Wo Licht ist, ist auch Schatten

Als Kind fand ich manche Redensarten irgendwie frustrierend. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, wenn man sich in Mathe endlich mal derart angestrengt und verausgabt hatte, dass es erstaunlicherweise für eine Zwei minus oder sogar glatte Zwei gelangt hatte. Man freute sich halb kaputt, kam nach Hause und verkündete die frohe Botschaft, die umso froher war, als sie Seltenheitswert hatte. Die Eltern freuten sich auch, aber schon kam die mahnende Stimme meines Vaters: „Aber Ali: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!“ Peng! Schon war die Freude gedämpft, noch dazu, da man das doch selber wusste und nicht dauernd wie ein Knalldepp daran erinnert werden musste, dass ein einzelner Erfolg nicht das Ende der Fahnenstange war.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ ist ganz furchtbar. Den Satz habe ich häufiger zu hören bekommen. Anlass: Ich hatte als Siebenjährige vor Weihnachten nach den Geschenken geforscht, als meine Eltern in der Stadt waren. Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht das einzige Kind auf der Welt war, das das schon mal getan hatte … Leider bemerkte man das Ganze, obwohl ich schon ziemlich vorsichtig gewesen war. Ich versuchte, mich irgendwie aus der Sache herauszuwinden. In Folge kam dann öfter das oben genannte Sprichwort. Dabei habe ich höchst selten gelogen, und das nur in absoluten Notfällen, und da auch nicht immer für mich. Gut, man hatte mir beigebracht, dass Lügen gegen eines der Zehn Gebote verstoße. Andererseits hatte man mir im Zuge meiner christlichen Erziehung aber auch beigebracht, dass ein hohes Gut im Christentum die Vergebung sei – und jemandem eine zweite Chance zu geben. 😉 Kein Wunder, dass ich irgendwann vom Glauben abfiel … 😉

Bisweilen bedachte man mich auch mit lateinischen Sprichwörtern: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, zum Beispiel. „Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende.“ Da ich manchmal etwas spontan war, schien meinem Vater diese humanistisch geprägte Redensart wie für mich geschaffen. Gebracht hat es nicht immer etwas. 😉 Außer, dass ich zusammenzuckte, als irgendwann im Lateinunterricht just dieses Sprichwort fiel. Offenbar war ich zumindest klassisch konditioniert. 😉 Pawlow hätte sich in Erinnerung an die Pawlow’schen Hunde die Pawlow’schen Hände gerieben, hätte er meine klassische Reaktion gesehen … 😉

Manche Menschen gestalten ihre Kommunikation bevorzugt mit Hilfe von Sprichwörtern. Ganze, lange Sätze sind sie zu bilden in der Lage, die fast ausschließlich aus lauter Redensarten zu bestehen scheinen. Selbst wenn sie ihn dabei nicht heben, sieht man den moralischen Zeigefinger dennoch vor dem geistigen Auge. Ich gebe zu, dagegen eine kleine Allergie entwickelt zu haben. Und mir ist auch suspekt, wenn Menschen stets die Worte anderer benötigen – hier in Form von Sprichwörtern -, ganz einfache Sachverhalte zu erläutern. Meinem Empfinden nach haftet dem Ganzen immer ein bisschen was Bigottes an. Und das kann ich gar nicht ausstehen. Am allerschlimmsten sind Bibelzitate. Nicht, dass die nicht klug wären oder vielfach Wahrheiten enthielten. Aber bisher habe ich es nicht selten so erlebt, dass die Leute, die verstärkt mit Bibelzitaten um sich werfen, meist eine eher einseitige Weltsicht hatten. Es mag auch viele andere Leute geben, die gern Bibelzitate benutzen und nicht so wirken wie die Erstgenannten, aber ich habe leider gehäuft andere Erfahrungen gemacht. Das kommt dann besonders moralisierend herüber – und das mag ich gar nicht.

Heute jedoch musste ich einmal mehr feststellen, dass viele Sprichwörter eindeutig einen wahren Kern ihr eigen nennen. „Wo Licht ist, ist auch Schatten!“ So schoss mir durch den Kopf, als ich heute meinen Kühlschrank öffnete und zurückprallte. Warum? Nun, ich hatte vorgestern zwei wunderbare französische Käsesorten gekauft: einen Käse aus dem Elsass, einen Munster, einen anderen aus Savoyen, einen Reblochon. Ich liebe Reblochon und Munster und konnte nicht widerstehen …

In seiner Heimat gibt es den Munster meist aus Rohmilch, hier nicht selten aus pasteurisierter Milch. So auch mein Munster im Kühlschrank. Rohmilch ist mir lieber. Dafür ist der Reblochon de Savoie im Kühlschrank „au lait cru“ – aus Rohmilch. Wunderbar, dachte ich, als ich vorgestern die beiden reizenden Franzosen nach Hause fuhr und in den Kühlschrank packte.

Gestern war auch alles noch normal, aber als ich heute früh die Kühlschranktür öffnete, kippte ich fast um … Umwerfend in der Tat, der Geruch, der aus dem Kühlschrank waberte! Der Munster war größtenteils unschuldig, aber der Reblochon verströmte ein wahrhaft heftiges Aroma! Menschen, die Käse nicht mögen, würden diesen Kühlschrank sofort ausräumen oder ausräumen lassen und auf den Sperrmüll stellen – soviel ist sicher. 😉 Und auch ich beschloss, dem Käse mal besser heute und morgen zu Leibe zu rücken. 😉 Nicht, dass der Geruch noch bis ins Treppenhaus strömt und die Nachbarn glauben macht, ich lagerte tote Katzen in der Wohnung … 😉

Das Ganze erinnert mich an den letzten Kurzurlaub mit meinem Ex Dirk, zu dem ich rückblickend sagen kann: „Immerhin waren wir in einer schönen Gegend.“ 😉 Denn wir waren ins Elsass gefahren, genauer: nach Straßburg, von wo aus wir auch die umliegenden Orte erkundeten. Am Tag vor der Abreise, einem Samstag, gingen wir noch einkaufen. Wir brauchten unbedingt verschiedene Käsesorten – zumindest bildeten wir uns das ein. Und so kauften wir ebenfalls diverse Munster und andere regionale Käsesorten, allesamt „au lait cru“.

Ich hatte eingangs zu bedenken gegeben, dass Käse aus Rohmilch stets besonders streng gekühlt werden müsse, aber Dirk verwies auf die Minibar im Hotelzimmer. Ich gebe zu, ich fühlte mich bei der Einlagerung des Käses darin nicht so wohl, denn ich wusste ja, welches Aroma Rohmilchkäse zu verbreiten in der Lage ist. 😉 Aber wohin sonst damit? Und wir mussten ihn am Tag vor der Abreise kaufen – sonntags waren auch in Frankreich die Geschäfte geschlossen.

Morgens sausten wir los, tranken einen Café au lait und stürzten uns dann in ein sehr schönes Käsegeschäft, wo man uns verschiedene Sorten probieren ließ. Wir ließen dann auch einiges an Geld da und eilten mit der wertvollen Beute zurück ins Hotel, wo Dirk sie in der Minibar einlagerte. Dann gingen wir wieder in die Stadt, sahen uns dies und das an, besuchten verschiedene Geschäfte, auch die Galeries Lafayette und zwei Buchhandlungen. Danach gingen wir essen und kehrten erst abends wieder ins Hotel zurück. Es war an jenem Tag erheblich kühler als an den Tagen davor, und als wir das Zimmer betraten, wehte ein eisiger Wind hindurch. 😉 Denn sowohl das Fenster im Schlafzimmer, als auch das im Bad war weitaufgerissen, und die Schlafzimmergardine wehte im Wind. Es war aber auch nicht verwunderlich, denn als wir die Tür aufgeschlossen hatten und eintraten, prallten wir zurück! Es war, als liefe man gegen eine Wand … Eine Wand aus unbeschreiblichem … ja, man möchte es fast Gestank nennen. 😉 Mir tat das Zimmermädchen aus tiefstem Herzen leid! Hoffentlich war es bei guter Gesundheit, denn sicherlich hatte es auch die Minibar geöffnet, um nachzusehen, ob aufgefüllt werden musste … 😉

Mich überfiel sofort das schlechte Gewissen: „Siehst du – das war keine gute Idee! Die müssen nach unserer Abreise sicherlich das Zimmer ausräuchern, um den Geruch wieder herauszubekommen. Ich freue mich jetzt schon auf das Auschecken morgen früh!“ – „Ach, du machst das schon!“ – „Wieso ich?“ – „Weil du Französisch sprichst.“ – „Die sprechen hier auch Englisch und Deutsch!“ – „Ach, mach du das mal lieber …“ Klar. Alles, was unangenehm war, musste ich machen – das war immer schon so gewesen. Die unangenehmen Dinge ich, die angenehmen Dirk – es musste ja schließlich ein gerechter Ausgleich her … 😉

Aber zu meiner großen Überraschung verlor man am nächsten Tag nicht ein Wort über die Verseuchung von Zimmer 53. Mir wurden die Franzosen immer sympathischer. 😉 Ich hatte allerdings auch ein größeres Trinkgeld für das Zimmermädchen im Zimmer deponiert – ebenso ein kleines Entschuldigungsschreiben, in dem ich erklärte, dass sie im Elsass so wunderbaren Käse produzierten, dass wir nicht hätten widerstehen können.

Den Käse hat Dirk in seinem Gepäck transportiert … Keine Ahnung, ob er die Tasche jemals wieder benutzen konnte, was mir jedoch auch egal ist. 😉

Aber geschmeckt hat der Käse hervorragend, wie auch heute Abend der Reblochon sicher hervorragend schmecken wird, und dafür nimmt man doch manches Opfer gern auf sich, denn: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Nicht wahr? 😉

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