Eine Begegnung der dritten Art …

Hier sitze ich nun und höre die CD, die ich mitgesponsert habe. Heute war sie im Briefkasten, als ich von des Tages Fron zurückkam, völlig „um“ und nur noch gewillt, die drei Treppen bis zu meiner Wohnung zu erklimmen. Von meinem ehemaligen Vorgesetzten Andrew, einem waschechten Nordengländer, Philologen und – wie erstaunlich viele Philologen – auch der Musik verschrieben, aktiv wie passiv. Ich wollte schon immer mal Sponsor sein – und hier habe ich die Bestätigung, dass das Geld gut angelegt ist: Die CD ist super. Und handsigniert – total klasse! 🙂

Und ein Trost nach diesem total bescheuerten Tag voller Stress und Absurditäten. Mein ehemaliger Vorgesetzter Andrew aus dem Sprachenzentrum der Uni in einer der Nachbarstädte, in der ich seit Jahren arbeite, mit einer einjährigen Unterbrechung, war immer schon ein besonders gelassener Mensch und einer der besten Vorgesetzten, die ich je hatte. Inzwischen seit einem Jahr stolzer Vater – er schickt mir öfter Fotos von seiner kleinen Tochter, wenn wir auf einem der Sozialen Medien ein wenig chatten. 🙂 Singen hatte ich ihn schon öfter gehört, ebenso Gitarre spielen – mit seiner Band. Die CD ist wirklich eine hervorragende Investition gewesen, wie ich ihm gerade auch mitgeteilt habe. Wenn er noch einmal etwas crowdfunden muss, bin ich gern dabei. Ich habe mein Geld schon erheblich schlechter angelegt. 😉

Doch von Anfang an. Heute früh raste ich mit Monty gen Arbeit – ich wollte zumindest heute früher da sein als sonst. Immerhin fing morgens die Tagung an, die ich organisiert hatte. Und da ist es immer besser, wenn man vor den Gästen da ist. 😉

Nur leider gibt es ja immer Gäste, die viel zu früh eintreffen. Als ich vom Parkplatz eilte, sah ich zu meiner großen Zufriedenheit gleich 20 mit Absperrband reservierte Plätze. Und ein echtes „Chefgeschoss“ von Dienstwagen, das hilflos vor der geschlossenen Schranke stand. Es war halb neun. Eine Stunde zu früh. Ich signalisierte dem Fahrer, dass ich mich sofort kümmern würde und raste Richtung Haupteingang, auch „B1“ genannt … 😉 Ich wollte dem Pförtner Bescheid geben, aber da kam mir schon Björn entgegen und meinte: „Moin, Ali! Da hinten scheint jemand vor der Schranke zu stehen.“ – „Ja, genau, ich wollte gerade dem Pförtner Bescheid sagen.“ – „Kein Problem, ich gehe schon hin und öffne die Schranke.“

Na, dann lief ja alles. Und beruhigt stempelte ich mich ein und eilte an meinen Arbeitsplatz. Zusammen mit meinem Chef bin ich dann gegen 9 zum Sitzungsraum gegangen, um mich zu vergewissern, dass mit dem Catering alles laufe. Es lief hervorragend, und ich verzog mich wieder. Netterweise rief mein Chef mich dann aber auch noch einmal an und bestätigte, alles sei prima. Sehr schön.

Beruhigt zurücklehnen konnte ich mich aber nicht – es war ein sehr hektischer Tag. Ich rannte hin, ich rannte her, ich telefonierte, denn dauernd klingelten die Telefone. Kollegin Daniela war genauso hektisch wie ich – sie hatte einen Workshop zu organisieren und die Einarbeitung ihrer neuen Kollegin an der Backe. Und auch wenn die neue Kollegin nett ist – das ist immer ziemlich stressig.

Ich kam heute erst gegen 14 Uhr dazu, etwas zu essen. Und das nicht einmal in Ruhe. Aber gut – besser Burnout als Boreout –, so zumindest mein Motto. 😉

Und irgendwann gegen Nachmittag war dann auch „meine“ Tagung vorbei, und mein Chef kam an und meinte: „Super gelaufen, Frau B.! Ganz herzlichen Dank – das haben Sie toll gemacht!“ – „Nicht nur ich! Sie sollten sich auch bei den anderen Beteiligten persönlich bedanken, nicht nur durch mich. Aber ich bedanke mich schon einmal ganz herzlich.“

Dann fragte ich: „Ist wenigstens das Buffet hinreichend genutzt worden? Oder ist viel Essen übrig?“ Mein Chef meinte, ja, es sei einiges übrig. Ich meinte, ich würde mir das Ganze mal ansehen – ich müsse ja ohnehin unser Laptop zurückholen.

Und schon wollte ich mich auf den Weg machen, aber da fiel mir ein: „Kein Weg mit leeren Händen!“ Und da ich ohnehin Post wegzubringen hatte, obenauf eine Mappe an unsere Rechtsexpertin mit der Aufschrift: „Eilt sehr!“, rief ich die Rechtsexpertin an, denn ich wollte besonders freundlich sein und ihr die Mappe persönlich bringen. Und Frau Herford ist bisweilen schwer zu erreichen. 😉

Sie war gleich am Telefon, was mich ein wenig wunderte, denn in der Tat: Sie ist bisweilen schwer zu erreichen, aber ich fand es gut, denn umso schneller würde ich unser Lappy abholen und mir ein Bild vom Sitzungsraum machen können. Und so brachte ich die Unterschriftsmappe ins Basement. Ehrlich gestanden: Ich hatte gar nicht so große Lust dazu gehabt, und hätte nicht dieses „Eilt sehr!“ auf der Mappe gestanden, hätte ich sie einfach später ins entsprechende Postfach gelegt …

Frau Herfords Tür war nur angelehnt, und höflich pochte ich dagegen. Von drinnen tönte ein „Herein“, und ich öffnete die Tür und rief ein fröhlich-aufgesetztes: „Hallo, Frau Herford!“ Sie rief ebenso fröhlich-aufgesetzt zurück: „Hallo, Frau B.! Das ist ja total lieb!“ Ich konnte mir nicht verkneifen, ihr mitzuteilen, dass ich ohnehin unterwegs sei und das Nützliche mit dem Nützlichen – kein Fehler! – verbinden wolle …

Aber sie war nicht allein im Büro, denn als ich eintrat, drehte sich jemand, der mir den Rücken zugewandt hatte, um und sagte mit etwas belegter Stimme und leichter Nervosität: „Hallo, Ali!“ Die Augen kannte ich doch – blaugrau starrten sie mich an, und ich dachte nur: „Glotz nicht so blöd!“ Denn der, der da bei Frau Herford im Büro saß, war kein anderer als mein Ex Dirk.

Seit drei Jahren nicht gesehen, beim letzten Sehen aus meinem Büro geworfen, da er privat und nicht dienstlich gekommen war, was ich, wie er wusste, nicht wollte, und keine Sekunde vermisst hatte ich ihn. Als er mich anlächelte, zog ich beide Augenbrauen instinktiv hoch, sah ihn an, als überlegte ich, wer er eigentlich sei, und das Lächeln verschwand von meinem Gesicht. Ich reagierte nicht ganz so souverän, wie ich gern gewollt hätte, denn das hätte so ausgesehen, dass ich gesagt hätte: „Ach, hallo, Dirk! Ah, du hast einen Termin hier. Dann will ich nicht länger stören und wünsche allseits einen schönen Tag.“ Und ich hätte mich professionell lächelnd zurückgezogen. (Das wäre mir sicherlich möglich gewesen, wäre ich vorgewarnt gewesen – aber ich war wirklich völlig ahnungslos in die Falle getappt. Ich bin gespannt, wann Frau Herford mich anspricht …)

Das war mir nicht ganz möglich, obwohl Dirk mir seit über drei Jahren wirklich ganz schwungvoll am Allerwertesten vorbeigeht. Da ist etwas, das ich von mir eigentlich nicht kenne: Verachtung. Oder nur sehr selten erlebe – hier aber wirklich heftig. Mit meinen anderen Exen habe ich immer irgendwie Kontakt gehalten, mit Dirk nicht, obwohl er es wollte. Die anderen hatten mich einfach nicht so blöd behandelt, und es war völlig egal gewesen, wer die Trennung herbeigeführt hatte.

Auch wenn ich gerne noch souveräner reagiert hätte, war ich nicht ganz unzufrieden mit mir, denn er hatte mich nervös, aber gewinnend angelächelt, nahezu erfreut, mich zu sehen, aber ich hatte ihn behandelt, wie er es wohl nie für möglich gehalten hatte: „Nicht mit mir – sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich wünsche keinen Kontakt zu dir. Da kannst du noch so viel lächeln.“ Aber irgendwie hatte ich auch mitbekommen, dass er wohl recht nervös war. Sehr gut – geschah ihm recht. 😉

Andererseits: Was hatte er erwartet? Dass ich mit einem Baseballschläger ankäme? Ihm die Unterschriftsmappe um die Ohren hauen würde? 😉 Gewiss nicht.

Ich winkte Frau Herford fröhlich-aufgesetzt zu und rief neutral: „Einen schönen Tag noch – tschüss!“ Und dann schloss ich die Tür und ging rasch weiter.

Danke – die Krönung eines ohnehin schon ätzenden Tages! Aber mitten auf dem Weg fing ich heftig zu lachen an: Seit über drei Jahren graute mir davor, Dirk im Hause zu begegnen, in dem er dienstlich regelmäßig zu tun hat. Zwar nicht alle paar Wochen, aber alle paar Monate. Nein, nicht, dass ich Angst davor gehabt hätte, weil ich noch an ihm hinge – das nun ganz gewiss nicht! 😉 Aber es gibt Menschen, die man einfach nicht mehr sehen möchte und nicht weiß, wie man auf ein Wiedersehen reagiert – gerade dann, wenn Verachtung im Spiel ist. Um das bei mir zu erzeugen, muss man schon sehr daneben gelegen haben. Denn weder bin ich unversöhnlich, noch arschig. Man muss also sehr viel ganz falsch gemacht haben. Wenn ich es recht überlege, ist Dirk der einzige Mensch, dem das in Vollendung gelungen ist. 😉 Nicht, weil er so ein toller Mensch sei, sondern weil er sich so schlecht benommen hat. Und ich weiß, dass ich auch Fehler habe – aber so bescheiden habe ich mich, glaube ich, noch nie benommen, schon gar nicht zweimal. Sogar ich lerne bisweilen aus Fehlern. 😉

Als ich den Sitzungsraum betrat, starrte mich ein nur geringfügig geplündertes Buffet an! Was für eine Schande! So schöne Dinge in Sachen „Fingerfood“, wirklich verlockend. Mir blutete das Herz. Zwei Sachen probierte ich. Bei einer fehlte mir etwas Salz, aber ansonsten schmeckte es prima.

Dann schaltete ich den Beamer aus, da die Tagungsteilnehmer dies wohl nicht für nötig gehalten hatten, und ich sammelte unser Dienst-Laptop ein. Einen Blick noch auf das nur geringfügig berührte Buffet geworfen – wie schade um all das! Ich kann so etwas nicht so gut haben.

Und als ich den Raum abschloss, weil der Caterer die „Reste“ erst morgen abholen würde, blutete mein Herz noch mehr. Ob man mit den noch essbaren Dingen einigen Bediensteten eine Freude machen konnte?

Kaum gedacht, sah ich den Pförtner da in seiner Loge sitzen, und ich lief auf ihn zu und meinte: „Herr da Silva? Wenn Sie gerne ein Stück Kuchen oder etwas Herzhaftes essen möchten, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich im Sitzungsraum B4… einfach bedienen würden. Da stehen noch so viele Sachen, und ich hoffe, Sie verstehen das nicht falsch – mir tut es einfach nur leid um die vielen Sachen, und Sie sind immer so nett zu mir.“ Herr da Silva freute sich und meinte: „Frau B., wenn Sie so etwas sagen, würde ich das nie falsch verstehen! Sie sind immer nett und freundlich.“ – „Ich kann auch anders,“, grinste ich, aber er meinte: „Kann jeder von uns, und meist nicht ohne Grund. Aber Sie wünschen immer so nett einen guten Morgen oder schönen Feierabend, und manchmal unterhalten Sie sich sogar mit uns!“ – „Ja, warum denn auch nicht? Sie sind doch alle zu mir auch immer nett!“ – „Das macht hier nicht jeder. Und wenn ich gleich Hunger haben sollte, komme ich gern auf Ihr Angebot zurück. Ganz herzlichen Dank!“

Zurück im Büro, sah ich, dass die meisten Kollegen bereits den Heimweg angetreten hatten – sonst hätte ich denen auch noch vom Buffet etwas aufs Auge gedrückt. Erstaunlich, dass, als ich auf den Flur zurückkehrte, die Tür meines Kollegen Alexander kurz aufging, er um die Ecke kam, mich sah und schnell in sein Büro zurücklief – ich wusste, warum. Alexander und Dirk sind befreundet, und mir war klar, dass das Grauen nun auch auf meinem Flur war. 😉

Als ich Alexander dann in der Küche traf, meinte ich: „Beim nächsten Mal warnst du mich, bitte, vor, wer hier zu Gast ist.“ Und ich schilderte die Szene aus Frau Herfords Büro. Alexander starrte mich betroffen an und meinte: „Du hängst immer noch an ihm?“ Ich starrte irritiert zurück und meinte: „Wie kommst du denn darauf? Nein. Es gibt einfach Menschen, die ich nicht wiedersehen möchte. Und ich wüsste einfach gern, wenn solche Menschen in meiner Nähe sind. Dann bleibe ich nämlich in meinem Büro auf meinem Hintern sitzen und bewege mich keinen Millimeter. Das hat rein gar nichts mit Vermissen zu tun, Gott behüte! Nee, ich will Dirk einfach nicht sehen. Ist das nachvollziehbar? Aber ich fand rührend, wie du vorhin in dein Büro zurückgehuscht bist – das habe ich wohl bemerkt.“ Alexander grinste und meinte: „Okay. Ja, ich habe inzwischen auch mitbekommen, dass man dir übel mitgespielt hat – Dirk sitzt in meinem Büro und ist völlig bestürzt darüber, dass du ihn so eiskalt hast abfahren lassen. Aber, Ali – gut gemacht. Hat er verdient. Dazu habe ich ihm auch etwas gesagt. Ich hoffe, du bist nicht böse, dass ich trotzdem mit ihm befreundet bin, auch wenn ich einige Dinge auch nicht gutheiße.“ – „Kein Problem! Keine Sorge!“ – „Und künftig warne ich dich vor, versprochen!“ – „Dann ist es ja gut.“

Danach bin ich nach Hause gefahren. Und zu Hause fand ich Andys CD vor – und sie ist einfach klasse! Ein schöner Abschluss eines sehr merk- und denkwürdigen Tages. 😉

Zum morgigen Tag werde ich weder Wünsche, noch Hoffnungen äußern. Die letzten Tage zeigten, dass das ohnehin vergebene Liebesmühe ist … 😉

Ich bin so gut wie nie unversöhnlich. Man muss schon ganz tief in die Scheiße gegriffen haben. 😉

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