Der schwierige Weg zur Anmut

Gestern habe ich ausgiebig Olympia geguckt. Nicht alle Disziplinen finde ich interessant, aber mich fesselten einige dann doch so sehr, dass ich erst einmal dabeiblieb.

Turnen beispielsweise finde ich faszinierend, und ich sah atemlos den Damen am Stufenbarren zu. Wahnsinn, diese Körperkoordination! Noch faszinierender finde ich den Schwebebalken, und ich bewundere stets nicht nur die genannte Koordination, sondern auch die Präzision, in der die verschiedenen Elemente ausgeführt werden.

Mit Schaudern dachte ich gestern bei den Damen am Stufenbarren an meine Schulzeit, genauer: den Sportunterricht in der Oberstufe. Die verschiedenen Kurse bestanden aus einer Haupt- und zwei Nebensportarten. Es gab zwei schwerpunktmäßige Volleyballkurse, einen Basketballkurs, einen in Leichtathletik, einen in Schwimmen – und unseren …

Da ich Volleyball nie sonderlich schätzte, jedenfalls nicht, wenn ich spielen musste, im Basketballkurs lauter Cracks waren, allesamt in der Größe, in der Basketballspieler und -spielerinnen für gewöhnlich optimaler Weise sind, ich zwar privat gern schwimme, jedoch nicht, wenn es benotet werden soll, und Leichtathletik auch nicht so mein Ding ist, blieb nur dieser Kurs, der von den anderen Kursen stets belächelt wurde. Denn es handelte sich um den Schwerpunkt Gymnastik/Tanz.

Unsere Lehrerin hatte ursprünglich einst eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert, wie das zu ihrer Zeit noch hieß. Aber sie hatte eine Zusatzausbildung gemacht und durfte als Sportlehrerin arbeiten. Manche Entscheidungen kann man nicht immer nachvollziehen.

Unser Schwerpunkt lag also auf Gymnastik und Tanz, und wir waren ein Kurs von etwa 25 Mädels und einem Jungen, Tobias, einem guten Freund von mir. Ganz zu Beginn startete Frau Heller, unsere Einpeitscherin – sorry, anders kann man sie echt nicht nennen –, eine Abstimmung, denn die beiden Nebensportarten durften wir selber aussuchen. Immerhin lebten wir in einer Demokratie, und es waren nur einige Regeln zu beachten.

Rasch hatten wir uns entschieden: Basketball und Badminton sollten die beiden Nebenkriegsschauplätze, ääh, Nebensportarten sein, deren Bewältigung mit je 25% zur Gesamtnote beitragen sollte.

Ich war zufrieden damit. Basketball war okay, den spielte ich immer recht gern, und auf Badminton freute ich mich, ebenso wie meine Mitschüler.

Nachdem wir schon eine ganze Weile Gymnastik betrieben und getanzt hatten, kam dann auch endlich Basketball dran. Nur auf Badminton warteten wir. Und warteten. Wir würden wahrscheinlich noch heute darauf warten, hätten wir nicht unsere Einpeitscherin unter Druck gesetzt, die schließlich zugab, sich hinsichtlich Badmintons erst einarbeiten zu müssen – wir sollten uns eine andere Nebensportart aussuchen. Einige Wahnsinnige wollten dann tatsächlich Volleyball, aber das haben wir nicht lange gemacht, da es bei den meisten nicht auf Gegenliebe stieß. Ich sehe beim Volleyball gern zu – aber selber spielen? Och nee …

Und so landeten wir beim Hallenhockey. Das machte wiederum richtig Spaß, aber wir mussten auch damit wieder aufhören, nachdem einer Mitschülerin dabei fast der Daumen, einer anderen beinahe die Nase gebrochen worden war. Einige von uns waren besonders ehrgeizig oder verwechselten Hockey mit Golf, obwohl Frau Heller uns immer wieder einschärfte, der Schläger dürfe nicht über Schulterhöhe gehoben werden. Schade.

Was blieb da noch? Es wurde ganz schauerlich, denn Frau Heller bestimmte, dass wir dann eben als zweite Nebensportart Gerätturnen machen würden. Die Begeisterung schlug hohe Wogen …

Recht schnell war klar, dass der Schwebebalken nicht jedermanns Sache war. Es sieht immer so toll aus, wenn durchtrainierte Athletinnen leichtfüßig über den Schwebebalken laufen oder springen. Ganz zu schweigen von Flickflacks, Salti oder Radwenden. Nach einigen Versuchen am Schwebebalken beschloss ich, dass ich mich eher auf Bodenturnen und den Stufenbarren konzentrieren würde. Eine weise Entscheidung, denn gleich in einer der ersten Stunden stürzte eine meiner Mitschülerinnen so heftig vom Schwebebalken, dass sie drei Wochen mit einer Gehirnerschütterung fehlte. In einer der späteren Stunden stürzte eine andere Mitschülerin vom Stufenbarren und verletzte sich ebenfalls. Danach war auch Gerätturnen Geschichte – zumindest bei uns. Und so spielten wir halt wieder Volleyball …

Aber besonders gern sahen die Mitschüler aus den anderen Kursen zu, wenn wir unsere beiden Hauptdisziplinen ausführten: Gymnastik und Tanz. Es gab dabei so herrlich viel zu lästern. 😉 Ich glaube, damals habe ich gelernt, Störfaktoren und albern lachende Leute komplett zu ignorieren. Als wären sie gar nicht da. Nicht, dass es uns nicht gestört hätte oder wir uns nicht geschämt hätten, nein. Aber das muss man ja nicht noch eingestehen. 😉 Und so gab es doch einen Lerneffekt in diesem Kurs. 😉

Dabei ist es, untrainiert, gar nicht einmal so einfach, eine einfache Standwaage so hinzubekommen, dass man nicht wie ein verkümmertes Fragezeichen aussieht. Ich hatte damit weniger Probleme, da ich früher voltigiert hatte und wir dort öfter derartige Balanceübungen machen mussten. Zumindest wusste ich, wie es geht, und nach einer relativ kurzen Eingewöhnungszeit ging es wieder.

Klasse dann die verschiedenen Gymnastiksprünge! 😉 Beim Trainieren landete dauernd irgendjemand mit einem lauten Knall auf dem Hallenboden. 😉 Derartige Sprünge sehen immer so einfach aus – und auch schön. Wenn sie von Menschen ausgeführt werden, die regelmäßig trainieren, wohlgemerkt.

Anschlag- und Schrittsprünge hatte ich schnell heraus, und auch der Pferdchensprung bereitete keinerlei Probleme, sogar mit Drehung. Richtig erheiternd wurde es, als wir alle den sogenannten Spagatsprung trainierten. Es war wohl von Vorteil, dass unsere Halle nicht in der Nachbarschaft von Wohnhäusern stand, denn die Anwohner hätten sonst noch geglaubt, die Kavallerie nahe! Statt leichtfüßig-elegant durch die Halle zu federn, sprangen wir quasi mit donnernden Hufen herum, und einige hätten dabei, so unsere zuschauenden und feixenden Mitschüler, mal besser einen Sport-BH getragen. 😉

Bei alldem mussten wir auch noch unsere Arme irgendwie koordinieren, wie Frau Heller uns durch die donnernden Hufschläge mit überschnappender Stimme anschrie. Die Arme mussten elegant geschwungen werden, bitte schön! Nur: wie, wenn man gerade hochkonzentriert versucht, wenigstens die Beine so unter Kontrolle zu bekommen, wie es verlangt wird? Dass wir uns nicht gegenseitig erschlagen haben, während wir hin und her durch die Halle stampften, wundert mich noch heute. 😉

Immerhin: Zumindest meine Armbewegungen fanden Gnade vor der gestrengen Einpeitscherin, als es mit dem blöden Spagatsprung nicht auf Anhieb klappte. Sie verstieg sich zu der Aussage: „Das sieht doch schon recht schön und tatsächlich recht elegant aus, wie du mit den Armen arbeitest. Nicht so elegant wie bei deiner Schwester, natürlich, aber auch nicht schlecht.“

Das war einer der Hauptaspekte, derentwegen ich Frau Heller nicht sonderlich mochte. Sie hatte es schon direkt zu Anfang vergeigt, als sie meinen Nachnamen gehört und mich gefragt hatte: „Kennst du zufällig eine Stephanie B.? Seid ihr verwandt?“ – „Stephanie ist meine Schwester.“ Daraufhin sah Frau Heller mich ohne jegliches Lächeln an und meinte vorwurfsvoll: „Da ist ja überhaupt keine Ähnlichkeit! Du siehst ja ganz anders aus!“ Ja, sollte ich mich jetzt vielleicht dafür entschuldigen? Schon verschissen, gute Frau. Und sie behielt ihre ewigen Bewertungen bis zum Abitur bei, beschwerte sich mehrfach darüber, dass ich „ja viel eigenwilliger“ sei als meine Schwester. Viel frecher. Ja, wunderte sie das noch? Man kann sich ja nicht alles gefallen lassen. 😉 Wenn sie gewusst hätte, was meine Schwester von ihr hielt … Ach, ich glaube, ihr Weltbild wäre völlig zerstört gewesen. 😉

Richtig schön dann, als wir uns ansatzweise an Rhythmischer Sportgymnastik versuchten! Wir mussten mit allen fünf Geräten arbeiten – Keulen, Ball, Seil, Reifen und Gymnastikband. Das war speziell im Falle der Keulen nicht ungefährlich … Wenn man es nämlich nicht kann, ist es gar nicht so einfach, diese Dinger in die Luft zu schleudern und dann koordiniert wieder aufzufangen. Schon gar nicht, wenn man, während die Keulen noch in der Luft sind, mehr oder minder elegante Pirouetten drehen oder spagatspringen muss … Auch da wundert mich, dass es nicht viel mehr Verletzte gab und niemand von Keulen niedergestreckt wurde, die in abenteuerlichen Flugbahnen unkontrolliert durch die Halle flogen. 😉 Mag sein, dass das der Grund dafür war, dass wir mit den Keulen nur kurz arbeiteten …

Auch mit dem Ball gab es häufiger die Situation, dass meine Mitschüler und ich hektisch hinter den erratisch umherspringenden Gymnastikbällen her hechten mussten. Frau Heller rang die Hände, aber man konnte zumindest damit punkten, dass man in eleganten Schritt- oder Spagatsprüngen dem Ball hinterherjagte. Häufiger fand man sich auch auf dem Boden wieder, da man mit Mitschülern zusammengeprallt war, die ihrerseits ihren unkontrollierten Ball einfangen wollten.

Reifen? Auch gefährlich. Selten gab es so viele Stürze wie mit dem Reifen. Und auch damit das eine oder andere Mal Nasenbluten, weil zwei Leute zu dicht beieinandergestanden und sich gegenseitig den jeweiligen Reifen bei einer eleganten Schwingung ins Gesicht gerammt hatten.

Am wenigsten risikobehaftet das Seil und das Gymnastikband. Letzteres brachte nur den Nachteil mit sich, dass sich – stand man zu dicht nebeneinander – das eigene Band mit dem Band des Mitschülers schier untrennbar verknotete, so dass man aneinandergefesselt war. Und die Knoten waren immer bemerkenswert schwer zu lösen. Immerhin wurden so die Finger gymnastiziert. Das war doch schon einmal ein Anfang.

Nein, Rhythmische Sportgymnastik habe ich auch nicht sonderlich angenehm in Erinnerung, weil wir dabei dauernd von Frau Heller angeschrien wurden. Das macht dann keinen Spaß mehr.

Tanzen war okay. Wir machten Jazzdance und sogar Rock’n’Roll. Nicht schlecht – hätten wir nur länger machen sollen.

Nervig die ewigen Küren, die wir einstudieren sollten. Die mussten dann, zur Begeisterung jedweder Zuschauer, vor dem ganzen Kurs und den Zaungästen vorgeführt werden, wurden dann von Frau Heller kommentiert und benotet. Manchmal dachte ich, ich hätte doch besser in einen der anderen Kurse gehen sollen …

An all das musste ich denken, als ich vor dem Fernseher saß. Die ganze Schmach von damals kam wieder hoch. Aber dann auch ein apokalyptischer Lachanfall. 😉

By the way: Neulich entdeckte ich ein reizendes Video im Internet, in dem ein Babyelefant mit einem Gymnastikband spielt und es durch die Gegend schleudert. Das Elefäntchen hatte sichtlich Spaß mit dem Gymnastikband. Mehr als wir damals … Zwar wirkte es ein wenig grobmotorisch, aber so viel besser sah das Ganze bei uns damals sicherlich auch nicht aus. 😉 Nur hatten wir zusätzlich auch nicht so viel Spaß wie das Elefantenkind …

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