„Und willst du nicht mein Bruder sein …“

Ich gebe zu, es kann manchmal enttäuschend sein, wenn man jemandem etwas Gutes tun möchte, und der will einfach nicht hören! 😉 Aber allzu enttäuschend auch wieder nicht, jedenfalls nicht für mich, weil ich ewiges Insistieren und Beharren darauf, dass jemand es „nur gut“ mit einem meine, auch nicht ausstehen kann. Noch dazu von Leuten, die charakterlich völlig anders geartet sind als man selber.

Ich vertrete ja – für Leute, die mich schon in meiner bisweilen etwas autoritär wirkenden Art erlebt haben – erstaunlich liberale Ansichten, was eigenverantwortliches Handeln anbelangt. Seit ich mich zurückerinnern kann, hatte ich Diskussionen mit meinem Vater darüber, der immer meinte: „Kind, hör auf mich. Meiner Erfahrung nach …“ Und ich kam dann immer mit: „Papa, hast du schon mal bemerkt, dass wir beide völlig unterschiedlich ticken?“ Und dann versuchte ich, ihm zu erklären, dass das, was für Person A total hilfreich sei, für Person B, völlig anders als Person A, schlimmstenfalls sogar tödlich sein könne. 😉 Gut, rein praktische Dinge wie Ratschläge beim Eröffnen eines Kontos oder solche Dinge sind okay – da kann man nicht so viel falsch machen, wenn man sich an gängige Regeln hält. Sobald es aber in den individuell-persönlichen Bereich geht, können große Pleiten die Folge sein, hält man sich stur an die Erfahrungen eines Menschen, der völlig anders ist als man selber. Sicherlich können Pleiten immer passieren, aber wenn eine solche geschieht, wenn man seiner eigenen Intuition gefolgt ist, ist es wenigstens eine ureigene Erfahrung, und es gibt keinen Grund, jemand anderem als sich selber Vorwürfe zu machen. 😉 Finster wird es, wenn man seinen ureigenen Vorstellungen gefolgt und auf die Nase gefallen ist, und dann kommt jemand und sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt …“ oder: „Ich hab ’s ja gleich gewusst!“ Auch das ein Allergiefaktor bei mir. 😉

Richtig krass wird es für meine Begriffe, wenn es sich um weltanschauliche Dinge handelt. Da kann ich ziemlich wütend werden, wenn jemand mir partout einhämmern will, meine Einstellung sei komplett falsch, und das mit einer Autorität, die meine „natürliche Autorität“, wie einige Leute das schon wohlwollend nannten, in den Schatten stellt und als Waisenknaben dastehen lässt; einem Starrsinn, den ich persönlich als peinlich empfände, wäre er mir eigen. (Auch wenn ich manchmal etwas stur wirke: Lange halte ich das nie durch … 😉 ) Ich kann es nicht ausstehen, wenn manche Menschen ihre persönliche Überzeugung als alleinseligmachende deuten und andere Menschen in diesem Sinne missionieren.

Herrschaftszeiten – es darf doch jeder nach seiner Façon glücklich werden, oder nicht? Hat zumindest schon der Alte Fritz gesagt, und ich glaube, mit dem hätte ich mich zumindest in diesem Punkt prima verstanden. Okay, nicht ganz uneigennützig war die Toleranz, die er gegenüber Minderheiten wie Hugenotten und Katholiken walten ließ, aber immerhin ließ er sie walten. 😉

Mit gerade eben elf Jahren kam ich aufs Gymnasium – ein weiterer heftiger Einschnitt nach meiner Einschulung im Alter von sieben Jahren, aber abgesehen von meinem neuen Klassenlehrer, Herrn Zuhoff, einem stets nervlich angegriffenen Exzentriker, von dem ich mich noch heute frage, wie man ihn auf solch noch kleine Kinder loslassen konnte, war alles tutti. Nette Mitschülerinnen und Mitschüler, denn zum Glück kam ich in eine gemischte Klasse von den vier Parallelklassen. Ich in die A, obwohl die Direktorin mich zunächst in die D hatte stecken wollen – eine reine Mädchenklasse. Nicht auszudenken, was da aus mir geworden wäre … 😉 Als in der Oberstufe die Klassenverbände aufgelöst und das Kurssystem eingeführt wurde, hatte ich öfter mit den D-Mädels zu tun – Hauen und Stechen, kann ich nur sagen. Eine sehr liebe Freundin aber damals dazugewonnen, auch eher handfest, trotz aller Sensibilität, und die sagte mal: „Sechseinhalb Jahre Horror in dieser Mädchenklasse – ich bin so froh, dass diese Scheiß-Klassenverbände aufgelöst worden sind. Sonst hätten wir uns sicherlich nie angefreundet. Die drei gemischten Klassen wollten ja nie mit uns zu tun haben. Und womit? Mit Recht! Immer dieses Gezicke!“ Tanni und ich waren dann über viele Jahre befreundet – sie besuchte mich in Aachen, ich besuchte sie an ihrem Wohnort, und wir haben diverse lustige Abende mit viel Bier und Wein verbracht. Hätte man mir das vor der Oberstufe gesagt, hätte ich mir sicherlich gegen die Stirn getippt. In diesem Mädchenklassenverband, in dem die meisten so drauf waren, dass sie dem Klassenlehrer immer durch liebreizend-devotes Verhalten signalisierten, dass sie „brave Mädchen“ seien, hatte ich niemanden erwartet, der so cool war wie Tanni und – noch besser! – das Ganze genauso ätzend fand wie ich. 😉

Sie berichtete: „Wehe, du fandest nicht genauso spannend, wenn irgendeine andere ein neues Oberteil hatte! Da warst du direkt ausgeschlossen. Oder dieses Gehabe mit Jungs! Unglaublich! Ging ein Junge an unserer Klasse vorbei, bekam der Raum quasi Schlagseite, weil alle Mädels sofort hinrannten, um den Knaben anzuhimmeln! Völlig egal, wie der Typ war – das hinterletzte Arschloch wurde angehimmelt!“ Ich staunte, als sie das erzählte. Denn nicht wenige Jungs in meiner Klasse waren im Grunde bereit zum Abschuss auf den Mond. Fand ich damals. Aber irgendwie arrangierten wir uns immer. Niemals aber wäre ich auf die Idee gekommen, bei Erscheinen eines männlichen Wesens derart zu reagieren. Ganz im Gegenteil! Erst einmal genauer unter die Lupe nehmen …

„Und dieses ewige Anhimmeln unseres Klassenlehrers war nur peinlich! Der ist total nett, aber mehr auch nicht – ich habe mich in dieser Klasse immer wie ein Fremdkörper gefühlt! ‚Herr Lehrer, ich weiß was!‘  – ‚Herr Lehrer, ich weiß noch mehr! Darf ich die Tafel auswischen und nach dem Unterricht Ihre Tasche tragen?‘ Ali, du kannst dir nicht vorstellen, wie ätzend das war!“ Nee, in der Tat – das konnte ich nicht. 😉 Und ich war froh. Aber es erklärte einiges. Diese Mädels waren allesamt bereit, den Nächstbesten zu heiraten, wenn der nur genug auf dem Konto hatte – so zumindest benahmen sie sich … 😉 Und wehe, man war anders. Tanni erzählte mir so einiges, und ich schüttelte nur den Kopf.

Bei uns in der Klasse war es ganz anders. Da gab es die echt „harten“ Jungs, und das schon von der Fünften an (rückblickend muss ich lachen …), dann die sensibel-intellektuellen, und dann die völlig Ahnungslosen. Bei den Mädels verhielt es sich nicht anders. Ich war eher ruhig und zurückhaltend – Menschen, die mich heute kennen, würden das nicht glauben. 😉 Aber irgendwann zwischen Abitur und jetzt muss ich so geworden sein, wie ich heute bin. Ich vermute, dass die Anfänge in Aachen während meines Studiums begründet liegen. 😉

Denn während meiner Schulzeit war ich zunächst noch ganz zahm. Zahm, aber doch mit einer eigenen Meinung versehen, was Vereinnahmung durch insistierende Dritte anbelangte. 😉

Nie werde ich meine Mitschülerin Netti vergessen. Netti war irgendwie anders – total schüchtern und total gläubig. Irgendwie und aus Sicht der anderen Mädels – und auch Jungs – „schräg“. Denn wenn wir alle in die große Pause abhauten, ging sie – mein ehemaliges Gymnasium ist eine Klosterschule – in die Kapelle und betete! Schon als Fünftklässlerin! Während wir auf dem Schulhof Fangen spielten!

Wenn ich schon nie zum Zentrum gehörte, weil ich kleiner und schüchterner war, war Netti eine absolute Außenseiterin. Ich habe mehrfach versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, weil es mir leid tat, dass sie so völlig außen vor war, aber was sie so erzählte, war mir völlig fremd, und ich lernte schon früh, dass „christliches Elternhaus“ und „christliches Elternhaus“ nicht unbedingt das Gleiche sei.

Richtig kapiert habe ich das, als ich in der Unterstufe zu ihrem Geburtstag im März eingeladen war. Es war alles irgendwie anders, überall in diesem Haus hingen Kruzifixe, sonstige Kreuze und Bibelzitate an den Wänden! Und als wir dann, kleine Mädchen noch und ein bisschen ungestüm, zum Abendessen am Tisch Platz nahmen und direkt reinhauen wollten in den Kartoffelsalat und die Käsebrote (denn Würstchen gab es nicht – kein Fleisch in diesem Haushalt!), wie es so bei Kindergeburtstagen üblich ist, rief Nettis Mutter: „Aber! Kinder! Wir sind doch keine Schweine! Wir essen doch nicht einfach drauflos!“ Erschrocken sahen wir einander an, aber wir waren ja alle gut erzogen! Und so standen wir auf und rannten Richtung Bad, um uns die Hände zu waschen … Doch da schallte die Stimme von Nettis Mutter hinter uns her: „Nein! Kommt zurück! Wir müssen beten!“

In den Folgejahren hatte ich immer einen wichtigen Termin, wenn Netti Geburtstag hatte … Obwohl mir das leid tat.

Schlimmer aber noch, was ihr im siebten Schuljahr widerfuhr. Das Jahr, in dem peu à peu ein nicht geringer Teil der Mädels erstmalig die „Tage“ bekam. Ich war von meinen Eltern behutsam auf dieses Ereignis vorbereitet worden – wie alle Mädels aus meiner Klasse. (Meist ist dies Sache der Mütter.) Und ich war bereits theoretisch wie praktisch im Bilde, als ich eines Tages Netti weinend vorfand. Da hatten wir Sport, und sie war in der Umkleide zurückgeblieben. Ich hatte etwas vergessen, und da fand ich sie. Sie weinte bitterlich und war völlig aufgelöst.

„Netti, was ist los?“ fragte ich bestürzt, und sie weinte noch mehr und meinte, sie sei wohl sehr krank. „Was hast du denn? Soll ich Frau Müller holen?“ fragte ich, und sie meinte, darüber könne sie im Grunde gar nicht sprechen. Das sei sicher Sünde. Da fiel bei mir der Groschen! Und ich sprach sie direkt auf ihr „Problem“ an. Sie nickte, und ich klärte sie dann auf. Im Grunde war es wie in einer vergleichbaren Szene der „Dornenvögel“, nur hier leider völlig real und nicht wie in diesem kitschigen Rührstück, was das Ganze im Grunde noch viel schlimmer machte.

Als ich nach der Schule meinen Eltern davon erzählte, wurden beide zornig, und meine Mutter rief: „Wie kann man nur! Das arme Mädchen! Kümmere dich ein bisschen um sie, Ali!“ Ich war mir nicht sicher, ob ich die Richtige dafür sei – Netti war so anders. Und bis zur zehnten Klasse wollte sie Nonne werden! Aber ich habe sie immer verteidigt, wenn andere sie doof angehen wollten – sie war immer irgendwie schutzlos. Schutzlos ihrer Mutter ausgeliefert, die wohl einen religiösen Wahn hatte und uns, drei Freundinnen und mich, dann auch irgendwann in ihren Bann ziehen wollte, als wir Netti, die immer ziemlich einsam war, besuchen wollten. Alle drei hat sie uns dann aus ihrem Haus geworfen, weil sie uns als „unwürdig“ empfand. Wie gerne hätten wir Netti mitgenommen! Ich habe bis heute keine Ahnung, was aus ihr geworden ist.

Ich hatte dann in Aachen auch eine Zeitlang mit einer religiösen Vereinigung zu kämpfen, die eine temporäre Mitbewohnerin, die, in Not, von mir aufgenommen worden, wohl aus Doofheit angelockt hatte, weil ihr eh alles egal war. Eine recht bekannte Sekte, die gerne zu zweit Hausbesuche abstattet, niemals Alkohol trinkt und rettende Bluttransfusionen ablehnt, auch wenn eigene Kinder dann sterben.

Der Anfang war harmlos. Zwei junge Frauen klingelten an der Tür, und ich sagte, ich hätte einen Termin. Hatte ich auch. Sie meinten: „Wir kommen bald wieder!“ – „Nein. Bitte halten Sie sich fern. Ich möchte das nicht.“ Die beiden lächelten überirdisch und gingen.

In der Woche darauf klingelte es erneut, ich öffnete. Und da standen sie schon wieder … Ich meinte, sie sollten sich bitte entfernen, ich hätte kein Interesse. Aber sie säuselten, sie wollten doch nur über die Bibel mit mir sprechen. Ich verwies sie der Türschwelle.

In der nächsten Woche das Gleiche. Ich war genervt bis unter die Achseln! „Hören Sie! Verstehen Sie, was ich sage? Ich will Sie nicht, bitte gehen Sie weg! Es interessiert mich nicht, was Sie mir sagen wollen – soviel Respekt sollte doch sein, oder?“ Meine Stimme klang bereits etwas kieksig – das ist immer ein schlechtes Zeichen …

In der Woche darauf öffnete ich nicht. Aber dann klingelten sie Sturm, auch bei den Nachbarn. Und irgendein Spast hat dann wohl den Türöffner betätigt. Schon standen sie wieder vor meiner Tür!

Ich sah sie mit diabolischem Grinsen an und meinte: „Bitte schön, kommen Sie herein!“ Und aus dem Kühlschrank angelte ich zwei Flaschen Bier und meinte: „Dann trinken wir erst einmal einen zusammen! So ein richtig schönes Herrengedeck! Den Schnaps hole ich gleich noch!“ Die beiden verabschiedeten sich erschrocken.

In der nächsten Woche drohte ich mit einem Zehnliterfass. Sie gingen.

Aber irgendwann haben sie mich erwischt! Da kam ich gerade aus einem Hauptseminar und wollte nach Hause. Und ich sah, dass sie vor meinem Haus patrouillierten. Hin und her. Ich beschloss, erst einmal einkaufen zu gehen. Ich hatte ja Zeit …

Als ich eine Stunde später zurückkam, sah ich sie vor dem Nachbarhaus patrouillieren. Blicklos ging ich an ihnen vorbei, hörte aber noch, wie die eine zur anderen sagte: „Ach! Da ist sie ja!“ Und sie hefteten sich an meine Fersen.

Ich schloss die Haustür auf. Dann drehte ich mich um. Die Wortführerin der beiden Damen hatte bereits zwei der drei Eingangsstufen erklommen, und gerade setzte sie einen Fuß auf die dritte Stufe. Ich lächelte, nickte ihr freundlich zu – und dann schmiss ich die Tür mit Schmackes zu, direkt vor ihrer Nase! Einen Schrei hörte ich noch: „Der kann nicht geholfen werden – dann gehen wir eben!“ Seitdem herrschte Ruhe.

In der Tat. Mir konnte von dieser Seite nicht geholfen werden – und das ist auch gut so! 🙂 Manchmal scheint nur drastisches Verhalten zu helfen, denn zwischenzeitlich hatte ich sogar mit der Polizei gedroht, was aber keine Wirkung zeitigte. Nun aber war ich quasi erlöst, denn sie hielten mich wohl für Satan höchstpersönlich, da ich sie derart brutal der Tür verwiesen hatte. 😉

Ich frage mich immer, wie Menschen wohl gestrickt sein müssen, die anderen ihre Weltanschauung auf Gedeih und Verderb aufzwingen müssen! Ich bin mir sicher, dass wir alle Macken haben – aber sowas haben nicht alle. Zum Glück! Ich glaube, mit meinen kleinen Macken bin ich gut bedient, wenn ich mal so einen Vergleich starte … 😉

Gehabt euch wohl mit all euren Macken, und lasst andere ihre ausleben. 🙂 Schönen Abend! 🙂

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