„O’zapft is‘!“ Über Klischees und Missverständnisse …

Ich weiß nicht, wie meine Mutter und ich gestern auf das Thema kamen, als wir telefonierten. Irgendwie kam es auf. Wir sind ja beide hin- und hergerissen zwischen zwei Regionen innerhalb Deutschlands, sie noch mehr als ich, da sie, damals Anfang 20, ihre Heimat wegen Heirat verlassen musste. Ich bin ähnlich hin- und hergerissen, weil ich früher so viel Zeit in Mamas Heimat verbracht habe, die ich sehr liebe: Franken. Gehört zu Bayern. Ist bekannt, ich schrieb es ja schon öfter. 😉 Ein ganz anderes Lebensgefühl herrscht dort. Eines, das mir offenbar sehr entgegenkommt. Und das Essen ist viel besser. Finde ich jedenfalls. 😉

Hier in meiner Erstheimat, dem Pott, gibt es ein interessantes Phänomen. Gut, nicht nur hier, sondern im Grunde in ganz Deutschland, aber hier scheint es mir besonders ausgeprägt: das Phänomen, das ich „Bayern-Bashing“ nenne. Kaum hört man etwas aus Bayern, das gelobt wird und – nachgewiesen – besser sei als hier, bricht hier bei nicht wenigen Menschen sogleich ein Aufstand, schlimmerenfalls ein furchtbarer Furor aus. Da wird gleich gelästert, was das Zeug hält – einige hier scheinen die Bayern in ihrer Gesamtheit als weltfernes Bergvölkchen zu sehen, das unverdrossen, aber grantelnd das ganze Jahr mit Almauf- und -abtrieben beschäftigt sei. Grobe, grantelnde Klötze, die hinter dem Mond leben und deren einzige Zerstreuung in Fingerhakeln, Armdrücken und Schuhplattler bestehe …  Es sei denn, sie sägen jeweils zu zweit wettbewerbsmäßig Baumstämme entzwei, wobei sie dann und wann laut jauchzen oder sich gegenseitig Watschn geben und dabei: „Do leggst di nieder!“ schreien. Und alles unter einem weißblauen Himmel und selbstverständlich tagein, tagaus in Tracht. So scheinen sich das nicht wenige hier vorzustellen. Aua!

Neulich tobte einer in der Kommentarfunktion eines passenden Artikels der Zeitung mit den drei Buchstaben herum, die Infrastruktur bei den „Barzis“ – er meinte wohl „Bazis“ – sei doch wie in der Dritten Welt! Welch wunderbare und hervorragende Infrastruktur doch hier im Ruhrgebiet herrsche! O ja! Und wie! Speziell im ÖPNV stelle ich immer wieder fest, wie hervorragend die einzelnen Ruhrgebietsstädte miteinander vernetzt sind. Ich komme meist ohne Probleme nach Essen, Oberhausen, Duisburg, Bochum oder Dortmund, aber will man an manch anderen Ort, kann es schon einmal recht problematisch werden.

Und sehe ich mich hier so in der Gegend um, frage ich mich, wo wohl die hervorragende Infrastruktur sich versteckt haben möge. So viele Straßen, die aus aneinandergereihten Schlaglöchern bestehen, die nur einen Vorteil haben: Sie zwingen automatisch dazu, langsamer zu fahren und sind ein echter Stresstest für die Stoßdämpfer. Das war es aber auch schon. Schulen, in denen die Fenster fast aus den Rahmen fallen, mit sanitären Anlagen in einem Zustand, dass man sich jegliches menschliche Bedürfnis lieber so lange verkneift, bis man das Gefühl hat, gleich komme es einem zu den Ohren heraus. Baufälligkeit, wohin man sieht. Wahrlich – eine ganz hervorragende Infrastruktur …

Versteht mich nicht falsch: Ich hänge sehr am Pott und finde ganz traurig, wie es hier großenteils aussieht und was für Verhältnisse herrschen – ich kenne es noch anders. Aber ich verstehe nicht, wie man sich das Grauen, das einen an viel zu vielen Orten quasi anspringt, am Hals packt und würgt, auch noch schönreden kann. Was ist das? Trotz? Ein Minderwertigkeitskomplex, den hier wahrlich niemand nötig hat?

Ich bekam schon öfter mit, dass sich Menschen hier über die „Mia san mia“-Mentalität in Bayern aufregten. Pfui Teufel! Arrogant! Wie kann man nur? Doch auf der anderen Seite scheinen sie nicht zu merken, dass sie die gleiche Mentalität ausleben – „Bei uns ist alles besser!“ – und ihre eigenen Klagen über das bayerische „Mia san mia“ ad absurdum führen. Das aber ist in ihren Augen wohl etwas ganz anderes oder Notwehr.

Meine Mutter fragte mich gestern: „Ali, wie würdest du ‚O’zapft is‘‘ schreiben?“ Ich wunderte mich ein wenig, buchstabierte dann aber brav – mitsamt Apostroph. „Warum fragst du mich das?“ wollte ich wissen, und Mama meinte: „Nun ja, du weißt ja, dass mich hier seit jeher eine gewisse Überheblichkeit Bayern gegenüber nervt. Alles sei hier besser, sagt die Mehrheit. Und wie oft musste ich mir Beleidigungen anhören!“ O ja, das war mir nur zu bekannt. Man hat es nicht zwingend so leicht hier, wenn man aus dem Feindesland Bayern stammt. 😉 (Zugegeben: Umgekehrt ist es auch nicht immer einfach – es nervt auf beiden Seiten.) Selbst in meiner weiterläufigen Familie väterlicherseits galt meine Mutter wohl bisweilen als „exotisch“. Ich fand das gut. Weniger gut, was sie manchmal anhören musste. Harmloserer Natur, wenngleich durchaus ärgerlich, sprach eine Bekannte einmal von einem Menschen etwas derberer Statur, lachte und erklärte mit Seitenblick auf meine Mutter: „Der hat Hände wie ein Bayer!“ Das war eindeutig nicht positiv gemeint, obwohl mir in Bayern noch nie aufgefallen ist, dass die Menschen dort solch grobschlächtige Hände oder ein generell gröberes Äußeres oder Auftreten hätten als hier … (Ich vermute ohnehin, dass das sowieso recht gleichmäßig übers ganze Land verteilt sei … 😉 ) Und betrachtete man die Bekannte, eine Urwestfälin, genauer, musste man leider feststellen, dass sie selber nicht übermäßig feingliedrig zu nennen war, um es mal so auszudrücken. Das verlieh dem Ganzen eine gewisse Situationskomik, und meine Mutter grinste auf eine ganz spezielle Art. Es war leise Ironie in ihrem Grinsen. 😉

Doch zurück. Wozu wollte Muttern von mir wissen, wie man „O’zapft is‘“ schreibe? Sie lachte und meinte: „Nun ja, hier sei ja alles besser, sagen viele, und diese Leute fühlen sich ja so überlegen. Komischerweise machen sie dann ganz viele Dinge nach und kopieren sie – wenn ich nur an die unsäglichen ‚Oktoberfeste‘ hier denke. Dirndl! Weißwürscht! Alles Dinge, über die sie sich so gern lustigmachen. Und dann lese ich hier in der Zeitung einen Artikel über ein geplantes ‚Oktoberfest‘, und die Überschrift lautet: ‚Oh! Zapft is!‘ Und das steht dann auch noch einmal im Artikel.”

Ich lachte schallend. “Oh! Zapft is!” ergibt ja nun absolut keinen Sinn, aber das schien dem Schreiberling gar nicht aufgefallen zu sein. Und dass „O’zapft is!“ bedeutet, dass „angezapft“ wurde, ist auch für Menschen nördlich des Weißwurstäquators doch gar nicht so schwer zu verstehen, oder? Ich war der Ansicht, dass dieser Ausruf bereits in den allgemeinen deutschen Sprachschatz Einzug gehalten hätte. Die Betonung liegt seit gestern auf „war“.

Muttern lachte sich ebenfalls scheckig, und ich konnte, obwohl wir einander nicht gegenüberstanden, förmlich sehen, wie sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlug: „Da sei alles Scheiße, was aus Bayern kommt, aber dann kopieren sie manche Dinge – und das nicht einmal gut -, verstehen aber schon die einfachsten Dinge nicht. Machen dann aber während dieser Ruhrpott-Oktoberfeste einen auf bajuwarisch. Das finde ich irgendwie grotesk und wirklich zum Lachen.“ Ja, das ist es auch. 😉 Sehr, sehr erheiternd.

Übrigens kommt hier immer mehr das sogenannte „Zwicklbier“, auch „Kellerbier“ genannt, auf – ein ungespundetes Bier, das in Bayern bzw. Franken weitverbreitet ist. Offenbar hat man bemerkt, dass das wirklich sehr gut schmeckt. 😉 A propos Bier: Immer wieder höre ich von Uneingeweihten hier, das bayerische Bier sei etwas für Weicheier – da sei ja „kaum was hinter“, wie sie sagen, während sie ihr konfektioniertes „Pilsken“ trinken. Nix gegen Pilsken, wohlgemerkt, aber ich habe schon sternhagelvolle Menschen erlebt, die im Polizeijargon „hilflose Personen“ genannt werden und behauptet hatten, bayerisches Bier sei nur für Warmduscher, siehe oben, und dann an diesem vermeintlichen „Weichei-Bier“ scheiterten. Und das schon recht früh und nach vergleichsweise kleinen Mengen. 😉 Wenn ich so etwas das nächste Mal erlebe, schreie ich einfach ruhrimäßig: „Oh! Zapft is‘!“

Allen Bayern-Bashern rate ich dringend: „Fahrt’s amol selber hi!“ Denn ich glaube, so mancher Basher würde vor Ort verstummen. 😉 Und das wäre auch in manchem Falle ganz gut so, denn ich las vor einigen Jahren einen Artikel über die Wiesn in München, die ja von der halben Welt nebst Unterwelt frequentiert wird. Da zwängen sich Norddeutsche und Amerikanerinnen und sonstige Nichteinheimische begeistert in Dirndl, zu denen sie überhaupt keinen Bezug haben. Und sie singen: „In München steht ein Hofbräuhaus …“, als handelte es sich dabei um ihr Geburtshaus. Dabei wäre es viel sinnvoller, sich zuvor mal mit dem dortigen Idiom zu befassen, denn immer wieder kommt es zu Missverständnissen, weil viele Menschen dort kein Wort verstehen, das Einheimische sprechen. Auch Deutsche. Und so kam es, dass vor einigen Jahren ein Münchner einer Hamburgerin im Dirndl – alte Hamburger Tradition – wohl ein Kompliment machen wollte. Und so sah er sie an, nickte anerkennend und meinte: „Do leggst di nieder!“ Die Hamburgerin war darob empört und rief die Polizei. Warum? Nun, sie hatte den freundlich gemeinten Satz, der neben großer Verblüffung auch Anerkennung ausdrücken kann, völlig missverstanden. Sie fühlte sich sexuell belästigt, da sie den Satz offenbar als: „Los, leg dich hin!“ interpretiert hatte … 😉

Ich sage es ja immer: Seid weltoffen – aber nehmt stets ein Wörterbuch, egal, ob aus Papier oder elektronisch, mit. Für eine bessere Völkerverständigung. 😉

In diesem Sinne: Tschüss! Ade! Und: Pfiats eich! 🙂

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