„Geiz ist geil“? Nein – niemals!

Wie alle Menschen, habe auch ich diverse Macken. Selbstredend, denn würde ich etwas anderes glauben, hätte ich gleich noch mindestens eine Macke mehr: Mangel an Realitätssinn, Hybris, auch Überheblichkeit genannt, oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung im schlimmsten Falle. Habe ich aber zum Glück nicht. Denn ich glaube beileibe nicht daran, fehlerlos zu sein, zumal ich mir manchmal sogar Schuhe anziehe, die mir gar nicht passen. Im übertragenen Sinne, natürlich. 😉 Meine bisweilen etwas lautere Art könnte Menschen, die nicht genau hinsehen, vielleicht dazu verleiten, etwas anderes zu denken, aber – mal ehrlich – wenn man genau hinsieht, merkt man schnell, dass ich eigentlich bisweilen sogar eher schüchtern bin. Kommt halt nur nicht so gut an, die Schüchternheit, und da muss man manchmal den Sturm nach vorne wagen und diese weitere Schwäche ein bisschen tarnen. 😉

Immerhin kann man mir eine der – aus meiner Sicht – schlimmsten Macken nicht vorwerfen: Geiz. Geiz ist absolut „ungeil“, hat irgendwie immer damit zu tun, dass man anderen nichts gönnen mag, finde ich. Geht aus meiner Perspektive gar nicht. Und man kann den Katholiken alles Mögliche vorwerfen – und das mit Recht! -, aber die haben den Geiz zu einem der sieben Hauptlaster, umgangssprachlich auch als Sieben Todsünden bekannt, ernannt. Ausnahmsweise bin ich da mal geneigt, Verständnis aufzubringen.

Es fing schon in der Grundschule an, dass Geiz mich extrem nervte. Wurden Klassenarbeiten geschrieben, gab es Schüler, die um sich herum Bücher aufbauten, diese aufstellten, damit ihr Banknachbar auf gar keinen Fall abschreiben konnte. Um Himmels willen – bloß nix abgeben! Alles meins! Ich fand das total bescheuert, und es stellte sich absurder Weise heraus, dass diejenigen, die sich samt ihrem sagenhaften Können von anderen abschirmen wollten, leistungsmäßig eher in dem Bereich aufhielten, da man sagen konnte: „Er/sie hat sich stets bemüht.“ 😉 Man muss fast ein wenig grinsen, wenn man dieses interessante Phänomen betrachtet. 😉

Von mir durften andere gern abschreiben. Warum auch nicht? Wer in Mathe von mir abschrieb, war selber schuld. Und in anderen Fächern, in denen ich zufälligerweise gut war, fiel mir doch kein Stein aus der Krone, wenn jemand meinte, unbedingt von mir abschreiben zu wollen. Da war ich immer großzügig und bin das auch heute noch. Als Fan der Eigenverantwortung bin ich der Ansicht, dass jeder selber wissen müsse, ob er das Risiko eingehen solle, auf die Fertigkeiten eines anderen so zu vertrauen. Man muss immer realistisch bleiben – jeder kann ja auch mal einen schlechten Tag haben. 😉

Hatte ein Kind Süßigkeiten dabei, war es normal, dass es davon abgab. Beim nächsten Mal würde es dann von jemand anderem ebenso bedacht werden, der heute Nutznießer war. Aber auch hier gab es wieder Kinder, die sich eher eine Hand hätten abhacken lassen, als zu teilen. Man fragte sich, warum sie die Sachen, die sie gar nicht teilen wollten, in die Schule mitschleppten. War es etwa eine frühe „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Marotte? „Sehr her, was ich alles habe – und ihr ni-hicht!“ Ich mag so etwas nicht, und hier war der Geiz auch noch mit Häme verbunden.

Nichts gegen Sparsamkeit, wohlgemerkt. Man sollte schon darauf achten, nicht zu übertreiben, wenn die Mittel nicht so üppig bemessen sind. Sage ich so hübsch daher … 😉 Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass auch ich nicht immer übermäßig an meinem Geld klebe. 😉 Aber zum Glück bin ich in der Lage, immer einen Ausgleich zu schaffen. Darauf kommt es im Grunde auch an – es geht ja nicht darum, sich stets jede kleine Freude zu versagen. Oder auch mal eine größere. 😉

Einer unserer Vorgesetzten ist – zuerst war es nicht zu bemerken – leider auch extrem geizig. Und er kokettiert damit auch noch, wundert sich jedoch inzwischen, warum niemand mehr lacht, wenn die Kokettiererei von neuem einsetzt. Nun, es sollte ihn eigentlich nicht wundern, denn Kürzungen bei einigen kommen nicht so gut an, vor allem dann nicht, wenn auf der anderen Seite Menschen, die es nicht so dringend nötig hätten wie die, bei denen gekürzt wird, durchaus in jedweder Hinsicht befördert werden. Obwohl auch das ihm wohl Bauchschmerzen bereitet. Nicht jedoch wegen derer, die dadurch benachteiligt werden, weil an ihnen ja das eingespart werden muss, was man anderen zugesteht …

Noch gar nicht lange da ist dieser Vorgesetzte, hat sich jedoch schon einen ziemlich unguten Ruf erarbeitet. Klar, normal, wenn Einsparungen ins Haus stehen – aber er übertreibt es maßlos. Und dann auch noch dieses Kokettieren, als sei sein Geiz eine Tugend. Da hat er wohl etwas ganz gründlich missverstanden.

Und so kam es, dass auch ich ein wenig geizig wurde. Nicht vollumfänglich und nicht dauerhaft, natürlich, in Bezug auf diesen Vorgesetzten allerdings wohl durchaus konsequenter. Denn ich bin nicht mehr so überschwänglich, nicht mehr so fröhlich ihm gegenüber. Stets höflich zwar, aber mit fröhlicher Freundlichkeit geize ich nun auch. Ihm gegenüber, wohlgemerkt, und das merkt er wohl auch. Neulich hatte er mich mal wieder, obwohl ich einen Termin bei ihm hatte, der auch für ihn wichtig war, zugunsten einer anderen Mitarbeiterin, die kurz zuvor befördert worden war und derzeit im Ranking sehr hoch liegt, versetzt. Nicht, dass ich mich um den Termin gerissen hätte, aber würde aufgrund dessen etwas nicht wie gewünscht klappen, möge man mal raten, wer dann die Schuld trüge. Klar, ich natürlich. Sehe ich nicht ein.

Am nächsten Tag, als ich zur Arbeit kam, grüßte ich höflich und setzte mich dann an meinen Platz. Der Vorgesetzte entschuldigte sich derart devot, dass ich mich verarscht fühlte. Ich sagte daher auch nichts, denn alles, was ich hätte sagen können, wäre nicht mehrheitsfähig gewesen. 😉 Ich grinste nur, und da entblödete sich der Vorgesetzte nicht, zu sagen: „Frau B. – darf ich Ihnen einen Kaffee holen?“ – „Lassen Sie nur. Das mache ich gerne selber.“ – „Aber ich dachte …“ – „Ja. Dass ich dann vergessen würde, dass Sie mich einmal mehr und wie so oft versetzt haben, während ich mit Ihnen doch die Organisation dieser Tagung absprechen muss, die immer näher rückt und gut organisiert sein muss, damit wir uns nicht blamieren. Es ist zwar nicht so, dass ich das nicht auch alleine prima hinbekäme, aber Sie haben ja immer besondere Vorstellungen. Und nun dachten Sie, ich wäre nicht mehr brüskiert, wenn Sie mir einen Kaffee holen. Nicht wahr?“ – „Äh, ja …“ – „Nein. Ich hole mir meinen Kaffee gerne selber. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich bin kein kleines Kind, das man mit derartigen Dingen einlullen kann. Dazu bin ich zu alt, und dazu bin ich zu intelligent. Sorry für das Eigenlob, aber Sie scheinen mich zu unterschätzen. Ich bin gestern extra länger geblieben, um dann doch wieder einmal hintanstehen zu müssen. Lassen wir das mit dem Kaffee, bitte.“

Ich hatte das Ganze sehr höflich und lächelnd geäußert, aber mein Vorgesetzter starrte mich an, als hätte ich etwas ganz Ungeheuerliches getan. Hatte ich aber nicht – ich hatte ihm einfach nur gesagt, wie so etwas ankommt. Und nicht nur bei mir.

In den letzten Tagen schien er wiederholt um Sympathie zu buhlen. Gestern sagte er gar zu mir: „Frau B. – Sie haben ja richtig gute Laune!“ – „Danke. Die habe ich durchaus oft. Vielleicht merken Sie es nicht immer so, aber ich habe durchaus oft gute Laune.“ – „Äh, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ – „Es ist schon gut.“

Und heute machte er wieder Witze über seinen sprichwörtlichen Geiz, als einige Kollegen bei Janine und mir im Büro standen. Kam gar nicht gut an, denn es reagierte keiner. Wirklich niemand, nur verstummte die Unterhaltung. Janine drehte sich sogar weg.

Die Tagung ist inzwischen wunderbar durchorganisiert. Noch besser wäre es gewesen, hätte der Vorgesetzte auf die Leute gehört, die sich mit so etwas auskennen. 😉 Denn ein Buffet im Tagungsraum aufbauen zu lassen, während die Tagung noch läuft, hielten die involvierten Personen inklusive meiner Wenigkeit für nicht ganz so günstig. Es vor dem Sitzungsraum aufzubauen, wäre sicherlich besser gewesen. Aber das wollte der Vorgesetzte nicht, machte stattdessen den Vorschlag in meine Richtung, das Buffet mengenmäßig noch einzudampfen – dann nehme es auch nicht soviel Platz weg … Es sei ohnehin ja alles so teuer.

Ich sagte daraufhin: „Wenn Sie das machen, wird es ein bisschen peinlich. Und ich will dafür auch nicht meinen Kopf hinhalten – ich kenne solche Tagungen und die Bewirtung ganz anders.“ – „Aber es ist doch ohnehin alles so teuer!“ Der Caterer, der danebenstand, und ich warfen einander nur Blicke zu. Der Caterer griff sich sogar an die Stirn, und ich meinte dann vermittelnd: „Man kann auch am falschen Ende sparen. Beim Catering sollte man dies tunlichst vermeiden. Ich würde mich freuen, würden Sie auf uns hören – weder Herr S., noch ich machen so etwas zum ersten Mal.“ Allerdings muss ich gestehen: Auch ich hätte mir liebend gern an die Stirn gegriffen.

Nun hoffe ich, dass alles klappe – vor allem buffetmäßig … Denn wenn auch bei Tagungen die Inhalte wichtiger sind oder sein sollten: Es zahlt sich nie aus, bei der Bewirtung „einen Igel in der Tasche“ zu haben. 😉

Und auch sonst nicht – man macht sich keine Freunde. Und meinen Kaffee hole ich weiterhin selbst. Dann ist er wenigstens so, wie ich ihn haben will. 😉

Geiz ist niemals geil. Nur spießig, kleinlich und peinlich.

Jetzt bloß nicht lachen!

Kennt ihr das auch? Reaktionen, die nicht zur Situation passen, aber doch irgendwie unaufhaltsam aus euch herausbrechen?

Ich habe damit nicht nur in puncto Reden ein Problem. Ich platze öfter mit Dingen heraus, die andere maximal denken, aber niemals aussprechen würden, und dann stehe ich da im zu kurzen Hemd, muss mich öfter entschuldigen, als mir lieb ist. Dabei meine ich es – in vielen Fällen – gar nicht böse, sondern es passiert bisweilen, wenn jemand den Bogen überspannt hat und das nicht einmal bemerkt. Oder – und das ist schlimmer als alles andere – wenn ich einen Menschen wirklich sehr mag, mich über den aber gerade ganz fürchterlich geärgert habe.

Nein, nicht nur beim Reden ist das so. Auch beim Lachen. Wie oft habe ich in Situationen gelacht, da Lachen absolut nicht angemessen war! Aber was kann ich dafür? Es gibt einfach Situationskomik, auf die ich sofort reagiere. Dinge, die so bescheuert sind, dass mein Zwerchfell sofort reagiert. Dinge, die einfach nur „loriotesk“ und so absurd sind, dass ich leider nicht anders kann.

Vor zwei Jahren erwähnte ich unvorsichtiger Weise bei einem Familientreffen, dass ich zwei Tage später zu meinem Frauenarzt müsse. Die alljährliche Krebsvorsorgeuntersuchung stehe an. Ich weiß – kein spannendes Thema, aber was erzählt man denn Tante Maria und Tante Beate sonst, wenn man sie ein gefühltes Jahrzehnt nicht gesehen hat? In einer Runde, die an die typische Besatzung eines Arztwartezimmers erinnert? Noch dazu, da sie begeistert über eigene Gebrechen sprachen? Dumm war nur, dass meine Schwester Stephanie danebenstand, die sich sogleich zu mir wandte und meinte: „Gehst du noch zu Dr. Masowiecki?“ (Sprich: „Masowjätzki“ 😉 ) – „Ja.“ – „Ach,“, schwärmte meine Schwester, „den fand ich ja immer so attraktiv!“ Und sie meinte, er sei einer der attraktivsten Männer, die sie je gesehen hätte, auch wenn er etwas kleiner gewachsen sei. Sofort hörten Tante Maria und Tante Beate zu, und Tante Beate, feinfühlig wie immer, meinte zu mir: „Wäre das nichts für dich, Ali? Du bist doch Single! Und bedenke – ein Arzt!“

Ich griff mir an die Stirn und behauptete, dies geschehe, weil mir so warm sei. In der Tat – die Sonne knallte vom Himmel … Aber da meinte Tante Maria: „Und offenbar auch noch attraktiv! Ali, kannst du nicht ein bisschen mit ihm flirten?“ (Ausgerechnet! Flirten gehört wahrlich nicht zu meinen Stärken – nicht einmal, wenn ich will! Leider … Zu sarkastisch, zu frotzelig, immer etwas unsicher.) Und so gab ich zurück: „Ich bin da Patientin! Und der Mann ist kleiner als ich! Und seht mich an – ich bin ja schon eine Art Zwerg! Ich schätze ihn als Arzt, weil er ein wirklich guter ist. Könnten wir jetzt, bitte, das Thema wechseln?“ Meine weiblichen Verwandten sahen mich an, als sei bei mir ohnehin Hopfen und Malz verloren. Wahrscheinlich hatten sie sogar recht, aber – bitte schön!

Doch kaum war das Thema vom Tisch, kam wieder Stephanie an und schwärmte von Dr. Masowiecki, als hätte sie zu viele Arztserien im Fernsehen konsumiert. Stephanie steht auf Ärzte, ist ja auch mit einem verheiratet. Wie ich zu betonen nicht müde werde: Meine Schwester und ich sind total verschieden. Zum Glück rief meine Mutter dann zum Essen …

Zwei Tage später machte ich mich morgens auf den Weg zu Dr. Masowieckis Praxis. Ich kam auch schnell dran und erklärte, eine der teuren IGEL-Untersuchungen in Anspruch nehmen zu wollen. Seit Mama Krebs hatte, bin ich – zumindest in Teilen – vorsichtig geworden. (Nur das Rauchen habe ich noch nicht aufgegeben, aber ich bin auch bisweilen konsequent inkonsequent.)

Man untersuchte mich zunächst wie gehabt. Dann wurde ich zur – wie Dr. Masowiecki in seinem reizenden slawischen Akzent sagt – „Brrruuust-Sonogrrraphie“ gebeten.

Und da passierte Schauerliches. Denn als ich so dalag und beide Seiten sonographiert wurden, musste ich an Stephanies Geschwärme und die wachsam-anspornenden Worte meiner beiden Tanten denken. Keine Ahnung, wieso das plötzlich durch meinen Kopf ging. Ich weiß nur eines: Die Folgen waren fürchterlich, denn plötzlich brach es aus mir heraus – das Lachen.

Ich versuchte, es zu unterdrücken, aber es klang daraufhin nur mehr guttural, aus der Kehle kommend und mit geschlossenem Mund geäußert, sich dann, als der orale Weg verschlossen war, den solchen durch die Nase bahnend. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren, obwohl ich an die grässlichsten Schiffs-, Flugzeug- und sonstige Unglücke dachte – es war furchtbar! Vor meinen Augen meine beiden Tanten und meine Schwester, wie sie voller Verve jemanden anpreisen, der gerade ein sonographisches Instrument auf meine „Brrruuust“ drückt und mir etwas von „kchchlaine Ziiiste liiinks, abäärrr charrrmlos“ erzählt!

Das Lachen schien von überall her zu kommen, ich gab gutturale Geräusche von mir, schnaubte und verfluchte gleichzeitig meine weibliche Verwandtschaft. Die Situation einfach grotesk. Und mitten in diese hinein die Worte Dr. Masowieckis: „Ah! Siiind Siiie aaiiin biiißchään kiiitzliiig! Määärke iiichchch schon! Biiin iiichchch gaaanz voorrrsiiichchtiiig!“

Ich behauptete schnell, total kitzlig zu sein. Das Problem lag jedoch ganz woanders, denn in meinem Kopfkino redeten Tante Maria, Tante Beate und meine Schwester auf mich ein, dass dieser Arzt, der doch nur mein Arzt war, sicherlich total interessant sei. Ein Mensch, den ich nett finde, aber doch bestimmt nicht mehr! Und der hielt mich nun angesichts meiner unaufhaltsamen Lachanfälle für kitzlig, was ich zwar bin, aber doch nicht so! Immerhin sagte er nicht: „Frau B. – ich glaube, Sie haben einen Knall!“ Ich hätte es ihm nicht einmal übelgenommen.

Da ich noch mehrfach lachen musste, meinte er irgendwann: „Siiind Siiee kiiitzliiigste Patiiiäääntiiin, die iiichchch chabe!“ – „Ja, tut mir leid!“ behauptete ich, und zum Glück war die Untersuchung dann auch vorbei …

Letztes Jahr hatte ich mich zum Glück im Griff. Aber als ich heute wieder da war, meinte Dr. Masowiecki: „Aaah! Chaben Siiieee siiichch wohl zusaaammääängeriiissäään. Denn iiichchch waiß ja, dass Siiieee sährrr kiiitzliiig siiind!“ Danke, Stephanie, Tante Maria und Tante Beate! Das wird mir nun ewig hinterherschleichen! 😉

Nur eines von so vielen Beispielen. Als Kind habe ich bereits in der Kirche gelacht, wenn gerade die Kommunion stattgefunden hatte und alles meditativ in sich gehend auf den Kniebänken kniete und es einfach nur albern wirkte, vor allem, wenn man wusste, derjenige dort halbrechts, der ganz besonders devot betete, war einfach nur ein Arschloch vor dem Herrn.

Wenn der Lehrer gerade eine Standpauke hielt und alles atemlos ausharrte und auf das Ende der Predigt wartete.

Die Frage: „Wer war das?“ angesichts eines zerbrochenen Fensters auf sehr rigide Weise gestellt wurde und extrem böse Schwingungen im Raume standen. Wer lachte da? Meist leider ich. Und nicht selten wurde ich für den Übeltäter gehalten. Dabei war einfach die Stimmung zu spannungsgeladen und irgendwie absurd. Da musste ich einfach lachen. Denn – mal zugegeben – solche Situationen entbehren nicht einer gewissen Komik. 😉

Und wenn ich auch als Kind geglaubt hatte, das werde irgendwann abnehmen, muss ich doch heute feststellen: Ich bin einem Irrtum aufgesessen. Meist kommt einem das blöde Kopfkino in die Quere, und dann bricht es aus einem heraus: das apokalyptische Lachen. 😉

Andererseits denke ich mir: Solange es nur das ist … 😉

Das Grauen hat einen Namen …

Es gibt so viele Begriffe, die mir abwechselnd heiße und kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Nicht nur Begriffe. Manchmal sind es ganze Sätze. „Wir müssen mal reden“ gehört dazu. Reden finde ich total klasse, aber der Satz: „Wir müssen mal reden“ erzeugt größtmögliche Pein in mir. Denn meist verbirgt sich bestenfalls etwas Unangenehmes, schlimmstenfalls eine Katastrophe dahinter. Höre ich: „Wir müssen mal reden“, und das an mich gerichtet, werde ich sofort nervös. Was habe ich angestellt? Dieses verdammte Sündenregister, das einem sofort vor Augen erscheint – obwohl der Grund des Redenmüssens meist ein ganz anderer ist, den man gar nicht auf dem Schirm hatte.

Aber eben auch einzelne Begriffe sind fähig und in der Lage, mich in eine unruhige Grundstimmung zu versetzen. Dazu gehört auch der Terminus „Einkommensteuererklärung“. O Gott – gruseliges Wort!

Er versetzt mich jedes Jahr in eine derartige Unruhe, dass ich zumeist mehr oder weniger kurz vor dem 31. Mai, dem Abgabetermin in meinem Falle, einen lieblich-freundlichen Brief ans Finanzamt schreibe. So liebreizend immer – ich erkenne mich oft selbst nicht wieder, wenn ich die süßen und um Verzeihung bittenden Worte lese, die ich da fabriziere, von denen ich gar nicht wusste, dass ich solche Worte im Hinblick auf eine der schlimmsten Behörden aller Zeiten produzieren könne!

Nein, ich bin nicht obrigkeitshörig – eher das Gegenteil. Aber das Finanzamt kann einem richtig Ärger machen. Richtigen Ärger hatte ich zwar noch nie damit, aber was ich bis dato mit dem hier in dieser Stadt zuständigen FA erlebt habe, reicht auch schon. Nicht auszudenken, sie könnten wirklichen Ärger machen! 😉 Wie harmlos dagegen die Finanzämter Aachen-Innenstadt und Düsseldorf-Süd, mit denen ich zuvor zu tun gehabt hatte und die als „ganz furchtbar“ verschrien waren. Komischerweise kam ich mit denen wunderbar klar – das FA Aachen-Innenstadt hat sich sogar mal total nett bei mir entschuldigt, als sie mich zu Unrecht bezichtigt hatten, Steuern zu hinterziehen, obwohl ich Studentin war. Ich musste nur hingehen und meinen RWTH-Studentenausweis vorlegen, schon meinten sie: „Das tut uns sehr leid, Frau B.! Entschuldigen Sie, bitte – wir hatten nicht auf dem Schirm, dass Sie Studentin sind!“ Ich bekam sogar einen Kaffee angeboten und ließ seither nix auf das FA Aachen-Innenstadt mehr kommen. Wer sich in dieser Behörde so nett entschuldigen kann, hat wirklich Verteidigung und Lob verdient. Finde ich jedenfalls. 🙂

Jedenfalls schreibe ich alle Jahre wieder diesen wunderbaren Brief ans FA dieser Stadt hier, in dem ich um Verlängerung der Abgabefrist bitte, wohl wissend, dass das Grauen damit nur aufgeschoben sei. Aber immerhin um ein Vierteljahr! 😉

Und dann vergeht der Sommer … Denn statt mich einfach mal hinzusetzen und diese verdammte Steuererklärung zu machen und sogar mal vor Ablauf der Frist einzureichen, denke ich mir stets: „Es ist noch viel Zeit bis zum 30.09.!“ Bekanntermaßen ist der 30.09. bei werbegeschädigten Kindern der 80er und 90er ja auch „Wüstenrot-Tag“. 😉 Und ich bin eindeutig werbegeschädigt. 😉

Heute ist der 28.09. – ich habe noch zwei Tage Zeit bis zur Abgabe. Der größte Teil ist auch schon erledigt, aber irgendwie graut mir doch sehr vor der Abgabe. Ich schwöre – auch wenn ihr das sicherlich albern finden werdet -, ich habe immer etwas Herzklopfen, wenn ich das große Kuvert in den Briefkasten des Finanzamtes werfe … Habe ich an alles gedacht? Alle Posten aufgeführt, die zu meinen „Belastungen“ gehören? Kontoführungsgebühren und anderes?

Und jedes Mal, wenn ich vom FA nach Hause gehe, fällt mir ein winziger Posten ein, den ich glatt vergessen habe, und dann ärgere ich mich immer ganz zünftig! Es ist genau wie früher an der Uni, wenn man eine Klausur geschrieben hatte und einem dann hinterher auffiel, dass man in dieser und jener Aufgabe doch möglicherweise etwas falsch gemacht haben könnte … Unangenehm hoch drei. Zumindest für kleine Bedenkenträger. 😉

In der Anfangszeit meiner Berufstätigkeit habe ich meine Steuererklärung immer mit meinem besten Freund Fridolin gemacht. Der ließ nie locker und holte das Letzte heraus, was möglich war. Damals gab es noch nicht so viel, was ich hätte geltend machen können, aber ich erinnere mich an ein Mal, da er sagte: „Es widerstrebt meinem Gerechtigkeitsempfinden, müsstest du auch noch etwas nachzahlen! Los, überleg doch – was könnten wir hier noch angeben?“ Und dann fiel mir tatsächlich noch etwas ein, und er trug es ein, und ich habe dann – zu D-Mark-Zeiten – tatsächlich exakt 1,01 DM überwiesen bekommen. Irre, wenn man bedenkt, was allein so eine Überweisung an Gebühren kostet! 😉 Aber Fridolin war zufrieden – ich war es auch.

Vorletztes Jahr habe ich mehrere hundert Euro zurückbekommen. Ich war begeistert über diesen unerwarteten, warmen Geldregen. Und so graute mir im letzten Jahr auch schon viel weniger vor der Einkommensteuererklärung. Aber, ach! Ich hatte aufgrund der Zusammenlegung der Finanzämter Nord und Süd hier in dieser Stadt nicht nur eine ganz neue Steuernummer, sondern auch eine ganz neue Sachbearbeiterin bekommen! Frau Müller! Und obwohl die Verhältnisse und auch die Honorare meiner Nebentätigkeit sich nicht von der des Vorjahres unterschieden, musste ich sehr viel nachzahlen, wie ich im Bescheid las. Als ich den für meine Verhältnisse hohen Betrag sah, zwischen Tür und Angel, war ich zunächst begeistert, hielt ich das Ganze doch für eine Rückzahlung. Doch dann sah ich den magischen Satz: „Bitte zahlen Sie diesen Betrag bis spätestens …“ Wie meinen? Ich gestehe, ich musste mich erst einmal setzen. Warum? Frau Lüchow, die vorherige Sachbearbeiterin, wäre niemals so garstig gewesen – und wirklich: Es waren alle Verhältnisse fast exakt so wie im Vorjahr gewesen! Frau Müller hatte schon verschissen! 😉 Noch mehr, als ich sie anrief, um einen Termin zu machen, nachdem ich Widerspruch eingelegt hatte. Sie war kackfrech und behauptete, ihre Vorgängerin sei wohl „zu gutmütig“. Widerspruch zwecklos, und so fielen die Weihnachtsgeschenke letztes Jahr ein bisschen kleiner aus … Danke, Frau Müller! 😉

Und nun graut mir umso mehr vor übermorgen. Liebe Frau Müller, ich muss Winterreifen für den kleinen Monty kaufen! Wissen Sie, wie teuer die kleinen Scheißerlein sind, allein schon deswegen, weil sie RDKS-fähig sein müssen? Und sehe ich aus, als hätte ich einen Esel auf dem Balkon, der güldene Dukaten kacken kann? Ach, Verzeihung – Sie wissen ja gar nicht mehr, wie ich aussehe! Sie erinnern sich maximal an meine Steuernummer und hatten Ihre helle Freude daran, all das nicht zu berücksichtigen, was Ihre nette Kollegin Lüchow akzeptierte … 😉 (Obwohl ich auch mit Frau Lüchow anfangs einige kleine Schwierigkeiten hatte, als ich gerade umgezogen war und mein Nachsendeauftrag nicht so funktioniert hatte, wie ich das geglaubt hatte. Aber wir konnten die Missverständnisse ausräumen, und Frau Lüchow gab – nachdem sie mir eine ungerechtfertigte Mahnung in unfreundlichem Tonfall geschickt hatte, obwohl ich den stets vorhergehenden Bescheid aufgrund der Post-Schlamperei nicht bekommen hatte – dann zu, dass sie den mit dem Vermerk „Unbekannt verzogen“ zurückgekommenen Bescheid glatt übersehen hätte. Auch sie entschuldigte sich, und danach verstanden wir einander wirklich gut.)

Ich sollte allerdings wirklich mal damit anfangen, meinen Hang zur Prokrastination abzulegen und – im nächsten Jahr – einfach mal freudig loszulegen, was die Steuererklärung anbelangt. Ist doch alles ganz einfach. Oder? 😉

Am besten alles abschießen und betonieren – Natur anno 2016 …

Wie ihr ja alle wisst, lese ich gern in der Zeitung mit den drei Buchstaben, die in der Region hier verbreitet und mir von Kleinkindzeiten an vertraut ist. Zumindest in der Online-Version, denn die Printversion würde ich gewiss nicht abonnieren. Online muss man sich wenigstens nicht ärgern, Geld dafür zu bezahlen. 😉

Nachdem ich vor wenigen Tagen gelesen hatte, dass eine kleine Stadt im Sauerland beschlossen habe, alle Birken zu fällen, weil es ja so viele bedauernswerte Birkenpollen-Allergiker gebe, musste ich gestern und heute einen Artikel lesen, in dem geschrieben stand, der Wolf, auch Canis lupus genannt, kehre wohl nach NRW zurück. Die Überschrift stellte die Frage, ob man das Raubtier vielleicht besser gleich erschießen solle, setze es auch nur eine Pfote über die Landesgrenze. Zumindest las sie sich so.

Doch zunächst zu den Birken im Sauerland, die mich bereits heftig amüsierten. Da will die Stadt M. sämtliche Birken fällen – wegen Birkenpollen-Allergikern! Nichts gegen Allergiker an sich – ich reagiere selber auf so einiges allergisch, zum einen physisch, zum anderen seelisch, und ich weiß um die wohltuende Wirkung des Vermeidungsverhaltens, wie es in der Psychologie so genannt wird. 😉 (Obwohl das ganz gewiss nicht wohltuend ist – es reißt einen nur tiefer in die Scheiße, da sich der eigene Bewegungsradius mehr und mehr verkleinert, je mehr man vermeidet … 😉 )

Mal im Ernst: Ich reagiere allergisch auf Gräserpollen. Zumindest auf manche Gräserpollen. Ich käme nie auf die Idee, dass wegen meiner Person nun alle wilden Wiesen abrasiert werden müssten! Ich kenne darüber hinaus einige andere Gräserpollen-Allergiker und weiß, dass keiner von denen auf die meines Erachtens vollkommen irre Idee käme … Lassen wir das und stellen lieber fest, dass es Dinge gebe, die nicht angenehm sind. Eigentlich ist das gesamte Leben so aufgebaut. Allergien, Heuschnupfen – das ist wirklich fies, und ich weiß, wovon ich spreche. Bei mir schlägt es immer auf die Augen, und ich kann dann bisweilen ein, zwei Wochen keine Kontaktlinsen tragen. Aber niemals würde ich darauf kommen, dass man nun – nur, weil einige Leute allergisch auf Gräser während der Blüte reagieren – alle Wiesen abmähen müsse! Warum man nun in der kleinen Provinzstadt M. im Sauerland alle Birken vernichten möchte, erschließt sich mir nicht. Zumal Birkenpollen ziemlich weit fliegen können und sicherlich nicht nur Birken aus M. den armen Allergikern zur Folter gereichen … 😉

Ja, und dann noch das mit den Wölfen, die offenbar schon eifrig auf dem Wege sind, hier nach NRW einzuwandern! Nachdem ich den entsprechenden Artikel in der Zeitung mit den drei Buchstaben nebst Kommentaren las, würde ich mich am liebsten an die Landesgrenze zumindest von Niedersachsen aus stellen. Mit einem Transparent und diversen Umleitungsschildern: „Macht einen Bogen um NRW! Wandert nach Bayern, und macht, bitte, dabei einen großen Bogen um NRW!“

Nein, ich bin keine militante Tierschützerin. Ich bin überhaupt nicht militant. Und ich weiß von einer Freundin aus Niedersachsen, dass nicht alles immer so tutti mit den Wölfen ist. Deswegen bin ich auch für kontrollierten Abschuss, wenn es Probleme gibt – zum Beispiel mit verhaltensgestörten Tieren.

Aber mich nervt, dass sogleich, obwohl offenbar noch kein einziger Wolf die Landesgrenzen überschritten hat, gleich manche „Naturfreunde“ hingehen und nach Abschuss schreien. „Naturfreunde“! Extra in Anführungszeichen, da sich die Freundschaft zur Natur bei diesen Herrschaften – zumindest den Kommentaren zum Zeitungsartikel zu entnehmen – auf „gesittete Waldspaziergänge“, „traute Stelldicheins mit der Freundin“ (warum schreiben sie nicht gleich: „Ich will gefälligst ungestört mitten im Wald ’ne Nummer mit meiner Ische schieben“? Sorry … 😉 ) und „Joggen ohne blöde Störung durch blöde Tiere“ zu beschränken scheint! Da frage ich mich doch, wofür solche Menschen die Natur halten? Bibel zu wörtlich genommen? Hallo – das ist keine Erweiterung eures Vorgartens!

Nein, ich fände es auch nicht lustig, hätte ich einen Hund, mit dem ich im Wald spazieren ginge, der dann möglicherweise einen Wurf Wolfswelpen aufstöberte und dann mit Mama oder Papa Wolf aneinandergeriete, dabei wahrscheinlich den Kürzeren zöge. Gar nicht lustig. Revierkämpfe von Tieren mitansehen zu müssen, ist im Allgemeinen nicht lustig, zumal wenn beide Seiten gar nicht einsehen können, dass ein Einlenken besser wäre. Beide wüssten es nicht besser. Ich aber doch schon, wenn ich mit einem Hund in den Wald ginge, in dem – wie grauenhaft! – wilde Tiere leben! Und seien es nur Füchse! Die können auch richtig eklig werden.

Vor vielen Jahren ist einmal ein Bekannter von mir, der mit seiner Freundin am Waldrand spazieren ging, von einem erbosten Eichelhäherpaar attackiert worden. Es war zur Brutzeit. Die beiden waren wohl richtig erschrocken, als die beiden nicht gerade kleinen Vögel Jörg attackierten. Aber es ist nichts Schlimmes passiert, Jörg und Tanja rannten weg und erzählten hinterher: „Die Vögel wollten wohl ihre Jungen schützen. War nicht schön, aber nachvollziehbar. Hätten wir genauso gemacht. Wir haben die Vögel abgewehrt und sind dann gerannt.“

Ein Jogger, der ebenfalls am Waldrand joggte, mitten zur Brunftzeit des Rehwildes, wurde von einem Rehbock attackiert, der durchs Gebüsch brach und sogleich zum Angriff überging. Zum Glück war der Jogger nicht nur Jogger, sondern Kampfsportler, trainierte Taekwondo, und mit einigen gezielten Tritten schlug er den zunächst aufsässigen, dann sehr überraschten Rehbock in die Flucht. Ganz sicher hatte er Glück, aber Glück ist im Leben unerlässlich. Nicht nur im Wald – da aber offenbar ganz besonders. Und das scheinen viele Leute einfach nicht mehr zu wissen. Die sehen den Wald oder die Natur wohl als etwas an, das allein ihnen zum Vergnügen bestehe. Nicht etwa als Lebensraum für andere Arten. Obwohl nicht wenige Leute jubeln, wenn ihre Kinder – natürlich in abgesperrtem, sicherem Gelände wie zum Beispiel einem Zoo, einem Bauernhof oder Wildpark mit Zäunen – mit „wilden“ Tieren in Kontakt kommen. Damit die Kinder auch kapieren, dass Kühe durchaus nicht lila seien, es tatsächlich Hirsche gebe und liebliche „Bambis“ existieren.

Kürzlich stand in der oben genannten Zeitung, ein Kleinkind sei in einem solchen Wildpark von einem in Gefangenschaft lebenden Wolf in den Finger gebissen worden. Die Großeltern hatten wohl eine Sperre geöffnet, um das Enkelchen näher an den Zaun zu bringen, der den Wolf von den Besuchern trennte. Leider hatten sie vergessen, dem Enkelchen mitzuteilen, dass das Tier jenseits des Zaunes nicht der liebe „Fiffi“ von nebenan sei … Und so streckte der kleine Junge vertrauensselig sein Händchen durch den Zaun, um den Wolf zu streicheln, der das wohl nicht so toll fand und zuschnappte. Denn auch wenn er in einem Wildpark lebt, ist er doch ein wildes und kein Schmusetier. Wie übrigens auch jeder Haushund, jede Katze, jeder noch so kleine Hamster kein Teddybär ist. Großes Geschrei allenthalben, dabei hatten nur zwei Leute Schuld, und damit meine ich nicht den kleinen Jungen und auch nicht den Wolf. Die beiden wussten es nicht besser, und keiner meinte es wohl böse. Der eine hatte in Unwissenheit eine Reviergrenze überschritten, was der andere seinem Instinkt gemäß nicht akzeptieren konnte.

Das Geschrei war groß, und mich wundert, ehrlich gesagt, dass der Wolf noch lebt, der im Grunde nichts falsch gemacht hatte. Mir tat der kleine Junge leid, keine Frage. Ich bin als Kind von meinem eigenen Hund gebissen worden. Aber mir war auch klar, dass ich daran schuld gewesen war. Tiere sind keine Puppen und keine Schmusetücher. Ich hatte insofern Glück, als ich wusste, dass ich selber schuld gewesen war. Deswegen habe ich bis heute keine Angst vor Hunden, habe dazugelernt und weiß, wie man mit ihnen umgeht.

Der Artikel heute hat mir nur einmal mehr bewiesen: Nicht wenige Menschen glauben offenbar, dass alles nur für sie persönlich da sei. Ich gebe zu, ich würde mich wohl auch nicht allzu wohl fühlen, würde ich bei einem Waldspaziergang auf einen Wolf treffen. Aber ich denke auch nicht, dass der Wald nur für mich da sei. Ich gehe nicht präpotent durch die Natur, sondern im Bewusstsein, dass ich nicht allein sei und dass das auch nicht mein Lebensraum sei, sondern etwas, das ich netterweise auch nutzen darf. Allerdings mit Respekt vor denen, deren Lebensraum das ist. Und seien es Wölfe, die wieder einwandern. Oder auch nur ein kleiner Igel.

Ich glaube im Übrigen nicht, dass hier in NRW sonderlich viele Gefahr verbreitende Wölfe einwandern werden – wir sind viel zu dicht besiedelt. Obwohl ja in den Kommentaren zum Zeitungsartikel ganz viele besorgte „Der Wald gehört den Menschen“-Poster äußerten, dass sicherlich alsbald Kleinkinder von Wölfen gerissen werden und wir dann schon alle sehen würden, was wir von unserer „Back to the roots“-Einstellung hätten! (Ich vermute, die solcherart Argumentierenden haben etwas zu oft „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ gelesen und wörtlich genommen. Ähnlich wie manche Leute die Bibel … 😉 )

Dabei frage ich mich, wie das wohl vonstattengehen solle! Nicht wenige Kinder dürfen doch heutzutage auch im Teenageralter kaum allein vor die Tür gehen, ohne dass die Eltern dabei sind – um es mal überzogen darzustellen. Was da alles passieren kann! Da frage ich mich wirklich, welche Eltern ihre Kleinkinder (!) allein im Wald spazieren gehen lassen … Aber Hauptsache, ein „Argument“ gegen eine einem verhasste Sache gefunden, und wenn es ein Totschlagargument ist. 😉

Wie gesagt: Auch ich würde mich nicht wohlfühlen, stünde ich im Wald einem Wolf gegenüber. Ich gehe jedoch davon aus, dass das eher Seltenheitswert hätte. Und niemand hat sich gegen kontrollierte Abschüsse in Zweifelsfällen ausgesprochen. Nur wollen manche gleich jeden Wolf, der eine Pfote über die Landesgrenze setzt, abknallen lassen, lange bevor auch nur die Möglichkeit besteht, dass überhaupt etwas passieren kann. Das finde ich fragwürdig.

Vielleicht wäre es am besten, es würden nicht nur Birken gefällt und Wölfe erschossen, sondern man würde gleich die gesamte Natur betonieren und grün anstreichen. Oder? 😉

Kleiner, aber feiner Nachtrag: Ich möchte auch keine Wölfe vor der Haustür. Aber ich finde diese „Sofort abknallen!“-Mentalität mancher Menschen wirklich gruselig. Menschen, die alles, was sie in ihrem kleinen Kosmos stört, sofort abschaffen möchten. Klavierübende Nachbarn – verbrennt das Klavier! Hunde? Weg damit! Katzen? Fieses Viehzeug – unnötig, weg damit! Und nur, weil es ihnen gerade persönlich nicht passt.

Mehr als einwandernde Wölfe macht mir Gedanken, dass viele Menschen mit den größten Hunden umherspazieren, ohne Ahnung zu haben, wie man diese fachgerecht handhabe, was man nicht selten daran erkennt, dass diese Hunde weder ihren Namen, noch irgendein Kommando zu kennen scheinen. Und mir macht Gedanken, dass manche Menschen offenbar glauben, alles bestimmen zu können – auch die Natur. Ich nehme mich dabei gar nicht einmal aus – in diesem Sommer haben viele Nachtfalter in meiner Wohnung ihr Leben lassen müssen … 

 

„Und willst du nicht mein Bruder sein …“

Ich gebe zu, es kann manchmal enttäuschend sein, wenn man jemandem etwas Gutes tun möchte, und der will einfach nicht hören! 😉 Aber allzu enttäuschend auch wieder nicht, jedenfalls nicht für mich, weil ich ewiges Insistieren und Beharren darauf, dass jemand es „nur gut“ mit einem meine, auch nicht ausstehen kann. Noch dazu von Leuten, die charakterlich völlig anders geartet sind als man selber.

Ich vertrete ja – für Leute, die mich schon in meiner bisweilen etwas autoritär wirkenden Art erlebt haben – erstaunlich liberale Ansichten, was eigenverantwortliches Handeln anbelangt. Seit ich mich zurückerinnern kann, hatte ich Diskussionen mit meinem Vater darüber, der immer meinte: „Kind, hör auf mich. Meiner Erfahrung nach …“ Und ich kam dann immer mit: „Papa, hast du schon mal bemerkt, dass wir beide völlig unterschiedlich ticken?“ Und dann versuchte ich, ihm zu erklären, dass das, was für Person A total hilfreich sei, für Person B, völlig anders als Person A, schlimmstenfalls sogar tödlich sein könne. 😉 Gut, rein praktische Dinge wie Ratschläge beim Eröffnen eines Kontos oder solche Dinge sind okay – da kann man nicht so viel falsch machen, wenn man sich an gängige Regeln hält. Sobald es aber in den individuell-persönlichen Bereich geht, können große Pleiten die Folge sein, hält man sich stur an die Erfahrungen eines Menschen, der völlig anders ist als man selber. Sicherlich können Pleiten immer passieren, aber wenn eine solche geschieht, wenn man seiner eigenen Intuition gefolgt ist, ist es wenigstens eine ureigene Erfahrung, und es gibt keinen Grund, jemand anderem als sich selber Vorwürfe zu machen. 😉 Finster wird es, wenn man seinen ureigenen Vorstellungen gefolgt und auf die Nase gefallen ist, und dann kommt jemand und sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt …“ oder: „Ich hab ’s ja gleich gewusst!“ Auch das ein Allergiefaktor bei mir. 😉

Richtig krass wird es für meine Begriffe, wenn es sich um weltanschauliche Dinge handelt. Da kann ich ziemlich wütend werden, wenn jemand mir partout einhämmern will, meine Einstellung sei komplett falsch, und das mit einer Autorität, die meine „natürliche Autorität“, wie einige Leute das schon wohlwollend nannten, in den Schatten stellt und als Waisenknaben dastehen lässt; einem Starrsinn, den ich persönlich als peinlich empfände, wäre er mir eigen. (Auch wenn ich manchmal etwas stur wirke: Lange halte ich das nie durch … 😉 ) Ich kann es nicht ausstehen, wenn manche Menschen ihre persönliche Überzeugung als alleinseligmachende deuten und andere Menschen in diesem Sinne missionieren.

Herrschaftszeiten – es darf doch jeder nach seiner Façon glücklich werden, oder nicht? Hat zumindest schon der Alte Fritz gesagt, und ich glaube, mit dem hätte ich mich zumindest in diesem Punkt prima verstanden. Okay, nicht ganz uneigennützig war die Toleranz, die er gegenüber Minderheiten wie Hugenotten und Katholiken walten ließ, aber immerhin ließ er sie walten. 😉

Mit gerade eben elf Jahren kam ich aufs Gymnasium – ein weiterer heftiger Einschnitt nach meiner Einschulung im Alter von sieben Jahren, aber abgesehen von meinem neuen Klassenlehrer, Herrn Zuhoff, einem stets nervlich angegriffenen Exzentriker, von dem ich mich noch heute frage, wie man ihn auf solch noch kleine Kinder loslassen konnte, war alles tutti. Nette Mitschülerinnen und Mitschüler, denn zum Glück kam ich in eine gemischte Klasse von den vier Parallelklassen. Ich in die A, obwohl die Direktorin mich zunächst in die D hatte stecken wollen – eine reine Mädchenklasse. Nicht auszudenken, was da aus mir geworden wäre … 😉 Als in der Oberstufe die Klassenverbände aufgelöst und das Kurssystem eingeführt wurde, hatte ich öfter mit den D-Mädels zu tun – Hauen und Stechen, kann ich nur sagen. Eine sehr liebe Freundin aber damals dazugewonnen, auch eher handfest, trotz aller Sensibilität, und die sagte mal: „Sechseinhalb Jahre Horror in dieser Mädchenklasse – ich bin so froh, dass diese Scheiß-Klassenverbände aufgelöst worden sind. Sonst hätten wir uns sicherlich nie angefreundet. Die drei gemischten Klassen wollten ja nie mit uns zu tun haben. Und womit? Mit Recht! Immer dieses Gezicke!“ Tanni und ich waren dann über viele Jahre befreundet – sie besuchte mich in Aachen, ich besuchte sie an ihrem Wohnort, und wir haben diverse lustige Abende mit viel Bier und Wein verbracht. Hätte man mir das vor der Oberstufe gesagt, hätte ich mir sicherlich gegen die Stirn getippt. In diesem Mädchenklassenverband, in dem die meisten so drauf waren, dass sie dem Klassenlehrer immer durch liebreizend-devotes Verhalten signalisierten, dass sie „brave Mädchen“ seien, hatte ich niemanden erwartet, der so cool war wie Tanni und – noch besser! – das Ganze genauso ätzend fand wie ich. 😉

Sie berichtete: „Wehe, du fandest nicht genauso spannend, wenn irgendeine andere ein neues Oberteil hatte! Da warst du direkt ausgeschlossen. Oder dieses Gehabe mit Jungs! Unglaublich! Ging ein Junge an unserer Klasse vorbei, bekam der Raum quasi Schlagseite, weil alle Mädels sofort hinrannten, um den Knaben anzuhimmeln! Völlig egal, wie der Typ war – das hinterletzte Arschloch wurde angehimmelt!“ Ich staunte, als sie das erzählte. Denn nicht wenige Jungs in meiner Klasse waren im Grunde bereit zum Abschuss auf den Mond. Fand ich damals. Aber irgendwie arrangierten wir uns immer. Niemals aber wäre ich auf die Idee gekommen, bei Erscheinen eines männlichen Wesens derart zu reagieren. Ganz im Gegenteil! Erst einmal genauer unter die Lupe nehmen …

„Und dieses ewige Anhimmeln unseres Klassenlehrers war nur peinlich! Der ist total nett, aber mehr auch nicht – ich habe mich in dieser Klasse immer wie ein Fremdkörper gefühlt! ‚Herr Lehrer, ich weiß was!‘  – ‚Herr Lehrer, ich weiß noch mehr! Darf ich die Tafel auswischen und nach dem Unterricht Ihre Tasche tragen?‘ Ali, du kannst dir nicht vorstellen, wie ätzend das war!“ Nee, in der Tat – das konnte ich nicht. 😉 Und ich war froh. Aber es erklärte einiges. Diese Mädels waren allesamt bereit, den Nächstbesten zu heiraten, wenn der nur genug auf dem Konto hatte – so zumindest benahmen sie sich … 😉 Und wehe, man war anders. Tanni erzählte mir so einiges, und ich schüttelte nur den Kopf.

Bei uns in der Klasse war es ganz anders. Da gab es die echt „harten“ Jungs, und das schon von der Fünften an (rückblickend muss ich lachen …), dann die sensibel-intellektuellen, und dann die völlig Ahnungslosen. Bei den Mädels verhielt es sich nicht anders. Ich war eher ruhig und zurückhaltend – Menschen, die mich heute kennen, würden das nicht glauben. 😉 Aber irgendwann zwischen Abitur und jetzt muss ich so geworden sein, wie ich heute bin. Ich vermute, dass die Anfänge in Aachen während meines Studiums begründet liegen. 😉

Denn während meiner Schulzeit war ich zunächst noch ganz zahm. Zahm, aber doch mit einer eigenen Meinung versehen, was Vereinnahmung durch insistierende Dritte anbelangte. 😉

Nie werde ich meine Mitschülerin Netti vergessen. Netti war irgendwie anders – total schüchtern und total gläubig. Irgendwie und aus Sicht der anderen Mädels – und auch Jungs – „schräg“. Denn wenn wir alle in die große Pause abhauten, ging sie – mein ehemaliges Gymnasium ist eine Klosterschule – in die Kapelle und betete! Schon als Fünftklässlerin! Während wir auf dem Schulhof Fangen spielten!

Wenn ich schon nie zum Zentrum gehörte, weil ich kleiner und schüchterner war, war Netti eine absolute Außenseiterin. Ich habe mehrfach versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, weil es mir leid tat, dass sie so völlig außen vor war, aber was sie so erzählte, war mir völlig fremd, und ich lernte schon früh, dass „christliches Elternhaus“ und „christliches Elternhaus“ nicht unbedingt das Gleiche sei.

Richtig kapiert habe ich das, als ich in der Unterstufe zu ihrem Geburtstag im März eingeladen war. Es war alles irgendwie anders, überall in diesem Haus hingen Kruzifixe, sonstige Kreuze und Bibelzitate an den Wänden! Und als wir dann, kleine Mädchen noch und ein bisschen ungestüm, zum Abendessen am Tisch Platz nahmen und direkt reinhauen wollten in den Kartoffelsalat und die Käsebrote (denn Würstchen gab es nicht – kein Fleisch in diesem Haushalt!), wie es so bei Kindergeburtstagen üblich ist, rief Nettis Mutter: „Aber! Kinder! Wir sind doch keine Schweine! Wir essen doch nicht einfach drauflos!“ Erschrocken sahen wir einander an, aber wir waren ja alle gut erzogen! Und so standen wir auf und rannten Richtung Bad, um uns die Hände zu waschen … Doch da schallte die Stimme von Nettis Mutter hinter uns her: „Nein! Kommt zurück! Wir müssen beten!“

In den Folgejahren hatte ich immer einen wichtigen Termin, wenn Netti Geburtstag hatte … Obwohl mir das leid tat.

Schlimmer aber noch, was ihr im siebten Schuljahr widerfuhr. Das Jahr, in dem peu à peu ein nicht geringer Teil der Mädels erstmalig die „Tage“ bekam. Ich war von meinen Eltern behutsam auf dieses Ereignis vorbereitet worden – wie alle Mädels aus meiner Klasse. (Meist ist dies Sache der Mütter.) Und ich war bereits theoretisch wie praktisch im Bilde, als ich eines Tages Netti weinend vorfand. Da hatten wir Sport, und sie war in der Umkleide zurückgeblieben. Ich hatte etwas vergessen, und da fand ich sie. Sie weinte bitterlich und war völlig aufgelöst.

„Netti, was ist los?“ fragte ich bestürzt, und sie weinte noch mehr und meinte, sie sei wohl sehr krank. „Was hast du denn? Soll ich Frau Müller holen?“ fragte ich, und sie meinte, darüber könne sie im Grunde gar nicht sprechen. Das sei sicher Sünde. Da fiel bei mir der Groschen! Und ich sprach sie direkt auf ihr „Problem“ an. Sie nickte, und ich klärte sie dann auf. Im Grunde war es wie in einer vergleichbaren Szene der „Dornenvögel“, nur hier leider völlig real und nicht wie in diesem kitschigen Rührstück, was das Ganze im Grunde noch viel schlimmer machte.

Als ich nach der Schule meinen Eltern davon erzählte, wurden beide zornig, und meine Mutter rief: „Wie kann man nur! Das arme Mädchen! Kümmere dich ein bisschen um sie, Ali!“ Ich war mir nicht sicher, ob ich die Richtige dafür sei – Netti war so anders. Und bis zur zehnten Klasse wollte sie Nonne werden! Aber ich habe sie immer verteidigt, wenn andere sie doof angehen wollten – sie war immer irgendwie schutzlos. Schutzlos ihrer Mutter ausgeliefert, die wohl einen religiösen Wahn hatte und uns, drei Freundinnen und mich, dann auch irgendwann in ihren Bann ziehen wollte, als wir Netti, die immer ziemlich einsam war, besuchen wollten. Alle drei hat sie uns dann aus ihrem Haus geworfen, weil sie uns als „unwürdig“ empfand. Wie gerne hätten wir Netti mitgenommen! Ich habe bis heute keine Ahnung, was aus ihr geworden ist.

Ich hatte dann in Aachen auch eine Zeitlang mit einer religiösen Vereinigung zu kämpfen, die eine temporäre Mitbewohnerin, die, in Not, von mir aufgenommen worden, wohl aus Doofheit angelockt hatte, weil ihr eh alles egal war. Eine recht bekannte Sekte, die gerne zu zweit Hausbesuche abstattet, niemals Alkohol trinkt und rettende Bluttransfusionen ablehnt, auch wenn eigene Kinder dann sterben.

Der Anfang war harmlos. Zwei junge Frauen klingelten an der Tür, und ich sagte, ich hätte einen Termin. Hatte ich auch. Sie meinten: „Wir kommen bald wieder!“ – „Nein. Bitte halten Sie sich fern. Ich möchte das nicht.“ Die beiden lächelten überirdisch und gingen.

In der Woche darauf klingelte es erneut, ich öffnete. Und da standen sie schon wieder … Ich meinte, sie sollten sich bitte entfernen, ich hätte kein Interesse. Aber sie säuselten, sie wollten doch nur über die Bibel mit mir sprechen. Ich verwies sie der Türschwelle.

In der nächsten Woche das Gleiche. Ich war genervt bis unter die Achseln! „Hören Sie! Verstehen Sie, was ich sage? Ich will Sie nicht, bitte gehen Sie weg! Es interessiert mich nicht, was Sie mir sagen wollen – soviel Respekt sollte doch sein, oder?“ Meine Stimme klang bereits etwas kieksig – das ist immer ein schlechtes Zeichen …

In der Woche darauf öffnete ich nicht. Aber dann klingelten sie Sturm, auch bei den Nachbarn. Und irgendein Spast hat dann wohl den Türöffner betätigt. Schon standen sie wieder vor meiner Tür!

Ich sah sie mit diabolischem Grinsen an und meinte: „Bitte schön, kommen Sie herein!“ Und aus dem Kühlschrank angelte ich zwei Flaschen Bier und meinte: „Dann trinken wir erst einmal einen zusammen! So ein richtig schönes Herrengedeck! Den Schnaps hole ich gleich noch!“ Die beiden verabschiedeten sich erschrocken.

In der nächsten Woche drohte ich mit einem Zehnliterfass. Sie gingen.

Aber irgendwann haben sie mich erwischt! Da kam ich gerade aus einem Hauptseminar und wollte nach Hause. Und ich sah, dass sie vor meinem Haus patrouillierten. Hin und her. Ich beschloss, erst einmal einkaufen zu gehen. Ich hatte ja Zeit …

Als ich eine Stunde später zurückkam, sah ich sie vor dem Nachbarhaus patrouillieren. Blicklos ging ich an ihnen vorbei, hörte aber noch, wie die eine zur anderen sagte: „Ach! Da ist sie ja!“ Und sie hefteten sich an meine Fersen.

Ich schloss die Haustür auf. Dann drehte ich mich um. Die Wortführerin der beiden Damen hatte bereits zwei der drei Eingangsstufen erklommen, und gerade setzte sie einen Fuß auf die dritte Stufe. Ich lächelte, nickte ihr freundlich zu – und dann schmiss ich die Tür mit Schmackes zu, direkt vor ihrer Nase! Einen Schrei hörte ich noch: „Der kann nicht geholfen werden – dann gehen wir eben!“ Seitdem herrschte Ruhe.

In der Tat. Mir konnte von dieser Seite nicht geholfen werden – und das ist auch gut so! 🙂 Manchmal scheint nur drastisches Verhalten zu helfen, denn zwischenzeitlich hatte ich sogar mit der Polizei gedroht, was aber keine Wirkung zeitigte. Nun aber war ich quasi erlöst, denn sie hielten mich wohl für Satan höchstpersönlich, da ich sie derart brutal der Tür verwiesen hatte. 😉

Ich frage mich immer, wie Menschen wohl gestrickt sein müssen, die anderen ihre Weltanschauung auf Gedeih und Verderb aufzwingen müssen! Ich bin mir sicher, dass wir alle Macken haben – aber sowas haben nicht alle. Zum Glück! Ich glaube, mit meinen kleinen Macken bin ich gut bedient, wenn ich mal so einen Vergleich starte … 😉

Gehabt euch wohl mit all euren Macken, und lasst andere ihre ausleben. 🙂 Schönen Abend! 🙂

Ein alljährlich wiederkehrendes Drama

Nun ist er wieder da – der Herbst. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr freue ich mich darüber. Denn der Herbst, gefolgt vom Winter, ist meine Lieblingsjahreszeit. Denn ich finde ihn – allen Verzweiflungsschreien anderer zum Trotz – wirklich schön! 🙂

Vorbei die Zeiten der brüllend heißen Tage, an denen man vor lauter Hitze und Schwüle nichts wirklich Sinnstiftendes machen, nicht einmal auf dem Balkon sitzen kann, weil es einfach zu heiß dort ist. Vorbei die Zeiten des Schwitzens im Büro bei jeder kleinen Bewegung, des Sitzens dort bei Kunstlicht von früh bis Feierabend, weil das Büro nach Süden geht und der Chef immer nur lacht, wenn man das Wort „Klimaanlage“ in den Mund nimmt und man dann, um die unerträgliche Hitze auf ein zumindest ansatzweise erträgliches Maß zu drosseln, schon früh die Jalousien herunterlassen muss und dann doch wie benommen und mit Kopfschmerzen dasitzt.

Vorbei die Zeiten, da man abends nach Hause kommt und es beim Aussteigen aus dem Auto wie jeden Abend nach gefühlt zehn Grills in der Nachbarschaft riecht. Nix gegen Grillen, wohlgemerkt, denn ich grille selber gern, aber jeden Abend den Geruch in der Nase zu haben, ist irgendwann ein bisschen eintönig. Manche Familien scheinen sich im Sommer ausschließlich von Grillgut zu ernähren. 😉 Und natürlich steht Vattern als „Chef de cuisine“ am Grill, weil er der Einzige ist, der das extrem schwierige Unterfangen, Fleisch auf einem Rost zu garen, beherrscht – zumindest glaubt er das -, während die Küche zur Zubereitung von Essen ansonsten terra incognita für ihn ist. 😉 Okay, ein Klischee, bei manchen Familien aber immer noch der Fall.

Vorbei auch die Zeiten der Mücken und Nachtfalter, die abends in die Wohnung eindringen, wenn man nur durchlüften will. Klar, man macht ja schon kein Licht, aber die Viecher kommen auch ohne das mit wachsender Begeisterung und entern die Wohnung. Gut, künftig werden es – und das ist noch schlimmer – Spinnen sein, große, furchterregende Spinnen, die auf der Suche nach einem warmen Plätzchen zu Besuch kommen, aber die kommen wenigstens nicht in Massen.

Das Licht ist nicht mehr so grell wie im Sommer, sondern im Vergleich dazu gedämpft, auf angenehme Weise gedämpft und mit einem leicht goldenen Schimmer versehen. Das Laub ist bunt, von Ockergelb bis Dunkelrot reicht das Spektrum, und das sieht wunderschön aus. Finde ich zumindest. Aber ich finde ja den ganzen Herbst schön.

Ganz anders als viele andere Menschen. Denn momentan vernehme ich von allen Seiten Gejammer und ungläubiges Staunen, dass der Herbst nun da sei. Stimmt – damit war auch überhaupt nicht zu rechnen … Jedes Jahr diese hässliche Überraschung, wenn man feststellt, dass es außer Frühling und Sommer auch noch andere Jahreszeiten gibt! Für manche Mitmenschen scheint es ohnehin nur den Sommer zu geben, der von Bedeutung sei. Ich frage mich oft, warum. Warum sind Herbst und Winter solch ungeliebte Stiefkinder?

Gut, wenn es draußen schüttet, ist es nicht so schön, morgens das Haus verlassen zu müssen. Auf nassem Laub auszurutschen, ist auch nicht so toll, ebensowenig, in Hundehaufen zu treten, die sich unter dem Laub verbergen. Alles schon erlebt. Und trotzdem mag ich den Herbst, denn auch in anderen Jahreszeiten – wie zum Beispiel dem vielgerühmten Sommer – können unangenehme Dinge passieren. Auch regnet es da durchaus, wenn auch der Regen meist wärmer ist. So richtig toll ist das dann auch nicht.

Immer wieder dieses Drama, wenn der Herbst kommt. Genauer: diese Tragödie, welche der Herbstanfang zumindest für manche Menschen zu sein scheint.

Dabei wird auch im vielgerühmten Sommer immer geklagt, dass es „kein richtiger Sommer“ sei, dass es zu kalt sei, wenn das Thermometer die 20 Grad Celsius gerade mal knapp überschreitet. Zu nass, wenn es nach einer Hitzeperiode endlich mal regnet. Zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken … Für mich persönlich gibt es nur zu heiß oder zu schwül. Ansonsten beklage ich mich eher selten. Und zu heiß und zu schwül ist für mich auch nur deswegen unangenehm, weil ich dann bisweilen ein Kreislaufproblem oder ein erhöhtes Risiko eines Migräneanfalls habe.

Ansonsten muss man es doch ohnehin nehmen, wie es kommt. Auch den Herbst, denn der kommt unweigerlich jedes Jahr von Neuem. Aber jedes Jahr dieses Klagen, als sei eine Katastrophe übers Land hereingebrochen.

Eine Kollegin von mir meinte neulich: „Ach, ich finde es immer so furchtbar – diese Melancholie!“ Ja, sicher, dem Herbst haftet etwas leise Melancholisches an, aber gehört das nicht auch zum Leben und zum Gefühlsspektrum dazu? Muss man denn in allem etwas Negatives sehen? Warum sieht man den Herbst nicht einfach als das, was er ist? Eine ganz normale Jahreszeit, eine des Umbruchs? Aber okay, eine des Umbruchs zum Winter – und der geht ja für viele Menschen gar nicht. Sicher, es ist nicht lange hell, viele Menschen klagen über eine „Winterdepression“, gefühlt mehr als die halbe Bevölkerung … „Winterdepression“ scheint bei einigen ein beliebtes Accessoire zu sein. Einige scheinen wirklich ein Problem damit zu haben, das ist keine Frage. Was dagegen hilft? Bewegung draußen. 🙂 Hilft mir zumindest gegen niedergedrückte Stimmung. Ein schöner Gewaltmarsch draußen – ja, auch bei Regen -, und schon geht es besser. 🙂 Optimal, wenn man einen Hund hat, mit dem man ohnehin raus muss. 😉 Denn, zugegeben, manchmal ist es schon ein bisschen schwierig, sich zu überzeugen und aufzuraffen, doch mal nach draußen zu gehen, wenn es draußen eiskalt ist oder kalter Regen fällt. Aber mal im Ernst: Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur die falsche Kleidung. Alte Bauernweisheit. 😉

Aber nun erst einmal der Herbst mit seinen Kastanien und sonstigen Schönheiten. Wir haben als Kinder immer Kastanien gesammelt. In der Schule mussten wir dann mit Streichhölzern unnütze, kleine Figuren daraus basteln. Staubfänger und im Grunde irgendwie hässlich. Mir waren sie als bloße Kastanien am liebsten – ich fand sie immer so hübsch mit ihrer glatten rotbraunen Schale.

Oder Maronen, Esskastanien. Die liebe ich sehr, wenn sie geröstet sind und man sie essen kann. Als ich vor zwei Jahren auf dem Aachener Weihnachtsmarkt war, habe ich zu meiner Begeisterung gesehen, dass der Maronenverkäufer, der seit meinem ersten Semester ein vertrauter Anblick im herbstlich-winterlichen Aachen war, immer noch seinen Standplatz an der Großkölnstraße hatte. Er war kaum gealtert, und ich kaufte mir gleich eine Tüte Maronen, die inzwischen das in Euro kosten, was sie damals in D-Mark kosteten. 😉 Und ich kam mit ihm ins Gespräch und sagte ihm, dass ich ihn seit meinem ersten Semester „kenne“ und er annähernd unverändert aussehe. Das schien ihn zu freuen, und er gab mir drei Maronen extra zu meiner Tüte dazu. 🙂

So schöne Sachen gibt es im Herbst, und nun ist auch wieder die Zeit der Eintöpfe gekommen. 😉 Ich plane, demnächst mal wieder ein Irish Stew zu kochen – ein echtes Herbst- und Wintergericht. Schmeckt hervorragend, aber ich käme nie auf die Idee, so etwas im Frühjahr oder Sommer zu essen.

Oder Federweißer mit Zwiebelkuchen – wunderbar, auch wenn man am nächsten Tag, wenn man da etwas sensibel reagiert, gewisse Konsequenzen zu spüren hat. 😉 Nicht umsonst nennt man in manchen Regionen diesen sehr jungen oder neuen Wein auch „Sauser“. Ich muss sicherlich nicht ausführen, was da „saust“, noch dazu in Kombination mit dem Zwiebelkuchen. 😉

Abends kann man sich dann schön auf der Couch einmuckeln, Tee trinken und alte Filme gucken. Geht im Sommer gar nicht so gut. Meist ist es zu warm, oder man hat ein schlechtes Gewissen, weil man das Bedürfnis verspürt, alte Filme zu gucken, obwohl es noch so warm ist, dass man noch draußen sitzen könnte. 😉

Ich finde den Herbst rundherum gelungen und freue mich, dass er da ist. Wie jedes Jahr. Aber ich freue mich ja auch über den Winter. 😉 Oft schon habe ich mir verständnislose Kommentare anhören müssen, à la: „Du bist ja komisch – wie kann man denn den Herbst/den Winter mögen?“ Liebe Leute, ich bin gar nicht komisch! 😉 Ich weiß wenigstens noch, dass es vier Jahreszeiten gibt, dass es einen guten Grund dafür gibt und dass man jeder – wirklich jeder! – Jahreszeit etwas Schönes abgewinnen kann. Es gibt – allen Andersdenkenden und -wünschenden zum Trotz – nicht nur den Sommer. Ich frage mich immer, ob dieses Geschrei nach Sommer und der grassierende Jugendwahn irgendwie miteinander in Verbindung stehen … 😉 Beides nicht über Gebühr weise. 😉

Also: Der Herbst ist da, und in einigen Wochen kommt der Winter. Findet euch damit ab, seht auch die schönen Seiten! Und das sage ich als passionierte Pessimistin! 😉 Vielleicht bin ich ja doch optimistischer, als ich manchmal denke … 😉

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Als Kind fand ich manche Redensarten irgendwie frustrierend. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, wenn man sich in Mathe endlich mal derart angestrengt und verausgabt hatte, dass es erstaunlicherweise für eine Zwei minus oder sogar glatte Zwei gelangt hatte. Man freute sich halb kaputt, kam nach Hause und verkündete die frohe Botschaft, die umso froher war, als sie Seltenheitswert hatte. Die Eltern freuten sich auch, aber schon kam die mahnende Stimme meines Vaters: „Aber Ali: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!“ Peng! Schon war die Freude gedämpft, noch dazu, da man das doch selber wusste und nicht dauernd wie ein Knalldepp daran erinnert werden musste, dass ein einzelner Erfolg nicht das Ende der Fahnenstange war.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ ist ganz furchtbar. Den Satz habe ich häufiger zu hören bekommen. Anlass: Ich hatte als Siebenjährige vor Weihnachten nach den Geschenken geforscht, als meine Eltern in der Stadt waren. Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht das einzige Kind auf der Welt war, das das schon mal getan hatte … Leider bemerkte man das Ganze, obwohl ich schon ziemlich vorsichtig gewesen war. Ich versuchte, mich irgendwie aus der Sache herauszuwinden. In Folge kam dann öfter das oben genannte Sprichwort. Dabei habe ich höchst selten gelogen, und das nur in absoluten Notfällen, und da auch nicht immer für mich. Gut, man hatte mir beigebracht, dass Lügen gegen eines der Zehn Gebote verstoße. Andererseits hatte man mir im Zuge meiner christlichen Erziehung aber auch beigebracht, dass ein hohes Gut im Christentum die Vergebung sei – und jemandem eine zweite Chance zu geben. 😉 Kein Wunder, dass ich irgendwann vom Glauben abfiel … 😉

Bisweilen bedachte man mich auch mit lateinischen Sprichwörtern: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, zum Beispiel. „Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende.“ Da ich manchmal etwas spontan war, schien meinem Vater diese humanistisch geprägte Redensart wie für mich geschaffen. Gebracht hat es nicht immer etwas. 😉 Außer, dass ich zusammenzuckte, als irgendwann im Lateinunterricht just dieses Sprichwort fiel. Offenbar war ich zumindest klassisch konditioniert. 😉 Pawlow hätte sich in Erinnerung an die Pawlow’schen Hunde die Pawlow’schen Hände gerieben, hätte er meine klassische Reaktion gesehen … 😉

Manche Menschen gestalten ihre Kommunikation bevorzugt mit Hilfe von Sprichwörtern. Ganze, lange Sätze sind sie zu bilden in der Lage, die fast ausschließlich aus lauter Redensarten zu bestehen scheinen. Selbst wenn sie ihn dabei nicht heben, sieht man den moralischen Zeigefinger dennoch vor dem geistigen Auge. Ich gebe zu, dagegen eine kleine Allergie entwickelt zu haben. Und mir ist auch suspekt, wenn Menschen stets die Worte anderer benötigen – hier in Form von Sprichwörtern -, ganz einfache Sachverhalte zu erläutern. Meinem Empfinden nach haftet dem Ganzen immer ein bisschen was Bigottes an. Und das kann ich gar nicht ausstehen. Am allerschlimmsten sind Bibelzitate. Nicht, dass die nicht klug wären oder vielfach Wahrheiten enthielten. Aber bisher habe ich es nicht selten so erlebt, dass die Leute, die verstärkt mit Bibelzitaten um sich werfen, meist eine eher einseitige Weltsicht hatten. Es mag auch viele andere Leute geben, die gern Bibelzitate benutzen und nicht so wirken wie die Erstgenannten, aber ich habe leider gehäuft andere Erfahrungen gemacht. Das kommt dann besonders moralisierend herüber – und das mag ich gar nicht.

Heute jedoch musste ich einmal mehr feststellen, dass viele Sprichwörter eindeutig einen wahren Kern ihr eigen nennen. „Wo Licht ist, ist auch Schatten!“ So schoss mir durch den Kopf, als ich heute meinen Kühlschrank öffnete und zurückprallte. Warum? Nun, ich hatte vorgestern zwei wunderbare französische Käsesorten gekauft: einen Käse aus dem Elsass, einen Munster, einen anderen aus Savoyen, einen Reblochon. Ich liebe Reblochon und Munster und konnte nicht widerstehen …

In seiner Heimat gibt es den Munster meist aus Rohmilch, hier nicht selten aus pasteurisierter Milch. So auch mein Munster im Kühlschrank. Rohmilch ist mir lieber. Dafür ist der Reblochon de Savoie im Kühlschrank „au lait cru“ – aus Rohmilch. Wunderbar, dachte ich, als ich vorgestern die beiden reizenden Franzosen nach Hause fuhr und in den Kühlschrank packte.

Gestern war auch alles noch normal, aber als ich heute früh die Kühlschranktür öffnete, kippte ich fast um … Umwerfend in der Tat, der Geruch, der aus dem Kühlschrank waberte! Der Munster war größtenteils unschuldig, aber der Reblochon verströmte ein wahrhaft heftiges Aroma! Menschen, die Käse nicht mögen, würden diesen Kühlschrank sofort ausräumen oder ausräumen lassen und auf den Sperrmüll stellen – soviel ist sicher. 😉 Und auch ich beschloss, dem Käse mal besser heute und morgen zu Leibe zu rücken. 😉 Nicht, dass der Geruch noch bis ins Treppenhaus strömt und die Nachbarn glauben macht, ich lagerte tote Katzen in der Wohnung … 😉

Das Ganze erinnert mich an den letzten Kurzurlaub mit meinem Ex Dirk, zu dem ich rückblickend sagen kann: „Immerhin waren wir in einer schönen Gegend.“ 😉 Denn wir waren ins Elsass gefahren, genauer: nach Straßburg, von wo aus wir auch die umliegenden Orte erkundeten. Am Tag vor der Abreise, einem Samstag, gingen wir noch einkaufen. Wir brauchten unbedingt verschiedene Käsesorten – zumindest bildeten wir uns das ein. Und so kauften wir ebenfalls diverse Munster und andere regionale Käsesorten, allesamt „au lait cru“.

Ich hatte eingangs zu bedenken gegeben, dass Käse aus Rohmilch stets besonders streng gekühlt werden müsse, aber Dirk verwies auf die Minibar im Hotelzimmer. Ich gebe zu, ich fühlte mich bei der Einlagerung des Käses darin nicht so wohl, denn ich wusste ja, welches Aroma Rohmilchkäse zu verbreiten in der Lage ist. 😉 Aber wohin sonst damit? Und wir mussten ihn am Tag vor der Abreise kaufen – sonntags waren auch in Frankreich die Geschäfte geschlossen.

Morgens sausten wir los, tranken einen Café au lait und stürzten uns dann in ein sehr schönes Käsegeschäft, wo man uns verschiedene Sorten probieren ließ. Wir ließen dann auch einiges an Geld da und eilten mit der wertvollen Beute zurück ins Hotel, wo Dirk sie in der Minibar einlagerte. Dann gingen wir wieder in die Stadt, sahen uns dies und das an, besuchten verschiedene Geschäfte, auch die Galeries Lafayette und zwei Buchhandlungen. Danach gingen wir essen und kehrten erst abends wieder ins Hotel zurück. Es war an jenem Tag erheblich kühler als an den Tagen davor, und als wir das Zimmer betraten, wehte ein eisiger Wind hindurch. 😉 Denn sowohl das Fenster im Schlafzimmer, als auch das im Bad war weitaufgerissen, und die Schlafzimmergardine wehte im Wind. Es war aber auch nicht verwunderlich, denn als wir die Tür aufgeschlossen hatten und eintraten, prallten wir zurück! Es war, als liefe man gegen eine Wand … Eine Wand aus unbeschreiblichem … ja, man möchte es fast Gestank nennen. 😉 Mir tat das Zimmermädchen aus tiefstem Herzen leid! Hoffentlich war es bei guter Gesundheit, denn sicherlich hatte es auch die Minibar geöffnet, um nachzusehen, ob aufgefüllt werden musste … 😉

Mich überfiel sofort das schlechte Gewissen: „Siehst du – das war keine gute Idee! Die müssen nach unserer Abreise sicherlich das Zimmer ausräuchern, um den Geruch wieder herauszubekommen. Ich freue mich jetzt schon auf das Auschecken morgen früh!“ – „Ach, du machst das schon!“ – „Wieso ich?“ – „Weil du Französisch sprichst.“ – „Die sprechen hier auch Englisch und Deutsch!“ – „Ach, mach du das mal lieber …“ Klar. Alles, was unangenehm war, musste ich machen – das war immer schon so gewesen. Die unangenehmen Dinge ich, die angenehmen Dirk – es musste ja schließlich ein gerechter Ausgleich her … 😉

Aber zu meiner großen Überraschung verlor man am nächsten Tag nicht ein Wort über die Verseuchung von Zimmer 53. Mir wurden die Franzosen immer sympathischer. 😉 Ich hatte allerdings auch ein größeres Trinkgeld für das Zimmermädchen im Zimmer deponiert – ebenso ein kleines Entschuldigungsschreiben, in dem ich erklärte, dass sie im Elsass so wunderbaren Käse produzierten, dass wir nicht hätten widerstehen können.

Den Käse hat Dirk in seinem Gepäck transportiert … Keine Ahnung, ob er die Tasche jemals wieder benutzen konnte, was mir jedoch auch egal ist. 😉

Aber geschmeckt hat der Käse hervorragend, wie auch heute Abend der Reblochon sicher hervorragend schmecken wird, und dafür nimmt man doch manches Opfer gern auf sich, denn: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Nicht wahr? 😉

Mein Freund, der Baum …

Nachdem mein Ex-Bürokollege Birger ja nun schon seit Anfang letzten Jahres eine andere Wirkungsstätte, wenn auch beim selben Arbeitgeber, gefunden hat, sehe ich ihn nur noch bei Betriebsfeiern. Oder wenn jemand von der „alten Garde“ seinen Ausstand gibt. Und so viel sachlicher ist die Umgebung geworden, seit er weg ist: keine esoterischen Traktate mehr – sogar über Quantenphysik wusste er zu fabulieren -, keine knallenden Türen, keine ewigen Diskussionen um des Kaisers Bart …

Ab und an habe ich ihn am Telefon, und manchmal ist das auch ganz lustig. So wie vorgestern, als ich ihn anrufen musste, um mitzuteilen, dass einer der Chefs sich zu einem Termin bei Birgers Chef verspäten werde … Ich wählte die Nummer im Nachbarort, wo Birger am dortigen Standort tätig ist, und es wurde auch abgenommen. Und schon hörte ich eine Stimme rufen: „Frau!“ Wie meinen? Ich meine, okay, ich bin eine Frau, aber ist das ein neuerliches esoterisches Spiel? Blind ans Telefon gehen und dann raten, ob ein Mann oder eine Frau dran sei? Und so fragte ich mit leichter Unsicherheit in der Stimme: „Hallo?“

Da hörte ich auch schon Birgers unverwechselbare Lache. Wenn man sie lange nicht gehört hat und vor allem nicht dauernd hören muss, wirkt sie eigentlich ganz lustig. Und schon rief er: „Ach, Ali – du bist das!“ – „Ja!“ rief ich freudig bewegt. – „Und ich hatte gedacht, es sei meine Frau! Ihr habt die gleichen drei Ziffern am Ende eurer Arbeitsdurchwahl!“

Da fiel es mir wieder ein! Birger hatte sich immer mit: „Frau!“ gemeldet, wenn er auf dem Display die Arbeitsrufnummer seiner Frau gesehen hatte! 😉 Und nun hatte er wohl nicht so genau hingesehen … Ich lachte auch. Wir plauderten ein wenig à la: „Wie geht es dir?“ – „Muss. Und selbst?“ – „Muss.“ Dann übermittelte ich meine wichtige Botschaft, und zum Abschied meinte er: „Wir sehen uns ja sicher am Donnerstag – bei Corinnas Ausstand.“ – „Ja, wahrscheinlich.“ – „Schön. Dann können wir ja ein bisschen schnacken.“ – „Ja.“

Und heute war es soweit: Corinna, eine sehr, sehr nette Kollegin, verlässt uns. Leider, und es ist wirklich bitter, denn sie ist seit über 20 Jahren dabei gewesen, war schon lange da, als ich dazustieß. Aber mit dem ganzen Umbruch hat sich eine gewisse Unzufriedenheit breitgemacht – sie ist nicht die erste Kollegin, die geht. Und sicherlich wird sie auch nicht die letzte sein. Und das mir mit meinem Abschiedsproblem … Aber ich wünsche ihr wirklich nur das Beste, auch wenn ich traurig bin, dass sie geht.

So viele Leute wie heute hatte ich noch nie bei einem Kollegenausstand gesehen! Corinna ist sehr beliebt, weil sie einfach ein sehr lieber Mensch ist. Jens, Janine, Daniela und ich trafen etwas verspätet ein – wir hatten vergessen, in welchem Raum der Ausstand stattfand, waren also hervorragend vorbereitet. 😉 Aber dann waren wir doch erfolgreich, und nachdem wir Corinna begrüßt hatten, schnappten wir uns erst einmal ein Glas Sekt und ein Brötchen.

Da steuerte auch schon Birger auf uns zu, und ganz gegen seine Gewohnheit riss er mich begeistert in die Arme! Huch! 😉 Aber es war nett gemeint, und so habe ich das auch angenommen. 🙂

Und sogleich steckten wir mitten in einem angeregten Gespräch. Denn Birger erklärte uns, er habe etwas Neues entdeckt: das Keltische Baumhoroskop! Wann wir denn alle Geburtstag hätten? „Ali, wann du hast, weiß ich ja!“ Und er zückte eine Tabelle, die er in der Tasche gehabt hatte. Und verkündete mir, ich sei eine Zypresse, aber haarscharf an der Pappel vorbeigeschrammt. Einen Tag später Geburtstag, und ich wäre eine Pappel gewesen! „Da hast du ja nochmal Glück gehabt!“ rief er. Warum nur? Ich mag Pappeln, speziell die Sorte Italica, auch Säulenpappel genannt. Das sagte ich auch gleich, und Birger drohte mir scherzhaft mit dem Finger und meinte: „Ah, ein Phallussymbol!“ Und dazu lachte er. Ich meinte rasch, bevor das Lachen sich intensivieren konnte: „Was ist an der Pappel denn so schlimm?“ – „Sie steht für die Ungewissheit.“

Nun, wenn es danach ginge, würde die verdammte Pappel hervorragend zu mir passen. Und ich bin ja auch sehr spät am Abend zur Welt gekommen, nicht allzu lange vor Mitternacht. Quasi schon in Pappelnähe … 😉

Aber Birger sprach schon weiter: „Du bist also eine Zypresse. Das ist sehr gut, denn die Zypresse steht für die Treue.“ Na, fein, bassd scho. „Und hier steht, du bleibest lange jung.“ Och, ja. „Und du strebst nach Klarheit und Freiheit, Gleichberechtigung und hast eine wache Intelligenz! So, wie ich dich kenne, stimmt das.“ – „Danke,“, sagte ich überwältigt – so etwas hatte Birger nie zuvor zu mir gesagt! Auch wenn das hier schon wieder ein wenig verschrobener Aberglaube war, war es doch ein nettes Kompliment, und da ich keineswegs unversöhnlich bin, kniff ich Birger ein Auge zu und knuffte ihn gegen den Arm. Er zwinkerte zurück und meinte: „Und hier steht, die Zypresse stehe für die Auferstehung und dass das auch passend sei, da du viele Krisen durchstehen müsstest. Manche Zypresse-Menschen reagierten darauf mit Spott und Ironie …“ Ich lachte schallend, und Birger lachte ebenfalls und meinte: „Ali, mir scheint, du bist wirklich die geborene Zypresse – Spott und Ironie in Zeiten von Krisen! So kenne ich dich!“ – „Ja, wie soll man sonst darauf reagieren? Weinen? Ist doch auch doof!“ – „Alles in allem ein sehr guter Baum, Ali – das ist doch toll.“ O ja.

„Was bist du eigentlich?“ fragte ich Birger. Er sei ein Feigenbaum, gab er mir zur Antwort, und dieser stehe für Empfindsamkeit. Und schon machte er sich daran, Daniela als Apfelbaum und Jens als Pappel zu deklarieren. Der meinte nur: „Wieso denn ich eine Pappel? Wofür stand das noch?“ – „Ungewissheit.“ – „Was für ein Humbug! Andererseits: Es macht mich ein wenig unruhig, nicht zu wissen, ob und wann ich befördert werde. Genaugenommen macht mich einiges unruhig, was ungewiss ist …“ – „Na, siehst du.“ Es ist ja nicht so, dass ungewisse Dinge nicht generell verunsichern würden … 😉

Ich bin also eine Zypresse. Wer hätte das gedacht? Heute früh stand ich noch völlig ahnungslos auf, und gegen Mittag war ich schon eine Zypresse …

Der empfindsame Feigenbaum verabschiedete sich und ließ dann eine nette Baumgruppe aus Pappel, Apfelbaum, zwei Eschen, einem Nussbaum und einer Zypresse zurück.

Nun ja, nun weiß ich, dass ich gar nichts für etwaige Krisen kann – mein Freund, der Baum, ist schuld! Aber zum Glück weiß ich als Zypresse ja mit Ironie durch solche Krisen zu kommen und bin obendrein auch noch treu! Und gespannt. Denn sicherlich wird beim nächsten Ausstand ein ganz neues Horoskop von Birger mitgebracht. Wenn es auch ein bisschen verschroben wirkt: Es ist lustig, und es war tatsächlich nett, den alten Kollegen mal wiederzusehen. Sage ich als Zypresse, obwohl ich als solche auch manchmal als etwas impulsiv gelte. (Auch dafür kann ich offenbar nichts – der Baum ist schuld … 😉 )

Immerhin habe ich Glück gehabt: Zehn Tage später zur Welt gekommen, und ich wäre ein Zürgelbaum gewesen! Und da wüsste ich nicht einmal, wie das blöde Ding aussieht … 😉

Schönen Abend! 🙂

Von Montys neuen „Schuhen“, Kreisverkehren und Namensproblemen

Ich bin vor einiger Zeit von der Arbeit heimgekehrt, fand – erstaunlich, denn heute spielt Schalke daheim! – sofort einen Parkplatz vor dem Haus, in dem ich lebe, und bin dann ziemlich genervt in meine Wohnung in der sogenannten Belétage, dem ersten Stock, geeilt. Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss, atmete ich auf.

Der Arbeitstag war stressig gewesen, die Rückfahrt ebenfalls – lauter Wahnsinnige unterwegs, mit blauweißen Schals und Autokennzeichen von überall aus dieser Republik. Ich war leicht genervt. In meiner Wohnumgebung dominieren die Farben Blau und Weiß – und wehe, man bekennt sich dazu, Schalke nicht zu mögen! Allein, wenn ich in den Keller gehe, um zu waschen, springt mir sogleich die Kellerraumtür meines Nachbarn Wolski entgegen, auf der Blau und Weiß dominieren, aber auch Gelb und Schwarz vorhanden sind, die für einen Fußballverein stehen, dem man die Pest an den Balg wünscht. Okay, kann ich verstehen – ich mag den BVB auch nicht, absolut nicht. Aber die Bilder an der Kellerraumtür meines Nachbarn sind dann doch etwas … albern. Obwohl ich beide Wolskis mag. Aber das muss mal gesagt werden. 😉

Vor einigen Tagen aber sind neue Nachbarn ins Haus gegenüber eingezogen, das – man höre und staune – sogar über einen Fahnenmast verfügt. Ich fügte auch, und zwar mich in mein Schicksal, nachdem ich aufgeatmet hatte, dass wenigstens diese blauweiße, die halbe Welt zu umspannen scheinende Schalke-Fahne zum letzten Male gehisst und eingeholt worden war. (Immerhin ein blauweißes Objekt weniger.) Denn wer würde da wohl einziehen, wenn nicht ein Schalke-Fan? (Nix gegen Schalke an sich, aber man wird hier ein wenig davon erdrückt, sogar, wenn man aus dieser Stadt stammt und bis vor einiger Zeit selber ein wenig schalkeaffin war.)

Als ich heute früh aufstand und aus dem Esszimmerfenster blickte, fing ich zu lachen an. Es war ein freudiges Lachen. Denn oben am ehemaligen Schalke-Fahnenmast bauschte sich eine Fahne im Wind, die schwarz-weiß-grün war und eine schwarzweiß gestreifte, vertikal ausgerichtete Raute trug, in deren Zentrum ein „B“ prangte. Endlich mal etwas anderes hier! Borussia Mönchengladbach, die ich seit sehr, sehr vielen Jahren als „die wahre Borussia“ bezeichne, da älter als Borussia Dortmund, die ich – ich komme nun mal aus dieser Stadt hier – ganz konsequent ablehne. Eigentlich aber nicht nur, weil ich aus dieser Stadt hier stamme: Der Verein ist (mir) einfach unsympathisch. Und seine Farben, dieses Gelb und Schwarz, erzeugen schon von daher eine gewisse Abwehr in mir, da sie mich an Wespen erinnern. Mit denen stehe ich nicht auf allzu gutem Fuß …

Immerhin: ein netter Tagesbeginn, und ich bin gespannt, wie lange die Gladbach-Fahne hier noch wehen darf … 😉 Die von Dortmund wäre wahrscheinlich maximal zwei Minuten nach dem Hissen unter lautem Jubel heruntergeholt und zerrissen und/oder verbrannt worden, während die Verursacher ihrerseits unter noch größerem Jubel gehisst, aber wenigstens nicht zerrissen oder verbrannt worden wären. Nur eben vielleicht gehisst, auf dass man auch von fern gleich sehe, wer da der Spalter sei. 😉 Meinen schalkeaffinen Nachbarn traue ich alles zu. 😉 (Nein. Ich glaube nicht, dass es derart irre werden würde – aber ansatzweise irre mutet das Fantreiben hier schon manchmal an.)

Derart fröhlich gestimmt, schwang ich mich hinter des kleinen Monty Lenkrad und fuhr – die Musik laut aufgedreht, da ich noch müde war, aber wach werden wollte  – gen Arbeit. Ich fuhr früher als sonst, da mit Semesterbeginn damit zu rechnen war, dass der Parkplatz brechendvoll werden, ebenso, weil ich ja um 10 diese Brandschutzübung haben würde und zumindest schon einmal das Tagesgeschäft abgearbeitet haben wollte, bevor ich zum Feuerlöschen schritt.

Ich fuhr die gewohnte Strecke. Da ich früher als sonst fuhr, herrschte erheblich mehr Berufsverkehr. Keine Freude. Da wurde gedrängelt, rechts überholt, innerorts – dabei fuhr ich streckenweise schon fast 70. (Sagt es nicht weiter … 😉 Ich mache das sonst nie.)

Endlich bog ich in die Straße ein, die zum Kreisverkehr führt, dessen zweite Ausfahrt man nehmen muss, kommt man aus meiner Richtung, will man meinen Arbeitgeber erreichen. Der Fahrer vor mir bremste kurz vor dem Kreisverkehr, ich ebenfalls, und ich schaltete in den zweiten Gang herunter. Der Typ vor mir bog in den Kreisel ein, ich, da niemand von der anderen Seite kam, hinterdrein. Und zum Glück verfüge ich über eine recht rasche Reaktionsfähigkeit, denn ich musste direkt voll „in die Eisen“ gehen, denn der Fahrer vor mir bremste abrupt, zog nur geringfügig nach rechts – und blieb stehen! Mitten im Kreisverkehr mit sechs, sieben Fahrzeugen hinter ihm! Ich bin froh, dass der Fahrer hinter mir ebenso schnell reagierte.

Als ich – ich gebe zu, emotional nicht ganz unberührt, was sich an meiner wilden Gestik zeigte – an ihm vorbeifuhr, wobei ich noch partiell über die Mittelinsel des Kreisels fahren musste, weil rechts zu wenig Platz war, sah ich, dass er völlig abwesend auf sein Handy starrte – fern der Welt! Zum Glück musste ich weiterfahren, um den Verkehr nicht zu behindern, denn ansonsten hätte ich meinerseits gehalten und hätte ihm ein paar zünftige Worte an den Kopp geknallt.

Da fahre ich elf Jahre nicht Auto, weil ich Schiss habe und einmal ein schlimmes Erlebnis hatte, an dem ich nicht einmal schuld gewesen war … Und dann überwinde ich mich, fahre wieder, und das auch noch voller Freude – und bin konfrontiert mit noch größerem Wahnsinn als vor elf Jahren! 😉 Es ist ein bisschen grotesk. 😉

Ich dachte mir, nachdem ich dann geparkt und zur Arbeit gegangen war, dass das ja zum Glück eine Ausnahme gewesen sei. Doch als ich heute nach der Arbeit nach Hause fuhr und kurz vor dem Ziel erneut in einen Kreisverkehr fuhr, wurde ich eines Besseren – oder Schlechteren – belehrt. Vor mir eine junge Frau, die in den Kreisel fuhr. Da von links nichts kam, fuhr ich hinterher – und musste erneut heftig bremsen, da die junge Dame ganz unvermittelt hielt. Mitten im Kreisverkehr. Denn rechts an der Straße hatte so ein junger Hänfling gestanden, den sie wohl abholen wollte, der dann auch einstieg, als ich gerade Montys Hupe malträtierte. Das schien die junge Dame zu irritieren, und da gerade niemand hinter uns war, zog ich die Handbremse an, stieg aus und ging zum Wagen vor mir. Das Mädel ließ die Scheibe auf der Fahrerseite herunter, als ich dagegen klopfte, und ich fragte höflich, warum sie nicht einfach die nächste Ausfahrt genommen und drei Meter später gehalten hätte, statt mitten im Kreisel zu halten. Da sagte mir das Mädel: „Aber mein Freund hätte da doch noch weiter gehen müssen!“ Und der Hänfling blickte mich vorwurfsvoll an. Ich fragte: „Ist er gehbehindert?“ – „Nein! Wie kommen Sie darauf?“ – „Weil es dann doch wohl kaum eine Zumutung gewesen wäre, mal drei Meter weiterzugehen! Hätten Sie vor dem Zebrastreifen gehalten, mit Blinker rechts, hätte ich auch verzögert. Aber Sie sind ganz schwungvoll in den Kreisverkehr eingebogen – und dann haben Sie unerwartet und abrupt gehalten! Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie so vermeidbare Unfälle provozieren? Mann!“ meinte ich erbost, aber immer noch höflich. Das Mädel starrte mich an und meinte dann: „Darüber habe ich gar nicht nachgedacht.“ Ich sagte nur: „Wie auch immer – es hätte knapp werden können.“ Und ich wandte mich zum Gehen. Sie fuhr dann auch weiter, und ich habe dann zum Glück direkt vor dem Haus einen Parkplatz gefunden.

Ich bin bestimmt keine Meisterfahrerin, aber ich versuche zumindest, niemanden zu gefährden. Nach einem halben Jahr intensiven Fahrens ist mir wieder klar, warum ich zuvor so ungern gefahren bin. Obwohl damals alles erheblich harmloser war. 😉

Immerhin habe ich heute das Winterreifenproblem gelöst. Monty bekommt am 07. Oktober neue „Schuhe“. Obwohl es ja bei einem Auto eher „Füße“ sind. Oder? 😉

Der Erwerb der Winterreifen wird ein kleines Loch in mein Budget reißen, da diese wegen der integrierten Reifendruckkontrollsystem-Fähigkeit extra teuer sind. Egal – es muss sein. Und das Loch wird auch nur ein temporäres sein. 😉

Gestern rief ich bei meinem Vertragshändler an. In der Mittagspause. Aber offenbar hatte auch der Vertragshändler gerade Mittag, denn es ging keiner dran. Also schrieb ich – auf der Website des Händlers gab es diese Möglichkeit – eine sachbezogene Mail mit Bitte um einen Servicetermin zum Radwechsel, schrieb auch, ich brauchte Winter-Kompletträder, ebenso den Typ, und das, bitte, in der Niederlassung hier vor Ort. Ich checkte alles noch einmal. Da stand „Frau Ali B.“, mein Begehr nebst Winterreifentypus, sowie die Niederlassung deutlich vermerkt.

Heute früh fand ich eine Mail in meiner Mailbox: „Sehr geehrter Herr B., gerne bestätigen wir den Termin für den 07. Oktober und bestellen die Kompletträder für Sie. Mit freundlichen Grüßen …“

Ich bin es gewohnt, mit „Herr B.“ angeredet zu werden, schriftlich zumindest – mein Name verleitet manch Menschen dazu, obwohl es ein weiblicher Vorname ist. Witzig nur, dass ich gestern, als ich endlich meine neuen Einlagen abholte, auch ganz verwundert angestarrt wurde und man mir sagte: „Wir hatten mit einem Herrn gerechnet,“, als ich meinen Namen nannte. Immerhin meinte man dann noch: „Wir hatten uns schon gewundert, dass die Einlagen so klein seien – so kleine Füße hat kein erwachsener Mann! Ja, wir hatten schon überlegt, ob der Mann, von dem wir glaubten, dass ihm diese Einlagen gehörten, vielleicht kleinwüchsig sei!“ Na, super – vielen Dank! Vielleicht im Zweifel einfach „Tante Google“ bemühen, wenn man einen Namen nicht zuordnen kann? 😉 (Zu den Einlagen gab es eine „Bedienungsanleitung“, und da stand dann auch ganz oben: „Sehr geehrter Herr B.!“ 😉 )

Gut, die hatten aber auch keine Anhaltspunkte gehabt – nur hatte in meiner Mail an der KFZ-Vertragshändler ja ganz deutlich „Frau“ als Anrede gestanden … 😉 Da ich Kummer gewohnt bin, mailte ich freundlich zurück: „Sehr geehrter Herr […], haben Sie recht herzlichen Dank für die rasche Terminbestätigung, auch, wenn ich nicht Herr, sondern Frau B. bin. […]“ Ich konnte es mir nicht verkneifen. Warum auch? Immerhin habe ich ein Recht auf korrekte Anrede … 😉 (Nein, keine Sorge – ich bin keine Korinthenkackerin, aber über 40 Jahre voller komischer Bemerkungen und falscher Anrede trotz eindeutiger Spezifikation verleiten schon einmal dazu, Dinge richtigzustellen … 😉 )

Kurz darauf ereilte mich eine weitere Mail des Sachbearbeiters. Ich las sie – und lachte schallend los. Kollegin Janine meinte: „Was ist denn jetzt los?“ Ich meinte: „Ich scheine den armen Servicemitarbeiter nun völlig verwirrt zu haben.“ – „Den, der dich wider besseres Wissen mit ‚Herr B.‘ anredete?“ – „Genau.“ – „Wieso, was schreibt er jetzt?“ – „Sehr geehrte Frau Ali, bitte entschuldigen Sie die Verwechslung …“ – „O Gott!“ schrie Janine. „Hat er nicht kapiert, was du meintest und jetzt deinen Nachnamen für deinen Vornamen gehalten? Wie doof ist das denn?“

Aber ich winkte ab. Immerhin war die Mail nett gewesen. Und Hauptsache, er würde die richtigen Winterreifen bestellen! 😉 Darauf bestehe ich! 😉

Schönen Abend! 🙂

Scheiße – Schalke hat schon wieder verloren! Die nächste Zeit wird hier nicht leicht sein …

Von Sendersuchläufen

Gestern Abend, nach getaner Arbeit, einem abgegebenen Versprechen (Brandschutzhelferausbildung) und dem Wissen, dass meine neuen Einlagen schon seit über drei Wochen im Sanitätshaus meines Vertrauens vor sich hin schmorten oder schimmelten, war mein Begehr einfach nur, mich vor die Glotze zu setzen und hemmungslos zu konsumieren. Muss ja auch sein, manchmal zumindest. Und ich durchforstete das Programm und stieß auf das, was viele Leute als viel zu spießig abtun: einen „Tatort“. Ich fand das gerade passend, noch dazu, da es ein „Tatort“ aus München war, und das mit einem wirklich wunderbaren und herausragenden Schauspieler, der erst vor wenigen Tagen gestorben ist – ein echter Verlust.

Ich schere mich bei solchen Dingen wenig um vermeintliches Spießertum, zumal wir meiner Ansicht nach alle irgendwo Spießer seien. Auch die, die immer ganz laut und böse: „Spießertum!“ schreien. Das alleine empfinde ich schon als spießig, zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass diese wirklich besonders strengen Kämpfer wider das vermeintliche oder echte Spießertum allein durch ihre meist verbissene Art die besseren Spießer seien. Im Sinne, etwas zu verteidigen, das sie als „nicht-spießig“ empfinden, spießern sie aufs Peinlichste herum. Sie merken es nur meist nicht. (Genauso wie ich niemals merke, wenn ich irgendwie spießig bin – ich halte nur meist mein Maul, eben im Wissen, dass jeder von uns sp… – lassen wir das. Ich hatte im Philosophie-Grundkurs nur eine schwache Drei.)

Erwartungsfroh schaltete ich den Fernseher ein und durfte auch fast den ganzen „Tatort“ sehen. Kurz vor dem Finale – es war ein besserer „Tatort“, nicht allein wegen des herausragenden, leider verstorbenen Schauspielers – machte es so etwas wie: „Fump!“ Und dann wurde der Bildschirm schwarz, aber recht rasch erschien in der Mitte ein Rechteck mit der Inschrift: „Kein Signal“.

Wie – „kein Signal“? Doch gerne fast jederzeit – aber nicht kurz vor der Aufklärung eines wirklich mal spannenden Falles im „Tatort“, da auch psychologisch interessant! Ich schaltete auf andere Sender. ARD – wunderbar. ZDF auch. Bis dann – wie von Zauberhand gelenkt – überall „Kein Signal“ auftauchte. Nee! Also!

„Wollt ihr mich verarschen?“ nölte ich unfein Richtung Fernseher. Und auch der letzte Sender verabschiedete sich mit: „Kein Signal“ und dann sogar: „Ungültiger Sender“. Besonders schmachvoll, dass ich inzwischen – offenbar aus den Wohnungen unter und über meiner – die Abspannmelodie des „Tatorts“ hörte … Verdammt! Die alte Frau Schneider hatte offenbar ein Signal! Und Wolskis auch! Nur ich nicht! Warum nicht? Ich fühlte mich wie im Sportunterricht in der Grundschule, wenn Fußball gespielt wurde und alle Mädchen erst zuletzt in die Mannschaften gewählt wurden …

„Nur ich nicht“ musste ich dann zurücknehmen, als mein Nachbar von gegenüber an meiner Tür klingelte und fragte: „Haben Sie Fernsehempfang?“ – „Nee. Sie?“ – „Okay, Sie offenbar auch nicht,“, meinte er, blickte mich verschreckt an – ich war völlig bekleidet und auch ansonsten ganz normal – und verschwand grußlos in seiner Wohnung. Ich machte mir keinen Kopp darum – er ist so. Ein Mitarbeiter der Firma, die unseren Kabelanschluss verwaltet, hatte mich vor drei Jahren mal gefragt, ob alles mit ihm okay sei. Ich meinte: „Keine Ahnung, ich wohne erst seit drei Wochen hier. Ich glaube, er ist etwas scheu.“ Das ist er wirklich, aber er scheint seine Scheu zu überwinden, wenn sein Fernsehempfang gestört ist … 😉 Zumindest klingelt er dann beim Nachbarn und fragt, zieht sich aber auf recht abrupte Weise zurück, wenn der Nachbar auch keinen Empfang hat … 😉

Damit war das Problem aber keinesfalls gelöst. Ich hatte gar keinen Empfang mehr und zuvor doch so viele Kanäle gehabt! 😉 Ergo startete ich einen Suchlauf.

Und – hurra! Es wurden Sender gefunden, wie mir der Fernseher stolz mitteilte. Ganze vier Stück hatte er gefunden und sie treudoof auf den Kanälen 1, 2, 3 und 4 angeordnet. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit – in meiner Babyzeit hatte es, so geht die Sage, gar nur drei Sender gegeben. Hier immerhin einen mehr. Welch Luxus – und ich war sauer! Verwöhnte Zicke! 😉

Ich glaube, ich hätte noch nicht einmal so gemeckert, wenn auf Platz 1 nicht „Servus TV“ gelegen hätte, von dessen Existenz ich bis dato nicht einmal entfernteste Kenntnis gehabt hatte! Auf den Plätzen 2, 3 und 4 dann drei Verkaufssender, bei denen man dann „Original Käthe-Kruse-Puppen“ aus China erwerben kann. Ich atmete scharf ein. Hallo? Ich hasse diese Verkaufssender! Wieso waren die – neben „Servus TV“ – die einzigen Sender, die mir zur Verfügung stehen sollten?

Ich zwang mich zur Ruhe und startete einen neuerlichen Suchlauf. Ergebnis: dasselbe wie zuvor. Zumindest beim „manuellen“ Suchlauf. Und das gleich dreimal in Folge, da ich nicht müde wurde, einen weiteren zu starten. Danach hatte ich fünf Sender und zumindest „zdf_neo“ zusätzlich zu „Servus TV“ und den Verkaufssendern. Ein Lichtblick gegenüber dem bisherigen Angebot, aber so ging es doch nicht!

Danach kam ich auf den Trichter, einen automatischen Suchlauf zu starten. Prompt hatte ich ARD und ZDF da, wo sie auch sein sollten. Und sogar den WDR hatte ich wieder! Lange vermisst, da auch er einfach mal so verschwunden. Ich hatte auch RTL, SAT.1, ProSieben und all die anderen dieser Sender. Aber wo zum Henker waren außer dem WDR die Dritten abgeblieben, die sonst ab Platz 17 so zuverlässig dagewesen waren? Weg! Einfach weg!

Aber ich switchte zäh von Kanal zu Kanal, und irgendwann – ab der 117 – tauchten auch die Dritten wieder auf. Dazwischen ganz viele verschlüsselte Kanäle. Wo „Sport1“ ist, habe ich bis dato noch nicht herausgefunden. Es war gestern schon spät, als ich endlich die Dritten (Programme – nicht Zähne! 😉 ) wiederfand, und so begab ich mich beruhigt zu Bett.

Übrigens habe ich nicht von 1 bis 117 zäh durchgeswitcht, denn zwischendrin gab es einige größere „Sprünge“ …

Und obwohl ich nichtgläubig bin und die biblischen Wunder im Religionsunterricht ganz fachgerecht als Gleichnisse sah, empfing ich auch gestern schon „Bibel TV“ im Gegensatz zu den meisten anderen Sendern völlig problemlos und spontan. Ob das ein Zeichen sein soll? Oder ob es doch echte Wunder gibt? Auch wenn man sie gar nicht haben will? 😉

Ich werde sicherlich bei der Neuprogrammierung meines Fernsehers viel Zeit haben, darüber nachzudenken. Ich glaube jedoch, ich empfinde diese „Andienung“ glaubenstechnischer Aspekte – auch wenn mehr oder minder Zufall – einmal mehr als nervend. 😉

Aber jetzt mache ich mich wohl mal lieber an die Neuprogrammierung – bevor mir mein Fernseher den letzten Nerv raubt … 😉 Es raubt mir ja schon den vorletzten Nerv, dass ich nicht weiß, wie dieser verdammte „Tatort“ ausgegangen ist.

Schönen Abend! 🙂

„Io voglio proprio essere un pompiere!“

Kennt Ihr noch diese wirklich niedliche italienische Zeichentrickserie: „Grisu, der kleine Drache“, im Original „Grisù il draghetto“? Die ist wirklich süß und handelt vom kleinen Drachen Grisu, dessen Vater ihn zu einem furchterregenden und feuerspeienden Drachen erziehen will – halt so, wie es sich für Drachen geziemt und ganz normal ist. Aber der kleine Grisu schlägt völlig aus der Art, denn … er will Feuerwehrmann werden. Großer Frust beim Vater, aber der kleine Grisu gibt nicht nach, obwohl er seine wahre Natur nicht immer verleugnen kann und bisweilen – natürlich versehentlich! – Brände legt. Er ist nun einmal ein Drache, und ein ganz besonders süßer noch dazu, der im Eifer des Gefechts schon einmal ein Feuerchen legt, obwohl er das gar nicht will. (Ich habe für ein derartiges Naturell – natürlich im übertragenen Sinne – größtes Verständnis. 😉 ) Dennoch ist sein Credo: „Ich will Feuerwehrmann werden!“ Oder, siehe oben, das Original.

An Grisu musste ich heute in der Übung denken, in der man uns wieder einmal in die Kunst einwies bzw. darin trainierte, verschiedene Feuerlöscher sinnstiftend zu betätigen. Die Theorie dauerte erwartungsgemäß länger als geplant, aber diesmal konnte Herr Grethel, unser Brandschutzbeauftragter, der bisweilen gerne redet, rein gar nichts dafür. Es hatte ja niemand ahnen können, dass eine übungswillige Kollegin unter uns war, die in epischer Breite diskutieren wollte, wofür man denn Rauchmelder in Wohnungen überhaupt brauche … Sie meinte das ernst. Wir hatten ihre diesbezüglichen Fragen für Provokation oder einen Witz gehalten. Völlig falsch. Aber spätestens da wussten wir, warum die beiden Übungsleiter beim Blick auf die Teilnehmerliste resigniert geseufzt und gesagt hatten: „Das wird schwierig – Frau A. ist dabei.“ Da ich sie nicht kannte, dachte ich mir nichts Böses – ich hielt das resignierte Seufzen für Herumflachsen. Nun bin ich eines Besseren belehrt worden.

Morgens um kurz vor 10 gingen Kollegin Anna und ich zum Seminarraum quer übers Gelände in das Gebäude, in dem die Theorie stattfinden sollte. Wir waren die Ersten im Seminarraum und unterhielten uns angeregt mit den Übungsleitern, von denen der eine auf meine Nachfrage hin gestand, dass er den Dummy, der für die Übung zum Löschen brennender Personen eingesetzt wird, leider vergessen habe. Oooch! So ein Ärger … 😉 (Die einzige Übung, vor der ich wirklich etwas Schiss habe …)

Dann kamen die anderen, und schon fing die theoretische Unterweisung an. Verschiedene Brandklassen, verschiedene Feuerlöscher – auch Brände flüssigen Metalls wurden erwähnt. Als ein Kollege bereits eine Frage dazu stellen wollte, sagte Herr Grethel zu meiner Erleichterung: „Aber damit arbeiten wir hier nicht.“

Aber dann die Kollegin A., die ich heute zum ersten Mal sah … Wir arbeiten in einem weitläufigen Areal mit ganz verschiedenen Abteilungen, und es gibt Mitarbeiter, die ich trotz meiner inzwischen fast zwölfjährigen Betriebszugehörigkeit noch nie gesehen habe. Bei manchen scheint es gar nicht einmal so schlimm zu sein … 😉

Kollegin A. stellte die absonderlichsten Fragen, und gegenüber der Verwaltung, in der ich arbeite, scheint sie einen besonderen Ingrimm zu verspüren. Ja, sie unterstellte sogar, wir hätten mehr Feuerlöscher als sie in ihrem Labor! 😉 (Ja, klar … 😉 ) Und als sie mitbekommen hatte, dass Anna und ich in der Verwaltung arbeiten, kamen ganz viele plumpe Seitenhiebe. Dabei kannte sie uns nicht einmal – hätte sie uns gekannt, hätte sie wohl nicht so gesprochen. Anna und ich warfen einander Blicke aus den Augenwinkeln zu und grinsten. Nur nicht provozieren lassen. Und so lief Frau A. immer gegen die Wand.

Und dann, kurz vor Schluss des theoretischen Teils, dann ihr Solo in Sachen Rauchmelder in Wohnungen. „Wat soll dat denn damit – wofür braucht man die überhaupt?“ fragte sie in rotzigem Tonfall die beiden Übungsleiter, beide seit Jahrzehnten bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig. Herr Grethel erläuterte in sachlichem Tonfall, dass die meisten Todesopfer von Bränden nachts zu verzeichnen seien, da sie nicht wach würden. „Verstehe ich nicht – wenn man Rauch riecht, ist man doch gewarnt!“ rief Frau A. erbost. Herr Grethel erläuterte sanft wie ein Lamm, dass im Schlaf der Geruchssinn leider nicht so funktioniere wie im Wachzustand. „Ja, und wat soll ich dann mit die Rauchmelder? Wat machen die denn?“

Kollegin Anna drehte sich zu Frau A. um, die hinter ihr saß: „Die machen das, was ihr Name sagt: Die melden Rauch. Und das sehr laut. Da schläft keiner weiter. Wenn Sie so ein Ding im Schlafzimmer haben, und das geht los, dann stehen Sie senkrecht neben dem Bett!“ – „Ach, echt!“ – „Ja, echt, Frau A.!“ Ich rammte Anna meinen linken Ellbogen in die rechte Seite. Keine weitere Angriffsfläche bieten. Sie grinste mich an und raunte mir zu: „Ja, du hast ja Recht!“

Herr Huber, der zweite Ausbilder, ein sehr netter und bodenständiger Mensch, meinte: „Im Übrigen müssen Sie bis zum 31. Dezember Rauchmelder in Ihrer Wohnung installiert haben – ab 2017 ist das Vorschrift. Wenn es danach bei Ihnen brennt, und es stellt sich heraus, es gab keine Rauchmelder, kann Ihre Versicherung sich weigern, den Schaden zu ersetzen.“ – „Na, dat will ich ja ma sehen!“ – „Das werden Sie dann sehen – ich würde es nicht darauf ankommen lassen, zumal es ab 2017 gesetzlich vorgeschrieben ist.“ – „Ppp-hhh! Wahrscheinlich wollense mir auch noch erzählen, dat wir Feuerlöscher inne Wohnung haben müssen, woll?“ (O Gott! „Woll“! Jetzt war alles klar … 😉 Die Ruhri-Segregation! Die westlichen Ruhris sagen „ne?“, die östlichen „woll?“! Ich hatte mich ja schon einmal dazu geäußert. Anna und ich sind westliche Ruhris – das passte per se nicht. Eigentlich war der ganze Raum voller „ne?“-Ruhris, einer Niederrheinerin – und Frau A. 😉 )

Herr Huber sagte mit Engelsgeduld: „Ja, man sollte durchaus einen Feuerlöscher in der Wohnung haben.“ (Ich notierte das Ganze gleich auf meinem imaginären Einkaufszettel.) – „Ja, und wo soll ich den dann hinstellen? Ins Wohnzimmer – neben den Kamin?“ – „Am besten an einen zentralen, leicht zugänglichen Ort.“ (Ich begann, Herrn Hubers Gleichmut zu bewundern und ihn darum zu beneiden, und ich glaube, ich war nicht die Einzige, denn ich hörte von den anderen Teilnehmern genervte Lautäußerungen. Ich war zwar selber noch ruhig, aber ich merkte, wie sich leise und immer lauter werdende Ungeduld in mir breitmachte.)

Dann diskutierte sie, wie sie denn, wenn das Wohnzimmer brenne und bereits Rauch im Flur sei, im Schlafzimmer, vom Rauchmelder geweckt, gerettet werden könne! (Ich hätte keine Umfrage starten wollen, aber ich bin mir sicher, einige der Anwesenden waren kurz davor, zu rufen: „Gar nicht!“) Herr Huber meinte gelassen: „Ach, Frau A.! Wenn Sie festgestellt haben, dass es in Ihrem Wohnzimmer brennt, so dass der Flur bereits mit Rauch gefüllt ist, während Sie sich im Schlafzimmer befinden, dann machen Sie die Schlafzimmertür bitte einfach wieder zu, stopfen Ihre Bettdecke vor die untere Türritze, rufen die Feuerwehr, und dann öffnen Sie das Schlafzimmerfenster und stellen sich genau dahinter. Wenn dann die Feuerwehr eintrifft, machen Sie durch Winken und Rufen auf sich aufmerksam.“ – „Haha, und dann winken die zurück und rufen: ‚Hallo! Schöner Abend, woll?‘“

Noch bevor Herr Huber, in dessen Gesicht sich inzwischen eine Mischung aus leisem Frust und – nach dieser Äußerung – auch leisem Zorn breitmachte, etwas sagen konnte, drehte ich mich um und meinte: „Wie schätzen Sie eigentlich die Arbeit der Feuerwehr ein? Meinen Sie, die kommen mit Sonderrechten an, sehen Sie am Fenster winken und rufen, finden das putzig und hauen dann wieder ab? Ich meine, wenn ich Sie so reden höre, könnte ich das glatt verst… – aua!“ Anna warf mir von links einen Blick zu, zog ihren rechten Ellbogen zurück, den sie mir in die Rippen links gerammt hatte, und raunte: „Keine Angriffsfläche bieten, Ali. Ganz ruhig.“ Und sie kniff mir ein Auge zu. „Ja, du hast ja Recht,“, gab ich zurück. Anna und ich verstehen einander zwar nicht blind, aber trotzdem meist gut. 😉

Herr Huber grinste, fasste Frau A. fest ins Auge und meinte dann ein wenig boshaft: „Frau A., bis wir eintreffen, haben Sie maximal einen etwas wärmeren Hintern bekommen – aber Sie werden es überleben. Wir holen Sie dann auch heraus.“ Nicht ganz so nett, Frau A. ist ein bisschen voluminöser … Aber verdient hatte sie es irgendwie … 😉

Die praktischen Übungen machten dann richtig Spaß, und Herr Grethel, der mich von klein auf kennt, meinte: „Frau B. – Sie sind echt fix beim Löschen und haben sich echt gut angestellt.“ Ich meinte: „Ich mache das nicht zum ersten Mal – ich habe doch schon einmal so eine Übung mitgemacht. Vor acht Jahren.“ – „Ja, aber dafür sind Sie verdammt schnell. Und deswegen wollte ich Sie fragen …“

Ja. Und nun werde ich zum nächsten Termin zur Brandschutzhelferin ausgebildet. Ich konnte nicht nein sagen … Wie gesagt: Herr Grethel kannte mich schon als Vierjährige, und er freute sich so über mein Engagement … Wie hätte ich da nein sagen können? Das zu meinen Vorsätzen, keine weiteren Ehrenämter zu übernehmen. 😉

Wenigstens durfte ich erneut einer Treibgas-Spraydosenexplosion beiwohnen, ebenso erneut einer Fettexplosion. Und Herr Huber fand richtig klasse, als ich auf seine Frage, was mit einem brennenden Fonduetopf zu tun sei, rief: „Deckel drauf, und dann am besten aus dem Fenster nach draußen werfen!“ Alle lachten, aber Herr Huber meinte: „Nee, das ist wirklich eine vernünftige Maßnahme! Man sollte allerdings vorher gucken, ob gerade niemand des Weges kommt und den Pott auch nicht unbedingt auf das Auto des Nachbarn werfen!“ Zum Glück ist ja Frau A. nicht meine Nachbarin. Ich könnte sonst für nichts garantieren … 😉 Nein, nicht wirklich, obwohl mir heute mehrfach danach war. Aber ich habe mich ja zum Glück im Griff.

Mein Chef fragte nach der Übung: „Und, Frau B.? Hat es Spaß gemacht?“ – „Ja, total! So viel, dass ich jetzt am liebsten hier ein paar kleine Brände legen würde, weil das Löschen so viel Spaß macht!“ Mein Chef starrte mich ängstlich an – wir haben wirklich nicht die gleiche Art Humor. Oder er kennt den kleinen Grisu nicht. Schade, wie ich finde … 🙂

Sie tut’s schon wieder …

Zwar hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, mich etwas einzuschränken, was Ehrenämter bei meinem Arbeitgeber anbelangt, aber offenbar bin ich da sehr inkonsequent.

Nichts gegen Ehrenämter an sich – behüte! Ich finde prima, wenn man sich sozial betätigt. Nur frage ich mich in diesem speziellen Falle schon manches Mal in einer ruhigen Minute, wo hier die Ehre bleibe. Denn zwar wird man für die Dauer der Fortbildungen – maximal ein halber Tag im Falle des Ersthelfertrainings – freigestellt, aber dass man sich engagiert, wird ganz selbstverständlich angenommen. Zum wirklich schweißtreibenden Ersthelfertraining gibt es nicht einmal Getränke – die müssen wir auch noch selber mitbringen. Dabei profitiert der Arbeitgeber doch davon, dass Mitarbeiter sich freiwillig bereiterklären, zum Beispiel als Ersthelfer tätig zu werden. Und – nein! – ich will keinen roten Teppich dafür. Aber das alles als selbstverständlich zu betrachten, gefällt mir auch nicht. Ich glaube, ich bin auch nicht die Einzige. 😉 Ich denke jedoch, das ist anderswo auch nicht anders.

Morgen früh findet wieder einmal ein Training statt, das dem Bereich Brandschutz zuzuordnen ist. Erst ein mit maximal einer Stunde veranschlagter theoretischer Teil, von dem ich vermute – ich versuche stets, realistisch zu sein – , dass er sicherlich erheblich länger andauern werde. Vielleicht sogar doppelt so lange. Denn unser Brandschutzbeauftragter ist zwar total nett, aber auch sehr redselig und kommt von Hölzken auf Stöcksken, wenn er einmal warmgelaufen ist – und dann sind da auch noch immer die üblichen Verdächtigen. 😉 Das sind Kollegen, die immer 150%-ig sein wollen, was nicht selten dazu führt, dass die abstrusesten und unwahrscheinlichsten Fälle erdacht werden und dieselben Fragen etwa drei- bis viermal behandelt werden müssen. Wahrscheinlich, weil die Kollegen beim ersten Mal nicht zuhörten, weil sie gerade einen besonders spektakulären Fall ersonnen, der in unserer Arbeitsumgebung gar nicht vorkommt, so zum Beispiel, weil bei uns nicht mit flüssigem Metall gearbeitet wird. Auch Fettbrände sind in unserer Umgebung eher selten. Zwar sollte man in jedem Falle darüber Bescheid wissen – auch für den Privatgebrauch -, dass man Fett niemals mit Wasser löschen darf, aber man muss wirklich nicht stundenlang darüber diskutieren – schon gar nicht bei einem Auffrischtraining. Denn ich vermute einfach mal, dass sich hinsichtlich Fettbränden in den letzten Jahren nichts Wesentliches geändert habe, was deren Charakteristika und die daraus resultierenden Löschmethoden anbelangt. 😉

Ich gehe mal davon aus, dass der Theorieteil sicherlich um einiges länger dauern werde …

Im praktischen Teil wird uns der Umgang mit verschiedenen Typen von Feuerlöschern beigebracht, und es ist gut, dass mal wieder – für Geneigte – eine solche Übung stattfindet. Die letzte dieser Art, die ich mitmachte, war anno 2008 und sehr lehrreich. In verschiedener Hinsicht.

Denn sie wurde in zwei Gruppen abgehalten, und als ich auf die Teilnehmerliste von Gruppe 1, in der auch ich mich befand, blickte, sah ich, dass hauptsächlich Kollegen und Kolleginnen darin waren, die ich total nett finde. Bis auf eine. Frau Kleine. Die hatte ich schon öfter in unangenehmer Weise erlebt, denn sie ist krankhaft neugierig und weiß immer alles. Glaubt Frau Kleine. Darüber hinaus hat sie sich mehrfach als sehr unkollegial erwiesen. So sehr, dass eine Kollegin, die wirklich extrem verständnisvoll und kompromissfähig war, sie nicht mehr grüßte. Und wenn die schon nicht mehr grüßte, wollte das was heißen.

Ich gebe zu, ich wirke vielleicht manchmal etwas gnaden- und kompromisslos in meinem Urteil, aber das bin ich eigentlich gar nicht. Aber es gibt einige, wenige Ausnahmen – und dazu zählt Frau Kleine. Zum Glück musste ich mich aber nicht als alleiniger Motzkopp fühlen, da auch eine ganze Reihe anderer Kollegen aus meiner Gruppe zu stöhnen begann, als sie sahen, dass Frau Kleine auch in der Gruppe war.

Der Kurs begann mit der Theorie. Die beiden Ausbilder machten die Sache großartig, zügig und so, dass jeder begriff, was Sache sei. Und wir wären auch ziemlich schnell mit all dem fertig gewesen, was sie vorgesehen hatten – wäre Frau Kleine nicht gewesen. Sie wiederholte immer wieder das von den Ausbildern Gesagte und tat so, als wäre es auf ihrem Mist gewachsen. Verstanden schien sie es jedoch nicht in jedem Falle zu haben, denn die Fragen, die sie stellte, bewiesen, dass es mit dem Grundverständnis gehapert hatte. Einige begannen bereits, gequält zu stöhnen, und selbst die Ausbilder wirkten gar nicht mehr so souverän, als Frau Kleine sich in die Runde drehte und uns allen überlegen erklärte: „Fett darf man nie mit Wasser löschen – merken Sie sich das!“ Als hätte sie diese Weisheit gerade selbst herausgefunden. Da entfleuchte mir – ich schwöre, das war nicht geplant gewesen! – der Satz: „Frau Kleine! Das wissen wir! Und das haben die beiden Herren auch vor Ihnen schon gesagt.“ Da schwieg sie, und Kollegin Christiane, die neben ihr saß, grinste.

Bereits ein wenig erschöpft, begaben wir uns dann auf die Wiese hinter einem der Gebäude, wo diverse Gerätschaften installiert worden waren, mit denen man verschiedene Arten von Bränden simulieren konnte. Unter anderem demonstrierte man uns, was passiere, wenn eine Spraydose mit Treibgas explodiere. Eindrucksvoll. Leider auch sehr laut – ich bin doch so geräuschempfindlich. 😉

Noch eindrucksvoller jedoch die Fettexplosion, die man uns demonstrierte: Ein Liter Sonnenblumenöl über seinen Brennpunkt erhitzt, und dann stürzte von oben eine recht geringe Menge Wassers in den Behälter mit dem brennenden Öl. Einen Sekundenbruchteil lang schien sich nichts zu tun – der Bruchteil, in dem das Wasser in dem Fett verdampfte -, aber dann gab es eine Explosion mit einer Stichflamme, die ich auf etwa fünf bis acht Meter schätzte. Zwar war klar gewesen, was passieren würde – sagt einem ja auch irgendwie der gesunde Menschenverstand -, aber ich schrie dennoch: „Hui! O mein Gott!“ und sprang vor Schreck etwa einen Meter zurück. Zum Glück, denn sonst wäre Frau Kleine auf mich gesprungen, die vor mir gestanden hatte. („Stehe ich Ihnen im Weg, möchten Sie nach vorne, Frau B.?“ – „Aber nein, ich sehe gut von hier aus. Ich stehe bei so etwas lieber etwas weiter hinten.“ – „Warum?“ – „Nun, es wird hier gleich eine Explosion geben.“ – „Meinen Sie?“ – „Äääh, ja.“ Seit meinem ersten Arbeitstag in einem metallverarbeitenden Institut der RWTH stehe ich bei so etwas lieber weiter hinten, als mir in einem der Gießlabore flüssiges Aluminium entgegenflog, was, so Kollege Frederic lässig, „schon mal vorkommen“ konnte. Da hatte ich auch einen riesigen Satz gemacht, denn trotz Baumwoll-Schutzkittels und Schutzbrille war mir nicht ganz wohl gewesen … 😉 )

Alle waren schwer beeindruckt von der Fettexplosion. Kaum einer sagte etwas. Kaum einer. Nur Frau Kleine meinte: „Ach, du meine Güte! Das ist ja furchtbar! Stellen Sie sich mal vor, Frau B., wenn man vor der Friteuse steht, und die explodiert! Da muss man ja die ganze Küche renovieren lassen!“

Ich starrte sie irritiert an, und auch die anderen standen mit offenen Mündern da – was für ein Kommentar! Die Küche renovieren – das war Frau Kleines einzige Sorge? Und so platzte ich heraus: „Frau Kleine! Wenn Sie vor einer explodierenden Friteuse stehen, dann ist Ihnen Ihre Küche sowas von egal, denn danach liegen Sie auf der Intensivstation für Schwerstverbrannte oder gleich auf dem Friedhof!“ Sie starrte mich entsetzt an: „Waaas?“ – „Ja, was hatten Sie denn gedacht?“ rief einer der Ausbilder. „Da machen Sie nicht mehr viel. Sie hatten doch vorhin selber Ihre Kollegen, denen das allerdings schon klar war, belehrt, dass man Fett niemals mit Wasser löschen dürfe, oder?“

Der weitere Verlauf des Kurses war dann entspannt, und Frau Kleine erwies sich als echtes Löschtalent, speziell bei unserer letzten Übung. Ich zog meinen Hut vor ihr, dass sie diese – das Löschen einer brennenden Person, natürlich durch einen Dummy dargestellt – so gut hinbekam, wo ich zwar nicht scheiterte, aber gar nicht erst antrat. Ich hatte mich bereits beim Löschen eines brennenden Papierkorbes mit einem wasserbasierten Feuerlöscher, sowie beim Löschen eines brennenden Computermonitors mit CO2 verausgabt. Ehrlich gestanden: Mir war ein wenig schlecht, denn das T-Shirt, das der Dummy trug, wurde, um es in Brand zu setzen, immer wieder mit Brennspiritus getränkt. Und es gibt einige Gerüche, von denen mir echt schlecht wird, wozu auch Brennspiritus gehört. Da dachte ich mir, es wäre wohl besser, auf diese sehr körpernahe Übung zu verzichten. Nicht, dass ich am Ende noch ohnmächtig daliegen würde und erstversorgt oder gar gelöscht werden müsste! 😉

Ich bin mir aber sicher, dass ich eine brennende Person auch ohne diese Übung durchaus löschen könnte. Sogar Frau Kleine. 😉 Aber der war fies, wirklich. 😉

Nun harre ich gespannt der Dinge, die da morgen kommen werden. Zum Glück ist Anna dabei, meine frühere Bürogenossin, mit der ich ja schon sämtliche Ersthelfertrainings absolviert habe. Von daher weiß ich jetzt schon: Es wird lustig werden. 😉

Nichts ist unmöglich

„Nichts ist unmöglich“ war früher nie mein Motto. Aber ich kann euch versichern: Je mehr Lebenserfahrung ihr ansammelt, umso mehr werdet ihr davon überzeugt, dass Dinge, die ihr früher für undenkbar hieltet, viel wahrscheinlicher werden, sich bisweilen sogar so wandeln, dass ihr gar nicht verstehen könnt, wie es je anders gewesen sein konnte. In ganz finsteren Momenten zweifelt ihr sogar daran, dass ihr je anders empfunden haben könntet als in diesem Moment und heutzutage.

Als Kind fand ich beispielsweise Oliven und Kapern zum Kotzen. „Königsberger Klopse“ mein absolutes Hass-Essen – neben Graupensuppe. Mir erschloss sich nicht, warum man aus gehacktem Kalbfleisch und anderen Zutaten geformte Fleischbällchen in einem Sud kocht, statt sie einfach – wie Frikadellen – in die Pfanne zu hauen und zu braten! Schmeckte viel besser, fand ich. Und das Widerlichste an den gekochten Fleischbällchen war die Sauce! Da waren Kapern drin! Deren Existenz fand ich als Kind ebenso verzichtbar wie die von Zecken. Die quälten nur Tiere, schienen aber sonst zu nichts gut. Und mit Kapern schien es sich – aus meiner Perspektive – ähnlich zu verhalten. Da konnten meine Eltern und Großeltern noch so auf mich einreden, wie toll das doch sei! Ich zog die Nase kraus und machte lange Zähne. Aber da ich dazu erzogen worden war, auch Unliebsames hinzunehmen, aß ich mit Todesverachtung dann auch Königsberger Klopse. Und Dicke Bohnen nach Art meiner Oma Elisabeth, die ich immer nur „Kotzbohnen“ nannte, da ich fand, der Name sei passend.

Oliven fand ich ebenfalls ätzend. Ekelhaft für mich als Kind. Genauso Olivenöl, mit dem ich seit Kleinkindzeiten insofern vertraut bin, als meine Mutter es schon für Salat verwendete, als hierzulande noch keiner zu wissen schien, dass es Olivenöl überhaupt gebe. Ich hasste sowohl Oliven, als auch Olivenöl als Kind. Der Salat schmeckte immer so … komisch. Und ich hasste diese türkisblaue Blechdose, auf der „Olio di Oliva“ stand, darunter „Dante“ und das Profil einer Person abgebildet war, die aussah wie ein Dschinn. Die Dose war eckig, und man musste bei Anbruch zwei Löcher hineinbohren – wie in Kondensmilchdosen. Wann immer meine Mutter sie in die Hand nahm, wusste ich: „Der Salat wird wieder nach Motoröl schmecken!“ So zumindest kam es mir als Kind vor, denn da ich Oliven verabscheute, weil die so „motorölmäßig“ schmeckten, konnte mir Olivenöl auch nicht mehr munden.

Was soll ich sagen? Seit vielen Jahren wünschte ich mir, mich allein von Oliven ernähren zu können, und Olivenöl ist einfach nur wunderbar. Sogar ohne den „Olio di Oliva Dante“-Dschinn, obwohl der doch etwas Markantes und Faszinierendes an sich hatte. 😉 Eigentlich war er auch gar kein Dschinn. 😉

Meine Abneigung gegen Kapern wurde schon vor Jahren von einer sehr energischen und drahtigen Irin geheilt – Kellnerin in einem Fischrestaurant in Galway. Ich bin Lizzy noch heute dankbar, denn Kapern sind total toll! Finde ich jedenfalls. 😉

Allein Graupensuppe steht bei mir noch immer auf dem Index. Ich esse sie, keine Frage, denn es gibt nur wenige Aspekte, die mir verhasster sind als Herumgezicke à la: „Das kann ich nicht essen!“ Käme mir nie in den Sinn, habe ich aber schon oft miterlebt. Man kann eigentlich alles essen, es sei denn, man habe eine Allergie. Wenn das nicht der Fall ist, ist es für mich Anstellerei. Ich mag Graupensuppe nicht, aber ich esse sie. Wenn auch ungern.

Erstmalig verliebt habe ich mich in sehr jungen Jahren. In einen zwölf Jahre älteren Jungen, der so nett war, erstaunlich verständnisvoll damit umzugehen. Wahrscheinlich hat er gar nicht gemerkt, was Sache war und sah mich als eine Art „kleine Schwester“. Dunkelbrünett war er und hatte braune Augen.  Und es sah zunächst so aus, als wäre dies mein „Beuteschema“, bis ich wenige Jahre später plötzlich auf blond und blauäugig stand.

Doch kaum richtig in der Pubertät, schlug wieder das „Brünett-mit-braunen-Augen“-Schema durch. Das hielt auch lange an, reichte bis in meine Studienzeit. Erstaunlicherweise war nur einer meiner Freunde damals brünett und hatte braune Augen – und das hielt noch nicht einmal lange. 😉

Dennoch war ich irgendwie auf diese Kombination gepolt, war sogar so anmaßend, zu sagen: „Blond bin ich selber – also bitte!“. Man sagt ja, dass Mädchen immer ein Abbild ihres Vaters suchen – unbewusst. 😉 Und als dieser noch mehr Haar besaß, war das dunkelbrünett. Und braune Augen hat er auch. 😉

Inzwischen ist es so weit, dass ich gar kein festgezurrtes „Beuteschema“ mehr habe. Offenbar erwachsen geworden. 😉

Inzwischen habe ich erkannt, dass Haar- und Augenfarbe im Grunde völlig irrelevant seien. Auf den Menschen kommt es an, und wenn der einem nicht völlig zuwider ist, besser noch: wenn er einem gefällt, er einen gar fasziniert, ist doch alles prima. Und irgendwie sehen braune Augen oft so austauschbar aus, ganz im Gegensatz zu blauen oder grünen. 😉

Geschmäcker ändern sich mit der Zeit immer wieder, bis man an dem Punkt angelangt ist, dass im Grunde nur der Mensch zählt. Und das ist auch gut so. 🙂

Absolutely out of time …

Heute früh fand ich mal wieder den Weg aus dem Bett nur sehr, sehr schwer – eine einzige Qual. Gestern Abend hatte es wunderbarer Weise noch zu regnen begonnen, und das nach Tagen brüllender Hitze, die ich leider nicht gut vertrage. Und obwohl ich die Fenster aufriss, wurde es in der Wohnung nicht wesentlich kühler. Einzig Myriaden an Nachtfaltern und Schnaken – igitt! – stürmten meine vier Wände. Kein Wunder – die wollten dem Regen entfliehen. Ich gebe es zu: Ich bin bei Insekten bisweilen ein wenig „mädchenhaft“, und speziell Schnaken, die im Englischen auf den wohl Sympathie erzeugen sollenden Namen daddy longlegs zwar nicht hören, aber doch so bezeichnet werden, verursachen größeres Unbehagen in mir. Wahrscheinlich deswegen, weil sie immer so trunken dahertaumeln und – ich weiß nicht, warum – an mir offenbar einen Narren gefressen haben, denn sie fliegen mich dauernd an oder gar hinter mir her! Wahrscheinlich sind sie echte danger-seeker und viel cooler, als sie aussehen, denn ihre Anhänglichkeit hat meist zur Folge, dass Leichen meinen Weg pflastern, so leid es mir tut. Und seit gestern Abend tut mein rechter Arm auch wieder mehr weh, denn ich erzielte einige „Asse“, als ich die Nachtfalter-/Schnakeninvasion mittels einer Fliegenklatsche und kraftvoller Aufschläge wie beim Tennis drastisch eindämmte. Wie gesagt: Es tut mir wirklich leid, aber, bitte, bleibt doch draußen! 😉

Da ich die Fenster lieber wieder schloss, blieb es in meiner Wohnung viel zu warm. Und ich schlief sehr schlecht.  Und fühlte mich morgens, als mein Handy mich weckte, nicht bereit, sofort aufzustehen.

Recht spät raste ich dann mit Monty gen Arbeitsplatz, parkte dort und traf auf dem Parkplatz noch Janine und unsere Kollegin Saskia, die auch gerade eingetroffen war. Alle drei mit einem Ford. 😉 Wir hatten auch sonst etwas gemeinsam, sahen wir doch alle drei ein wenig „zerknittert“ und demotiviert aus, speziell Saskia, die auch meinte: „Ich bin heute gar nicht aus dem Bett gekommen! Und irgendwie habe ich den Eindruck, meine Augen seien auch jetzt noch halbgeschlossen. Ein Wunder, dass ich den Weg zu Mylènes Schule gefunden habe! Die macht heute einen Ausflug.“ Ich meinte: „Mir wäre jetzt auch mehr nach einem Ausflug!“ Und Saskia sagte: „Och, wenn wir drei losziehen würden, wäre das sicherlich lustig.“ Das glaubte ich auch, aber die Pflicht rief. Leider. Saskia ist nämlich auch eine sehr Nette, vor allem so gelassen. Manch einer, speziell Menschen, die sie nicht kennen, würde ihre Gelassenheit sicherlich als Phlegma missverstehen, aber das wäre in der Tat ein Fehler.

Es war einer der langweiligsten Tage der letzten Zeit, und ich fragte mich einmal mehr, warum alles immer so ungleichmäßig verteilt sein müsse. Entweder ist die Hölle los, oder man langweilt sich. Wenigstens war es erheblich kühler.

Das Tagesgeschäft war recht schnell erledigt, und die Ödnis nahm ihren Lauf. Es rief nicht einmal jemand an – das ist ein wirklich ganz schlechtes Zeichen. 😉

Gegen Mittag stand ich auf, um eine Zigarette rauchen zu gehen. Seit Neuestem sollen Janine und ich nicht mehr zusammen gehen – irgendjemand scheint sich beschwert zu haben. Und so wechseln wir uns ab. Als ich gerade draußen stand und den Blick auf die grüne „Wildnis“ auf der Südseite des Gebäudes genoss, sah ich einen Hund den Weg entlanglaufen. Hinterdrein lief jemand, den ich kannte. Das war doch mein Kollege Peter aus der Finanzabteilung! Er stochte hinter dem Hund her, dessen Leine er lose in der Hand hielt. Der Hund preschte leinenlos vor ihm her, drehte sich um, als wollte er sagen: „Nun mal zackig – wir sind doch nicht zum Spaß hier!“ Er bellte sogar auffordernd, und ich musste lachen. Da war jemand noch sportlicher als Peter, der wirklich sehr sportlich ist. 😉

Ich rief: „Hallo Peter! Da hast du wohl deinen Meister gefunden!“ Peter drehte bei, winkte und kam auf mich zu. Der Hund, ein Australian Shepherd, genauer: der schönste Australian Shepherd, den ich je gesehen habe, hielt inne und schien zu seufzen. Immer diese Unterbrechungen! Da will man seinem Naturell frönen und laufen, was das Zeug hält und den Begleiter ebenfalls zum Laufen anhalten – und dann steht da so eine doofe Tussi und stört! 😉

Aber er besann sich dann und stürmte auf mich zu. Peter rief: „Ali – keine Angst! Der tut nichts!“ Ich rief zurück: „Ich habe keine Angst! Sehe ich aus, als hätte ich Angst?“ – „Nee, eigentlich ganz und gar nicht.“ Und da kam Nestor, wie der sehr agile Geselle heißt, auch schon an, wedelte freundlich mit dem Schweif und schnupperte an mir. Und – dem Himmel sei Dank! 😉 – er schien mich zu mögen. Ließ sich gleich streicheln und war sehr freundlich. Ein echter Diplomat! Dafür, dass ich seine hübsche Trainingsrunde gestört hatte, benahm er sich wie ein echter Gentleman. Da hatte er mir einiges voraus. 😉 Dafür gab es auch Lob.

Noch mehr Lob, als ich ihn genauer betrachtet hatte: Was für ein schöner Hund! Eine wunderschöne Fellzeichnung, längeres Fell – und dazu knallblaue Augen! Irre – das sah total schön aus. Blaue Augen mag ich ja sowieso sehr gern, nicht nur bei Hunden. 🙂 Vor allem, wenn sie richtig kräftig blau sind.

Und die ganze Gestalt war sehr schön – er reichte mir bis knapp unters Knie, war nicht zu groß, aber auch nicht zu klein, eher quadratisch gebaut. Ich war voll des Lobes, und Peter war so stolz, als handelte es sich um einen eigenen Sohn. „Man sieht, dass bei dieser Art der Rasse Huskies eingezüchtet wurden, nicht wahr?“ – „Spätestens dann, wenn man sich die Augen ansieht. Irre! Aber er scheint auch recht selbstbewusst zu sein, und das kenne ich auch von Huskies.“ – „Ja, ne? Der ist total selbstbewusst.“ – „Vor allem vorhin, als er dich aufforderte, doch mal gefälligst ein bisschen hurtiger zu laufen!“ – „Ja, klar! Dass musstest du natürlich auch gleich sehen!“ 😉

Wir unterhielten uns, und Nestor legte sich pittoresk und medienwirksam-fotogen ins Gras. Er sah annähernd aristokratisch aus, wie er dalag und die Umgebung betrachtete, als handelte es sich um seine ureigenen Ländereien. Peter betrachtete das Tier mit Stolz, und ich sagte: „Ohne Witz – das ist einer der schönsten Hunde, die ich je gesehen habe. Der sieht aus wie gemalt.“ Kaum hatte ich es ausgesprochen, blickte Nestor aristokratisch herüber und wedelte sachte mit dem Schweif. „Und intelligent ist er auch noch – offenbar hat er verstanden, was ich gesagt habe,“, meinte ich, und Peter sagte: „Er ist mir manchmal fast ein bisschen unheimlich, denn er ist wirklich sehr intelligent. Manchmal sitzt er so vor mir und sieht mich an, fast nachdenklich, und eigentlich erwarte ich täglich, dass er dann sage: ‚Die Weltlage bereitet mir Sorge. Was meinst du dazu?‘“ Ich lachte mich scheckig. Aber ich verstand, was er meinte. Ich bin mit Hunden sehr vertraut, und bei manchen rechnet man wirklich fast damit, dass sie jeden Moment in menschlicher Sprache zu sprechen beginnen und diskutieren wollen. 😉

Ich verabschiedete mich dann von Peter, und Nestor, der natürlich auch verstanden hatte, dass nun der Abschied eingeläutet sei, kam rasch zu mir, warf mir einen Blick aus diesen weiche Knie erzeugenden blauen Augen zu, leckte mir kurz über die Hand, und dann verschwanden die beiden um die Ecke.

Als ich zu Janine ins Büro zurückkam, meinte ich nur: „Janine, wir sind völlig unzeitgemäß! Quasi altmodisch!“ – „Wieso das?“ – „Seit diese neue Hausordnung verabschiedet wurde, die Hunde im Gebäude verbietet, kommen hier absurder Weise immer mehr Kollegen mit Hunden an! Es ist echt an der Zeit, dass du dir endlich eine Französische Bulldogge anschaffst, die du so magst. Ich brauche zwar etwas länger, mich für eine bestimmte Rasse zu entscheiden, aber Fakt ist: Wir sind altmodisch! Neuerdings kommen so viele Leute mit Hunden. Und wir hinken hinterher!“ Und ich erzählte von Nestor, dem Selbstbewussten mit den kniebezwingenden Augen.

Janine holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du und ich, wir können höchstens ab der Rente davon träumen, endlich – in deinem Falle: endlich wieder – einen Hund zu haben.“

Sie hat wohl recht. Und nachdem das Renteneintrittsalter immer weiter nach hinten verschoben wird, wird es wohl auf einen Chihuahua, einen Zwergpinscher, -spitz oder -dackel hinauslaufen. Größere Hunde kann man in diesem tatterigen Alter ja kaum noch halten. Großer Mist! Ich mag eigentlich größere Rassen lieber … 😉

Aber man wird ja selten gefragt, was man so wolle … 😉

Schönen Abend! 🙂

Ali kocht vor Wut… ein Curry! ;-)

Zugegeben, der Artikel gestern in der Zeitung hat mich wirklich sehr wütend gemacht. Aber man muss irgendwie zumindest versuchen, negative Energie zu kanalisieren, und das in möglichst positive Richtung. Und was empfiehlt sich da mehr als… Kochen? 😉 Wohlgemerkt: Kochen. Nicht Essen. Essen kommt später. 😉

Ich musste ja ohnehin heute etwas Essbares zur Arbeit mitnehmen, denn die Kantine ist vergleichsweise teuer. Und ich hatte so viel Gemüse im Haus. Ebenso ein tolles Kochbuch mit dem Titel: Currys. Das hatte ich mir schon vor einiger Zeit gekauft. Ich liebe Currys, und es gibt so viele tolle Rezepte. Auch in diesem Kochbuch, und sogleich durchforstete ich mit dem Buch in der Hand, das ich schon fast auswendig kenne, obwohl ich noch nie ein Rezept nachgekocht hatte, meine Vorräte. Was passte zu welchem Rezept?

Heraus kam ein Linsencurry mit verschiedenen Gemüsesorten. Eigentlich war es auf gelbe Linsen ausgerichtet, aber ich hatte nur rote Linsen im Haus. Gelb oder rot – völlig wurscht! Hauptsache, schnell garende Linsen! 😉

Bei den Gewürzen, die im Rezept standen, würde ich wohl auf das eine oder andere verzichten müssen. Kurkuma! Wer hat standardmäßig Kurkuma im Haus? 😉 Aber zu meinem großen Erstaunen hielt ich, als ich den Schrank mit meinen Gewürzen sichtete, alsbald ein brandneues Streudöschen von „Westmann“ in der Hand, auf dem Kurkuma, gemahlen zu lesen war. Knallgelb war das noch verschweißte Döschen, genau wie das Gewürz. Wow! Ich bin echt gut ausgestattet, was Gewürze anbelangt, und ich war selber sehr überrascht über das unerwartete Kurkumavorkommen. Doch als ich – ebenso unerwartet – auf ein Döschen mit Garam Masala stieß, eine ebenfalls der indischen Küche entstammende Gewürzmischung, fiel es mir wieder ein: Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit endlich mal eines der Rezepte aus dem Kochbuch nachkochen wollen und hatte zumindest schon einmal passende Gewürze besorgt. 😉 Rosenpaprika, Kreuzkümmel, Chiligewürz – die habe ich eh immer im Haus, zumal Kreuzkümmel ein wichtiger Bestandteil von Chili con carne ist. 😉 Bis dato war ich nur nie dazu gekommen oder hatte verbaselt, meinem Plan Folge zu leisten.

Ghee stand im Rezept. Also geklärte Butter. Viel zuviel Aufwand, und so holte ich das Butterschmalz, das es neulich im Discounter im Angebot gab, aus dem Kühlschrank, gab davon etwas in meine hochwertige Bratpfanne, ein Geschenk von Muttern zum Einzug, da der Anblick meiner alten Bratpfanne annähernd Tränen in ihren Augen erzeugte und sie sagen ließ: „Da haben wir Stephanie so teure Töpfe und Pfannen geschenkt, die sie kaum benutzt, weil sie nicht gern kocht! Und du kannst kochen und machst das auch noch gern – und hast solch eine Pfanne! Das geht nicht!“ Und sie sackte die alte Pfanne ein, weil es in D. in einem Haushaltsladen eine „Tausche alte gegen neue Bratpfanne“-Aktion gab. Und heraus kam dann dieses Glanzstück. Ich will gar nicht wissen, wieviel Mama trotz des Tauschs noch drauflegen musste … 😉 Und ich behandle die Pfanne immer mit großem Respekt, würde sie nie in die Spülmaschine stellen oder zu stark erhitzen. Das mag sie nämlich nicht und rächt sich mit Einbrennungen in der Beschichtung. 😉 So die Verkäuferin zu Muttern, die mir das auch gleich weitergab. Darauf achte ich auch immer. Ich weiß, wieviel gutes Kochgeschirr kostet. An mein Traumgeschirr von „Le Creuset“ werde ich sicherlich nie herankommen, aber auch andere Geschirre sollte man mit einer gewissen Sorgfalt behandeln, wenn sie lange halten sollen. 😉

Während das Butterschmalz in der Pfanne ganz sachte erwärmt wurde, wusch ich schon einmal grüne Bohnen, Kirschtomaten und eine Aubergine. Dann putzte ich die Bohnen und Tomaten, drittelte sie, und dann schnitt ich die Aubergine in kleinere Würfel. Dazu kamen noch ein paar frische Champignons, die ich ebenfalls liebevoll-energisch kleinschnitt.

Und dann war das Butterschmalz heiß genug, und ich gab die im Rezept angegebenen Mengen an Gewürzen hinein und röstete sie an. Dann die abgespülten roten Linsen und reichlich Wasser. Später dann noch die Gemüse, und alles wurde auf kleiner Flamme schön gedünstet. Abends um kurz vor halb elf zog ein lieblich-exotischer Duft nicht nur durch meine Küche, sondern die ganze Wohnung, und heute früh konnte ich sogar noch Spuren davon im Treppenhaus feststellen, zumal ein Nachbar mich ansprach, der die Zeitung holen wollte: „Sie scheinen gern zu kochen, Frau B.!“ Ich dachte erst, er wolle mir sagen: „Und das ziemlich spät – um diese Uhrzeit kocht kein anständiger Mensch in diesem Haus! Nur Sie mal wieder!“ 😉 Und so sagte ich: „Ja, ich war ein bisschen spät dran, und ich hoffe, es hat Sie nicht gestört.“ – „Aber nein! Ich frage mich nur, was Sie gekocht haben. Das roch so gut! Erbsensuppe war es sicherlich nicht. Was war es denn?“ – „Ein indisches Curry.“ – „Ja, es roch auch so exotisch, aber sehr angenehm. Ich habe mir dann gleich noch ein Bütterken gemacht, weil ich Hunger bekam.“ – „Ich kann Ihnen gerne das Rezept geben.“ – „Würden Sie das machen? Das wäre nett! Meine Frau kennt an Gewürzen nur Salz und Pfeffer.“ Ich lachte. Er redete wie meine Mutter, die stets das Fehlen verschiedenster Kräuter und Gewürze in der westfälischen Küche kritisiert. Nix gegen die westfälische Küche, wohlgemerkt! Aber in der Tat hat sie keinen allzu ausgeprägten Kräuter- und Gewürzreichtum zu vermerken. Schmeckt halt auf ihre Art gut, und meine Mutter liebt „Möhren durcheinander“ sehr, die sie erst hier kennengelernt hat. Aber man will ja nicht jeden Tag das Gleiche essen.

Zum Nachbarn sagte ich: „Es sieht verboten aus, schmeckt aber hervorragend!“ Und ich holte aus meiner Tasche eine verschließbare Plastikschüssel, in der das Curry gelblich vom Kurkuma vor sich hin ruhte. Er meinte: „Sieht keineswegs schlechter aus als ein urwestfälischer Eintopf. Über das Rezept würde ich mich freuen.“ – „Machen Sie aber noch eine Joghurtsauce dazu – das mildert die Schärfe.“ – „Ach, das ist auch noch scharf?“ – „Ja, durchaus.“ – „Dann möchte ich das Rezept erst recht haben. Ich mag scharfes Essen. Wie machen Sie denn die Joghurtsauce?“ – „Ganz einfach: einen großen Becher Joghurt nehmen, dann etwas Zitronensaft, eine Prise Zucker, aber wirklich nur ein bisschen als Geschmacksverstärker, dann Salz, Pfeffer, Garam Masala, etwas Chiligewürz und Cayennepfeffer, ein bisschen Kurkuma für die Farbe, Rosenpaprika, gemahlenen Kreuzkümmel – was auch ins Curry kommt, nur etwas weniger davon. Nur zum Abrunden.“ – „Muss ich unbedingt meiner Frau sagen. Die wird das sicher auch mögen. Wissense, Frau B. – wir sind halt etwas westfälisch geprägt, und manchmal ist Abwechslung ganz gut.“ Ich grinste. Und er meinte: „Aber Sie sind auch Westfälin. Oder nicht?“ – „Ich bin ein ganz komisches Gemisch.“ – „Ach, ja! Ihre Mutter sagte mal, als sie hier war, sie sei nicht von hier – wahrscheinlich deshalb. Woher kommt sie nochmal?“ – „Aus Franken.“ – „Kocht man da indisch?“ – „Nein, fränkisch.“ – „Aber offenbar recht aufgeschlossen, was Gewürze anbelangt.“ – „Etwas vielfältiger.“ – „Und man traut sich wohl mehr, was neue Gewürze anbelangt.“ – „Mag sein, ich weiß es nicht. Ich bin mit der Küche meiner Mutter aufgewachsen.“ Und da meinte er: „Würden Sie meiner Frau und mir denn, wenn es nicht zuviel verlangt ist, vielleicht mal ein paar fränkische Rezepte zukommen lassen? Wir waren schon öfter in Süddeutschland, auch in Franken, und wir mochten die Küche dort so gern!“ – „Klar, gerne!“ rief ich. Und ich fügte hinzu: „Und da Sie immer so tolle und gute Angebote finden, finden Sie hier sicherlich auch jemanden, der frischen Karpfen auftreiben kann. Typisch fränkisch. Wenn Sie mir da dann mal weiterhelfen würden?“ Mein Nachbar grinste und versprach, er werde sich kümmern.

Und so kam ich heute viel zu spät zur Arbeit. Aber ich hatte ein tolles Mittagessen. Und kann nur empfehlen: Wenn ihr mal total wütend seid – fangt an, zu kochen! Es kommen unter Umständen wirklich tolle Sachen dabei heraus. Und als ich vorhin der Frau meines Nachbarn auf der Treppe begegnete, sprach sie mich gleich an, und ich gab ihr das bereits vorbereitete Rezept.

Kochen kann deeskalierend wirken, und offenbar dient es auch der Völkerverständigung. Also – seht zu, und stellt euch an den Herd! 😉

Was mich manchmal ankotzt

Gerade habe ich in der Zeitung mit den drei Buchstaben einen Artikel gelesen, der bis vor kurzem noch kommentierbar war. Jetzt nicht mehr, man hat die Kommentarfunktion stillgelegt. Ich verstehe solche Stilllegungen nicht immer – hier schon.

Heute ist am Hauptbahnhof in Essen ein kleines, dreijähriges Mädchen aus Syrien von seinen Eltern getrennt worden. Die Eltern hatten ihre Sachen in den Zug geladen, mit dem sie fahren wollten oder sollten; beide standen sie im Zug. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Türen so schnell schließen würden, und so blieb die kleine Tochter am Bahnsteig zurück, als der Zug – für die Eltern unerwartet schnell – abfuhr.

Ich stelle mir das grauenvoll vor. Da bleibt so eine kleine Maus, die die Sprache nicht versteht, ganz allein am Bahnsteig zurück. Ich möchte mir weder vorstellen, was in den Eltern, noch in dem kleinen Mädchen vorging. Zum Glück kümmerte sich eine Frau um die Kleine, versuchte, zu trösten und zu veranlassen, dass die Eltern ausfindig gemacht wurden, die mit dem Zug unterwegs und sicherlich in heller Aufregung und Panik waren. Ich möchte mir nicht vorstellen, in einer solchen Situation zu sein. Nicht einmal, wenn ich in meinem Land wäre, dessen Sprache ich nicht nur verstehe, sondern sinnstiftend sprechen kann.

Die Eltern sind am nächsten Halt ausgestiegen und haben ihrerseits Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, mit ihrer kleinen Tochter wieder zusammengeführt zu werden. Letzten Endes hat das auch geklappt – eineinhalb Stunden Grauen für die Familie, bis es soweit war.

Ich atmete auf, als ich las, dass alles gut ausgegangen sei.

Dann sah ich die Kommentare unter dem Artikel, las sie durch. Und mir wurde schlecht. Es war kaum einer dabei, der nicht kübelweise Häme über dieser Familie ausschüttete. Da wurde gelästert, dass in Syrien die Zugtüren wohl langsamer schlössen – falls es an syrischen Zügen überhaupt Türen gebe! Wie doof die Eltern denn seien! Hahaha! Und dass sie sich hoffentlich an die Schnelligkeit der Züge gewöhnen würden, wenn man sie – hoffentlich bald! – zurückschicke, mitsamt dem heulenden Balg! Und so fort.

Es war schrecklich, das zu lesen. Ich war schockiert. Nun ist es nicht so – das gebe ich zu -, dass ich die Flüchtlings- und Asylpolitik unkritisch beklatsche. Nein. Durchaus nicht. Es gibt so viele Dinge, die ich daran nicht verstehen kann. Es hat sich hier einiges zum Schlechteren gewandelt – so ehrlich, das zuzugeben, muss man meines Erachtens sein, um glaubwürdig zu bleiben. Und ich gebe zu: Es kotzen mich viele Dinge an. Wenn zum Beispiel von Politikern behauptet wird, es gebe hier keine No-Go-Areas. Alles sei prächtig und wunderbar. Nein. Das ist es nicht. Und diese Stadt hier wird nicht besser. Es nervt vieles. Das gebe ich zu.

Dass all das an einer Familie ausgelassen wird, was anderswo verfehlt wurde, kotzt mich aber noch viel mehr an. Zu Recht monieren viele Leute, dass ja viele junge Männer ohne Pässe in dieses Land einreisten, unzureichend kontrolliert – wo denn die vielbeschworenen Kriegsflüchtlingsfamilien seien? Und dann kommt eine, hat entsetzliches Pech – und es wird gelästert und Häme ausgeschüttet, dass einem die Tränen kommen. Die Tränen der Wut.

Woran liegt das? Liegt es daran, dass die Medien lange Zeit unliebsame Vorfälle vertuschten? Das könnte ich zumindest noch nachvollziehen. Aber Häme über einer zu Recht verzweifelten Familie auszuschütten – das ist auch für mich zuviel, und ich habe schon einige menschliche Abgründe miterlebt. Es bestürzte mich bereits, mehrfach lesen zu müssen, dass ja der Frau, die sich des kleinen, bitterlich weinenden Mädchens angenommen hatte, absolutes Lob auszusprechen sei. Keine Frage, da ist was dran, denn das ist sehr lieb gewesen. Aber sind wir schon so weit, dass wir normale, positiv menschliche Handlungen exorbitant loben müssen?

Ich meine, ist es denn nicht mehr normal, dass man, wenn man an einem Bahnhof steht und ein solches Szenario miterlebt, ein kleines, winziges Püppchen, das weinend und verzweifelt nach seinen Eltern ruft, hingeht und die Kleine zu trösten und zu helfen versucht? Ich hätte das auch getan, und ich ging bis dato davon aus, dass das recht normal und im Grunde nicht der Rede wert sei. Ohne die Hilfe der Frau in Frage stellen zu wollen, die ich auch sehr menschlich und schön fand: Ist es schon so weit, dass man so etwas hervorheben muss?

Aber noch hinzugehen und zu lästern – das ist wirklich widerlich. Vielleicht geht es solchen Leuten zu gut. Ich weiß es nicht.

Ich verstehe allerdings seit heute meine Oma noch viel besser, die im Zweiten Weltkrieg mit zwei kleinen Kindern aus dem Osten, wie das so schön heißt, flüchten musste – knapp vor der russischen Front, und das mit allen nur denkbaren Widrigkeiten. Ich bin mit diesen Geschichten aufgewachsen und fand sie als Kind schon sehr bedrohlich. „Flucht“ gehört zu den Begriffen, die ich als wirklich bedrohlich empfinde, denn ich habe all die Geschichten verinnerlicht, die meine Oma erzählte. Auch die davon, wie es war, als sie im Westen eintrafen und wie „reizend“ sie dort behandelt wurden. Als wollten sie nur eines: die Ansässigen um ihr Eigentum bringen. Überall voller Argwohn betrachtet. Zum Glück hat sich das wohl gegeben, als die Ureinwohner der Region, in der Oma nebst Kindern landete, sahen, dass es sich um ganz normale Menschen handelte.

Und man muss bedenken: Meine Oma und ihre beiden Kinder waren bzw. sind Deutsche. Genau wie die Ureinwohner der Region, in der sie landeten.

Meine Einstellung zur Flüchtlingspolitik wird sich sicherlich nicht ändern – zu viele Aspekte sind kritikwürdig, und manche Dinge sind unglaublich und machen wütend. Aber das, was ich heute unter dem Artikel las, macht genauso wütend, weil es einfach unfassbar ist.

Und da reden sie alle von Werten, die es zu verteidigen und zu bewahren gelte! Wenn ich dann so etwas lese, frage ich mich: Welche Werte sollen das genau sein?

Schönen Abend!

On the verge of lunacy

Kürzlich hatte ich eine Lanze für Bürotätigkeiten brechen wollen. Nein, eigentlich hatte ich erklären wollen, dass diese Tätigkeiten gar nicht so weicheimäßig seien, wie oft angenommen wird, sondern dass man dabei oft mit psychologischen Waffen zu tun bekomme. Vor allem in einer frauenlastigen Etage. Das ist nichts für Weicheier. Eher für Menschen, die eh schon mit dem Leben abgeschlossen haben. Oder so ähnlich. 😉 Es sei denn, sie sind nicht freiwillig in diesen „Lauf der Dinge“ gekommen. So wie ich. Und solche Leute zeigen dann eher mal Krallen als die, die all diese kleinen Gemeinheiten des Büroalltags für völlig normal erachten und hinnehmen.

Heute war es richtig finster. Ich traf spät ein, und das bereits mit Kopfschmerzen, aber immerhin vor meiner Kollegin Janine. Dachte ich zunächst, denn wie so oft war mein Handy ausgeschaltet, und ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie mir eine Nachricht per WhatsApp geschickt hatte. Denn sie war krank. Netterweise hatte sie mir auch noch eine Mail geschickt, in der sie auf die WhatsApp-Nachricht hinwies und um Krankmeldung in der Personalabteilung bat. Machte ich natürlich sofort.

Arglos ging ich dann in die Teeküche, um mir – klingt komisch, so in einer Teeküche – einen Kaffee zu holen. Aber unser Kaffeevollautomat ist offenbar eine Prinzessin: Er verweigerte die Ausgabe heißen Kaffees – es kam nur lauwarme Plörre heraus. Da ich morgens bei der Arbeit dringend Kaffee brauche, verhieß der Tag, nicht gerade entspannend zu werden, wie ich feststellte, als ich verärgert unsere Filter-Kaffeemaschine in Betrieb nahm. Da muss man so lange warten …

Endlich war der Kaffee fertig, und ich schüttete mir rasch eine Tasse des recht starken Gebräus in den Schlund. Dann noch eine zweite, während ich dem Tagesgeschäft nachging.

Irgendwann – ich hatte nicht gefrühstückt – bekam ich Hunger und ging in die Küche, mir zwei Knäckebrote mit Quark zu machen. Erst war ich allein in der Küche. Das war auch gut so, denn mein Blutzuckerspiegel befand sich wohl auf recht niedrigem Niveau. Da ist es nie gut, wenn jemand ankommt und mir Knöppe an die Ohren labert. Man sollte mir niemals Predigten halten, wenn ich Hunger habe! Am besten völlig ignorieren. Bis ich etwas gegessen habe. Ich spreche aus Erfahrung. 😉 Und so war ich heilfroh, dass ich diese kleine Teeküche für mich hatte.

Doch da hörte ich Hufschläge. Und schon kam Kollegin Andrea in die Küche. Ich sah es – speziell in dieser Situation – mit Schrecken. Ich mag Andrea, sie ist ein so lieber Mensch. Aber sie hat ganz besonders eigene Eigenarten, die bisweilen – speziell unter Stress – auch besonders schwer zu ertragen sind. Wenn sie, wie bisweilen der Fall, wortkarg ist, ist alles im grünen Bereich. Aber manchmal ist sie redselig, und da wird es heikel. Sie hat es sogar einmal fast geschafft, mich zum Weinen zu bringen. Aus purer Verzweiflung, weil sie immer wieder ankam – in einer Phase größeren Arbeitsstresses – und Fragen stellte, die aufgrund ihrer damals schon länger währenden Tätigkeit völlig absurd erschienen, denn sie stellte Fragen wie jemand, der seinen ersten Arbeitstag absolviert. Dabei war sie schon vier Jahre dabei …

Ich werde nie den Tag vor etwa drei Jahren vergessen, da ich in der Küche stand und Kollegin Sybille, sonst mit beiden Beinen im Leben stehend, zu mir kam. Es schien, als hätte sie Tränen in den Augen, und als ich näher hinsah, bemerkte ich, dass dem tatsächlich so war. „Was ist los?“ fragte ich bestürzt, und es brach aus Sybille heraus: „Andrea treibt mich in den Wahnsinn! Es ist heute richtig schlimm!“ Ich nickte wissend, aber beruhigend und meinte: „Ich weiß. Was macht sie denn?“ – „Sie hat mir gerade erzählt, was für Briefmarken sie besitze!“

Ich grinste und meinte: „Sie ist Philatelistin? Das passt.“ Nix gegen Briefmarkensammler an sich, wohlgemerkt! Aber ich habe einige kennengelernt, und ein höherer Prozentsatz war ein wenig verschroben. Möglich, dass das eine Voraussetzung zum Betreiben dieses Hobbys ist. Ich weiß es nicht – ich habe nie Briefmarken gesammelt. Möglich aber auch, dass man erst so wird, wenn man wieder und wieder Briefmarkenzähne zählt, um zu eruieren, ob nicht einer fehle …

Aber Sybille rief: „Nein, Ali! Keine Sammlerstücke! Das würde mich jetzt zwar auch nicht vom Hocker hauen, wäre aber eher zu ertragen. Nein – sie sprach von Gebrauchsbriefmarken! Und dann hat sie mir erzählt, welche sie auf welche Briefe kleben wolle, die sie alsbald zu schreiben gedenke! Sogar die Kombination der Marken hat sie mir haarklein erklärt, und warum sie die so kombinieren wolle! Und das jetzt seit einer Stunde!“ Und mit Tränen in den Augen voller Verzweiflung sah Sybille mich an, als wäre ich in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Ich hatte zwar keine Tränen in den Augen, starrte aber wohl ähnlich drein wie Sybille. Völlig konsterniert. Aber dann riss ich mich zusammen und rief vermeintlich fröhlich – ich wollte Sybille aufmuntern: „Dann wissen wir ja jetzt, wen wir demnächst fragen können, wenn wir spontan eine Briefmarke brauchen!“ Und ich kniff Sybille ein Auge zu. Die aber reagierte anders, als erwartet: „Bist du wahnsinnig? Das würde das System durcheinanderbringen!“ Ah, ja. Da nahm ich Sybille in den Arm und drückte sie. „Morgen ist ein anderer Tag – alles wird gut!“ meinte ich. Ganz überzeugt war ich allerdings selber nicht, obwohl mein Tonfall erneut ein fröhlicher war. Und ich fügte hinzu: „Im Grunde ist es doch schön, wenn jemand noch handgeschriebene Briefe verschickt. Die haben erheblich mehr Charme als Mails. Ich war früher auch eine passionierte Briefschreiberin.“ – „Aber ich wette, du hast nie anderen Vorträge über deine Briefmarkenvorräte gehalten, oder?“ – „Ich? Nee. Ich hatte nie Vorräte davon im Haus.“ – „Siehste.“

Doch zurück. Andrea kam gestern zu mir in die Küche, was ich mit Sorge bemerkte. Wie gesagt: Ich mag sie wirklich von Herzen gern. Aber es war einfach ein ganz ungünstiger Zeitpunkt – siehe oben.

Mit fliegenden Fingern arbeitete ich an meinen Knäckebroten und gab mir Mühe, total konzentriert auszusehen. Man muss bei der Herstellung zweier Knäckebrote mit Kräuterquark wirklich große Konzentration walten lassen – was sonst alles schiefgehen kann! 😉

Doch ich hatte einmal mehr verdrängt, dass Andrea ungeachtet der vollen Konzentration anderer einfach kaskadenartig losredet. So auch jetzt, und die Kaskaden nahmen ihren Lauf: „Kommt-wieder-heißes-Wasser-hier-an-der-Spüle-weil-gestern-kam-keins-und-das-geht-ja-nicht.“ – „Das heiße Wasser funktioniert so prächtig, dass ich mir gestern kurz vor Feierabend noch drei Finger der linken Hand verbrannt habe.“ – „Ach-das-ist-ja-schön-denn-gestern-funktionierte-es-nicht-und-das-geht-ja-nicht.“

Ehrlich gestanden, ich hatte es gar nicht so schön gefunden, mir drei Finger zu verbrennen, weil mal wieder jemand den Armaturenhebel auf links hatte stehenlassen und das Untertischgerät ziemlich hoch eingestellt ist. Aber okay – ich hätte ja selber darauf achten können, war aber in Eile und in vielen Gedanken. Eine meiner Schwächen.

Andrea kaskadierte, was nun mit dem Untertischgerät sei. Ich sagte, es scheine zu funktionieren, denn ich hätte auch kurz zuvor warmes Wasser bekommen. Meine Kopfschmerzen intensivierten sich erschreckend sprunghaft, und in Kombination mit niedrigem Blutzuckerspiegel und schwülheißem Wetter ist das wirklich sehr ungünstig. Noch dazu, da Kollegin Brigitte Janine und mir schon am Vortage, da, wie sie sagte, kein warmes Wasser komme, lang und breit von einer Zeitschaltuhr erzählt hatte, die mit dem Untertischgerät verbunden sei, die sie aber nun höchstselbst entfernt habe – seither scheine es wieder zu funktionieren. Janine und ich riefen in Erinnerung, dass just an jenem Tage eine elektrische Betriebsprüfung stattgefunden habe – die Prüfung aller elektrischen Geräte. Auch hatten wir zu bedenken gegeben, es könne vielleicht ein Zusammenhang bestehen …

Da meine verbrannten Griffel offenbar als Beweis oder zumindest Indiz für Funktionsfähigkeit nicht ausreichten, rief Andrea Kollegin Brigitte, ihre Chefin, herbei, und die beiden versperrten mir in der engen Teeküche den Fluchtweg. Leider. Denn das verhieß extremen Stress, und sie begannen nunmehr, über die Zeitschaltuhr, die Andrea mit kritischem Blick aus dem Unterschrank geholt hatte, zu diskutieren. Und Andrea meinte zu mir, als sei ich für all dies verantwortlich: „Ali, was machen wir denn jetzt damit?“

Ich gestehe, am liebsten hätte ich aufgrund der für mich stressigen Glukose-Kopfschmerz-Wetter-Situation patzig reagiert und gesagt: „O Gott, ja, was machen wir denn jetzt mit diesem kolossal wichtigen Ding? Keine Sorge, ich bin Evakuierungshelferin – am besten, wir evakuieren schon einmal das Gebäude! Bevor etwas passiert!“ Aber das wäre gemein gewesen, und wenn ich auch bisweilen ruppig reagiere: Ich bin nicht gemein. Und irgendwie verstand ich ja auch, dass Andrea einfach nur Abhilfe schaffen wollte. Nur: wovon? Es funktionierte doch alles!

Und warum eigentlich werde immer ich gefragt? Okay, ich bin bei uns auf der Etage Kopierbeauftragte, dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind, und das bedeutet, ich werde immer dann gerufen, wenn der Kopierer streikt. Da ich „out of the blue“ zur Kopierbeauftragten ernannt wurde, muss ich leider sagen: Ich habe auch keine Ahnung von dem Ding! Vielleicht etwas mehr als die anderen, nachdem ich mir ein paarmal zünftig die Flossen verbrannt habe, als ich einen Papierstau beseitigen wollte, und vielleicht, weil ich inzwischen die geheimsten Winkel dieses Kopierers kenne, an denen gestautes Papier sich – bisweilen fächerartig aufgefaltet – verborgen halten könnte. Surprise, surprise – Ali kann zaubern! 😉

Offenbar aber wurde ich in Abwesenheit auch zur Druckerbeauftragten ernannt, und jedes Mal, wenn der extrem kapriziöse Farblaserdrucker auf dem Flur spinnt, höre ich, wie irgendjemand sagt: „Geh mal zu Ali – die kennt sich mit dem Drucker aus!“ Nein! Tue ich nicht! 😉 Ich verwalte die Tonerkartuschen, die Bildtrommeln, die Resttonerbehälter und sonstiges Zubehör. Okay … Das macht mich offenbar zur Druckerbeauftragten. Und ich muss gestehen, inzwischen bin ich recht gewandt darin, Fehler zu beheben, sämtliche Verbrauchseinheiten auszutauschen. Allerdings mehr aus Zwang.

Dass ich nun aber auch noch für sämtliche elektrischen Geräte zuständig sein sollte, sah ich nicht ein. Was hatte ich mit diesem blöden „Timer“, wie Andrea die Zeitschaltuhr nannte, zu schaffen? Sie sah mich an, als müsse ich sofort erklären, was es damit auf sich habe! Und das, obwohl doch alles funktionierte! Und als ich nicht wie gewünscht reagierte, erging sie sich erneut mit Brigitte in Diskussionen, starrte mit Kennermiene auf die Standard-Zeitschaltuhr und meinte: „Da steht: ‚Geprüfte Sicherheit‘! Also ist das geprüft. Und wenn das geprüft ist, muss es auch funktionieren!“ Ah, ja. Klar, das Ding war irgendwann mal quasi TÜV-mäßig abgenommen worden, aber das ist doch kein Garant dafür, dass es stets und immer funktioniere … Lassen wir das. Und ich verkniff mir die Frage, ob auch das VDE-Zeichen darauf stehe. Man hätte mich sonst erneut zur Verantwortlichen deklarieren können …

Mit Schrecken stellte ich fest, dass ich nervös an meinen Haaren zu reißen begann – Alarmstufe Rot! Und so meinte ich: „Würdet ihr mich, bitte, mal durchlassen? Ich glaube, mein Telefon klingelt!“ – „Aber was wird jetzt mit dem Timer?“ rief Andrea, und ich hatte große Mühe, mir ein pampiges: „Mir doch egal! Eine Zeitschaltuhr ist eine Zeitschaltuhr ist eine Zeitschaltuhr …“ zu verkneifen, als ich an den beiden vorbeistochte. Bloß weg! Und mit Nachdruck schloss ich meine Bürotür, die dem Eingang der Teeküche gegenüberliegt. Da sie nicht schalldicht ist, konnte oder musste ich leider mitanhören, dass die Diskussion um des Kaisers Zeitschaltuhr noch etwa zehn Minuten weiterging …

Dann kam Kollege Jens zu einem Termin mit meinem Chef. Ich rief: „Jens! Dich schickt der Himmel! Los! Erzähl einen Schwank aus deinem Leben, lenk mich, bitte, ab!“ – „Was ist denn mit dir los? Naja, gut, ich erzähle dir was. Aber zuerst sage mir, bitte, mal, was da in der Küche abgeht!“ – „Nein!“ – „Was?“ – „Nein! Bitte nicht! Das ist der Grund, weswegen du mir einen Schwank aus deinem Leben erzählen sollst! Sofort! Das dogmatische Duo hat mich gerade völlig entnervt!“ – „‘Dogmatisches Duo‘? Der ist gut!“ wieherte Jens und meinte: „Kann es sein, dass sie über heißes Wasser und eine Zeitschaltuhr diskutieren? Ich glaube auch, dein Name ist gefallen, da du für den Timer verantwortlich seist.“ Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, und Jens rief schnell: „Warte, kennst du schon die Geschichte von der Silvesterparty und meinem Zahnprovisorium?“ – „Ja, aber egal! Erzähl sie nochmal! Egal, was!“ Jens lachte sein dröhnendes Lachen, und er meinte: „Erst erklärst du mir, warum du so entnervt bist – so kenne ich dich gar nicht!“ Ich erklärte, er griff sich an den Kopf und meinte: „Okay. Genehmigt. Umso mehr, wenn man Kopfschmerzen hat. Wo ist denn das Problem, wenn doch alles wieder funktioniert?“ – „Das weiß ich ja eben nicht!“ rief ich, dem Rande des Wahnsinns schon relativ nahe. „Okay, die beiden sind finstere Dogmatiker, du nicht,“ meinte Jens, „und du hast noch nichts essen können, obendrein Kopfschmerzen, und du sitzst in einem nicht-klimatisierten Südbüro an einem monströs schwülheißen Tag!“ – „Und ich bin gerade offenbar zur Elektro-Beauftragten ernannt worden! Warum auch immer!“ sagte ich mit brüchiger Stimme, um danach apokalyptische Seufzer abzusondern. Jens lachte noch mehr und meinte: „Siehste! Das ist der Fehler, wenn man sich ehrenamtlich hier engagiert. Schon ist man für alles verantwortlich, weil’s ja so praktisch ist, dann nach einer bestimmten Person schreien zu können. So ähnlich ist es, wenn man Kinder hat.“ – „Ich habe keine Kinder, und diese ‚Kinder‘ hier will ich nicht!“ – „Interessiert die aber nicht. Herzlichen Glückwunsch zur Elektro-Beauftragten!“ – „Danke fürs Mitgefühl!“ – „Ach, ich versuche doch nur, dich ein wenig zu amüsieren.“ – „Naja, das akzeptiere ich mal.“

Dann stellte ich fest, dass ich vergessen hatte, Wassergläser bereitzustellen, und so eilte ich mit Todesverachtung in die Küche. Sie war … leer. Dem Himmel war Dank! Doch als ich gerade mit den Gläsern den beschleunigten Rückweg in mein Büro antrat, erscholl Andreas Stimme: „Ach, Ali!“ (Ich wollte erst gar nicht reagieren, aber das ist unhöflich.) Und so meinte ich: „Ja …?“ – „Der Timer wird gleich abgeholt! Ich habe alles in Bewegung gesetzt, obwohl es schwierig war, aber als ich dann nach drei anderen Mitarbeitern zu Frau Franck durchgestellt wurde, hat die mir gesagt, dass Herr Wespberg leider Urlaub habe. Aber dann hat sie gesagt, dass Herr Frost den Timer abhole!“ – „Ah …“ entgegnete ich kraftlos, während Kollege Jens‘ wieherndes Gelächter durch die halboffene Bürotür drang, die ich, nachdem ich das Büro geentert hatte, zuknallte. (Ich schwöre, sie ist mir aus der Hand gerutscht! 😉 )

Jens meinte: „Und ich dachte, auf unserem Flur grassiere der Wahnsinn! Hier ist es ja noch viel drastischer!“ Ich sah ihn empört an, und er sagte: „Nein, ich meine nicht dich! Ich bin ja selber Zeuge der Timer-Heißwasser-Diskussion geworden. Völlig absurd.“ – „Ja. Und ich musste mir das noch viel länger anhören.“ – „Aber ganz herzlichen Glückwunsch zur Beförderung! Nicht nur Kopierer- und Druckerbeauftragte, nun auch noch verantwortlich für alle anderen Elektrogeräte! Kollegin Andrea hat das so beschlossen, und so ist das nun. Finde dich damit ab!“

So sieht es aus. Ich weiß, dass Jens Recht hat. Das ist ja das Schlimme …

Ich weiß, für all die, die nicht in einem Büro arbeiten, liest sich das total bekloppt. Ist es auch. Sehe ich ja ganz genauso! Und ihr werdet euch fragen: „Was hat sie denn? Ist doch Pipifax!“ Nein! Ist es nicht. Dieser „Pipifax“ kann ganz schön an die Nerven gehen, wenn man mit Dogmatikern nicht klarkommt, deren Aktionen einfach nicht weiterbringen, sondern maximal als Hemmschuh dienen können, mit dem man sich dann auch noch herumschlagen muss. Als Philosophen wären sie sicherlich ungeschlagen – aber das sollen sie bitte in ihrer Freizeit tun! So wie ich das mache. Nicht hier, nur dann, wenn ich ins Grübeln gerate. 😉

Es lebe der Pragmatismus! 😉

Nachtrag: Ich mag meine Kollegin Andrea wirklich. Sie ist ein wirklich lieber Mensch. Aber manchmal raubt sie mir trotz der Erkenntnis, dass wir alle nervende Eigenheiten haben, den allerletzten Nerv … Und so verschroben dieser Beitrag klingen mag: Exakt so verschroben und irre ist so mancher Tag als Büroangestellte. Liest sich harmlos, ist aber, wenn man mittendrin ist, bisweilen das echte Grauen.  😉

Von Spülmaschinen und Fensterputzern

Heute ist Montag, und jeder Berufstätige weiß, dass der Montag ein besonderer Tag in der Woche ist. Man quält sich morgens noch mehr als sonst, aus dem Bett aufzustehen, trauert dem soeben vergangenen Wochenende nach, als handelte es sich um einen besonders liebgewonnenen Freund, der soeben zu Grabe getragen wird.

Ich quälte mich heute auch entsetzlich. Eigentlich nichts Besonderes, denn ich quäle mich morgens immer, wenn ich aufstehen muss. Montags ist es – siehe oben – für mich aber wirklich in speziellem Maße das kalte Grauen. Mein Lieblingstag: der Freitag, obwohl auch der Donnerstag schon okay ist – das Wochenende bereits in Sicht. Noch genauer: Sobald am Mittwoch – unter manchen Berufstätigen auch „Bergfest“ genannt, weil man in dessen Verlauf den Gipfel der Woche erklimmt, es sei denn, man bringe sich vorher um – der Feierabend erreicht ist, wird alles leichter. Warum? Keine Ahnung. Hat wohl ähnliche Gründe wie die Empfindung damals zu Schulzeiten, dass die zweite Hälfte der sechswöchigen Sommerferien schneller vorbeizugehen schien als die erste.

Voller Ingrimm, weil die Woche noch so lang war, setzte ich mich ins Auto und fuhr los. Irgendwo auf dem Nordring fiel mir ein Ford Ka auf, der hinter mir herfuhr. Es war etwas Vertrautes an ihm. Als ich an einer roten Ampel anhalten musste, kam der Ford Ka hinter mir auch zum Stehen, und im Rückspiegel sah ich eine langhaarige Blondine mit einer Sonnenbrille auf der Nase. Ähnlich wie ich, nur habe ich kürzere Haare. Es war Janine. Sie winkte, ich winkte retour, und da schaltete auch schon die Ampel wieder um, und ich gab Gas. Schneller als Janine. Wir sind dann aber trotzdem vom Parkplatz aus gemeinsam gen Arbeitsstätte gegangen. 😉

Im Büro war es kurz nach 9 schon ziemlich warm, und wir ließen sofort die Jalousien herunter und rissen – es war ja noch relativ früh am Tage – die Fenster auf. Janine meinte: „Sag mal, sollten nicht eigentlich die Fensterputzer in der nächsten Zeit hier aufschlagen? Das war doch zumindest angekündigt worden!“ Ich meinte nur: „Es ist hier schon so einiges angekündigt worden. Wenn man danach ginge …“ Den Rest ließ ich offen.

Und dann ging ich in die Teeküche. Das hätte ich besser nicht getan, denn sogleich war mein Tag verdorben. Denn über der Spülmaschine prangte ein Cartoon, fein säuberlich aus einer Zeitung ausgeschnitten, in dem ein Junge, ein kleines Arschloch offenbar – ein echtes Arschloch -, anmerkte, die Spülmaschine sei wohl kaputt. Als der Vater fragt: „Warum?“, sagt der Knabe: „Sie ist immer voll!“ Waaahnsinnig witzig also, ein echter Schenkelklopfer. 😉

Mir war sofort klar, wer das Ding da aufgehängt hatte, aber dann kam Janine in die Küche, und ich zerrte sie direkt zum Cartoon: „Sieh mal da!“ Sie ärgerte sich sogleich ebenso wie ich, denn meist sind sie und ich oder unsere Kollegin Daniela es, die die Spülmaschine aus- und einräumen. Speziell in letzter Zeit wurde die Maschine – wenn nicht wir tätig waren – oft nur so ausgeräumt, dass die eigenen zuvor benutzten Utensilien entfernt wurden und der Rest dann an uns hängenblieb, völlig wurscht, ob das Geschirr, das noch in der Maschine stand, auch wirklich von uns benutzt worden war. Da meine Bürotür fast immer offensteht, war mir klar, dass es nur Kollegin Brigitte sein konnte, die sich zwar damit schwertut, anderer Leute Geschirr auszuräumen, diese aber liebend gern „erzieht“. So nicht! Zumal sie es für völlig normal erachtet, dass andere Menschen morgens ihre gefühlt mindestens zehn verklebten, obstversifften Teller nebst Besteck in die Maschine einräumen, die sie nicht ausräumen mochte, weil es nicht ihrer Tätigkeitsbeschreibung entspricht.

Nun, unserer auch nicht. Und ich sehe schon einen fröhlichen Spülmaschinenstreik auf uns zukommen … Mag euch vielleicht albern erscheinen. Erscheint auch mir albern, aber im Büro gelten andere Regeln. 😉

Mich bestürzte das Ganze, da ich Kollegin Brigitte gerade etwas mehr zu mögen begann, was nun weiß Gott nicht immer gegeben war. Wir haben alle unsere Macken und Fehler, und inzwischen war ich so weit, die ihren, die bisweilen besonders schräg anmuten, als ganz persönliche Eigenheit zu akzeptieren, weil sie im Grunde genommen ein lieber Mensch ist. Und dann geht sie hin und grätscht mit diesem dämlichen Cartoon dazwischen! So etwas verstehe ich nicht immer.

Und nachdem sie kürzlich noch eine „Geschirrtuchordnung“ ins Leben rufen wollte, nach der jeder von uns ein Geschirrtuch in einen Fundus spenden sollte und dann reihum die benutzten Tücher mitgenommen und gewaschen werden sollten, habe ich heute beschlossen, mein ganz eigenes Geschirrtuch mitzubringen und auch – wenn schmutzig – wieder mitzunehmen und selber zu waschen. Man kann Dinge auch überreglementieren, und ich sah hier erneute Gefahr eines Brigitte’schen Kontrollzwangs. Da ich ganz eigene Macken habe, brauche ich nicht noch fremde. 😉

(An all die, die keiner Bürotätigkeit nachgehen: Ich beneide euch! Glühend! Ich habe bisher immer in Büros gearbeitet, und da geht es manchmal wirklich so zu, dass man sich fragt: Wo bleibt der Tierarzt mit dem Betäubungsgewehr? 😉 Ich nehme mich da gar nicht aus. 😉 )

Janine und ich waren verärgert, aber das sind wir durchaus öfter, wenn auch mit Grund. Als dann aber auch noch Daniela, eine Seele von Mensch und stets ruhig und gelassen, ankam und sich noch schlimmer über den Cartoon aufregte als wir, wusste ich: Mein Gespür hatte mich wohl nicht getrogen. 😉 Es handelte sich wohl wirklich um eine Form von Büroterror! 😉

Janine meinte, sie müsse darauf dringend eine rauchen gehen. Ich blieb an meinem Platz sitzen. Kaum war Janine weg, stürmte ein junger Mann das Büro und rief betont fröhlich: „Hallo! Hier ist der fröhliche Fensterputzer!“ Ich starrte ihn an, als hätte er mir verkündet, er sei der Sensenmann.

„Können wir mal eben die Fensterbänke freiräumen?“ rief der fröhliche Fensterputzer noch fröhlicher. Ich entgegnete: „Das heißt wohl übersetzt: ‚Könnten Sie mal eben die Fensterbänke freiräumen!‘“ – „Ja, irgendwie schon.“ – „Sie waren für vor zwei Wochen angesagt – da waren hier sämtliche Fensterbänke frei!“ – „Ja, hat sich nicht so ergeben!“ rief der fröhliche Fensterputzer, und ich beschloss spontan, mir diesen Satz zu merken. Wenn demnächst mein Chef mal wieder auf eine Reaktion der von uns Angesprochenen wartet, nichts kommt und ich dann insistierend gefragt werde, als hätte ich einen Fehler gemacht, werde ich einfach sagen: „Ja, hat sich nicht so ergeben!“ Ich wette, mein Chef wird allergrößtes Verständnis dafür haben! 😉

Der fröhliche Fensterputzer half mir dann bei Janines Fensterbank. Ich wünschte, er hätte es nicht getan. Denn er verströmte einen recht unangenehmen Geruch, und ich sah zu, dass ich meine eigene Fensterbank im Blitzverfahren leerräumte, ebenso die Fensterbänke von Janines Chef.

Mein Chef saß in seinem Büro und wartete auf seinen nächsten Termin. Die beiden Mitarbeiterinnen kamen dann auch recht schnell, und ich ging hinterdrein, sagte: „Viel Erfolg bei Ihrem Termin“ und wollte die Tür schließen, als sich die Fensterputzerin, die sich schon zuvor in meines Chefs Büro zu schaffen gemacht und dieses nur kurz verlassen hatte, dazwischenstürzte und mich anherrschte: „Nee! Ich muss da nochmal rein! So geht das nicht!“

Ich gebe zu, ich bin nicht auf den Mund gefallen, aber da sackte mir die Kinnlade fast auf die Brust. Auch mein Chef und die beiden Mitarbeiterinnen waren perplex, und alle starrten sie mich an, als wäre es an mir, etwas zu sagen. Ich riss mich zusammen und meinte zu der Fensterputzerin: „Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich denke, erst einmal sollte dieser Termin hier stattfinden.“ Und ich wollte sie sanft zur Tür hinausdirigieren. Doch ich hatte nicht mit ihrer treuen Arbeitsauffassung gerechnet, denn sie schnauzte mich an: „Was soll das denn?!? Ich muss hier die Fenster putzen! Kapieren Sie das nicht?“ – „Schon. Aber hier findet gerade ein interner Termin statt. Würden Sie mir also bitte folgen?“ Sie war so perplex, dass sie mir tatsächlich folgte. Aber draußen sprach sie die dräuenden Worte: „Ich komme wieder! Merken Sie sich das!“

Mir ist jetzt schon angst und bange. Sie war so groß! Und irgendwie irritierte mich auch, dass ihr Kollege sie „Schnucki“ nannte und das ernst zu meinen schien. „Schnucki“!

Ihr seht, bei einer Bürotätigkeit hat man es nicht selten mit albernen Kindergarten-, aber auch echten Bedrohungen zu tun. Unterschätzt daher diese Tätigkeit nie! 😉

Man sollte zumindest ein bisschen psychologisches Geschick und Verständnis dafür mitbringen … 😉 Ob ich mich nicht vielleicht doch lieber selbstständig mache? 😉

Schönen Abend! 🙂

„Keine Ahnung, was die hier ins Essen tun!“ Oder: Wie man unfreiwillig zum „Raser“ wird …

Heute war ich mit meiner Familie verabredet. Meine Schwester Stephanie ist gerade dort zu Besuch, und ich sehe sie recht selten. Da war es doch nett, dass man anfragte, ob ich denn nicht heute mal vorbeikommen wolle.

Ich fuhr frühzeitig hin, da es noch einen kleinen Brunch geben sollte. Aber wirklich nur einen kleinen, wie meine Mutter sagte, denn schließlich wollten sie und mein Vater uns abends noch zum Essen einladen – auswärts. Das Wetter war schön, ich guter Laune, als ich losfuhr. Unterwegs fuhr ich noch zu einem Discounter – ich hatte kein Mineralwasser mehr im Haus, und auch Milch fehlte, sowie einige Kleinigkeiten wie Toilettenpapier. 😉

Nach dem Discounterbesuch war meine Laune nicht mehr ganz so gut. Offenbar waren nur Egozentriker unterwegs, die mitten im Gang mehrere Einkaufswagen so stehenlassen, dass keiner mehr durchkommt. Lassen einen nicht an die Ware, die man begutachten möchte und benehmen sich so, als wären sie allein auf der Welt. Oder so, als wäre der Discounter ihr zweites Wohnzimmer. Nur eine Kasse geöffnet, und es dauerte lange, bis eine weitere geöffnet wurde. Es dauerte ziemlich lange, bis ich den Discounter wieder verlassen konnte. Jetzt musste ich mich aber ins Zeug legen – ich hatte versprochen, pünktlich zu sein. 😉

Baustellen und rote Welle waren meine stetigen Wegbegleiter. Warum nur war ich nicht über Hassel gefahren? (Wahrscheinlich, weil ich die Strecke nicht so mag … 😉 )

Ich schaffte es, einigermaßen pünktlich bei meinen Eltern anzukommen, und dann saßen wir auf der Terrasse, und meine Schwester und ich überboten uns darin, einander zu unterbrechen und redeten so viel, dass meine Mutter sich irgendwann mit der Hand gegen die Stirn fasste und meinte, das sei doch recht anstrengend, und sie sei das gar nicht mehr so gewohnt … 😉 Mein Vater behauptete, er müsse dringend noch etwas recherchieren und rettete sich in sein Arbeitszimmer. Auch er hatte recht erschöpft ausgesehen, als meine Schwester und ich unter Beweis stellten, dass wir beide voll funktionsfähige und schier unermüdliche Sprechwerkzeuge unser eigen nennen dürfen. 😉

Am frühen Abend ging es dann nach B. zum Essen. Da das Restaurant quasi an meinem Heimweg liegt, fuhr meine Schwester mit meinen Eltern voraus, ich hinterher. Wozu noch einmal nach D. zurückfahren?

Ich weiß gar nicht, warum wir da überhaupt noch zum Essen hinfahren. 😉 Denn jedes Mal, wenn ich mit meiner Familie dort bin, sagt meine Mutter: „Irgendwie finde ich das Essen hier nicht besonders gut!“ – „Warum sitzen wir dann schon wieder hier?“ – „Weil es hier recht nett ist.“ Nun ja – immerhin. Die Atmosphäre scheint zu stimmen – das ist doch auch viel wert. 😉

Ein wenig dauerte es, bis wir uns alle entschieden hatten. Ich tue mich mit Entscheidungen ja ohnehin manchmal schwer. Aber ich wollte dann das „mediterrane Pfannengemüse“ – mir war nicht so nach Fleisch. Höchstens Fisch, aber die Gerichte, die in der Karte standen, waren nicht so mein Fall.

Dafür bestellte Muttern sich das gedünstete Kabeljaufilet in Senf-Sahne-Sauce. Ich sah sie an und meinte: „Senf-Sahne-Sauce? Bist du sicher?“ Nicht, dass ich sie ihr nicht gegönnt hätte. Aber ich weiß, dass meine Mutter – wie auch ich – solch fettige Saucen, fettiges Essen generell nicht gut verträgt. Wie sich das äußert? 😉 Nun ja, zumeist darin, dass Muttern und/oder ich kurz oder direkt nach dem Essen in einer paradox scheinenden Mischung aus Eile und vorsichtigem Zögern aufstehen und uns in die Gefilde begeben, von denen man speziell in Restaurants hofft, sie mögen sauber sein. Denn es pressiert, wie man in Süddeutschland so reizend sagt. 😉

Ich wollte auf Nummer Sicher gehen mit meinem Gemüse. Auch Stephanie bestellte das „mediterrane“ Gericht, das sich dann als interessante „Crossover“-Küche entpuppte. Denn mir war noch gar nicht bewusst gewesen, dass Sojasauce eine typisch mediterrane Zutat sei. Höchstens in asiatischen Restaurants, die sich in Ländern im Mittelmeerraum niedergelassen haben … 😉 Aber es schmeckte nicht schlecht, und es war nicht fettig. Zumindest sah es nicht so aus.

Muttern war mit dem Kabeljau nicht ganz zufrieden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei ja wohl ein Witz, meinte sie und deutete auf das in der Tat recht kindlich wirkende Stück Fisch auf ihrem Teller, um das eine gelblich-sahnige Sauce drapiert war. Sah ziemlich fettig aus. Dafür gab es für sie als Ausgleich zur kleineren Fischportion Salzkartoffeln für geschätzt drei Personen, und sie meinte: „Die machen hier die Gäste mit Kartoffeln satt, nicht mit dem Hauptgericht. Die nehmen wohl den Begriff ‚Sättigungsbeilage‘ sehr wörtlich. Ich frage mich, warum wir hier eigentlich immer wieder hingehen … Aber, naja, es ist ja recht schön hier.“ Das stimmte, und so aßen wir brav, was auf den Tisch gekommen war.

Kaum hatten meine Mutter und ich das Besteck niedergelegt, während mein Vater und meine Schwester noch aßen, fingen wir auch schon an, unruhig auf unseren Stühlen herumzurutschen. Natürlich ganz dezent. Und schon stupste Mama mich an und meinte: „Lässt du mich mal raus?“ – „Ja. Aber ich komme besser mal gleich mit.“ – „Wie? Du hattest doch nur Gemüse!“ – „Ja. Das Gemüse trog wohl – war fettiger, als ich dachte. Oder ich vertrage diese ur-mediterrane Sojasauce nicht.“ Meine Mutter lachte.

Und schon erhoben wir uns vorsichtig und begaben uns mindestens ebenso vorsichtig in die unteren Gefilde … Mama lamentierte, so etwas hätte sie in den einfacheren Brauerei- und Bauerngasthöfen in Franken nie, und sie räsonierte: „Keine Ahnung, was die hier ins Essen tun!“ Ich wusste es auch nicht. Aber offenbar handelt es sich um etwas, das ich auch nicht vertrage. 😉

Wieder zurückgekehrt, beglich mein Vater gerade die Rechnung. Mama und ich waren darob recht erleichtert – irgendwie wollten wir beide nach Hause … Reine Erfahrungswerte. 😉

Und wir gingen zum Parkplatz, wobei ich meinte: „Das wird lustig. Die allererste Fahrt mit Monty im Dunkeln. Hoffentlich finde ich überhaupt das Fahrlicht!“ (Nein, natürlich wusste ich, wo man das Fahrlicht einschaltet, aber es war in der Tat die allererste Fahrt im Dunkeln, und im Dunkeln sehe ich nicht so gut.) Meine Mutter starrte mich an und meinte: „Wie – fährst du nie mit Licht?“ – „Nein, ich bin bisher ja immer im Hellen gefahren, und ich habe Tagfahrlicht.“

Aber alles klappte – natürlich. Man dürfte mich ja sonst wirklich nicht auf den Straßenverkehr loslassen. Und ich fuhr hinter meiner Schwester und meinen Eltern her, und irgendwann bogen sie rechts ab, ich links.

Was dann passierte, war spannend: Ein gewisser Drang suchte mich heim, und im ersten Moment dachte ich, ich müsse rechts heranfahren. Aber nicht in dieser Gegend, in der alles stockfinster ist. So stockfinster, dass ich Montys Zentralverriegelung aktiviert hatte – in solch sinistren Gegenden ist das weniger unerklärbarer Panik, sondern begründeter Vorsicht geschuldet.

Anhalten ging gar nicht, und so war Eile geboten. 😉 Ich fuhr erheblich schneller, als erlaubt war, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich im Dunkeln erheblich besser sehe, als angenommen. Und es waren auch nicht so viele Leute unterwegs.

Mit quietschenden Reifen bog ich in Gl. in eine zu dem Zeitpunkt völlig leere Kreuzung links ein – da muss man zu anderen Zeiten manchmal richtig lange warten. Ich überholte sogar noch einen haltenden Bus an einer Engstelle, der schon recht lange mit Warnblinkanlage dort stand und gerade seine Türen schloss. Normalerweise hätte ich wohl eher hinter ihm gewartet, aber das empfahl sich hier so gar nicht. Rasch durch den Kreisverkehr und rechts abgebogen – und weiter ging es, schneller, als erlaubt …

Ich hatte das Radio an, und ich empfand es als blanken Zynismus, als ein schon ziemlich altes Lied aus den 80ern/90ern anfing. „Under Pressure“ von David Bowie und Freddy Mercury … Wie für mich bestellt. Oder um mich zu verarschen. Ich vermute Letzteres. In Wirklichkeit war es wohl purer Zufall. 😉

Quasi auf zwei Rädern kam ich zu Hause an, fand schnell einen Parkplatz. Mir graute vor dem Aussteigen. Denn beim Fahren sitzt man ja naturgemäß, und Sitzen erleichtert die Situation … 😉 Ich konzentrierte mich ganz stark darauf, einfach auszusteigen und zum Haus zu gehen – der Weg schien so weit. 😉

Aber ich schaffte es, und in einer Art merkwürdigen Stakkatos ging ich zum Haus. Die Tür, die eigentlich geschlossen sein sollte, erst kürzlich aufgerüstet, um Einbrechern Paroli zu bieten, war nur angelehnt. Wunderbar! Lieber ausgeraubt als alles andere, was in meiner Situation hätte passieren können … 😉

Gerade noch rechtzeitig schaffte ich den Weg. Und frage mich einmal mehr, warum meine Familie und ich immer wieder in dieses Restaurant gehen. Und warum ich so viele absurde Sachen geerbt habe. Ich meine, mein Opa hatte ein absolutes Gehör und war ein hervorragender Kaufmann. Ich tue mich mit Kaufmännischem schwer, und von einem sensibel-absoluten Gehör bin ich weit entfernt. Dafür habe ich offenbar andere Sensibilitäten geerbt …

Recht herzlichen Dank! 😉

Twice kissed

Heute wurde ich gleich zweimal geküsst – und das als Single. Aber nur kein Neid, auch wenn es wohl an meiner Ausstrahlung lag. 😉 An der Art, in der ich auf die mich dann sehr intensiv Knutschenden zuging. 😉

Heute früh, als ich meinen Arbeitsrechner hochgefahren hatte, verhieß meine Mailbox mit einem erschreckend lauten Signal, dass einige Mails eingegangen seien. Ich hatte gestern – verratet mich nicht! – noch „Simon’s Cat“ geguckt, und das geht ohne Ton ja gar nicht! 😉 Ich hatte nur vergessen, die Lautstärke wieder zurückzufahren. 😉

„Plong!“ machte es, und prompt erschien eine Mail von meinem Kollegen Oliver in der Mailbox. Ich kenne Olli jetzt seit 12 Jahren, verstehe mich hervorragend mit ihm, und ich verstehe auch, wenn er mir Mails schickt, deren Betreff: „Wuff!“ lauten. Die kenne ich jetzt seit fast neun Jahren, und sie bedeuten: „Ich bin heute mit Hund da.“

Ich bin, seit ich bei diesem Arbeitgeber bin, immer zu Olli in die Druckerei gegangen, wenn ich eine Zigarette rauchen und mich mit einem vernünftigen und dabei lässigen Menschen unterhalten wollte. Vor allem dann, wenn mal wieder alles schwierig war. 😉 Meist allerdings zumindest halb dienstlich – der äußere Schein musste ja gewahrt bleiben. 😉 Man kann ja nicht einfach vom Arbeitsplatz abhauen, wenn es einem so stinkt, dass man am liebsten sofort nach Hause gehen und nie wiederkehren möchte. Die Miete muss ja bezahlt werden, und man möchte ja auch seine Arbeit vernünftig erledigen – nur ohne den teilweise auftretenden hausgemachten Stress und die Ignoranz. Und so „hakte“ eben mein Arbeitsplatzdrucker öfter. (Er hakte in der Tat öfter – es war nicht einmal eine Ausrede.) Und kurz darauf saß ich dann immer bei Olli im Büro in der Druckerei, in dem dann auch noch andere Versprengte eintrafen – denen ging es wohl genauso wie mir. 😉 Raucher wie Nichtraucher. Wir wurden mit Kaffee versorgt, durften rauchen, mussten aber nicht. Und seitdem ist die Druckerei, in der man heute wirklich nicht mehr rauchen darf, mein Refugium geworden, wenn’s mal wieder allzu nervend wird und ohnehin etwas Dienstliches anliegt. (Manchmal auch ohne diesen Zusatz, aber sehr, sehr selten.)

Als Olli dann mit Tonja ankam, seinem ersten Hund, hatte ich ganz viele Dienstgeschäfte dort zu verrichten. Man kann das so einrichten. 😉 Tonja war zu süß, als ich sie kennenlernte – gerade 12 Wochen alt. Ein Mix aus Collie, Tervueren und Deutschem Schäferhund. Eine Seele von Hund, und ich liebe Hunde.

Leider ist sie letzten Winter mit nur acht Jahren gestorben. Aber Olli hat im Sinne seiner kleinen Tochter einen neuen Hund angeschafft, auch wenn er immer schluckt, wenn von Tonja die Rede ist. Seit ich das erstmalig mitbekommen habe, vermeide ich die Erwähnung. Das finde ich sehr sympathisch. Man kann weder einen Hund, noch einen Menschen durch einen anderen ersetzen. Man kann nur eine Erweiterung schaffen, etwas Neues hinzufügen. Ein 1:1-Ersatz ist unmöglich.

Dennoch ist „Nicky“ ein wunderbares Tier, und dass er sie mal wieder mitgebracht habe – natürlich wider die neue Hausordnung -, verhieß Ollis heutige Mail mit dem Betreff: „Wuff!“ Sobald Zeit war, eilte ich gen Druckerei, und das erneut dienstlich. Immerhin brauchten wir dringend diese neue Kopierkarte … 😉 Die kleine Nicky, die gar nicht mehr klein ist, lag dösend da, als ich Ollis Büro betrat. Erst einmal Olli begrüßen und drücken. Kaum geschehen, stand Nicky auch schon auf dem Plan, denn wer erdreistete sich da, einfach an ihr vorbeizugehen und ihren Bezugsmenschen zu drücken! 😉
Aber sie war rasch ausgesöhnt, als ich sie packte, knuddelte und mit ihr gar eine Art kleinen Ringkampfs auf dem Teppich ausfocht. Siegerin nach Punkten: ich. 😉 Resultat: Sie gehorchte nicht nur, als ich „Sitz!“, „Platz!“ und „Aus!“ sagte, als sie gerade meine Hand genauer auf Biss- und Kaufestigkeit testen wollte. Sie machte, da es gerade an der Zeit war, sogar einen kleinen Gang mit mir um den Block, vorsichtshalber an der Leine, und parierte sogar auf „Fuß!“ und sonstige Kommandos. Und dann, als ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückgehen musste, wollte sie mich erst nicht gehen lassen, drückte mir aber, als der Abschied sich nicht umgehen ließ, einen dicken Schmatzer ins Gesicht. 😉 Olli meinte: „Wenn ich das nächste Mal Urlaub mache und sie nicht mitnehmen kann: Würdest du sie dann in Pflege nehmen? Das funktioniert ja hervorragend.“ Ich versprach, zur Verfügung zu stehen. Denn ich hätte gern wieder einen eigenen Hund. Geht aber nicht, da ich ja berufstätig bin und die neue Hausordnung verbietet, Hunde zum Arbeitsplatz mitzubringen …

Ja, diese neue Hausordnung … Wie alle Regularien, scheint sie dafür geschaffen, Ausnahmen zu kreieren. 😉 Denn am heutigen Nachmittag lernte ich „Hugh“ kennen. Einen braunen Labrador, genauer: einen Labrador in der Farbe Chocolate. Er gehört der Vorgesetzten, die diese neue Hausordnung aus der Taufe gehoben hat. 😉 In Bedrängnis geraten, da derzeit alle verfügbaren Aufsichtspersonen Urlaub haben und sie selber keinen nehmen konnte, da ihr Stellvertreter überraschend ausfiel, muss sie den lieben „Hugh“ nun zur Arbeit mitbringen.

Ich bin ja ein Fan gebrochener Regeln, die allzu strikt gefasst wurden. Der gesunde Menschenverstand erscheint mir vernünftiger und verheißungsvoller, und dieser ist offenbar der Grund, weswegen „Hugh“ nun jeden Tag mit zur Arbeit kommen darf. 😉

Und diesen „Gesetzesbrecher“ wollte ich nun auch noch kennenlernen. Frau Franck, die Vorgesetzte und Hausordnungsabgeordnete, warnte mich vor: „Wen Hugh mag, den springt er an. Er ist ein liebes Tier und sehr gelehrig, aber das haben wir ihm noch nicht abtrainieren können. Nicht, dass Sie erschrecken!“ (Als würde ich erschrecken, wenn ein Hund mich anspringt! Auf dem Weg ins Untergeschoss musste ich Frau Franck erst einmal erklären, dass ich mit Hunden recht vertraut sei und sie keine Angst haben müsse, dass ich Angst bekäme. Das schien sie zu beruhigen, und so schloss sie ihre Bürotür auf, hinter der Hugh bereits lauerte. 😉 )

Er quoll auch gleich durch den Türspalt, als die Tür geöffnet wurde, brach wie ein Rehbock durchs „Gebüsch“, um laut bellend seine Begeisterung zu bekunden, nicht vergessen worden zu sein. Mich beschnupperte er nur kurz, um dann seiner Freude über die Rückkehr seiner Herrin Ausdruck zu verleihen. Zwischendurch kam er kurz zu mir, schnupperte an mir, schritt um mich herum und wedelte derart heftig, dass ich befürchten muss, blaue Flecken in den Kniekehlen zu bekommen.

Zurück zu Frau Franck eilte er dann, wusste sich vor Freude kaum zu lassen. Ich wiegte mich in Sicherheit. Vielleicht mochte er mich auch einfach nicht so sehr. So etwas soll es ja auch bei Tieren geben.

Doch da! Ehe ich zur Seite springen konnte, warf er sich herum, raste auf mich zu, und ehe ich mich versah, hatte ich auch schon eine Pranke links und die andere rechts auf der Schulter! Und wurde derart abgeknutscht, dass meine Lesebrille fast zu Bruch ging! 😉

Frau Franck war überrascht: „Hoppla – Sie scheint er ganz besonders zu mögen! So heftig hat er noch nie reagiert!“ Und sie zog mich vom Boden wieder hoch, auf dem ich rücklings gelandet war … 😉

Lasst Euch gesagt sein: Die heftigsten Küsse werden von Hunden verabreicht. Sie hauen einen manchmal sogar um. 😉 Aber immer nett gemeint. Nur sollte der liebe Hugh noch etwas an der Performanz arbeiten. 😉

Was habe ich heute gelernt? Immerhin wissen Hunde zu würdigen, wenn man freundlich und aufgeschlossen auf sie zutritt. 😉 Zwar werfen sie einen manchmal zu Boden, aber man hat die Bestätigung, dass man offenbar alles richtig gemacht hat. Eindeutiger als bei Menschen. Da weiß man nie … 😉

Schönen Abend! 🙂