Kochen und andere Wissenschaften

In den letzten Jahren schossen Kochsendungen im Fernsehen wie Pilze im Herbst aus dem Boden. Anfangs sah ich sie mir auch recht gern an, da ich viele Anregungen aus ihnen mitnehmen konnte. Inzwischen gehen mir die meisten Sendungen dieser Art auf den Senkel. Warum?

Da steht ein Koch oder eine Köchin, dessen oder deren Name vor den Kochsendungen höchstens regional ein Begriff war, vor seinem oder ihrem Publikum und doziert, was das Zeug hält. Soweit ja nicht verwerflich, aber plötzlich himmeln ihn oder sie Menschen an, die zuvor den Unterschied zwischen Petersilie und Petersfisch nicht kannten, dessen Existenz ihnen ebenfalls unbekannt war, ebenso, was ein bouquet garni ist, dessen Namen sie nun so gewandt im Munde führen, als hätten sie es selbst erfunden, und stellen ihn oder sie auf ein Podest, als hätte er oder sie endlich ein Mittel gegen Krebs entdeckt und erforscht.

Keine Frage: Kochen ist toll, und ich ziehe meinen nichtvorhandenen Hut vor richtig guten Köchen mit viel Kreativität und Phantasie. Ich gönne ihnen auch den Ruhm, esse gerne gut, aber warum um alles in der Welt meinen nun alle, Kochen zu einer Wissenschaft machen zu müssen? Da schwadronieren Menschen, die selber sogar Wasser anbrennen lassen würden und nicht einmal ein Ei kochen können – zumindest nicht, ohne dass die Küche danach wie ein Schlachtfeld aussieht -, von Dingen wie Molekularküche (wahrscheinlich waren ihre Lieblingsfächer in der Schule Chemie und Physik), dem „Metzger des Vertrauens“, Himalaya-Salz, Fleur de sel, und natürlich haben sie alle eine Pfeffermühle mit Peugeot-Mahlwerk zu Hause. Direkt neben dem überteuerten Schweizer Kaffeevollautomaten und dem japanischen Messerblock, der so dekorativ aussieht, wahrscheinlich aber nie benutzt wird, weil die Messer so teuer sind und ja etwas drankommen könnte, wenn man das Grillhähnchen damit tranchieren würde, das man kurz vorher im Hähnchengrill gekauft hat.

Manche kochen ja tatsächlich selber, gerieren sich aber dabei ebenfalls als Dozent und fabulieren wild herum,  dabei so viele französische Begriffe – Französisch ist die Sprache der Küche – benutzend, dass man sich fragt, ob sie einen Leistungskurs Französisch in der Schule hatten. (Meiner Erfahrung nach ist dies meist nicht der Fall und diese melodiös klingenden Küchenbegriffe der einzige Kontakt mit dieser Sprache, was gar nicht so selten an einer abenteuerlichen Aussprache und Betonung zu erkennen ist.  Aber: Hauptsache, man zeigt, dass man sich auskenne und ein echter Spitzenkoch in einem stecke. 😉 ) Mein Ex Giacomo geht in diese Richtung, und es ist oft sehr anstrengend, wenn man mit ihm kocht und er einen als eine Art „Beikoch“ behandeln will. Ich lasse mir das zwar nicht gefallen, aber es ist anstrengend.

Giacomo behauptete sogar einst, Kochen gehöre zu den klassischen Künsten. Ich zeigte ihm einen Vogel. Gewiss, es gehört Kreativität dazu, ein feiner Geschmack und auch Experimentierfreude und Mut – aber ich würde Kochen nun wirklich nicht mit Malerei, Literatur oder Musik auf eine Stufe stellen wollen. Giacomo schimpfte mich engstirnig, ich konterte, er sei besessen, und in seiner Obsession würde er die Relationen nicht mehr erkennen, auch gefördert durch diesen Spitzenkoch-Hype in den Medien. Und auch ich fing an, zu dozieren, wie ich mit Schrecken feststellte, aber doch dringend die septem artes liberales, die Sieben Freien Künste, erwähnen musste, in denen Kochen gar nicht erwähnt werde. Komisch, ne? Für mich sei Kochen Kunsthandwerk, aber keine klassische Kunst. Er schmollte, gab sich dann aber mit „Kunsthandwerk“ zufrieden. Zumindest nach außen. Egal, ich hatte das letzte Wort gehabt, was bei Giacomo wahrlich nicht einfach ist. Und die Streitgespräche sind oft so gelagert, dass man irgendwann mit erschütternd akademischen Argumenten ankommen muss – siehe Sieben Freie Künste, was normalerweise nicht zum eigenen Alltagsgespräch gehört. Anstrengend. Sehr, sehr anstrengend.

Doch zurück. Kochen ist toll, aber keine klassische Kunst. Und auch keine Wissenschaft. Ich habe vorhin mal wieder eine Kochsendung angesehen, aber nicht zu Ende geschaut. Mir ging dieses Verwissenschaftlichen furchtbar auf den Nerv. Kann man denn nicht einfach fundiert kochen, ohne eine Wissenschaft daraus machen zu wollen, was diese Tätigkeit wirklich nicht ist?

Interessanterweise aber verhalten sich obsessive Privat-„Spitzenköche“ und viele andere neue „Feinschmecker“ exakt so, als sei Kochen eine Wissenschaft. Im Gegenzuge kennen sie dann Tucholsky nicht, haben noch nie davon gehört, und man ist versucht, zu sagen: „Das ist der neue Spitzenkoch, der demnächst im Zweiten kocht und ein Sternerestaurant in Baden-Baden hat.“ Man verkneift es sich aber lieber – am Ende ist man noch schuld, wenn diese Leute sich ins Auto setzen und hunderte von Kilometern nach Baden-Baden rasen, um dort das Sternerestaurant „Schloß Gripsholm“ zu besuchen, es aber komischerweise gar nicht finden und auf Fragen an Einheimische nach dem Sternerestaurant von Kurt Tucholsky nur hochgezogene Augenbrauen und leises Kopfschütteln ernten. Dann möglicherweise auch noch eine Reifenpanne haben oder ihnen ein kapitaler Keiler ins Auto rennt. Nein, manche Dinge sollte man sich bei selbsternannten Feinschmeckern, die der Kochwissenschaft frönen und sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst viele Sternerestaurants zu besuchen, um dagewesen zu sein, wirklich verkneifen.

Ich weiß, ich bin böse. Aber ich habe leider schon so viele Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht, die zwar Kochen als Kunst oder Wissenschaft behandeln, grundständige Studiengänge, vor allem in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, gar nicht kennen und/oder als brotlose Kunst abtun, als könnten sie es beurteilen, aber dann erklären, sie hätten kürzlich bei dem und dem Sternekoch so tolle „Gnotschis“ gegessen. (Jahrelange Erfahrung hat mich gelehrt, dass damit gnocchi gemeint sind. Ja, ich weiß, ich bin garstig. Aber nur manchmal und wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt.)  Ich gebe zu, ich bin da ein wenig pisselig.

Immerhin – das hat Giacomo nie getan. 😉

Und jetzt sehe ich mir doch noch eine Kochsendung an. Mit einer sehr sympathischen Spitzenköchin aus Luxemburg. Die kocht wohl sehr, sehr gut, wirkt aber immer so erfreulich bodenständig. So, wie ich es mag. 😉

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