Vorurteile und wie sie sich manchmal auflösen

Heute war ich abends einkaufen. Ich gestehe, ich habe die meiste Zeit des Tages herumgegammelt. Es lag wohl auch daran, dass draußen ca. plus 37 Grad Celsius herrschten und ich mich einmal mehr darüber ärgerte, nicht auf meinem schönen Südwestbalkon sitzen zu können, weil ansonsten ein Hitzschlag drohen könnte. (Solltet ihr gerade in der Lage sein, eine Wohnung zu suchen, hört auf meinen Rat: „Südwestbalkon“ klingt total toll, hat aber nur zur Folge, dass ihr in wirklich heißen Sommern nur ganz früh am Morgen und dann spät am Abend auf dem Balkon sitzen könnt. Dann, wenn die Sonne noch nicht richtig da oder schon wieder weg ist. Denn „Südwestbalkon“ bedeutet, dass die Sonne ab Mittag brutal auf euren Balkon knallt und dies auch noch abends tut – Südwest eben.)

Einkaufen musste ich aber. Und so beschloss ich, am frühen Abend loszuziehen, während ich tagsüber schwitzend in meiner Wohnung ausharrte. Was für eine Schande – da scheint draußen die Sonne, und ich sitze drinnen, weil ich es draußen nicht aushalte! Aber was will man machen? Ich sollte mich in den nächsten Wochen ohnehin nicht der Sonne aussetzen, da ich mich bald einer dermatologischen Behandlung unterziehen muss, bei der angeraten ist, nicht in der Sonne zu sitzen. Außerdem explodieren ansonsten meine Sommersprossen ganz besonders, und schlimmstenfalls sehen die dann so aus, als hätte ich mir Rallyestreifen ins Gesicht gesprüht.

Gegen halb 7 abends zog ich los, kaufte ein und war immerhin so tapfer, Hin- und Rückweg per pedes zu bestreiten. Gegen halb 8 bog ich in meine Straße ein, passierte den dahinbrütenden Monty und bog jenseits der schnurgerade geschnittenen Hecken in den plattierten Pfad zur Haustür ein.

Die Haustür stand offen. Und hinter der Öffnung sah ich den Nachbarn, der sich als selbsternannter Hausaufseher wohlfühlt. Scheiße.

Möglichst laut erreichte ich die Haustür und schmetterte fröhlich: „Guten Abend, Herr Wolski!“ Er drehte sich um und meinte: „Ah! Frau B.! Wir haben uns auch lange nicht gesehen. Guten Abend!“ Stimmte. Wir hatten einander lange nicht gesehen, obwohl wir im selben Haus wohnen. Offenbar liegt es daran, dass meine Arbeitszeiten anders gelagert sind als die Herrn Wolskis, der offenbar gar keinen sozialversicherungspflichtigen Job innehat, ganz im Gegensatz zu seiner Frau.

Anfangs hatten Herr Wolski und ich einige Probleme, da ich mich ungern bevormunden lasse. Inzwischen aber haben wir offenbar beide gelernt. 😉 Er hält sich zurück, ich tue das Gleiche. Und so kamen wir heute Abend recht nett ins Gespräch.

Herr Wolski wunderte sich darüber, dass ich ja gar nicht mehr „diesen netten Toyota“ habe. Ich grinste mir eins und erklärte ihm, warum. Mir war klar, dass er dachte: „Wahrscheinlich hat die Tussi einen Unfall damit gehabt!“ Aber den Zahn zog ich ihm gleich und lobte Monty über die Maße, bis Frau Wolski dazukam. Der erklärte ich das Ganze dann auch noch einmal, da auch sie davon ausging, ich könnte einen Unfall gehabt haben. 😉

Herr Wolski hatte einen Karton bei sich, in dem, wie er sagte, sich Dinge befänden, die er und seine Frau ausrangiert hätten. Sein Kegelkumpel, der ihn und seine Frau gleich abholen würde, würde diese Dinge an sich nehmen und auf dem nächsten Flohmarkt verticken. Ich warf einen Blick in den Karton. Da gab es Platzteller aus Glas, eine Miniatur-Kuckucksuhr und viele andere Dinge. Darunter eine DVD, die mein Interesse auf sich zog. Wie konnte man so etwas abgeben? Dieser Film fehlte in meinem DVD-Repertoire aufs Empfindlichste, denn diesen Film liebe ich seit seinem Erscheinen.

Und so sagte ich: „Oh! Sie geben diesen Film ab? Das ist einer der schönsten Filme, die ich kenne!“ Und da meinte Herr Wolski: „Möchten Sie ihn haben, Frau B.? Falls Sie ihn noch nicht haben, meine ich.“ – „Echt? Nee, den habe ich noch nicht, obwohl ich ihn immer haben wollte! Wenn Sie ihn mir geben, nehme ich ihn sehr gern!“ – „Dann nehmen Sie ihn – kommt von Herzen.“ – „Was bin ich Ihnen schuldig?“ – „Gar nichts. Ich hätte ihn ja sonst an meinen Kumpel weitergegeben. Aber ich finde sehr nett, dass Sie fragen. Und deswegen gebe ich ihn Ihnen noch lieber.“

Es ist ein schon relativ alter Film, aber ich freute mir einen Wolf. 🙂 Nicht nur der Ersparnis wegen, auch wegen der netten Geste.

Offenbar hatte ich heute einen Glückstag. Und jetzt gleich setze ich mich hin und sehe mir diesen Film aus dem Jahre 2000 an. „Chocolat“, einer meiner Lieblingsfilme dieses speziellen Genres. Sehr sinnlich, wie schon das Wort „chocolat“ oder „Schokolade“ etwas sehr Sinnliches an sich hat. Kein Wunder, dass so viele Menschen süchtig danach werden. 😉

Darüber hinaus ist der Film ein Appell hinsichtlich Toleranz. Reflektierter Toleranz, das ist ganz wichtig. Und ein Film wider Vorurteile, denen ich heute fast aufgesessen wäre, als meine Nachbarn so neugierig fragten, ob ich etwa einen Unfall mit Scotty gehabt hätte. Nein. Lustig, dass sie Chocolat abgeben wollten. Aber wir hatten ein nettes Gespräch, und ich lernte einmal mehr, dass es völlig schnurz sei, was andere über einen denken.

Zumindest dann, wenn Schokolade im Spiel ist. 😉

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