Von männlichen und weiblichen Anteilen

Wenn es mal wieder langweilig ist, kann man anfangen, einen Pullover zu stricken, einen spannenden Film gucken, ein Buch lesen oder sonstwas unternehmen.

Nach einem weniger schönen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub gestern chattete ich am Abend erst mit einem Bekannten, dann surfte ich etwas ziellos herum und – da war sie: eine Seite mit lauter albernen Persönlichkeitstests. Wer hier ein bisschen liest, weiß, dass ich eine kleine Schwäche für so etwas habe. Man darf das einfach nicht zu ernst nehmen, aber der Unterhaltung dient so etwas immer.

Seit gestern weiß ich: Meine Jahreszeit ist der Winter. Gut, das wusste ich auch schon vor dem Test – ich liebe den Winter. Es ist nicht so heiß, es ist nicht so schwül, und man bricht nicht bei der leisesten Bewegung in Schweiß aus. Und nun habe ich es schwarz auf weiß. 😉

Außerdem, so hieß es anderweitig, sei ich „echt krass“. Natürlich im positiven Sinne, versteht sich. 😉 Aber all das war nichts gegen den dritten und letzten Test, den ich noch machte: „Denken Sie mehr wie ein Mann oder wie eine Frau?“ Ich war gespannt …

Das Ergebnis erstaunte mich nicht gar so sehr: Der Test verhieß, dass ich zu 56% männlich und zu 44% weiblich denke. Als Frau. Es wunderte mich nicht sonderlich, da ich mit Männern im Allgemeinen besser klarkomme als mit Frauen. Zwar verstehen sie manchmal Codes nicht, verdeckte Botschaften, aber sie nehmen es im Allgemeinen auch nicht übel, wenn man dann direkter wird. 😉

Immerhin – dies war schon der zweite Test dieser Art, den ich in meinem bisherigen Leben machte. Diesen machte ich freiwillig. Zum ersten wurde ich genötigt. 😉

Es begab sich vor einigen Jahren – ich wohnte noch im Rheinland -, dass eines Abends mein Telefon klingelte. Mein Ex und damals bester Freund Richie war dran. Wir plauderten zunächst ein wenig belangloses Zeug. Ich wunderte mich ein bisschen über seinen Anruf, da ich zwei Tage später ohnehin zu ihm nach Thüringen fahren wollte, um ihn übers Wochenende zu besuchen, und hatte erst gedacht, es sei etwas dazwischengekommen. Und nun solche Belanglosigkeiten … Da war doch etwas im Busch – ich kannte Richie schon so lange, dass mir klar war, dass er nicht angerufen hatte, um zu erfragen, wie denn das Wetter bei mir sei.

Und so fragte ich beiläufig: „Und sonst? Gibt es etwas Besonderes, mal abgesehen vom Wetter hier und dort?“ Richie lachte ein wenig und druckste dann etwas herum. Das kann ich gar nicht leiden, und so meinte ich: „Schluss jetzt! Was liegt an?“

Richies Antwort, eine Frage, verblüffte mich dann heftig: „Sag mal, Ali, findest du mich irgendwie tuckig?“ – „???“ – „Ja, nun, sag mal! Wirke ich irgendwie unmännlich?“ – „Wie kommst du jetzt darauf?“ – „Wieso ‚jetzt‘? Wirke ich sonst unmännlich?“ – „Was soll diese Haarspalterei? Sag – wie kommst du darauf?“

Was er mir dann erzählte, verblüffte mich noch mehr, und ich nahm das Telefon vom Ohr und starrte es irritiert an. Hatte mir Richie gerade allen Ernstes erzählt, er habe einen Psychotest in einem Wochenmagazin gemacht, das er abonniert hatte? Richie ist in großen Teilen ziemlich rational. Zumindest dachte ich das bis zu jenem Zeitpunkt. Naja, mal abgesehen von seinen Attacken von Aberglauben, ewigen Gesundheitsbedenken und der Angst, die Schweinefilets, die er zuzubereiten im Schwange war, könnten schlecht sein. Aber Psychotests? Dabei wurde es noch besser.

Denn er war noch gar nicht dazu gekommen, mir zu sagen, worum es in dem Test ging, der ihn so verstört hatte. Und dann kam’s: „Ali, der Test heißt: ‚Wie viele männliche und weibliche Aspekte hat Ihre Persönlichkeit?‘!“ Ich unterdrückte ein Kichern. Die Lage schien ernst.

Und so fragte ich behutsam (obwohl mir das Ergebnis nun schon klar war): „Was kam denn heraus?“ Richie atmete tief durch, dann brach es aus ihm heraus: „Ali, das ist ja das Schlimme! Ich soll 75% weibliche Anteile haben! … Was war das? Hast du etwa gelacht?“ Rasch presste ich mir die rechte Hand auf den Mund, denn tatsächlich wäre mir fast ein sehr gutturales Lachen entfleucht. „Aber nein, nur ein kleiner Hustenreiz.“ – „Ich wette, du hast gelacht – ich kenne dich!“ – „Wieso sollte ich über weibliche Anteile lachen? Ist an weiblichen Anteilen irgendetwas Komisches? Da würde ich mich ja selbst beleidigen. Also, wirklich!“ Richie blieb misstrauisch. Und er fragte erneut: „Also – findest du, dass man mir die weiblichen Teile anmerkt? Wirke ich tuckig?“ – „Richie, ich bitte dich! Wie kommst du denn darauf? Und wäre das so schlimm?“

Oh! Ganz falsche Frage, und ich merkte es sofort, als ich sie ausgesprochen hatte, zumal Richie gleich schrie: „Aha! Also doch!“ – „Nein! Aber ist es schlimm, tuckig zu wirken?“ – „Nein. Bei mir aber schon!“ – „Na, siehst du – dann ist doch alles in bester Ordnung. Du wirkst nicht so.“ Puh, Kopp nochmal aus der Schlinge gezogen, bevor ich weitere bohrende Fragen anhören und beantworten musste. Diesbezüglich konnte er in der Tat mit nicht wenigen Frauen konkurrieren, die gerne fragen: „Schatz, bin ich zu dick?“ Ganz gefährliches Pflaster. 😉

Schon wieder druckste er herum. „Was denn nun noch? Sag doch einfach, was du möchtest!“ meinte ich. Und da kam es: „Du kommst doch in zwei Tagen zu mir.“ – „Ja.“ – „Würdest du mir einen Gefallen tun?“ – „Kommt drauf an.“ – „Würdest du den Test auch machen?“ – „Wenn es sein muss …“ – „Ja.“ – „Ich mache den Test, wenn es dir so viel bedeutet. Auch wenn ich mich frage, was dir das bringt. Es ändert doch nichts an deinem Ergebnis.“ – „Ach, bitte, trotzdem …“ Ich versprach, den Test auch zu machen, und so beendeten wir das Gespräch in bestem Einvernehmen.

Zwei Tage später saß ich in der Bahn gen Thüringen. Am Ziel angekommen, wartete Richie schon am Bahnhof auf mich – nett, mich abzuholen, obwohl ich nicht zum ersten Mal da war und den Weg zur nicht weit entfernten Wohnung kannte. Dort angelangt, stellte ich erst einmal meine Sachen ab, und Richie holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und öffnete sie mit seinem Feuerzeug. Wir stießen an, tranken, und dann stürzte er auch schon in sein Arbeitszimmer. Was war denn jetzt?

Als er zurückkehrte, hielt er das Wochenmagazin in der Hand und meinte: „Hier ist der Test!“ – „Ich bin doch gerade erst zur Tür herein! Ist es so dringend?“ – „Ach, bitte!“ – „Naja, gut. Aber stör mich nicht – das Ergebnis soll doch präzise und authentisch ausfallen.“

Und so arbeitete ich mich durch die Fragen. Es waren viele. Mir gegenüber am Küchentisch saß Richie und starrte auf jede Bewegung, die ich machte, auf jede Antwort, die ich ankreuzte … 😉

Endlich war ich fertig und rechnete meine erzielten Punkte zusammen. Dann brach ich laut lachend am Tisch zusammen. Richie schrie: „Was ist herausgekommen? Hast du auch 75% weibliche Anteile?“ – „Nein!“ – „Wieso nicht?“ – „Weil ich 65% männliche Anteile habe!“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Du hast dich verrechnet!“ – „Nein!“ – „Lass mal sehen – ich rechne nochmal nach!“ – „Jetzt wird es albern – aber bitte!“ Er rechnete nach – alles korrekt. Und dann starrte er mich frustriert an. „Wieso hast du viel mehr männliche Anteile als ich?“ Ich wusste es auch nicht.

Richie war wirklich bekümmert. Ich stand auf und holte noch zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Dann nahm ich ihn in den Arm und sagte tröstend: „Aber das ist doch gar nicht schlimm. Sieh mal, wir ergänzen einander! Immerhin – wir haben uns doch auch immer gut verstanden. Sieh es positiv. Stell dir nur vor, ich hätte auch so viele weibliche Anteile! Das gäbe doch nur Zickenterror.“

Ganz falsch! Völlig falscher Ansatz. Richie sah noch frustrierter drein. Zickenterror! Das hätte ich nicht sagen dürfen. Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte sie fast in einem Zug auf. „Und wenn ich so viele männliche Anteile wie du hätte, …“ – „… würden wir jetzt vielleicht Armdrücken und Witze über Frauen machen und zuviel Bier trinken.“ – „Ich hätte es mir eigentlich denken können.“ – „Was?“ – „Naja, mit dir kann man zum Angeln gehen, ohne dass du herumnölst, du hasst ausgedehnte Shoppingtouren, und wenn ich jemanden brauchte, mit mir ein Pferd zu stehlen, würde ich sicherlich dich mitnehmen. Und du bist so erfreulich unzickig.“ Was für ein reizendes Kompliment! 🙂

Aber irgendwie konnte auch diese Erkenntnis ihn nicht trösten. Und obwohl er so viele weibliche Anteile hatte, tranken wir beide zuviel Bier, und er nahm es dann auch gar nicht mehr übel, dass ich irgendwann im Scherz sagte: „Was auch immer passieren mag: Du wirst bis auf Weiteres meine beste Freundin bleiben!“

In diesem Sinne: Nehmt solche Tests nicht übermäßig ernst. Ihr seht, was sonst passieren kann. 😉

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