Das Grauen hat einen Namen …

Es gibt so viele Begriffe, die mir abwechselnd heiße und kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Nicht nur Begriffe. Manchmal sind es ganze Sätze. „Wir müssen mal reden“ gehört dazu. Reden finde ich total klasse, aber der Satz: „Wir müssen mal reden“ erzeugt größtmögliche Pein in mir. Denn meist verbirgt sich bestenfalls etwas Unangenehmes, schlimmstenfalls eine Katastrophe dahinter. Höre ich: „Wir müssen mal reden“, und das an mich gerichtet, werde ich sofort nervös. Was habe ich angestellt? Dieses verdammte Sündenregister, das einem sofort vor Augen erscheint – obwohl der Grund des Redenmüssens meist ein ganz anderer ist, den man gar nicht auf dem Schirm hatte.

Aber eben auch einzelne Begriffe sind fähig und in der Lage, mich in eine unruhige Grundstimmung zu versetzen. Dazu gehört auch der Terminus „Einkommensteuererklärung“. O Gott – gruseliges Wort!

Er versetzt mich jedes Jahr in eine derartige Unruhe, dass ich zumeist mehr oder weniger kurz vor dem 31. Mai, dem Abgabetermin in meinem Falle, einen lieblich-freundlichen Brief ans Finanzamt schreibe. So liebreizend immer – ich erkenne mich oft selbst nicht wieder, wenn ich die süßen und um Verzeihung bittenden Worte lese, die ich da fabriziere, von denen ich gar nicht wusste, dass ich solche Worte im Hinblick auf eine der schlimmsten Behörden aller Zeiten produzieren könne!

Nein, ich bin nicht obrigkeitshörig – eher das Gegenteil. Aber das Finanzamt kann einem richtig Ärger machen. Richtigen Ärger hatte ich zwar noch nie damit, aber was ich bis dato mit dem hier in dieser Stadt zuständigen FA erlebt habe, reicht auch schon. Nicht auszudenken, sie könnten wirklichen Ärger machen! 😉 Wie harmlos dagegen die Finanzämter Aachen-Innenstadt und Düsseldorf-Süd, mit denen ich zuvor zu tun gehabt hatte und die als „ganz furchtbar“ verschrien waren. Komischerweise kam ich mit denen wunderbar klar – das FA Aachen-Innenstadt hat sich sogar mal total nett bei mir entschuldigt, als sie mich zu Unrecht bezichtigt hatten, Steuern zu hinterziehen, obwohl ich Studentin war. Ich musste nur hingehen und meinen RWTH-Studentenausweis vorlegen, schon meinten sie: „Das tut uns sehr leid, Frau B.! Entschuldigen Sie, bitte – wir hatten nicht auf dem Schirm, dass Sie Studentin sind!“ Ich bekam sogar einen Kaffee angeboten und ließ seither nix auf das FA Aachen-Innenstadt mehr kommen. Wer sich in dieser Behörde so nett entschuldigen kann, hat wirklich Verteidigung und Lob verdient. Finde ich jedenfalls. 🙂

Jedenfalls schreibe ich alle Jahre wieder diesen wunderbaren Brief ans FA dieser Stadt hier, in dem ich um Verlängerung der Abgabefrist bitte, wohl wissend, dass das Grauen damit nur aufgeschoben sei. Aber immerhin um ein Vierteljahr! 😉

Und dann vergeht der Sommer … Denn statt mich einfach mal hinzusetzen und diese verdammte Steuererklärung zu machen und sogar mal vor Ablauf der Frist einzureichen, denke ich mir stets: „Es ist noch viel Zeit bis zum 30.09.!“ Bekanntermaßen ist der 30.09. bei werbegeschädigten Kindern der 80er und 90er ja auch „Wüstenrot-Tag“. 😉 Und ich bin eindeutig werbegeschädigt. 😉

Heute ist der 28.09. – ich habe noch zwei Tage Zeit bis zur Abgabe. Der größte Teil ist auch schon erledigt, aber irgendwie graut mir doch sehr vor der Abgabe. Ich schwöre – auch wenn ihr das sicherlich albern finden werdet -, ich habe immer etwas Herzklopfen, wenn ich das große Kuvert in den Briefkasten des Finanzamtes werfe … Habe ich an alles gedacht? Alle Posten aufgeführt, die zu meinen „Belastungen“ gehören? Kontoführungsgebühren und anderes?

Und jedes Mal, wenn ich vom FA nach Hause gehe, fällt mir ein winziger Posten ein, den ich glatt vergessen habe, und dann ärgere ich mich immer ganz zünftig! Es ist genau wie früher an der Uni, wenn man eine Klausur geschrieben hatte und einem dann hinterher auffiel, dass man in dieser und jener Aufgabe doch möglicherweise etwas falsch gemacht haben könnte … Unangenehm hoch drei. Zumindest für kleine Bedenkenträger. 😉

In der Anfangszeit meiner Berufstätigkeit habe ich meine Steuererklärung immer mit meinem besten Freund Fridolin gemacht. Der ließ nie locker und holte das Letzte heraus, was möglich war. Damals gab es noch nicht so viel, was ich hätte geltend machen können, aber ich erinnere mich an ein Mal, da er sagte: „Es widerstrebt meinem Gerechtigkeitsempfinden, müsstest du auch noch etwas nachzahlen! Los, überleg doch – was könnten wir hier noch angeben?“ Und dann fiel mir tatsächlich noch etwas ein, und er trug es ein, und ich habe dann – zu D-Mark-Zeiten – tatsächlich exakt 1,01 DM überwiesen bekommen. Irre, wenn man bedenkt, was allein so eine Überweisung an Gebühren kostet! 😉 Aber Fridolin war zufrieden – ich war es auch.

Vorletztes Jahr habe ich mehrere hundert Euro zurückbekommen. Ich war begeistert über diesen unerwarteten, warmen Geldregen. Und so graute mir im letzten Jahr auch schon viel weniger vor der Einkommensteuererklärung. Aber, ach! Ich hatte aufgrund der Zusammenlegung der Finanzämter Nord und Süd hier in dieser Stadt nicht nur eine ganz neue Steuernummer, sondern auch eine ganz neue Sachbearbeiterin bekommen! Frau Müller! Und obwohl die Verhältnisse und auch die Honorare meiner Nebentätigkeit sich nicht von der des Vorjahres unterschieden, musste ich sehr viel nachzahlen, wie ich im Bescheid las. Als ich den für meine Verhältnisse hohen Betrag sah, zwischen Tür und Angel, war ich zunächst begeistert, hielt ich das Ganze doch für eine Rückzahlung. Doch dann sah ich den magischen Satz: „Bitte zahlen Sie diesen Betrag bis spätestens …“ Wie meinen? Ich gestehe, ich musste mich erst einmal setzen. Warum? Frau Lüchow, die vorherige Sachbearbeiterin, wäre niemals so garstig gewesen – und wirklich: Es waren alle Verhältnisse fast exakt so wie im Vorjahr gewesen! Frau Müller hatte schon verschissen! 😉 Noch mehr, als ich sie anrief, um einen Termin zu machen, nachdem ich Widerspruch eingelegt hatte. Sie war kackfrech und behauptete, ihre Vorgängerin sei wohl „zu gutmütig“. Widerspruch zwecklos, und so fielen die Weihnachtsgeschenke letztes Jahr ein bisschen kleiner aus … Danke, Frau Müller! 😉

Und nun graut mir umso mehr vor übermorgen. Liebe Frau Müller, ich muss Winterreifen für den kleinen Monty kaufen! Wissen Sie, wie teuer die kleinen Scheißerlein sind, allein schon deswegen, weil sie RDKS-fähig sein müssen? Und sehe ich aus, als hätte ich einen Esel auf dem Balkon, der güldene Dukaten kacken kann? Ach, Verzeihung – Sie wissen ja gar nicht mehr, wie ich aussehe! Sie erinnern sich maximal an meine Steuernummer und hatten Ihre helle Freude daran, all das nicht zu berücksichtigen, was Ihre nette Kollegin Lüchow akzeptierte … 😉 (Obwohl ich auch mit Frau Lüchow anfangs einige kleine Schwierigkeiten hatte, als ich gerade umgezogen war und mein Nachsendeauftrag nicht so funktioniert hatte, wie ich das geglaubt hatte. Aber wir konnten die Missverständnisse ausräumen, und Frau Lüchow gab – nachdem sie mir eine ungerechtfertigte Mahnung in unfreundlichem Tonfall geschickt hatte, obwohl ich den stets vorhergehenden Bescheid aufgrund der Post-Schlamperei nicht bekommen hatte – dann zu, dass sie den mit dem Vermerk „Unbekannt verzogen“ zurückgekommenen Bescheid glatt übersehen hätte. Auch sie entschuldigte sich, und danach verstanden wir einander wirklich gut.)

Ich sollte allerdings wirklich mal damit anfangen, meinen Hang zur Prokrastination abzulegen und – im nächsten Jahr – einfach mal freudig loszulegen, was die Steuererklärung anbelangt. Ist doch alles ganz einfach. Oder? 😉

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