„Herr, gib mir Geduld … Aber sofort!“

Nachdem ich gestern eigentlich zum Friseur hatte gehen wollen, aber wegen erneuter Erkältungsbeschwerden leider ausfiel, wagte ich es heute, nachdem die gestrigen Erkältungs-Abwehrmaßnahmen so hervorragend gewirkt hatten, dass ich mich heute früh wie neugeboren fühlte. Naja – fast. Aber immerhin so gut, dass ich dachte: „Wer weiß, ob du es nächste Woche schaffst. Geh lieber heute – du siehst inzwischen echt verboten ummen Kopp rum aus!“

Ein Fehler, wie sich gerade herausstellt, denn seit etwa einer Stunde muss ich dauernd niesen und mich räuspern. Ein Zeichen dafür, dass da etwas durchaus nicht im Abzug begriffen ist, zumal ich ein ganz dezentes, aber hartnäckiges Frösteln verspüre, das partout nicht weichen will. Hätte ich mich neulich mal besser auskuriert! Aber nein! Wie üblich …

Es war allerdings auch in anderer Hinsicht ein Fehler, heute zum Friseur zu gehen. Denn obwohl ich mich an die Zeiten gehalten hatte, die meine Friseurin mir für samstags genannt hatte, da es zu diesen meist relativ leer sei – man arbeitet ohne Terminvergabe, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst -, war die Bude brechend voll, als ich sie betrat. Sogar vorne im Wartebereich saß schon eine Kundin und blickte leicht genervt auf die Uhr. Und das bei nur zwei Friseurinnen – es würde sicherlich dauern.

Eigentlich hätte mir das ein Zeichen sein sollen: „Ali – geh wieder nach Hause, oder fahr wie geplant zum Einkaufen. Du bist eh nicht ganz fit.“ Andererseits sprach meine sogenannte Frisur, ein inzwischen ins Kraut schießender und herausgewachsener Bob, eine andere, ebenso deutliche Sprache, und es bestand die Gefahr, dass ich, würde man hier und heute nicht tätig werden, selber Hand an ihn legen würde. Und der Himmel weiß, wie ich dann aussähe! 😉

Ich rief ein fröhliches Hallo, und die beiden Friseurinnen grüßten fröhlich zurück. Vorsichtshalber rief ich: „Ich komme nur zum Schneiden!“ Strähnchen gibt es erst beim nächsten Besuch. Man signalisierte mir, es sei kein Problem, könne aber eine ganze Weile dauern. Nun gut, ich setzte mich zu der anderen Kundin in den Wartebereich, die wieder und wieder auf ihre Armbanduhr und dann mich anstarrte, als wollte sie sagen: „Gehen Sie lieber wieder – ich sitze schon seit zwei Stunden hier …“ Sie sagte aber nichts.

Nach einer halben Stunde war noch immer keine der anderen fünf Kundinnen fertig, und ich scharrte ein wenig mit den Füßen. Ich bin kein besonders geduldiger Mensch. Nur dann, wenn ich Leuten etwas beibringen soll, oder wenn ich mit Kindern und Tieren arbeite. Ansonsten hasse ich Warten wie die Pest, und nur der Gedanke daran, dass ich, ginge ich wieder, weiterhin wie eine Windsbraut aussehen würde, hielt mich auf der etwas abgesessenen schwarzen Ledercouch, die eigentlich „Sammy“ gehört, einem kleinen Mischlingshund, den meine Friseurin häufiger für ihren Nachbarn betreut. Zumindest glaubt Sammy, dass die Couch ihm gehöre, ist aber so nett, einen darauf sitzen oder etwas abstellen zu lassen. Er steht dann eben nur da und blickt streng, als wolle er sagen: „Ausnahmsweise darfst du da sitzen/deine Sachen abstellen. Nur, weil ich so ein netter Hund bin, denn diese Couch gehört mir!“ Und ich sage in solchen Fällen immer: „Na, Sammy, du bist wirklich ein sehr netter und großzügiger Hund!“ Dann freut er sich, wedelt und muss umgehend gestreichelt werden. Einen etwas psychopathischen Blick hat er bisweilen drauf, was aber wohl an seinem Besitzer liegt, der seinerseits ein wenig „schräg“ wirkt. Sowas kann auch auf Hunde abfärben. 😉 Dabei ist Sammylein ein sehr nettes Tier.

Gesprächsfetzen drangen an mein Ohr, und drei der fünf Kundinnen erzählten von ihren Enkeln und ihrem Rentnerdasein. Das machte mich ein bisschen – ich muss es zugeben – sauer. Warum mussten sie denn ausgerechnet an einem Samstag zum Friseur gehen, wenn sie doch Rentnerinnen waren? Ich habe unter der Woche erheblich weniger Zeit, noch einen Friseurbesuch zu organisieren. Aber ich zwang mich zur Geduld und dachte: „Ali, du bist nicht allein auf der Welt.“ Nur sagte die andere Wartende just in diesem Moment leise zu mir: „Zum Auswachsen ist das! Da ist man berufstätig und kann nicht so, wie man möchte, zum Friseur gehen. Ich würde samstags auch lieber ganz lange ausschlafen, aber ich muss, wenn ich muss, eben samstags zum Friseur, wo dann lauter Rentnerinnen sitzen und über ihre hochbegabten Enkelchen schwadronieren! Ich sitze hier schon seit einer Stunde!“ Ich sagte beschwichtigend: „Ach, ja, vielleicht sind sie früher immer samstags zum Friseur gegangen, und das hat sich halt so eingebrannt.“ Dabei kochte ich innerlich auch ein wenig, ich muss es zugeben. Aber ich kniff der anderen Wartenden ein Auge zu. Die grinste und meinte: „Sehr diplomatisch. Ist auch nicht jedem gegeben.“ Wem sagte sie das? 😉

Ich konnte den Ärger verstehen. Ich bin auch schon dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags am Nachmittag etwas früher von der Arbeit verschwunden, um noch Strähnchen machen und/oder schneiden zu lassen, kam dann an, und in den Haarwaschbecken sah man nur weißhaarige Köpfe. Kamen sie nass wieder zum Vorschein und verlangten nach einer Dauerwelle, fragte man sich angesichts dessen schon, was da jetzt eigentlich noch groß in Wellen gelegt werden sollte … Ich weiß, es klingt boshaft, aber irgendwie ist es schon ärgerlich. Warum gehen diese Leute denn nicht wochentags am Morgen oder Vormittag zum Friseur? Nun ja, immerhin verstanden die andere wartende Frau und ich einander, und wir unterhielten uns dann ein wenig. Bis dann endlich eine der anderen Kundinnen fertig war und man die ebenfalls Ungeduldige wegholte.

Diese Gelegenheit ergriff ich beim Schopf – passendes Bild für einen Friseurbesuch – und fragte, ob ich nicht vielleicht doch lieber gehen und ein anderes Mal wiederkommen sollte. „Aber nein, es dauert nur noch ein wenig,“, rief die Saloninhaberin, die ich nun schon seit Jahren kenne. Und dann warf sie mir einen treuherzigen Blick zu und meinte: „Ach, Frau B. – ich weiß, das ist unverschämt, aber … Würden Sie mir vielleicht einen Gefallen tun?“ – „Ja, sicher.“ – „Würden Sie netterweise zu ‚Esser‘ gehen und mir ein Pfund Gehacktes halb und halb holen? Ich komme wohl heute nicht mehr zum Einkaufen, wie es aussieht.“ – „Ja, klar, kein Problem!“ „Esser“ ist eine Metzgerei ein paar Häuser weiter – mir brach doch kein Zacken aus der Krone. Und so drückte mir Frau Schulz einen Fünf-Euro-Schein in die Hand, und ich holte ein Pfund gemischtes Hackfleisch von „Esser“.

Frau Schulz bedankte sich überschwenglich, als ich ihr das Gewünschte nebst Wechselgeld aushändigte, und nachdem ich dann noch einer der Rentnerinnen, die soeben fertig geworden war, einen Cent aufhob, den sie fallengelassen hatte, und ihr in den Mantel half, meinte sie zu mir: „Wenn Sie wollen, können Sie hier gerne anfangen, Frau B.! Das Haareschneiden bringen wir Ihnen auch noch bei!“ – „Sehr schön! Sollte ich überraschend arbeitslos werden, melde ich mich umgehend.“

Danach habe ich noch weit über eine Stunde gewartet … Und alles nur, weil zwei Damen, die morgen – und das nicht überraschend – in den Urlaub fliegen, gestern auf die unglaublich tolle Idee kamen, eine Rundum-Behandlung machen lassen zu wollen: Dauerwelle, Färben, Strähnen, Schneiden, Augenbrauen- und Wimpernfärben. Wahrscheinlich habe ich sogar noch etwas vergessen. Am Tag mit den kürzesten Öffnungszeiten. An dem Tag, an dem endlich auch Berufstätige sich die Haare schneiden lassen können, die sonst nicht ganz so flexibel sind … Und sie blockierten den ganz normalen Betrieb an einem Samstag …

Die beiden wurden nicht müde, zu berichten, wie toll die vergangene Woche gewesen sei, zumal sie ja nicht (mehr) arbeiten müssten. Fast jeden Tag Käffchentrinken und Shopping. Urlaubsvorbereitungen wohl. Auf den Friseurtermin war man gestern bei einem Gläschen Sekt gekommen … Ganz spontan! Und zum Glück habe dieser tolle Salon ja auch samstags geöffnet … Ja. Wenn eine das weiß, dann ich … 😉

Irgendwann kam ich auch dran. Da war ich schon fast eingeschlafen, aber die schrillen Stimmen der beiden Urlaubssirenen weckten mich: „Ach, da sitzt ja noch eine Kundin! Du meine Güte, Frau Schulz! Sie Ärmste! Müssen Sie deswegen heute länger bleiben?“ Und zu mir: „Können Sie denn nicht an einem anderen Tag wiederkommen?“ Mit Vorwurf in den Stimmen.

Ich schnappte nach Luft, und das war gut so, denn so schnell konnte ich gar nicht sprechen, wie Frau Schulz auch schon meinte: „Frau B. ist hier Stammkundin, ist berufstätig und hat heute eine extrem lange Wartezeit auf sich genommen, damit Sie beide noch schöner aussehen, als ohnehin schon!“ Die beiden ältlichen Grazien lächelten geschmeichelt. Da! Das ist Diplomatie! 😉

Und trotzdem meinte eine von ihnen zu mir: „Sie sollten sich in der Tat die Haare schneiden und machen lassen!“ – „Sie mich auch,“, gab ich so leise zurück, dass nur Frau Schulz es hörte. Und sie grinste mich an und kniff mir ein Auge zu.

Und als Entschädigung habe ich heute drei Euro weniger bezahlt. 🙂

Dennoch: Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal. Für den nächsten Friseurbesuch nehme ich mir Urlaub. Ganz sicher! 😉

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