Ali hat einen Sprachfehler – seit heute …

Gestern hatte ich allen – auch euch! – einen entspannten Arbeitstag gewünscht. Nun, inzwischen sitze ich zu Hause, und ich kann nur sagen: Entspannter Arbeitstag geht anders. 😉

Heute war es total hektisch, und ich hatte ja noch die morgige Tagung an der Backe. Eigentlich bin ich heute mehr gerannt als sonst in einer Woche. Und ich bin wirklich gerannt – von A nach B, und dann wieder retour.

Zwischendurch riefen mehrere Sekretärinnen der Tagungsteilnehmer, ergo echter VIPs, an: „Frau B., mein Chef kommt mit Fahrer!“ In einem Ton, als gelte nun größtmögliche Ehrerbietung. Mit Fahrer! Wow! Ab Anruf No. 3 musste ich mir ernsthaft auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt: „Ja, und?“ zu sagen. Ich riss mich zusammen, aber es fiel schwer. 😉 Und brav beantwortete ich die Fragen, ob denn für das jeweilige privilegierte Chef-Fahrzeug auch gefälligst ein Parkplatz reserviert sei, mit einem sedierend-valiummäßig klingenden: „Aber natürlich! Es steht sogar ein Mitarbeiter zur Verfügung, der die Fahrer einweist!“ (Hatte ich heute noch mit Kollegin Anna vereinbart, quasi auf dem letzten Drücker, und nun muss morgen Kollege Björn, immer nett, wenn auch ruhrimäßig kurz und knapp mit Worten, in der morgendlichen Kälte stehen und das Offensichtliche noch offensichtlicher machen, denn die reservierten Parkplätze sind allesamt mit Absperrband schon gut sichtbar markiert. Aber man weiß ja nie …)

Um mich vor weiteren Anfragen zickiger Assistentinnen/Sekretärinnen zu schützen, scannte ich sowohl Anfahrts-, als auch Gebäudeplan meines Arbeitgebers ein, zuvor mit verschiedenfarbigen Textmarkern an den neuralgischen Punkten (Kreisverkehr, Parkplatz, Gebäude B) und einer kleinen, handschriftlichen Legende versehen („Anfahrt zum Gebäude“, „Parkplatz mit 20 reservierten Parkplätzen auf dem Mitarbeiter-Parkplatz“ und „Haupteingang Gebäude B – danach rechts halten und den Wegweisern folgen“). Ich gebe zu, das hätte man viel schöner machen können – hätte man mehr Zeit gehabt, die ich heute nicht hatte. 😉 Die PDF-Dateien schickte ich an den Referenten, der diese Veranstaltung von ferne inhaltlich organisiert, und dies mit der Bitte, das Ganze an den entsprechenden Verteiler zu senden. Ich dachte, ich würde mir damit Arbeit ersparen …

Doch gegen Nachmittag ereilte mich der Anruf einer sehr „korrrrekten“ Assistentin. Die klang, wie eine Chef-Assistentin immer klingen sollte: fröhlich, gutgelaunt und absolut „korrrrekt“. Superprofessionell. Und ihre glockenhelle Stimme schallte an mein Ohr und äußerte dies: „Ach, Frrrrau B. – wie schön, dass wiirrrr einanderrrr nun am Telefon begegnen! Vielen Dank füürrrr die Skizze!“ (Da ich selber in diesem Bereich arbeite, verstand ich sofort: Sie watschte mich gerade ab – ich hatte wohl etwas falsch gemacht … Aber was?)

Und da kam es auch schon: „Sicherrrrlich haben Sie gedacht, dass Sie sich Arrrrbeit errrrspaarrrren würrrrden, indem Sie diese Skizze schickten! Aberrrr nein! Da komme ich und habe gleich eine Frrrrage!“ Ich starrte irritiert vor mich hin. Aber keineswegs des Inhaltes dieser Ansprache wegen, eher wegen der Artikulation. Ich bin von Hause aus Linguistin mit Schwerpunkt Phonetik und Phonologie, und diese Aussprache irritierte mich zutiefst. Sie klang so, wie mein Dackel immer klang, wenn er verrrrärrrgerrrt waarrrr – ooops! Wenn er verärgert war, meine ich. Denn sein Knurren klang genauso guttural wie die Ansprache dieser Assistentin, ein echtes „Rachen-R“. Warum knurrte sie mich an? Ich hatte es doch nur gut gemeint! 😉

Sogleich fuhr ich meine Krrrrallen aus und meinte in ganz besonders liebrrrreizendem Tonfall (ganz gefährlich!): „Ja, es tut mir sehr leid, denn ich hätte auch gerne eine maßstabsgetreue Skizze gezeichnet, aber dazu fehlte mir die Zeit!“ Ich klang, zugegeben, ein bisschen nickelig, aber das war nur für die Leute zu hören, die mich kennen. Für alle anderen klang ich nur absolut liebreizend und so, dass es zu schön sei, um wahr zu sein. 😉 War es ja auch. Aber auch das wissen nur die Leute, die mich zumindest ein bisschen kennen.

„Aberrrr nein! Das wäärrrre doch gaarrrr nicht nötig, Frrrrau B.! Nuurrrr: Da haben Sie etwas marrrrkierrrrt, auf dem ‚B1‘ steht, aberrrr der Sitzungsrrrraum ist doch ‚B4‘!“

Ich starrrrte irrrritierrrrt auf meinen Plan: Ja, da stand „B1“. Das stand da, weil es der verrrrrdammte Haupteingang des B-Gebäudes ist! Eigentlich relativ klar verständlich.

Aber ich umschrieb es höflich, als ich der Dame antwortete: „Nun, natüürrrrlich steht da ‚B1‘, weil es deerrrr Haupteingang ist! Ab da muss Ihrrrr Chef sich rrrrechts halten. Aberrrr es stehen auch Wegweiserrrr da!“

Noch bevor mir auffallen konnte, dass ich die völlig unnatürliche Artikulation meiner Gesprrrrächspartnerin unabsichtlich spiegelte, rief diese: „Ha! Frrrrau B.! Sie kommen aus dem Westerrrrwald! Das höörrrre ich genau! Sie betonen das Errr so besonderrrrs!“

Stimmt, im Westerwald wird das R auch sehr betont, aber nicht derart velar/uvular. Und so meinte ich: „Nein! Ich komme nicht aus dem Westerwald! Gott behüte! Sie vielleicht?“ – „Aberrrr nein! Wie kommen Sie darrrrauf?“ Ja, wie nur? 😉

Nachdem wir dann jegliche Missverständnisse geklärt und sie gemeint hatte: „Wahrrrrscheinlich weerrrrden Sie auch noch von anderrrren verrrrwirrrrten Assistentinnen angerrrrufen“ – sie war und blieb die Einzige -, verabschiedeten wir uns in grrrößtmöglicherrrr Harrrrmonie voneinander. Ich legte den Hörer und atmete auf. Mein erster Gedanke war: „Das muss ich morgen früh unbedingt Daniela erzählen!“ (Daniela hat ein Faible für solche Dinge – Absurditäten am Arbeitsplatz. Genau wie ich.)

Inzwischen glaube ich, dass die arme Assistentin möglicherweise einst eins von ihrem Chef aufs Dach bekam, weil sie das R immer „veschluckte“, „ga nich atikuliete“. Und vielleicht ist sie Opfer eines allzu genauen Logopäden geworden. Oder sie hat eines dieser tollen Sekretariats-Seminare gemacht: „Professionelles Sprechen am Telefon ohne Lautverlust“. 😉 Wer weiß das schon? Ich stellte nur an mir fest, dass ich nach ihrem Anruf das R derart guttural rollte, dass es sogar meinem Chef auffiel … Sowas scheint anzustecken.

Und kurz bevor ich meinen Rechner herunterfuhr, als ich Feierabend hatte, tauchte eine Mail von ihr auf, in der sie sich für das nette Telefonat bedankte. Ob wir uns nicht irgendwie vernetzen sollten? Das fand ich nett. Aber ich habe noch nicht geantwortet. Ihr schwebten wohl auch persönliche Treffen und Tagungen vor. Ihre Mail las sich ganz normal, aber ich weiß, wie sie klingt. Und hinsichtlich Tagungen und Treffen bin ich noch unschlüssig. Ich war heute schon froh, dass ich am Telefon nicht lachen musste. Und dann stellte ich fest, dass das Phänomen ansteckend war. Vielleicht doch lieber keine Treffen und Tagungen? So künstlich will ich nicht klingen – da kann die Kollegin noch so nett sein …

In diesem Sinne: Bleibt euch selber treu! 😉

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