Ein alljährlich wiederkehrendes Drama

Nun ist er wieder da – der Herbst. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr freue ich mich darüber. Denn der Herbst, gefolgt vom Winter, ist meine Lieblingsjahreszeit. Denn ich finde ihn – allen Verzweiflungsschreien anderer zum Trotz – wirklich schön! 🙂

Vorbei die Zeiten der brüllend heißen Tage, an denen man vor lauter Hitze und Schwüle nichts wirklich Sinnstiftendes machen, nicht einmal auf dem Balkon sitzen kann, weil es einfach zu heiß dort ist. Vorbei die Zeiten des Schwitzens im Büro bei jeder kleinen Bewegung, des Sitzens dort bei Kunstlicht von früh bis Feierabend, weil das Büro nach Süden geht und der Chef immer nur lacht, wenn man das Wort „Klimaanlage“ in den Mund nimmt und man dann, um die unerträgliche Hitze auf ein zumindest ansatzweise erträgliches Maß zu drosseln, schon früh die Jalousien herunterlassen muss und dann doch wie benommen und mit Kopfschmerzen dasitzt.

Vorbei die Zeiten, da man abends nach Hause kommt und es beim Aussteigen aus dem Auto wie jeden Abend nach gefühlt zehn Grills in der Nachbarschaft riecht. Nix gegen Grillen, wohlgemerkt, denn ich grille selber gern, aber jeden Abend den Geruch in der Nase zu haben, ist irgendwann ein bisschen eintönig. Manche Familien scheinen sich im Sommer ausschließlich von Grillgut zu ernähren. 😉 Und natürlich steht Vattern als „Chef de cuisine“ am Grill, weil er der Einzige ist, der das extrem schwierige Unterfangen, Fleisch auf einem Rost zu garen, beherrscht – zumindest glaubt er das -, während die Küche zur Zubereitung von Essen ansonsten terra incognita für ihn ist. 😉 Okay, ein Klischee, bei manchen Familien aber immer noch der Fall.

Vorbei auch die Zeiten der Mücken und Nachtfalter, die abends in die Wohnung eindringen, wenn man nur durchlüften will. Klar, man macht ja schon kein Licht, aber die Viecher kommen auch ohne das mit wachsender Begeisterung und entern die Wohnung. Gut, künftig werden es – und das ist noch schlimmer – Spinnen sein, große, furchterregende Spinnen, die auf der Suche nach einem warmen Plätzchen zu Besuch kommen, aber die kommen wenigstens nicht in Massen.

Das Licht ist nicht mehr so grell wie im Sommer, sondern im Vergleich dazu gedämpft, auf angenehme Weise gedämpft und mit einem leicht goldenen Schimmer versehen. Das Laub ist bunt, von Ockergelb bis Dunkelrot reicht das Spektrum, und das sieht wunderschön aus. Finde ich zumindest. Aber ich finde ja den ganzen Herbst schön.

Ganz anders als viele andere Menschen. Denn momentan vernehme ich von allen Seiten Gejammer und ungläubiges Staunen, dass der Herbst nun da sei. Stimmt – damit war auch überhaupt nicht zu rechnen … Jedes Jahr diese hässliche Überraschung, wenn man feststellt, dass es außer Frühling und Sommer auch noch andere Jahreszeiten gibt! Für manche Mitmenschen scheint es ohnehin nur den Sommer zu geben, der von Bedeutung sei. Ich frage mich oft, warum. Warum sind Herbst und Winter solch ungeliebte Stiefkinder?

Gut, wenn es draußen schüttet, ist es nicht so schön, morgens das Haus verlassen zu müssen. Auf nassem Laub auszurutschen, ist auch nicht so toll, ebensowenig, in Hundehaufen zu treten, die sich unter dem Laub verbergen. Alles schon erlebt. Und trotzdem mag ich den Herbst, denn auch in anderen Jahreszeiten – wie zum Beispiel dem vielgerühmten Sommer – können unangenehme Dinge passieren. Auch regnet es da durchaus, wenn auch der Regen meist wärmer ist. So richtig toll ist das dann auch nicht.

Immer wieder dieses Drama, wenn der Herbst kommt. Genauer: diese Tragödie, welche der Herbstanfang zumindest für manche Menschen zu sein scheint.

Dabei wird auch im vielgerühmten Sommer immer geklagt, dass es „kein richtiger Sommer“ sei, dass es zu kalt sei, wenn das Thermometer die 20 Grad Celsius gerade mal knapp überschreitet. Zu nass, wenn es nach einer Hitzeperiode endlich mal regnet. Zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken … Für mich persönlich gibt es nur zu heiß oder zu schwül. Ansonsten beklage ich mich eher selten. Und zu heiß und zu schwül ist für mich auch nur deswegen unangenehm, weil ich dann bisweilen ein Kreislaufproblem oder ein erhöhtes Risiko eines Migräneanfalls habe.

Ansonsten muss man es doch ohnehin nehmen, wie es kommt. Auch den Herbst, denn der kommt unweigerlich jedes Jahr von Neuem. Aber jedes Jahr dieses Klagen, als sei eine Katastrophe übers Land hereingebrochen.

Eine Kollegin von mir meinte neulich: „Ach, ich finde es immer so furchtbar – diese Melancholie!“ Ja, sicher, dem Herbst haftet etwas leise Melancholisches an, aber gehört das nicht auch zum Leben und zum Gefühlsspektrum dazu? Muss man denn in allem etwas Negatives sehen? Warum sieht man den Herbst nicht einfach als das, was er ist? Eine ganz normale Jahreszeit, eine des Umbruchs? Aber okay, eine des Umbruchs zum Winter – und der geht ja für viele Menschen gar nicht. Sicher, es ist nicht lange hell, viele Menschen klagen über eine „Winterdepression“, gefühlt mehr als die halbe Bevölkerung … „Winterdepression“ scheint bei einigen ein beliebtes Accessoire zu sein. Einige scheinen wirklich ein Problem damit zu haben, das ist keine Frage. Was dagegen hilft? Bewegung draußen. 🙂 Hilft mir zumindest gegen niedergedrückte Stimmung. Ein schöner Gewaltmarsch draußen – ja, auch bei Regen -, und schon geht es besser. 🙂 Optimal, wenn man einen Hund hat, mit dem man ohnehin raus muss. 😉 Denn, zugegeben, manchmal ist es schon ein bisschen schwierig, sich zu überzeugen und aufzuraffen, doch mal nach draußen zu gehen, wenn es draußen eiskalt ist oder kalter Regen fällt. Aber mal im Ernst: Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falsche Kleidung. Alte Bauernweisheit. 😉

Aber nun erst einmal der Herbst mit seinen Kastanien und sonstigen Schönheiten. Wir haben als Kinder immer Kastanien gesammelt. In der Schule mussten wir dann mit Streichhölzern unnütze, kleine Figuren daraus basteln. Staubfänger und im Grunde irgendwie hässlich. Mir waren sie als bloße Kastanien am liebsten – ich fand sie immer so hübsch mit ihrer glatten rotbraunen Schale.

Oder Maronen, Esskastanien. Die liebe ich sehr, wenn sie geröstet sind und man sie essen kann. Als ich vor zwei Jahren auf dem Aachener Weihnachtsmarkt war, habe ich zu meiner Begeisterung gesehen, dass der Maronenverkäufer, der seit meinem ersten Semester ein vertrauter Anblick im herbstlich-winterlichen Aachen war, immer noch seinen Standplatz an der Großkölnstraße hatte. Er war kaum gealtert, und ich kaufte mir gleich eine Tüte Maronen, die inzwischen das in Euro kosten, was sie damals in D-Mark kosteten. 😉 Und ich kam mit ihm ins Gespräch und sagte ihm, dass ich ihn seit meinem ersten Semester „kenne“ und er annähernd unverändert aussehe. Das schien ihn zu freuen, und er gab mir drei Maronen extra zu meiner Tüte dazu. 🙂

So schöne Sachen gibt es im Herbst, und nun ist auch wieder die Zeit der Eintöpfe gekommen. 😉 Ich plane, demnächst mal wieder ein Irish Stew zu kochen – ein echtes Herbst- und Wintergericht. Schmeckt hervorragend, aber ich käme nie auf die Idee, so etwas im Frühjahr oder Sommer zu essen.

Oder Federweißer mit Zwiebelkuchen – wunderbar, auch wenn man am nächsten Tag, wenn man da etwas sensibel reagiert, gewisse Konsequenzen zu spüren hat. 😉 Nicht umsonst nennt man in manchen Regionen diesen sehr jungen oder neuen Wein auch „Sauser“. Ich muss sicherlich nicht ausführen, was da „saust“, noch dazu in Kombination mit dem Zwiebelkuchen. 😉

Abends kann man sich dann schön auf der Couch einmuckeln, Tee trinken und alte Filme gucken. Geht im Sommer gar nicht so gut. Meist ist es zu warm, oder man hat ein schlechtes Gewissen, weil man das Bedürfnis verspürt, alte Filme zu gucken, obwohl es noch so warm ist, dass man noch draußen sitzen könnte. 😉

Ich finde den Herbst rundherum gelungen und freue mich, dass er da ist. Wie jedes Jahr. Aber ich freue mich ja auch über den Winter. 😉 Oft schon habe ich mir verständnislose Kommentare anhören müssen, à la: „Du bist ja komisch – wie kann man denn den Herbst/den Winter mögen?“ Liebe Leute, ich bin gar nicht komisch! 😉 Ich weiß wenigstens noch, dass es vier Jahreszeiten gibt, dass es einen guten Grund dafür gibt und dass man jeder – wirklich jeder! – Jahreszeit etwas Schönes abgewinnen kann. Es gibt – allen Andersdenkenden und -wünschenden zum Trotz – nicht nur den Sommer. Ich frage mich immer, ob dieses Geschrei nach Sommer und der grassierende Jugendwahn irgendwie miteinander in Verbindung stehen … 😉 Beides nicht über Gebühr weise. 😉

Also: Der Herbst ist da, und in einigen Wochen kommt der Winter. Findet euch damit ab, seht auch die schönen Seiten! Und das sage ich als passionierte Pessimistin! 😉 Vielleicht bin ich ja doch optimistischer, als ich manchmal denke … 😉

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