Der Winter kann kommen!

Ich glaube, in den nächsten Tagen werde ich sehr viel mit Monty fahren. Auch wenn ich gar nicht müsste. Aber er hat seit heute Winterreifen, und das Fahrgefühl ist noch besser als zuvor! 😉 Er klebt förmlich auf der Straße. (Ob der Name des Reifenherstellers Programm ist? Denn nach den Sommerreifen südkoreanischer Provenienz, die beim Kauf schon drauf waren, ist der kleine Monty nun ein halber Kosmopolit geworden und hat Winterreifen eines französischen Herstellers, von mir höchstselbst ausgewählt. 😉 )

Eine gute Wahl. Sie sind zwar etwas lauter als die vier kleinen und wackeren Südkoreaner, aber sie haben diesen wunderbaren Hafteffekt. 😉 Ein Gefühl, als fahre man auf Schienen. Auch dann, wenn man auf Schienen, denen der Straßenbahn, fährt, bei denen ich mit den Sommerreifen immer ein leicht schlingerndes Gefühl hatte. Ob ich sie einfach ganzjährig drauflasse …? 😉 Braucht jemand vier wackere, kleine Sommer-Südkoreaner? 😉 (Nein, ich mache nur Scherze – als würde ich mich von den kleinen Kerlchen trennen wollen … 😉 )

Ich war heute etwas früher bei der Arbeit als sonst, denn ich musste ja auch früher wieder gehen – um 16:00 h war der Termin in der Werkstatt. Letzten Endes kam ich doch erst später los, als geplant, und ich musste zügig fahren. Besser: Ich hätte zügig fahren müssen, aber als ich unterwegs war, fiel mir auf, dass ich den Termin ungünstig gewählt hatte: Außer mir waren ganz viele Leute unterwegs – Feierabendverkehr … Immerhin waren einige genauso ungeduldig unterwegs wie ich. 😉 Die, die dann rechts überholten. Nicht mich, natürlich, denn ich war ja selber zügig unterwegs, aber ich sah einige interessante Überholmanöver, ganz unabhängig von mir. 😉

Ich wollte ganz besonders schlau sein und meine Werkstatt statt von vorn von hinten über das Gewerbegebiet anfahren. Endlich auf der richtigen Straße, stand ich – inzwischen schon unter Zeitdruck – in einer blöden Schlange, und ich fluchte ein bisschen vor mich hin. Als ich mich dem Punkt näherte, wo ich rechts abbiegen musste, stand da diverse Meter vor der Abbiegung ein Schild: „Daimlerstraße gesperrt – bis Haus Nr. 18 erreichbar! Keine Wendemöglichkeit!“ Ich fluchte noch mehr, aber was sollte es! Ich würde trotzdem rechts abbiegen, und eine Wendemöglichkeit gibt es immer! 😉

Und dann fuhr ich die Daimlerstraße entlang, obwohl ich einen Ford fahre … Und als ich um die Kurve fuhr, hinter der meine Vertragswerkstatt bereits lauerte, sah ich weiter hinten eine gigantische Absperrung nebst riesiger Baustelle. Aber zum Glück hat meine Werkstatt eine Nebeneinfahrt, und so kam ich fast pünktlich an, parkte schwungvoll ein, schloss den Wagen ab und wurde an der Anmeldung vorstellig. Sogleich musste ich unterschreiben, dass der KFZ-Meister sich an meinem Fahrzeug zu schaffen machen dürfe, und man nahm mir den Autoschlüssel ab. Da ich keinerlei Erfahrung hinsichtlich der Dauer eines kompletten Radwechsels in einer KFZ-Werkstatt hatte, mich nur daran erinnerte, dass es gefühlt recht lange dauerte, wenn mein Vater – er machte das früher selber – die Räder an seinem wie meiner Mutter Auto wechselte und ich als Handlanger danebenstand, Werkzeuge anreichte und bisweilen mitanpacken musste, fragte ich: „Wie lange dauert das?“ Man beschied mir, eine halbe Stunde – Minimum! – und bot mir einen Kaffee an, wenn ich so lange warten wolle. Ich bedankte mich freundlich und meinte, das Wetter sei so schön – da würde ich lieber etwas spazierengehen. Der junge Angestellte starrte mich an, als hätte ich gesagt: „Ich gehe jetzt erst einmal eine Runde strippen!“ Denn – bitte schön! – der Begriff Spazierengehen in einem Autohaus geäußert, wirkt schon ein wenig befremdlich. Zumindest auf die Angestellten, wie es schien, die für Autos zu brennen schienen. 😉

Aber das konnte unmöglich mein Problem sein. Ich marschierte los und beschloss, im nahegelegenen Einkaufsmarkt einige Kleinigkeiten zu besorgen. Brot, zum Beispiel. Einen Großeinkauf wollte ich heute nicht tätigen, sonst hätte ich gewartet, bis Monty neu bereift wäre.

Spazierengehen mitten in einem Gewerbegebiet ist nicht so der Brüller, aber ich bin ein Kind des Ruhrgebiets und weiß auch solche Gegebenheiten zu schätzen. Und was machte es, wenn doch die Sonne schien! 🙂 Und neben „meinem“ Autohaus ist ein Reitverein beheimatet – mitten im Gewerbegebiet, und ich habe mich schon lange gefragt, wo die Pferde, die dort leben, eigentlich grasen könnten. Weiden sind dort doch eher selten. Aber immerhin haben die Tiere einen großen Sandplatz, auf dem sie sich auslaufen können, und als ich gerade an diesem heckengesäumten Platz vorbeiging, sah ich ein Pferd darauf herumpreschen. Armer Kerl, Auslauf zwar, aber keinen einzigen Grashalm! Ich blieb stehen, als das Tier gerade auf die Hecke zupreschte. Und ich rief ihm etwas zu. Es blieb abrupt stehen, staunte, blickte erst in die falsche Richtung, und als ich dann noch einmal etwas sagte, kam es zielstrebig auf die Hecke zu, streckte seinen Hals und blickte mir durch eine Lücke in der Hecke direkt in die Augen. Ich lobte es und meinte, es sei ein kluges Tier. Da scharrte es mit dem linken Vorderhuf und sah mich auffordernd an. Ich grinste und meinte: „Ja, ich kann nicht durch die Hecke!“ Und da kam es näher an den Zaun jenseits der Hecke und streckte seinen Kopf so, dass die Nüstern durch die Hecke reichten. Es wollte gestreichelt werden! 🙂 Das tat ich auch, und das Pferd schien sich zu freuen, zupfte sogar an meinem Jackenärmel, als ich gehen wollte. Ich blieb also noch ein Weilchen stehen … 😉 Mir tat das weidelose Pferd ein bisschen leid. Hätte ich Pferde, würden sie nicht in einem Stall stehen, der keine vernünftigen Weidemöglichkeiten bietet. Zum Glück werde ich mangels Vermögen niemals in diese Lage kommen … Es sei denn, ich spiele Lotto und habe sechs Richtige mit allen Zusatzmöglichkeiten. 😉

Dann ging ich weiter. Ein junger Mann kam mir entgegen, und er sprach mich an: „Entschuldigen Sie, bitte! Wo fährt hier der Bus in die Stadtmitte?“ – „Hier in dieser Straße momentan gar nicht. Sehen Sie – die Haltestellen sind alle verlegt. Da hinten ist eine große Baustelle, deswegen.“ – „Ach …“ – „Hier fährt auch nur der 42er, und der fährt nicht über die Stadtmitte.“ Und ich erklärte, der Bus führe nur bis zu meinem Arbeitgeber.

Da wolle er auch hin, rief der junge Mann, und ich meinte dann, ich würde ihm die nächste Haltestelle zeigen. Allzu viel Zeit hätte ich nicht, da ich noch einkaufen müsse, aber dafür würde es sicherlich reichen.

Und ich brachte ihn um die Ecke. Nein! Nicht so! 😉 Im wörtlichen Sinne. Wir unterhielten uns ein wenig, der junge Mann mit einem Akzent, den ich gleich als französischen wahrnahm. Ich fragte: „Woher kommen Sie ursprünglich?“ Da sah ich schon, es war die falsche Frage gewesen, denn der junge Mann zog die Stirn in Falten, und ich fragte: „Falsche Frage?“ – „Was glauben Sie denn, woher ich komme?“ Ich schwindelte ein wenig und meinte: „Ihrem Akzent nach zu urteilen: Könnte es sein, dass Sie aus einem spanischsprachigen Land kommen?“ – „Nein.“ Und gleich die nächste Frage von ihm: „Gibt es Nationalitäten, die Sie nicht mögen?“

Ich überlegte. Gab es Nationalitäten, die ich per se nicht mochte? Ehrlich beantwortet, ohne Voreingenommenheit? Ich meine, hier, wo ich lebe, gibt es durchaus Probleme – aber habe ich etwas gegen bestimmte Nationalitäten an sich? Nein. Und das sagte ich dem jungen Mann auch. Hinter dessen Stirn arbeitete es noch immer, und dann brach es aus ihm heraus: „Ich komme aus dem Maghreb. Aus Marokko. Aber, bitte, glauben Sie mir, es sind nicht alle Marokkaner und nicht alle Maghrebi so wie diese furchtbaren Menschen in Köln! Silvester, Sie wissen schon!“

Ich starrte ihn an. Ach, du Scheiße – was hatte ich mit meiner harmlos gemeinten Frage denn da angerichtet? Es tat mir leid. Das hatte ich nicht gewollt. Und ich sagte rasch: „Machen Sie sich keine Sorgen – ich habe nichts gegen Maghrebi an sich. Die Sache in Köln ist eine andere. Aber das hat mit Ihnen und Maghrebi an sich nichts zu tun!“ – „Ja? Wissen Sie, wir sind doch nicht alle so! Diese Leute da in Köln sind illegal eingereist, haben ihre Pässe weggeworfen! Die wären im eigenen Land ins Gefängnis gekommen, weil sie da schon auffällig waren. Wir sind nicht alle so!“

Es tat mir wirklich leid, denn der junge Mann war wirklich nett, und die Geschehnisse von Silvester schienen ihn sehr zu beschäftigen. Ich sagte: „Bitte, machen Sie sich wirklich keine Sorgen! Ich sage Ihnen mal was: Es gibt hier hinreichend Menschen, die differenzieren können. Und hören Sie einfach auf das, was ich Ihnen jetzt hier sage, was ich schon seit Jahren sage: Es gibt überall, in jedem Land nette Menschen. Und in jedem Land gibt es Arschlöcher. Hier in Deutschland wie bei Ihnen in Marokko. In England, Amerika, Frankreich, Grönland, Australien, und so weiter. Überall. Das ist keine Frage der Nationalität. Es ist eine Charakter- und Erziehungsfrage. Das ist meine Meinung. Also: Kopp hoch und Augen auf! Gilt für beide Seiten. Ich kann verstehen, dass Sie frustriert sind, dass nicht wenige Menschen hier angenervt sind und Angst haben. Wegen Landsleuten von Ihnen, die – wie Sie selber sagen – in Ihrem Land ins Gefängnis kommen würden, weil sie kriminell sind. Nicht wegen Leuten wie Ihnen. Ich verstehe Sie sehr gut, denn ich bin Deutsche. Und Sie wissen sicher, dass man Deutsche gerne mit dem identifiziert, was hier ab 1933 bis 1945 abgelaufen ist. Damit müssen Deutsche bisweilen noch heute kämpfen, weil zu viele Menschen nicht differenzieren können oder wollen. Ich muss mich damit auch herumschlagen, und es frustriert mich genauso, wie Sie die Verallgemeinerungen von Silvester frustrieren. Und zu Recht frustrieren. Denn Sie sind nicht so wie diese Kriminellen in Köln, ich bin nicht so, wie manche Leute Deutschen per se unterstellen. Halten Sie sich das immer vor Augen. Und halten Sie den Kopf hoch, seien Sie selbstbewusst, auch wenn es vielleicht schwerfällt, keine Frage. Aber Sie überzeugen durch die Unterhaltung, nicht durch Misstrauen, auch wenn ich Sie sehr, sehr gut verstehen kann.“

Der junge Mann sah mich an, lächelte und meinte: „Danke! Sie meinen, man müsse über den eigenen Horizont hinausblicken, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Oder es zumindest versuchen.“ – „Genau das. Vorurteile überwinden, wenn es sie gibt. Die haben Sie bisweilen, die habe ich bisweilen – so ehrlich muss man sein. Wenn man dann feststellt, dass man es mit Arschlöchern zu tun hat, ist es schlimm. Wenn man etwas anderes feststellt, ist das sehr nett, und man hat etwas dazugelernt. Und das vergisst man auch nicht so schnell. So wie ich dieses Gespräch hier nicht so schnell vergessen werde.“ – „Danke schön! Ich bin manchmal etwas verzweifelt – hier in Deutschland scheint vieles so schwierig und ernst.“ Ich lachte und meinte: „Aber nicht nur für Sie! Für mich auch. Von daher: Lassen Sie sich nicht unterkriegen. Ich tue es auch nicht. Und sollte Ihnen mal jemand einen doofen Spruch reinwürgen: Überlegen Sie sich schon vorher passende, verbale Reaktionen. Sie müssen immer einen passenden Spruch herausgeben können und möglichst schlagfertig sein. Gilt für Sie wie auch für mich.“ – „Ja. Wir sind ja alle Menschen.“ – „Eben.“

Als ich mich dann verabschiedete, meinte der junge Mann: „Danke für das Gespräch! Damit hatte ich gar nicht gerechnet, als ich Sie nach dem Weg fragte!“ – „Ich auch nicht.“ – „Ja, aber es war wirklich sehr nett – Sie haben mir sehr geholfen, vielen Dank! Ich war vorhin so verzweifelt, und jetzt bin ich es nicht mehr, und ich werde auch versuchen, nicht mehr so misstrauisch zu sein.“ – „Ein gesundes Misstrauen sollten Sie sich bewahren!“ – „Ja, das schon, aber ich habe inzwischen den Eindruck, dass ich Sie vielleicht verletzt oder beleidigt haben könnte, weil ich so sprach, wie ich es tat!“ – „Da machen Sie sich mal keine Sorgen! Es ist alles okay, und ich kann Sie gut verstehen. Also: keinen Kopp machen!“ – „Wie – keinen Kopp machen? Ich habe einen Kopf!“ – „Ja, klar, das ist hier halt so eine Redensart. Sie sollen sich einfach keine Gedanken machen.“ – „Ach, so. Ja, dann – danke! Das Gespräch hat wirklich geholfen.“ – „Manchmal braucht man jemanden, der einen auf den Topf setzt. Und ich fand das Gespräch auch sehr nett, und es hat mir auch viel gezeigt.“ – „Auf welchen Topf?“ – „Auch so eine Redensart. Man meint damit, die Dinge in klare Bahnen zu lenken.“ – „Ach, okay. Deutsch ist wirklich schwierig.“ – „Ich weiß, dass es im Französischen auch einige tückische Redensarten gibt.“ Und ich lachte. Der junge Mann lachte auch. Und dann verabschiedeten wir uns voneinander, und ich ging einkaufen.

Und dann holte ich den winterbereiften Monty ab und bezahlte eine wirklich horrende Summe für seine neuen „Schlappen“.

Letzten Endes ein gelungener Tag, auch wenn es erst gar nicht so ausgesehen hatte. Manchmal, nein, eigentlich immer muss man Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, damit man zumindest etwas näher an eine Erkenntnis gelangt. Wie auch immer die aussehen mag. 😉

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