Aber wenn sie selber Hilfe brauchen …

Wie inzwischen allgemein bekannt, lese ich tagtäglich die Online-Version der Zeitung mit den drei Buchstaben. Nicht mit den vier Buchstaben, wohlgemerkt, der, die auch völlig Fehl-, in diesem Falle Kurzsichtige aus weiter Entfernung mitlesen können.

Aber ich lese diese Zeitung täglich, weil man ja doch irgendwie wissen möchte, was hier und anderswo so passiert. Erfreulich die Tage, an denen die Meldungen überwiegen, die so oder ähnlich lauten: „Hobbygärtner erntet Riesenkürbis“. Da weiß man, dass wohl zumindest am Tage davor nichts allzu Dramatisches passiert ist. Oder dass der Eindruck aufrechterhalten werden soll, dass nichts Dramatisches passiert sei. 😉

Heute war einer der Tage, da ich mir wünschte, niemals diese Seite besucht zu haben. Denn am späten Nachmittag las ich da folgende Überschrift: „Bankkunden lassen sterbenden Mann liegen – und heben Geld ab“.

Ich klickte die Meldung an und las. Innerhalb der ersten drei Zeilen dachte ich noch, es handle sich um einen dieser Tests, die TV-Sender bisweilen vornehmen, um ihrer pädagogischen Aufgabe nachzukommen, indem sie Un- oder Notfälle vortäuschen und die Reaktion der Mitmenschen aufzeichnen, um dann den Zuschauern klarzumachen, dass es so nicht weitergehen könne, wenn niemand helfe, nur weil da jemand in abgerissener Kleidung hilflos herumliege, während anderweitig dem in einen Armani-Anzug Gewandeten sofort Hilfe zuteil würde …

Nach den ersten drei Zeilen wusste ich, dass das kein Test war, sondern die grausame Realität. Da war ein alter Herr Anfang Oktober an einem Feiertag in seine Bankfiliale gegangen, um eine Überweisung am Kundenterminal vorzunehmen. Dabei war ihm wohl schlecht geworden, und er brach zusammen und blieb hilflos vor dem Terminal am Boden liegen.

Vier andere Kunden, die kurz darauf Bankgeschäfte vornehmen wollten, ignorierten den alten Herrn komplett, der da vor dem Terminal lag, um ihren eigenen Geschäften nachzugehen, Geld abzuheben, eine Überweisung zu tätigen. Keiner dieser vier half – es kam nicht einmal einer auf die Idee, den Herrn anzusprechen, ob denn alles in Ordnung sei. Er lag wohl hilflos da mitten im Weg, und die vier Kunden stiegen einfach über ihn hinweg, wie man über eine liegengelassene PET-Flasche hinwegsteigt, es sei denn, man hebt sie auf und entsorgt sie. Er habe sich noch bewegt, wie es seitens der Polizei hieß, die die Aufnahmen aus den Überwachungskameras auswertet. Bilder auch in der Zeitung.

Sehr dicht am Wasser gebaut, kamen mir die Tränen. Ich musste an meinen Vater denken, der bisweilen Herz-Kreislaufprobleme hat, auch schon das eine oder andere Mal umgekippt ist. Ich möchte gar nicht wissen, was ich empfinden würde, wäre er an Stelle des alten Herrn da in Essen in der Bankfiliale gewesen, wären Menschen, denen er egal wäre, einfach über ihn hinweggestiegen …

Ein Kunde, der später in die Bank kam, hat dann den Rettungsdienst gerufen, aber da war es wohl leider schon zu spät, und der alte Herr ist kurz darauf im Krankenhaus gestorben. Aber wenigstens einer hatte richtig reagiert. Dennoch möchte ich mir nicht ausmalen, was ich denken und empfinden würde, wäre das Papa passiert, und vier blöde Ignoranten hätten ihn da einfach liegenlassen, hätten nur einen großen Schritt gemacht, um über ihn hinwegzusteigen, möglicherweise noch sauer, dass da so ein blödes Hindernis im Weg liege!

Was geht in den Köppen solcher Menschen nur vor sich?

Das Schlimmste waren diverse Kommentare unter dem Artikel. Da schwadronierten Menschen, dass man ja nie wissen könne, wer da vor einem liege! Und erst letzten Sonntag hätte man doch im „Tatort“ gesehen, dass Hilfe bisweilen das eigene Leben kosten könne! Und es hätte ja auch ein Penner sein können, uringetränkt und stinkend! Da müsse man doch Verständnis haben, wenn man da … Ja, was? Wenn man da was? Nicht helfen würde? Warum? Sind sogenannte Penner weniger wert? Weil sie Penner und immer beduselt sind – weniger wert? Wer sagt das? Ihr? Wer seid ihr denn?

Immer mehr Kommentare taten sich auf, die immer mehr Ausflüchte zu Tage brachten. Und einige der Kommentatoren wollten schon mehrfach für sogenannte Penner, die sie geschönt als „hilflose Personen“ tarnten, wie sie das wohl irgendwann aus dem offiziellen Polizeijargon mitbekommen hatten, den Rettungsdienst gerufen haben und dann von selbigem „übelst beschimpft“ worden sein, weil die „hilflose Person“ dann keine Hilfe wollte. Nee, ist klar – dann beschließt man eben, dass man besser gar nicht mehr helfe, wenn man zu Unrecht angeblafft wurde, denn das geht ja gar nicht in so manches „Kleinhirn“ hinein! „Ich wurde angeblafft! ICH! Das geht ja gar nicht! Dann helfe ich eben nicht mehr – ätsch! Das habt ihr jetzt davon, und mir ist auch völlig wurscht, wenn dabei jemand über die Wupper geht! Es sei denn, ich! Denn das geht ja gar nicht, dass man mich hilflos irgendwo liegenlässt!“

Denn genauso sieht es doch aus. Man will sich selber nicht die vermeintlich elitären Fingerchen schmutzig machen, aber selber im Falle eines Falles bestmögliche und sofortige Hilfe bekommen. Wie mich das ankotzt!

Ich habe selber Fehler und Macken, aber sollte ich jemals so Scheiße drauf sein, hoffe ich, dass ich dann irgendwie dement oder sonstwas Umnachtetes sein möge!

Mir ist das selber schon passiert. Silvester in Aachen. Irgendwann gegen vier Uhr nachts am Neujahrsmorgen auf dem Heimweg, sah ich, wie ein sturztrunkener junger Mann mitten auf der Trichtergasse lang hinschlug und benommen auf dem Boden liegenblieb. Ich rannte hin, sprach ihn an, um zu testen, ob er bei Bewusstsein sei, denn er war richtig übel hingeknallt. Er konnte sich mehr oder minder klar äußern, wusste, wo er war, wie er hieß, und als ich fragte, ob ich den Rettungsdienst rufen solle, weil er eine stark blutende Platzwunde am Kopf hatte, pöbelte er mich an, rappelte sich hoch und verschwand schwankend mit den Worten: „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Ich rief hinterher, ob er sich sicher sei, dass er keinen Arzt brauche, und er nannte mich etwas, das ich hier nicht wiedergeben möchte, und er drohte mir Prügel an. Da kann man nichts machen, und ich fand es auch total daneben. Aber trotzdem würde ich heute jederzeit wieder so handeln wie damals. Scheint manchem Geist aber nicht zuzumuten zu sein. Zurückweisung von Helfern seitens der Opfer geht bei manchen wohl gar nicht.

Ich hoffe, dass die ignoranten Bankkunden richtig eins vor den Latz bekommen. Zumindest dürften sie leicht zu finden sein, nachdem sie ihre Daten mittels Bankterminal so großzügig preisgaben.

Manchmal denke ich wirklich, in einem Paralleluniversum oder in einem dystopischen Roman gelandet zu sein.

Euch ein besinnliches Wochenende!

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