Very close to water …

Kennt ihr das auch? Ihr seht euch einen Film an, der wirklich unter die Haut geht. Und plötzlich stellt ihr fest, dass es aus eurem Gesicht tropft. Oder ihr lest oder hört etwas, das zunächst so unglaublich erscheint, dass ihr gar keine Regung verspürt. Aber dann rinnt es aus euren Augen …

Ein Vorteil daran, Single zu sein, ist sicherlich die Tatsache, dass man sich ungehindert Filme ansehen kann, die gegebenenfalls eine okular-nasale Entwässerung nach sich ziehen könnten. Man kann ganz ungehindert sogar laut schluchzend vor dem Fernseher sitzen und ist keine Erklärung schuldig. (Nur nicht ganz so laut schluchzen, da dies sonst die Nachbarn irritieren könnte. 😉 )

Furchtbar, wenn dann jemand daneben sitzt, der fragt: „Was hast du denn?“ Wie oft ich schon vermeintliche Fremdkörper im Auge vorschieben musste, um zu erklären, warum meine Augen plötzlich so tränten! Beide. Das Lächerlichste daran: Ich habe stets je einen Fremdkörper in beiden Augen, denn ich bin Kontaktlinsenträgerin. 😉 Aber praktischerweise verhaken sich ja immer wieder lose Wimpern unter dem Kontaktlinsenrand – schon hat man eine Begründung gefunden! 😉 (In Wirklichkeit verhaken sich lose Wimpern nicht ganz so oft zwischen Kontaktlinse und Auge, aber sie dienen immer wieder als Vorwand, wenn man mal wieder zu dicht am Wasser war. Denn: Wer kennt das nicht? Lose Wimpern im Auge sind schon so furchtbar. Und wenn sie sich dann unter dem Rand einer Kontaktlinse festklemmen und dauernd auf dem Auge herumscheuern, kann sich jeder vorstellen, dass das noch viel schlimmer ist und richtig wehtut … 😉 )

Schlimm ist diese Eigenheit auch im Kino, wenn man aus den Augen tropfend dasitzt, während der Abspann läuft und dann doch irgendwann wieder nach draußen muss – dahin, wo es hell ist und jeder sieht: „Och, nee, kuckma, die hat geheult!“ Aber ich als Kontaktlinsenträgerin habe hier einen Vorteil: trockene Luft im Kinosaal. Und ich habe doch so empfindliche Augen! 😉

Ich glaube, ich habe diese Eigenart von meinem Vater geerbt. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, wurde ich öfter Zeugin davon, wie mein Vater beim Fernsehen ein Taschentuch aus seiner Hosentasche zog und sich nachhaltig schneuzte. Da er am dichtesten am Fernseher saß und uns den Rücken zuwandte, konnte man nicht sehen, warum er das tat. Meine Mutter lachte dann immer und rief: „Was ist, Karl-Heinz? Sollen wir dir ein Handtuch holen? Reicht ein normales, oder wäre ein Badehandtuch besser?“ Mein Vater erklärte dann immer etwas fahrig mit dumpfer Stimme, ihm sei etwas ins Auge gekommen. Er war da ein sehr guter Lehrmeister. Mir kommt ja auch ständig was ins Auge. Mein Vater und ich bzw. unsere Augen scheinen das förmlich anzuziehen. 😉 Und immerhin weiß ich jetzt auch, warum mein Vater immer mit dem Rücken zu uns fernsah. 😉 Denn fremde Leute, die die „Sitzordnung“ beim Fernsehen in meiner Familie gesehen hätten, hätten womöglich daraus geschlossen, dass mein Vater als Familienoberhaupt und Mann natürlich den besten Platz für sich beanspruchte. Passt aber gar nicht zu meinem Vater und ist eindeutig falsch. Der Grund dafür lag auch nicht an der angeblich geringen Sehstärke meines Vaters. Er lag ganz woanders. Wenn jemand das verstehen kann, dann wohl ich. 😉

Heute habe ich es mal wieder selber herausgefordert. Ein schöner, warmer und sonniger Tag, ich auch guter Laune. Und was könnte man da Besseres tun, als sich einen Film anzusehen, der nicht nur traurig ist, sondern auch noch auf wahren Begebenheiten beruht? 😉

Und so holte ich heute am Abend einen Film aus meinem DVD-Regal, von dem ich im Grunde weiß, dass ich in dessen Verlauf immer irgendwie aus den Augen tropfe. Ich hatte ihn lange nicht gesehen – und irgendwann musste es doch klappen, dass ich – ein auf- und abgeklärter Mensch! – ihn mal ohne Entwässerung sehen konnte. Oder?

Es hat wieder nicht geklappt. An mehreren Stellen brauchte ich Taschentücher, weil mir Tränen aus den Augen rannen. An einer Stelle schluchzte ich sogar ein bisschen. Gut, dass ich allein war.

Andererseits wäre es mir bei diesem Film wahrscheinlich auch gar nicht peinlich, wenn jemand dabei säße und meine okulare Inkontinenz mitbekäme. Denn ich habe mir heute einmal mehr „Der Pianist“ angesehen. Den habe ich inzwischen dreimal gesehen, und er verstört mich nach wie vor. Das Szenario: bekannt. Und gerade daher verstörend. Umso mehr, als das Ganze auf wahren Begebenheiten beruht. Geht mir wirklich an die Nieren. Kaum zu ertragen, dass es solche Zustände einmal gab. Hoffentlich nie wieder.

Und jetzt kühle ich weiter meinen Arm und sehe mir irgendetwas Seichtes an. Am besten Rosamunde Pilcher – das sind so bescheuert konstruierte Märchen, dass ich immer laut lachen muss. Bis mir die Tränen kommen. Lachtränen. 😉

Nur: Woher nehmen und nicht stehlen?

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