„Io voglio proprio essere un pompiere!“

Kennt Ihr noch diese wirklich niedliche italienische Zeichentrickserie: „Grisu, der kleine Drache“, im Original „Grisù il draghetto“? Die ist wirklich süß und handelt vom kleinen Drachen Grisu, dessen Vater ihn zu einem furchterregenden und feuerspeienden Drachen erziehen will – halt so, wie es sich für Drachen geziemt und ganz normal ist. Aber der kleine Grisu schlägt völlig aus der Art, denn … er will Feuerwehrmann werden. Großer Frust beim Vater, aber der kleine Grisu gibt nicht nach, obwohl er seine wahre Natur nicht immer verleugnen kann und bisweilen – natürlich versehentlich! – Brände legt. Er ist nun einmal ein Drache, und ein ganz besonders süßer noch dazu, der im Eifer des Gefechts schon einmal ein Feuerchen legt, obwohl er das gar nicht will. (Ich habe für ein derartiges Naturell – natürlich im übertragenen Sinne – größtes Verständnis. 😉 ) Dennoch ist sein Credo: „Ich will Feuerwehrmann werden!“ Oder, siehe oben, das Original.

An Grisu musste ich heute in der Übung denken, in der man uns wieder einmal in die Kunst einwies bzw. darin trainierte, verschiedene Feuerlöscher sinnstiftend zu betätigen. Die Theorie dauerte erwartungsgemäß länger als geplant, aber diesmal konnte Herr Grethel, unser Brandschutzbeauftragter, der bisweilen gerne redet, rein gar nichts dafür. Es hatte ja niemand ahnen können, dass eine übungswillige Kollegin unter uns war, die in epischer Breite diskutieren wollte, wofür man denn Rauchmelder in Wohnungen überhaupt brauche … Sie meinte das ernst. Wir hatten ihre diesbezüglichen Fragen für Provokation oder einen Witz gehalten. Völlig falsch. Aber spätestens da wussten wir, warum die beiden Übungsleiter beim Blick auf die Teilnehmerliste resigniert geseufzt und gesagt hatten: „Das wird schwierig – Frau A. ist dabei.“ Da ich sie nicht kannte, dachte ich mir nichts Böses – ich hielt das resignierte Seufzen für Herumflachsen. Nun bin ich eines Besseren belehrt worden.

Morgens um kurz vor 10 gingen Kollegin Anna und ich zum Seminarraum quer übers Gelände in das Gebäude, in dem die Theorie stattfinden sollte. Wir waren die Ersten im Seminarraum und unterhielten uns angeregt mit den Übungsleitern, von denen der eine auf meine Nachfrage hin gestand, dass er den Dummy, der für die Übung zum Löschen brennender Personen eingesetzt wird, leider vergessen habe. Oooch! So ein Ärger … 😉 (Die einzige Übung, vor der ich wirklich etwas Schiss habe …)

Dann kamen die anderen, und schon fing die theoretische Unterweisung an. Verschiedene Brandklassen, verschiedene Feuerlöscher – auch Brände flüssigen Metalls wurden erwähnt. Als ein Kollege bereits eine Frage dazu stellen wollte, sagte Herr Grethel zu meiner Erleichterung: „Aber damit arbeiten wir hier nicht.“

Aber dann die Kollegin A., die ich heute zum ersten Mal sah … Wir arbeiten in einem weitläufigen Areal mit ganz verschiedenen Abteilungen, und es gibt Mitarbeiter, die ich trotz meiner inzwischen fast zwölfjährigen Betriebszugehörigkeit noch nie gesehen habe. Bei manchen scheint es gar nicht einmal so schlimm zu sein … 😉

Kollegin A. stellte die absonderlichsten Fragen, und gegenüber der Verwaltung, in der ich arbeite, scheint sie einen besonderen Ingrimm zu verspüren. Ja, sie unterstellte sogar, wir hätten mehr Feuerlöscher als sie in ihrem Labor! 😉 (Ja, klar … 😉 ) Und als sie mitbekommen hatte, dass Anna und ich in der Verwaltung arbeiten, kamen ganz viele plumpe Seitenhiebe. Dabei kannte sie uns nicht einmal – hätte sie uns gekannt, hätte sie wohl nicht so gesprochen. Anna und ich warfen einander Blicke aus den Augenwinkeln zu und grinsten. Nur nicht provozieren lassen. Und so lief Frau A. immer gegen die Wand.

Und dann, kurz vor Schluss des theoretischen Teils, dann ihr Solo in Sachen Rauchmelder in Wohnungen. „Wat soll dat denn damit – wofür braucht man die überhaupt?“ fragte sie in rotzigem Tonfall die beiden Übungsleiter, beide seit Jahrzehnten bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig. Herr Grethel erläuterte in sachlichem Tonfall, dass die meisten Todesopfer von Bränden nachts zu verzeichnen seien, da sie nicht wach würden. „Verstehe ich nicht – wenn man Rauch riecht, ist man doch gewarnt!“ rief Frau A. erbost. Herr Grethel erläuterte sanft wie ein Lamm, dass im Schlaf der Geruchssinn leider nicht so funktioniere wie im Wachzustand. „Ja, und wat soll ich dann mit die Rauchmelder? Wat machen die denn?“

Kollegin Anna drehte sich zu Frau A. um, die hinter ihr saß: „Die machen das, was ihr Name sagt: Die melden Rauch. Und das sehr laut. Da schläft keiner weiter. Wenn Sie so ein Ding im Schlafzimmer haben, und das geht los, dann stehen Sie senkrecht neben dem Bett!“ – „Ach, echt!“ – „Ja, echt, Frau A.!“ Ich rammte Anna meinen linken Ellbogen in die rechte Seite. Keine weitere Angriffsfläche bieten. Sie grinste mich an und raunte mir zu: „Ja, du hast ja Recht!“

Herr Huber, der zweite Ausbilder, ein sehr netter und bodenständiger Mensch, meinte: „Im Übrigen müssen Sie bis zum 31. Dezember Rauchmelder in Ihrer Wohnung installiert haben – ab 2017 ist das Vorschrift. Wenn es danach bei Ihnen brennt, und es stellt sich heraus, es gab keine Rauchmelder, kann Ihre Versicherung sich weigern, den Schaden zu ersetzen.“ – „Na, dat will ich ja ma sehen!“ – „Das werden Sie dann sehen – ich würde es nicht darauf ankommen lassen, zumal es ab 2017 gesetzlich vorgeschrieben ist.“ – „Ppp-hhh! Wahrscheinlich wollense mir auch noch erzählen, dat wir Feuerlöscher inne Wohnung haben müssen, woll?“ (O Gott! „Woll“! Jetzt war alles klar … 😉 Die Ruhri-Segregation! Die westlichen Ruhris sagen „ne?“, die östlichen „woll?“! Ich hatte mich ja schon einmal dazu geäußert. Anna und ich sind westliche Ruhris – das passte per se nicht. Eigentlich war der ganze Raum voller „ne?“-Ruhris, einer Niederrheinerin – und Frau A. 😉 )

Herr Huber sagte mit Engelsgeduld: „Ja, man sollte durchaus einen Feuerlöscher in der Wohnung haben.“ (Ich notierte das Ganze gleich auf meinem imaginären Einkaufszettel.) – „Ja, und wo soll ich den dann hinstellen? Ins Wohnzimmer – neben den Kamin?“ – „Am besten an einen zentralen, leicht zugänglichen Ort.“ (Ich begann, Herrn Hubers Gleichmut zu bewundern und ihn darum zu beneiden, und ich glaube, ich war nicht die Einzige, denn ich hörte von den anderen Teilnehmern genervte Lautäußerungen. Ich war zwar selber noch ruhig, aber ich merkte, wie sich leise und immer lauter werdende Ungeduld in mir breitmachte.)

Dann diskutierte sie, wie sie denn, wenn das Wohnzimmer brenne und bereits Rauch im Flur sei, im Schlafzimmer, vom Rauchmelder geweckt, gerettet werden könne! (Ich hätte keine Umfrage starten wollen, aber ich bin mir sicher, einige der Anwesenden waren kurz davor, zu rufen: „Gar nicht!“) Herr Huber meinte gelassen: „Ach, Frau A.! Wenn Sie festgestellt haben, dass es in Ihrem Wohnzimmer brennt, so dass der Flur bereits mit Rauch gefüllt ist, während Sie sich im Schlafzimmer befinden, dann machen Sie die Schlafzimmertür bitte einfach wieder zu, stopfen Ihre Bettdecke vor die untere Türritze, rufen die Feuerwehr, und dann öffnen Sie das Schlafzimmerfenster und stellen sich genau dahinter. Wenn dann die Feuerwehr eintrifft, machen Sie durch Winken und Rufen auf sich aufmerksam.“ – „Haha, und dann winken die zurück und rufen: ‚Hallo! Schöner Abend, woll?‘“

Noch bevor Herr Huber, in dessen Gesicht sich inzwischen eine Mischung aus leisem Frust und – nach dieser Äußerung – auch leisem Zorn breitmachte, etwas sagen konnte, drehte ich mich um und meinte: „Wie schätzen Sie eigentlich die Arbeit der Feuerwehr ein? Meinen Sie, die kommen mit Sonderrechten an, sehen Sie am Fenster winken und rufen, finden das putzig und hauen dann wieder ab? Ich meine, wenn ich Sie so reden höre, könnte ich das glatt verst… – aua!“ Anna warf mir von links einen Blick zu, zog ihren rechten Ellbogen zurück, den sie mir in die Rippen links gerammt hatte, und raunte: „Keine Angriffsfläche bieten, Ali. Ganz ruhig.“ Und sie kniff mir ein Auge zu. „Ja, du hast ja Recht,“, gab ich zurück. Anna und ich verstehen einander zwar nicht blind, aber trotzdem meist gut. 😉

Herr Huber grinste, fasste Frau A. fest ins Auge und meinte dann ein wenig boshaft: „Frau A., bis wir eintreffen, haben Sie maximal einen etwas wärmeren Hintern bekommen – aber Sie werden es überleben. Wir holen Sie dann auch heraus.“ Nicht ganz so nett, Frau A. ist ein bisschen voluminöser … Aber verdient hatte sie es irgendwie … 😉

Die praktischen Übungen machten dann richtig Spaß, und Herr Grethel, der mich von klein auf kennt, meinte: „Frau B. – Sie sind echt fix beim Löschen und haben sich echt gut angestellt.“ Ich meinte: „Ich mache das nicht zum ersten Mal – ich habe doch schon einmal so eine Übung mitgemacht. Vor acht Jahren.“ – „Ja, aber dafür sind Sie verdammt schnell. Und deswegen wollte ich Sie fragen …“

Ja. Und nun werde ich zum nächsten Termin zur Brandschutzhelferin ausgebildet. Ich konnte nicht nein sagen … Wie gesagt: Herr Grethel kannte mich schon als Vierjährige, und er freute sich so über mein Engagement … Wie hätte ich da nein sagen können? Das zu meinen Vorsätzen, keine weiteren Ehrenämter zu übernehmen. 😉

Wenigstens durfte ich erneut einer Treibgas-Spraydosenexplosion beiwohnen, ebenso erneut einer Fettexplosion. Und Herr Huber fand richtig klasse, als ich auf seine Frage, was mit einem brennenden Fonduetopf zu tun sei, rief: „Deckel drauf, und dann am besten aus dem Fenster nach draußen werfen!“ Alle lachten, aber Herr Huber meinte: „Nee, das ist wirklich eine vernünftige Maßnahme! Man sollte allerdings vorher gucken, ob gerade niemand des Weges kommt und den Pott auch nicht unbedingt auf das Auto des Nachbarn werfen!“ Zum Glück ist ja Frau A. nicht meine Nachbarin. Ich könnte sonst für nichts garantieren … 😉 Nein, nicht wirklich, obwohl mir heute mehrfach danach war. Aber ich habe mich ja zum Glück im Griff.

Mein Chef fragte nach der Übung: „Und, Frau B.? Hat es Spaß gemacht?“ – „Ja, total! So viel, dass ich jetzt am liebsten hier ein paar kleine Brände legen würde, weil das Löschen so viel Spaß macht!“ Mein Chef starrte mich ängstlich an – wir haben wirklich nicht die gleiche Art Humor. Oder er kennt den kleinen Grisu nicht. Schade, wie ich finde … 🙂

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