Prokrastination überwinden …

Einer meiner anhänglichsten Wegbegleiter, neben meinem Freund „Murphy“, ist die Prokrastination. Was das ist, wollt ihr wissen? Nun, manche Menschen nennen sie auch „Aufschieberitis“, „Aufschieb-Syndrom“ oder so ähnlich. Klingt alles bescheiden, wenn ihr mich fragt, aber „Prokrastination“ toppt all diese Begriffe, hat jedoch den Vorteil, dass man unter Umständen nicht sofort weiß, was gemeint ist. Und aufgrund der Vorsilbe „Pro-“ könnte man auch glauben, es verberge sich etwas Positives dahinter. 😉

Tut es aber nicht. Ganz im Gegenteil.

Einkommensteuererklärung? Böses Wort! Es erschreckt mich jedes Jahr von neuem so sehr, dass ich – ich berichtete – jedes Jahr kurz vor dem 31. Mai einen lieblich klingenden Brief ans Finanzamt schicke, in dem ich um Aufschub der Abgabefrist bitte. Mit liebreizenden Worten, die keineswegs das widerspiegeln, was ich beim Gedanken ans Finanzamt empfinde. Bei mir gilt sowieso: Wenn ich im allgemeinen Umgang besonders liebreizend klinge, ist Vorsicht geboten. Mag ich jemanden, kann es dagegen passieren, dass ich eher ruppig und frotzelnd erscheine. Je mehr ich jemanden mag, desto frotzelnder. (Reine Verlegenheit – lieber nicht mit der Tür ins Haus fallen.) Also: Vorsicht, wenn ich mit jemandem besonders „niedlich“ spreche, möglichst mit gehobener Stimme. Das bedeutet nicht selten gar nichts Gutes. 😉

Während meines Studiums musste ich diverse Studienarbeiten schreiben. Anfangs war ich – je nach Thema – Feuer und Flamme. Kaum hatte ich das Thema bekommen, war ich auch schon in meinem „zweiten Wohnzimmer“, der Bibliothek im Anglistischen Institut. Suchte Bücher heraus, lieh diese aus. Oder ich stürmte die ZB, die Zentralbibliothek. Oder die Lehrbuchsammlung, wenn es sich um ein sprachwissenschaftliches Thema handelte. Total engagiert war ich, und die Bücher stapelten sich bei mir zu Hause.

Nach der ersten Euphorie, zu der ich eigentlich gar nicht so tendiere, folgte oft die Ernüchterung: Irgendwie hatte das Thema besser ausgesehen, als es sich nach näherer Betrachtung herausstellte … Aber gut, da musste man durch. Und zum Glück war ja noch viel Zeit bis zum Abgabetermin. So sagte ich mir Tag für Tag, an dem ich um die Bücherstapel herumschlich, die wie ein Mahnmal auf und neben meinem Schreibtisch lagen. Aus den Tagen wurden Wochen. Und ihr glaubt gar nicht, was ein selektiver Blick alles bewirken kann! Die Bücherstapel nahm ich kaum noch wahr! Sie waren quasi ins normale Inventar meiner Wohnung diffundiert. Hatten die nicht schon immer da gelegen? 😉

Spätestens zwei Wochen vor Abgabetermin aber machte sich ein Gefühl in der Magengegend breit, das man nur als unangenehm beschreiben kann. Und da bemerkte man auch die gestapelten Bücher wieder, die von Minute zu Minute bedrohlicher aussahen und stets an Ausmaß zuzunehmen schienen, blickte man hin. Hier musste gehandelt werden – das war klar. Aber irgendwie war die Hemmschwelle doch sehr, sehr hoch. Und es kostete unglaubliche Kraft, sie zu überwinden. Man wusste, nun war wirklich Rabotti angesagt, und das intensiv, wenn man eine gute Arbeit abliefern wollte. Es war furchtbar, tagtäglich viele Stunden an der Fron zu sitzen. Hätte man sich in dieser stressigen Form ersparen können. Nur wie, wenn doch der innere Schweinehund derart dominant ist?

Auch bei Referaten, von denen ich im Studium viele halten musste, war dieses Szenario bei mir ein ganz gewöhnliches, und in den Nächten vor Referaten habe ich eigentlich nie viel geschlafen.

Erst bei der Magisterarbeit war mir klar: So konnte ich da nicht drangehen! Und tatsächlich schaffte ich es, täglich daran zu arbeiten. Es musste auch sein, denn solch eine Examensarbeit ist etwas anderes als eine Studienarbeit. Und ich arbeitete mit wahrem Feuereifer. Völlig untypisch. 😉

Leider war die Überwindung der Prokrastination nur temporär und nicht von Dauer, denn die Vorbereitung der drei Examensklausuren und die Lernphase für die drei mündlichen Examensprüfungen waren wieder ein echter Kampf gegen mich selber. Um mich möglichst wenig abzulenken, lernte ich stets in der Küche. Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde gepaukt, fielen mir Dinge ein, die unaufschiebbar wirkten. Ich musste ja noch einkaufen! Und das Geschirr spülen! Und eine Ladung Wäsche in die Maschine packen. Den Keller hatte ich auch noch nicht geputzt – was würde Frau Stelzmann sagen?

Ich muss gestehen, es ist schon erschreckend, wenn man plötzlich fröhlich pfeifend am Spülbecken steht und voller Begeisterung Geschirr spült – was man sonst gar nicht gern macht, nur, weil man es eben machen muss. Und hier nun diese Begeisterung an der Spüle, während hinter dem Rücken auf dem Küchentisch die Lernutensilien nach einem schreien … Es ist noch erschreckender, wenn man darüber nachdenkt, was Frau Stelzmann, die selbsternannte Hausmeisterin, die jüngere Leute per se nicht mag, wohl denke, weil man den Keller noch nicht geputzt hat! Und nahezu apokalyptisch ist es, wenn man dann den Putzeimer mit heißem Wasser und Putzmittel füllt und nebst Schrubber und Feudel in den Keller eilt, den man mit derartig außergewöhnlicher Hingabe und Sorgfalt putzt, dass man glatt vom Boden essen könnte … All das sind beunruhigende Auswirkungen eines ausgeprägten Hangs zur Prokrastination. Quasi ein akuter Anfall. 😉

Weitere Nachteile solcher Anfälle sind: spontane Blutdrucksteigerung bis hin zum – gefühlten – Herzinfarkt, wenn man feststellt, man hat die aufgeschobene Arbeit irgendwie unterschätzt, und nun ist die Zeit knapp, Schweißausbrüche, Alpträume und Zweifel am eigenen Verstand. 😉 Nun ja, mit Verstand hat Prokrastination wohl auch nicht so viel zu tun. Ich glaube, sie spielt sich mehr auf der emotionalen Ebene ab.

Ich habe mein Examen dann mit guten Noten abgelegt. Aber unter unglaublichem Druck. Und ich konnte nicht einmal jemandem Vorwürfe machen. Außer mir selber. 😉

Prokrastination überwinden? Nie! Nicht in diesem Leben, fürchte ich. Aber das Gefühl, etwas Wunderbares vollbracht zu haben, ist hierbei umso größer, denn es grenzt bisweilen an ein Wunder, dass man es dann doch noch rechtzeitig schafft. Und wenn das Ergebnis auch noch gut ist, umso besser.

Während ich dies hier schreibe, sollte ich eigentlich eine Klausur vorbereiten. Am Sonntag läuft die Frist aus. Aber es ist ja noch viel Zeit bis dahin. Und Nachtschichten sind gar nicht so schlimm, wie die meisten Leute denken … 😉

In diesem Sinne: Immer cool bleiben, auch wenn’s pressiert. 😉

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