„Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“

Nachdem heute meine letzte Urlaubswoche angebrochen ist, habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich nicht weggefahren sei. Naja, seit ich stolze Wohnungs- und jetzt auch noch Autobesitzerin bin, habe ich gelernt, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Eigentlich wusste ich das auch schon vorher. Aber so richtig vor Augen wurde es mir jetzt geführt. 😉 Hätte ich Kinder, wäre mir der Ernst des Lebens sicherlich auch schon zuvor bewusst gewesen. So meinen viele Leute, die meinen Ernst des Lebens niemals kennengelernt haben. Sei’s drum! 😉

Gestern sah ich einen Film, der in Berlin spielte. Ich sah ihn zunächst ohne größere Emotionen. Dann überkam mich etwas, das man im Allgemeinen „Sehnsucht“ nennt. Berlin! Eine Stadt, die ich sehr liebe – und nun schon seit ungelogen neun Jahren nicht heimgesucht habe. Frevel!

Dabei hatte man mich zunächst fast hinzwingen müssen. Irgendwann in der Schule stand eine Stufenfahrt an. Je nach Gusto standen Prag und Rom zur Auswahl. Ich wählte Rom, war aber an einen bestimmten Kurs gebunden, und dessen Leiter entschloss sich irgendwann aufgrund eines – wie er sagte – „supertollen Angebots“ für Berlin. Lange Gesichter allenthalben. Großer Gott – wer wollte denn nach Berlin! Da würde man erheblich eher hinkommen als nach Prag oder gar Rom! Doch der Kursleiter hatte das letzte Wort, und dieses lautete: „Berlin“. Super.

Komischerweise fand ich als Kind und Jugendliche Berlin immer irgendwie verzichtbar, gar abstoßend. Es lag wohl daran, dass ich als Kind häufiger die TV-Serie: „Ein Mann will nach oben“ nach Motiven von Hans Fallada gesehen hatte. Berlin erschien mir extrem deprimierend. So preußisch und starr. Mir war klar, dass ich niemals dorthin reisen würde. Bis zu jenem Tag, da in der Schule Berlin als Reiseziel auserkoren wurde.

Wir fuhren mit einem Oberhausener Busunternehmen los, damals, als Berlin so gerade eben noch eine geteilte Stadt war. Schon an der Grenze stießen die meisten von uns an ihre Grenzen, als ein DDR-Grenzsoldat unseren Busfahrer, der, da nicht eingewiesen, wo er halten sollte, unverschämt anschrie, weil er irgendwo vor einem Schlagbaum gehalten und gemeint hatte: „Ich dachte, ich halte besser hier.“ Da schrie ihn der Grenzer an: „Sie sollen nicht denken!“ Mein – und nicht nur mein! – erstes Zusammentreffen damit, dass man nicht denken solle, und ein Raunen ging durch den Bus. Wir waren doch alle dazu erzogen und angehalten, immer denken zu sollen. Und wenn wir auch sonst ziemlich viel Mist im Kopp hatten – daran hielten wir uns. Mehr oder weniger.

Danach stampfte der Grenzer durch den Bus, um uns bereits empörte Jugendliche zu überprüfen. Man hatte zuvor unsere Reisepässe eingesammelt, und unser Lehrer hatte eine Liste bekommen, auf der aus jedem Schüler eine Nummer geworden war, alphabetisch geordnet. Ich war die Nummer 3, Sonja, meine Sitznachbarin und beste Freundin, die Nummer 13. Ihr Nachname begann mit K. Der Grenzsoldat kam zu uns, schnauzte mich an: „Nümmor!“ – „Drei!“ – „Vornoome: Ali! Noochnoome: B…! Geboouren am […]! Gebürtsördd: Essen!“ Und er starrte mich durchdringend an. Mir fiel nichts Besseres ein, als: „Korrekt!“ zurückzubrüllen. Er nickte zufrieden. Dann schnauzte er Sonja an: „Gänsefleisch Ihre Beene was oous’m Gong nehm‘?“ Sonja starrte mich hilfesuchend an. „Wie – Gänsefleisch?“ stammelte sie. „Und was für einen Gong meint der?“ Der Blick so grotesk, verbunden mit des Grenzers Ansprache, dass ich Mühe hatte, nicht loszuprusten. Ich riss mich zusammen und meinte: „Der Herr bittet dich, deine Beine etwas einzuziehen und nicht auf den Gang zu stellen, damit er nicht darüber stolpere.“ Immerhin war Sonja 1,80 m groß und die Beinfreiheit im Bus recht gering. Nichtsdestotrotz wunderte ich mich, warum der Grenzer sächsisch sprach. Wir befanden uns zwar jenseits Niedersachsens, aber nicht in Sachsen. Merkwürdigerweise sprachen fast alle Grenzer bei unserer Ein- und Ausreise sächsisch …

Endlich hatte man uns alle gecheckt, fahrbare Spiegel waren unter den Bus gerollt worden, sämtliche Gepäckräume gefilzt und sogar in die Bustoilette geblickt worden, und das schon bei der Hinreise … Ich fragte mich, wer sich allen Ernstes in diese demokratische Republik einschmuggeln lassen würde … Ich hätte es nicht getan. Schon gar nicht nach diesem ersten Eindruck.

Und wir durften weiterfahren. Obwohl, nein! Wir durften nicht nur – wir mussten sogar! Über die Transitstrecke von Helmstedt/Marienborn über Dreilinden/Drewitz nach West-Berlin. Ein Erlebnis sondergleichen. Mir tun die jüngeren Menschen fast leid, die das niemals miterleben durften und dürfen. Denn es ist ein Erlebnis gewesen. Ein so schönes, dass alle aufatmeten, als wir den „Checkpoint Bravo“, den Grenzübergang Drewitz hin zu West-Berlin, endlich passiert hatten. Einige mit blauen Flecken. Diejenigen, die auf der Transitstrecke im Bus hatten aufstehen und durch den Bus gehen müssen. 😉 (Es schien Vorsatz dahinterzustehen, bei Tempo 100 bisweilen auf 80 und dann kurzfristig herunter auf 30 Stundenkilometer bremsen zu lassen – blaue Flecken garantiert … ) Weiter ging es über die AVUS und dann Richtung Charlottenburg, wo unser Hotel war. In der Carmerstraße.

Wann immer ich in Berlin war, habe ich seither immer in Charlottenburg „residiert“. Bis auf eine Ausnahme in Treptow. Irgendwie bin ich wohl seit meinem Erstaufenthalt mit dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verbunden. 😉

Wir checkten im Hotel ein. Bereits im Bus waren die Zimmerschlüssel zugeteilt worden. Jeweils zu viert sollten wir in den Zimmern residieren. Ich hatte gleich beim ersten Zimmer zugreifen wollen, aber Sonja meinte: „Warte noch.“ Ich wartete. Aber irgendwann, als gerade Zimmer 304 vergeben wurde, rief ich: „Nehmen wir hier!“ Und ich bekam den Zuschlag nebst Schlüssel. Ein echter Glücksgriff, wenn es auch anfangs nicht danach ausgesehen hatte …

Bei erster Besichtigung des Zimmers verschlug es uns die Sprache: Etwas derart Scheußliches hatten wir zuvor nie gesehen! Ein Doppelbett – sofort von Sonja für sie und mich reserviert – stand darin, dazu ein Beistellbett und eine Couch. Alles von anno Pief, völlig „usselig“. Das ganze Zimmer ziemlich rummelig mit grausam gemusterter Tapete und einem Bild an der Wand, auf dem nur der röhrende Hirsch fehlte, der sich voller Scham wohl hinter einem Baum in dieser grässlichen Landschaft in Öl nebst Kunststoff-Barockrahmen versteckt hatte. „Das Bild muss ab!“ war einer der ersten Sätze in diesem Zimmer, und wildentschlossen nahmen Sonja und ich es von der Wand. Dabei fiel eine mumifizierte Spinne herunter, die sich wohl vor Äonen hinter dem Bild verschanzt hatte. Ich floh kreischend aufs Bett, das dieser Attacke nicht gewachsen war. Zumindest brach es auf der linken Seite laut seufzend zusammen. Super! Matratzenleiste abgebrochen. Und das durch mich. Ich musste zur Rezeption gehen und melden, dass bereits kurz nach Eintreffen der erste Schaden aufgetreten sei. Man teilte mir mit, das sei gar kein Problem – man werde einen Mitarbeiter schicken, der sich um die Fixierung der Leiste kümmern würde. Und das in einer Art, dass mir schnell klar war, dass derartige Dinge wohl häufiger vorkamen.

In der Tat war das Problem kurz darauf gelöst, nachdem ein recht wortkarger Mensch mit einigen Nägeln und grobmotorisch wirkenden Hammerschlägen die Leiste erneut angebracht hatte. Ich sank seufzend aufs Bett, streckte mich aus und blickte gen Decke. Eine ziemlich hohe Decke, stuckverziert, nikotinvergilbt. Und rechts prangten merkwürdige Löcher in fast schnurgerader Reihe darin, auf die ich meine drei Mitbewohnerinnen hinwies. „O Gott – was ist das denn?“ schrie Shiva, eine indische Mitschülerin, die stets kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, womit sie uns allen ein bisschen auf die Nerven ging, laut. Ich meinte im Brustton der Überzeugung: „Einschusslöcher. Etwas anderes kommt in dieser Absteige gar nicht in Frage.“ (Immerhin war in den Kleiderschränken eine Maus gewesen, die beim Öffnen panikartig hinter einer Fußleiste, die erstaunlich von der Wand abstand,  und dann sonstwohin verschwunden war – da erwartete man nicht viel Gutes.) Shiva war noch entsetzter als je zuvor. Wir anderen hatten uns bereits in unser Schicksal gefügt. Ein solches „Hotelzimmer“ hatte bis dato keine von uns bewohnt. Aber immerhin hatten wir als einzige Reisende einen Balkon! Ich hatte doch gutes Timing bewiesen, als ich spontan meine Stimme erhob, als die Schlüssel zugeteilt wurden. 😉

Gut – Sonja sah in diesem Bett aus wie eingesargt, und selbst ich stieß mit den Füßen fast an die hintere Kante. Sind Berliner so viel kleiner als der Rest der Republik? Fragen über Fragen … 😉

Am ersten Abend zogen wir zu viert los – Sonja, Tobias, Sybille und ich. Shiva zog es vor, im Zimmer zu bleiben, obwohl wir auf sie einredeten wie auf ein krankes Reh. Sie war wohl zu geschockt. Wir anderen gingen italienisch essen, kurz hinter dem Bahnhof Zoo – tolle Gegend! 😉 -, und dann tranken wir noch zwei, drei Bier.

Am nächsten Morgen Besichtigung der Gedenkstätte Plötzensee. Grausam, diese schwarzen Haken an einem Balken an der Decke des Hinrichtungsraums, und trotzdem fotografierten dort diverse Besucher mit einer Verve und Begeisterung unter lauten Schreien, welch tolles Motiv das doch sei, dass ich mich – ganz unwillkürlich – dazu hingerissen fühlte, laut, böse und ziemlich zynisch anzumerken, dass es angesichts der lauten Begeisterung doch schade sei, dass nicht noch ein paar Delinquenten an den Haken baumelten. Mich kotzte das alles an, und binnen Sekunden hatte ich mich in diesem Raum zum „Staatsfeind No. 1“ gemacht, weil ich sagte, dass mich das ankotzte. Das war das erste Mal, dass ich impulsiv und voller Empörung sagte, was ich dachte – zumindest öffentlich. Gut bekommen ist mir das nicht, da mich einige Leute beschimpften, immerhin hätten sie dafür bezahlt. Dabei war der bedrückende Besuch kostenlos. Vielleicht Pauschalreisende, die es nicht besser wussten. Tobias legte den Arm um mich und führte mich hinaus, nahm mich draußen in den Arm und drückte mich: „Ali, danke. Du warst schneller als ich – ich fand es genauso zum Kotzen!“ Im Bus wurde ich dann noch von einigen Mitschülerinnen angefeindet – warum ich denn alles kaputtmachen wolle … Mir gruselte. Da waren in einem Unrechtsregime Regimekritiker und auch ansonsten völlig unschuldige Menschen hingerichtet worden, und einige Damen regten sich darüber auf, dass ich mich aufgeregt hatte, dass sie laut kreischend, grinsend und völlig respektlos von einem „total tollen Motiv“ schwadroniert hatten. Zum Glück ging es abends in die Philharmonie respektive zu anderen kulturellen Gegebenheiten. Da ich Musik liebe, war ich mit fünf anderen Leuten bei den Berliner Philharmonikern. Ein unvergessener Abend. 😉

Am nächsten Tag grausam lange Vorträge im Amerika-Haus. Das gehörte zu dieser Schulveranstaltung dazu, war Bedingung fürs Sponsoring, und nachdem wir abends – zumindest Sonja, Tobias und ich aus unserer Clique – das eine oder andere Bierchen aus der Schultheiss-Brauerei gezischt hatten, war es recht anstrengend, und zumindest ich nickte das eine oder andere Mal ein, stets zuverlässig geweckt von Tobias, der mich anstieß und meinte: „Wachbleiben! Auch, wenn es schwerfällt. Nicht, dass die uns noch auf die Schliche kommen und wir kein Bier mehr trinken dürfen!“ Okay, ein Argument. 😉 Und so überstand ich auch das.

Danach ging es in den Zoo. Und später dann zur Stadtrundfahrt. Natürlich stets in pädagogisch wertvoller Weise dargebracht. 😉 Wir alle fieberten dem Abend entgegen. Und dann zogen wir wieder um die Häuser. 😉 Denn das war das Berlin, das uns gefiel! 😉 So ganz anders als unsere spießig-kleinbürgerliche Heimatstadt. 😉

Am nächsten Tag stand dann der Besuch Ostberlins ins Haus. Wie gesagt: Berlin war damals noch geteilt. Ehrlich gestanden, und ihr dürft mich auch gern abwatschen, aber: Für mich war es ein traumatisches Erlebnis. Schon der Grenzübergang hatte es in sich gehabt, als ich dem Grenzsoldaten meinen Reisepass ausgehändigt hatte und mich der Grenzer daraufhin fest ins Auge fasste, mir bohrend in beide Augen starrte, als wolle er meinen Blick niederzwingen. Wahrscheinlich wollte er das auch, denn mit meinem Vordermann hatte er wohl das gleiche Spielchen abgezogen, und der hatte dann irgendwann beschämt zur Seite oder nach unten geblickt, was zur Folge hatte, dass der Grenzer ihn zusammenschrie: „Sie gucken mir gefälligst in die Augen, wenn ich das befehle!“ Nicht mit mir – ich hatte daraus gelernt. Und so starrte ich zurück. Aber ich starrte nicht in die Augen, denn das hat unweigerlich zur Folge, dass man irgendwann beschämt den Blick abwendet. So nicht. Man muss auf einen Punkt zwischen den Augen und über der Nase blicken – dann kann man stundenlang ganz stupide starren, ohne verlegen zu werden. Es sieht zwar so aus, als erwiderte man den starren Blick des Gegenübers, aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, da der eigene Blick quasi auf neutrales Gebiet gerichtet ist. Und so lieferten der Grenzer und ich uns ein etwa dreiminütiges Blickduell. Als er sah, dass er keinen Erfolg haben würde, schnauzte er mich an: „Wegtreten!“ und gab mir meinen Reisepass. Und schon schritt ich zum Zwangsumtausch. 25 DM gegen 25 Mark … Und danach wurde ich in einen langgestreckten Bau geschickt, wo meine Tasche aufs Penibelste durchleuchtet wurde. Wahnsinnig spannend und mein allererster Kontakt mit paranoidem Gebaren. 😉

Berlin (Ost) unterschied sich von West-Berlin in etwa so, wie sich ein kleinformatiger Schwarzweißfernseher ohne Fernbedienung von einem großformatigen Farbfernseher mit allen möglichen Funktionen unterscheidet. Euphemistisch ausgedrückt. Es roch auch ganz anders als in West-Berlin. In West-Berlin hatte es je nach Aufenthaltsort nach Autoabgasen gerochen. Hier zwar auch, aber das war erheblich schlimmer, da das Gros der Autos über Zweitaktmotoren verfügte, und dieses Zweitaktergemisch stank unter Verbrennung wirklich besonders unangenehm. Dazu noch die Verfeuerung von Braunkohle. Und alles war so grau und trostlos. Sofort stiegen die frühkindlichen Erinnerungen an die TV-Serie „Ein Mann will nach oben“ wieder in mir auf. Die Zeit schien hier stehengeblieben zu sein. Es gibt ein Foto von mir, das Tobias, der künstlerisch veranlagt ist, als das beste Foto von mir überhaupt bezeichnete. Er hatte es selber gemacht, als ich gerade die vielgerühmte Straße „Unter den Linden“ betrachtete. Meine Oma Margareta hatte in den Dreißigern und Anfang der Vierziger in Berlin gelebt und stets „Unter den Linden“ als so wundervollen Ort voller Leben bezeichnet, farbig, bunt und faszinierend. Und ich blickte auf eine graue Betonwüste. Dementsprechend entgeistert sah ich wohl auf dem Foto aus, von dem Tobias meinte, es entfalte so einen „wunderbar depressiven Charme“. Na, toll. 😉 Er meinte hinterher, mir hätten sich, als er mich fotografierte, sogar die Worte entrungen: „Und das hier ist die Hauptstadt der DDR, die Vorzeigestadt! Wie mögen die anderen Orte dann erst aussehen!“ Ich kann mich daran nicht erinnern, aber er schwor Stein und Bein, ich hätte das gesagt. Mag sein – ich tendiere ja in der Tat häufiger zu spontanen Ausbrüchen. 😉

Und wie schwer es war, die 25 Mark loszuwerden! Natürlich haben wir die erste Buchhandlung am Platze aufgesucht, und ich habe mir dort auch eine Aufnahme von Tschaikowsky gekauft. Ich hätte gerne mehr gekauft, aber das Meiste war irgendwie marxistisch-leninistische Literatur, und ich hätte mir eher einen Arm abgehackt, als noch für derart Genugtuung zu sorgen. Sorry, so war es. Und damals kannte ich noch keinen Mathematikstudenten, denn ansonsten hätte ich den „Bronstein“ gekauft. 😉 Offenbar waren wir zur falschen Zeit an diesem Ort, denn man sagte uns, das Angebot sei nicht immer derart einseitig und steten Schwankungen unterworfen. (Das sagte mir hinter vorgehaltener Hand eine junge Frau, eine Einheimische. Fand ich klasse, dass sie mir das so einigermaßen offen mitteilte, mitten in der Musikabteilung, und als ich den Tschaikowsky vorsichtig hochhielt, nickte sie mir zu und meinte: „Gute Wahl.“ Als ich an ihr vorbeiging, strich ich ihr kurz über den Arm und sagte: „Danke. Und alles Gute.“ Sie nickte und lächelte.)

Der gesamte Aufenthalt war nicht gerade das, was man als paradiesisch bezeichnet. Von allen möglichen Ecken tönte stramme Marschmusik, da irgendein staatliches Jubiläum vorbereitet und geprobt wurde. Wir West-Tussis versuchten, gegen den Marschrhythmus zu laufen, was uns nicht gelang. Ist auch schwierig, da der Marschrhythmus schwer zu bezwingen ist, da er so sehr dem naturgegebenen Schreiten entspricht. 😉 Mehrere Vopos, die die Probe bewachten, lachten sich über uns scheckig, als wir so eckig gegen den so prägnanten Rhythmus angehen wollten. Protestgebaren junger und pubertierender Westmädels – das fanden sie lustig. Vor allem, weil dieses Gebaren so gründlich misslang. 😉 Ich muss heute auch darüber lachen. Wie albern wir waren! Immerhin waren wir dort zu Gast, auch wenn es uns dort nicht gefiel.

Immerhin haben wir etwa sechs Stunden ausgehalten. Dann strebten zumindest Sonja und ich gen Grenze. Und wir hatten noch so viel Geld in der Tasche! Und da wir beide mit einem nur unzureichenden Orientierungssinn ausgestattet sind, wussten wir auch gar nicht, wohin genau wir gehen mussten, zumal alles irgendwie so gleich aussah, grau und trist. Zumindest für uns vorurteilsbehaftete West-Brezn. Doch da an der Ecke stand ein junger Vopo, der uns freundlich angrinste! Ich meinte: „Sieh mal, der Vopo da – der lächelt freundlich. Den fragen wir jetzt einfach.“ Hieß: „Du fragst den jetzt mal!“ Aber Sonja streikte. Sie hatte sonst immer eine große Klappe, schon damals, als ich erheblich ruhiger war, und sie schubste mich Richtung Vopo und meinte: „Du fragst!“ Wir müssen ziemlich bescheuert gewirkt haben, zumindest auf den jungen Vopo: zwei diskutierende West-Tussis, die öfter herüberblicken und zu beratschlagen scheinen, von denen die kleinere von der größeren dann geschubst wird. 😉 Bevor es noch peinlicher werden konnte, fasste ich mir ein Herz und ging auf den jungen Mann zu, den ich freundlich anlächelte und grüßte. Er salutierte und fragte in reizendem Berlinerisch, ob und wie er helfen könne. Ich grinste und zögerte – es war irgendwie eine total bescheuerte Situation, zu fragen: „Hey, wo geht es denn hier zur Grenze?“ Das war irgendwie peinlich, fand ich. Obwohl es ja offensichtlich war. Und so meinte ich: „Nun, wir haben uns etwas verlaufen und möchten …“ – „ … zum Grenzübergang, nicht wahr?“ – „Äääh, ja.“ – „Ist doch kein Problem – da gehen Sie jetzt hier geradeaus weiter, dann kommen Sie zur Annenstraße. Das ist eine Nebenstraße der Heinrich-Heine-Straße. Sie sehen den Grenzübergang dann schon.“ – „Ach, ganz herzlichen Dank!“ – „Gern. Hat es Ihnen denn bei uns gefallen?“ Sonja räusperte sich. Sie hatte es wohl richtig schlimm gefunden und auch mehrfach laut geäußert. Das galt es hier zu vermeiden, und so sagte ich: „Danke, es war sehr interessant.“ Da kniff mir der junge Vopo ein Auge zu – das habe ich nie vergessen. „Interessant“ – er wusste, wie ich das meinte. Und war doch so nett, zu zwinkern und mir freundlich zuzulächeln. „Sehr gut“ hätte ich aber damals nicht über die Lippen gebracht. Aber er merkte wohl, dass ich freundlich sein wollte und honorierte das. Und so lächelte ich ihn besonders herzlich an, woraufhin er erneut salutierte.

Wir hatten noch so viel Geld übrig! Eine Mitschülerin, die wir unterwegs getroffen hatten, hatte uns gesagt, dass sie ihr Restgeld an eine ältere Dame hatte verschenken wollen, aber die habe ziemlich empört reagiert – man sei doch nicht im Zoo, wo man Elefanten mit Erdnüssen füttere. Das konnte ich verstehen, aber irgendwie wollten wir das Geld nicht nutzlos am Grenzübergang abgeben, und so hatte ich die glorreiche Idee, es auf dem Weg zum Grenzübergang peu à peu und in einzelnen Münzen in größeren Abständen fallenzulassen. Der Finder würde sich dann freuen. Dass das genau der gleiche Mist war, wie es jemandem auszuhändigen, war mir damals nicht klar. Vielleicht war es sogar noch schlimmer, denn es sah aus, als hätte man das Geld weggeworfen. Aber was sonst? Irgendwo en tout ablegen, auf einer Parkbank? Auch nicht besser. Aber ohne Umwege dem Staat schenken – das ging gar nicht! Und so ließen wir alle paar Meter Münzen fallen, auf dem Weg zum Grenzübergang. Bis ich mich irgendwann zufällig umdrehte … Diverse Meter hinter uns ging ein Vopo, aber nicht der nette, junge, und er bückte sich alle paar Meter und hob etwas auf … „Sofort aufhören, hinter uns ist ein Vopo, und ich habe keine Lust, dem zu erklären, warum wir die Aluminium-Währung seiner demokratischen Republik so achtlos fallenlassen!“ sagte ich zu Sonja, meinen Blick dabei fest auf ein Plakat geheftet, auf dem eine Frau in Kopftuch und Synthetik-Kittel als „Heldin der Arbeit“ gepriesen wurde. Diese Plakate hingen zahlreich überall herum … Am Grenzübergang übergaben wir dann unsere restlichen Münzen. Ein sehr lehrreicher Besuch mit zum Teil wirklich netten Menschen, aber wir waren froh, wieder im Westteil zu sein, der uns erheblich vertrauter war. Wir waren beinahe geblendet, kaum, dass wir wieder auf westlicher Seite standen – Leuchtreklame, viel mehr Farben, wie es schien. Und auch die Autoabgase rochen viel besser, erheblich! 😉 Dennoch bin ich froh, dieses Erlebnis gehabt zu haben. 🙂

Am nächsten Tag erneute Stadtrundfahrt, auf der ich lernte, dass es im Stadtteil Hermsdorf, der zum französischen Sektor zählte, eine Straße mit meinem Namen gebe! Nein, sie heißt nicht „Alistraße“, sondern trägt meinen richtigen Namen. (Zu meiner großen Begeisterung habe ich kürzlich erfahren, dass es in Dinslaken ebenfalls eine Straße gibt, die dies tut. Gleich war mir Dinslaken erheblich sympathischer. 😉 )

Nach der Stadtrundfahrt trafen Sonja und ich uns mit meiner Tante Maggie, einer Cousine meines Vaters. Tante Maggie ist klasse! Eine echte Berlinerin, nicht auf den Mund gefallen, und sie spricht ganz dezentes Berlinerisch und verfügt über das, was man wohl als typischen Berliner Humor bezeichnet. Wir waren an der Tauentzienstraße verabredet, vor dem KaDeWe. Ich erklärte Sonja, sie solle nicht irritiert sein: Tante Maggie, eigentlich Margarete, werde, wie ich sie kenne, sicherlich fein gestylt im Kostüm und mit passendem Hut erscheinen, eine echte Preußin, sei aber sonst total handfest und verfüge über einen goldigen Humor mit viel dezentem Sarkasmus. Und dass ich hoffte, ich würde sie erkennen, denn ich hätte sie lange nicht gesehen. Aber das war gar kein Problem, denn als wir auf das Kaufhaus des Westens zusteuerten, sah ich am Haupteingang eine respektgebietende Gestalt stehen, die gerade einen jungen Mann, der sie wohl angebettelt und nicht lockergelassen hatte, mit ihrem Regenschirm vertrieb. Das konnte nur Tante Maggie sein! Und in der Tat trug sie ein schickes Kostüm, einen dazu passenden eleganten Strohhut und weiße Handschuhe. 😉

„Tante Maggie!“ rief ich, als wir auf sie zuliefen. „Ali! Kind! Das ist ja schön, dass du mich angerufen hast! Wir sehen einander doch so selten!“ Und sie nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest, begrüßte dann auch Sonja. Dann tranken wir Kaffee, und Sonja, die sonst an allem Möglichen etwas zu meckern hatte, unterhielt sich sehr angeregt und interessiert mit Tante Maggie, die trotz einiger Schicksalsschläge immer positiv nach vorne blickte. So wirkte sie auch – sehr energisch. Wir gingen mit ihr durchs KaDeWe, ich meinte, und das speziell in der Lebensmittelabteilung, ich würde mich am liebsten dort einschließen lassen, und dann schenkte sie mir eine LP (ja, wir kauften damals noch großenteils Vinyl … 😉 ). Zu Sonja meinte sie: „Junge Dame, nicht, dass Sie sich benachteiligt fühlen – aber das hier ist meine Nichte, der ich etwas schenken möchte.“ (Offenbar hatte sie Sonjas Wesen genau erfasst … 😉 ) Sonja meinte: „Aber nein, Sie haben mich ja schon zum Kaffee eingeladen.“

Und weiter ging’s. Tante Maggie schleppte uns in die Gedächtniskirche und ins Europacenter. Preußisch-energisch schritt sie trotz leichter Gehbehinderung mit ihrem Stockschirm vorneweg, während Sonja und ich, durch die Stadtrundfahrt nebst einigen Fußwegen schon recht erschöpft, uns hinterherschleppten. 😉 Tante Maggie schüttelte angesichts dessen nur ihren Kopf und meinte: „Meine Güte, Kinder! Da müsst ihr mal ein paar Meter gehen und brecht schon zusammen! Wohin soll das führen?“ Ich nahm es ihr keineswegs übel, sondern lachte. Mir war nur Sonjas wegen etwas bange – die nahm schon erheblich Harmloseres übel. Aber die lachte auch und meinte: „Sie haben ja recht.“ Tante Maggie wollte uns eigentlich noch zum Abendessen nach Steglitz einladen, aber wir waren bereits verabredet. Sie fand das schade, drückte mich zum Abschied aber ganz fest und meinte: „Wenn du wieder in Berlin bist, melde dich – bist ein liebes Mädchen.“

Danach gingen wir lateinamerikanisch essen – zu Berliner Preisen. Nicht gerade günstig war es, obendrein so scharf, dass es uns fast das Gaumensegel wegbrannte. Aber die Getränke waren so teuer, dass wir uns zusammenrissen, brav zahlten und dann die Carmerstraße entlangrannten, bis wir bei einer alteingesessenen Berliner Kneipe kurz vor dem Savignyplatz ankamen, die wir schon Tage zuvor entdeckt hatten: „Dicke Wirtin“ hieß die Kneipe und steht offenbar heutzutage in jedem Reiseführer. Damals aber waren wohl noch mehr echte Berliner drin. Kellner und Tresenmann waren auch echte Berliner, was man an der „Schnauze“ und an ihrer eigenwilligen Art erkannte. Sonja war, nachdem wir am Tisch erst einmal saßen, ohne bedient zu werden, an den Tresen gegangen und bleich wieder zurückgekehrt. „Was ist denn mit dir los? Hast du unsere Getränke bestellt?“ meinte ich. Sonja sagte, der Tresenmann sei total frech gewesen, und da hätte sie sich nicht getraut. Da marschierte ich hin. Richtig wohl fühlte ich mich auch nicht, aber wir standen kurz vor dem Verdursten, und so baute ich mich vor dem Tresen auf, ignoriert vom Tresenmann. Bewusst ignoriert. Da meinte ich verärgert: „Ist das hier ein Getränkemuseum, oder kann man tatsächlich was bestellen?“ Der Tresenmann starrte mich verblüfft an, dann begann er, amüsiert zu lachen. „Nee, junge Frau – dit is keen Jetränkemuseum. Wat daafet denn sein?“ Ich grinste und gab die Bestellung auf, die uns dann auch recht schnell an den Tisch gebracht wurde. Die folgenden dann auch schneller. 😉 Ich hatte schnell erfasst, dass man der Berliner Schnauze am besten mit einer ebenso vorlauten Schnauze begegne. Damit bin ich immer „juut jefaahn“.

Denn tatsächlich hörte ich schon öfter – und das von echten „Pottmenschen“, was mich sehr erstaunte -, dass man die Ur-Berliner mit ihrer Kodderschnauze als „unmöglich“, „total unfreundlich“ und „unhöflich“ empfand. Habe ich nie nachvollziehen können. Sie sind bisweilen vorlaut und sehr direkt, aber ich bin immer damit klargekommen. Manchmal muss man in der Tat schlucken, das stimmt, aber man muss dann eben kontern, und das ebenso vorlaut und etwas frech. Damit habe zumindest ich kein Problem. 😉 Ich bin bis dato immer prima mit Berlinern klargekommen und habe manchen netten Abend im Gespräch verbracht. „Woher kommsse denn, Kleene?“ wurde ich öfter gefragt, und wenn ich: „Aus’m Pott“ sagte, haute man mir auf die Schulter und meinte: „Dit merkt man – passt! Biss nich so etepetete.“ (Mag sein, dafür ecke ich anderswo häufiger an … 😉 )

Seit meinem ersten Aufenthalt mit der Schule war ich noch einige Male in Berlin, wundere mich nicht mehr über die teils merkwürdige Hausnumerierung, obwohl ich anfangs etwas verwirrt viel zu viele Kilometer zurückgelegt habe, um die Nummer 121 einer Straße zu finden, von der sich dann herausstellte, dass sie der Nummer 1 gegenüber- und direkt neben der 122 lag. Statt mal von der Nummer 1 am Anfang der Straße einen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite zu werfen, war ich die ganze Straße hinuntergelaufen, bis ich feststellte, dass die Numerierung nicht – wie anderswo üblich – „zickzackmäßig“, also gerade Nummern auf der einen, ungerade auf der anderen Seite, sondern „hufeisenförmig“ gestaltet war, ergo fortlaufend, bis man am Ende der Straße angelangt ist und sich wundert … Bis man dann auf der anderen Seite sieht, dass sich die Numerierung dort fortsetzt und wieder zum Anfang der Straße zurückführt … 😉 Immerhin – darauf sind schon ganz viele Berlinbesucher hereingefallen. 😉

Berlin ist einfach grandios, und es wird Zeit, dass ich mal wieder hinreise. Obwohl ich sagen muss – und ihr dürft mich jetzt verbal schlagen: Zu Zeiten der Teilung war das Flair in der Stadt noch toller. Nix gegen die Wiedervereinigung, ganz gewiss nicht. Aber in der Zeit davor war Berlin noch viel aufregender. My two cents. 😉

Wenn ihr noch nie da wart: Fahrt hin! Berlin ist in der Tat ’ne Reise wert. Und nicht nur eine. 🙂

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