Dominosteine

Kürzlich berichtete mein Kollege Volker, er müsse zu einem Kongress nach Aachen. Ob ich ihm vielleicht ein paar Tipps geben könne, falls die Zeit reiche, die Stadt zu besichtigen. Ich gab Tipps en masse, und dann meinte er: „Ich liebe ja Printen! Kannst du mir sagen, wo man welche bekommt?“

Ich lachte mich scheckig. Man kann die Aachener Innenstadt nicht betreten, ohne andauernd über Läden zu stolpern, die das ganze Jahr über Printen verkaufen! Den meisten Leuten sind Printen und vergleichbare Süßigkeiten nur von Weihnachten her bekannt, aber in Aachen begegnet man ihnen ganzjährig und unübersehbar. 😉 Das ist ein echter Öcher Wirtschaftszweig. Die gibt es da immer, wie es auch weiter südlich in Nürnberg ganzjährig Lebkuchen zu kaufen gibt, und immer gibt es auch Leute, teilweise aus fernen Ländern, die mit vollen Händen Geld für diese Spezialität ausgeben, deren Fan ich gar nicht bin. (Im Gegensatz zu Lebkuchen.) Okay, bei Mandelprinten mit Vollmilchüberzug lasse ich fünfe gerade sein. 😉 Und ansonsten gehen so gerade noch die Aachener Originalprinten. Keineswegs aber die Kräuterprinten, zumal ich mir vor vielen Jahren mal einen Zahn abgebrochen habe, als ich ahnungslos eine solche essen wollte und nicht wusste, dass Kräuterprinten meist steinhart sind. Die muss man eintunken, in Kaffee oder Tee, bis sie genießbar sind.

Kaum war Volker abgereist, überfiel mich leise Wehmut. Aachen! Im Herbst! Irgendwie scheine ich immer noch dort zu leben, zumindest ein Teil von mir, und Aachen im Herbst und Winter fand ich immer am schönsten. Frühling, Sommer – da ist Aachen wunderschön. Alles blüht, viele Menschen aus verschiedenen Ländern bevölkern die Stadt. Wunderbar.

Aber im Herbst und Winter, wenn die Stadt den Mantelkragen hochschlägt, finde ich es da am schönsten. So heimelig. Vielleicht liegt es daran, dass Aachen so eine alte Stadt ist, mit einem alten Rathaus mittendrin, dem Dom, der speziell bei tiefstehender Sonne so verwunschen aussieht. Irgendwie vermisse ich das alles.

Wenn ich bedenke, wie ich mit fliegenden Fahnen nach 13 Jahren Aachen – erst Studentin, dann dort berufstätig – die Stadt gen Niederbergisches Land und später gen Ruhrgebiet verließ, frage ich mich jetzt noch, woher die Freude rührte. Wann immer ich jetzt nach Aachen komme, überfällt mich diese leise Wehmut, und ich sehe mich um, finde dies und das zwar nicht so toll, aber alles in allem doch wunderschön.

Als ich Volker die Tipps gab, war es wehmuttechnisch besonders schlimm. Ich sah all die Orte vor mir und dachte: „Wärest du mal dort geblieben! Du hattest einen guten Job, im Grunde war doch alles tutti – aber du wolltest ja mehr! Und das hast du jetzt davon!“ Dann musste ich aber daran denken, dass ich, wäre ich in Aachen geblieben, so viele Leute nicht kennengelernt hätte, an denen mir sehr viel liegt. Okay, vielleicht wäre mir auch mancher Kummer erspart geblieben, aber man muss das immer relativ sehen. Und da waren die aufsteigenden Tränen auch schon wieder weg.

Und recht forsch sagte ich zu Volker: „Fahr zum Werksverkauf der allerersten Printenfabrik am Platze! Und tu mir einen Gefallen: Bring mir eine große Tüte Dominosteine mit – Bruchware, denn da bekommt man wirklich sehr gute Ware! Nicht dieses Gezopp aus den Supermärkten.“ Volker schüttelte sich und meinte: „Iih! Dominosteine! Die fand ich als Kind besonders eklig!“ – „Du musst sie ja nicht essen! Tust du mir den Gefallen? Natürlich bekommst du das Geld zurück!“

Volker versprach, sein Möglichstes zu tun, und ich mailte ihm sogar noch verschiedene Busverbindungen zur Roermonder Straße.

Heute kam er von der Tagung zurück und überreichte Janine und mir je eine Packung … Kräuterprinten! Ich stutzte, bedankte mich aber höflich, und da meinte er: „Die sind ein Geschenk. Ali, deine Dominosteine sind auf der Rückfahrt mit dem Zug zu einem großen Klumpen zusammengewachsen – es war so warm im Zug! Die wollte ich dir nicht mitbringen. Sie liegen bei mir zu Hause. Wenn du sie haben möchtest, gern, aber das wollte ich dir nicht zumuten.“

Ich rief: „Nein, natürlich nehme ich die, auch wenn sie zusammenpappen! Und vielen Dank für die Kräuterprinten! Aber bring die Dominos doch bitte mit – aber nur, wenn ich dir das Geld dafür zurückgebe!“ – „Ach, das traue ich mich ja kaum, anzunehmen …“ – „Ich hatte dich darum gebeten, und das unter Erstattung der Kosten. Wieso sollst du darauf sitzenbleiben? Wenn ich dich recht verstanden habe, hasst du Dominosteine. Und mein Traum war immer, einen Kuchen zu haben, der wie ein Dominostein aufgebaut ist. Und wenn ich dich recht verstanden habe, sieht das Ergebnis ja jetzt fast so aus, nach der Zugfahrt.“

Volker staunte. „Du bist echt … besonders, Ali.“ – „Was soll das heißen? Besonders bekloppt?“ – „Nee. Du hast aber offenbar ein besonderes Gemüt. Ich hatte Angst, was du sagen würdest, wenn ich dir mitteilen müsste, dass deine Dominosteine den Bach hinuntergegangen seien – und da kommst du an und erklärst, ein großes Konglomerat sei dir am liebsten! Klar bringe ich dir das Ganze mit.“ – „Und du bekommst das Geld wieder.“ – „Darüber sprechen wir noch.“

Nein. Werden wir nicht. Er bekommt sein Geld und ich die zusammengepappten Dominosteine. 😉 Bei Bedarf schneide ich mir dann immer ein Stück davon ab. Man muss das Ganze pragmatisch sehen. 😉 Wann immer mich das „Heimweh“ überfällt, schneide ich ein Stück Aachen ab, statt mir gleich einen ganzen Dominostein in den Mund zu stopfen. (Seit ich als Sechzehnjährige erstmalig in der ersten Printenbäckerei am Platze im Werksverkauf eine Riesentüte Bruch-Dominos gekauft habe, weiß ich, wie schnell man deren überdrüssig werden kann, und deswegen sind kleine Dosen einfach besser, wenn einen das Heimweh überfällt. 😉 )

Am besten ist übrigens die Marzipanschicht. Und am allerbesten, wenn die Ware direkt aus dem Werksverkauf kommt. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zur Ware aus den Supermärkten. 😉

Dennoch – ich sollte bald mal wieder selber nach Aachen fahren …

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