Von Schulanfängern, Reformhäusern, Elterntaxis und Nachhilfe

Kürzlich las ich einmal mehr einen Artikel in der Zeitung, da es um den Schulanfang und damit verbundene Dinge ging. Gerade bei Erstklässlern ist so etwas ja stets aufregend. Was gehört in eine Schultüte und was nicht? Auf keinen Fall zu viele Süßigkeiten, so die einhellige Meinung.

Klar, ist wirklich ungesund. Aber ich finde, man sollte fünfe gerade sein lassen – man wird nur einmal eingeschult. Und müssen es denn dann wirklich die scheußlichen Gummibärchen aus dem Reformhaus oder Naturkostladen sein, die so blass aussehen, wie sie scheußlich schmecken? Alles schon ausprobiert – im Sinne der guten Sache. 😉 Nein, nein, ich habe sie mir nicht selber gekauft. Auf solch eine Idee käme ich, glaube ich, gar nicht. 😉

Meine Schwester Stephanie ist da erheblich anfälli…, nein, experimentierfreudiger als ich. Niemals werde ich den Tag vergessen, da sie mich in Aachen ins Reformhaus „Grimme“ schleppte, weil man dort „so hervorragend“ zu Mittag essen könne, wie sie sagte. Es gebe dort so hervorragendes Tofu-Gulasch, sagte sie. Ich stutzte angesichts der Kombination der Begriffe Tofu und Gulasch, noch dazu in Verbindung mit dem Adjektiv hervorragend. Nein, nicht, dass ich generell gegen Tofu wäre. Wer es mag, soll es gerne essen. Ich mag es nicht. Aber Stephanie redete so lange auf mich ein und erklärte, man müsse immer offen sein, so dass ich schließlich mit annähernd blutenden Ohren – sie hatte sehr viele Worte verloren, um mich für das Tofu-Gulasch zu erwärmen – und damit völlig erschlagen mit ihr ging. Und dann aßen wir das berühmte Tofu-Gulasch. Oder besser: Stephanie aß es, denn ich war nicht ganz so überzeugt von dessen Geschmack. Normalerweise esse ich fast alles und bin nicht verwöhnt, aber das bekam ich nicht runter. Stephanie meinte: „Kann ich deine Portion auch noch haben, wenn du sie nicht isst?“ – „Ja, nimm nur.“ Und ich sah sie nur stumm an, als sie meinte: „Schmeckt echt klasse und fast wie Rindergulasch.“ Ich dachte: „Es schmeckt wie nichts, das ich je gegessen habe.“ Das allein wäre nicht einmal das Problem gewesen – aber irgendwie schmeckte es gar nicht. Nicht gut.

Eben genau wie diese scheußlichen politisch korrekten Gummibärchen. Von daher: Man wird nur einmal eingeschult. Und die Schultüte muss ja nicht bis oben mit Süßigkeiten gefüllt werden. Ein Tipp in dem Zeitungsartikel war, auch Buntstifte hineinzutun. Sogleich meldete sich ein Elternteil im Kommentarbereich und erzählte die tränenreich-dramatische Geschichte seines Sohnes, der vor 20 Jahren eingeschult worden war. Da hatte man politisch korrekt Buntstifte in die süßigkeitenarme Schultüte gepackt. Man war also seiner Zeit weit voraus, aber genau das führte ja zur Tragödie. Denn – man stelle sich das vor! – die Kinder sollten dann alle ein Bild malen. Mit Buntstiften. Und dieser inzwischen 26-Jährige stand als einziges Kind ohne Buntstifte da – die steckten ja noch in der Schultüte! Der Elternteil berichtete voller Pein, wie schrecklich das für den Jungen gewesen sei – der erste Schultag sei daher ein wahres Trauma gewesen. O ja. Das ist wirklich traumatisierend. Und man hätte doch so leicht Abhilfe schaffen können. Tüte kurz aufmachen oder von Kind aufmachen lassen und – surprise, surprise – Buntstifte herausholen, Tüte wieder zu, damit sie zu Hause ganz ausgepackt werden kann. Ich meine, das ist doch eine praktikable Lösung, um ein schweres Trauma zu vermeiden … 😉 Ich weiß, ich bin gemein. 😉

Ich selber war schon vor der Einschulung traumatisiert, denn ich habe eine ältere Schwester. Und diese hatte ihre helle Freude daran, mir die bescheuertsten Geschichten zu erzählen, allesamt erfunden, so dass ich vor dem ersten Schultag richtig Schiss hatte. Aber immerhin hatte ich Buntstifte zur Hand, als wir dann in unsere Klasse gingen, ich den Tränen nahe … Merkwürdigerweise machte aber früher keiner so ein „G’schiss“ um uns. 😉 „Stell dich nicht so an,“, hieß es, und komischerweise kamen wir auch alle damit klar.

Immer wieder höre ich auch von „Elterntaxis“, und seit ich darauf aufmerksam gemacht wurde, sehe ich auch oft an Schulen morgens chaotische Verkehrsverhältnisse. Da parken – es tut mir leid, das sagen zu müssen – verstärkt SUVs, aber auch andere Autos in zweiter Reihe, Mama steigt aus und hilft dem Nachwuchs aus dem Auto, betüddelt diesen noch, um ihn dann schweren Herzens Richtung Schule gehen lassen zu müssen, und das ganz ohne die Möglichkeit, ihn direkt bis vors Klassenzimmer oder am besten gleich hineinzufahren. Dabei wäre es doch eine tolle Idee, Drive-thru-Schulen zu bauen, in die die Eltern vorne hineinfahren, die Kinder dann vor ihrer Klasse aus dem Auto springen und die Eltern dann hinten wieder hinausfahren. Angesichts phasenweise verstopfter Straßen, erzürnter Anwohner, die auch schon mal zugeparkt werden und unübersichtlicher Verkehrssituation, in der dann andere Kinder, die zu Fuß zur Schule kommen, Gefahr laufen, von den Elterntaxis, zwischen denen sie sich dann durchzwängen müssen, überfahren zu werden, wäre das doch eine bahnbrechende Idee. Nicht?

In einigen Städten mussten auf Druck mancher Eltern inzwischen sogar schon „Elternparkplätze“ vor einigen Schulen eingerichtet werden, da es den Kindern nicht zuzumuten sei, zu Fuß zu gehen oder drei Haltestellen mit dem Bus zu fahren. Hmmm … Ich bin als Kind zuerst zu Fuß zur Schule gegangen, später dann mit dem Fahrrad gefahren … Habe ich etwa Rabeneltern? Irgendwie vermag ich das nicht zu glauben. Ich fand das auch immer klasse – man war viel unabhängiger und selbstständiger. Wer dauernd von den Eltern gefahren wurde, war schnell als „Mamasöhnchen“ oder „verwöhnte Prinzessin“ verschrien. Wer will das schon?

Einer meiner Mitschüler aus der Grundschule galt als „Mamasöhnchen“, weil seine Mutter eine Zeitlang jeden Tag in der großen Pause wie aus dem Boden gewachsen auf dem Schulhof stand. Denn ihr armer, kleiner Jan werde ja immer von den anderen bösen Jungs verhauen. Da müsse sie doch aufpassen, damit ihr armer, kleiner Jan nicht unter die Räder komme. Die Wirklichkeit sah so aus: Jan war ein recht unverträglicher Zeitgenosse, der gern Streit anfing, ebenso gern die Mädchen verhaute, weil er sich an die Jungs nicht herantraute und dann andere Jungs ihm eins auf die Mütze gaben. Das hat die Lehrerin Jans Mutter dann auch erklärt, aber die stand weiterhin bei sengender Sonne, Landregen, heulendem Wind und starkem Schneefall jeden Tag in der großen Pause auf dem Schulhof. Helikoptermütter gab es wohl schon damals, aber sie ist die einzige, an die ich mich erinnere.

Doch die Zeiten haben sich wohl geändert. Heute gehen die Eltern sogar mit, wenn ihre zumindest biologisch erwachsenen Kinder sich an einer Hochschule einschreiben. Ich staune immer wieder. Als ich mich damals einschrieb, hatten wir alle offiziell gar keine Eltern … 😉

Ich finde diese Entwicklung schade. Die Kinder lernen so gar nicht, frühzeitig und altersgerecht selbstständig zu werden. Probleme, sogar Bagatellen, werden grundsätzlich von den Eltern gelöst, jegliche Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt. Ich frage mich immer, wie diese Kinder lernen sollen, später mit Frustrationen am Arbeitsplatz oder sonstwo klarzukommen. Oder wollen die Eltern dann auch mit zur Arbeit gehen? 😉

Zugegeben, auf vielen Kindern lastet ein immenser Druck, weil die Eltern wollen, dass das Kind auf Biegen und Brechen Abitur mache und studiere. Und warum eine Zwei, wenn man auch eine Eins haben kann? Wie viele Nachhilfeschüler hatte ich in meiner Zeit als Lehrkraft an einer Sprach- und Förderschule in Aachen (man durfte diese Art Institution damals noch als „Förderschule“ bezeichnen – da hat es ja auch einen immensen Bedeutungswandel gegeben …), die ich von einer Zwei auf eine Eins drillen sollte? Gut, ich drillte nie, weil Drill für meine Begriffe absolut kontraproduktiv ist, wenn es ums Lernen geht, und in meinen Stunden wurde durchaus viel gelacht, weil es sich so besser lernt, aber ich arbeitete mit den Schülern gemäß Zielsetzung. Einige haben es geschafft, andere nicht – die blieben dann bei ihrer Zwei, was ja eine durchaus gute Note ist. Ich habe öfter mit Eltern gesprochen und versucht, ihnen zu erklären, dass das eine gute Note sei und ich mich weigerte, die Kinder zu drillen.

Mir taten manche Kinder richtig leid. Denn wenn man mal einen Termin außer der Reihe vereinbaren wollte – vor einer Klassenarbeit, zum Beispiel -, stellte sich das als Problem dar, denn diese Kinder hatten schon damals randvolle Terminkalender. Und manche Eltern hatten wirklich die Stirn, zu fragen, ob ich nicht gegebenenfalls auch am Sonntag … „Klar!“ rief ich dann immer strahlend. „Aber da müssen Sie natürlich einen Feiertagszuschlag einkalkulieren.“ Merkwürdigerweise sahen nicht wenige Eltern dann davon ab, als sie hörten, wie hoch dieser Zuschlag war …

Tja, so sieht es aus – Kindheit kann echt stressig sein. In jedweder Hinsicht. Auch ernährungstechnisch, wie ich neulich in einem großen Einkaufsmarkt mitbekam, wo ich in der Molkereiabteilung gerade Quark in meinen Einkaufswagen lud. Im selben Gang, nur auf der anderen Seite, stand eine vierköpfige Familie. Die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, waren etwa acht und zehn Jahre alt. Unfreiwillig wurde ich Zeugin eines Dialoges, in dem es darum ging, welchen Joghurt man kaufen solle. Das Mädchen hielt einen Joghurt mit Früchten in der Hand, und ich sah große, bittende Augen auf seinen Vater gerichtet, als es die Worte äußerte: „Nur ausnahmsweise, Papa!“ Und der Bruder unterstützte das Anliegen zunächst. Er hielt einen Fruchtquark in der Hand. Doch dann sprach der Vater ein Machtwort, wenn auch mit mild-säuselnder Stimme: „Ihr wisst ganz genau, dass wir nur Sojaprodukte essen! Alles andere ist Ausbeutung von Kühen! Und daher gibt es auch nur Sojajoghurt.“ Der Junge stellte umgehend den Fruchtquark wieder ins Regal und fügte sich in sein Schicksal. Ich schwankte, ob ich ihn als einsichtig oder Weichei betrachten sollte, entschied mich dann für einsichtig. Aber ein bisschen mehr Widerspruch wäre auch nicht schlecht gewesen.

Doch dafür sorgte seine Schwester, die zu diskutieren versuchte und meinte: „Nur ausnahmsweise, Papa!“ Aber der schmetterte diesen lobenswerten Versuch von Eigeninitiative ab, indem er meinte: „Mia-Maria, stell das sofort wieder weg! Das ist Gift! Sieh mal, Malte hat es sofort eingesehen!“ Doch das Mädchen weigerte sich weiterhin, und so nahm sein Vater ihm den Joghurtbecher aus der Hand, und herzlos stellte er ihn außer Reichweite. Daraufhin stampfte das Kind mit dem Fuß auf, funkelte den Vater wütend an und sagte laut und empört: „Können wir denn nicht einmal was essen, das schmeckt?“ Das war der Moment, da ich mit meinem Einkaufswagen schleunigst das Weite suchen musste. Ich bog um die nächste Ecke, und dort platzte ich dann heraus und lachte mich halb schlapp. Das Mädchen gefiel mir. Hoffentlich würde es diese Haltung beibehalten.

Denn: Man kann alles übertreiben, und ein gesundes Maß ist in den meisten Fällen gar nicht so verkehrt. Finde ich.

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