„So ein Tag, so wundersch…“

Stop! Nicht weitersingen! Denn Titel wie Refrain dieses Liedes spiegeln beileibe nicht das wider, was ich heute erlebte. Es war eher ein Tag, an dem man denkt: „O Herr, lass Abend werden – der Morgen kommt von selbst.“

Nun, der Morgen kam heute früh auch von selbst, nachdem ich mich die ganze Nacht von links nach rechts und vice versa gewälzt hatte. Ich bin es ja gewohnt, dass ich meist nicht durchschlafe, sondern etwa alle zwei Stunden wachwerde, ohne dass irgendein zwingender, vordergründig erkennbarer Grund dafür vorliege. Dass ich aber gar nicht schlafen kann, ist eher selten und noch zermürbender als diese ohnehin schon zermürbende Zwei-Stunden-Regel.

Gestern war es so. Im Grunde war es eine Art „Rollkur“, was ich da nachts mitmachte – von rechts nach links, von links nach rechts. Eine Rollkur, wie sie Magenkranken verordnet wird, nicht die aus dem Dressur-Reitsport, wohlgemerkt. 😉

Gegen fünf Uhr beschloss ich: „So, Ali, du bleibst jetzt noch eine halbe Stunde liegen und entspannst dich, dann stehst du auf. Und das einzig Gute daran ist, dass du heute viel früher bei der Arbeit bist!“ Hatte ich ja ohnehin so geplant – früher da sein.

Als ich gegen 7:15 Uhr aufwachte, bekam ich einen Mordsschrecken, da viel später, als geplant, und ich schoss senkrecht aus dem Bett. Das soll mir erst einmal jemand nachmachen! Sehr entfernt sah ich so aus wie die Tussi in der 80er/90er-Jacobs-Kaffee-Werbung, in der alles mintgrün gehalten war und eine Blondine total durchtrainiert morgens wie abgeschossen aus dem Bett springt – so sehr freut sie sich auf den Tag! Und ist natürlich gespannt wie eine Feder, super durchtrainiert und – wie könnte es anders sein! – perfekt geschminkt und frisiert. Seit der Ära dieser Kaffeewerbung hasse ich die Farbe Mint.

Denn ich sehe nie so aus, wenn ich mich morgens aus dem Bett wälze. Auch nicht, wenn ich senkrecht aus dem Bett starte, so wie heute. Eher so, wie man es als „derangiert“ bezeichnet. Halbblind taste ich mich bis ins Bad vor, vermeide den Blick in den Spiegel und taste mich erst einmal bis zur Dusche vor. Nach der Dusche sieht alles zwar immer noch nicht übermäßig schön, aber einigermaßen nett aus. Vor allem, da meine Augen zur Gänze geöffnet sind und man erkennt, dass es sich bei mir um ein menschliches Wesen handelt. 😉 Mit echten Augen. Nicht nur schmalen Schlitzen. 😉

Da mit Musik alles irgendwie leichter geht und zu ertragen ist, hörte ich heute etwas ganz Altes, was aber situationsbedingt hervorragend passte: „Perfect Day“ von Lou Reed. Und ich sang sogar mit, mit etwas rauchiger Stimme: „Oh, it’s a such perfect day! / I’m glad I spend it with you. / Oh, such a perfect day / You just keep me hangin‘ on.“ Gut, jeder, der sich ein bisschen auskennt, weiß, was Lou Reed damals angeblich besungen habe – bei mir bezog sich das Ganze lediglich auf Kaffee, der gerade in meiner “Original French Press” vor sich hin reifte, während ich mich abtrocknete, eincremte und anzog. 😉

Ich gebe zu, ich bin, was Kaffee anbelangt, ein wenig junkymäßig drauf … Merkwürdigerweise meist nur, wenn ein Arbeitstag ansteht. Ansonsten trinke ich auch gerne Tee – der ist gemächlicher. 😉 Das perfekte Wochenend-Frühstücksgetränk! Zumindest für mich. 😉

Nach dem ersten Kaffee ging es ein bisschen besser. Und ich machte mich fertig, war mit dem Ergebnis fast so etwas wie ansatzweise zufrieden, sprühte mir Parfum ins Haar – ich muss dringend zum Friseur! – und machte mich auf den Weg zu Monty, der am Arsch der Welt geparkt stand. Und dann fuhr ich los. Nichts Böses ahnend.

Doch wie ich sehr schnell feststellte, schienen heute zu einem nicht gerade geringen Prozentsatz Wahnsinnige und Lebensmüde unterwegs zu sein. Auf einer der Hauptverkehrsstraßen in meinem Stadtteil, auf der auch die Straßenbahn fährt, fuhr ein Radfahrer völlig blind, aber selbstbewusst vom Bürgersteig auf die Straße, ohne mal zu gucken, ob da vielleicht ein Auto käme. Ich bremste heftig und hupte. Und ich hupe wirklich total ungern. Der offenbar suizidgefährdete Depp zeigte mir einen Vogel, ich tippte mir ebenfalls an die Stirn. Normalerweise habe ich mich gestikmäßig beim Fahren im Griff, aber hier – das ging gar nicht! Fährt einfach blind drauflos, obwohl er einen Radweg zur Verfügung hat, was hier in meiner Stadt Seltenheitswert hat! Denn die meisten „Radwege“ sind gar keine, sondern bestehen aus diesen entzückenden „Mehrzweckstreifen“. Und der Typ hatte einen echten Radweg, schoss aber einfach auf die Straße! Hui, mein Blutdruck war ziemlich hoch aufgehängt, als ich weiterfuhr.

Aber man muss ja immer positiv denken, und so dachte auch ich: „Ali, alles im grünen Bereich! Den Wahnsinnigen des Tages hast du nun schon hinter dir!“

Bis ich dann auf dem Nordring war und auf die linke Spur wechselte, weil vor mir ein Bus an der Haltestelle kurz vor dem Ortsausgang hielt. Da wechselt man lieber die Fahrspur, wenn man nicht hinter dem Bus kleben will und ohnehin in absehbarer Zeit links abbiegen muss.

Hinter der Haltestelle geht eine Seitenstraße nach rechts ab. Und als der Bus gerade links blinkte, anfuhr und beschleunigte, fuhr ein Mann aus der Seitenstraße heraus – direkt vor den Bus, den er nur übersehen haben konnte, wenn er blind oder sturztrunken war. Ich konnte den Wagen erst gar nicht sehen, da vom gerade anfahrenden Bus verdeckt, den ich soeben – und ich war mit 55 km/h fast nicht zu schnell!  😉 – überholen wollte. Der Bus bremste heftig, was ich sehr spontan wahrnahm, und der Mann in dem Wagen fuhr vor ihm vorbei, um dann auf meiner Spur zu halten!

Noch jetzt fasziniert mich, wie synchron mein linker und mein rechter Fuß reagierten – echte Harmonie! Der eine trat das Kupplungs-, der andere das Bremspedal bis zum Bodenblech durch – damals im Tanzunterricht hatte ich immer den Eindruck gehabt, meine beiden Füße führten ein voneinander völlig unabhängiges Eigenleben. So kann man sich täuschen. Die harmonieren perfekt! 😉 Und ein Blick in den Rückspiegel bescheinigte mir dann auch, dass mein Hintermann sehr weit von mir entfernt war – sonst hätte es nicht so easy ausgesehen. 😉

Obwohl mir gar nicht „easy“ zumute war, zumal der Idiot, der einfach aus der Seitenstraße gekommen war, auch noch quer auf meiner Spur stehenblieb. Der Busfahrer hupte, und ich sah, wie er gen Mann gestikulierte. Ich kam zum Stehen, hupte ebenfalls und gestikulierte möglicherweise noch wilder. Der Mann – zum Glück war es ein Mann und keine Frau! 😉 – glotzte nur stupéfait, und ich hupte erneut. Er starrte mich an wie ein Huhn, wenn es donnert, während hinter mir andere Autos heranbrausten. Ich benutzte sowohl Lichthupe, als auch akustische Hupe, der Busfahrer zog in einem Schlenker um den Wagen des offenbar Lebensmüden herum. Der schien aus einer Art Traum zu erwachen und machte die Straße frei. Ich gestehe: Ich wäre am liebsten ausgestiegen und hätte den Watsch‘nbaum umfallen lassen, was diesen Fahrer anbelangte, denn mein Herz raste, als würde es dafür bezahlt, denn hinter mir bretterten einige Autos heran, und die Spur rechts war dicht.

Und dann war die linke Spur endlich frei, und ich fuhr an – garniert von wildem Gehupe hinter mir, aufblendenden Lichthupen und sonstigen schönen Dingen. Und ich weiß ganz genau, was die Fahrer hinter mir fluchten oder zumindest dachten: „Typisch! Frau am Steuer!“ Das macht mich – ich gebe zu, ich kann Ungerechtigkeiten überhaupt nicht leiden – jetzt noch ein bisschen sauer. 😉 Ich musste doch heftig bremsen und stehenbleiben, denn anderenfalls wäre ich dem Idioten in die Fahrertür gekracht. Und ich war fast nicht zu schnell gewesen, nur ganz knapp über den erlaubten 50 … (Bei diesem Verkehrsteilnehmer wären wahrscheinlich 30 km/h noch im kritischen Bereich gewesen.)

Aber Monty zeigte, was er kann, als ich vom Stand und aus dem ersten über den zweiten, dritten und vierten Gang so rasch beschleunigte, dass ich dachte: „Und du hast Schaltwagen immer gehasst! Warum eigentlich? Klappt doch alles prima!“

Ich kam bei meinem Arbeitgeber an und war schon ziemlich sickig. Der Rest des Tages wurde nicht besser, und trotzdem habe ich es geschafft, immer ganz freundlich zu klingen. Naja, fast immer … 😉

Und mein Orthopäde hat mir dann anstandslos eine sogenannte „Epicondylitis-Spange“ verschrieben, die ich auch gleich im Sanitätshaus abgeholt habe. Und es hat mich nur 5,- € gekostet. Und das Gerät passt farblich auch noch zu Monty, da dunkelblau! Die Alternative wäre beige gewesen. Sagt nicht, ich hätte keinen Stil, auch wenn ich heute auf dem Nordring kurz davor war, dem idiotischen Fahrer den Stinkefinger zu zeigen. 😉 Obwohl auch das durchaus verständlich gewesen wäre. Finde ich. Ihr wart ja nicht dabei. 😉

In diesem Sinne: Ich hoffe auf einen entspannten Arbeitstag morgen. Und den wünsche ich euch auch. 🙂

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.