“Operator, number, please: it’s been so many years …”

Ich leihe mir mal eine Zeile aus meinem Lieblingslied von Tom Waits: „Martha“. Tom Waits ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber ich höre ihn gern, und „Martha“ ist mein Favorit – es ist ein so schön melancholisches Lied, dass mir – ich gebe es zu – bisweilen die Tränen in die Augen steigen. Ich erwähnte ja schon, dass ich sehr nahe am Wasser gebaut habe und dann bisweilen meine nicht selten völlig unschuldigen Kontaktlinsen herhalten müssen, um das Hochwasser zu begründen. Manchmal sind sie wirklich schuld. Aber nicht immer. 😉

Ich hörte dieses Lied heute nach langer Zeit einmal wieder, und prompt fiel mich das an, was so viele Leute am Herbst nicht mögen: leise Melancholie. Und ich dachte an so viele Dinge, die ich anders hätte machen können. An all die Was-wäre-wenns … Völlig unkonstruktiv, darüber zu grübeln, ob man vielleicht an mancher Stelle lieber links statt rechts abgebogen wäre – an diesen dämlichen Kreuzungen und Gabelungen des Lebens, an denen man sich entscheiden muss. Nicht umsonst ranken sich verschiedene Aberglauben und Mythen um Wegkreuzungen als „magische Orte“ mit besonderen „Energien“, Geistern und sonstigen Phänomenen dieser Art. Wirklich nicht konstruktiv. Lieber aktiv werden – manchmal kann man Dinge korrigieren, das Ruder herumreißen.

Als ich gerade besonders grüblerisch wurde, klingelte das Telefon. Meine Schwester war dran, und sie riss mich aus der übersteigert herbstlichen Stimmung. Das war gar nicht so schlecht, und wir plauderten über eine Stunde. Und das, ohne auch nur einmal verschiedener Meinung zu sein – eine Seltenheit. 😉 Zwar schwirrte mir danach ein bisschen der Kopf, was aber ganz normal ist, wenn Stephanie und ich uns unterhalten, und die Melancholie war einer gewissen Heiterkeit gewichen.

Dabei hatten wir durchaus auch über früher gesprochen. Auch über Dinge, die damals furchtbar erschienen, über die man heute aber amüsiert lachen kann, weil bekanntermaßen nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.

Einige Anekdoten waren auch wirklich charmant. So zum Beispiel diejenige, die meine Vorliebe für Parfums geweckt hat. Es ist schon lange her, es war kurz vor meinem Achtzehnten, als meine Schwester, von ihrem damaligen Verlobten daran erinnert, dass ich doch bald Geburtstag hätte und sie doch endlich mal ein Geschenk besorgen solle, meinte: „Ja, mache ich noch – ich habe im Moment wenig Zeit.“ Aber die Zeit drängte, und so ging Michael auf eigene Faust los, weil er der Meinung war, dass das so nicht gehe.

Und er betrat eine Aachener Parfümerie, weil er der Ansicht war, dass mit 18 das erste Parfum durchaus nicht fehl am Platze sei. (War damals so – heute rennen ja schon Dreizehnjährige wild einparfümiert herum … 😉 )

Eine Verkäuferin sprach ihn an: „Kann ich Ihnen helfen?“ – „Äääh, ja. Nun, ich suche ein Parfum für eine junge Dame, die 18 wird.“ – „Für Ihre Freundin?“ – „Äääh, nein. Für ihre kleine Schwester, meine Schwägerin in spe.“ Die Verkäuferin starrte Michael grinsend an, und es war an ihrem Gesicht abzulesen, was sie wohl dachte: „Aha, interessant, für die Schwägerin … Spannende Verhältnisse …“ Nun, damit lag sie völlig falsch. Aber freundlich fragte sie weiter: „Es ist natürlich nicht ganz einfach, wenn man ein Parfum für eine Person aussucht, die nicht selber dabei ist. Daher: Was für ein Typ Frau ist denn Ihre Schwägerin in spe?“

Michael stand da und überlegte … Schwierige Kiste. Was für ein Typ Frau war Ali? Wie sollte man sie beschreiben? Sie war anders als Stephanie, völlig anders. Aber wie fasste man das jetzt am besten zusammen?

Doch da fiel ihm etwas ein, und er sagte: „Meine Schwägerin in spe ist ein besonderer Mensch.“ Die Verkäuferin unterbrach ihn und meinte: „Ja, nur – das hilft jetzt nicht so weiter. Können Sie sie vielleicht etwas präziser beschreiben? Eher lebhaft? Oder ruhiger? Sehr modebewusst? Solche Dinge sind wichtig.“

Und da wurde Michael von einem Geistesblitz angefallen: „Meine Schwägerin in spe ist eher ruhig. Anders als meine Freundin.“ Und schon wandte sich die Verkäuferin einem Regal zu, um ein Parfum für ruhige Schwägerinnen in spe herauszunehmen. Aber Michael rief hinterher: „Sie ist ruhig. Aber energisch!“ Das war ihm wichtig. Denn ein „ruhiges“ Parfum hätte nicht das volle Spektrum abgedeckt, fand er. 😉

Und so griff die Verkäuferin in ein anderes Regal und führte ihm ein „ruhiges, aber energisches“ Parfum vor, und das fand er so überzeugend, dass ich es an meinem Achtzehnten von ihm überreicht bekam. Und ich freute mich riesig darüber! Und lachte heftig, als er die Geschichte des Kaufs erzählte. 🙂

Das Parfum benutze ich heute noch – es ist einfach unschlagbar. Und das, obwohl ich auch diverse andere Düfte besitze und benutze. Dieses hier – das ruhige, aber energische „Aromatics Elixir“ – ist mein Favorit. Auch weil es mit dieser sympathischen Geschichte verbunden ist.

Mein damaliger Schwager in spe ist nie mein Schwager geworden. Aber das Parfum ist geblieben. Nicht dasselbe Gebinde von damals, natürlich. Ich habe schon diverse Flakons davon verbraucht, und es wird mich auch weiterhin begleiten. Es ist in der Tat recht eigen, nicht jeder mag es. Aber ich glaube, es passt zu mir, und ich mag es sehr. 🙂

Und so hat auch die Melancholie, wie alles im Leben, zwei Seiten. Auch eine heitere. 🙂

Ruhig, aber energisch wünsche ich nun ein schönes Wochenende.:-)

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