Fragen über Fragen

Ehrlich gestanden: Mir graut ein wenig vor morgen. Da habe ich einen Termin bei meinem Hautarzt – etwas „abgehoben“ auch Dermatologe genannt. Zum Lasern. Ich hatte das ja schon mal erwähnt, auch die Antwort auf meine Frage, ob das sehr wehtue: „Das hält man aus.“ Hmmm … Um 11:30 h geht es los … 😉

Am besten gar nicht drüber nachdenken. Lieber die Zeitung mit den drei Buchstaben lesen. Da steht immer so Spannendes drin. Nee, in echt! 😉 Heute las ich einen atemberaubenden Artikel über Einbrecher, die drei Dönerspieße aus einem Imbiss gestohlen hätten, dazu auch noch Getränke! Am spannendsten an diesem Zehn-Zeilen-Artikel waren Orthographie und Grammatik. Da hatten Menschen „drei schweren Dönerspiße“ gestohlen, nachdem sie sich „Zuträtt“ zu der Lokalität verschafft hatten. Das fand ich echt prickelnd. 😉 War der Lohnschreiber gerade von einer besonders rauschenden Party gekommen? (Mag sein, dass ich pingelig bin, aber mal ehrlich: Wie kann man so etwas veröffentlichen – liest da keiner Korrektur? Und wie kann man in einem Zehnzeiler so viele Fehler unterbringen, denn die genannten Beispiele waren nicht die einzigen …)

Aber das war nicht das einzige Ding, das mich ein wenig aufbrachte. Ich las einen Artikel über eine Kita, in der drei Erzieherinnen „freigestellt“ worden seien, nachdem eine gegen einen Stuhl eines Kindes getreten und dabei das Bein des Kindes gestreift habe. Ein anderes Kind sei von einer anderen Erzieherin mit einer Spielschürze an einen Stuhl gebunden worden. Gut, das geht wirklich nicht – keine Frage. Aber aus dem Artikel ging nicht hervor, dass die drei Erzieherinnen auch mal ihre Sicht der Dinge schildern durften, nachdem ein dreijähriges Kleinkind, an dessen Darstellung keinerlei Zweifel bestünden, wie es hieß, diese Vorkommnisse aus seiner Sicht beschrieben hatte.

Ich habe viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet und bin eine der Ersten, die die Ansicht vertreten, dass Kinder ernstgenommen werden müssen. Aber warum stand nichts davon im Artikel, dass man die Erzieherinnen angehört habe?

Stattdessen prügelten sich in der Kommentarfunktion viele Leute, die alles besser wussten. Eine Erzieherin oder ein Erzieher dürfe niemals so reagieren! Untermenschen! Wie kann man nur? Kinder seien per se sensible Wesen, die man hegen und pflegen müsse! Am besten nur leise sprechen, weil sonst die Kinder Schaden nehmen könnten. Einer zitierte sogar dieses Lied: „Sind so kleine Hände …“. Auch hier keine Frage: Man darf Kinder nicht körperlich angehen, man muss behutsam mit ihnen umgehen. Sehe ich auch so. Aber hier wurden Kinder zur Heiligen Kuh ausgerufen, und wenn ich diese ganzen Kommentare so verinnerliche und ernstnehme, kann ich nur jeden Menschen, der es als seine Berufung ansieht, pädagogisch tätig zu werden, warnen: „Vorsicht – das sind keine Kinder, die ihr da betreut. Das ist Nitroglyzerin!“

Wie gesagt: Keine Frage – man darf Kindern nicht mit physischer oder psychischer Gewalt begegnen. (Wie übrigens auch anderen Menschen nicht.) Aber hat jemand die Erzieherinnen gefragt, was dazu führte? Offenbar nicht – zumindest ging das aus dem Artikel nicht hervor. Und das finde ich einfach nur ungerecht. Drei Existenzen zerstört, denn wer stellt die Frauen denn noch als Erzieherinnen ein? Was mich besonders schockierte: Kinder scheinen alle Rechte für sich gepachtet zu haben und dürfen alles, den Kommentaren nach, aber Erzieher sollen gefälligst wie Maschinen funktionieren. Ist das nicht irgendwie ein kleiner Widerspruch? Ich glaube, die geifernden Kommentatoren haben noch nie mit Kindern gearbeitet …

Da gibt es wirklich nette Kinder, die auch Erziehung mitbringen, aber es gibt auch die kleinen Gesellen, die einfach nur verhätschelt, verwöhnt und Prinzen und Prinzessinnen sind. Unerträglich verwöhnte Prinzen und Prinzessinnen, die dann zwar der Betreuungsperson mit Schmackes gegen das Schienbein treten dürfen, wenn ihnen – wie nicht selten der Fall – etwas nicht passt, aber schon heulen und die Eltern alarmieren, wenn man sie ein bisschen direkter angesprochen – nicht -gefasst! – hat.

Ich habe früher gern mit Kindern gearbeitet, und es lief auch prima, aber ich glaube nicht, dass ich das heutzutage noch so uneingeschränkt machen wollte. Es ist schon mit manchen Studenten, die ja erwachsen sind, schlimm genug. Und als ich mich bereiterklärte, zum kommenden Wintersemester wieder an der Uni in der Nachbarstadt Seminare zu leiten, fragte mich mein früherer Vorgesetzter Andrew: „Hast du eigentlich eine Rechtsschutzversicherung, Ali?“ – „Nein.“ – „Vielleicht solltest du eine abschließen. Es wird immer krasser mit manchen Studenten. Wehe, du gibst denen – völlig zu Recht! – eine schlechte Note! Da stehen dann nicht selten die Eltern mit dem Anwalt auf der Matte.“ Na, bravo! Ob ich noch schnell eine Rechtsschutzversicherung abschließen sollte? Am 17. geht es immerhin los …

Ein weiterer Artikel war da, über den ich mich ärgerte. Da erzählte ein Stand-up-Comedian in epischer Breite über seine Krankheit: Er leidet an einer Depression. Versteht mich nicht falsch: Ich kenne selber diverse an Depressionen erkrankte Menschen bzw. habe sie gekannt, denn nicht alle von ihnen leben noch. Ich nehme diese Krankheit sehr ernst, aber ich fand den Artikel, der vorgeblich Mut machen sollte, einfach nur völlig daneben, denn der Comedian erzählte gleich, dass es ihn ankotze, dass viele Depressive wohl jammern und emotional erpressen würden. Mit Verlaub: Ich kenne keinen einzigen ernsthaft Depressiven, der je gejammert oder emotional erpresst hätte. Im Gegenteil – diese Leute zogen sich in sich zurück, wurden fremd und ganz fern. Jammern habe ich nie einen von ihnen gehört.

Noch besser dann der Ausspruch, dass es dem Comedian stets bessergehe, habe er einen Schub, wenn er sich der Komik vergangener Tage erinnere! Auch das bitte nicht falsch verstehen: Es freut mich, wenn jemand dazu in der Lage ist, der an einer Depression leidet. Aber das tun nicht alle, denn Depressionen scheinen wirklich heimtückisch zu sein und zu den Krankheiten zu gehören, die höchst individuell sind. Daher ärgerte mich dann auch der gutgemeinte Rat an ebenfalls Betroffene, es dem Stand-up-Comedian doch gleichzutun.

Der Artikel sollte vorgeblich wohl Mut machen und Verständnis erzeugen. Vorgeblich. Für meine Begriffe war er schädlich, denn nun würden all die, die ohnehin schon immer mit Unverständnis reagieren, erneut hingehen und Betroffenen sagen: „Aber erinnere dich doch an die Komik vergangener Tage! Der Comedian hat es doch auch gesagt!“  Für mich war der Artikel reines Marketing, denn eine Veranstaltung des Comedians stand ins Haus, und von daher fühlte ich mich abgestoßen.

Für manche Menschen scheint das Leben aber wirklich total einfach zu sein, und selbst die Graustufen einer Depression erscheinen noch in einem fröhlichen Licht, wenn nur ein Comedian hingeht und die Welt erklärt. Ich fand den Artikel höchst ärgerlich, aber ich habe auch schon mehrfach in meinem bisherigen Leben auf Friedhöfen gestanden und mich bei Beerdigungen von Menschen, die ich mochte, aber aufgrund ihrer Krankheit irgendwann nicht mehr „greifen“ konnte, verabschieden müssen. Ohne Groll, ohne Vorwürfe, denn ich konnte nicht beurteilen, was sie dazu gebracht hatte. Da war nur Kummer, dass sie offenbar vor einer aussichtslosen Lage gestanden hatten, aus der niemand – auch nicht die Komik vergangener Tage – sie herausholen konnte. Und da war Respekt, denn wer springt schon voller Freude von einer Autobahnbrücke, wenn das Leben doch so einfach sei? Fährt morgens um 3 h hin, hinterlässt einen Abschiedsbrief, in dem steht, sie sei so früh dorthin gefahren, weil dann so gut wie kein Verkehr sei? Respekt, weil ich ahnte, aber nicht in voller Härte begreifen konnte, wie grauenhaft das Leben für diese Person war, obwohl wir so oft miteinander gesprochen und Tee getrunken, trotz des unterschiedlichen Alters auch sehr ernsthaft und offen gesprochen hatten. Wahrscheinlich wusste sie einfach nicht von der Patentlösung hinsichtlich der Komik der vergangenen Tage. Vielleicht waren die Tage der Vergangenheit aber auch gar nicht so komisch gewesen …  Es ist eben alles ganz individuell, und es gibt kein Patentrezept.

Hui – was für ein furchtbarer Beitrag! Und all das nur, weil ich morgen zum Lasern muss? 😉 Nö, wahrscheinlich nicht deswegen, sondern weil mich einige Dinge, die für manche Menschen so easy sind, einfach nur ankotzen. Sorry. Ich bin sicher, der nächste Eintrag wird netter. Kommt sicher morgen, nach dem Lasern – das kann nur lustig werden … 😉

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