Von Klartext und Codes

Vor einigen Tagen recherchierte ich etwas im Internet. Ich liebe Internetrecherche – man findet so viele interessante Dinge dabei. Das Problem ist, dass man/ich sich/mich manchmal etwas dabei verliert, das Ganze ausufert und man sich irgendwann fragt, wie man bloß auf die Seite gelangt sei, auf der es um polnische Küche geht. 😉 Ausgangspunkt war doch Neighbourhood Management in different European countries gewesen. Wie um alles in der Welt hatte ich mir da den Weg hin zur Herstellung polnischer pierogi gebahnt? Wie war ich nur dorthin geraten?

Einzig so kann es gekommen sein, dass ich kürzlich erneut thematisch abdriftete und auf eine Seite gelangte, auf der eine Diskussion stattfand. Das Thema war interessant: „Warum sagen Frauen nie, was sie meinen?“ Das verhieß doch spannend zu werden, und so warf ich einen Blick auf die vielen, vielen Kommentare.

Es waren offenbar viele Männer unter den Kommentatoren, die sich mal so richtig ihren Frust von der Seele schreiben konnten. 😉 Einige argumentierten aber sachlich, teils gar wohlwollend. Diese meinten, Frauen seien qua Erziehung weniger daran gewöhnt, Wünsche direkt zu äußern und würden eher Codes benutzen. Wenn eine Frau beispielsweise sage: „Mir egal, was du machst!“, und dies in verärgertem Tonfall, heiße das keineswegs, dass ihr das egal sei. (In der Tat – das kann ich bestätigen. 😉 ) Ganz im Gegenteil. (Auch das kann ich bestätigen.) Sie wolle damit eher zum Ausdruck bringen, dass der Partner ja ohnehin immer mache, was er wolle, dass es sie störe, dass ihre Einstellung dazu eine ganz andere sei, aber niemand auf sie höre. Und hinterher, wenn dann die Aktion des Partners, die er – gegebenenfalls wider einen Einwand aus Sorge – ganz allein entschieden habe, schiefgelaufen sei, dann auch noch trösten und sich das ganze Elend anhören müsse. (Was soll ich sagen? Auch das kann ich einmal mehr bestätigen. 😉 Zur Ehrenrettung der solcherart pauschal bezichtigten Männer muss ich jedoch sagen, dass ich auch Frauen kenne, die so vorgehen. Es sind nicht viele, aber es gibt sie auch.)

Weiter wurde ich aufgeklärt, dass, sage eine Frau, ihr sei kalt, dies keineswegs eine reine Situationsbeschreibung sei, wie viele Männer wohl glaubten. (Andererseits brauche ich diesbezüglich gar keine Aufklärung – das kenne ich … 😉 ) Nein, dies sei vielmehr eine implizite Bitte, das Fenster zu schließen, weil möglicherweise der Partner näher zu diesem sitze oder stehe. Ebenso die Feststellung, der Müll müsse hinuntergetragen werden, während frau gerade am Herd steht und kocht. Liebe Männer – das ist keine reine Feststellung! Das ist ein Wunsch, eine höflich-indirekte Bitte, doch den Müll hinunterzubringen. 😉

Ich lachte. Ich kenne das. Ich tue mich auch schwer, in privaten Beziehungen derartige Wünsche ganz einfach direkt zu äußern. Ich komme mir dann vor wie ein Befehlshaber. Und das will ich nicht, zumal ich es selber auch nicht so toll finde, wenn man mir nur an den Kopp knallt, ich solle doch gefälligst mal das Geschirr abtrocknen. Man kann es natürlich höflich ausdrücken: „Würdest du bitte …“. Aber noch viel höflicher ist doch, eine indirekte Andeutung zu machen.

Das Problem scheint nur zu sein – zumindest las es sich in der Diskussion so -, dass nicht wenige Männer sich schwer damit tun, die eigentliche Botschaft hinter solchen Sätzen zu verstehen bzw. richtig zu übersetzen. Denn ich las auch Kommentare, die – so schien es – von eher schlichteren Gemütern zu kommen schienen. Da schrieb Superhengst007: „Weiber können nich normal reden. Die machen immer viel Blabla, und kein vernümftiger Mensch verstet was.“ (Originalzitat) Nun ja, dies mag vielleicht für Superhengst007 gelten, der sich auch in Folgekommentaren eher als dem restringierten Code zugetan erwies, was gewisse Rückschlüsse auf seine sprachliche Interpretationsgabe zuließ.

Doch auch Alleswisser behauptete, Frauen seien eben immer emotional und daher zu schlicht, den per naturam überlegenen und rational-logisch agierenden und sprechenden Männern eine Botschaft rational-logisch zu übermitteln. Sie seien nun einmal so, damit müsse man(n) leider leben. Applaus bekam er von Superhengst007 und einigen anderen Helden der Internetdiskussion. Mad_Max_1991 fügte jedoch noch hinzu, Frauen sollten gefälligst in der Küche stehen und kochen. Oder putzen. Was anderes könnten sie eh nicht. Obwohl: Seine „Ische“ könne nicht mal kochen, und er sei schon auf der Suche nach einem anderen Modell.

Ich lachte noch mehr. Da hatten wir ja ein reizendes Konvolut an Männern – echte Helden. Und sie wirkten auch alle so rational-logisch und vor allem niveauvoll. 😉 Offenbar stand ihre „Logik“ ihnen derart breitbeinig im Weg, dass sie gar nicht erkannten, dass das, was sie als schlichtes Blabla bezeichneten, durchaus tiefere Botschaften enthält. Quasi ein paar Rätsel im grauen Alltag, für Querdenker. Das ist doch nicht schlicht! Das ist etwas für Leute, die bei Rätseln wie „Um die Ecke gedacht“ immer alle Lösungen finden. 😉 Schlicht ist eher, nichts zu hinterfragen, nicht einmal in der Lage zu sein, ein bisschen um die Ecke zu denken.

Und mal ehrlich: So schwer ist es doch nicht, die Botschaft hinter „Mir ist kalt“ oder „Der Müll müsste hinuntergebracht werden“ sowie Vergleichbarem zu verstehen, oder? Gut, ich finde es nicht schwer, bin aber auch eine Frau. Aber ich kenne zum Glück auch hinreichend Männer, die diese Codes verstehen.

Ich selber benutze ebenfalls Codes. Manche sehen so aus, als wäre ich ein echtes Rauhbein, ein Rabauke. Denn wenn ich zu einem Mann – kommt sehr selten vor! – „Arschloch!“ sage, bedeutet das etwas ganz anderes als ein schlichtes „Arschloch“. Das sage ich nämlich beileibe nicht zu jedem. (Die echten Arschlöcher würdige ich oft nicht einmal eines Schimpfwortes.) Es geschieht eher dann, wenn ich jemanden wirklich mag und mich über ihn geärgert habe oder mich etwas sehr enttäuscht hat, das er getan hat.

Ihr seht, es ist durchaus gar nicht so schwer, Frauen zu verstehen. Keineswegs ist es so, dass sie, wenn sie nein sagen, ja meinen. Das nicht. Aber sie kodieren eigentliche Botschaften. Und so kann es auch passieren, dass ein böse wirkendes Schimpfwort eine ganz andere Botschaft in sich trägt, allerdings im Moment des Ärgers wohl kaum eine sagt: „Ich mag dich sehr gern und habe mich gerade ganz furchtbar über dich geärgert.“ Warum machen wir das eigentlich nicht? Es würde viele Dinge sehr erleichtern. 😉 (Alleswisser würde jetzt sagen: „Und ich hatte doch Recht – Frauen sind einfach zu emotional.“ Lassen wir ihn in dem Glauben.)

Für die, die jetzt anmerken wollen, dass „wir“ zu pauschal sei: Ihr habt ja Recht. Es gibt auch total unverblümt redende Frauen. Kann ich auch. Aber es kommt immer auf die Situation an.

Und morgen mache ich pierogi … 😉

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