeckt, Kaffee in rauhen Mengen aufgebrüht, als es an der Tür klingelte. Ich hielt mich zurück – wusste der Henker, was da über uns hereinbrechen würde!

Tante Lilibet mochte ich sofort, denn sie war und ist eine ganz liebe, ruhige Person, blond, blauäugig und sehr lieb. Die beiden „Kinder“, Linda und Richard, damals 19 und 16, waren ebenfalls blond und sehr fröhlich. Vor denen hatte ich keine Angst, obwohl sie irgendwie anders wirkten, da sie so anders sprachen. Und auch meine Mutter sprach so, dass ich sie völlig konsterniert anstarrte, denn ich verstand kein Wort von dem, was sie da von sich gab! Ich war mir nicht ganz sicher: Würde das jetzt immer so weitergehen?

Vertrauensvoll-verunsichert wandte ich mich an meine Schwester Stephanie und fragte sie, was das bedeute und warum ich Mama nicht verstünde. Die sah mich an, lachte und meinte: „Bah, bist du doof! Das ist Englisch!“ Ich habe sie dann wohl gefragt, ob sie das verstehe, und da kam: „Natürlich!“ Das habe ich geglaubt. Dabei war es gelogen! Sie verstand genauso wenig wie ich! 😉 Woher hätte das Verständnis auch kommen sollen … 😉

Tante Lilibet fand ich nett. Die nahm mich auf den Arm und sprach Deutsch mit mir! Ihre beiden jüngeren Kinder waren freundlich zu mir, und ich mochte sie ebenfalls, wenn ich auch kein Wort von dem verstand, was sie sagten. Aber das schien in diesem Haushalt offenbar inzwischen normal zu sein. Ich fand mich damit ab, hoffte aber auf bessere Zeiten.

Dann kam er! Mein Onkel Richard. Richard senior. Laut, lärmend, fröhlich – ein echter Amerikaner. Ich versteckte mich lieber sofort hinter meiner Mutter und hielt mich an ihrem linken Bein fest. Der Typ war mir unheimlich. Besser, er sah mich nicht. Und ich fuhr gut damit.

Bis wir alle am Tisch saßen und Kaffee tranken. Da saß ich neben Mama und konnte mich nicht mehr verstecken. Und da rief dieser Mensch etwas und sah in meine Richtung. O Gott! Meine Mutter lachte und antwortete – erneut völlig unverständlich. Und dann sagte sie zu mir: „Ali, sieh mal, Onkel Richard meinte, er kenne dich noch gar nicht. Du sollst mal zu ihm kommen!“ Ich war erschüttert. Da lieferte mich meine eigene Mutter an diesen unheimlichen Menschen aus? Da Kinder damals noch nicht so „selbstbestimmt“ waren wie heute, musste ich hingehen … Der Mensch – ich fühlte mich wie einem Riesen ausgeliefert – hob mich hoch, nahm mich auf den Schoß und redete die ganze Zeit auf mich ein. Ich verstand kein Wort und heftete meine Blicke die ganze Zeit auf meine Mutter. Die fand das kolossal amüsant.

Das Allerschlimmste: Mein Großonkel Richard war als Amerikaner dem Glauben verhaftet, Kinder müssten unentwegt und literweise Milch trinken. Ich hasste Milch, speziell dann, wenn sie heiß war, aber er orderte gleich eine Tasse davon. Er meinte es nicht böse, und das war mir sogar damals schon klar. Er meinte es gut, und meine Mutter und Oma grinsten sich eins, denn sie fochten so manchen Kampf mit mir aus, damit ich Milch trank …

Hier geschah das völlig problemlos. Aber nicht freiwillig. Mehr aus Angst davor, was passieren würde, würde ich dem „Riesen“, der so komisch sprach, Widerstand leisten. Und so war das allererste englische Wort, das ich kennenlernte, „milk“, denn Großonkel Richard rief in Abständen immer wieder fröhlich: „Have some milk, dolly!“ und setzte mir die Tasse an den Mund. Ich traute mich nicht, zu widersprechen und leerte binnen kurzem die ganze Tasse. Puh! Endlich war sie leer! Aber da rief er schon, ob es denn nicht noch mehr Milch für mich gebe … Das verstand ich zwar nicht, sah aber mit Entsetzen, wie kurz darauf eine neue, volle Tasse mit dem ekligen Zeug vor ihm abgestellt wurde.

Auf diese Weise leerte ich drei Tassen Milch voller Abscheu, traute mich aber nicht, zu sagen, dass ich Milch hasste. Meine Mutter und meine Oma saßen feixend am Tisch, und Stephanie lachte sich ebenfalls schlapp. Daran kann ich mich tatsächlich noch genau erinnern, ebenso an das Gefühl von Hilflosigkeit … 😉

Ein Wunder, dass ich dennoch später total begeistert von Englisch war! 😉 Eigentlich hätte mich diese Ersterfahrung genauso gut abschrecken können. 😉

Als ich sieben Jahre alt war, beschloss meine Mutter, ihre Englischkenntnisse aufzufrischen, und das mit Hilfe eines Audiokurses. Damals noch in Form von Kassetten. Irgendwann sollte sie eine schriftliche Aufgabe machen, wahrscheinlich einen Lückentext. Wie auch immer – sie rang nach dem Wort für „Möhre“ und ärgerte sich gleichermaßen, dass ihr dieses einfache Wort nicht einfiel. Und so fragte sie Stephanie, die immerhin schon Englisch in der Schule hatte. Stephanie fiel nichts ein, aber ich schmetterte nach einigem Nachdenken fröhlich: „Vielleicht carrot?“ Meine Mutter lachte und meinte, ich würde mich nicht auskennen, schlug das Wort aber nach und wurde blass. Die Einzige in der Familie, die noch keine Stunde Englischunterricht gehabt hatte, hatte die richtige Lösung gefunden … Dabei war es doch relativ naheliegend, zumal ich damals ein Fan von „Bugs Bunny“ war, der dauernd von „Karotten“ sprach. Und wie Englisch klang, hatte ich inzwischen schon mitbekommen, dank Stephanie. Und ich fand diese Sprache irgendwie cool.

Als ich aufs Gymnasium kam, habe ich den Englischunterricht am meisten gemocht. Und ich war auch gut. Das spornte noch mehr an, und es blieb die neun Jahre bis zum Abi auch so. Französisch hat Englisch nie den Rang ablaufen können. 😉

Ich fand Englisch so toll, dass ich dann auch in diese Richtung studierte. Aber wie peinlich fand ich es, wenn Physikstudenten oder andere Ahnungslose auf ihre Frage, was ich studierte, die Antwort: „Anglistik“ bekamen und dann meinten: „Ach! Das kann man studieren? Nun, ich hatte Englisch schon in der Schule!“ Ja. Klar. Ich auch. Sonst hätte ich das, was ich studierte, auch gar nicht studieren können … 😉

Noch besser diejenigen, die meinten: „Englisch? Ist doch total einfach und genauso wie Deutsch. Im Grunde Neudeutsch.“ Alles, was englisch war, bezeichneten diese Granaten als „neudeutsch“, bis ich einmal auf die Frage nach meinem Studiengang meinte: „Neogermanistik.“ Man hatte noch nie davon gehört, und ich meinte dann: „Auch als Anglistik bekannt, aber einige Geistesgrößen bezeichnen ja alles, was irgendwie englisch ist, als neudeutsch.“

Das hat bis heute nicht aufgehört. Aber es ist echt peinlich, wenn man nicht wenige der „Englisch ist im Grunde genau wie Deutsch“-Verfechter dann mal „Englisch“ sprechen hört. 😉 Angeblich sei mein Fach überflüssig, wie solche Leute oft meinen. Nö. Ist es nicht, wenn man das Gros sprechen hört. 😉

Wie auch immer: Ich liebe mein Fach, ich liebe die Sprache. Wer hätte gedacht, dass ich, deren erstes englisches Wort „milk“ war, und das vor schaurigem Hintergrund, mal derart überzeugt sein würde? Ich habe meine Berufung offenbar gefunden. Nur so richtig reich wird man nicht unbedingt damit. 😉

„Hallelujah“

Als ich heute sehr früh aufstand, warf ich einen Blick ins Internet, um zu sehen, ob und – falls ja – was schon wieder Unglaubliches in der Welt passiert sei. Ich hoffte auf Nachrichten des Tenors: „Hobbygärtner erntet Riesenkürbis“. Doch davon nichts. Stattdessen ein schwarz eingefasstes Foto und die Überschrift: „Leonard Cohen ist tot.“ Der Tag fing „gut“ an … „Halleluja!“ sagte ich grimmig-bekümmert, als ich mich ins Bad aufmachte.

Leonard Cohen ist eigentlich nie jemand gewesen, dessen Musik ich konsequent, gar regelmäßig hörte. Ich war nie ein Fan. Aber ich schätzte seine Musik, wenn ich auch manche Lieder nur hören kann, wenn ich wirklich absolut gute Laune habe.

Ich kam schon früh mit seinen Songs in Berührung, da meine Mutter die Musik mochte, und den Refrain von „So long, Marianne“ konnte ich schon recht früh mitsingen, ohne bis dato ein Wort Englisch zu beherrschen, geschweige denn, zu wissen, wie der Sänger, der Musiker hieß, der dieses Lied komponiert und getextet hatte. Ich mochte „So long, Marianne“, zumindest erheblich lieber als „Suzanne“, das mir immer arg schwermütig erschien, und Kinder mögen Schwermut nicht. 😉 „So long, Marianne“ klang im Vergleich dazu erheblich fröhlicher. Bis ich dann den Text verstand – aber bis dahin vergingen einige Jahre. 😉

Ganz schlimm für mich war immer „The Partisan“ – das fand ich total grauenhaft. Mit Krieg wollte ich nichts zu tun haben, da der – bis dato – letzte Weltkrieg auch auf meine Familie schreckliche Auswirkungen gehabt hatte. Bloß nix mit Krieg, und ich verließ stets das Zimmer, wenn dieses Lied lief. Zwar war mir damals noch nicht so ganz klar, was ein Partisan sei, aber ich war immerhin schon so weit, dass ich die Textzeile „Then the soldiers came / She died without a whisper“ begriff.

Jahre später – ich hatte, hörte ich den Namen „Leonard Cohen“ immer dieses Partisanenlied im Kopf und darauf ein nicht so gutes Gefühl – erwähnte mein damaliger Freund den Namen. Er meinte: „Man nennt ihn auch den ‚Master of Suicide‘. Aber er macht seit Jahrzehnten wirklich gute Musik.“ Mein damaliger Partner war ein echter Zyniker, so sehr, dass sogar ich bisweilen überfordert war. Sarkasmus, okay, aber Zynismus, und das so oft, ist eine ganz andere Hausnummer.

„Master of Suicide“! Das klang nicht gut, war irgendwie gemein und wurde dem Werk Leonard Cohens gewiss nicht gerecht, aber ich musste dennoch schallend lachen. Ich erinnerte mich an meine Schwester Stephanie, die bei Liebeskummer immer Leonard Cohen hörte, mit schmerzverklärtem Gesicht, bisweilen inbrünstig mitsingend, bis meine Mutter dann rief, es sei nun genug, und ob sie nicht einmal etwas anderes hören könne! 😉

Im Gedächtnis blieb mir der „Master of Suicide“. Bis ich irgendwann anno 2008 oder so in einem Krimi das Lied von ihm hörte, das ich am liebsten mag. Das hymnische Hallelujah ist wunderschön, aber es ist – wie so viele Songs von Cohen – sehr melancholisch, und die Handlung des Krimis war so schlimm, dass mir irgendwann die Tränen übers Gesicht liefen, als Leonard Cohen die Handlung untermalte. Wenn ich es recht bedenke, war es einen winzigen Tick kitschig. Nicht das Lied. Der Zusammenhang. Die Handlung war schlimm, und dann diese Hymne! Sogleich brach ich in Tränen aus …

Nachdem ich heute bei der Arbeit war, recht früh, schloss ich die Bürotür zum Flur, als mein Arbeits-PC bereit war, und dann hörte ich Hallelujah. Warum? Weil Leonard Cohen mein ganzes bisheriges Leben begleitet hat. Nicht kontinuierlich, aber er tauchte immer wieder auf, und ich mag seine Lieder. Auf eine bestimmte Weise. Und beileibe nicht die schlechteste. Da wollte ich doch eine Art Tribut zollen.

Nur wurde dann meine Tür aufgerissen, und Kollegin Brigitte stand darin und rief: „Die Spülmaschine ist schon wieder voll mit dreckigem Geschirr!“ – „Dann mach sie halt an!“ rief ich zurück, woraufhin mich ein erstaunter Blick traf. „Unter der Spüle stehen die Tabs. Einen in das Fach mit der Klappe geben, Klappe zu, Spülmaschine zu, auf 55 Grad stellen und einschalten. Danke.“ Brigitte zog den Kopf aus dem Türspalt und schloss diese. Die Spülmaschine musste ich hinterher selber in Betrieb nehmen.

Aber immerhin konnte ich ganz allein von Leonard Cohen und meinem bisherigen Leben Abschied nehmen. 🙂

Und daher: „So long, Leonard.“ Eine wunderbare Stimme weniger.

„Gestatten? Ali B., Maschinistin!“

Heute war ein wunderbarer Tag, und ich fühle mich wertgeschätzt wie sonst nie! Denn nicht nur, dass man meinen Rat suchte, als der Kopierer mal wieder beschlossen hatte, herumzuspinnen … (Dafür bin ich ja immerhin offiziell zuständig, nachdem ich von meiner rachsüchtigen Ex-Chefin dazu gemacht worden war, ohne mich zu fragen oder sonstwie in Kenntnis zu setzen. Ein gewisser Teil der Leute, die sie nicht leiden kann, wurde in vergleichbarer Weise zu Kopierbeauftragten ernannt wie ich. Leider aber haben wir nur eine begrenzte Anzahl an Kopierern, denn damit war die Anzahl derer, die meine Ex-Chefin nicht leiden kann, bei weitem nicht abgedeckt … 😉 )

Ich berichtete, dass ich durch Kollegin Andrea auch zur Druckerbeauftragten ernannt und damit quasi in den Adelsstand erhoben wurde. Diejenige, die sich mit unserem Farbdrucker auf dem Flur auskennt! Lange hatte ich mich – völlig zu Recht – dagegen gesträubt, weil das nicht meine Aufgabe ist, aber Kollegin Andrea kann nicht nur bisweilen hartnäckig sein – sie ist es die meiste Zeit. Dennoch: Ich mag sie sehr und streikte nur neulich, als sie mich auch noch ganz allgemein zur Elektrobeauftragten unserer Etage machen wollte … Es ging um eine Zeitschaltuhr. Ich berichtete. 😉

Heute, an einem regenverhangenen und grauen Novembertag, musste ich erkennen, dass ich offenbar zur „Maschinistin“ des Flurs geworden war, ohne etwas von dieser Erhebung mitbekommen zu haben. Denn nicht nur, dass ich unseren Kaffeevollautomaten wieder funktionsfähig machen musste, ging mir gegen Nachmittag auf, dass ich offenkundig auch für die Spülmaschine hauptverantwortlich sein müsse.

Seit Tagen hatte dort – war sie in Betrieb – ein rotes Lämpchen geleuchtet. Die Maschine lechzte nach Salz, Spülmaschinensalz. Erst vor diversen Wochen hatte ich ein Paket davon mitgebracht, sogar selbst bezahlt, weil das Erstattungsprocedere meines Arbeitgebers derart kompliziert ist, dass man sich nicht selten sagt: „Scheiß der Hund drauf!“ Mein Fehler, ich gebe es zu, weiß aber von anderen Mitarbeitern, die ähnlich handeln. Wahrscheinlich ist das auch die Intention unseres Arbeitgebers … („Wir machen die Erstattungsmodalitäten derart unbequem, dass die Mitarbeiter manche Dinge aus der eigenen Tasche bezahlen! Ha! Da sparen wir Geld!“)

Es war also Salz vorhanden, noch eine halbe Packung. Warum hatte eigentlich keiner derjenigen, die die Maschine in Betrieb nahmen und auch ihr privat genutztes Geschirr darin wuschen, mal kurz den Salzbehälter aufgeschraubt und nachgefüllt? Es ist bekannt, dass Reinigungsmittel im Unterschrank der Spüle stehen. Warum also nicht?

Ich bin absolut nicht kleinlich, aber es gibt Dinge im allgemeinen Miteinander, da ich mich wirklich ärgere. Der ganze Flur nutzt diese Spülmaschine, aber es gibt nur drei Leute, die diese regelmäßig aus- und einräumen, teilweise auch noch das dreckige Geschirr anderer hineinräumen müssen, die zu faul sind, es selber zu tun und den ganzen Mist einfach auf der Arbeitsplatte über der Maschine abstellen. (Interessanterweise regen sich just diese Leute immer auf, wenn sich das eigene Geschirr dort türmt und man kaum noch Platz hat, sich ein neues Teechen zu kochen. Auf die Idee, den Zustand selber abzustellen, kommen sie leider nicht. Dafür gibt es Janine, Daniela und mich, wie es scheint. Die neue Kollegin, Gudula, hält sich heraus: „Ich bin ja noch neu hier!“ Muss ich mehr sagen? Janine, Dani und ich haben schon mehrfach versucht, das Ganze einfach zu ignorieren, da das Bestücken der Maschine ebensowenig zu unseren dienstlichen Tätigkeiten zählt wie zu denen der anderen, aber irgendwann ist der Punkt erreicht, da wir den ganzen Wust dreckigen Geschirrs dort nicht mehr stehen sehen können. Praktisch für die anderen.)

Und so räumte ich heute einmal mehr fluchend und schwörend die Spülmaschine aus – zum zweiten Mal an diesem Tag – und füllte Salz nach. Der Geschirrspüler atmete auf und bedankte sich damit, dass das rote Lämpchen erlosch. 😉 Geht ganz einfach – nur: Warum immer nur bestimmte Leute? 😉

Als ich gerade den Salzbehälter zuschraubte, kam Kollegin Brigitte in die Küche. Und sie rief: „Ali! Das hast du aber nicht ordentlich gemacht! Kuckma – da liegen Salzkristalle neben dem Einfüllstutzen!“

Ich musste wirklich sehr an mich halten, nicht frech zu werden. Es war ohnehin eine blöde Situation: Ich hockte vor der Maschine und schraubte gerade den Behälter zu, während Brigitte hochaufgerichtet neben mir stand und dann auch noch meinte: „Bist du denn bald mal fertig? Ich möchte mir einen Tee machen!“ Ich erhob mich so anmutig, wie es ging, den leeren Salzkarton in der Hand, den ich ihr am liebsten rechts und links um die Ohren gehauen hätte, denn sie betont gern ihre übergeordnete Position, vor allem, wenn sie einen richtig guten Tag aus ihrer Sicht hat. Ich mag so etwas nicht. Ich bin oft mehr oder minder ruppig und frotzelig, aber ich gehe nicht hin und sekiere andere Menschen mit Absicht. Und bevor ich etwas erwidern konnte, meinte sie auch schon: „Ali, unsere treue Maschinistin! Ohne dich wäre der Flur sicherlich schon zusammengebrochen!“ Und sie lachte, während meine rechte Hand den Karton umfasste und fest zudrückte, damit ich nicht wirklich Gefahr liefe, ihn als Mittel zur Züchtigung unverschämter Kolleginnen zu nutzen. 😉 Es gelang, denn ich habe mich physisch gut im Griff, wenn auch verbal manches Mal so einiges entfleucht, was ich eigentlich nie hatte sagen wollen.

Stattdessen grinste ich Brigitte an und meinte: „Es freut mich, dass du mir diese verantwortungsvolle Aufgabe zutraust. Offenbar gar nicht einmal zu Unrecht, denn es hat sich nun seit Tagen keiner darum gekümmert. Die Maschine hätte Schaden nehmen können – das hat offenbar hier niemanden interessiert. Auch dich nicht. Dabei bist du doch immer sehr genau – wie kommt’s?“ Sie hatte mal wieder ihren biestigen Tag – da kommt dann ein Echo. Wir können auch anders miteinander, aber heute nicht. Und es ist immer ganz gut, wenn man sich nichts gefallen lässt. Sagt die kleine Maschinistin, und Brigitte stand dann auch sprachlos da. Ich meinte dann: „Aber ich werfe nur eben diesen nutzlosen Karton weg, dann kannst du dir deinen Tee kochen. Oder soll ich es machen?“ Da wurde sie ein bisschen rot, während ich lächelnd die Küche verließ. Maschinistin bin ich nun also. Auch gut. Eine Arbeiterin, das ist durchaus ehrenwert. 🙂

Janine starrte mich offenen Mundes an, als ich unser Büro gegenüber der Küche betrat. Dann meinte sie: „Was hat die gerade zu dir gesagt? Geht es noch?“ – „Janine, ich weiß gar nicht, was du hast! Der Beruf des Maschinisten ist ein durchaus ehrenvoller. Und ich bin nun zuständig für Kopierer, Drucker, Zeitschaltuhren, Untertischgeräte, Kaffee- und Spülmaschinen wie auch Wasserkocher. Wahrscheinlich auch für die Mikrowelle. Doch – Moment!“ Und ich rief Richtung Küche: „Brigitte – soll ich dir nicht vielleicht doch lieber helfen? Als Maschinistin fallen auch die Wasserkocher in mein Ressort! Lass besser mich das machen – ich kenne mich ja damit aus, und bei unsachgemäßer Handhabung kann so viel passieren!“ Janine krümmte sich auf ihrem Bürostuhl vor unterdrücktem Lachen, und ich sah nur noch, wie Brigitte mit ihrer Teekanne in ihr Büro hechtete. Sie mag es gar nicht, wenn man auf Unverschämtheiten ihrerseits entsprechend reagiert. Aber damit muss sie wohl leben. 😉

Als ich heute zum Parkplatz schritt, nahm ich mir vor, das Fassungsvermögen meines kürzlich nur geringfügig aufgefüllten Scheibenwaschtanks endlich zu komplettieren. Ich hatte extra dafür gestern eine leere 1,5-Liter-Mineralwasserflasche mit einem 1:2-Gemisch bis zum Rand gefüllt, selber angemischt. Die Flasche stand im Kofferraum. Und zügig schritt ich zur Tat, öffnete die Motorhaube, fixierte sie, öffnete den Scheibenwaschtank und wollte gerade loslegen, als hinter mir eine Stimme erscholl: „Entschuldigen Sie, bitte! Ist Hilfe vonnöten?“ Ein wenig autoritär klang es, und ich drehte mich um die eigene Achse, sah einen jungen Mann nebst Freundin dastehen. Fast war ich versucht, zu sagen: „Nein! Frechheit! Ich bin Maschinistin – sehen Sie das denn nicht?“ Aber ich riss mich zusammen, lachte und meinte: „Das ist sehr nett, dass Sie fragen, danke schön! Aber es ist kein Problem – ich möchte nur Scheibenwaschflüssigkeit nachfüllen – das kriege ich hin.“ Der junge Mann lachte und meinte: „Ich dachte nur, weil Sie die Motorhaube geöffnet haben!“ (Hatten wir das nicht neulich schon einmal? 😉 ) – „Das ist wirklich total nett! Aber ich komme klar. Trotzdem vielen Dank!“ – „Da nich‘ für!“ rief der junge Mann, und seine Freundin meinte: „Was macht sie da?“ – „Sie macht das, was man ab und an machen muss: Scheibenwaschflüssigkeit nachfüllen.“ – „Ach, echt?“ – „Ja. Beim nächsten Mal machst du das hier bei unserem Wagen.“ – „Nee! Dafür bist du doch da!“

Offenbar ist der junge Mann auch Maschinist. Ergo: ein DVD, ein Depp vom Dienst. 😉

Nun ja, was soll’s. Nett war das Angebot, aber ich musste daran denken, wie ich neulich einen von einem Mann stammenden Kommentar in einem Autoforum las: Frauen seien nicht in der Lage, mit Schaltwagen am Berg anzufahren, weil sie einfach den Schleifpunkt der Kupplung nicht spüren würden. Besser wäre es, Frauen würden generell Automatikwagen fahren – damit würden sie nicht so viel Schaden anrichten. Ich staunte. Wie? Wir spüren den Schleifpunkt nicht? Woher diese Erkenntnis, wenn man selber keine Frau ist? Und wie kam er auf das schmale Brett? Okay, zugegeben, es gibt einige Punkte bei Frauen, die sie selber nur schwer finden, wie seit etwa 20, 30 Jahren vom sogenannten G-Punkt erklärt wird. Nicht ganz zu Unrecht. 😉 Obwohl ich manchmal schon dachte, vielleicht sei einfach die Zeitspanne, den genauen Punkt zu eruieren, oftmals viel zu kurz … 😉 Iiih – ich bin heute fies! 😉

Als „einfache“ Maschinistin darf ich das aber. Und morgen kaufe ich mir erst einmal einen Blaumann! 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

WSR bedeutet: Ich sollte meine Finger von Vorhersagen lassen

Nein, WSR ist nicht der Name irgendeiner Firma. Zumindest nicht in diesem Kontext hier. Leider. Es ist eine Abkürzung, die mein Zahnarzt benutzt.

Heute ist in der Tat ein schwarzer Tag: Erst das im wahrsten Sinne böse Erwachen an diesem neunten November, so dass mir sogar der Zahnarzttermin als kleineres Übel erschien und ich dachte, schlimmer könne es heute kaum kommen.

Aber – und das sollte ich längst gelernt haben – es geht immer schlimmer. 😉 Denn als mein Zahnarzt meinen Oberkiefer rechts untersuchte und gegen jeden Zahn klopfte, da ich letztes Wochenende so grauenvolle Schmerzen gehabt hatte, stellte sich heraus, es handelte sich wohl um den Eckzahn, der hier beschlossen hatte, eine Revolution zu starten. (Ich habe ja gar nichts gegen Revolutionen, wenn sie zwingend notwendig sind und einem guten Zweck dienen – und wenn es keine Toten gibt, wohlgemerkt.) Der Zahnarzt sagte: „Röntgen!“ Seine Helferin spurte und fertigte eine Aufnahme zweier Zähne meines defizitären Gebisses an, das zwar recht gut aussieht, wohinter aber sehr viel Arbeit steckt. Und ich vermute, rein ökonomisch gesehen seien meine Zähne das Wertvollste an mir. 😉

Nach dem Röntgen stellte sich etwas heraus, was ich erfolgreich verdrängt hatte, wahrscheinlich, weil es so unangenehm gewesen war: Der Zahn war bereits wurzelbehandelt. Nein! So dachte ich gepeinigt, denn ich weiß, was das bedeutet …

Und da kam sie auch schon, die Abkürzung, die ich fürchte: WSR. WSR bedeutet – hooray! – Wurzelspitzenresektion, was so viel bedeutet, dass die Wurzelspitze gekappt wird. 😉 Schon zweimal hinter mich gebracht; zwar ohne Angst, aber unangenehm ist es doch. Denn da wird der Zahn quasi von außen „wurzelbehandelt“. Man bekommt eine schicke Betäubung, dann wird das Zahnfleisch im Bereich der abzuschneidenden Wurzelspitze mit einem Skalpell aufgeschnitten. Danach wird der Kieferknochen aufgefräst, so dass man an die Wurzelspitze kommt, die dann gekappt wird. Danach wird gesäubert und genäht, und der Patient geht am besten schnurstracks nach Hause. So er dazu in der Lage ist. 😉 Und das Kühlen nicht vergessen, da man am nächsten Tag und denen darauf ein wenig verbeult aussieht.

Bei der letzten Resektion brauchte es vier Spritzen Lidocain, bis ich wirklich nichts mehr spürte – die Zeit vor der definitiven Wirkung habe ich verdrängt. 😉 Abends trat mir mein Zwergkaninchen, das ich aus seinem Gehege nahm, weil ich dieses ausmisten und säubern musste, mit Schmackes just gegen die betroffene Stelle – ich hörte die Engel singen, bin aber zum Glück sehr tierlieb. Und er hatte es ja auch nicht mit Absicht getan. Oder? 😉

Nun, ein Zwergkaninchen habe ich ja nun nicht mehr. Die WSR kann kommen … Aber bis dahin soll ich den Zahn noch beobachten, weil mein Zahnarzt meinte, da er keine explizite Entzündung auf der Röntgenaufnahme erkennen konnte, könne es auch an einer Erkältung liegen. Dazu waren die Schmerzen aber zu stark, und so sieht es wohl so aus, als würde ich am 25. erneut gefoltert werden. 😉

Nie wieder werde ich sagen: „Es kann jetzt nicht mehr schlimmer kommen!“ Mein Wort darauf. 😉

„Bitte, lass es einen Alptraum sein!“ Oder: Wenn bescheidene Bitten nicht erfüllt werden …

Ein wunderschöner Tag hat heute früh um sechs Uhr für mich begonnen. Seitdem konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl ich heute frei habe (allerdings am frühen Nachmittag auch einen wundervollen Zahnarzttermin …). Da war doch was …

Ach, ja! Die US-Präsidentschaftswahl! Seit gestern hatte ich diese verfolgt. Etwas beunruhigt war ich, als es hieß, es sähe für die Republikaner besser aus als für die Demokraten, aber ich dachte mir: „Leg dich hin und schlafe. Es wird schon alles gut und das Ruder herumgerissen werden. Alles andere wäre völlig idiotisch.“

Seit jeher habe ich dieses generelle und pauschale USA-Bashing gehasst, dessen sich nicht wenige Mitmenschen so gern befleißigen. Oft solche, die noch nie dort waren. Ich habe das Glück, dass ein Teil meiner weitverzweigten Familie dort lebt, was es mir leichter machte, das Land zu besuchen, und so weiß ich, dass es zwar leider eine sehr breite Schicht Ungebildeter, Reaktionärer gibt, echter Schafe, wie man unglücklicherweise sagen muss, aber auch durchaus reflektiert handelnde und vernünftige Menschen, die unter dem Pauschalurteil leiden, weil es sie völlig zu Unrecht trifft. Und sie leiden auch unter den Mitbürgern, die dem Gegenteil dessen, was man Vernunft nennt, zujubeln. Daher verteidige ich die USA auch durchaus, wenn ich mal wieder von pauschalisierenden Mitmenschen das oben genannte Bashing erlebe. Es gibt vieles, was ich an den USA nicht mag, aber es ist eben auch nicht alles schlecht. Das ist überall so. Oder fast überall. 😉

Und so kam es mir heute vor, als befände ich mich in einem Alptraum, als ich meinen PC hochfuhr und „Wahl USA“ googelte. Genauer: Ich wähnte mich in einem Alptraum, in dem ich gerade einen Herzinfarkt zu erleiden drohte. Denn dort stand, was ich nicht für möglich gehalten hatte: Trump führte! Ich rieb mir die Augen, ging näher an den Bildschirm. Es stand noch immer da. Inzwischen hoffte ich, es möge ein Alptraum sein, ich bat sogar darum, obwohl ich an den, den manche Menschen da bitten, gar nicht glaube.

Ich ging ins Bad und hielt mein Gesicht unter kaltes Wasser, spülte energisch meine Augen damit. Dann ging ich zurück an den PC. Es stand noch immer dort. Ich musste mich setzen, weil mir schlagartig klar war, dass dies gar kein Alptraum, sondern die grausame Realität sei, die mich schwächeln ließ.

Doch da holten die Demokraten auf! Hoffnung flackerte auf wie ein Streichholz, das kurz vor dem Erlöschen ist, jedoch durch einen plötzlichen Windstoß noch einmal aufflammt. Doch dann erlosch auch diese Hoffnung, und es stand fest: Trump ist der 45. US-Präsident. Ich konnte und kann es immer noch nicht fassen.

Ich verstehe nicht, wie man so wählen konnte. Ich werde es auch nie verstehen. Aber das bekümmert mich nicht – im Gegenteil. Es würde mir eher Sorge bereiten, wäre es anders.

Ein schwarzer Tag, finde ich – andere mögen anderer Meinung sein. Eines ist mir klar: Solange dieser Präsident im Amt ist, werde ich nicht in die USA reisen, obwohl ich das vorgehabt hatte. Ich weiß, das wird den USA nicht viel ausmachen, aber schade ist es doch. Ich werde aber auch nicht in das allgemeine Amerika-Bashing einfallen, weil es nicht fair denen gegenüber ist, die differenzieren und reflektieren und so nicht gewählt haben. Im Übrigen: Wenn ich mich hier so umsehe, finde ich die gesellschaftlichen Entwicklungen auch hierzulande recht beunruhigend.

Der Tag kann nur besser werden, aber bei meinem Glück wird auch der Zahnarzttermin ganz gruselig werden …

Drückt mir die Daumen! 🙂

Wenn Blicke töten könnten …

Heute war ich wieder bei meiner Fron in der Uni einer der Nachbarstädte. Da ich Autobahnfahren hasse wie die Pest – immerhin bin ich erst Anfang des Jahres nach elf langen Jahren wieder zu den Lebenden, Verzeihung, den Autofahrern, erweckt worden, und man sollte den Bogen nicht überspannen oder zu schnell spannen -, war ich heute mit Straßenbahn, Bussen und Bahnen unterwegs. Erstaunlich, wie schnell man entwöhnt ist. Oder sollte das Ganze in den paar Monaten noch schlimmer geworden sein als zuvor? Ich kann es mir nicht vorstellen – ich bin sicherlich einfach entwöhnt. 😉 (Ganz sicher bin ich mir dessen jedoch nicht …)

Heute sollte das erste Referat stattfinden. Die Studis müssen zum Bestehen des Seminars neben Anwesenheit und aktiver Mitarbeit sowie der Klausur alle eine Präsentation mit anschließender Diskussion absolvieren, während ich danebensitze und sie – so die neuen Regeln – mit Argusaugen beobachte und anhand eines Bewertungskatalogs evaluiere. Wie spricht der Studi? Spricht er frei? Hat er Wortfindungsstörungen, so wie ich bisweilen im Deutschen? (Erstaunlicherweise fallen mir die entsprechenden englischen Begriffe stets sofort ein, und es ist schon vorgekommen – speziell nach Fachbereichsversammlungen oder Ähnlichem -, dass ich einen Satz auf Deutsch begann, ihn dann aber auf Englisch fortsetzte. Es gab sogar, das natürlich in längeren Sätzen, mehrere Wechsel. Das aber nicht, weil ich mir cool vorkam oder auf peinliche Weise demonstrieren wollte, dass ich binnen kurzem zwischen zwei Sprachen, die ich in der Tat fließend spreche, hin- und herswitchen kann. Nein. Wurschtig, wie ich bisweilen bin, fiel es mir nicht einmal auf.)

Das fing bereits in der Oberstufe an, als ich als Einzige meiner 116 Schüler umspannenden Jahrgangsstufe die Leistungskurse Englisch und Französisch gewählt hatte und dafür von manchem Mitschüler als „völlig verrückt“ deklariert worden war. Während der Oberstufenzeit gab es, ich gebe es zu, auch den einen oder anderen Moment, da ich geneigt war, die Meinung jener Mitschüler zu teilen. Ich war quasi das sprachliche Gegenstück zu jenen, die – genauso wahnsinnig – Physik und Mathe als Leistungskurse gewählt hatten. (Die kamen mir allerdings erheblich verrückter vor … ) 😉

Eines Tages hatten wir eine vierstündige Französisch-LK-Klausur geschrieben, irgendwann in 12.1. Das Thema war toll gewesen, obwohl es eine Gedichtanalyse gewesen war. Ich weiß es noch wie heute: Es war ein Gedicht von Jacques Prévert gewesen – „Chez la fleuriste“. Das Gedicht ist gar nicht so lang, aber man kann sich ungelogen vier Stunden lang die Finger wund schreiben, denn es ist sehr gehaltvoll. 😉 Und das hatte ich auch getan, bevor ich mich zum Englisch-LK aufmachte. Noch einmal zwei Stunden Fremdsprache. Ich beschloss, es ruhig angehen zu lassen. Aber meine Lehrerin war anderer Ansicht, und als ich an diesem Tag völlig still und wortlos in der Klasse saß, nahm sie mich irgendwann einfach dran: „Would you please explain the voidness of this dialogue between Daisy and Tom, Ali?“ (Jaaa, schon damals stand „The American Dream“ auf dem Programm für den Englischunterricht, und wir lasen gerade „The Great Gatsby“ …) „Scheiße!“ dachte ich. „Ich wollte doch meine Ruhe.“ Und das dachte ich auf Deutsch, das weiß ich noch. Dann sortierte ich meine Gedanken und gab eine Antwort. Schweigen. Ich wunderte mich. War meine Idee so blöd gewesen, dass alle erstarrt waren? Da drang Frau Gutmonds Stimme an mein Ohr: „Could you please explain that again?“ Ich war irritiert, wiederholte aber, was ich gesagt hatte. Erneut Schweigen. Dann wurde leises Raunen laut, und ich begriff nicht, was passiert war. Ich wusste es wirklich nicht, bis Frau Gutmond auf Deutsch meinte: „Ali! Das klang sehr, sehr schön, und ich vermute auch, dass das, was Sie sagten, den Kern getroffen hat. Nur – mein Französisch ist total eingerostet.“ – „Wie: Französisch?“ rief ich. „Sie haben auf Französisch geantwortet. Zweimal.“ O Gott – wie peinlich! Frau Gutmond wollte wissen, warum, und da sagte ich ihr, dass ich neben Englisch auch Französisch als LK hatte. Sie war schwerstens beeindruckt, aber ich war peinlich berührt und versicherte, dass ich es wirklich nicht gemerkt hätte. Ich hätte gerade eine LK-Klausur geschrieben, über ein Thema, das mir zu Herzen ging. Da sagte sie: „Ali, ich bin beeindruckt, dass Ihnen das nicht öfter passiert – kommt man da nicht leicht durcheinander?“ – „Eigentlich nicht. Offenbar nur in Ausnahmefällen.“ – „Ich lasse Sie dann mal heute in Ruhe.“ Danke, das fand ich gut. Ich hatte „la douce France“ offenbar noch nicht verlassen. 😉 Netterweise haben meine Mitschüler mich danach nicht gedisst. Immerhin hätten sie mich für eine peinliche Poserin halten können, aber sie kannten mich – so war ich damals – als sehr bescheiden. Das Einzige, was sie sagten, war: „Englisch und Französisch als LK? Ali – du musst verrückt sein! Aber irgendwie war es cool, wie du gesprochen hast.“ (Ich staune noch heute … Ich vermute, ich habe im Franz-LK niemals derart flüssig gesprochen wie im Englisch-LK völlig unbeabsichtigt … 😉 )

Doch zurück. Ich musste die Studentin heute anhand eines Abhak-Kataloges bewerten. Sie sprach frei, sie machte keine allzu großen Grammatikfehler. Ihre Wortwahl war vielfältig und gut, sie hatte das Thema gut ausgearbeitet – und so fort. Auch die Diskussion lief gut – fürs erste Mal. 😉 Alles lief super, wenn mir auch dieses Abhaken nicht gefällt. Ich würde lieber entspannt zuhören.

Dann gingen wir zum Alltagsgeschäft über. Ich hatte zum Auflockern einen fachsprachlichen Lückentext mitgebracht und die Studis geheißen, ihn ganz durchzulesen und unten die einzusetzenden Begriffe genau anzusehen und zu versuchen, schon einmal eine Lösung zu finden, bevor wir gemeinsam drangehen wollten. Sie waren sehr schnell fertig. Jaaa – ich weiß: Lückentexte sind nicht sonderlich beliebt, aber irgendwie muss man einen Einstieg finden, und so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht! 😉

Wir begannen, und gleich der erste Satz war nach zwei Versuchen – „Read carefully and try to find a logical and unambiguous solution!“ – richtig gelöst. Dann meldete sich Yannick, der immer mit finsterer Miene dasitzt und mir gegenüber geäußert hatte, ihm sei eigentlich scheißegal, worüber gesprochen werde. Hauptsache: Englisch. Er versuchte sich an einer Lösung, und die war leider nicht richtig. Seitdem fühle ich mich nicht mehr so wohl in meiner Haut … 😉 Denn irgendwie scheint Yannick Kritik nicht so gut vertragen zu können …

Gut, es ist so eine Sache mit der Kritik. Es kommt immer darauf an, wie sie geäußert wird, aber ich bin professionell genug, weil ich den Job schon lange mache, immer freundlich zu sein, wenn ich jemandem sagen muss, dass das, was er abgeliefert habe, leider nicht so ganz … Und ich habe ja auch gar nichts gegen Yannick. Nun ja. Ich bin wirklich immer freundlich, weil ich weiß, wie es ist, wenn man unsensibel kritisiert wird. 😉 Es scheint aber Menschen zu geben, die noch empfindlicher sind, als ich es bin. 😉

Es gab heute Momente während des Seminars, da ich darüber nachdachte, ob ich das wirklich weitermachen wolle, denn Yannick war ziemlich pampig, sprach ich ihn danach an, und er blickte mich die ganze Zeit über feindselig an. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich heute schon relativ zu Beginn des Seminars und nach Josefines Präsentation sang-, klang- und ruhmlos vor dem Whiteboard zu Boden gesunken. 😉

Erfreulicherweise waren aber die anderen Studis so, wie ich es gewohnt bin. Ich hatte seit 2008 in wirklich jedem meiner vielen Seminare immer ein Paar Studis, das ich „Waldorf and Statler“ nannte. Für die, die die Muppets-Show noch kennen, muss ich sicherlich nicht erklären, was damit gemeint ist: zwei Sarkastiker in Reinform. Alle anderen googeln bitte. 😉 Mein Rekord war in einem Kurs ein ganzes Trio solcher Studis. Und immer sind es Männer. 😉 Keine Frage, dass ich mit denen besonders gut klarkomme, sie aber nie bevorzugt habe. Nur stimmte die Chemie besonders. (Die Leistung nicht immer.) 😉

Auch hier habe ich wieder ein „Waldorf and Statler“-Paar. Das habe ich den beiden Studis aber gar nicht erst erzählt, weil sie zu jung sind, zu wissen, was damit gemeint ist. 😉 Sehr erfreulich – es scheint sich nichts geändert zu haben.

Nur Yannick scheint mich zu hassen. 😉 Ich werde ihn künftig etwas behutsamer als die anderen „anpacken“. Er scheint besonders sensibel zu sein, und dem möchte ich gern Rechnung tragen, und das nicht nur der Evaluation meines Kurses wegen. Mir ist einfach wichtig, dass sich die Studis wohlfühlen. Und deswegen habe ich heute auch meine allsemesterliche Ansprache gehalten, dass ich bisweilen etwas sarkastisch sei, sich eine Studentin vor einigen Jahren zu Unrecht über mich beschwert habe, ich aber weder bisse, noch sonstwie böse sei und sie mich per Mail immer kontaktieren dürften, wenn Not am Mann sei. Und ich nickte besonders liebevoll in die Runde, damit auch Yannick sehe, dass ich es ernst meinte.

Er guckte danach noch immer finster drein.

O je – das diessemestrige Seminar scheint in einer Hinsicht ein härterer Brocken zu sein. So stellte ich fest, als ich meinen Raum verließ, wo ich auf eine Kollegin traf, die Polnisch unterrichtet. Sie ist Polin, sehr nett, und wir haben uns schon früher immer sehr nett unterhalten, wenn wir vor Pavillon 08/15 mehr oder minder zufällig aufeinandertrafen, weil wir beide Raucherinnen sind und immer in nebeneinanderliegenden Räumen unterrichteten, woran sich nichts geändert zu haben scheint. Sie freute sich riesig, mich zu sehen, und ich fragte: „Und? Wie läuft’s?“ Da klagte sie mir ihr Leid – die Studis würden immer respektloser, würden die ganze Zeit vor ihrer Nase mit dem Smartphone zugange sein, aber noch pampig reagieren, wenn sie dann keine so gute Note bekämen! So gehe das nicht!

Ich gab ihr Recht, denn so geht das wirklich nicht. Ich war überrascht, dass dieses alberne Betragen nun auch an dieser Uni angelangt sei, denn das kannte ich bis dato nur von der Hochschule in einer anderen Stadt, von der ich schon berichtet habe, wo ich die Studis auch schon mal anbrüllen musste. Den Tipp gab ich meiner Kollegin für den Notfall. Da sah sie mich an wie ein krankes Reh und meinte: „Aber wo kommen wir denn hin, wenn wir die Studenten anbrüllen müssen, um Gehör zu finden? Es kotzt mich an, dass die meinen, sie hätten alle Rechte, und ich darf nicht einmal leise Kritik üben, weil sie das schon nicht ertragen! Wo kommen wir denn da hin? Ich will nicht brüllen – die sollen was lernen! Das muss denen doch klar sein. Oder, Frau B.?“ – „Eigentlich schon. Ist es aber wohl nicht. Ich will auch nicht brüllen, aber mir stinkt es auch, mich blöd behandeln zu lassen, nur, weil ich sage: ‚Diese Lösung war nicht so ganz richtig – versuchen Sie es nochmal, und sehen Sie genau hin!‘“

Wir blickten einander wie zwei waidwunde Rehe an, rauchten noch eine Zigarette zusammen und gingen dann unserer Wege.

Es scheint rauher geworden zu sein für Dozenten. Und wenn es so weitergeht und ich nur noch „Yannicks“ da sitzen habe, gebe ich freiwillig auf. Schade.

Euch einen schönen Abend. 🙂

„Ich mache nur mal eben …“

Das ist ein Satzanfang, den man oft hört und auch selber äußert. „Ich wasche mal eben die Wäsche“, „Ich fahre mal eben zum Einkaufsmarkt“, „Ich backe nur mal eben schnell ein paar Muffins“ und so fort. (Als ich das letzte Mal Muffins gebacken habe, die mir immer gut gelangen, sind sie missraten, und man bezeichnete sie als „Türstopper“ … 😉 Ich nahm es in dem Falle aber gar nicht übel – außerdem fand ich sie selber völlig missraten. 😉 ) Und dann flutet die Waschmaschine den Keller, der Wagen springt nicht an, oder es fährt einem irgendjemand hinein oder umgekehrt, und beim Backen fackelt unter Umständen die Wohnung ab …

Manche dieser Sätze enden im erfolgreichen Erreichen des angekündigten Ziels, andere ziemlich blöd, andere sogar tragisch, aber mit den tragischen will ich mich jetzt nicht befassen – das könnt ihr euch selber ausmalen.

Nach einem echt miesen Samstag und einem halb verschlafenen Sonntag – ich hatte nachts kaum ein Auge zugetan, weil mein im Sterben liegender Zahn mich nicht zur Ruhe kommen ließ – nahm ich heute ein heißes Bad, was ich sehr gerne tue und weswegen eine Wohnung ohne Badewanne für mich auch eher ein Kompromiss wäre. Die Zahnschmerzen waren immer noch da, aber etwas abgeschwächt, und so dachte ich: „Ab in die Wanne – wenigstens etwas Angenehmes muss sein!“ Genauer: Ich dachte: „Ich nehme mal eben ein Bad.“ Nun, das Bad an sich war auch sehr angenehm, aber als ich aus meiner Eckbadewanne stieg, knickte ich mit dem Fuß um und konnte mich gerade noch abfangen – sonst wäre ich noch richtig mit Schmackes hingeknallt, und da mein Bad relativ eng ist, hätte ich mir möglicherweise noch den Schädel eingeschlagen. So leidet aber nur mein Knöchel, den ich gerade sachgerecht kühle …

Es ist der rechte Knöchel, der ohnehin schon eine leichte „faiblesse“ mit sich bringt, seit ich vor Jahren in Aachen von einem sturztrunkenen Autofahrer mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit totgefahren worden wäre, hätte mein Begleiter mich nicht aufs Heftigste aus der „Schusslinie“ geschubst und wäre er nicht auf die Motorhaube des heranrasenden Wagens gesprungen, weil er nicht mehr rechtzeitig flüchten konnte, so dass ich die Straße mehr oder weniger unkontrolliert entlangschoss und dann auf dieselbe stürzte, wobei ich mir den Knöchel unschön verdrehte. Mitten vor der damaligen Hauptpost. Eine denkwürdige Geschichte, und seitdem ist mein rechter Knöchel ohnehin etwas schwächer als der linke. Und nun zu meinen Zahnschmerzen auch noch ein schmerzender, leicht geschwollener Knöchel. Wunderbar … Und meine Zahnschmerzen verblassen zwar nicht zur Gänze dahinter, erscheinen aber schon gar nicht mehr so schlimm … 😉 Funktioniert offenbar wie bei einem „Gegenfeuer“. Oder so ähnlich. 😉

Nach meinem Bad schleppte ich mich mitsamt der Sechzig-Grad-Wäsche in den Keller, ungeachtet meines Knöchels. Irgendetwas von dem, das ich mir vorgenommen hatte, musste ich doch noch machen, und eigentlich hatte ich gestern zwei Ladungen Wäsche waschen wollen. Im Keller traf ich Frau Wolski, die mir gleich fröhlich zurief: „Ach, Frau B.! Haben Sie auch noch was zu tun! Ich wasche auch gerade.“ Ich hörte es, laut brummte die Wolski’sche Waschmaschine aus dem Waschkeller, die neben meiner Maschine steht. Frau Wolski lachte und meinte: „Endlich wieder richtig waschen! Wir waren ja im Urlaub, fünf Tage, und letzte Woche sind wir wiedergekommen. Aber wir haben uns dann ganz kurzfristig dazu entschieden, noch ein paar Tage dranzuhängen, weil ich ohnehin noch eine Woche Urlaub hatte, und sind in ein Landhotel gefahren. Und da habe ich zwei Tage vorher zu meinem Mann gesagt: ‚Herbert, ich wasche nur eben mal die Wäsche!‘ Und dann das!“ – „Was ist passiert?“ – „Ach, Frau B. – die Maschine hatte einen Motorschaden. Fing erst ganz normal zu waschen an und brach dann zusammen. Und ich stand da mit dem ganzen nassen, halbgewaschenen Scheiß, und wir wollten doch relativ zügig wieder los. Da sagt man so leichthin: ‚Ich wasche nur eben mal …‘ – und dann das! Man verlässt sich wohl zu oft auf Dinge, die vielleicht gar nicht so selbstverständlich sind, wie man denkt.“

Da ist was dran. Und ich sah meine Uralt-Waschmaschine an, die nun neben einer ganz neuen Maschine steht, und sagte in Gedanken zu ihr: „Sei so gut, und lass mich bitte noch nicht im Stich!“ Sie hatte ja auch schon ziemlich geschwächelt, hat aber die Kurve wieder gekriegt. Im Moment könnte ich mir auch keine neue leisten. Angesichts ihres Alters und ihrer altersbedingten Zipperlein komme ich allerdings schon gar nicht mehr auf die Idee, zu sagen: „Ich wasche dann mal eben …“ Vielmehr denke ich bei jedem Waschgang: „Möge alles gutgehen!“ 😉

Immerhin führte das Ganze zu einer sehr netten Unterhaltung mit Frau Wolski. Und meine Maschine hat brav gewaschen. Als wir beide unsere Wäsche aufhängten, meinte ich: „So, ich gehe jetzt noch eben Zigaretten holen und wünsche Ihnen einen schönen Abend.“ Frau Wolski lachte und meinte: „Wünsche ich Ihnen auch – und kommen Sie gut zurück!“ – „Äh, wieso?“ – „Nun ja, angelehnt an das Thema von vorhin: dass man manche Dinge zu selbstverständlich nimmt. Sie sagen, Sie würden ‚noch mal eben Zigaretten holen‘ gehen, so wie ich neulich sagte, ich würde dann ‚mal eben noch waschen‘.“ Ich staunte. Noch nie war mir Frau Wolski derart philosophisch begegnet. Und so kniff ich ihr ein Auge zu und meinte: „Ich mache mich dann mal auf den Weg, um Zigaretten zu holen und hoffe, ich komme gut wieder zurück.“ Sie lachte, ich lachte auch.

Ich gebe zu, manchmal macht mir so etwas ein bisschen Angst, solche unbedachten Sprüche, und dann wird man vielleicht vom Blitz erschlagen, von einem Auto überfahren oder sonstwas. Diese leichthin dahergesagten Äußerungen haben dann so etwas Endgültiges. Und etwas sehr Tragisches. Ich habe selber schon mehrfach erlebt, wie tragisch so etwas sein kann.

Andererseits wäre es noch viel tragischer, würde man sich dauernd über solche Dinge Gedanken machen, und so lasse ich es jetzt auch bleiben. Es überkommt mich sogar ein wenig Amüsement, wenn ich daran denke, wie ich am Freitag im Büro noch gemeint hatte: „Mein Zahnarzt hat mir eine Erinnerung geschickt, dass der nächste Vorsorgetermin anstehe. Ist zwar im Grunde derzeit nicht nötig, aber ich mache mal eben einen Termin!“ Das war am Freitag. Und wir sehen ja, worin es mündete … 😉

Macht euch nicht zu viele Gedanken, das ist Mist. Aber es ist sicherlich nicht verkehrt, wenn man sich der Tatsache bewusst ist, dass nichts wirklich selbstverständlich ist. 🙂

Der letzte Nerv …

Manchmal habe ich den Eindruck, in manchen Teilen ziemlichen Mist geerbt zu haben. Natürlich auch Positives, wie ich hoffe, aber die negativen Dinge sind ja meist prägnanter. Unter solch einer prägnanten Schwäche habe ich an diesem Wochenende zu leiden – warum denn ausgerechnet am Wochenende?

Einer meiner Zähne – mein Zahnarzt meint, ich hätte die dentale Schwäche geerbt, und ich danke hier sehr einigen meiner Blutsverwandten, die ebenfalls oft Probleme mit den Zähnen hatten – hat nämlich beschlossen, sich offenbar zur ewigen Ruhe zu betten. Nun bin ich ja der Ansicht: Lieber dentale, als mentale Schwäche, aber im Moment ist mir so, als würde ich noch zusätzlich bald wahnsinnig, denn dieser Zahn bringt mich durch Höllenschmerzen wahrscheinlich binnen kurzem um den Verstand.

Nun gibt es ja den zahnärztlichen Notdienst, aber ich vermute, der würde mir den Zahn kaltlächelnd einfach ziehen. Und es ist eher ein Frontzahn … Mit zahnärztlichen Notdiensten habe ich in zwei Fällen keine so günstigen Erfahrungen gemacht, und so sitze ich hier mit tränenden Augen – eine wunderbare Begleiterscheinung -, habe gerade den Badezimmerschrank nach Paracetamol abgesucht, aber nur meine Migränetabletten gefunden. Die helfen hier nicht. Und so muss ich wohl nun da durch, aber ich werde sicherlich heute Nacht kein Auge zutun. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopp gegen die Wand rennen … 😉

Meinen nächsten Vorsorgetermin beim Zahnarzt habe ich am 22. – das ist viel zu lange hin, und so ist mir klar, dass ich am Montagmorgen sofort bei ihm anrufen, zur Not die Praxis stürmen werde.

Warum müssen meine Zähne eigentlich immer so einen Terror machen? Sie werden durchaus gehegt und gepflegt – von Dank keine Spur. Vier von ihnen sind schon den Weg alles Irdischen gegangen – zum Glück gibt es ja Wurzelbehandlungen. Habe ich gerade „zum Glück“ gesagt? Das ist nun wirklich nicht angenehm, und ich freue mich schon jetzt wieder auf diverse Sitzungen im Behandlungsstuhl, aus dem ich schweißgebadet wieder aufstehen werde. Nicht wegen Angst oder so, aber die Behandlung ist meist ziemlich unangenehm, noch dazu, da mein Zahnarzt immer wieder begeistert ruft: „Prachtvolle Wurzeln, Frau B. – und recht lang!“ Und je länger die Wurzel, desto umfangreicher die Behandlung.

Und warum melden sich meine Zähne immer erst, wenn es schon zu spät ist? Und dann immer derart spontan und plötzlich, dass man erst gar nicht begreift, was passiert ist. Denn das, was sich da gerade in meinem Oberkiefer abspielt, ist quasi der Todeskampf eines Nervs – und solch ein Nerv scheint sehr am Leben zu hängen und sich mit allen Mitteln, in diesem Falle Schmerzen, gegen den nahenden Tod zur Wehr zu setzen. Da zu diesem Zeitpunkt ohnehin der point of no return erreicht und nichts mehr zu ändern ist, kann ich jetzt im Grunde warten, bis es vorbei ist – abgesehen vom zahnärztlichen Notdienst, den ich nicht sonderlich schätze -, denn irgendwann sind die Schmerzen weg. Wie abgeschnitten. Das bedeutet: Der Zahn ist tot.

Bin ich jetzt fies, wenn ich meinem ohnehin nicht zu reanimierenden Zahn einen raschen Tod wünsche? Wir hätten doch alle etwas davon! 😉 Wie gesagt: Ändern kann man am Sterben des Nervs ja ohnehin nichts mehr – warum muss das Ding denn dann noch so herumnerven? Ach, ja, weil es ein Nerv ist … Das scheint zu seinem Berufsprofil zu gehören und steht sicherlich so in seiner Stellenbeschreibung.

Vorteilhaft ist in diesem Falle ausnahmsweise, dass ich derzeit allein bin. Würde jetzt noch jemand bei mir sein und auch nur die geringste Kleinigkeit machen, die ich vielleicht nicht so toll finde – es wäre sicherlich kein schöner Abend. 😉

Ich erinnere mich an einen Abend vor einigen Jahren, als ich noch mit Henrik zusammen war. Ich hatte bestialische Zahnschmerzen, aber zum Glück war wenigstens kein Wochenende. Die ganze Zeit rannte Henrik hin und her und fragte mich dauernd: „Kann ich etwas für dich tun?“ – „Nein, bitte – lass mich einfach nur hier sitzen.“ – „Ja, aber ich würde dir gern helfen – soll ich dir einen Tee kochen?“ – „Danke, ich weiß, das ist sehr lieb, aber lass mich doch bitte einfach nur hier sitzen.“ – „Aber du leidest doch – man muss doch etwas tun!“ – „Ja, danke, das finde ich auch sehr lieb, aber, wirklich: Am besten, du lässt mich einfach in Ruhe.“ – „Soll ich dir vielleicht doch einen Tee machen?“ – „Nein, danke!“ [Mit allmählich etwas ungeduldig klingender Stimme.] – „Ich will dir doch nur helfen …“ – „ICH WEISS. Aber bitte – lass mich netterweise ein bisschen in Ruhe!“ – „Oder möchtest du etwas essen? Ich kann …“ – „Essen? Mit dem Zahn? Ich kann noch nicht einmal kauen! Nur rechts! Und ich will auch nichts essen! Ich will meine Ruhe – mich nervt schon der Zahn! Warum hörst du nicht einfach auf mich?“ – „Aber ich will dir nur helfen – und du bist so undankbar! Finde ich Scheiße.“ – „Und ich finde Scheiße, dass offenbar niemand auf mich hört. Ich sagte nun schon mehrfach, dass ich es wirklich lieb finde, dass du mir helfen möchtest, und das meine ich durchaus ernst. Aber du kannst mir nicht helfen – dieser Zahn bringt mich um, raubt mir den letzten Nerv, und offenbar hast du beschlossen, es ihm gleichzutun. Bitte – lass mich netterweise jetzt einfach in Ruhe. Es wird sicher bald wieder besser sein, dann komme ich gern auf deine Angebote zurück. Vielen Dank, wirklich.“ Ich klang ein klein wenig gereizt, zugegeben, aber hätte Henrik diese Schmerzen gehabt, wäre er auch nicht so fluffig damit umgegangen und hätte seine Ruhe gewollt. Nun verließ er türenknallend das Wohnzimmer. „Danke fürs Türenknallen!“ rief ich hinter ihm her, denn laute Geräusche schienen direkt in den Nerv zu gehen und sich dort durch noch größere Schmerzen fortzupflanzen.

Da er hinterher noch schmollte, musste ich mich auch noch bei ihm entschuldigen, denn ansonsten hätte er noch viel länger geschmollt, und das war wirklich gruselig. Dabei hatte ich ihn doch von Anfang an nur darum gebeten, mir meine Ruhe zu lassen …

Am nächsten Tag war alles wieder im Lack – der Zahn tat nicht mehr weh. Klar, er war ja auch nach zähem Ringen und einer schlafarmen Nacht über die Regenbogenbrücke gegangen … 😉 Henrik freute sich, dass ich wieder normal war, und der Zahn wurde dann wenige Tage darauf gezogen, denn die Wurzeln waren nicht mehr zu retten gewesen. Aber das war ein hinterer Backenzahn oder – vornehm – Molar …

Drückt mir die Daumen, dass ich am Montag einen Zahnarzttermin bekomme … Und eines weiß ich: Im nächsten Leben komme ich hoffentlich als Blauwal zur Welt. Der hat Barten und keine Zähne. Aber wer weiß, was für Probleme Barten bereiten können … Vielleicht ist der vielgerühmte Gesang der Wale gar kein Gesang, sondern es handelt sich um Schmerzensschreie. Wegen Bartenschmerzen. Wer weiß das schon?

Euch ein schönes Wochenende! Meines ist dahin … 😉

„Lasst rauhe Dackel um mich sein!“

Ich leite diesen Titel mal von einem Zitat aus Shakespeares „Julius Caesar“ ab, in dem es heißt:

„Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein,
Mit glatten Köpfen, und die nachts gut schlafen.
Der Cassius dort hat einen hohlen Blick;
Er denkt zuviel: die Leute sind gefährlich.“

Nun, wie es auch sei – Cassius, jener schlanke Mensch mit „hohlem Blick“, war einer der späteren Mörder Caesars. Offenbar hatte „uns Julius“ den richtigen Riecher gehabt, das Ganze aber politisch inkorrekt auf schlanke Menschen generell übertragen. Schlanke Menschen, die obendrein noch viel lesen und denken. Lassen wir das mal dahingestellt sein … 😉 Ich musste Shakespeares „Julius Caesar“ im Englisch-LK in 11.2 lesen, im zweiten Halbjahr des 11. Schuljahres. Seither beherrsche ich – und das bis heute, was ich selbst erschreckend finde – „Antony’s Speech“ auswendig („Friends, Romans, countrymen, lend me your ears. / I come to bury Caesar, not to praise him. The evil that men do lives after them; their good is oft interred with their bones. So let it be with Caesar […]”). Wenn auch die Beherrschung dieser literarisch weltberühmten Rede doch zumindest zu einem gut war: Sie hat meinen Mitschüler Dirk S., den ich damals ziemlich cool fand, vor dem Sitzenbleiben bewahrt. Denn neben den vielfältigen Analysen, speziell Stilmittelanalysen, die unsere sehr gestrenge Lehrerin, Frau Gutmond, uns aufgab (sie war sehr streng, aber ich mochte sie sehr, da sie wirklich für ihr Fach „brannte“ und fair war), hatte sie uns eines Tages ganz unerwartet zusätzlich die Aufgabe übertragen, bis zur nächsten Stunde die Rede Mark Antons auswendigzulernen. Das fand ich damals ziemlich albern, da wir mit ganz anderen Dingen hantierten und doch nicht in der Grundschule waren. Erst in der nächsten Stunde war mir klar, was sie damit beabsichtigte: Sie hatte denen, die auf der Kippe standen, eine Chance geben wollen, zu zeigen, dass sie wenigstens gewillt waren, etwas für diesen Kurs zu tun. Und das war sehr großzügig.

Nun ist es so, dass manche Menschen, die auf der Kippe stehen, gar nicht mitbekommen, dass sie vor der Ausmusterung befindlich sind. Und so ging es auch Dirk S. an jenem Tage, als er drangenommen wurde, doch die Rede Mark Antons aufzusagen, damit Frau Gutmond wenigstens einen Anhaltspunkt haben möge, ihn nicht sitzenzulassen, was sie nicht wollte, zumal er sich in diesem diffizilen Schwebezustand zwischen zwei Noten befand, da das Schicksal quasi an einem Haar hängt. Und das Haar hat Spliss. Er hatte nicht begriffen, dass er kurz vor dem Kielholen stand, hatte diese in der Tat für einen Leistungskurs unterqualifizierte Aufgabe gar nicht erst gemacht und noch gesagt: „Wir sind ein Leistungskurs, und da sollen wir auswendiglernen! Nee, nicht mit mir!“

Und nun war er dran und konnte keine Zeile. Es herrschte eine ungute Stimmung im Raum, und zunächst sprach keiner ein Wort. Speziell Dirk S. war stumm wie ein Fisch … 😉 Als zwei Mitschüler zu flüstern begannen und somit ein Geräuschhintergrund vorhanden war, raunte ich, die ich hinter Dirk S. saß, ihm zu: „Sprich mir nach! ‚Friends, Romans, countrymen, lend me your ears. […]‘“ Und daraufhin – mit je einer gewissen Verzögerung – bekam Dirk S. es dann auf die Reihe.

Nach der Stunde, als alle ihre Sachen zusammenpackten, meinte Frau Gutmond: „Dirk und Ali – kommen Sie bitte mal zu mir!“ Ach, du Scheiße! Wir sahen einander an, strafften dann aber die Schultern und gingen nach vorn zu Frau G., die streng dreinblickte. Aber irgendwie zuckte es ab und an ein wenig um ihre Mundwinkel. Und dann sagte sie: „Dirk, Sie sind wirklich ein Trottel! Sie sind so intelligent, das weiß ich, und trotzdem stellen Sie sich selten blöd an! Naja, immerhin – so gerade eben noch geschafft, aber ich sage Ihnen eines: Wenn Sie im nächsten Halbjahr nicht Gas geben, machen Sie ein Jahr später Abitur! Wenn überhaupt, denn in Mathe sieht es derzeit wohl auch finster aus.“ Dirk nickte kleinlaut. Dann wandte sich Frau Gutmond mir zu: „Jetzt zu Ihnen, Ali! An Ihnen habe ich eigentlich nichts auszusetzen. Englisch ist Ihr Fach – Sprachen wohl generell. Das ist Ihr Metier, um es mal so zu sagen. Was auch immer Sie später machen werden: Wenn Sie mal dringend Geld brauchen, rate ich Ihnen, sich als Souffleuse beim Theater zu bewerben! Sie haben dazu echtes Talent! Ich finde eigentlich nicht in Ordnung, wenn jemand seine Aufgaben nicht macht, noch dazu, wenn er ohnehin schon auf der Kippe steht. Aber Sie beide haben heute so toll kommuniziert, dass ich mal Gnade vor Recht ergehen lasse, zumal ich vermute, dass Dirk einfach nur eine schlechte Phase hatte. Sollte sich das allerdings nicht ändern, sehe ich schwarz, und dann kenne ich auch keine Kompromisse mehr. Aber Ihre Vorstellung heute hat mir wirklich gut gefallen – Hut ab!“ (Ich fand Frau Gutmonds Vorstellung klasse: Man kann nicht so leise „soufflieren“, und natürlich hatte sie es mitbekommen, aber sie hat es zugelassen, weil ihr „der menschliche Faktor“ wohl so gefiel und sie auch ziemlich sicher war, dass Dirk S. den Schuss vor den Bug verstanden hatte.)

Er riss sich dann auch zusammen, und zwei Jahre später haben wir beide zusammen unser Abi bestanden. 😉 Als ich ihn Monate später im Zug von Oberhausen nach Mönchengladbach traf – ich auf dem Weg nach Aachen, er auf dem Weg zum Bund -, meinte er: „Das habe ich nicht vergessen, Ali, und das fand ich richtig klasse! Immerhin – so kann ich den Bund schon in diesem und nicht im nächsten Jahr hinter mich bringen!“ Ich lachte mich scheckig, und bis Mönchengladbach hatten wir dann generell eine Menge zu lachen.

Der Spruch: „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein“ ist mir seit damals auch als klassisches Zitat im Hinterkopf geblieben. Ungeachtet seiner politischen Inkorrektheit habe ich ihn seit gestern Abend aber umgemünzt in: „Lasst rauhe Dackel um mich sein“.

Warum? Nun, das ist eine einfache Geschichte. Ihr wisst ja alle um diese bescheuerten Horror- oder Grusel-Clowns, die seit etwa zwei, drei Wochen wieder und wieder in den Medien erwähnt werden. Auch ich habe sie bereits mehrfach erwähnt, weil mich diese Idioten nerven. Man hatte wohl gehofft, dass nach Halloween dieser Trend auf dem absterbenden Ast sein würde, was sich aber als unwahr erwies, denn seither haben sich wohl Menschen, die wirklich kriminell sind, als Trittbrettfahrer auf dieses „Genre“ eingeschossen. Vorgestern trachtete in einer kleinen Stadt in Rheinland-Pfalz wohl ein als Grusel-Clown Verkleideter danach, eine junge Frau, die mit ihrem Hund Gassi ging, zu überfallen. Doch daraus wurde nichts, denn die junge Frau war mit einem echten „Kampfhund“ unterwegs. Einem Dackel. Der fand wohl das ganze Theater so inakzeptabel, dass er völlig furchtlos den Angreifer kurzerhand in die Wade biss (höher kam er ja mangels Körpergröße auch nicht), und das ganz nach Dackelart so heftig, dass die junge Frau die Zeit fand, dem Angreifer mit Schmackes ins Gemächt zu treten, als der noch versuchte, den festgebissenen und garstig knurrenden Teckel abzuschütteln. (Das ist nicht einfach – ich weiß, wovon ich spreche. 😉 ) Nachdem ihm dies gelungen war, rannte er quasi um sein Leben – zusammen mit ihm noch mehrere weitere Gestalten, ebenfalls als Grusel-Clowns verkleidet, die sich wohl im Gebüsch versteckt gehalten hatten.

Ich lachte schallend, als ich diesen Artikel in der Zeitung mit den drei Buchstaben las. Und ich wusste: Kein Wort war gelogen, nichts geschönt, nichts überzogen. Dazu kenne ich Dackel zu gut. Völlig unerschrocken, weil für die Jagd auf Dachse gezüchtet, die als extrem wehrhaft gelten, bei der es wirklich um Leben und Tod geht, weil die Dackel in einem engen Bau auf den wehrhaften Einwohner treffen, tendieren diese von Ahnungslosen immer wieder despektierlich als „Fußhupen“ bezeichneten kleinen Hunde eher dazu, völlig kompromisslos und ungeachtet ihres eigenen Wohlbefindens zu agieren. Und ihre Mission ist klar: Weg mit dem Aggressor! (Nicht selten sind Dackel selber die Aggressoren, wenn man sich mit ihnen nicht so auskennt und sie – „sind ja kleine Hunde und Fußhupen!“ – falsch einschätzt, falsch hält. Das sind zwar kleine Hunde, aber echte Arbeitshunde, und sie sind autonomes Handeln gewohnt, weil sie so gezüchtet wurden, da ihnen im Dachsbau niemand zu Hilfe eilen kann, und sehr intelligent. 😉 )

Zuvor hatte ich schon zwei Artikel gelesen, da Hundehalter beim Gassigehen von „Grusel-Clowns“ bedroht worden waren, sich aber zum Glück zu helfen wussten. Nur ihre Hunde – größere Rassen – waren in einem Falle voller Angst weggerannt oder mussten vom Halter getröstet werden, wie ich gelesen hatte. Und da kommt so ein krimineller „Clown“ auf eine junge Frau mit einem kleinen Hündchen zu, die er für leichte Beute hält – einen Dackel als Begleithund kann man ja nicht ernstnehmen! – und bekommt erst vom vermeintlich wehrlosen Kleinhund mit krummen Beinchen so richtig eins vor den Latz (oder die Wade) und dann, während der wehrhafte kleine Hund noch am Bein des Angreifers hängt, auch noch von der Halterin richtig eins verpasst. Sehr schön! Als selber nicht ganz so großgewachsener Mensch sitzt man dann applaudierend vor dem PC und freut sich einen Ast! 😉

Am besten an dem Artikel gefiel mir die Einleitung, dass Halloween ja nun vorbei sei, aber noch immer Grusel-Clowns Angst und Schrecken verbreiteten. Und dann der Nachsatz: „Allerdings fürchten sich längst nicht alle vor ihnen.“ Der Dackel zumindest nicht.

Da ich mit diversen Dackeln großgeworden bin, weiß ich: Nichts davon ist gelogen. Dackel scheinen bisweilen größenwahnsinnig. Wenn sie außer Sichtweite bellen, denkt manch einer, der den Hund nicht kennt, ein sehr großer Hund werde gleich um die Ecke biegen, denn ihre Stimmen klingen nicht „klein“. Und wenn sie vor einem sitzen und harmlos und wurstartig-klein aussehen und man fast darauf hereinfällt, sie für harmlos zu halten, fangen sie garantiert an, sich zu strecken und dann zu gähnen, wobei sie völlig hemmungslos, wie Tiere das nun einmal tun, die Schnauze aufreißen, so dass man ihnen bis zu den Rachenmandeln blicken kann. Aber bis dahin guckt man meist schon gar nicht mehr … Denn sobald ein Dackel seine Schnauze zum Gähnen aufreißt, ist man tranceartig auf dieses riesige Gebiss fixiert, das etwa ein Drittel des kleinen, wurstartigen Hundes ausmacht und aus erstaunlich großen „Hauern“ besteht. Speziell die Reißzähne beeindrucken sehr. 😉 Mein Vater verglich die Schnauze unseres Dackels Moritz mal mit der Schnauze eines Krokodils und blickte ihn danach nur noch scheel an. Und ich kann nur sagen, dass es richtig weh tut, wenn so ein Dackel ernst macht. 😉

Mich freute das Ganze sehr, und ich dachte so für mich hin: „Hoffentlich lernen einige Leute, dass auch kleinere Lebewesen durchaus nachhaltig agieren können!“ Ich dachte dies auch in eigener Sache, denn ich bin selber nicht hochgewachsen. 😉

Mein Fazit: Wir sollten uns alle einen Dackel anschaffen. 😉

Über den Schrecken an sich

Komischer Titel, gebe ich zu. Aber mit Schrecken kenne ich mich aus, denn ich bin einer der schreckhaftesten Menschen, die ich kenne. Wenngleich es auch schon Menschen gab, die mich als „unerschrocken“ bezeichneten – es steht sogar in einem meiner Arbeitszeugnisse. 😉 Nur sind „schreckhaft“ und „erschrocken“ beziehungsweise das Gegenteil ganz unterschiedliche Schuhpaare. Unerschrocken bin ich wohl in der Tat, wenn mich auch bisweilen angesichts so mancher Situation zunächst der Schrecken packt. Man muss ihn halt nur überwinden und dann quasi losschwimmen. Das kann ich. Die Arbeit muss ja gemacht werden, und wenn außer mir niemand da ist, wohl von mir. So zumindest meine Einstellung. Doch dazu später. 😉

Heute war ich sehr früh bei der Arbeit, bereits um 07:15 h. Allmählich mutiere ich zum Frühaufsteher, aber wozu liegenbleiben, wenn man doch schon wach ist? Und der Vorteil besteht darin, dass man auch schon relativ früh wieder abhauen kann. 😉

Außerdem spielt Schalke heute zu Hause. Zwar erst um kurz nach 21 h, aber wer hier lebt, weiß, was das bedeutet. 😉 Ein Wunder, dass ich vorhin überhaupt noch einen Parkplatz gefunden habe, als ich nach Hause kam! Wenn Schalke hier spielt, ist die Straße meist komplett zugeparkt, obwohl die „Arena“ immerhin vier Kilometer entfernt ist, was ich kaum glauben kann … Doch so weit entfernt … 😉 Sie kommt mir immer viel näher vor, wenn Schalke ein Heimspiel hat. Möge das jeder so interpretieren, wie er mag. 😉

Ich kam also sehr früh bei der Arbeit an, und kurz nach mir traf meine Kollegin Daniela ein. Sie arbeitet erst seit März als Nachfolgerin meiner Kollegin Lydia, aber ich mochte sie auf Anhieb. Eine Teilzeitkollegin, die vormittags arbeitet. Für nachmittags haben wir ja seit fünf Wochen auch jemanden. Gudula, erheblich älter als der Rest von uns, die auch alle gleich duzen möchte, ob sie wollen oder nicht. Und, ja, inzwischen duze auch ich mich mit ihr. Aber immerhin nicht ohne Gegenwehr, denn als sie mir erklärte, dass wir doch unbedingt Du sagen sollten, zumal sie immerhin schon vier Wochen vor Ort und die biologisch Älteste sei, zögerte ich, legte meinen Kopf leicht schräg, wie Hunde es tun, wenn sie etwas Neues hören, das sie gern verstehen wollen, und ich zog beide Augenbrauen hoch. Und dazu dann eine kleine Gedenkpause. Nein, ich bin nicht generell fies, schon gar nicht zu neuen Kolleginnen, aber ich hasse es wie die Pest, wenn jemand „angeschissen“ kommt, noch keine Ahnung von dem, was angesagt ist, und mir dann seine Vorstellungen überstülpen will. Und sie merkte dann auch – das rechne ich ihr inzwischen hoch an! -, dass ihr Vorhaben vielleicht nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß, dass es bei mir nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß, denn sie sagte: „Oder ist Ihnen das nicht recht?“ Ich legte eine weitere kleine Kunstpause ein, dann sagte ich: „Ach … Nein. Das können wir machen.“ – „Ja. Ich bin ja auch die Älteste.“ – „Ja. Und ich bin die Dienstälteste.“

Nein, normalerweise bin ich gar nicht so arschig; eigentlich gar nicht, aber nach der „Erstvorführung“, allen Bemerkungen zu meinem kaputten Arm und der Aussage, das, was bei uns Aufgabe sei, sei doch „Peanuts“, war ich nicht so ganz begeistert. Man möge mir daher mein verzögertes Verhalten verzeihen. Ich traute dem Braten nicht. Und – wie sich allmählich herausstellt – wohl auch zu Recht, obwohl ich hoffe, der Knoten möge wirklich noch platzen.

Die Hoffnung war dahin, nachdem Daniela mir mit Tränen in den Augen erzählte, dass die neue Kollegin trotz aller beteuerter Erfahrung recht unwirsch und unbeholfen sei, selbst bei Bagatellen stets frage, ob denn das überhaupt zu ihren Aufgaben zähle und lieber noch einmal jemanden fragen wolle, der sich damit auskenne, da Jurist. Mir entfleuchte nur: „Ach, du Scheiße, das auch noch!“

Da war es gerade acht Uhr. Und doch waren Schrecken und Pein schon anwesend. 😉 Was hatten wir uns denn da eingehandelt? Zumal ich dann auch noch erfuhr, welche anderen Besonderheiten Gudula für sich reklamierte. Unmöglich, dass sie bis 17 Uhr arbeite. Sie bleibe nur bis 16 Uhr! Und die drei zuständigen Chefs hatten das auch brav abgenickt, ohne darauf zu achten, ob sie nicht damit in die Rechte anderer eingriffen.

Gegen 11 Uhr war ich gerade in der Teeküche damit beschäftigt, die Spülmaschine auszuräumen. Steht zwar nicht in meiner Stellenbeschreibung, und vielleicht sollte ich mal einen Juristen fragen, ob ich das überhaupt müsse, als ich von hinten angesprochen wurde. Ich schrak hoch, schrie wie am Spieß und knallte mit dem Kopp unter eine Oberschranktür, die ich unvorsichtiger Weise offengelassen hatte. Eine größere Anzahl hellleuchtender Sternchen machte sich vor meinen Augen breit, und ich presste beide Hände gegen das, was mein Hirn ummantelt.

Da tönte eine Stimme in belehrender Art: „Man sollte auch nicht die Oberschranktüren offenlassen!“ Richtig, hätte ich nicht machen sollen, war aber nun passiert. Es war Gudula. Ich tönte zurück: „Man sollte sich auch nicht an andere Leute anschleichen, die einem den Rücken zuwenden! Man sollte sich bemerkbar machen, bevor man diese Leute anspricht, damit die erst gar nicht in die Verlegenheit geraten, mit dem Kopp unter eine Kante zu knallen.“ Ich klang ziemlich giftig, ich gebe es zu. Aber Gudula meinte unerschrocken: „Dann hast du ja jetzt etwas gelernt.“ Ich sagte: „Ich hoffe, es möge umgekehrt genauso sein.“ Zu mehr war ich in diesem Moment nicht in der Lage. Hätte ich mehr gesagt, wäre das sicherlich nicht ganz so mit dem Begriff „friedliches Einvernehmen“ Hand in Hand gegangen.

Wie unterschiedlich manche Dinge doch bisweilen sind oder bewertet werden! Ich hatte einmal vor Schreck das oberste Regalbrett unseres Gläserschranks mit -zig Gläsern darauf fast heruntergerissen, als Ex-Kollege Chuck unbemerkt in die Küche gekommen war und mich hinterrücks ansprach. Reaktion: im Prinzip die gleiche, denn ich hatte vor Schreck laut geschrien und das Regalbrett fast heruntergerissen! Mitsamt den Gläsern. Ich konnte das Unglück gerade noch abwenden, als ich bemerkte, es war keineswegs der Gemeine Hammermörder, sondern „nur“ Kollege Chuck, der entgeistert fragte, ob es daran liege, dass ich einfach erschrocken sei oder ob ich erschrocken sei, weil er es sei. Ich fragte mich selber in dem Moment ganz entsetzt, wie ich wohl wirken müsse, wenn er denke, dass ich nur aus dem Grunde erschrocken sei, weil just Kollege Chuck da in die Küche kam, den ich mochte! Es ging doch nur darum, dass ich generell total schreckhaft bin. Da habe ich aber ganz anders reagiert als heute. Es hängt wohl – wie bei so vielen Dingen – von der Person ab, die einen erschreckt: Wenn man jemanden mag, der einem einen Mordsschrecken einjagt, möchte man dem zwar auch zunächst am liebsten die Ohren abreißen, aber man ist keineswegs auf Krawall gebürstet, wie ich es heute war, als Gudula da ankam und noch seichte Belehrungen von sich gab.

Ich befürchte, ich werde mich künftig noch mehr zusammenreißen müssen, als ich es ohnehin schon muss. Gudula ist – ich ahnte es ja schon zuvor – absolut nicht mein Fall. Reagiert beleidigt, wenn man Dinge, weil es gerade schnell gehen muss, selber macht, erklärt andererseits aber dauernd, sie sei noch neu und wolle daher viele Dinge nicht machen. Und dann schleicht sie sich auch noch an und verursacht, dass man sich fast den Schädel einschlägt! 😉

Zum Trost musste ich heute nach der Arbeit eine Parfümerie aufsuchen, zumal meine Patentante mir kürzlich zum Geburtstag einen Gutschein für eben diese Parfümerie geschenkt hat. Und nun ziert ein weiteres Parfum meine Schlafzimmerkommode: „Classique“ von Jean-Paul Gaultier. Das Parfum in dem Flakon, der wie ein Frauentorso aussieht. Riecht umwerfend. Und tröstet ein wenig über die aktuellen Schrecknisse hinweg. 😉

Nein, ich bin nicht generell fies zu neuen Kollegen oder Kolleginnen. Aber die hier ist wirklich ein Fall für sich und hat bis dato wirklich schon für den einen oder anderen Schrecken gesorgt. Wir werden – da bin ich mir jetzt schon ziemlich sicher – niemals Freundinnen werden. Und mit solchen Aussagen gehe ich niemals leichtfertig um. 😉

Wie man Leute den ganzen Tag beschäftigen kann: „Ich will Einhörner!“

Vor diversen Jahren gab es mal einen Werbespot, in dem ein Kind genervt-eigensinnig rief: „Ich will Kühe!“ Ich glaube, es war ein Werbespot eines Reiseveranstalters, möchte mich darauf aber nicht festlegen.

Dieser Ausruf ist lange überholt, denn Kühe, herrje, die sieht man doch überall, oder? Seit geraumer Zeit gibt es um ein ganz anderes Tier einen echten Hype: das Gemeine Einhorn, und es gibt Menschen, die behaupten, alle Menschen liebten Einhörner. Hmmm, ich weiß nicht … Bin ich unnormal, wenn ich feststelle, dass ich sehr gut ohne Einhörner zu leben imstande bin? Liegt es vielleicht daran, dass ich Fantasy als Genre generell nicht so viel abgewinnen kann? Immerhin: Schließlich ist das Einhorn ein Fabelwesen …

Überall taucht es auf – in Plüsch, in Pink, mit Glitzer, güldenem Horn, in superkitschiger Aufmachung. Vor allem kleine Mädchen im Pinkwahn rennen mit Schultaschen und Rucksäcken in dieser Farbe herum, auf denen nicht selten auch Einhörner zu sehen sind. Seit wann ist das so? Und: Wird das Einhorn dereinst zum Wappentier dieser Republik ausgerufen? 😉

Ich persönlich kann dem fantastischen Tier nicht allzu viel abgewinnen, außer, dass es – abgesehen vom Horn – wie ein Pferd aussieht. Pferde mag ich. Die meisten Pferde mögen mich auch. Zumindest ist bis dato noch nichts Gegenteiliges bekannt. 😉

Nun, heute begab es sich, dass ich einer besonderen Gegebenheit gewahr wurde: Ein Schokoladenhersteller, dessen Vollmilch- und Nougatschokolade ich durchaus gern mag, hatte etwas Neues auf den Markt geworfen, das es in limitierter Auflage nur an zwei Standorten in Deutschland und im Online-Shop zu kaufen gab. Ich sah eine pinkfarben verpackte Schokoladentafel, mit einem wunderbar glitzernden Regenbogen versehen, und daneben prangte: ein Einhorn! Ein grinsendes Einhorn, wohlgemerkt, das am Hals abgeschnitten war.

Aus zweierlei Gründen ob dieser limitierten Sonderausgabe fasziniert, las ich staunend, dass die Seite des Online-Shops bereits seit vielen Stunden nicht erreichbar sei – potentielle Kunden liefen bereits Sturm. Kaum davon gehört, waren sie derart angefixt, dass sofort (!) Einhorn-Glitzer-Schokolade ins Haus musste – koste es, was es wolle! Sofort! O Gott, und nun hatte der Server aufgrund des immensen Ansturms die Waffen gestreckt und war kurzerhand kollabiert!

Ausnahmezustand auf der Seite des Herstellers in einem Sozialen Medium! Im Sekundentakt gingen Kommentare ein, und Menschen, die bis vor wenigen Stunden noch nie von Einhorn-Schokolade gehört hatten, standen ihrerseits, wie der Server, kurz vor einem Zusammenbruch. So schien es zumindest. Bei einigen hatte man den Eindruck, bei der Schokolade handle es sich um das einzige Mittel, das ihren dräuenden Tod abwenden könnte, ein Heilmittel! Andere verlangten, dass die Einhorn-Schokolade sofort (!) in den Einzelhandel kommen möge. Mit vielen Ausrufezeichen.

Ich staunte. Hier war ein Hype binnen kürzester Zeit entstanden! Quasi ein „Hype im Hype“, denn Einhörner sind ja sowieso ein Hype-Objekt. Faszinierend, zu beobachten, wie viele Menschen binnen kurzem derart durchdrehten, dass sie sich benahmen, als ginge das Leben nicht weiter, gäbe es nicht sofort diese Schokolade für sie zu kaufen! Besorgte Anfragen waren zu lesen: „Ich war schon bis dahin vorgedrungen, 20 Tafeln in meinen Einkaufswagen zu legen, und dann habe ich auf ‚Bezahlen‘ geklickt. Plötzlich war die Seite weg! Aber ich habe doch schon die 20 Tafeln im Einkaufswagen – sind die dann für mich reserviert? Da stand, dass die Artikel einen Monat im Einkaufswagen bleiben! Dann sind das doch meine, oder?“ Andere berichteten, sie säßen nun schon seit Stunden vor dem PC, quasi schon fast den ganzen Tag – ohne Erfolg. Man konnte die nackte Angst hinter dieser Art Kommentar lesen, von denen es einige gab. Angst, etwa zu kurz zu kommen bei dieser Sache, die man bis heute früh gar nicht gekannt hatte. 😉 Einige Kommentatoren erwogen gar, sich ins Auto zu setzen und Hunderte von Kilometern zu fahren, um in einem der beiden Firmenshops die so dringend benötigte und ersehnte Schokolade käuflich zu erwerben. Ich staunte immer mehr. Da beschließen erwachsene Menschen, viel Geld für Sprit auszugeben, um eine in mehreren Rosatönen geschichtete Schokolade zu kaufen, die sicherlich damit die teuerste Schokolade sein würde, die sie je gekauft hatten … 😉

Man versprach, die Website werde binnen kurzem wieder funktionieren. Aber wahrscheinlich lasen einige der Angesprochenen gar nicht mehr, weil sie bereits über die Autobahn rasten …

Ich gratulierte dem Schokoladenhersteller zu diesem genialen Coup, und ich gratulierte denen, die bereits größere Gebinde gekauft hatten, die sie nun zu Mondpreisen auf einem bekannten Online-Marktplatz feilboten, als ich plötzlich von einer gewissen Unruhe angefallen wurde. Wonach wohl diese wundersame Schokolade schmecken würde? Ich hätte es doch gern gewusst … Und schon ertappte ich mich dabei, wie ich die Adresse des Online-Shops anklickte, die auf der Seite des Herstellers im Sozialen Medium angegeben war. Ach, aber – sie funktionierte noch immer nicht, und ich spürte leise Enttäuschung in mir aufsteigen. Nun würde ich sicherlich nie erfahren, wie diese fantastische Schokolade … STOPP! Was war denn in mich gefahren? Hatten das Einhorn und der glitzernde Regenbogen mich etwa eingelullt? Oder war es das Bedürfnis, auch unbedingt an einer limitierten Auflage teilhaben zu wollen? Ich schämte mich. Da hatte ich mich über die angefixten und in Panik reagierenden Kommentatoren amüsiert, um festzustellen, dass auch ich wohl angefixt worden war. Wie peinlich! 😉

Wenn ich bedenke, dass ich zum Glück so gerade eben daran gehindert wurde, Geld für etwas auszugeben, das ich im Grunde gar nicht brauche, bin ich doch recht froh. Und so pfiff ich ein fröhliches Lied vor mich hin, dessen Refrain lautet: „That’s the way the money goes / Pop! Goes the weasel.“ Ein Lied, das ich einst bei meinem Erstaufenthalt in den USA mit meinem damals noch kleinen Cousin Joshua bis zur Gesichtslähmung hatte singen müssen. Es passte heute sehr gut … 😉

Einhörner! Dass ich nicht lache … 😉

Glückauf und einen schönen Abend! 🙂