„Mutta, hol mich vonne Zeche – ich kann dat Schwatte nich mehr sehn!“

Zwar habe ich gestern Nacht durchaus geschlafen, einige Stunden, aber irgendwann wachte ich auf und konnte nicht mehr schlafen. Draußen war es noch dunkel, ich tippte auf halb sieben, sieben Uhr. Und ich konnte nicht mehr schlafen. An einem Sonntag …

Dann aber sah ich am PC, es war erst Viertel vor sechs! Auch das noch! Doch dann fiel mir ein, dass ja gestern Nacht das stattgefunden hatte, was so viele Leute in Verwirrung stürzt: Die Uhren wurden umgestellt, und ich hatte mit „halb sieben, sieben Uhr“ gar nicht so falsch gelegen. Ich kochte mir erst einmal eine Kanne schwarzen Tees.

Zurück am PC, ging es erst einmal zur Online-Version der Zeitung, die ihr ja schon kennt. Nix Neues seit gestern. Aber was war das? „Wie gut kennen Sie das Ruhrgebiet?“ Ein Quiz … Na, also, das wollten wir doch einmal sehen, wie gut ich den Pott kenne! 😉 Und schon legte ich los, wobei ich – ich gebe es zu – allerdings dachte: „Du meine Güte – was man für einen Mist macht, wenn man nicht schlafen kann!“

Was waren denn das für einfache Fragen? „Welche der vier folgenden Städte wurde im Zuge der Gebietsreform 1975 NICHT eingemeindet? A) Rheinhausen zu Duisburg – B) Sterkrade zu Oberhausen – C) Gladbeck zu Bottrop – D) Kettwig zu Essen.“ Was war das für ein lahmer Zock? B natürlich. Hatte ich schon in der Grundschule gelernt. Fiel im selben Jahr zu Oberhausen wie mein Geburtsort zu Essen, anno 1929, daher leicht zu merken. 😉 Warum die Emscher kein unterirdischer Abwasserkanal sei? Auch einfach, lag am Bergbau und damit einhergehenden Bergschäden. Dass meine Heimatstadt die „Stadt der 1000 Feuer“ genannt wird, wusste ich auch. Wäre auch ziemlich blöd gewesen, wenn ausgerechnet das nicht. 😉 Bei zwei Fragen war ich ein wenig unsicher, tippte aber nach einigem Nachdenken zumindest richtig. 😉 Und es stellte sich heraus, dass ich die absolute Pott-Expertin sei – mit 10 von 10 möglichen Punkten. 😉 Ich grinste und dachte einmal mehr: „Was für Sachen man macht, wenn man nicht schlafen kann!“

Es wäre mir auch etwas peinlich gewesen, hätte ich diese einfachen Fragen nicht beantworten können, denn ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und trotz der Tatsache, dass ich noch eine andere Region als „zweite Heimat“ habe, bin ich dem Pott doch sehr verbunden. Wehe dem, vor allem Auswärtigen, der das Ruhrgebiet verunglimpft, und ich stehe dabei! Meist wünscht derjenige sich schon nach einer Minute, er hätte nie etwas Derartiges gesagt. 😉 (Nicht, dass ich nicht selber bisweilen über den Pott motzte, nein! Ich darf das aber auch – ich lebe hier und kenne ihn. Und ich bin ja immer etwas zwiegespalten – meiner „Zweitheimat“ wegen – und kann mich nie entscheiden, welche Gegend mir nun die liebere ist …)

Viele Leute, die mit einer eher als lästerlich zu bezeichnenden Einstellung von auswärts hierherkommen, sind oft bass erstaunt, wenn sie das Ruhrgebiet erstmalig sehen. Ich frage mich immer, mit welcher Erwartung sie herkommen: Allenthalben Fabrikschornsteine, aus denen giftiger, schwarzer oder – noch besser – gelber Rauch quillt? Alle hundert Meter eine Zeche, die in Betrieb ist? Kohlenstaub überall, tieffliegende Briketts? Eisenhütten, Stahlwerke an jeder Ecke?

Stattdessen immer wieder erstaunte Ausrufe: „Hier ist es ja total grün! Und was für schöne Naherholungsgebiete ihr habt! Alles grün – damit hatten wir nicht gerechnet! Das ist ja grüner als bei uns!“ Ich habe schon öfter gefragt, womit denn gerechnet worden sei, und dann druckste man herum. Mich erstaunt das immer wieder, denn die alte Industrielandschaft, die es im Ruhrgebiet früher gab, gibt es doch so schon längere Zeit nicht mehr. Scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben – man klammert sich doch lieber an seine Vorurteile und die gängigen Klischees. 😉

Zugegeben, hier ist durchaus nicht alles im Lot, und es steht zu befürchten, dass die Region über kurz oder lang den Bach hinuntergehe. Aber sie ist nicht so schlecht, wie viele so gerne denken. Es gibt durchaus diverse Dinge, die mich sehr stören. Aber anderswo gibt es die in Ballungsräumen, die heute Metropolregionen heißen, auch.

Der „Ruhri“ wird gerne persifliert. Man stellt ihn sehr gern als etwas schlichten, ungebildeten, wenn auch gutmütig-treudoofen Klotz dar, der über Tag unter Tage schuftet, immer irgendwie schwarz vom Kohlenstaub ist und „naache Schicht“ sofort die nächste Kneipe stürmt – sofern er nicht den heimischen Schrebergarten und/oder Taubenschlag bevorzugt – und dort: „Tu mich ma ’n Pilsken!“ bölkt. Ein schlicht-gutmütiges Bölken, natürlich. Die Frauen heißen durch die Bank Uschi, haben eine blondierte Dauerwelle der Art, als sei ihr Friseur im vorherigen Leben Elektriker gewesen, und sie keifen tagein, tagaus ihren „Ollen“ und die „Blagen“ an. Auch sie so schlicht wie die Männer, natürlich, denn wie könnte es hier auch anders sein? 😉

Vor Ort sieht dann doch alles etwas anders aus, und die „Kumpels“ und „Uschis“ sind dann ganz offenbar doch nicht alle so doof, wie man es so gerne hätte. 😉 Außerdem wird der Schlag des ursprünglichen „Ruhris“ auch immer rarer. Das ist wohl der Lauf der Zeit – auch in anderen Regionen verschwinden alte, gewohnte und liebgewonnene Zustände mehr und mehr. Da machsse nix! 😉

Und so freute ich mich richtig, als ich vor einiger Zeit in der Straßenbahn folgenden Dialog zweier Frauen hörte, die mit einem kleinen Mädchen und einem Hund in meiner Nähe saßen: „Wat meinze, sollich mia dat Kleid da kaufen, wattich dia neulich gezeicht happ?“ – „Welchet Kleid?“ – „Na, dat da innem Kattalock von … ich happ den Namen vagessen. Scheiß der Hund drauf – so’n Kleid halt, so’n kleinet Schwattet!“ – „Musse mia ma zeigen, wennde den Kattalock ma zua Hand hass. Da, kuckma – wat is denn dat da anne Fenster?“ – „Wo?“ – „Na, dat da! Kuckma! Wat issen dat?“ – „Dat da? Dat is Windoh-Koloor. So heiß dat! Kannze Bilder mit machen und anne Fenster kleem. Schön, ne? Kuckma, Schaijenn [zum Kind gerichtet] – da issen Eiswagen!“ [Kind fängt zu quengeln an, will ein Eis.] – „Nee, Schaijenn! Getz gibtet kein Eis – iss noch zu früh! Tu dich ma hinsetzen! Ey, getz tu dich ma hinsetzen, sofooaat! Sonss hat dat Föttken gleich Kiiaames!“

Ich saß nur zwei Meter entfernt und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Nein, ich fand die Frauen nicht lächerlich, obwohl sie vielleicht dem gängigen Klischee etwas entsprachen. Ich fand das Ganze einfach nur sympathisch und liebenswert. Und ich freute mich, mal wieder einen Ausdruck wie „dat Föttken hat Kirmes“ zu hören – den hatte ich lange nicht gehört. Für Auswärtige: Das bedeutet, dass ein ungezogenes Kind in absehbarer Zeit den Hintern versohlt bekommt, wenn es sein Verhalten nicht ändere. 😉

Kurz vor der zentralen Haltestelle rief die jüngere der beiden Frauen, offenbar „Schaijenns“ Mutter, nach hinten in die Straßenbahn: „Andschelick! Los! Wia sind da!“ Ich sah, wie im hinteren Teil der Bahn ein dünnes Mädchen mit geflochtenen Zöpfen sich stumm erhob und zu seiner Verwandtschaft kam. Das war also „Andschelick“, die so still war, wie ihre Mutter redete: „Andschelick! Wie siehsse denn wieda aauus! Hasse denn nicht gemäaakt, datte dich mit die Limo bekleckert hass? Na, komm getz, wia müssen naachen Dokter.“

Ich fühlte mich wie in alte Zeiten versetzt und sah dem fünfköpfigen Gespann gerührt nach, als es sich „naachen Dokter“ aufmachte.

Ich gebe es zu, ich bin auch immer ein bisschen gerührt, wenn ich an der Gedenktafel für „Alex, das letzte Grubenpferd“ auf der nahegelegenen ehemaligen Zeche Hugo vorbeikomme – oder an anderen Relikten aus der Hochzeit des Bergbaus, zumal das Thema Bergbau – oder vornehm: „Montanindustrie“ – auch in meiner Familie eine wichtige Rolle spielte. 🙂

Und weil das so ist, gehe ich am neunten Dezember nun auch mit Lydia, Janine und Daniela in ein Restaurant, das im ehemaligen Markenhaus einer stillgelegten Zeche untergebracht ist. Wir mussten den Termin um einen Monat ändern. 😉 Nicht jedoch den Ort.

Auf gar keinen Fall. 🙂

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