Kaffee oder Tee?

Es gibt immer wieder so wunderbare Psychotests, die ich – ebenfalls immer wieder – sehr gern mache. Nicht etwa, weil ich mir daraus ein seriöses Portrait meiner Persönlichkeit erhoffe, aber sie sind meist sehr amüsant. Oft albern, aber manchmal auch wirklich lustig.

So habe ich bereits erfahren, dass ich – man höre und staune! – auch eine „dunkle Seite“ besitze. Wer hätte das gedacht? So etwas Ungewöhnliches – damit hatte ich ja nie gerechnet … 😉

Auch wurde ich schon über die Dinge aufgeklärt, die ich anderen zeige: meinen Sinn für Humor, meine Treue Freunden gegenüber und meine – so hieß es – engagierte Art. Klasse! 😉 Auf der anderen Seite die Dinge, die ich – so sagte es der Test – vor anderen verberge. Da nannte man meinen Schmerz, meine Fantasien und – total cool! – meine „wilde Natur“. 😉 Mich faszinierte meine „wilde Natur“ ganz besonders. Ein toller Test! 😉 Ebenso spannend: Ich sei zu 23% introvertiert und zu 77% extravertiert. Ich frage mich immer, nach welchem Algorithmus so etwas wohl berechnet werde, denn ich hätte die Prozentzahlen etwas anders eingeschätzt. Nun ja, wie ich schon sagte: Solche Tests eignen sich sehr gut zur Unterhaltung.

Etwas ärgerlich aber immer, wenn man sich in solchen Tests wie auch im wahren Leben nur zwischen zwei Positionen entscheiden kann. So etwas geht mir manchmal ein bisschen auf den Senkel, denn es gibt doch so viele Optionen.

Zumindest wird es einem auch oft von außen suggeriert, dass manche Dinge einander ausschlössen. Wer Kaffee mag, trinke Tee nur, wenn er krank sei und solche Sachen. Auf die Frage: „Kaffee oder Tee?“ habe ich schon öfter: „Beides!“ geantwortet und dafür irritierte Blicke geerntet, als hätte ich etwas völlig Psychopathisches von mir gegeben. Ich kann das nicht nachvollziehen. Es gibt Tage, da trinke ich gern Kaffee. An anderen bevorzuge ich Tee, schwarzen Tee, wohlgemerkt. Oder Jasmintee. Ja, es ist sogar möglich, an ein und demselben Tag beide Getränke zu sich zu nehmen! 😉

Hunde- oder Katzenliebhaber? Beides. Ich liebe beide Tierarten gleichermaßen, jede mit ihren ihr eigenen Wesenszügen. Ja, ich weiß, das mag mancher nicht verstehen, da beide Tierarten so völlig unterschiedlich sind – die einen Rudeltiere, die anderen Einzelgänger. Aber auch da wurde ich schon überrascht angeblickt, als hätte ich gesagt: „Kein Problem, ich esse beides.“ Vielleicht liegt meine gleichbemessene Liebe daran, dass beide Tierarten Wesenszüge meiner Persönlichkeit spiegeln? Ich kann nämlich beides: Country und Western! 😉 Ich bin gesellig, aber manchmal brauche ich Zeit für mich allein und bin eher eine Einzelkämpferin. Wie könnte ich mich da wohl so rigoros festlegen? Ist so etwas nicht auch von der Tagesform abhängig?

Vanille oder Schokolade? Hallo, wieso muss ich mich denn zwischen zwei solch schönen Dingen auf nur eines festlegen? Ich mag beide, und man kann sie auch hervorragend kombinieren. 😉 Okay, wenn man mir nun ein Eis spendieren würde, ich aber nur eine Kugel haben dürfte, hätte ich ein kleines Problem … Aber dafür gibt es doch den wunderbaren Kompromiss, der sich Stracciatella nennt! 😉

In einem bekannten Nachrichtenmagazin, das ich lange Zeit abonniert hatte, las ich mal einen Artikel zu Notfallmaßnahmen im Flugzeug. Dort wurde allen Ernstes erwähnt, bei einem Druckabfall im Flieger sollten Mütter mit zwei Kindern die Sauerstoffmaske erst dem ihrer Kinder aufsetzen, das sie mehr liebten. O! Mein! Gott! Zwar musste ich beim Lesen lachen, weil es irgendwie absurd, aber auch erfreulich realistisch wirkte. Eltern behaupten zwar fast immer, sie liebten jedes ihrer Kinder gleichermaßen, aber mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist eine so absolut getätigte Aussage? Ich fand daher die Aussage im Artikel erheblich realistischer, so erschreckend sie auch wirkte. Ich vermute jedoch, hätte ich zwei Kinder, mit denen ich im Flieger Opfer eines Druckabfalls würde, gäbe es hinterher drei erstickte Personen. Mit derlei Entscheidungen – so absolut – tue ich mich in der Tat ein bisschen schwer. Und man hat ja leider nur zwei Hände … Hier geht es ja nicht um Vanille oder Schokolade. Oder Stracciatella. (Nein, realistisch betrachtet, glaube ich, dass alle drei überleben würden – keine Sorge! 😉 )

Es ist nicht so, dass ich unentschlossen wäre – ganz und gar nicht. Ewiges Zaudern hasse ich auch wie die Pest. Mir will nur oft einfach nicht einleuchten, warum man immer nur die Wahl zwischen Pest und Cholera haben soll. Zumindest dann, wenn es noch andere Möglichkeiten gäbe. Also in Nicht-Notfällen.

Nur in einer Sache gibt es für mich keine Alternativen: in einer Beziehung. Aber auch das muss man wieder differenzieren. Wenn eine Beziehung unglücklich ist, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass man eher ein Auge auf Alternativen richtet, oft ganz automatisch. Das ist aber auch wieder ein Sonderfall und nicht der „normale“ Zustand. Da interessieren Alternativen gar nicht. 😉

Bin ich nun vielleicht doch unentschieden, wenn ich – in den schnöden Dingen des Alltags – nicht gerne eingeschränkt entscheiden möchte? Oder bin ich facettenreich? (Ehrlich gestanden: Letzteres zöge ich vor … 😉 )

Nun, wie es auch sei: Das Leben ist zu kurz, um nur die Wahl: „Entweder Vanille oder Schokolade“, „Hund oder Katze“ zu haben – so sehe ich das.

Und in Wirklichkeit esse ich übrigens am liebsten Fruchteis. So! 😉

„Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“

Nachdem heute meine letzte Urlaubswoche angebrochen ist, habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich nicht weggefahren sei. Naja, seit ich stolze Wohnungs- und jetzt auch noch Autobesitzerin bin, habe ich gelernt, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Eigentlich wusste ich das auch schon vorher. Aber so richtig vor Augen wurde es mir jetzt geführt. 😉 Hätte ich Kinder, wäre mir der Ernst des Lebens sicherlich auch schon zuvor bewusst gewesen. So meinen viele Leute, die meinen Ernst des Lebens niemals kennengelernt haben. Sei’s drum! 😉

Gestern sah ich einen Film, der in Berlin spielte. Ich sah ihn zunächst ohne größere Emotionen. Dann überkam mich etwas, das man im Allgemeinen „Sehnsucht“ nennt. Berlin! Eine Stadt, die ich sehr liebe – und nun schon seit ungelogen neun Jahren nicht heimgesucht habe. Frevel!

Dabei hatte man mich zunächst fast hinzwingen müssen. Irgendwann in der Schule stand eine Stufenfahrt an. Je nach Gusto standen Prag und Rom zur Auswahl. Ich wählte Rom, war aber an einen bestimmten Kurs gebunden, und dessen Leiter entschloss sich irgendwann aufgrund eines – wie er sagte – „supertollen Angebots“ für Berlin. Lange Gesichter allenthalben. Großer Gott – wer wollte denn nach Berlin! Da würde man erheblich eher hinkommen als nach Prag oder gar Rom! Doch der Kursleiter hatte das letzte Wort, und dieses lautete: „Berlin“. Super.

Komischerweise fand ich als Kind und Jugendliche Berlin immer irgendwie verzichtbar, gar abstoßend. Es lag wohl daran, dass ich als Kind häufiger die TV-Serie: „Ein Mann will nach oben“ nach Motiven von Hans Fallada gesehen hatte. Berlin erschien mir extrem deprimierend. So preußisch und starr. Mir war klar, dass ich niemals dorthin reisen würde. Bis zu jenem Tag, da in der Schule Berlin als Reiseziel auserkoren wurde.

Wir fuhren mit einem Oberhausener Busunternehmen los, damals, als Berlin so gerade eben noch eine geteilte Stadt war. Schon an der Grenze stießen die meisten von uns an ihre Grenzen, als ein DDR-Grenzsoldat unseren Busfahrer, der, da nicht eingewiesen, wo er halten sollte, unverschämt anschrie, weil er irgendwo vor einem Schlagbaum gehalten und gemeint hatte: „Ich dachte, ich halte besser hier.“ Da schrie ihn der Grenzer an: „Sie sollen nicht denken!“ Mein – und nicht nur mein! – erstes Zusammentreffen damit, dass man nicht denken solle, und ein Raunen ging durch den Bus. Wir waren doch alle dazu erzogen und angehalten, immer denken zu sollen. Und wenn wir auch sonst ziemlich viel Mist im Kopp hatten – daran hielten wir uns. Mehr oder weniger.

Danach stampfte der Grenzer durch den Bus, um uns bereits empörte Jugendliche zu überprüfen. Man hatte zuvor unsere Reisepässe eingesammelt, und unser Lehrer hatte eine Liste bekommen, auf der aus jedem Schüler eine Nummer geworden war, alphabetisch geordnet. Ich war die Nummer 3, Sonja, meine Sitznachbarin und beste Freundin, die Nummer 13. Ihr Nachname begann mit K. Der Grenzsoldat kam zu uns, schnauzte mich an: „Nümmor!“ – „Drei!“ – „Vornoome: Ali! Noochnoome: B…! Geboouren am […]! Gebürtsördd: Essen!“ Und er starrte mich durchdringend an. Mir fiel nichts Besseres ein, als: „Korrekt!“ zurückzubrüllen. Er nickte zufrieden. Dann schnauzte er Sonja an: „Gänsefleisch Ihre Beene was oous’m Gong nehm‘?“ Sonja starrte mich hilfesuchend an. „Wie – Gänsefleisch?“ stammelte sie. „Und was für einen Gong meint der?“ Der Blick so grotesk, verbunden mit des Grenzers Ansprache, dass ich Mühe hatte, nicht loszuprusten. Ich riss mich zusammen und meinte: „Der Herr bittet dich, deine Beine etwas einzuziehen und nicht auf den Gang zu stellen, damit er nicht darüber stolpere.“ Immerhin war Sonja 1,80 m groß und die Beinfreiheit im Bus recht gering. Nichtsdestotrotz wunderte ich mich, warum der Grenzer sächsisch sprach. Wir befanden uns zwar jenseits Niedersachsens, aber nicht in Sachsen. Merkwürdigerweise sprachen fast alle Grenzer bei unserer Ein- und Ausreise sächsisch …

Endlich hatte man uns alle gecheckt, fahrbare Spiegel waren unter den Bus gerollt worden, sämtliche Gepäckräume gefilzt und sogar in die Bustoilette geblickt worden, und das schon bei der Hinreise … Ich fragte mich, wer sich allen Ernstes in diese demokratische Republik einschmuggeln lassen würde … Ich hätte es nicht getan. Schon gar nicht nach diesem ersten Eindruck.

Und wir durften weiterfahren. Obwohl, nein! Wir durften nicht nur – wir mussten sogar! Über die Transitstrecke von Helmstedt/Marienborn über Dreilinden/Drewitz nach West-Berlin. Ein Erlebnis sondergleichen. Mir tun die jüngeren Menschen fast leid, die das niemals miterleben durften und dürfen. Denn es ist ein Erlebnis gewesen. Ein so schönes, dass alle aufatmeten, als wir den „Checkpoint Bravo“, den Grenzübergang Drewitz hin zu West-Berlin, endlich passiert hatten. Einige mit blauen Flecken. Diejenigen, die auf der Transitstrecke im Bus hatten aufstehen und durch den Bus gehen müssen. 😉 (Es schien Vorsatz dahinterzustehen, bei Tempo 100 bisweilen auf 80 und dann kurzfristig herunter auf 30 Stundenkilometer bremsen zu lassen – blaue Flecken garantiert … ) Weiter ging es über die AVUS und dann Richtung Charlottenburg, wo unser Hotel war. In der Carmerstraße.

Wann immer ich in Berlin war, habe ich seither immer in Charlottenburg „residiert“. Bis auf eine Ausnahme in Treptow. Irgendwie bin ich wohl seit meinem Erstaufenthalt mit dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verbunden. 😉

Wir checkten im Hotel ein. Bereits im Bus waren die Zimmerschlüssel zugeteilt worden. Jeweils zu viert sollten wir in den Zimmern residieren. Ich hatte gleich beim ersten Zimmer zugreifen wollen, aber Sonja meinte: „Warte noch.“ Ich wartete. Aber irgendwann, als gerade Zimmer 304 vergeben wurde, rief ich: „Nehmen wir hier!“ Und ich bekam den Zuschlag nebst Schlüssel. Ein echter Glücksgriff, wenn es auch anfangs nicht danach ausgesehen hatte …

Bei erster Besichtigung des Zimmers verschlug es uns die Sprache: Etwas derart Scheußliches hatten wir zuvor nie gesehen! Ein Doppelbett – sofort von Sonja für sie und mich reserviert – stand darin, dazu ein Beistellbett und eine Couch. Alles von anno Pief, völlig „usselig“. Das ganze Zimmer ziemlich rummelig mit grausam gemusterter Tapete und einem Bild an der Wand, auf dem nur der röhrende Hirsch fehlte, der sich voller Scham wohl hinter einem Baum in dieser grässlichen Landschaft in Öl nebst Kunststoff-Barockrahmen versteckt hatte. „Das Bild muss ab!“ war einer der ersten Sätze in diesem Zimmer, und wildentschlossen nahmen Sonja und ich es von der Wand. Dabei fiel eine mumifizierte Spinne herunter, die sich wohl vor Äonen hinter dem Bild verschanzt hatte. Ich floh kreischend aufs Bett, das dieser Attacke nicht gewachsen war. Zumindest brach es auf der linken Seite laut seufzend zusammen. Super! Matratzenleiste abgebrochen. Und das durch mich. Ich musste zur Rezeption gehen und melden, dass bereits kurz nach Eintreffen der erste Schaden aufgetreten sei. Man teilte mir mit, das sei gar kein Problem – man werde einen Mitarbeiter schicken, der sich um die Fixierung der Leiste kümmern würde. Und das in einer Art, dass mir schnell klar war, dass derartige Dinge wohl häufiger vorkamen.

In der Tat war das Problem kurz darauf gelöst, nachdem ein recht wortkarger Mensch mit einigen Nägeln und grobmotorisch wirkenden Hammerschlägen die Leiste erneut angebracht hatte. Ich sank seufzend aufs Bett, streckte mich aus und blickte gen Decke. Eine ziemlich hohe Decke, stuckverziert, nikotinvergilbt. Und rechts prangten merkwürdige Löcher in fast schnurgerader Reihe darin, auf die ich meine drei Mitbewohnerinnen hinwies. „O Gott – was ist das denn?“ schrie Shiva, eine indische Mitschülerin, die stets kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, womit sie uns allen ein bisschen auf die Nerven ging, laut. Ich meinte im Brustton der Überzeugung: „Einschusslöcher. Etwas anderes kommt in dieser Absteige gar nicht in Frage.“ (Immerhin war in den Kleiderschränken eine Maus gewesen, die beim Öffnen panikartig hinter einer Fußleiste, die erstaunlich von der Wand abstand,  und dann sonstwohin verschwunden war – da erwartete man nicht viel Gutes.) Shiva war noch entsetzter als je zuvor. Wir anderen hatten uns bereits in unser Schicksal gefügt. Ein solches „Hotelzimmer“ hatte bis dato keine von uns bewohnt. Aber immerhin hatten wir als einzige Reisende einen Balkon! Ich hatte doch gutes Timing bewiesen, als ich spontan meine Stimme erhob, als die Schlüssel zugeteilt wurden. 😉

Gut – Sonja sah in diesem Bett aus wie eingesargt, und selbst ich stieß mit den Füßen fast an die hintere Kante. Sind Berliner so viel kleiner als der Rest der Republik? Fragen über Fragen … 😉

Am ersten Abend zogen wir zu viert los – Sonja, Tobias, Sybille und ich. Shiva zog es vor, im Zimmer zu bleiben, obwohl wir auf sie einredeten wie auf ein krankes Reh. Sie war wohl zu geschockt. Wir anderen gingen italienisch essen, kurz hinter dem Bahnhof Zoo – tolle Gegend! 😉 -, und dann tranken wir noch zwei, drei Bier.

Am nächsten Morgen Besichtigung der Gedenkstätte Plötzensee. Grausam, diese schwarzen Haken an einem Balken an der Decke des Hinrichtungsraums, und trotzdem fotografierten dort diverse Besucher mit einer Verve und Begeisterung unter lauten Schreien, welch tolles Motiv das doch sei, dass ich mich – ganz unwillkürlich – dazu hingerissen fühlte, laut, böse und ziemlich zynisch anzumerken, dass es angesichts der lauten Begeisterung doch schade sei, dass nicht noch ein paar Delinquenten an den Haken baumelten. Mich kotzte das alles an, und binnen Sekunden hatte ich mich in diesem Raum zum „Staatsfeind No. 1“ gemacht, weil ich sagte, dass mich das ankotzte. Das war das erste Mal, dass ich impulsiv und voller Empörung sagte, was ich dachte – zumindest öffentlich. Gut bekommen ist mir das nicht, da mich einige Leute beschimpften, immerhin hätten sie dafür bezahlt. Dabei war der bedrückende Besuch kostenlos. Vielleicht Pauschalreisende, die es nicht besser wussten. Tobias legte den Arm um mich und führte mich hinaus, nahm mich draußen in den Arm und drückte mich: „Ali, danke. Du warst schneller als ich – ich fand es genauso zum Kotzen!“ Im Bus wurde ich dann noch von einigen Mitschülerinnen angefeindet – warum ich denn alles kaputtmachen wolle … Mir gruselte. Da waren in einem Unrechtsregime Regimekritiker und auch ansonsten völlig unschuldige Menschen hingerichtet worden, und einige Damen regten sich darüber auf, dass ich mich aufgeregt hatte, dass sie laut kreischend, grinsend und völlig respektlos von einem „total tollen Motiv“ schwadroniert hatten. Zum Glück ging es abends in die Philharmonie respektive zu anderen kulturellen Gegebenheiten. Da ich Musik liebe, war ich mit fünf anderen Leuten bei den Berliner Philharmonikern. Ein unvergessener Abend. 😉

Am nächsten Tag grausam lange Vorträge im Amerika-Haus. Das gehörte zu dieser Schulveranstaltung dazu, war Bedingung fürs Sponsoring, und nachdem wir abends – zumindest Sonja, Tobias und ich aus unserer Clique – das eine oder andere Bierchen aus der Schultheiss-Brauerei gezischt hatten, war es recht anstrengend, und zumindest ich nickte das eine oder andere Mal ein, stets zuverlässig geweckt von Tobias, der mich anstieß und meinte: „Wachbleiben! Auch, wenn es schwerfällt. Nicht, dass die uns noch auf die Schliche kommen und wir kein Bier mehr trinken dürfen!“ Okay, ein Argument. 😉 Und so überstand ich auch das.

Danach ging es in den Zoo. Und später dann zur Stadtrundfahrt. Natürlich stets in pädagogisch wertvoller Weise dargebracht. 😉 Wir alle fieberten dem Abend entgegen. Und dann zogen wir wieder um die Häuser. 😉 Denn das war das Berlin, das uns gefiel! 😉 So ganz anders als unsere spießig-kleinbürgerliche Heimatstadt. 😉

Am nächsten Tag stand dann der Besuch Ostberlins ins Haus. Wie gesagt: Berlin war damals noch geteilt. Ehrlich gestanden, und ihr dürft mich auch gern abwatschen, aber: Für mich war es ein traumatisches Erlebnis. Schon der Grenzübergang hatte es in sich gehabt, als ich dem Grenzsoldaten meinen Reisepass ausgehändigt hatte und mich der Grenzer daraufhin fest ins Auge fasste, mir bohrend in beide Augen starrte, als wolle er meinen Blick niederzwingen. Wahrscheinlich wollte er das auch, denn mit meinem Vordermann hatte er wohl das gleiche Spielchen abgezogen, und der hatte dann irgendwann beschämt zur Seite oder nach unten geblickt, was zur Folge hatte, dass der Grenzer ihn zusammenschrie: „Sie gucken mir gefälligst in die Augen, wenn ich das befehle!“ Nicht mit mir – ich hatte daraus gelernt. Und so starrte ich zurück. Aber ich starrte nicht in die Augen, denn das hat unweigerlich zur Folge, dass man irgendwann beschämt den Blick abwendet. So nicht. Man muss auf einen Punkt zwischen den Augen und über der Nase blicken – dann kann man stundenlang ganz stupide starren, ohne verlegen zu werden. Es sieht zwar so aus, als erwiderte man den starren Blick des Gegenübers, aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, da der eigene Blick quasi auf neutrales Gebiet gerichtet ist. Und so lieferten der Grenzer und ich uns ein etwa dreiminütiges Blickduell. Als er sah, dass er keinen Erfolg haben würde, schnauzte er mich an: „Wegtreten!“ und gab mir meinen Reisepass. Und schon schritt ich zum Zwangsumtausch. 25 DM gegen 25 Mark … Und danach wurde ich in einen langgestreckten Bau geschickt, wo meine Tasche aufs Penibelste durchleuchtet wurde. Wahnsinnig spannend und mein allererster Kontakt mit paranoidem Gebaren. 😉

Berlin (Ost) unterschied sich von West-Berlin in etwa so, wie sich ein kleinformatiger Schwarzweißfernseher ohne Fernbedienung von einem großformatigen Farbfernseher mit allen möglichen Funktionen unterscheidet. Euphemistisch ausgedrückt. Es roch auch ganz anders als in West-Berlin. In West-Berlin hatte es je nach Aufenthaltsort nach Autoabgasen gerochen. Hier zwar auch, aber das war erheblich schlimmer, da das Gros der Autos über Zweitaktmotoren verfügte, und dieses Zweitaktergemisch stank unter Verbrennung wirklich besonders unangenehm. Dazu noch die Verfeuerung von Braunkohle. Und alles war so grau und trostlos. Sofort stiegen die frühkindlichen Erinnerungen an die TV-Serie „Ein Mann will nach oben“ wieder in mir auf. Die Zeit schien hier stehengeblieben zu sein. Es gibt ein Foto von mir, das Tobias, der künstlerisch veranlagt ist, als das beste Foto von mir überhaupt bezeichnete. Er hatte es selber gemacht, als ich gerade die vielgerühmte Straße „Unter den Linden“ betrachtete. Meine Oma Margareta hatte in den Dreißigern und Anfang der Vierziger in Berlin gelebt und stets „Unter den Linden“ als so wundervollen Ort voller Leben bezeichnet, farbig, bunt und faszinierend. Und ich blickte auf eine graue Betonwüste. Dementsprechend entgeistert sah ich wohl auf dem Foto aus, von dem Tobias meinte, es entfalte so einen „wunderbar depressiven Charme“. Na, toll. 😉 Er meinte hinterher, mir hätten sich, als er mich fotografierte, sogar die Worte entrungen: „Und das hier ist die Hauptstadt der DDR, die Vorzeigestadt! Wie mögen die anderen Orte dann erst aussehen!“ Ich kann mich daran nicht erinnern, aber er schwor Stein und Bein, ich hätte das gesagt. Mag sein – ich tendiere ja in der Tat häufiger zu spontanen Ausbrüchen. 😉

Und wie schwer es war, die 25 Mark loszuwerden! Natürlich haben wir die erste Buchhandlung am Platze aufgesucht, und ich habe mir dort auch eine Aufnahme von Tschaikowsky gekauft. Ich hätte gerne mehr gekauft, aber das Meiste war irgendwie marxistisch-leninistische Literatur, und ich hätte mir eher einen Arm abgehackt, als noch für derart Genugtuung zu sorgen. Sorry, so war es. Und damals kannte ich noch keinen Mathematikstudenten, denn ansonsten hätte ich den „Bronstein“ gekauft. 😉 Offenbar waren wir zur falschen Zeit an diesem Ort, denn man sagte uns, das Angebot sei nicht immer derart einseitig und steten Schwankungen unterworfen. (Das sagte mir hinter vorgehaltener Hand eine junge Frau, eine Einheimische. Fand ich klasse, dass sie mir das so einigermaßen offen mitteilte, mitten in der Musikabteilung, und als ich den Tschaikowsky vorsichtig hochhielt, nickte sie mir zu und meinte: „Gute Wahl.“ Als ich an ihr vorbeiging, strich ich ihr kurz über den Arm und sagte: „Danke. Und alles Gute.“ Sie nickte und lächelte.)

Der gesamte Aufenthalt war nicht gerade das, was man als paradiesisch bezeichnet. Von allen möglichen Ecken tönte stramme Marschmusik, da irgendein staatliches Jubiläum vorbereitet und geprobt wurde. Wir West-Tussis versuchten, gegen den Marschrhythmus zu laufen, was uns nicht gelang. Ist auch schwierig, da der Marschrhythmus schwer zu bezwingen ist, da er so sehr dem naturgegebenen Schreiten entspricht. 😉 Mehrere Vopos, die die Probe bewachten, lachten sich über uns scheckig, als wir so eckig gegen den so prägnanten Rhythmus angehen wollten. Protestgebaren junger und pubertierender Westmädels – das fanden sie lustig. Vor allem, weil dieses Gebaren so gründlich misslang. 😉 Ich muss heute auch darüber lachen. Wie albern wir waren! Immerhin waren wir dort zu Gast, auch wenn es uns dort nicht gefiel.

Immerhin haben wir etwa sechs Stunden ausgehalten. Dann strebten zumindest Sonja und ich gen Grenze. Und wir hatten noch so viel Geld in der Tasche! Und da wir beide mit einem nur unzureichenden Orientierungssinn ausgestattet sind, wussten wir auch gar nicht, wohin genau wir gehen mussten, zumal alles irgendwie so gleich aussah, grau und trist. Zumindest für uns vorurteilsbehaftete West-Brezn. Doch da an der Ecke stand ein junger Vopo, der uns freundlich angrinste! Ich meinte: „Sieh mal, der Vopo da – der lächelt freundlich. Den fragen wir jetzt einfach.“ Hieß: „Du fragst den jetzt mal!“ Aber Sonja streikte. Sie hatte sonst immer eine große Klappe, schon damals, als ich erheblich ruhiger war, und sie schubste mich Richtung Vopo und meinte: „Du fragst!“ Wir müssen ziemlich bescheuert gewirkt haben, zumindest auf den jungen Vopo: zwei diskutierende West-Tussis, die öfter herüberblicken und zu beratschlagen scheinen, von denen die kleinere von der größeren dann geschubst wird. 😉 Bevor es noch peinlicher werden konnte, fasste ich mir ein Herz und ging auf den jungen Mann zu, den ich freundlich anlächelte und grüßte. Er salutierte und fragte in reizendem Berlinerisch, ob und wie er helfen könne. Ich grinste und zögerte – es war irgendwie eine total bescheuerte Situation, zu fragen: „Hey, wo geht es denn hier zur Grenze?“ Das war irgendwie peinlich, fand ich. Obwohl es ja offensichtlich war. Und so meinte ich: „Nun, wir haben uns etwas verlaufen und möchten …“ – „ … zum Grenzübergang, nicht wahr?“ – „Äääh, ja.“ – „Ist doch kein Problem – da gehen Sie jetzt hier geradeaus weiter, dann kommen Sie zur Annenstraße. Das ist eine Nebenstraße der Heinrich-Heine-Straße. Sie sehen den Grenzübergang dann schon.“ – „Ach, ganz herzlichen Dank!“ – „Gern. Hat es Ihnen denn bei uns gefallen?“ Sonja räusperte sich. Sie hatte es wohl richtig schlimm gefunden und auch mehrfach laut geäußert. Das galt es hier zu vermeiden, und so sagte ich: „Danke, es war sehr interessant.“ Da kniff mir der junge Vopo ein Auge zu – das habe ich nie vergessen. „Interessant“ – er wusste, wie ich das meinte. Und war doch so nett, zu zwinkern und mir freundlich zuzulächeln. „Sehr gut“ hätte ich aber damals nicht über die Lippen gebracht. Aber er merkte wohl, dass ich freundlich sein wollte und honorierte das. Und so lächelte ich ihn besonders herzlich an, woraufhin er erneut salutierte.

Wir hatten noch so viel Geld übrig! Eine Mitschülerin, die wir unterwegs getroffen hatten, hatte uns gesagt, dass sie ihr Restgeld an eine ältere Dame hatte verschenken wollen, aber die habe ziemlich empört reagiert – man sei doch nicht im Zoo, wo man Elefanten mit Erdnüssen füttere. Das konnte ich verstehen, aber irgendwie wollten wir das Geld nicht nutzlos am Grenzübergang abgeben, und so hatte ich die glorreiche Idee, es auf dem Weg zum Grenzübergang peu à peu und in einzelnen Münzen in größeren Abständen fallenzulassen. Der Finder würde sich dann freuen. Dass das genau der gleiche Mist war, wie es jemandem auszuhändigen, war mir damals nicht klar. Vielleicht war es sogar noch schlimmer, denn es sah aus, als hätte man das Geld weggeworfen. Aber was sonst? Irgendwo en tout ablegen, auf einer Parkbank? Auch nicht besser. Aber ohne Umwege dem Staat schenken – das ging gar nicht! Und so ließen wir alle paar Meter Münzen fallen, auf dem Weg zum Grenzübergang. Bis ich mich irgendwann zufällig umdrehte … Diverse Meter hinter uns ging ein Vopo, aber nicht der nette, junge, und er bückte sich alle paar Meter und hob etwas auf … „Sofort aufhören, hinter uns ist ein Vopo, und ich habe keine Lust, dem zu erklären, warum wir die Aluminium-Währung seiner demokratischen Republik so achtlos fallenlassen!“ sagte ich zu Sonja, meinen Blick dabei fest auf ein Plakat geheftet, auf dem eine Frau in Kopftuch und Synthetik-Kittel als „Heldin der Arbeit“ gepriesen wurde. Diese Plakate hingen zahlreich überall herum … Am Grenzübergang übergaben wir dann unsere restlichen Münzen. Ein sehr lehrreicher Besuch mit zum Teil wirklich netten Menschen, aber wir waren froh, wieder im Westteil zu sein, der uns erheblich vertrauter war. Wir waren beinahe geblendet, kaum, dass wir wieder auf westlicher Seite standen – Leuchtreklame, viel mehr Farben, wie es schien. Und auch die Autoabgase rochen viel besser, erheblich! 😉 Dennoch bin ich froh, dieses Erlebnis gehabt zu haben. 🙂

Am nächsten Tag erneute Stadtrundfahrt, auf der ich lernte, dass es im Stadtteil Hermsdorf, der zum französischen Sektor zählte, eine Straße mit meinem Namen gebe! Nein, sie heißt nicht „Alistraße“, sondern trägt meinen richtigen Namen. (Zu meiner großen Begeisterung habe ich kürzlich erfahren, dass es in Dinslaken ebenfalls eine Straße gibt, die dies tut. Gleich war mir Dinslaken erheblich sympathischer. 😉 )

Nach der Stadtrundfahrt trafen Sonja und ich uns mit meiner Tante Maggie, einer Cousine meines Vaters. Tante Maggie ist klasse! Eine echte Berlinerin, nicht auf den Mund gefallen, und sie spricht ganz dezentes Berlinerisch und verfügt über das, was man wohl als typischen Berliner Humor bezeichnet. Wir waren an der Tauentzienstraße verabredet, vor dem KaDeWe. Ich erklärte Sonja, sie solle nicht irritiert sein: Tante Maggie, eigentlich Margarete, werde, wie ich sie kenne, sicherlich fein gestylt im Kostüm und mit passendem Hut erscheinen, eine echte Preußin, sei aber sonst total handfest und verfüge über einen goldigen Humor mit viel dezentem Sarkasmus. Und dass ich hoffte, ich würde sie erkennen, denn ich hätte sie lange nicht gesehen. Aber das war gar kein Problem, denn als wir auf das Kaufhaus des Westens zusteuerten, sah ich am Haupteingang eine respektgebietende Gestalt stehen, die gerade einen jungen Mann, der sie wohl angebettelt und nicht lockergelassen hatte, mit ihrem Regenschirm vertrieb. Das konnte nur Tante Maggie sein! Und in der Tat trug sie ein schickes Kostüm, einen dazu passenden eleganten Strohhut und weiße Handschuhe. 😉

„Tante Maggie!“ rief ich, als wir auf sie zuliefen. „Ali! Kind! Das ist ja schön, dass du mich angerufen hast! Wir sehen einander doch so selten!“ Und sie nahm mich in den Arm und drückte mich ganz fest, begrüßte dann auch Sonja. Dann tranken wir Kaffee, und Sonja, die sonst an allem Möglichen etwas zu meckern hatte, unterhielt sich sehr angeregt und interessiert mit Tante Maggie, die trotz einiger Schicksalsschläge immer positiv nach vorne blickte. So wirkte sie auch – sehr energisch. Wir gingen mit ihr durchs KaDeWe, ich meinte, und das speziell in der Lebensmittelabteilung, ich würde mich am liebsten dort einschließen lassen, und dann schenkte sie mir eine LP (ja, wir kauften damals noch großenteils Vinyl … 😉 ). Zu Sonja meinte sie: „Junge Dame, nicht, dass Sie sich benachteiligt fühlen – aber das hier ist meine Nichte, der ich etwas schenken möchte.“ (Offenbar hatte sie Sonjas Wesen genau erfasst … 😉 ) Sonja meinte: „Aber nein, Sie haben mich ja schon zum Kaffee eingeladen.“

Und weiter ging’s. Tante Maggie schleppte uns in die Gedächtniskirche und ins Europacenter. Preußisch-energisch schritt sie trotz leichter Gehbehinderung mit ihrem Stockschirm vorneweg, während Sonja und ich, durch die Stadtrundfahrt nebst einigen Fußwegen schon recht erschöpft, uns hinterherschleppten. 😉 Tante Maggie schüttelte angesichts dessen nur ihren Kopf und meinte: „Meine Güte, Kinder! Da müsst ihr mal ein paar Meter gehen und brecht schon zusammen! Wohin soll das führen?“ Ich nahm es ihr keineswegs übel, sondern lachte. Mir war nur Sonjas wegen etwas bange – die nahm schon erheblich Harmloseres übel. Aber die lachte auch und meinte: „Sie haben ja recht.“ Tante Maggie wollte uns eigentlich noch zum Abendessen nach Steglitz einladen, aber wir waren bereits verabredet. Sie fand das schade, drückte mich zum Abschied aber ganz fest und meinte: „Wenn du wieder in Berlin bist, melde dich – bist ein liebes Mädchen.“

Danach gingen wir lateinamerikanisch essen – zu Berliner Preisen. Nicht gerade günstig war es, obendrein so scharf, dass es uns fast das Gaumensegel wegbrannte. Aber die Getränke waren so teuer, dass wir uns zusammenrissen, brav zahlten und dann die Carmerstraße entlangrannten, bis wir bei einer alteingesessenen Berliner Kneipe kurz vor dem Savignyplatz ankamen, die wir schon Tage zuvor entdeckt hatten: „Dicke Wirtin“ hieß die Kneipe und steht offenbar heutzutage in jedem Reiseführer. Damals aber waren wohl noch mehr echte Berliner drin. Kellner und Tresenmann waren auch echte Berliner, was man an der „Schnauze“ und an ihrer eigenwilligen Art erkannte. Sonja war, nachdem wir am Tisch erst einmal saßen, ohne bedient zu werden, an den Tresen gegangen und bleich wieder zurückgekehrt. „Was ist denn mit dir los? Hast du unsere Getränke bestellt?“ meinte ich. Sonja sagte, der Tresenmann sei total frech gewesen, und da hätte sie sich nicht getraut. Da marschierte ich hin. Richtig wohl fühlte ich mich auch nicht, aber wir standen kurz vor dem Verdursten, und so baute ich mich vor dem Tresen auf, ignoriert vom Tresenmann. Bewusst ignoriert. Da meinte ich verärgert: „Ist das hier ein Getränkemuseum, oder kann man tatsächlich was bestellen?“ Der Tresenmann starrte mich verblüfft an, dann begann er, amüsiert zu lachen. „Nee, junge Frau – dit is keen Jetränkemuseum. Wat daafet denn sein?“ Ich grinste und gab die Bestellung auf, die uns dann auch recht schnell an den Tisch gebracht wurde. Die folgenden dann auch schneller. 😉 Ich hatte schnell erfasst, dass man der Berliner Schnauze am besten mit einer ebenso vorlauten Schnauze begegne. Damit bin ich immer „juut jefaahn“.

Denn tatsächlich hörte ich schon öfter – und das von echten „Pottmenschen“, was mich sehr erstaunte -, dass man die Ur-Berliner mit ihrer Kodderschnauze als „unmöglich“, „total unfreundlich“ und „unhöflich“ empfand. Habe ich nie nachvollziehen können. Sie sind bisweilen vorlaut und sehr direkt, aber ich bin immer damit klargekommen. Manchmal muss man in der Tat schlucken, das stimmt, aber man muss dann eben kontern, und das ebenso vorlaut und etwas frech. Damit habe zumindest ich kein Problem. 😉 Ich bin bis dato immer prima mit Berlinern klargekommen und habe manchen netten Abend im Gespräch verbracht. „Woher kommsse denn, Kleene?“ wurde ich öfter gefragt, und wenn ich: „Aus’m Pott“ sagte, haute man mir auf die Schulter und meinte: „Dit merkt man – passt! Biss nich so etepetete.“ (Mag sein, dafür ecke ich anderswo häufiger an … 😉 )

Seit meinem ersten Aufenthalt mit der Schule war ich noch einige Male in Berlin, wundere mich nicht mehr über die teils merkwürdige Hausnumerierung, obwohl ich anfangs etwas verwirrt viel zu viele Kilometer zurückgelegt habe, um die Nummer 121 einer Straße zu finden, von der sich dann herausstellte, dass sie der Nummer 1 gegenüber- und direkt neben der 122 lag. Statt mal von der Nummer 1 am Anfang der Straße einen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite zu werfen, war ich die ganze Straße hinuntergelaufen, bis ich feststellte, dass die Numerierung nicht – wie anderswo üblich – „zickzackmäßig“, also gerade Nummern auf der einen, ungerade auf der anderen Seite, sondern „hufeisenförmig“ gestaltet war, ergo fortlaufend, bis man am Ende der Straße angelangt ist und sich wundert … Bis man dann auf der anderen Seite sieht, dass sich die Numerierung dort fortsetzt und wieder zum Anfang der Straße zurückführt … 😉 Immerhin – darauf sind schon ganz viele Berlinbesucher hereingefallen. 😉

Berlin ist einfach grandios, und es wird Zeit, dass ich mal wieder hinreise. Obwohl ich sagen muss – und ihr dürft mich jetzt verbal schlagen: Zu Zeiten der Teilung war das Flair in der Stadt noch toller. Nix gegen die Wiedervereinigung, ganz gewiss nicht. Aber in der Zeit davor war Berlin noch viel aufregender. My two cents. 😉

Wenn ihr noch nie da wart: Fahrt hin! Berlin ist in der Tat ’ne Reise wert. Und nicht nur eine. 🙂

Happy birthday! :-)

Es war mal wieder so typisch, als ich heute anrief, um zu fragen, ob ich denn morgen vorbeikommen solle. Ich wollte Kuchen mitbringen. Aber da gerade Bauarbeiten in meinem Elternhaus stattfinden und Muttern meinte, sie wäre froh, wenn all das hinter ihr liege, ohne dass sie am Rad drehe (jeder, der schon einmal in einem bewohnten Haus oder einer bewohnten Wohnung Renovierungsarbeiten über sich ergehen lassen musste, weiß, was gemeint ist …), war ich etwas unsicher. Vielleicht wäre es ja besser, ich würde am Wochenende hinfahren. Und genau diese Frage stellte ich meiner Mutter.

Ihre Antwort war ambivalent: „Nun ja, am Wochenende ist hier nichts!“ Kürzlich schrieb ich über weibliche Kommunikationsgewohnheiten, mit denen ich mich sehr gut auskenne. Stets darauf ausgerichtet, dem Adressaten zumindest eine Grundintelligenz zuzuweisen, da es einer gewissen Interpretationsgabe bedarf, zu verstehen, was eigentlich dahintersteckt. Doch was wollte Mama mir jetzt speziell mitteilen? Dass sie es begrüße, würde ich morgen vorbeikommen – ungeachtet der Bauarbeiten? Oder dass am Wochenende keine Handwerker da seien und der Zeitpunkt vielleicht besser geeignet sei, in Ruhe ein Käffchen trinken zu können?

Ich fragte lieber nach, hatte jedoch eine Vermutung. Und diese erwies sich als richtig. Muttern wollte damit sagen, dass sie morgen, keineswegs am Wochenende, Geburtstag habe. Handwerker hin oder her. Ich klopfte mir auf die Schulter – aua, blöder Tennisellbogen! -, ich hatte es völlig richtig interpretiert. 😉 Genaugenommen hatte sie gesagt: „Wenn du vorbeikommst, dann morgen! Ansonsten lass es bleiben!“ Nicht wörtlich, aber sinngemäß.

Gut, dass ich das Ganze schon so geplant hatte.

Wir telefonierten länger, als ich geplant hatte, da ich noch einen Gewaltmarsch machen und einkaufen wollte. Aber es war ein sehr schönes Telefonat, das mir einmal mehr bewies, dass Mama und ich einander verstehen. Irgendwie. Wir haben uns nämlich öfter „anne Köppe“. 😉 Wahrscheinlich sind wir mentalitätsmäßig einfach zu ähnlich, wenn auch das Ausleben dieser Eigenschaften ganz unterschiedlich aussehen mag.

Während des Telefonats wurde mir meine bisweilen eigene Art vor Augen geführt. Manchmal drastisch, aber auch sehr verständnisvoll. Liebevoll, wenn auch bisweilen ziemlich energisch. Auf alle Fälle nachdenklich und stets im guten Sinne. Gut, wenn man das einmal begriffen hat. 🙂 Noch besser, wenn man es ab und an erneut vor Augen geführt bekommt.

Wie auch immer – ich habe heute meinen figurtechnisch notwendigen Gewaltmarsch hinter mich gebracht und zuvor ein sehr schönes Telefonat geführt. Und morgen fahre ich zum Kaffeetrinken und Abendessen nach D.

Mama, wir sind beide nicht immer einfach. Aber im Grunde einfach zu verstehen. Wenn man denn will und sich traut, hinter die Fassaden zu blicken. Dir einen wunderschönen Geburtstag, und es ist gut, dass es dich gibt. 🙂

Vorurteile und wie sie sich manchmal auflösen

Heute war ich abends einkaufen. Ich gestehe, ich habe die meiste Zeit des Tages herumgegammelt. Es lag wohl auch daran, dass draußen ca. plus 37 Grad Celsius herrschten und ich mich einmal mehr darüber ärgerte, nicht auf meinem schönen Südwestbalkon sitzen zu können, weil ansonsten ein Hitzschlag drohen könnte. (Solltet ihr gerade in der Lage sein, eine Wohnung zu suchen, hört auf meinen Rat: „Südwestbalkon“ klingt total toll, hat aber nur zur Folge, dass ihr in wirklich heißen Sommern nur ganz früh am Morgen und dann spät am Abend auf dem Balkon sitzen könnt. Dann, wenn die Sonne noch nicht richtig da oder schon wieder weg ist. Denn „Südwestbalkon“ bedeutet, dass die Sonne ab Mittag brutal auf euren Balkon knallt und dies auch noch abends tut – Südwest eben.)

Einkaufen musste ich aber. Und so beschloss ich, am frühen Abend loszuziehen, während ich tagsüber schwitzend in meiner Wohnung ausharrte. Was für eine Schande – da scheint draußen die Sonne, und ich sitze drinnen, weil ich es draußen nicht aushalte! Aber was will man machen? Ich sollte mich in den nächsten Wochen ohnehin nicht der Sonne aussetzen, da ich mich bald einer dermatologischen Behandlung unterziehen muss, bei der angeraten ist, nicht in der Sonne zu sitzen. Außerdem explodieren ansonsten meine Sommersprossen ganz besonders, und schlimmstenfalls sehen die dann so aus, als hätte ich mir Rallyestreifen ins Gesicht gesprüht.

Gegen halb 7 abends zog ich los, kaufte ein und war immerhin so tapfer, Hin- und Rückweg per pedes zu bestreiten. Gegen halb 8 bog ich in meine Straße ein, passierte den dahinbrütenden Monty und bog jenseits der schnurgerade geschnittenen Hecken in den plattierten Pfad zur Haustür ein.

Die Haustür stand offen. Und hinter der Öffnung sah ich den Nachbarn, der sich als selbsternannter Hausaufseher wohlfühlt. Scheiße.

Möglichst laut erreichte ich die Haustür und schmetterte fröhlich: „Guten Abend, Herr Wolski!“ Er drehte sich um und meinte: „Ah! Frau B.! Wir haben uns auch lange nicht gesehen. Guten Abend!“ Stimmte. Wir hatten einander lange nicht gesehen, obwohl wir im selben Haus wohnen. Offenbar liegt es daran, dass meine Arbeitszeiten anders gelagert sind als die Herrn Wolskis, der offenbar gar keinen sozialversicherungspflichtigen Job innehat, ganz im Gegensatz zu seiner Frau.

Anfangs hatten Herr Wolski und ich einige Probleme, da ich mich ungern bevormunden lasse. Inzwischen aber haben wir offenbar beide gelernt. 😉 Er hält sich zurück, ich tue das Gleiche. Und so kamen wir heute Abend recht nett ins Gespräch.

Herr Wolski wunderte sich darüber, dass ich ja gar nicht mehr „diesen netten Toyota“ habe. Ich grinste mir eins und erklärte ihm, warum. Mir war klar, dass er dachte: „Wahrscheinlich hat die Tussi einen Unfall damit gehabt!“ Aber den Zahn zog ich ihm gleich und lobte Monty über die Maße, bis Frau Wolski dazukam. Der erklärte ich das Ganze dann auch noch einmal, da auch sie davon ausging, ich könnte einen Unfall gehabt haben. 😉

Herr Wolski hatte einen Karton bei sich, in dem, wie er sagte, sich Dinge befänden, die er und seine Frau ausrangiert hätten. Sein Kegelkumpel, der ihn und seine Frau gleich abholen würde, würde diese Dinge an sich nehmen und auf dem nächsten Flohmarkt verticken. Ich warf einen Blick in den Karton. Da gab es Platzteller aus Glas, eine Miniatur-Kuckucksuhr und viele andere Dinge. Darunter eine DVD, die mein Interesse auf sich zog. Wie konnte man so etwas abgeben? Dieser Film fehlte in meinem DVD-Repertoire aufs Empfindlichste, denn diesen Film liebe ich seit seinem Erscheinen.

Und so sagte ich: „Oh! Sie geben diesen Film ab? Das ist einer der schönsten Filme, die ich kenne!“ Und da meinte Herr Wolski: „Möchten Sie ihn haben, Frau B.? Falls Sie ihn noch nicht haben, meine ich.“ – „Echt? Nee, den habe ich noch nicht, obwohl ich ihn immer haben wollte! Wenn Sie ihn mir geben, nehme ich ihn sehr gern!“ – „Dann nehmen Sie ihn – kommt von Herzen.“ – „Was bin ich Ihnen schuldig?“ – „Gar nichts. Ich hätte ihn ja sonst an meinen Kumpel weitergegeben. Aber ich finde sehr nett, dass Sie fragen. Und deswegen gebe ich ihn Ihnen noch lieber.“

Es ist ein schon relativ alter Film, aber ich freute mir einen Wolf. 🙂 Nicht nur der Ersparnis wegen, auch wegen der netten Geste.

Offenbar hatte ich heute einen Glückstag. Und jetzt gleich setze ich mich hin und sehe mir diesen Film aus dem Jahre 2000 an. „Chocolat“, einer meiner Lieblingsfilme dieses speziellen Genres. Sehr sinnlich, wie schon das Wort „chocolat“ oder „Schokolade“ etwas sehr Sinnliches an sich hat. Kein Wunder, dass so viele Menschen süchtig danach werden. 😉

Darüber hinaus ist der Film ein Appell hinsichtlich Toleranz. Reflektierter Toleranz, das ist ganz wichtig. Und ein Film wider Vorurteile, denen ich heute fast aufgesessen wäre, als meine Nachbarn so neugierig fragten, ob ich etwa einen Unfall mit Scotty gehabt hätte. Nein. Lustig, dass sie Chocolat abgeben wollten. Aber wir hatten ein nettes Gespräch, und ich lernte einmal mehr, dass es völlig schnurz sei, was andere über einen denken.

Zumindest dann, wenn Schokolade im Spiel ist. 😉

Von Klartext und Codes

Vor einigen Tagen recherchierte ich etwas im Internet. Ich liebe Internetrecherche – man findet so viele interessante Dinge dabei. Das Problem ist, dass man/ich sich/mich manchmal etwas dabei verliert, das Ganze ausufert und man sich irgendwann fragt, wie man bloß auf die Seite gelangt sei, auf der es um polnische Küche geht. 😉 Ausgangspunkt war doch Neighbourhood Management in different European countries gewesen. Wie um alles in der Welt hatte ich mir da den Weg hin zur Herstellung polnischer pierogi gebahnt? Wie war ich nur dorthin geraten?

Einzig so kann es gekommen sein, dass ich kürzlich erneut thematisch abdriftete und auf eine Seite gelangte, auf der eine Diskussion stattfand. Das Thema war interessant: „Warum sagen Frauen nie, was sie meinen?“ Das verhieß doch spannend zu werden, und so warf ich einen Blick auf die vielen, vielen Kommentare.

Es waren offenbar viele Männer unter den Kommentatoren, die sich mal so richtig ihren Frust von der Seele schreiben konnten. 😉 Einige argumentierten aber sachlich, teils gar wohlwollend. Diese meinten, Frauen seien qua Erziehung weniger daran gewöhnt, Wünsche direkt zu äußern und würden eher Codes benutzen. Wenn eine Frau beispielsweise sage: „Mir egal, was du machst!“, und dies in verärgertem Tonfall, heiße das keineswegs, dass ihr das egal sei. (In der Tat – das kann ich bestätigen. 😉 ) Ganz im Gegenteil. (Auch das kann ich bestätigen.) Sie wolle damit eher zum Ausdruck bringen, dass der Partner ja ohnehin immer mache, was er wolle, dass es sie störe, dass ihre Einstellung dazu eine ganz andere sei, aber niemand auf sie höre. Und hinterher, wenn dann die Aktion des Partners, die er – gegebenenfalls wider einen Einwand aus Sorge – ganz allein entschieden habe, schiefgelaufen sei, dann auch noch trösten und sich das ganze Elend anhören müsse. (Was soll ich sagen? Auch das kann ich einmal mehr bestätigen. 😉 Zur Ehrenrettung der solcherart pauschal bezichtigten Männer muss ich jedoch sagen, dass ich auch Frauen kenne, die so vorgehen. Es sind nicht viele, aber es gibt sie auch.)

Weiter wurde ich aufgeklärt, dass, sage eine Frau, ihr sei kalt, dies keineswegs eine reine Situationsbeschreibung sei, wie viele Männer wohl glaubten. (Andererseits brauche ich diesbezüglich gar keine Aufklärung – das kenne ich … 😉 ) Nein, dies sei vielmehr eine implizite Bitte, das Fenster zu schließen, weil möglicherweise der Partner näher zu diesem sitze oder stehe. Ebenso die Feststellung, der Müll müsse hinuntergetragen werden, während frau gerade am Herd steht und kocht. Liebe Männer – das ist keine reine Feststellung! Das ist ein Wunsch, eine höflich-indirekte Bitte, doch den Müll hinunterzubringen. 😉

Ich lachte. Ich kenne das. Ich tue mich auch schwer, in privaten Beziehungen derartige Wünsche ganz einfach direkt zu äußern. Ich komme mir dann vor wie ein Befehlshaber. Und das will ich nicht, zumal ich es selber auch nicht so toll finde, wenn man mir nur an den Kopp knallt, ich solle doch gefälligst mal das Geschirr abtrocknen. Man kann es natürlich höflich ausdrücken: „Würdest du bitte …“. Aber noch viel höflicher ist doch, eine indirekte Andeutung zu machen.

Das Problem scheint nur zu sein – zumindest las es sich in der Diskussion so -, dass nicht wenige Männer sich schwer damit tun, die eigentliche Botschaft hinter solchen Sätzen zu verstehen bzw. richtig zu übersetzen. Denn ich las auch Kommentare, die – so schien es – von eher schlichteren Gemütern zu kommen schienen. Da schrieb Superhengst007: „Weiber können nich normal reden. Die machen immer viel Blabla, und kein vernümftiger Mensch verstet was.“ (Originalzitat) Nun ja, dies mag vielleicht für Superhengst007 gelten, der sich auch in Folgekommentaren eher als dem restringierten Code zugetan erwies, was gewisse Rückschlüsse auf seine sprachliche Interpretationsgabe zuließ.

Doch auch Alleswisser behauptete, Frauen seien eben immer emotional und daher zu schlicht, den per naturam überlegenen und rational-logisch agierenden und sprechenden Männern eine Botschaft rational-logisch zu übermitteln. Sie seien nun einmal so, damit müsse man(n) leider leben. Applaus bekam er von Superhengst007 und einigen anderen Helden der Internetdiskussion. Mad_Max_1991 fügte jedoch noch hinzu, Frauen sollten gefälligst in der Küche stehen und kochen. Oder putzen. Was anderes könnten sie eh nicht. Obwohl: Seine „Ische“ könne nicht mal kochen, und er sei schon auf der Suche nach einem anderen Modell.

Ich lachte noch mehr. Da hatten wir ja ein reizendes Konvolut an Männern – echte Helden. Und sie wirkten auch alle so rational-logisch und vor allem niveauvoll. 😉 Offenbar stand ihre „Logik“ ihnen derart breitbeinig im Weg, dass sie gar nicht erkannten, dass das, was sie als schlichtes Blabla bezeichneten, durchaus tiefere Botschaften enthält. Quasi ein paar Rätsel im grauen Alltag, für Querdenker. Das ist doch nicht schlicht! Das ist etwas für Leute, die bei Rätseln wie „Um die Ecke gedacht“ immer alle Lösungen finden. 😉 Schlicht ist eher, nichts zu hinterfragen, nicht einmal in der Lage zu sein, ein bisschen um die Ecke zu denken.

Und mal ehrlich: So schwer ist es doch nicht, die Botschaft hinter „Mir ist kalt“ oder „Der Müll müsste hinuntergebracht werden“ sowie Vergleichbarem zu verstehen, oder? Gut, ich finde es nicht schwer, bin aber auch eine Frau. Aber ich kenne zum Glück auch hinreichend Männer, die diese Codes verstehen.

Ich selber benutze ebenfalls Codes. Manche sehen so aus, als wäre ich ein echtes Rauhbein, ein Rabauke. Denn wenn ich zu einem Mann – kommt sehr selten vor! – „Arschloch!“ sage, bedeutet das etwas ganz anderes als ein schlichtes „Arschloch“. Das sage ich nämlich beileibe nicht zu jedem. (Die echten Arschlöcher würdige ich oft nicht einmal eines Schimpfwortes.) Es geschieht eher dann, wenn ich jemanden wirklich mag und mich über ihn geärgert habe oder mich etwas sehr enttäuscht hat, das er getan hat.

Ihr seht, es ist durchaus gar nicht so schwer, Frauen zu verstehen. Keineswegs ist es so, dass sie, wenn sie nein sagen, ja meinen. Das nicht. Aber sie kodieren eigentliche Botschaften. Und so kann es auch passieren, dass ein böse wirkendes Schimpfwort eine ganz andere Botschaft in sich trägt, allerdings im Moment des Ärgers wohl kaum eine sagt: „Ich mag dich sehr gern und habe mich gerade ganz furchtbar über dich geärgert.“ Warum machen wir das eigentlich nicht? Es würde viele Dinge sehr erleichtern. 😉 (Alleswisser würde jetzt sagen: „Und ich hatte doch Recht – Frauen sind einfach zu emotional.“ Lassen wir ihn in dem Glauben.)

Für die, die jetzt anmerken wollen, dass „wir“ zu pauschal sei: Ihr habt ja Recht. Es gibt auch total unverblümt redende Frauen. Kann ich auch. Aber es kommt immer auf die Situation an.

Und morgen mache ich pierogi … 😉

Gut, dass mal jemand durchgreift! Oder: Es ist nur zu eurem Besten …

Leute, die mich schon ein bisschen kennen, wissen, dass ich zu den Menschen gehöre, die ziemlich allergisch auf Gängeleien, Bevormundung und verwandte Themen reagiere. Da kann ich ziemlich ungemütlich werden – und das wünscht sich wahrlich kein Mensch, der auch nur ansatzweise bei Verstand ist. 😉

Gerade in den letzten Jahren müssen Menschen meiner Einstellung ziemlich leiden, denn überall wird reglementiert, verboten, eingeschränkt. Nicht selten ohne Sinn und Verstand und in Schüben dessen, was man wohl blinden Aktionismus nennt. Unvergessen das Gebot, nur in diese hochkomplexe Technik eingewiesene Menschen dürften einen Paternoster benutzen! Ich lache noch immer darüber. Klar – Unfälle hat es schon gegeben, aber doch eher relativ selten. Ein Hinweis darauf, wie solch ein altmodischer, aber charmanter Personenaufzug – auch „Beamtenbagger“ genannt – funktioniert, sollte doch ausreichen. Oder nicht? Aber hier wurde ein Brimborium sondergleichen gestartet – allenthalben wurden Paternoster temporär stillgelegt und dürfen seit ihrer Neuinbetriebnahme auch nur von gründlich eingewiesenen Personen genutzt werden. Da passiert es in ruhigen Minuten schon einmal, dass man sich fragt, ob Paternoster, die man heutzutage mit der Lupe suchen muss, nun wirklich ein derart vordringliches Problem seien.

Einer meiner all-time favourites hinsichtlich solcher Aktionismen ist auch der sogenannte „Veggie day“ in Kantinen und Mensen, kurz: allen Großküchen. Wenn er auf freiwilliger Basis geschieht – prima. Nur: Einige Politiker wollten generell als Standard einführen und Großküchen quasi dazu verdonnern, an einem bestimmten Tag in der Woche ausschließlich vegetarische und/oder vegane Gerichte anzubieten. Hat sich in dieser Form nicht so ganz durchgesetzt … Warum nur?

Ich habe rein gar nichts dagegen, vegetarisch zu essen – ich esse selber vergleichsweise wenig Fleisch und sehr gern vegetarische Gerichte. Von daher: kein Problem. Aber wer will sich denn oktroyieren lassen, dass er an einem bestimmten Tag in der Woche gefälligst fleischlos in der Kantine zu essen habe? Die meisten Leute, die ich kenne, lehnen das ab. Und das, obwohl sie selber durchaus gern vegetarisch essen. Nur hat das eine mit dem anderen nix zu tun. Hier geht es mehr ums Prinzip. Zugegeben, ich mag auch ewige Prinzipienreiter nicht, die sogar bei Bagatellen immer mahnend den Zeigefinger heben, aber es gibt Dinge, die gehen gar nicht. Und dazu gehört – zumindest für mich – eine derartige Bevormundung. Als gäbe es nicht hinreichend andere, wirklich vordringliche Dinge, mit denen sich Politiker mal sinnvoll beschäftigen könnten. (Sorry für die Pauschalisierung.)

Rauchen ist ungesund. Weiß jedes Kind. Auch Raucher. Aber musste es denn unbedingt sein, dass nunmehr der Gastronomie vorgeschrieben wurde, dass sie rauchfrei zu sein habe? Nix gegen rauchfreie Gastronomie – ich finde auch unangenehm, wenn ich im Restaurant sitze und esse, und am Nebentisch raucht ein anderer Gast eine nach der anderen. Aber in der Kneipe? Sollte man da nicht die Möglichkeit geben, die Wirte entscheiden zu lassen, ob sie eine Raucher- oder eine Nichtraucherkneipe haben wollen? Heutzutage wäre es sicherlich nicht so, dass sich dann alle Wirte dafür entschieden, ein Raucherlokal zu führen. Warum also diese Gängelei, die darüber hinaus auch noch scheinheilig ist im Hinblick auf die Tabaksteuer. Nun ja.

Kaum durfte drinnen nicht mehr geraucht werden, gab es schon die nächsten Aufschreie der Empörung. Denn nun standen die Raucher draußen und – pfui Teufel! – rauchten nicht nur, sondern hatten auch noch die Stirn, sich dabei zu unterhalten! 😉 Geht ja gar nicht. Und schon wurden Stimmen laut, die forderten, das Rauchen auch draußen zu verbieten. Zum Glück ist es noch nicht so weit. Aber immer wieder schön, wenn man als Raucher irgendwo draußen steht und raucht. Nicht immer, aber durchaus in schöner Regelmäßigkeit muss man sich Kommentare anhören, oder es wird demonstrativ gehustet, gefolgt von einem herabsetzenden Kommentar. Das allerdings – zugegeben – nur von echten Hardcore-Nichtrauchern. 😉 Denen, die sich auch beim Anblick einer E-Zigarette gleich empören. 😉 Nicht falsch verstehen: Rücksicht muss immer genommen werden, und so rauche ich draußen stets in sehr großem Abstand zu Nichtrauchern. Ja, ich beachte sogar die Windrichtung – ohne Witz. Denn ich möchte niemanden damit belästigen, wenn es sich vermeiden lässt. Es ist mein Laster, nicht das anderer Menschen.

Meine Schwester meinte einmal zum Thema, bei dem wir ganz unterschiedlicher Meinung sind, Folgendes: „Es ist doch nur zu eurem Besten! Man muss euch Raucher vor euch selber schützen!“ Mir fiel fast der Kitt aus der Sonnenbrille. Wie bitte? Zugegeben: Rauchen ist sicherlich alles andere als klug, aber dass es schon so weit gediehen sein soll, Raucher als komplett unzurechnungsfähige Idioten und Gefahr für sich selbst und die Allgemeinheit anzusehen, hatte ich zumindest von meiner Schwester nicht erwartet. Als sie noch sagte, dass man Tabakprodukte generell abschaffen müsse, warf ich kurz das Stichwort Steuer in den Raum. Und dass ich mich ein wenig über sie wunderte. Es gäbe doch auch noch so etwas wie die goldene Mitte. Der Rest des Abends verlief dann eher schweigend. 😉

Inzwischen ist es aber noch besser geworden: Seit Mai ist es jedes Mal ganz spannend, welches Bild sich auf der Packung wohl befinden mag, die man aus dem Automaten zugeteilt oder an der Tankstelle ausgehändigt bekommt. Denn die Gänge- und Heuchelei nimmt seitdem noch ganz andere Formen an – Schockbilder auf den Verpackungen jeglicher Tabakprodukte. Zugegeben – bei einigen graut es einem wirklich. Mein negativer Favorit ist sicherlich das Foto mit dem Loch im Hals eines Patienten, der offensichtlich Kehlkopfkrebs hat. Der Zustand nach der sogenannten Laryngektomie, dem Entfernen des Kehlkopfes. Auf Platz zwei rangiert die Dame, die Blut spuckt. Überschrift: „Rauchen schädigt Ihre Lunge“. Gut, zwar photogeshoppt, sieht aber trotzdem eklig aus. Platz drei: dieser schwarze, nekrotisierende Fuß …

Albern jedoch das Foto, auf dem ein Kleinkind einen Schnuller im Mund hat, in dessen Mitte eine Zigarette steckt, und dies mit dem dezenten Hinweis, dass ein bestimmter Prozentsatz Kinder von Rauchern ebenfalls zu Rauchern werde. Der Hinweis ist zwar nicht verkehrt, wohl aber das Foto wirklich ein bisschen albern.

Ich habe an einigen Personen, ebenfalls meiner Wenigkeit, festgestellt, dass sie viel mehr rauchen, wenn sie eine Packung mit einem wirklich schrecklichen Bild aktuell in Gebrauch haben. Das ist völlig paradox, ich gebe es zu, und es ist auch nicht klug. Eher das Gegenteil. Aber ich vermute, hier spiele das Unterbewusstsein eine gewisse Rolle. Ich glaube nicht, dass diese Bilder viel Nutzen mit sich bringen, aber mal wieder eine hübsche Methode der Bevormundung. Und scheinheilig hoch drei.

Bis dato vermisse ich jedoch derartige Bilder auf Bier- und Weinflaschen, wie auch Spirituosen. Ist das etwa etwas anderes? 😉

Ich für meinen Teil erwäge den Kauf eines Zigarettenetuis. Und bin gespannt, was den sich für uns alle zuständig Fühlenden als Nächstes einfallen wird. Zucker ist ja schon seit längerem im Gespräch … 😉

Nehmt Rücksicht, aber bleibt euch immer selber treu! Auch wenn es sicherlich klüger wäre, das Rauchen aufzugeben. 😉

Social Media mal richtig nett

Soziale Medien spalten die Gesellschaft ja bekanntermaßen. Die einen können ohne sie kaum leben, andere verteufeln sie und schimpfen darüber, wann immer sich Gelegenheit dazu bietet. Also im Grunde immer. 😉 Eine weitere Gruppe betrachtet sie eher gelassen.

Ich persönlich schwanke bisweilen zwischen B und C. Nein, eigentlich tendiere ich nicht zum Verteufeln, aber manchmal überfällt auch mich ein gewisser Verdruss. Speziell dann, wenn manche Menschen diese Medien für propagandistische Zwecke missbrauchen – völlig egal, von welcher Seite. Ansonsten lässt mich relativ kalt, wer wann wie was gegessen hat oder was wildfremde Leute just in diesem Moment machen. Ich bewege mich in Sozialen Medien in einem überschaubaren Kreis von „Freunden“, von denen einige sogar im realen Leben Freunde sind. Oder Bekannte.

Regelmäßig erhalte ich Mails von einem Medium, in dem man frühere Mitschüler wiederfinden kann. Wenn man das will. 😉 Ich bin auch da Mitglied, und ich habe einige frühere Mitschüler, Schulfreunde, Freunde und Arbeitskollegen wiedergefunden. Mein allererster Freund hat mich sogar eines Tages dort angemailt und wollte sich unbedingt mit mir treffen. Wir telefonierten ein paarmal, ich stellte fest, dass er noch immer ziemlich dominant sei – ich kam kaum zu Wort, was selten der Fall ist -, und mir fiel auf, dass er stets mit mir telefonierte, wenn er draußen unterwegs war. 😉 Er erklärte auch immer, von zu Hause könne er schlecht mit mir telefonieren. Ah, ja. Klar, da saßen seine Frau und seine Tochter. Ich tippte auf eine Midlife-Crisis. Man erinnert sich dabei wohl öfter vergangener Zeiten … 😉

Als ich dann aber eines späten Abends eine Mail von meinem Ex bekam, der mich viele Jahre nicht gesehen hatte, in der stand, er hätte in all den Jahren oft darüber nachgedacht, wie wohl alles geworden wäre, hätte ich mich damals – mit Gründen – nicht von ihm getrennt und dass man ja einiges nachholen könne, dachte ich nur: „Ich hoffe, du hattest beim Verfassen der Mail ein Bierchen zuviel intus.“ Das hätte zumindest einiges erklärt. 😉 Dann antwortete ich. „Daran kann man bereits sehen, dass wir total verschieden sind. Ich habe darüber nie nachgedacht.“ Nein, nicht missverstehen – ich habe das wirklich sehr freundlich geschrieben. Wir telefonierten danach auch noch ein paar Male freundschaftlich, aber getroffen haben wir uns dann doch nicht.

Irritierendes passierte mir mit diesem Medium bereits vor zehn Jahren, als ich auf Wohnungssuche war. Ich hatte mir hier in diesem Stadtteil Wohnungen angesehen, darunter eine, deren Vermieter bereits auf die Anbindung an die im selben Haus lebende Vermieterfamilie hinwies. Man könne ja mal öfter was zusammen machen – das würden sie sogar erwarten. Ich gebe zu, so etwas kann nett sein, aber irgendwie waren wir nicht auf einer Wellenlänge, und ich finde auch eine derartige Erwartung schon etwas befremdend. Sollte so etwas nicht auf freiwilliger Basis geschehen? Ich kann doch keinen Mieter dazu verdonnern, mit mir zusammen im Garten zu sitzen und zu grillen. Oder sonntags bei einem Likörchen im Wohnzimmer über alte Zeiten plaudern. Immer nett, wenn sich eine gute nachbarschaftliche Beziehung ergibt, aber doch bitte freiwillig.

Zum Glück gefiel mir auch die Wohnung nicht, so dass ich gar nicht erst in die Verlegenheit geriet, auf das Angebot einzugehen, das offenbar kein Angebot, sondern eine Erwartung war. Aber wie erstaunt war ich, als ich im Profil des „Bleiben wir doch Freunde“-Mediums in den folgenden Tagen und Wochen ständig Besuch vom Vermieter bekam. Ich fand es ein bisschen gruselig und wollte mein Profil schon löschen, aber zum Glück hörte das Ganze dann irgendwann auf. Offenbar hatte man eine andere Mieterin gefunden. Wahrscheinlich sitzt die gerade mit dem Vermieter im Garten und grillt. 😉

Manchmal aber ist dieses Medium auch richtig nett, denn heute bekam ich eine Mail, in der mir mitgeteilt wurde, wie jemand sich an mich erinnere. Ich staunte – so etwas gibt es dort also auch! Man kann angeben, wie man jemanden so finde. Was ich davon halten soll, wusste ich noch nicht so recht – wozu sollte das gut sein?

Und dann öffnete ich die Mail. Darin stand, ein Kontakt von mir finde mich – aaah, Balsam auf meine bisweilen geschundene Seele! – warmherzig, clever, kreativ und einzigartig! Mal abgesehen von der Sinnhaftigkeit solcher Bewertungen: Das fand ich doch mal toll! Richtig nett. Danke schön!

Aber von wem kam diese Einschätzung? Ich sah mir die Dame an, und dann fing ich laut zu lachen an. Denn: Ich kannte diese Frau gar nicht. Woher kannte sie mich? Ich saß da und grübelte, starrte auf das Profilfoto. Ich kam nicht weiter.

Doch gerade eben, bei einem erneuten Blick auf das Foto, fiel der Groschen: Es ist eine ehemalige Studentin von mir! Jetzt freue ich mich noch mehr – das ist doch richtig nett! Sowas bekommt man nicht jeden Tag mitgeteilt – ich schon gar nicht. 😉 Ich bin meist zu direkt und zu ruppig. Zumindest nach außen. Betrachtet man mich etwas näher, besteht die Möglichkeit, zu sehen, dass das im Grunde nur eine – ziemlich – rauhe Schale ist. 😉

Danke, liebe Noemi – ich werde mich beizeiten revanchieren. 🙂

Euch auch einen schönen, sonnigen Tag und jemanden, der euch etwas Schönes sagt. 🙂

Nachtrag: Ich wollte vorhin auch eine ehemalige Mitschülerin bewerten, die sich keiner großen Beliebtheit erfreute, weil sie einfach unverschämt war. Aber ich muss feststellen, dass diese Bewertungsmöglichkeit eindeutige Mängel aufweist, denn einen Button, auf dem „blöde Blunzn“ steht, gibt’s gar nicht … 😉

Very close to water …

Kennt ihr das auch? Ihr seht euch einen Film an, der wirklich unter die Haut geht. Und plötzlich stellt ihr fest, dass es aus eurem Gesicht tropft. Oder ihr lest oder hört etwas, das zunächst so unglaublich erscheint, dass ihr gar keine Regung verspürt. Aber dann rinnt es aus euren Augen …

Ein Vorteil daran, Single zu sein, ist sicherlich die Tatsache, dass man sich ungehindert Filme ansehen kann, die gegebenenfalls eine okular-nasale Entwässerung nach sich ziehen könnten. Man kann ganz ungehindert sogar laut schluchzend vor dem Fernseher sitzen und ist keine Erklärung schuldig. (Nur nicht ganz so laut schluchzen, da dies sonst die Nachbarn irritieren könnte. 😉 )

Furchtbar, wenn dann jemand daneben sitzt, der fragt: „Was hast du denn?“ Wie oft ich schon vermeintliche Fremdkörper im Auge vorschieben musste, um zu erklären, warum meine Augen plötzlich so tränten! Beide. Das Lächerlichste daran: Ich habe stets je einen Fremdkörper in beiden Augen, denn ich bin Kontaktlinsenträgerin. 😉 Aber praktischerweise verhaken sich ja immer wieder lose Wimpern unter dem Kontaktlinsenrand – schon hat man eine Begründung gefunden! 😉 (In Wirklichkeit verhaken sich lose Wimpern nicht ganz so oft zwischen Kontaktlinse und Auge, aber sie dienen immer wieder als Vorwand, wenn man mal wieder zu dicht am Wasser war. Denn: Wer kennt das nicht? Lose Wimpern im Auge sind schon so furchtbar. Und wenn sie sich dann unter dem Rand einer Kontaktlinse festklemmen und dauernd auf dem Auge herumscheuern, kann sich jeder vorstellen, dass das noch viel schlimmer ist und richtig wehtut … 😉 )

Schlimm ist diese Eigenheit auch im Kino, wenn man aus den Augen tropfend dasitzt, während der Abspann läuft und dann doch irgendwann wieder nach draußen muss – dahin, wo es hell ist und jeder sieht: „Och, nee, kuckma, die hat geheult!“ Aber ich als Kontaktlinsenträgerin habe hier einen Vorteil: trockene Luft im Kinosaal. Und ich habe doch so empfindliche Augen! 😉

Ich glaube, ich habe diese Eigenart von meinem Vater geerbt. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, wurde ich öfter Zeugin davon, wie mein Vater beim Fernsehen ein Taschentuch aus seiner Hosentasche zog und sich nachhaltig schneuzte. Da er am dichtesten am Fernseher saß und uns den Rücken zuwandte, konnte man nicht sehen, warum er das tat. Meine Mutter lachte dann immer und rief: „Was ist, Karl-Heinz? Sollen wir dir ein Handtuch holen? Reicht ein normales, oder wäre ein Badehandtuch besser?“ Mein Vater erklärte dann immer etwas fahrig mit dumpfer Stimme, ihm sei etwas ins Auge gekommen. Er war da ein sehr guter Lehrmeister. Mir kommt ja auch ständig was ins Auge. Mein Vater und ich bzw. unsere Augen scheinen das förmlich anzuziehen. 😉 Und immerhin weiß ich jetzt auch, warum mein Vater immer mit dem Rücken zu uns fernsah. 😉 Denn fremde Leute, die die „Sitzordnung“ beim Fernsehen in meiner Familie gesehen hätten, hätten womöglich daraus geschlossen, dass mein Vater als Familienoberhaupt und Mann natürlich den besten Platz für sich beanspruchte. Passt aber gar nicht zu meinem Vater und ist eindeutig falsch. Der Grund dafür lag auch nicht an der angeblich geringen Sehstärke meines Vaters. Er lag ganz woanders. Wenn jemand das verstehen kann, dann wohl ich. 😉

Heute habe ich es mal wieder selber herausgefordert. Ein schöner, warmer und sonniger Tag, ich auch guter Laune. Und was könnte man da Besseres tun, als sich einen Film anzusehen, der nicht nur traurig ist, sondern auch noch auf wahren Begebenheiten beruht? 😉

Und so holte ich heute am Abend einen Film aus meinem DVD-Regal, von dem ich im Grunde weiß, dass ich in dessen Verlauf immer irgendwie aus den Augen tropfe. Ich hatte ihn lange nicht gesehen – und irgendwann musste es doch klappen, dass ich – ein auf- und abgeklärter Mensch! – ihn mal ohne Entwässerung sehen konnte. Oder?

Es hat wieder nicht geklappt. An mehreren Stellen brauchte ich Taschentücher, weil mir Tränen aus den Augen rannen. An einer Stelle schluchzte ich sogar ein bisschen. Gut, dass ich allein war.

Andererseits wäre es mir bei diesem Film wahrscheinlich auch gar nicht peinlich, wenn jemand dabei säße und meine okulare Inkontinenz mitbekäme. Denn ich habe mir heute einmal mehr „Der Pianist“ angesehen. Den habe ich inzwischen dreimal gesehen, und er verstört mich nach wie vor. Das Szenario: bekannt. Und gerade daher verstörend. Umso mehr, als das Ganze auf wahren Begebenheiten beruht. Geht mir wirklich an die Nieren. Kaum zu ertragen, dass es solche Zustände einmal gab. Hoffentlich nie wieder.

Und jetzt kühle ich weiter meinen Arm und sehe mir irgendetwas Seichtes an. Am besten Rosamunde Pilcher – das sind so bescheuert konstruierte Märchen, dass ich immer laut lachen muss. Bis mir die Tränen kommen. Lachtränen. 😉

Nur: Woher nehmen und nicht stehlen?

„Worum wollen wir wetten?“ Oder: Alle Jahre wieder …

Mein Urlaub ist wahrlich entspannend. Ich schlafe lange, wenn ich es mag, stelle aber bisweilen fest, dass ich offenbar an einen ganz merkwürdigen Rhythmus gebunden bin, denn morgens wache ich immer dann auf, wenn ich mich für die Arbeit vorbereiten müsste. Stelle ich fest, dass ich noch schlafen kann, schlafe ich wieder ein, wache aber stets in merkwürdigen Intervallen zwischendurch auf, als hätte ich – hinsichtlich der Arbeit – verschlafen. 🙁

Das ist ja schon schlimm genug. Noch schlimmer aber, dass ich morgen einen Arzttermin habe, den ich kurzfristig einrichten musste. Denn mein rechter Ellbogen macht Probleme.

Diese Probleme kenne ich schon, auch die Schmerzen. Hatte ich vor Äonen schon einmal und wurde dann als „Tennisellbogen“ diagnostiziert. Tat sehr weh.

Irgendwie klingt es ja toll und so, als wäre ich total sportlich. „Tennisellbogen“ klingt wirklich so, als würde man tagein, tagaus Tennis oder Golf spielen. Tue ich aber nicht. Ich habe früher mal mit Tennis angefangen. Sicherlich eine schöne Sportart. Nur die äußeren Umstände damals, da jeder, der „Tennisschläger“ oder – noch besser – „racket“ buchstabieren konnte, sich aufplusterte, als hätte er Wimbledon bereits dreimal gewonnen, ebenso die Tatsache, dass ich bei „Rückschlagspielen“ nie so begeistert dabei war, weshalb ich auch Volleyball als Spielerin nicht so schätze, ließ mich relativ rasch wieder aufhören.

Meinen damaligen „Tennisellbogen“ hatte ich wohl von einem nicht optimierten Bildschirmarbeitsplatz. Da ja bei meinem derzeitigen Arbeitgeber alles optimal ist [Anm. d. Ü.: So muss man das sagen, ansonsten Vieraugengespräch mit dem Chef], kann es daran nicht liegen.

Tut es wohl auch nicht. Denn ich habe diese Probleme erst wieder, seitdem ich wieder mit dem Auto fahre. Dabei wurde das jeweilige Lenkrad immer auf meine Gegebenheiten eingestellt. Vielleicht bin ich ja wirklich nicht fürs Autofahren geboren worden. 😉 Dabei fahre ich inzwischen voller Begeisterung – wie unfair ist das denn? 😉

Nachdem mein rechter Arm im Ellbogenbereich immer mehr Probleme bereitet, habe ich für morgen einen Termin beim Orthopäden gemacht. Um 09:50 h geht es los! 😉 Und ich weiß schon jetzt, wie: Röntgen, Röntgenbildauswertung, dann die Anweisung: „Zinkleimverband!“ an die Helferin.

Und nun frage ich: „Worum wetten wir, dass ich morgen einmal mehr mit einem Zinkleimverband aus der Praxis gehe?“ 😉 Nicht nur, weil die Beschwerden im Ellbogen den Beschwerden, die zuvor in jedweder Gliedmaße einen solchen Verband notwendig machten, erschreckend ähneln – zumindest vom Schmerzmuster gesehen. Nein, auch deswegen, weil ab morgen wieder einmal Außentemperaturen von 30 °C angesagt sind.

Das ist seit diversen Jahren im Zweijahrestakt immer die Zeit gewesen, in der ich Zinkleimverbände verabreicht bekam. 😉 Immer im Hochsommer. Und immer dann, wenn es entweder schon heiß war oder heiß werden sollte. Und da bietet es sich doch für morgen förmlich an … 😉

Worum wetten wir? Ich wette auf alle Fälle, dass ich morgen einmal mehr einen Zinkleimverband bekommen werde.

Wer hält dagegen? 😉

Nachtrag: Ich habe es ja schon immer gewusst. Ich sollte wirklich niemals ernsthaft wetten. Denn ich habe zum ersten Mal keinen Zinkleimverband bekommen … Statt dessen wollte man mir eine Spritze in meinen zarten Ellbogen rammen! Aber ohne mich. Nicht ohne Gegenwehr und alternative Behandlungsversuche. Nein, damit meine ich keineswegs „alternative“ Medizin, sondern eine Alternative zu einer Injektion. 😉 Ich hatte nämlich schon den kalten Schweiß auf der Stirn stehen. 😉 Spritzen sind normalerweise gar kein Problem – aber nicht in einen derart knochigen Körperteil. Da bin ich leider ein Schisser. 😉 Aber kein Problem: Ich werde nun meinen Ellbogen mit Ibuprofen-Gel einreiben und so engagiert kühlen, bis mir der Arm abfriert. Nun ja, Letzteres dann hoffentlich doch nicht. 😉 Wenn all das nicht hilft, muss dann wohl wirklich die Spritze des Grauens ran … Ich freue mich jetzt schon. 😉

Von Schulanfängern, Reformhäusern, Elterntaxis und Nachhilfe

Kürzlich las ich einmal mehr einen Artikel in der Zeitung, da es um den Schulanfang und damit verbundene Dinge ging. Gerade bei Erstklässlern ist so etwas ja stets aufregend. Was gehört in eine Schultüte und was nicht? Auf keinen Fall zu viele Süßigkeiten, so die einhellige Meinung.

Klar, ist wirklich ungesund. Aber ich finde, man sollte fünfe gerade sein lassen – man wird nur einmal eingeschult. Und müssen es denn dann wirklich die scheußlichen Gummibärchen aus dem Reformhaus oder Naturkostladen sein, die so blass aussehen, wie sie scheußlich schmecken? Alles schon ausprobiert – im Sinne der guten Sache. 😉 Nein, nein, ich habe sie mir nicht selber gekauft. Auf solch eine Idee käme ich, glaube ich, gar nicht. 😉

Meine Schwester Stephanie ist da erheblich anfälli…, nein, experimentierfreudiger als ich. Niemals werde ich den Tag vergessen, da sie mich in Aachen ins Reformhaus „Grimme“ schleppte, weil man dort „so hervorragend“ zu Mittag essen könne, wie sie sagte. Es gebe dort so hervorragendes Tofu-Gulasch, sagte sie. Ich stutzte angesichts der Kombination der Begriffe Tofu und Gulasch, noch dazu in Verbindung mit dem Adjektiv hervorragend. Nein, nicht, dass ich generell gegen Tofu wäre. Wer es mag, soll es gerne essen. Ich mag es nicht. Aber Stephanie redete so lange auf mich ein und erklärte, man müsse immer offen sein, so dass ich schließlich mit annähernd blutenden Ohren – sie hatte sehr viele Worte verloren, um mich für das Tofu-Gulasch zu erwärmen – und damit völlig erschlagen mit ihr ging. Und dann aßen wir das berühmte Tofu-Gulasch. Oder besser: Stephanie aß es, denn ich war nicht ganz so überzeugt von dessen Geschmack. Normalerweise esse ich fast alles und bin nicht verwöhnt, aber das bekam ich nicht runter. Stephanie meinte: „Kann ich deine Portion auch noch haben, wenn du sie nicht isst?“ – „Ja, nimm nur.“ Und ich sah sie nur stumm an, als sie meinte: „Schmeckt echt klasse und fast wie Rindergulasch.“ Ich dachte: „Es schmeckt wie nichts, das ich je gegessen habe.“ Das allein wäre nicht einmal das Problem gewesen – aber irgendwie schmeckte es gar nicht. Nicht gut.

Eben genau wie diese scheußlichen politisch korrekten Gummibärchen. Von daher: Man wird nur einmal eingeschult. Und die Schultüte muss ja nicht bis oben mit Süßigkeiten gefüllt werden. Ein Tipp in dem Zeitungsartikel war, auch Buntstifte hineinzutun. Sogleich meldete sich ein Elternteil im Kommentarbereich und erzählte die tränenreich-dramatische Geschichte seines Sohnes, der vor 20 Jahren eingeschult worden war. Da hatte man politisch korrekt Buntstifte in die süßigkeitenarme Schultüte gepackt. Man war also seiner Zeit weit voraus, aber genau das führte ja zur Tragödie. Denn – man stelle sich das vor! – die Kinder sollten dann alle ein Bild malen. Mit Buntstiften. Und dieser inzwischen 26-Jährige stand als einziges Kind ohne Buntstifte da – die steckten ja noch in der Schultüte! Der Elternteil berichtete voller Pein, wie schrecklich das für den Jungen gewesen sei – der erste Schultag sei daher ein wahres Trauma gewesen. O ja. Das ist wirklich traumatisierend. Und man hätte doch so leicht Abhilfe schaffen können. Tüte kurz aufmachen oder von Kind aufmachen lassen und – surprise, surprise – Buntstifte herausholen, Tüte wieder zu, damit sie zu Hause ganz ausgepackt werden kann. Ich meine, das ist doch eine praktikable Lösung, um ein schweres Trauma zu vermeiden … 😉 Ich weiß, ich bin gemein. 😉

Ich selber war schon vor der Einschulung traumatisiert, denn ich habe eine ältere Schwester. Und diese hatte ihre helle Freude daran, mir die bescheuertsten Geschichten zu erzählen, allesamt erfunden, so dass ich vor dem ersten Schultag richtig Schiss hatte. Aber immerhin hatte ich Buntstifte zur Hand, als wir dann in unsere Klasse gingen, ich den Tränen nahe … Merkwürdigerweise machte aber früher keiner so ein „G’schiss“ um uns. 😉 „Stell dich nicht so an,“, hieß es, und komischerweise kamen wir auch alle damit klar.

Immer wieder höre ich auch von „Elterntaxis“, und seit ich darauf aufmerksam gemacht wurde, sehe ich auch oft an Schulen morgens chaotische Verkehrsverhältnisse. Da parken – es tut mir leid, das sagen zu müssen – verstärkt SUVs, aber auch andere Autos in zweiter Reihe, Mama steigt aus und hilft dem Nachwuchs aus dem Auto, betüddelt diesen noch, um ihn dann schweren Herzens Richtung Schule gehen lassen zu müssen, und das ganz ohne die Möglichkeit, ihn direkt bis vors Klassenzimmer oder am besten gleich hineinzufahren. Dabei wäre es doch eine tolle Idee, Drive-thru-Schulen zu bauen, in die die Eltern vorne hineinfahren, die Kinder dann vor ihrer Klasse aus dem Auto springen und die Eltern dann hinten wieder hinausfahren. Angesichts phasenweise verstopfter Straßen, erzürnter Anwohner, die auch schon mal zugeparkt werden und unübersichtlicher Verkehrssituation, in der dann andere Kinder, die zu Fuß zur Schule kommen, Gefahr laufen, von den Elterntaxis, zwischen denen sie sich dann durchzwängen müssen, überfahren zu werden, wäre das doch eine bahnbrechende Idee. Nicht?

In einigen Städten mussten auf Druck mancher Eltern inzwischen sogar schon „Elternparkplätze“ vor einigen Schulen eingerichtet werden, da es den Kindern nicht zuzumuten sei, zu Fuß zu gehen oder drei Haltestellen mit dem Bus zu fahren. Hmmm … Ich bin als Kind zuerst zu Fuß zur Schule gegangen, später dann mit dem Fahrrad gefahren … Habe ich etwa Rabeneltern? Irgendwie vermag ich das nicht zu glauben. Ich fand das auch immer klasse – man war viel unabhängiger und selbstständiger. Wer dauernd von den Eltern gefahren wurde, war schnell als „Mamasöhnchen“ oder „verwöhnte Prinzessin“ verschrien. Wer will das schon?

Einer meiner Mitschüler aus der Grundschule galt als „Mamasöhnchen“, weil seine Mutter eine Zeitlang jeden Tag in der großen Pause wie aus dem Boden gewachsen auf dem Schulhof stand. Denn ihr armer, kleiner Jan werde ja immer von den anderen bösen Jungs verhauen. Da müsse sie doch aufpassen, damit ihr armer, kleiner Jan nicht unter die Räder komme. Die Wirklichkeit sah so aus: Jan war ein recht unverträglicher Zeitgenosse, der gern Streit anfing, ebenso gern die Mädchen verhaute, weil er sich an die Jungs nicht herantraute und dann andere Jungs ihm eins auf die Mütze gaben. Das hat die Lehrerin Jans Mutter dann auch erklärt, aber die stand weiterhin bei sengender Sonne, Landregen, heulendem Wind und starkem Schneefall jeden Tag in der großen Pause auf dem Schulhof. Helikoptermütter gab es wohl schon damals, aber sie ist die einzige, an die ich mich erinnere.

Doch die Zeiten haben sich wohl geändert. Heute gehen die Eltern sogar mit, wenn ihre zumindest biologisch erwachsenen Kinder sich an einer Hochschule einschreiben. Ich staune immer wieder. Als ich mich damals einschrieb, hatten wir alle offiziell gar keine Eltern … 😉

Ich finde diese Entwicklung schade. Die Kinder lernen so gar nicht, frühzeitig und altersgerecht selbstständig zu werden. Probleme, sogar Bagatellen, werden grundsätzlich von den Eltern gelöst, jegliche Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt. Ich frage mich immer, wie diese Kinder lernen sollen, später mit Frustrationen am Arbeitsplatz oder sonstwo klarzukommen. Oder wollen die Eltern dann auch mit zur Arbeit gehen? 😉

Zugegeben, auf vielen Kindern lastet ein immenser Druck, weil die Eltern wollen, dass das Kind auf Biegen und Brechen Abitur mache und studiere. Und warum eine Zwei, wenn man auch eine Eins haben kann? Wie viele Nachhilfeschüler hatte ich in meiner Zeit als Lehrkraft an einer Sprach- und Förderschule in Aachen (man durfte diese Art Institution damals noch als „Förderschule“ bezeichnen – da hat es ja auch einen immensen Bedeutungswandel gegeben …), die ich von einer Zwei auf eine Eins drillen sollte? Gut, ich drillte nie, weil Drill für meine Begriffe absolut kontraproduktiv ist, wenn es ums Lernen geht, und in meinen Stunden wurde durchaus viel gelacht, weil es sich so besser lernt, aber ich arbeitete mit den Schülern gemäß Zielsetzung. Einige haben es geschafft, andere nicht – die blieben dann bei ihrer Zwei, was ja eine durchaus gute Note ist. Ich habe öfter mit Eltern gesprochen und versucht, ihnen zu erklären, dass das eine gute Note sei und ich mich weigerte, die Kinder zu drillen.

Mir taten manche Kinder richtig leid. Denn wenn man mal einen Termin außer der Reihe vereinbaren wollte – vor einer Klassenarbeit, zum Beispiel -, stellte sich das als Problem dar, denn diese Kinder hatten schon damals randvolle Terminkalender. Und manche Eltern hatten wirklich die Stirn, zu fragen, ob ich nicht gegebenenfalls auch am Sonntag … „Klar!“ rief ich dann immer strahlend. „Aber da müssen Sie natürlich einen Feiertagszuschlag einkalkulieren.“ Merkwürdigerweise sahen nicht wenige Eltern dann davon ab, als sie hörten, wie hoch dieser Zuschlag war …

Tja, so sieht es aus – Kindheit kann echt stressig sein. In jedweder Hinsicht. Auch ernährungstechnisch, wie ich neulich in einem großen Einkaufsmarkt mitbekam, wo ich in der Molkereiabteilung gerade Quark in meinen Einkaufswagen lud. Im selben Gang, nur auf der anderen Seite, stand eine vierköpfige Familie. Die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, waren etwa acht und zehn Jahre alt. Unfreiwillig wurde ich Zeugin eines Dialoges, in dem es darum ging, welchen Joghurt man kaufen solle. Das Mädchen hielt einen Joghurt mit Früchten in der Hand, und ich sah große, bittende Augen auf seinen Vater gerichtet, als es die Worte äußerte: „Nur ausnahmsweise, Papa!“ Und der Bruder unterstützte das Anliegen zunächst. Er hielt einen Fruchtquark in der Hand. Doch dann sprach der Vater ein Machtwort, wenn auch mit mild-säuselnder Stimme: „Ihr wisst ganz genau, dass wir nur Sojaprodukte essen! Alles andere ist Ausbeutung von Kühen! Und daher gibt es auch nur Sojajoghurt.“ Der Junge stellte umgehend den Fruchtquark wieder ins Regal und fügte sich in sein Schicksal. Ich schwankte, ob ich ihn als einsichtig oder Weichei betrachten sollte, entschied mich dann für einsichtig. Aber ein bisschen mehr Widerspruch wäre auch nicht schlecht gewesen.

Doch dafür sorgte seine Schwester, die zu diskutieren versuchte und meinte: „Nur ausnahmsweise, Papa!“ Aber der schmetterte diesen lobenswerten Versuch von Eigeninitiative ab, indem er meinte: „Mia-Maria, stell das sofort wieder weg! Das ist Gift! Sieh mal, Malte hat es sofort eingesehen!“ Doch das Mädchen weigerte sich weiterhin, und so nahm sein Vater ihm den Joghurtbecher aus der Hand, und herzlos stellte er ihn außer Reichweite. Daraufhin stampfte das Kind mit dem Fuß auf, funkelte den Vater wütend an und sagte laut und empört: „Können wir denn nicht einmal was essen, das schmeckt?“ Das war der Moment, da ich mit meinem Einkaufswagen schleunigst das Weite suchen musste. Ich bog um die nächste Ecke, und dort platzte ich dann heraus und lachte mich halb schlapp. Das Mädchen gefiel mir. Hoffentlich würde es diese Haltung beibehalten.

Denn: Man kann alles übertreiben, und ein gesundes Maß ist in den meisten Fällen gar nicht so verkehrt. Finde ich.

Heute ist zwar Freitag, aber nicht der Dreizehnte! Obwohl man es annehmen könnte …

Heute war nicht mein Tag. Eindeutig. Und gemäß dieser Erkenntnis hätte ich heute besser zu Hause bleiben sollen.

Aber ich hatte anderes vor. Morgens stand ich früh auf, und ich sah im Frühstücksfernsehen, dass man irgendwo in NRW einem Dackelmischling, einem freundlichen, kleinen Gesellen, der in der ganzen Nachbarschaft beliebt und als menschen- und kinderfreundlich bekannt war, fast den Schädel eingeschlagen hatte. Irgendein Arschloch – sorry! – hatte das getan. Mochte wohl Hunde nicht. Kaum zu entschuldigen. Zum Glück rechtzeitig erkannt, konnte der liebe Wicht, der auch danach noch freundlich war, obwohl er einen Plastiktrichter tragen muss, durch eine Not-OP gerettet werden.

Das war heute früh gegen 06:30 h. Vermutlich wäre besser gewesen, hätte ich mich einfach wieder ins Bett gelegt.

Aber so geht es ja nicht – man kann doch nicht so faul sein! Auch nicht im Urlaub. Und so putzte ich mit mehr oder minder viel Elan Fenster. Zumindest die im Schlafzimmer und das der Balkontür. Den Rest hob ich mir für später auf. Erst wollte ich dann doch noch Staub wischen, staubsaugen, ein Bad nehmen und dann einkaufen gehen.

Einige Telefonate kamen dazwischen, und ich bin dann erst gegen 16 Uhr einkaufen gegangen. Da Autofahren viel schädlicher ist, als manch einer sich das vorstellen kann und ich seit meinem Status als Autobesitzerin ein paar Gramm – nicht einmal viele, mich aber störend – zugenommen habe, hatte ich geplant, einen längeren Fußmarsch zu machen. Da ich mich immer um pragmatisches Handeln bemühe, wollte ich das Ganze mit dem Einkaufen verbinden, und so stiefelte ich gegen 16 Uhr mit meinem Rucksack los.

In meiner näheren Wohnumgebung befinden sich einmal REWE, einmal Penny, einmal Aldi und zwei Netto-Märkte. Aber dahin wollte ich nicht. Ich wollte zu Lidl. Und da gibt es doch auch eine Niederlassung in nächster Nähe … So kam es mir zumindest vor.

Rückblickend scheint auch hier einmal mehr schädlich, seit einiger Zeit mit dem Auto zu fahren, denn man tendiert mit dem Auto dazu, Entfernungen zu unterschätzen. Das zumindest stellte ich fest, als ich dann endlich in B. angekommen war – mit hängender Zunge. An der dortigen Lidl-Niederlassung. Es war ein wirklich verdammt weiter Weg gewesen. Erst hatte ich nach schon diversen Kilometern mit Umwegen die Emscher überquert, was ich schon vor der Brücke am Geruch wahrnahm – echte Ruhris erkennen die Emscher schon von weitem, und Zugereiste fragen sich, was da, zum Henker, so stinke! 😉 So schweflig. Echte Ruhris wissen: „Alles klar – hier fließt die Emscher!“ Jener vergewaltigt-begradigte Fluss, der früher mal zu Recht als Kloake galt und seit vielen Jahren ein betoniertes Flussbett hat, weswegen ich als Kind dachte, es handle sich um einen Kanal. 😉 Andererseits kenne ich keinen Kanal, der derartig stinkt und über anthrazitfarbenes Wasser verfügt … 😉

Kurz nach der Emscher der Rhein-Herne-Kanal. Sieht zwar auch nicht gesundheitsfördernd aus, stinkt aber zumindest nicht. Und ich latschte weiter, vorbei an der ZOOM-Erlebniswelt, bis ich bei Lidl angekommen war. Dort staunte ich erst einmal über meine extrem minderentwickelte räumliche Vorstellung. 😉 Und dann kaufte ich ein.

Es war heute recht schwül, und Regen schien ins Haus zu stehen. Und so latschte ich zurück bis zur Straßenbahn-Haltestelle „ZOOM Erlebniswelt“, früher „Zoo“, wo mir die nächste Bahn direkt vor der Nase wegfuhr. Fluchend lud ich meinen wirklich schweren Rucksack erst einmal auf der Bank neben mir ab. Dann wurde mir etwas flau – das schwüle Wetter und der verdammte Kreislauf …

Ich kam dann wieder zu mir, als jemand mir – wenn auch vorsichtig – rechts und links ins Gesicht schlug. „Aua!“ schrie ich. „Was soll das denn?“

„Ach, was für ein Glück! Da sind Sie ja wieder!“ meinte eine Stimme. Ich konzentrierte mich heftig und blickte hoch. Ein Mann stand vor mir und wirkte etwas hilflos. Ich sagte: „Hi!“ Etwas Besseres fiel mir gerade nicht ein. Er fragte: „Wie geht es Ihnen?“ – „Naja, geht so. Warum?“ – „Nun ja, Sie haben sich hier gerade hingesetzt, und dann sind Sie wohl ohnmächtig geworden. Ist alles okay? Soll ich Sie ins Krankenhaus bringen? Oder einen Arzt rufen?“

Ach, du Schande! Ich „liebe“ solche Auftritte! Ist nicht das erste Mal – mein Kreislauf bzw. Blutdruck streikt bisweilen, besonders gern bei schwülem Wetter, weswegen ich den Sommer auch gar nicht soo gern mag. Letztes Jahr bin ich mitten im Sommer in einem SEV-Bus umgekippt – in einem Schienenersatzverkehr-Bus, der die ausfallende Straßenbahn ersetzte. Der Bus war leider nicht klimatisiert, und der Fahrer weigerte sich, die Dachluken zu öffnen. Das führte dann dazu, dass einige Insassen Probleme bekamen und ich umkippte. Große Aufregung offenbar, aber ich kam zum Glück – wie immer – schnell wieder zu mir. Danach waren die Dachluken dann offen …

Ich berappele mich meist schnell wieder, und so meinte ich heute zu dem Mann: „Haben Sie ganz herzlichen Dank, dass Sie geholfen haben. Ist ja heutzutage auch nicht mehr selbstverständlich. Ich habe bei solchem Wetter bisweilen ein kleines Kreislaufproblem, doch es geht wieder. Aber vielen Dank, dass Sie da waren.“ – „Sind Sie sicher, dass Sie nicht zum Arzt wollen?“ – „Ganz sicher. Ich muss demnächst ohnehin zum Check. Mir geht es wieder gut, aber danke, dass Sie so schnell da waren.“ – „Das ist doch selbstverständlich.“ – „Das sagen Sie!“ In der Bahn hatte er noch ein sehr genaues Auge auf mich, was ich wohl sah und nett fand, aber die Bahn ist voll- und oft überklimatisiert. Keine Chance, dass ich erneut umkippte. 😉

Nur die beiden Hunde in der Bahn, die einander nicht leiden konnten, wären wirklich verzichtbar gewesen, zumal zumindest die Halterin des kleineren Hundes wohl nicht recht wusste, was sie tat, denn als ich aussteigen wollte, stürzte ihr Hund nach vorn und packte mich an der Ferse, wobei er meine Hose beschädigte. Zum Glück war die Halterin einsichtig und auch im Besitz einer gültigen Haftpflichtversicherung … Der Tag wurde immer besser.

Bevor ich nach Hause ging, wollte ich noch Zigaretten an der Aral-Tankstelle kaufen. Ich weiß: gar nicht gut für den Kreislauf, generell nicht gut für die Gesundheit, manchmal aber fürs Gemüt. Und so schritt ich kreislaufstabil gen Verkaufsstelle.

Es kann eigentlich gar nicht so schwierig sein, zwei Packungen Luckies zu kaufen, noch dazu, wenn man die Erste vor Ort … Aber hoppla! Was war das denn?

„Weg da! Ich war zuerst da!“ kreischte man mich von der Seite an, als ich – ich war ungelogen die Erste im Verkaufsraum! – gerade meine Bestellung aufgeben wollte. Die Verkäuferin blickte irritiert drein, ich nach rechts, wo ich in zwei hysterisch wirkende graue Augen blickte. Ein Mann war von rechts herangestürzt, hatte beinahe ein Regal umgeworfen. Nun ja, manche Männer müssen immer die Ersten sein, und das im wahrsten Sinne. 😉 Normalerweise hätte ich mich auf eine Diskussion eingelassen, noch dazu, wenn jemand derart unverschämt ist und sich vordrängeln will. Aber mir gefiel der Blick nicht, den der Mann draufhatte. Der verstand sicher keinen Spaß. Also galt: Finger weg und Maul halten!

Und so meinte ich galant und strahlend: „Aber bitte! Ganz sicher waren Sie als Erster da.“ Die Verkäuferin, eine noch sehr junge Frau, sah mich besorgt an, ich grinste, hob die Schultern und kniff ihr ein Auge zu. He – was sollte heute noch alles passieren! Immerhin war ich an der Straßenbahnhaltestelle schon ohnmächtig geworden. Ich würde mein Schicksal gewiss nicht herausfordern. Und der Mann schien es ja eilig zu haben.

Etwa 20 Minuten später konnte ich dann meine Bestellung aufgeben. Bis dahin hatte „Mr I’m-in-a-hurry!“ mit der armen Kassiererin diskutiert, welches Waschprogramm in der Waschstraße wohl das beste für sein Auto sei! Und egal, was die junge Frau sagte, reagierte der Mann aufgeregt-aggressiv mit den Worten: „Das sagen Sie! Aber ist das auch wirklich das beste Waschprogramm? Mein Auto ist neu und soll nicht irgendwie so 08/15-mäßig gewaschen werden!“ Mir schwante ganz Böses, würde nicht alles zu des Kunden Willen ablaufen, aber ich riss mich zusammen und nickte der Kassiererin immer nur aufmunternd zu. Eine Form der Deeskalation. So bildete ich mir zumindest ein.

Endlich war der Mann überzeugt, bezahlte, bekam – „Extra für Sie!“ – noch ein Tuch zum Nachpolieren seines KFZ-Kunstwerks dazu, und nachdem er noch einen Vortrag gehalten hatte, dass man Autos – wie die gesamte Schöpfung – achten müsse, verließ er den Verkaufsraum, setzte sich in sein Auto und fuhr es zur Waschanlage.

Die junge Kassiererin starrte mich entgeistert an und meinte: „O Gott – was war das denn?“ – „Der untere Teil der Gauß’schen Normalverteilung. Hier in Bezug auf mentale Zustände gesehen.“ Die junge Dame kannte die Gauß’sche Glockenkurve, und sie lachte heftig und meinte: „Danke dafür! Der hat mir echt Angst gemacht!“ – „Ich fand’s klasse, wie Sie ihm versichert haben, das zur normalen Autowäsche und im Preis inbegriffene Tuch sei eine Ausnahme und extra für ihn. Da hat er zu lächeln angefangen.“ Und wir lachten beide erleichtert. Der Typ war nämlich ganz in echt beängstigend gewesen.

Als ich dann von der Tankstelle nach Hause ging, sah ich ihn vor der Waschstraße, wie er etwas aus seinem Kofferraum holte, sich dann hinter sein zu achtendes Auto setzte und etwas tat, das aussah, als meditierte er. Er ließ sich auch gar nicht von dem Fahrer des Autos hinter ihm irritieren, der sicherlich nur „mal eben schnell das Auto waschen“ wollte … Großer Gott – lieber schnell weg! 😉 Sollte ich morgen etwas von einer Geiselnahme an einer Aral-Tankstelle in meinem Stadtteil lesen, würde es mich gar nicht wundern …

Zurück nach Hause hinter einer Frau hergegangen, die Selbstgespräche führte und mich jedes Mal, wenn ich sie überholen wollte, quasi ausbremste. Allmählich frage ich mich, ob es einfach nur am Tag lag oder ich einfach in einer Gegend lebe, in der der Wahnsinn grassiert …

Ich kann nur eines sagen: Als ich zu Hause ankam, warf ich einen Blick auf den vor dem Haus geparkten kleinen Monty und sandte ihm eine Nachricht: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe derzeit Urlaub, und daher fahre ich dich seltener. Aber ich achte dich sehr!“

Und als ich in meiner Wohnung in der „Belétage“, ergo im ersten Stock, angekommen war, habe ich ganz schnell die Tür hinter mir zugemacht. Und heute ausnahmsweise abgeschlossen. Das schwülwarme Wetter scheint wahrlich nicht allen zu bekommen. Und man kann wohl von Glück sagen, wenn es „nur“ den Kreislauf betrifft … 😉

Manchmal mag man kaum glauben, welch merkwürdige Dinge einem passieren können. Und das an nur einem Tag.

„O’zapft is‘!“ Über Klischees und Missverständnisse …

Ich weiß nicht, wie meine Mutter und ich gestern auf das Thema kamen, als wir telefonierten. Irgendwie kam es auf. Wir sind ja beide hin- und hergerissen zwischen zwei Regionen innerhalb Deutschlands, sie noch mehr als ich, da sie, damals Anfang 20, ihre Heimat wegen Heirat verlassen musste. Ich bin ähnlich hin- und hergerissen, weil ich früher so viel Zeit in Mamas Heimat verbracht habe, die ich sehr liebe: Franken. Gehört zu Bayern. Ist bekannt, ich schrieb es ja schon öfter. 😉 Ein ganz anderes Lebensgefühl herrscht dort. Eines, das mir offenbar sehr entgegenkommt. Und das Essen ist viel besser. Finde ich jedenfalls. 😉

Hier in meiner Erstheimat, dem Pott, gibt es ein interessantes Phänomen. Gut, nicht nur hier, sondern im Grunde in ganz Deutschland, aber hier scheint es mir besonders ausgeprägt: das Phänomen, das ich „Bayern-Bashing“ nenne. Kaum hört man etwas aus Bayern, das gelobt wird und – nachgewiesen – besser sei als hier, bricht hier bei nicht wenigen Menschen sogleich ein Aufstand, schlimmerenfalls ein furchtbarer Furor aus. Da wird gleich gelästert, was das Zeug hält – einige hier scheinen die Bayern in ihrer Gesamtheit als weltfernes Bergvölkchen zu sehen, das unverdrossen, aber grantelnd das ganze Jahr mit Almauf- und -abtrieben beschäftigt sei. Grobe, grantelnde Klötze, die hinter dem Mond leben und deren einzige Zerstreuung in Fingerhakeln, Armdrücken und Schuhplattler bestehe …  Es sei denn, sie sägen jeweils zu zweit wettbewerbsmäßig Baumstämme entzwei, wobei sie dann und wann laut jauchzen oder sich gegenseitig Watschn geben und dabei: „Do leggst di nieder!“ schreien. Und alles unter einem weißblauen Himmel und selbstverständlich tagein, tagaus in Tracht. So scheinen sich das nicht wenige hier vorzustellen. Aua!

Neulich tobte einer in der Kommentarfunktion eines passenden Artikels der Zeitung mit den drei Buchstaben herum, die Infrastruktur bei den „Barzis“ – er meinte wohl „Bazis“ – sei doch wie in der Dritten Welt! Welch wunderbare und hervorragende Infrastruktur doch hier im Ruhrgebiet herrsche! O ja! Und wie! Speziell im ÖPNV stelle ich immer wieder fest, wie hervorragend die einzelnen Ruhrgebietsstädte miteinander vernetzt sind. Ich komme meist ohne Probleme nach Essen, Oberhausen, Duisburg, Bochum oder Dortmund, aber will man an manch anderen Ort, kann es schon einmal recht problematisch werden.

Und sehe ich mich hier so in der Gegend um, frage ich mich, wo wohl die hervorragende Infrastruktur sich versteckt haben möge. So viele Straßen, die aus aneinandergereihten Schlaglöchern bestehen, die nur einen Vorteil haben: Sie zwingen automatisch dazu, langsamer zu fahren und sind ein echter Stresstest für die Stoßdämpfer. Das war es aber auch schon. Schulen, in denen die Fenster fast aus den Rahmen fallen, mit sanitären Anlagen in einem Zustand, dass man sich jegliches menschliche Bedürfnis lieber so lange verkneift, bis man das Gefühl hat, gleich komme es einem zu den Ohren heraus. Baufälligkeit, wohin man sieht. Wahrlich – eine ganz hervorragende Infrastruktur …

Versteht mich nicht falsch: Ich hänge sehr am Pott und finde ganz traurig, wie es hier großenteils aussieht und was für Verhältnisse herrschen – ich kenne es noch anders. Aber ich verstehe nicht, wie man sich das Grauen, das einen an viel zu vielen Orten quasi anspringt, am Hals packt und würgt, auch noch schönreden kann. Was ist das? Trotz? Ein Minderwertigkeitskomplex, den hier wahrlich niemand nötig hat?

Ich bekam schon öfter mit, dass sich Menschen hier über die „Mia san mia“-Mentalität in Bayern aufregten. Pfui Teufel! Arrogant! Wie kann man nur? Doch auf der anderen Seite scheinen sie nicht zu merken, dass sie die gleiche Mentalität ausleben – „Bei uns ist alles besser!“ – und ihre eigenen Klagen über das bayerische „Mia san mia“ ad absurdum führen. Das aber ist in ihren Augen wohl etwas ganz anderes oder Notwehr.

Meine Mutter fragte mich gestern: „Ali, wie würdest du ‚O’zapft is‘‘ schreiben?“ Ich wunderte mich ein wenig, buchstabierte dann aber brav – mitsamt Apostroph. „Warum fragst du mich das?“ wollte ich wissen, und Mama meinte: „Nun ja, du weißt ja, dass mich hier seit jeher eine gewisse Überheblichkeit Bayern gegenüber nervt. Alles sei hier besser, sagt die Mehrheit. Und wie oft musste ich mir Beleidigungen anhören!“ O ja, das war mir nur zu bekannt. Man hat es nicht zwingend so leicht hier, wenn man aus dem Feindesland Bayern stammt. 😉 (Zugegeben: Umgekehrt ist es auch nicht immer einfach – es nervt auf beiden Seiten.) Selbst in meiner weitläufigeren Familie väterlicherseits galt meine Mutter wohl bisweilen als „exotisch“. Ich fand das gut. Weniger gut, was sie manchmal anhören musste. Harmloserer Natur, wenngleich durchaus ärgerlich, sprach eine Bekannte einmal von einem Menschen etwas derberer Statur, lachte und erklärte mit Seitenblick auf meine Mutter: „Der hat Hände wie ein Bayer!“ Das war eindeutig nicht positiv gemeint, obwohl mir in Bayern noch nie aufgefallen ist, dass die Menschen dort solch grobschlächtige Hände oder ein generell gröberes Äußeres oder Auftreten hätten als hier … (Ich vermute ohnehin, dass das sowieso recht gleichmäßig übers ganze Land verteilt sei … 😉 ) Und betrachtete man die Bekannte, eine Urwestfälin, genauer, musste man leider feststellen, dass sie selber nicht übermäßig feingliedrig zu nennen war, um es mal so auszudrücken. Das verlieh dem Ganzen eine gewisse Situationskomik, und meine Mutter grinste auf eine ganz spezielle Art. Es war leise Ironie in ihrem Grinsen. 😉

Doch zurück. Wozu wollte Muttern von mir wissen, wie man „O’zapft is‘“ schreibe? Sie lachte und meinte: „Nun ja, hier sei ja alles besser, sagen viele, und diese Leute fühlen sich ja so überlegen. Komischerweise machen sie dann ganz viele Dinge nach und kopieren sie – wenn ich nur an die unsäglichen ‚Oktoberfeste‘ hier denke. Dirndl! Weißwürscht! Alles Dinge, über die sie sich so gern lustigmachen. Und dann lese ich hier in der Zeitung einen Artikel über ein geplantes ‚Oktoberfest‘, und die Überschrift lautet: ‚Oh! Zapft is!‘ Und das steht dann auch noch einmal im Artikel.”

Ich lachte schallend. “Oh! Zapft is!” ergibt ja nun absolut keinen Sinn, aber das schien dem Schreiberling gar nicht aufgefallen zu sein. Und dass „O’zapft is!“ bedeutet, dass „angezapft“ wurde, ist auch für Menschen nördlich des Weißwurstäquators doch gar nicht so schwer zu verstehen, oder? Ich war der Ansicht, dass dieser Ausruf bereits in den allgemeinen deutschen Sprachschatz Einzug gehalten hätte. Die Betonung liegt seit gestern auf „war“.

Muttern lachte sich ebenfalls scheckig, und ich konnte, obwohl wir einander nicht gegenüberstanden, förmlich sehen, wie sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlug: „Da sei alles Scheiße, was aus Bayern kommt, aber dann kopieren sie manche Dinge – und das nicht einmal gut -, verstehen aber schon die einfachsten Dinge nicht. Machen dann aber während dieser Ruhrpott-Oktoberfeste einen auf bajuwarisch. Das finde ich irgendwie grotesk und wirklich zum Lachen.“ Ja, das ist es auch. 😉 Sehr, sehr erheiternd.

Übrigens kommt hier immer mehr das sogenannte „Zwicklbier“, auch „Kellerbier“ genannt, auf – ein ungespundetes Bier, das in Bayern bzw. Franken weitverbreitet ist. Offenbar hat man bemerkt, dass das wirklich sehr gut schmeckt. 😉 A propos Bier: Immer wieder höre ich von Uneingeweihten hier, das bayerische Bier sei etwas für Weicheier – da sei ja „kaum was hinter“, wie sie sagen, während sie ihr konfektioniertes „Pilsken“ trinken. Nix gegen Pilsken, wohlgemerkt, aber ich habe schon sternhagelvolle Menschen erlebt, die im Polizeijargon „hilflose Personen“ genannt werden und behauptet hatten, bayerisches Bier sei nur für Warmduscher, siehe oben, und dann an diesem vermeintlichen „Weichei-Bier“ scheiterten. Und das schon recht früh und nach vergleichsweise kleinen Mengen. 😉 Wenn ich so etwas das nächste Mal erlebe, schreie ich einfach ruhrimäßig: „Oh! Zapft is‘!“

Allen Bayern-Bashern rate ich dringend: „Fahrt’s amol selber hi!“ Denn ich glaube, so mancher Basher würde vor Ort verstummen. 😉 Und das wäre auch in manchem Falle ganz gut so, denn ich las vor einigen Jahren einen Artikel über die Wiesn in München, die ja von der halben Welt nebst Unterwelt frequentiert wird. Da zwängen sich Norddeutsche und Amerikanerinnen und sonstige Nichteinheimische begeistert in Dirndl, zu denen sie überhaupt keinen Bezug haben. Und sie singen: „In München steht ein Hofbräuhaus …“, als handelte es sich dabei um ihr Geburtshaus. Dabei wäre es viel sinnvoller, sich zuvor mal mit dem dortigen Idiom zu befassen, denn immer wieder kommt es zu Missverständnissen, weil viele Menschen dort kein Wort verstehen, das Einheimische sprechen. Auch Deutsche. Und so kam es, dass vor einigen Jahren ein Münchner einer Hamburgerin im Dirndl – alte Hamburger Tradition – wohl ein Kompliment machen wollte. Und so sah er sie an, nickte anerkennend und meinte: „Do leggst di nieder!“ Die Hamburgerin war darob empört und rief die Polizei. Warum? Nun, sie hatte den freundlich gemeinten Satz, der neben großer Verblüffung auch Anerkennung ausdrücken kann, völlig missverstanden. Sie fühlte sich sexuell belästigt, da sie den Satz offenbar als: „Los, leg dich hin!“ interpretiert hatte … 😉

Ich sage es ja immer: Seid weltoffen – aber nehmt stets ein Wörterbuch, egal, ob aus Papier oder elektronisch, mit. Für eine bessere Völkerverständigung. 😉

In diesem Sinne: Tschüss! Ade! Und: Pfiats eich! 🙂

Kochen und andere Wissenschaften

In den letzten Jahren schossen Kochsendungen im Fernsehen wie Pilze im Herbst aus dem Boden. Anfangs sah ich sie mir auch recht gern an, da ich viele Anregungen aus ihnen mitnehmen konnte. Inzwischen gehen mir die meisten Sendungen dieser Art auf den Senkel. Warum?

Da steht ein Koch oder eine Köchin, dessen oder deren Name vor den Kochsendungen höchstens regional ein Begriff war, vor seinem oder ihrem Publikum und doziert, was das Zeug hält. Soweit ja nicht verwerflich, aber plötzlich himmeln ihn oder sie Menschen an, die zuvor den Unterschied zwischen Petersilie und Petersfisch nicht kannten, dessen Existenz ihnen ebenfalls unbekannt war, ebenso, was ein bouquet garni ist, dessen Namen sie nun so gewandt im Munde führen, als hätten sie es selbst erfunden, und stellen ihn oder sie auf ein Podest, als hätte er oder sie endlich ein Mittel gegen Krebs entdeckt und erforscht.

Keine Frage: Kochen ist toll, und ich ziehe meinen nichtvorhandenen Hut vor richtig guten Köchen mit viel Kreativität und Phantasie. Ich gönne ihnen auch den Ruhm, esse gerne gut, aber warum um alles in der Welt meinen nun alle, Kochen zu einer Wissenschaft machen zu müssen? Da schwadronieren Menschen, die selber sogar Wasser anbrennen lassen würden und nicht einmal ein Ei kochen können – zumindest nicht, ohne dass die Küche danach wie ein Schlachtfeld aussieht -, von Dingen wie Molekularküche (wahrscheinlich waren ihre Lieblingsfächer in der Schule Chemie und Physik), dem „Metzger des Vertrauens“, Himalaya-Salz, Fleur de sel, und natürlich haben sie alle eine Pfeffermühle mit Peugeot-Mahlwerk zu Hause. Direkt neben dem überteuerten Schweizer Kaffeevollautomaten und dem japanischen Messerblock, der so dekorativ aussieht, wahrscheinlich aber nie benutzt wird, weil die Messer so teuer sind und ja etwas drankommen könnte, wenn man das Grillhähnchen damit tranchieren würde, das man kurz vorher im Hähnchengrill gekauft hat.

Manche kochen ja tatsächlich selber, gerieren sich aber dabei ebenfalls als Dozent und fabulieren wild herum,  dabei so viele französische Begriffe – Französisch ist die Sprache der Küche – benutzend, dass man sich fragt, ob sie einen Leistungskurs Französisch in der Schule hatten. (Meiner Erfahrung nach ist dies meist nicht der Fall und diese melodiös klingenden Küchenbegriffe der einzige Kontakt mit dieser Sprache, was gar nicht so selten an einer abenteuerlichen Aussprache und Betonung zu erkennen ist.  Aber: Hauptsache, man zeigt, dass man sich auskenne und ein echter Spitzenkoch in einem stecke. 😉 ) Mein Ex Giacomo geht in diese Richtung, und es ist oft sehr anstrengend, wenn man mit ihm kocht und er einen als eine Art „Beikoch“ behandeln will. Ich lasse mir das zwar nicht gefallen, aber es ist anstrengend.

Giacomo behauptete sogar einst, Kochen gehöre zu den klassischen Künsten. Ich zeigte ihm einen Vogel. Gewiss, es gehört Kreativität dazu, ein feiner Geschmack und auch Experimentierfreude und Mut – aber ich würde Kochen nun wirklich nicht mit Malerei, Literatur oder Musik auf eine Stufe stellen wollen. Giacomo schimpfte mich engstirnig, ich konterte, er sei besessen, und in seiner Obsession würde er die Relationen nicht mehr erkennen, auch gefördert durch diesen Spitzenkoch-Hype in den Medien. Und auch ich fing an, zu dozieren, wie ich mit Schrecken feststellte, aber doch dringend die septem artes liberales, die Sieben Freien Künste, erwähnen musste, in denen Kochen gar nicht erwähnt werde. Komisch, ne? Für mich sei Kochen Kunsthandwerk, aber keine klassische Kunst. Er schmollte, gab sich dann aber mit „Kunsthandwerk“ zufrieden. Zumindest nach außen. Egal, ich hatte das letzte Wort gehabt, was bei Giacomo wahrlich nicht einfach ist. Und die Streitgespräche sind oft so gelagert, dass man irgendwann mit erschütternd akademischen Argumenten ankommen muss – siehe Sieben Freie Künste, was normalerweise nicht zum eigenen Alltagsgespräch gehört. Anstrengend. Sehr, sehr anstrengend.

Doch zurück. Kochen ist toll, aber keine klassische Kunst. Und auch keine Wissenschaft. Ich habe vorhin mal wieder eine Kochsendung angesehen, aber nicht zu Ende geschaut. Mir ging dieses Verwissenschaftlichen furchtbar auf den Nerv. Kann man denn nicht einfach fundiert kochen, ohne eine Wissenschaft daraus machen zu wollen, was diese Tätigkeit wirklich nicht ist?

Interessanterweise aber verhalten sich obsessive Privat-„Spitzenköche“ und viele andere neue „Feinschmecker“ exakt so, als sei Kochen eine Wissenschaft. Im Gegenzuge kennen sie dann Tucholsky nicht, haben noch nie davon gehört, und man ist versucht, zu sagen: „Das ist der neue Spitzenkoch, der demnächst im Zweiten kocht und ein Sternerestaurant in Baden-Baden hat.“ Man verkneift es sich aber lieber – am Ende ist man noch schuld, wenn diese Leute sich ins Auto setzen und hunderte von Kilometern nach Baden-Baden rasen, um dort das Sternerestaurant „Schloß Gripsholm“ zu besuchen, es aber komischerweise gar nicht finden und auf Fragen an Einheimische nach dem Sternerestaurant von Kurt Tucholsky nur hochgezogene Augenbrauen und leises Kopfschütteln ernten. Dann möglicherweise auch noch eine Reifenpanne haben oder ihnen ein kapitaler Keiler ins Auto rennt. Nein, manche Dinge sollte man sich bei selbsternannten Feinschmeckern, die der Kochwissenschaft frönen und sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst viele Sternerestaurants zu besuchen, um dagewesen zu sein, wirklich verkneifen.

Ich weiß, ich bin böse. Aber ich habe leider schon so viele Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht, die zwar Kochen als Kunst oder Wissenschaft behandeln, grundständige Studiengänge, vor allem in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, gar nicht kennen und/oder als brotlose Kunst abtun, als könnten sie es beurteilen, aber dann erklären, sie hätten kürzlich bei dem und dem Sternekoch so tolle „Gnotschis“ gegessen. (Jahrelange Erfahrung hat mich gelehrt, dass damit gnocchi gemeint sind. Ja, ich weiß, ich bin garstig. Aber nur manchmal und wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt.)  Ich gebe zu, ich bin da ein wenig pisselig.

Immerhin – das hat Giacomo nie getan. 😉

Und jetzt sehe ich mir doch noch eine Kochsendung an. Mit einer sehr sympathischen Spitzenköchin aus Luxemburg. Die kocht wohl sehr, sehr gut, wirkt aber immer so erfreulich bodenständig. So, wie ich es mag. 😉

Der schwierige Weg zur Anmut

Gestern habe ich ausgiebig Olympia geguckt. Nicht alle Disziplinen finde ich interessant, aber mich fesselten einige dann doch so sehr, dass ich erst einmal dabeiblieb.

Turnen beispielsweise finde ich faszinierend, und ich sah atemlos den Damen am Stufenbarren zu. Wahnsinn, diese Körperkoordination! Noch faszinierender finde ich den Schwebebalken, und ich bewundere stets nicht nur die genannte Koordination, sondern auch die Präzision, in der die verschiedenen Elemente ausgeführt werden.

Mit Schaudern dachte ich gestern bei den Damen am Stufenbarren an meine Schulzeit, genauer: den Sportunterricht in der Oberstufe. Die verschiedenen Kurse bestanden aus einer Haupt- und zwei Nebensportarten. Es gab zwei schwerpunktmäßige Volleyballkurse, einen Basketballkurs, einen in Leichtathletik, einen in Schwimmen – und unseren …

Da ich Volleyball nie sonderlich schätzte, jedenfalls nicht, wenn ich spielen musste, im Basketballkurs lauter Cracks waren, allesamt in der Größe, in der Basketballspieler und -spielerinnen für gewöhnlich optimaler Weise sind, ich zwar privat gern schwimme, jedoch nicht, wenn es benotet werden soll, und Leichtathletik auch nicht so mein Ding ist, blieb nur dieser Kurs, der von den anderen Kursen stets belächelt wurde. Denn es handelte sich um den Schwerpunkt Gymnastik/Tanz.

Unsere Lehrerin hatte ursprünglich einst eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert, wie das zu ihrer Zeit noch hieß. Aber sie hatte eine Zusatzausbildung gemacht und durfte als Sportlehrerin arbeiten. Manche Entscheidungen kann man nicht immer nachvollziehen.

Unser Schwerpunkt lag also auf Gymnastik und Tanz, und wir waren ein Kurs von etwa 25 Mädels und einem Jungen, Tobias, einem guten Freund von mir. Ganz zu Beginn startete Frau Heller, unsere Einpeitscherin – sorry, anders kann man sie echt nicht nennen –, eine Abstimmung, denn die beiden Nebensportarten durften wir selber aussuchen. Immerhin lebten wir in einer Demokratie, und es waren nur einige Regeln zu beachten.

Rasch hatten wir uns entschieden: Basketball und Badminton sollten die beiden Nebenkriegsschauplätze, ääh, Nebensportarten sein, deren Bewältigung mit je 25% zur Gesamtnote beitragen sollte.

Ich war zufrieden damit. Basketball war okay, den spielte ich immer recht gern, und auf Badminton freute ich mich, ebenso wie meine Mitschüler.

Nachdem wir schon eine ganze Weile Gymnastik betrieben und getanzt hatten, kam dann auch endlich Basketball dran. Nur auf Badminton warteten wir. Und warteten. Wir würden wahrscheinlich noch heute darauf warten, hätten wir nicht unsere Einpeitscherin unter Druck gesetzt, die schließlich zugab, sich hinsichtlich Badmintons erst einarbeiten zu müssen – wir sollten uns eine andere Nebensportart aussuchen. Einige Wahnsinnige wollten dann tatsächlich Volleyball, aber das haben wir nicht lange gemacht, da es bei den meisten nicht auf Gegenliebe stieß. Ich sehe beim Volleyball gern zu – aber selber spielen? Och nee …

Und so landeten wir beim Hallenhockey. Das machte wiederum richtig Spaß, aber wir mussten auch damit wieder aufhören, nachdem einer Mitschülerin dabei fast der Daumen, einer anderen beinahe die Nase gebrochen worden war. Einige von uns waren besonders ehrgeizig oder verwechselten Hockey mit Golf, obwohl Frau Heller uns immer wieder einschärfte, der Schläger dürfe nicht über Schulterhöhe gehoben werden. Schade.

Was blieb da noch? Es wurde ganz schauerlich, denn Frau Heller bestimmte, dass wir dann eben als zweite Nebensportart Gerätturnen machen würden. Die Begeisterung schlug hohe Wogen …

Recht schnell war klar, dass der Schwebebalken nicht jedermanns Sache war. Es sieht immer so toll aus, wenn durchtrainierte Athletinnen leichtfüßig über den Schwebebalken laufen oder springen. Ganz zu schweigen von Flickflacks, Salti oder Radwenden. Nach einigen Versuchen am Schwebebalken beschloss ich, dass ich mich eher auf Bodenturnen und den Stufenbarren konzentrieren würde. Eine weise Entscheidung, denn gleich in einer der ersten Stunden stürzte eine meiner Mitschülerinnen so heftig vom Schwebebalken, dass sie drei Wochen mit einer Gehirnerschütterung fehlte. In einer der späteren Stunden stürzte eine andere Mitschülerin vom Stufenbarren und verletzte sich ebenfalls. Danach war auch Gerätturnen Geschichte – zumindest bei uns. Und so spielten wir halt wieder Volleyball …

Aber besonders gern sahen die Mitschüler aus den anderen Kursen zu, wenn wir unsere beiden Hauptdisziplinen ausführten: Gymnastik und Tanz. Es gab dabei so herrlich viel zu lästern. 😉 Ich glaube, damals habe ich gelernt, Störfaktoren und albern lachende Leute komplett zu ignorieren. Als wären sie gar nicht da. Nicht, dass es uns nicht gestört hätte oder wir uns nicht geschämt hätten, nein. Aber das muss man ja nicht noch eingestehen. 😉 Und so gab es doch einen Lerneffekt in diesem Kurs. 😉

Dabei ist es, untrainiert, gar nicht einmal so einfach, eine einfache Standwaage so hinzubekommen, dass man nicht wie ein verkümmertes Fragezeichen aussieht. Ich hatte damit weniger Probleme, da ich früher voltigiert hatte und wir dort öfter derartige Balanceübungen machen mussten. Zumindest wusste ich, wie es geht, und nach einer relativ kurzen Eingewöhnungszeit ging es wieder.

Klasse dann die verschiedenen Gymnastiksprünge! 😉 Beim Trainieren landete dauernd irgendjemand mit einem lauten Knall auf dem Hallenboden. 😉 Derartige Sprünge sehen immer so einfach aus – und auch schön. Wenn sie von Menschen ausgeführt werden, die regelmäßig trainieren, wohlgemerkt.

Anschlag- und Schrittsprünge hatte ich schnell heraus, und auch der Pferdchensprung bereitete keinerlei Probleme, sogar mit Drehung. Richtig erheiternd wurde es, als wir alle den sogenannten Spagatsprung trainierten. Es war wohl von Vorteil, dass unsere Halle nicht in der Nachbarschaft von Wohnhäusern stand, denn die Anwohner hätten sonst noch geglaubt, die Kavallerie nahe! Statt leichtfüßig-elegant durch die Halle zu federn, sprangen wir quasi mit donnernden Hufen herum, und einige hätten dabei, so unsere zuschauenden und feixenden Mitschüler, mal besser einen Sport-BH getragen. 😉

Bei alldem mussten wir auch noch unsere Arme irgendwie koordinieren, wie Frau Heller uns durch die donnernden Hufschläge mit überschnappender Stimme anschrie. Die Arme mussten elegant geschwungen werden, bitte schön! Nur: wie, wenn man gerade hochkonzentriert versucht, wenigstens die Beine so unter Kontrolle zu bekommen, wie es verlangt wird? Dass wir uns nicht gegenseitig erschlagen haben, während wir hin und her durch die Halle stampften, wundert mich noch heute. 😉

Immerhin: Zumindest meine Armbewegungen fanden Gnade vor der gestrengen Einpeitscherin, als es mit dem blöden Spagatsprung nicht auf Anhieb klappte. Sie verstieg sich zu der Aussage: „Das sieht doch schon recht schön und tatsächlich recht elegant aus, wie du mit den Armen arbeitest. Nicht so elegant wie bei deiner Schwester, natürlich, aber auch nicht schlecht.“

Das war einer der Hauptaspekte, derentwegen ich Frau Heller nicht sonderlich mochte. Sie hatte es schon direkt zu Anfang vergeigt, als sie meinen Nachnamen gehört und mich gefragt hatte: „Kennst du zufällig eine Stephanie B.? Seid ihr verwandt?“ – „Stephanie ist meine Schwester.“ Daraufhin sah Frau Heller mich ohne jegliches Lächeln an und meinte vorwurfsvoll: „Da ist ja überhaupt keine Ähnlichkeit! Du siehst ja ganz anders aus!“ Ja, sollte ich mich jetzt vielleicht dafür entschuldigen? Schon verschissen, gute Frau. Und sie behielt ihre ewigen Bewertungen bis zum Abitur bei, beschwerte sich mehrfach darüber, dass ich „ja viel eigenwilliger“ sei als meine Schwester. Viel frecher. Ja, wunderte sie das noch? Man kann sich ja nicht alles gefallen lassen. 😉 Wenn sie gewusst hätte, was meine Schwester von ihr hielt … Ach, ich glaube, ihr Weltbild wäre völlig zerstört gewesen. 😉

Richtig schön dann, als wir uns ansatzweise an Rhythmischer Sportgymnastik versuchten! Wir mussten mit allen fünf Geräten arbeiten – Keulen, Ball, Seil, Reifen und Gymnastikband. Das war speziell im Falle der Keulen nicht ungefährlich … Wenn man es nämlich nicht kann, ist es gar nicht so einfach, diese Dinger in die Luft zu schleudern und dann koordiniert wieder aufzufangen. Schon gar nicht, wenn man, während die Keulen noch in der Luft sind, mehr oder minder elegante Pirouetten drehen oder spagatspringen muss … Auch da wundert mich, dass es nicht viel mehr Verletzte gab und niemand von Keulen niedergestreckt wurde, die in abenteuerlichen Flugbahnen unkontrolliert durch die Halle flogen. 😉 Mag sein, dass das der Grund dafür war, dass wir mit den Keulen nur kurz arbeiteten …

Auch mit dem Ball gab es häufiger die Situation, dass meine Mitschüler und ich hektisch hinter den erratisch umherspringenden Gymnastikbällen her hechten mussten. Frau Heller rang die Hände, aber man konnte zumindest damit punkten, dass man in eleganten Schritt- oder Spagatsprüngen dem Ball hinterherjagte. Häufiger fand man sich auch auf dem Boden wieder, da man mit Mitschülern zusammengeprallt war, die ihrerseits ihren unkontrollierten Ball einfangen wollten.

Reifen? Auch gefährlich. Selten gab es so viele Stürze wie mit dem Reifen. Und auch damit das eine oder andere Mal Nasenbluten, weil zwei Leute zu dicht beieinandergestanden und sich gegenseitig den jeweiligen Reifen bei einer eleganten Schwingung ins Gesicht gerammt hatten.

Am wenigsten risikobehaftet das Seil und das Gymnastikband. Letzteres brachte nur den Nachteil mit sich, dass sich – stand man zu dicht nebeneinander – das eigene Band mit dem Band des Mitschülers schier untrennbar verknotete, so dass man aneinandergefesselt war. Und die Knoten waren immer bemerkenswert schwer zu lösen. Immerhin wurden so die Finger gymnastiziert. Das war doch schon einmal ein Anfang.

Nein, Rhythmische Sportgymnastik habe ich auch nicht sonderlich angenehm in Erinnerung, weil wir dabei dauernd von Frau Heller angeschrien wurden. Das macht dann keinen Spaß mehr.

Tanzen war okay. Wir machten Jazzdance und sogar Rock’n’Roll. Nicht schlecht – hätten wir nur länger machen sollen.

Nervig die ewigen Küren, die wir einstudieren sollten. Die mussten dann, zur Begeisterung jedweder Zuschauer, vor dem ganzen Kurs und den Zaungästen vorgeführt werden, wurden dann von Frau Heller kommentiert und benotet. Manchmal dachte ich, ich hätte doch besser in einen der anderen Kurse gehen sollen …

An all das musste ich denken, als ich vor dem Fernseher saß. Die ganze Schmach von damals kam wieder hoch. Aber dann auch ein apokalyptischer Lachanfall. 😉

By the way: Neulich entdeckte ich ein reizendes Video im Internet, in dem ein Babyelefant mit einem Gymnastikband spielt und es durch die Gegend schleudert. Das Elefäntchen hatte sichtlich Spaß mit dem Gymnastikband. Mehr als wir damals … Zwar wirkte es ein wenig grobmotorisch, aber so viel besser sah das Ganze bei uns damals sicherlich auch nicht aus. 😉 Nur hatten wir zusätzlich auch nicht so viel Spaß wie das Elefantenkind …

Endlich Urlaub – oder doch nicht?

Ich gebe zu, ich habe meinen Urlaub dieses Jahr sehr kurzfristig eingereicht. Sechs Wochen insgesamt habe ich Kolleginnen vertreten, und inzwischen ist Urlaub auch für mich dringend angesagt.

Das merkte ich in der soeben vergehenden Woche schon daran, dass ich am Dienstag und Mittwoch mit dem schlimmsten Migräneanfall des letzten Dreivierteljahres „belohnt“ wurde. Wie üblich fing es harmlos an, und zunächst dachte ich an eine Magen-Darmgrippe, wie man das im Volksmund so nennt, bis in die frühen Morgenstunden der Nacht zum Dienstag, die ich weitgehend im Bad entweder auf der Toilette sitzend oder quasi über ihr schwebend verbracht hatte. Kein Gedanke an Migräne, bis sich dann plötzlich zusätzlich noch massive Kopfschmerzen linksseitig breitmachten.

Zum Glück verfüge ich über eine vergleichsweise rasche Reaktionsgeschwindigkeit, die mich dann auch gleich meinen Putzeimer mit geschätzt zwei Litern Wasser befüllen und an mein Bett tragen ließ, dazu auch noch eine Schüssel mit kaltem Wasser und einem kleinen Handtuch. Und die Jalousie im Schlafzimmer hinunterlassen. Das alles ist eingespielte Routine, wenn man unter Migräne leidet oder leiden muss.

An den Rest erinnere ich mich ungern, denn ich verbrachte den Dienstag im abgedunkelten Zimmer mit einer kalten Kompresse auf der Stirn, musste leider öfter den Eimer benutzen und dann angewidert gen Bad schleppen, ausleeren, ausspülen und neu mit Wasser befüllen. Jeder Gang eine Qual sondergleichen.

Immerhin hatte ich es morgens noch geschafft, meiner Kollegin Janine eine Nachricht per WhatsApp zu schicken, in der ich ihr ankündigte, sie im Laufe des Tages anzurufen. War dann leider nicht möglich, denn ich war froh, reglos in horizontaler Position in meinem Bett zu liegen, ohne dass einer der Nachbarn auf die Idee kam, Klavier üben oder seine Wohnung rundumerneuern zu müssen. Alles schon erlebt, und unter Migräne ist das wahre Folter. Zum Glück scheint keiner meiner Nachbarn musikinstrumentaffin zu sein. Geschweige denn, geborener Heimwerker.

Gestern kehrte ich zur Fron zurück, offenbar noch recht angegriffen aussehend, da meine von mir sehr geschätzte Kollegin Danni mich ansah, als sei ich gerade vom Mars gelandet, als sie meiner erstmalig ansichtig wurde. Nun, also! So schlimm sah ich nun wirklich nicht aus! Aber sie starrte mich an und meinte: „Geht es dir besser?“ – „Äääh, ja, schon. Warum?“ – „Was hattest du denn?“ – „Eine Migräneattacke.“ – „Das dachte ich mir! Du siehst so aus, als hätte man dich gequält!“ – „Demnach müsste ich hier doch ganz normal aussehen, Danni!“ Sie lachte und meinte: „Nee, du siehst wirklich so aus, als hätte man dir etwas angetan! So habe ich dich schon lange nicht mehr gesehen! Seit Februar allerdings öfter, wenn ich es recht überdenke.“

Schön, dass die Kollegen offenbar Buch führen, wie man in verschiedenen Zeiträumen so aussieht. Ich gestehe, dass ich wohl seit Mitte, Ende Februar häufiger unter Migräne litt. Die Arbeit ist seither wohl schwerer geworden. Oder das Umfeld weniger angenehm.

Bei Danni weiß ich zumindest, dass sie es nett meint – sie ist, wie ich gestern erfuhr, selber Migränikerin. Und sie fragte mich auch gleich, warum ich überhaupt bei der Arbeit sei, da doch mein rechtes Auge so viel kleiner wirke als mein linkes. Sie habe das auch immer, nur umgekehrt. Ob ich nicht lieber nach Hause gehen wolle? Ich nahm Danni in den Arm und meinte: „Das ist lieb! Aber ich komme schon klar.“

Janine meinte nur: „Du hast rein gar nichts verpasst – warum, zum Henker, bist du nicht zu Hause geblieben?“ – „Weil die Pflicht rief!“ Janine lachte dreckig.

Und so habe ich den gestrigen Arbeitstag irgendwie überstanden, obwohl wieder einmal bei ausgewählten Mitarbeitern möglich gemacht wurde, was bei Janine, Daniela, Sybille, Andrea und mir vorgeblich unmöglich sei: Es wurde mal wieder heftig auf ein höheres Gehaltsgleis gehievt. Ich bin diejenige, die solche Bekanntmachungen dann auch noch übergeben darf … 😉

Heute früh tat ich mich daher schwer, mich aus dem Bett zu erheben, aber irgendwann kam auch ich bei der Arbeit an. Immerhin: mein letzter Arbeitstag vor meinem Urlaub! Das reißt man doch ganz locker runter – oder nicht?

Als Janine und ich dann gen Parkplatz zu unseren Autos schreiten wollten, sahen wir Ulli, den netten Menschen aus der Nachbarschaft mit Luna, der weißen Schäferhündin, des Weges schreiten, der uns schon Anfang der Woche etwas Stress bereitet hatte, als er hinsichtlich der Einlösung der Schuh-Gutscheine insistierte. Auch das noch! Wir drückten uns dann klammheimlich durch einen Nebeneingang aus dem weitläufigen Gebäude heraus und schlichen auf Umwegen zum Parkplatz … Was für ein Stress! 😉

„Endlich Urlaub!“ rief ich, als wir dort angekommen waren, und Janine rief: „Endlich Wochenende!“ Wir verabschiedeten uns voneinander, und ich strebte zu meinem Auto, fuhr noch zu Aldi und dann heim.

Es hätte alles so schön sein können … Aber dann erklang der Benachrichtigungston meines Smartphones, der bei WhatsApp immer erklingt: Die Tochter meiner Kollegin, die ich die letzten drei Wochen vertrat, ist im Urlaub krank geworden. Man wisse noch nichts Genaues, aber es sei möglich, dass ich Montag zur Arbeit müsse …  Man könne mir aber auch erst am Montagmorgen Bescheid geben …

Ja, danke auch! 😉 „This is the worst trip I’ve ever been on!“ zitiere ich mal aus einem uralten Lied der „Beach Boys“. Passt gerade so schön. 😉

Es wird gespart – koste es, was es wolle!

Seit ich stolze Halterin eines Autos bin – drei Monate lang des kleinen Scotty, seit Juli des noch etwas kleineren Monty –, habe ich festgestellt, dass man nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann. (Eigentlich war mir dieses Modell durchaus schon früher bekannt, nun umso mehr.) Und so kommt es, dass ich zwar ab Montag Urlaub habe – himmlischer Zustand! -, dieses Jahr aber nicht wegfahre. Ich kann jedoch nicht einmal sagen, dass ich den Urlaub „auf Balkonien“ verbringen werde, denn obwohl wir ja die Hundstage haben, würde ich auf dem Balkon wohl frieren wie ein Mexikanischer Nackthund die meiste Zeit, zumindest in kälteren Gefilden.

Bis dato musste ich mir keine großen Gedanken machen, ob ich vielleicht mal wieder ein Paar neuer Schuhe oder ein neues Oberteil nebst Hose kaufen solle oder nicht. Inzwischen muss ich meinen Monatslohn anders einteilen, denn wenn Monty auch ein sparsamer, kleiner Geselle ist, muss er doch regelmäßig betankt werden, seine Versicherung ist auch nicht gratis, und statt mir neue Schuhe zu kaufen, braucht er demnächst Winterreifen. Geht eindeutig vor – und ich habe ja schon genug Schuhe. Bin ja zum Glück keine Schuhfetischistin.

Letzten Monat habe ich mir überlegt, wie ich denn sinnvoll sparen könne. Seitdem habe ich kein einziges Zeitschriften-Abo mehr. 😉 Alle gekündigt, wobei eine Fachzeitschrift sich etwas sperrig anstellte und mir weismachen wollte, die zum Magazin stets zugehörige CD sei seit jeher separat abgerechnet worden, was nicht stimmte. Denn nachdem ich Magazin und ein weiteres Medium gekündigt hatte, flatterte mir eine Rechnung über 150,- € ins Haus bzw. in die Mailbox. Der Preis für ein weiteres halbes Jahr. Nicht mit mir! Ich schrieb mit knirschenden Zähnen eine zuckersüße Mail, gab mich völlig ahnungslos, als könne ich nicht bis drei zählen, und gab an, ich hätte doch aber alles gekündigt – warum denn nun noch diese hohe Rechnung? Das würde ich ja gar nicht verstehen! Man schrieb zurück, aber das sei doch immer schon so gewesen … Ich staunte. Eigentlich nicht. Da wollten die mir fürs zum Magazin zugehörige Audio-Medium doch glatt noch mal Geld aus den Rippen leiern! Frechheit! Ich schrieb noch süßer und ganz „verzweifelt“ zurück, das sei aber ganz furchtbar und würde mich in eine ebenso furchtbare Bredouille bringen. Resultat: Man nahm die Rechnung zurück, und ich bedankte mich überschwenglich, hatte aber, ich konnte es mir nicht verkneifen, noch den Hinweis, dass das Verfahren ein wenig „intransparent“ sei. Seitdem habe ich nichts mehr von dem Verlag gehört. Aber gut so: Ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte.

In einem bekannten Drogeriemarkt, dessen Name aus zwei Buchstaben besteht, war ich auch schon ziemlich lange nicht mehr. Ebensowenig bei der Konkurrenz, denn Drogeriemärkte gehören zu den Geschäften, die zumindest ich nicht besuchen sollte, wenn ich sparen möchte.

Kaum betreten, fällt mir bereits eine absolute Neuheit auf dem Haarpflegeprodukt-Markt ins Auge, und wider jede Vernunft – nein, auch mit diesem vermeintlichen Wundermittel wird aus feinen, glatten Haaren kein Pferdehaar – landet sie nach kurzem Ringen gegen mich selbst in meinem Einkaufswagen. Duschgel! Auch ganz gruselig, eine echte Einkaufsfalle. Zumindest bei mir. Immerhin kann ich sagen, dass ich alle Duschgele auch benutze und aufbrauche. Wegschmeißen gilt nicht. Vielleicht besser erst gar nicht kaufen … 😉

Ganz schlimm die Kosmetikabteilung und hier die Sektion „Nagellacke“. Ich habe neulich versucht, sämtliche Nagellacke zu zählen, die ich besitze. Ich hatte nach Fläschchen No. 10 keine Lust mehr. Eine depressive Verstimmung hatte mich überfallen, das Gefühl, total bescheuert und eine grässliche Verschwenderin zu sein, denn: Möchtet ihr wissen, wie oft ich mit lackierten Nägeln das Haus verlasse? Fragt lieber nicht. Ich bin im Grunde viel zu ungeduldig für Nagellack … Aber ich denke jedes Mal, wenn ein neuer, gaaanz toller Lack in meinem Einkaufswagen landet: „Ab jetzt wird alles anders. Künftig wirst du nie wieder mit unlackierten Nägeln herumlaufen, jetzt, da du diesen supercalifragilisticexpialigetischen Lack entdeckt hast!“ (Tolles Wort, ne? Stammt aus Mary Poppins, falls jemand es nicht gewusst haben sollte. 😉 ) Und ich bin nicht nur zu ungeduldig, sondern habe absolut keine Lust darauf, jeden Tag mit Nagellackentferner und danach erneut mit Nagellack hantieren zu müssen – das Zeug hält ja durchaus nicht immer so lange, wie es vorgibt. (Bis auf das furchtbare Zeug mit Glitzerpartikeln – da braucht man hinterher annähernd eine Schleifmaschine, um das Zeug wieder von den Nägeln abzubekommen.)

Ich bin schon immer ganz froh, wenn sich im Kosmetikbereich zahlreiche Frauen vor den Regalen drängen und den Weg versperren. Wer hat schon Lust, sich seinen Weg zum vermeintlichen Glück mit Gewalt bahnen zu müssen? 😉

Blöd ist nur, dass ich regelmäßig Kochsalz- und Aufbewahrungslösung für meine Kontaktlinsen kaufen muss. Oder zumindest die Kombilösung. Bis ich am Regal fürs Kontaktlinsenzubehör angelangt bin, habe ich schon mehrere neuralgische Punkte passieren müssen, was sich bisweilen am Inhalt meines Einkaufswagens widerspiegelt …

Kürzlich aber war ich sehr stolz auf mich: Ich hatte es geschafft, den Drogeriemarkt zu betreten und – bis auf drei kleine Probefläschchen dreier neuer Sorten meines Lieblings-Duschgel-Herstellers – wirklich nur das in den Wagen zu packen, was ich auch wirklich brauchte. Wahnsinn! Es war der kürzeste – und der langweiligste – Besuch des Drogeriemarktes seit Anbeginn der Geschichtsschreibung. Aber ich fühlte mich so unbeschreiblich vernünftig. Unbezahlbar! 😉

Eine weitere Gattung Geschäft, um die ich künftig einen Bogen mache, sind – man höre und staune! – Schreibwarenläden. Da bin ich auch schon öfter verloren gewesen. Komische Gattung, nicht wahr? Und ich weiß auch nicht, was mich da immer so betört. Ist es der Geruch von Papier? Die Auswahl an Stiften? Ich tippe auf den Duft des Papiers – der hat mich schon als Kleinkind fasziniert, wann immer ich „Papier Pager“ betrat, einen Schreibwarenladen schräg gegenüber der damaligen Wohnung meiner Oma Margareta in Bamberg. Es roch dort immer so gut, und hätte ich als Kleinkind Geld gehabt, hätte ich es sicherlich bei Pager auf den Kopp gehauen. 😉 Der Geruch erinnert mich noch heute an meine Kindheit – sehr angenehm. Ich vermute, Pager ist schuld, dass ich danach in Schreibwarenläden stets in Gefahr schwebte, viel zu viele Sachen – Briefpapier und so fort – zu kaufen. 😉

Ja, und dann ist da noch dieser Kaffeeröster mit den sechs Buchstaben … Um dessen Niederlassungen mache ich auch seit neuestem einen großen Bogen. Nicht, dass ich dort Kaffee kaufen würde! Nein! Den kaufe ich doch lieber im Supermarkt. Aber das Vertrackte an diesem Kaffeeröster ist, dass er stets so viele andere, ganz tolle Dinge anpreist. Eine gewisse Anzahl davon befindet sich in meinem Besitz … Aber seit einiger Zeit meide ich diese Geschäfte und gehe nur noch brav in den Supermarkt oder zum Discounter.

Aber die fallen mir ja auch in den Rücken! Drei der Märkte, die ich regelmäßig aufsuche, haben eine Abteilung des genannten Kaffeerösters mitsamt dem Nicht-Kaffee-Angebot! Eine Frechheit! 😉 Doch inzwischen – ich bin stolz auf mich! – gehe ich blicklos (naja, fast blicklos …) an diesem Bereich vorbei. Völlig egal, was dort angeboten wird. Ich staune über mich selber. 😉

Käufe im Internet sind – fast – tabu für mich. Toll! 🙂

Aber ich sehe es halt so: „Es wird gespart – koste es, was es wolle!“ Und so fahre ich dann im nächsten Jahr wieder in den Urlaub. Vielleicht. Möglicherweise. Ich hoffe es zumindest. 😉

Ratschläge sind auch Schläge – manchmal zumindest ;-)

Heute gegen Nachmittag bezeichnete Janine mich kurzfristig als „bossy“. Dabei hatte ich nur gesagt: „Los, schwing die Keulen – es ist gerade ruhig hier, und wir könnten mal eben die Luftqualität testen!“

By the way: „Die Luftqualität testen“ bedeutet nichts anderes als: eine rauchen gehen. Das weiß sie. Das weiß ich. Das weiß im Grunde die halbe Belegschaft. Ist die Luftqualität zu hoch, müssen wir dringend etwas dagegen tun, indem wir rauchen. Immerhin leben wir mitten im „Pott“. Klar, oder? 😉

Ich war ein bisschen pikiert. Ich bin nicht „bossy“. Ich sah nur, dass sie gerade ein wenig demotiviert war, und da muss man doch …

Muss man das? Generell? Wohl nicht, wenn auch meine Aufforderung eher nett gemeint war, aber Janine war heute und auch die letzten Tage ein bisschen angepisst. Sie meinte es aber wohl auch nicht böse, als ich gleich meinte: „Das sagt die Richtige!“ Denn Janine kann ihrerseits etwas „bossy“ klingen, meint es aber ebensowenig so wie ich.

Generell sind Ratschläge aber zuweilen ein echtes Übel. Finde ich. Du hängst durch, hast Liebeskummer – der schlimmste Kummer von allen – oder sonst ein Kümmernis, und dann kommt einer an, rammt dir den Ellbogen in die Seite und gibt dir den guten Rat: „He! Sieh es positiv! Es könnte schlimmer sein. Stell dir vor, dir müsste ein Arm amputiert werden!“ Ach! Was ist ein amputierter Arm gegen ein amputiertes Herz – sofern es sich um Liebeskummer handelt! Wie oft ich schon beide Arme hergegeben hätte, um nur nicht mehr an dieser Art Herzschmerz zu leiden, ist nicht dokumentiert.

Andererseits: Hätte ich keine Arme mehr, würde ich sicherlich wiederum darunter leiden … Und dann käme jemand mit dem guten Ratschlag: „Sieh es positiv! Du könntest keine Beine mehr haben. Und so kannst du wenigstens gehen.“ Ja. Wenn auch etwas unbalanciert, so ganz ohne Arme …

Nein, ich habe Ratschläge immer gehasst. Meist entstehen sie aufgrund der bisherigen Lebenserfahrung des Ratschlägers, und oft ist es so, dass just die sich – zumindest meiner ganz persönlichen Erfahrung nach – zu Ratschlägern aufschwangen, die mit mir in vergleichbarem Maße Ähnlichkeiten aufwiesen, wie eine Milchkuh einem Aquarienfisch ähnelt. Will sagen: Es lagen meist Welten und ganz unterschiedliche Elemente dazwischen. Und so habe ich die tollsten Ratschläge bekommen – zumindest in meinem bisherigen Leben. Einer riet mir gar mal, ich solle doch mit dem Fallschirmspringen beginnen, als ich – einmal mehr – eklatanten Liebeskummer hatte. Ich litt leider nicht nur unter Liebeskummer, sondern leide unter Höhenangst. Soviel dazu, und deswegen meinte ich: „Gute Idee! Du denkst angesichts meiner Höhenangst sicherlich, ich wäre danach von allem anderen kuriert und würde dem Schöpfer, an den ich nicht glaube, auf Knien danken, zu leben, weil diese Angst alles andere überlagere.“ – „Ja, klar!“ (Ich muss nicht dazusagen, dass dieser Ratschlag von einem Mann kam? 😉 )

Sorry, aber so einfach ist es doch nicht. Der einzige Gedanke, der mich zum damaligen Zeitpunkt getröstet hätte, wäre der gewesen, dass – hätte ich es ausprobiert – vielleicht ausgerechnet mein Fallschirm und auch der Reserveschirm nicht aufgegangen wäre.

In vergleichbarer Situation riet mir mein Vater einst: „Kind, stürze dich in die Arbeit! Das hilft immer!“ Ja, das hätte ich ja gerne! Nur saß ich dann immer tränenumflorten Auges an der Arbeit, an der mich immer irgendwie irgendwas an die verflossene Beziehung erinnerte, und schon war es aus mit: „Stürz dich in die Arbeit“ …

Auch immer wieder gern genommen der gute Rat, wenn man schon seit geraumer Zeit an seiner Arbeitsstelle fast verzweifelt: „Ja, dann bewirb dich doch mal anderswo!“ Nicht, dass man es nicht schon wieder und wieder täte, aber mit Gründen, die nicht an der eigenen Qualifikation oder Persönlichkeit liegen, keine Chance hat. „Du musst dich nur trauen!“ heißt es dann oft, während man sich doch schon so oft traute, mittlerweile aber schon erwägt, einen Strick, einen wirklich tragfähigen solchen, zu erwerben, um dem Elend ein Ende zu bereiten.

Am besten ist immer, wie klug und von sich selbst begeistert dann manche Ratschläger dreinblicken! Als hätten sie gerade ihre eigene Genialität entdeckt, während man selber nur resigniert aus der Wäsche schaut, statt die Hände überm Kopp zusammenzuschlagen, sich die Quellen dieser unglaublich wertvollen Impulse zur Brust zu nehmen und mal „katholisch“ mit ihnen zu reden, wie mein Lateinlehrer das immer nannte, wenn man sich jemanden zur Brust nahm und dem erklärte, dass er sich gefälligst zurückhalten solle, sonst …

Ich selber ertappe mich allerdings auch bisweilen dabei, dass ich hingehe und versuche, via Ratschläge zu helfen. Meist merke ich es selber, und dann trete ich mir immer selber auf die Füße.

Meist aber mache ich es anders. Ähnlich wie meine Mutter. Die Methode besteht darin, das verunsicherte Gegenüber wütend zu machen, auf dass es sich sage: „Moment mal! Dir zeige ich es.“ Mission erfüllt, denn durch diesen Ärger vergessen manche Leute ihre Ängste und konzentrieren sich darauf, es einem zu zeigen. 😉

Zwar wirken wir dabei nicht immer sonderlich einfühlsam, obwohl wir die Lage verstehen, aber es wirkt meist. Und wir machen das immer nur bei Leuten, die wir mögen. Die mögen uns danach zwar nicht selten zeitweilig – meist kurzfristig – nicht, aber später, wenn alles geklappt hat, kommen sie von selber darauf, weshalb diese Methode angewandt wurde. 😉

Manchmal schießt man dabei übers Ziel hinaus, und es gab schon einen Fall, da ich mich hinterher zerknirscht entschuldigt habe, aber der Fall lachte nur und meinte, er habe schon gemerkt, dass ich mein Herz auf der Zunge trüge. Offenbar war der gute Wille erkannt worden.

Die, die einem – oft ungebeten – Ratschläge erteilen, entschuldigen sich leider meist nicht. Auch dann nicht, wenn diese Ratschläge, sofern befolgt, Schmerzen verursachten oder die Worte von Anfang an zu wenig sensibel waren.

Besser ist: Zuhören, hinhören und sprechen – so kann man Ängste auch abbauen. Und wenn all das nicht hilft, die Methode, die meine Mutter und ich öfter anwenden, siehe oben. Hilft meist besser als jeder Ratschlag. 😉

Und was ich noch sagen wollte: Geht beim Baden niemals ins Wasser, wenn ihr gerade gegessen habt! Niemals Wasser trinken, wenn ihr gerade einen Apfel gegessen habt! Spuckt Melonenkerne immer aus, sonst droht – ganz unweigerlich! – eine Blinddarmentzündung. Und niemals Kaugummi hinunterschlucken! Ihr könntet sterben! 😉 Ganz gewiss.

Dreibeinige Hunde

Mein Ex Henrik meinte mal kopfschüttelnd zu mir: „Wenn man mit dir ins Tierheim ginge, damit du dir dort einen Hund aussuchst, und wenn dir dann ganz viele Hunde gezeigt würden, alle normal, aber einer dabei wäre, der nur drei Beine hätte, früher verprügelt worden und total verunsichert wäre, wäre sofort klar, welchen du mit nach Hause nehmen würdest, und das sofort.“ – „So?“ – „Ja. Natürlich den mit den drei Beinen. Den, der sicherlich am schwierigsten wäre, und das wegen seiner schlechten Erfahrungen.“

Ich grinste. Er hatte recht. Und so sagte ich: „Naja, warum auch nicht? Denn den würde wahrscheinlich kaum einer berücksichtigen, und er braucht doch auch jemanden, der ihn liebhat. Oder?“ – „Du bist zu gutmütig.“ – „Findest du? Warum sollte man einen dreibeinigen, verunsicherten Hund aus schlechter Haltung denn nicht zu sich nehmen? Gerade der braucht doch besonders viel Zuneigung!“ – „Du bist doch nicht Mutter Teresa!“ – „Nein, und darüber bin ich auch froh. Schon mal was von echter Zuneigung gehört?“ – „Du bist ja verrückt.“ – „Findest du? Ich nicht.“

Keine Ahnung, woran es liegt, aber Underdogs jeglicher Art finden leichter meine Zuneigung. Die, die kämpfen müssen, nicht gleich „everybody’s darling“ sind und es schwerer haben als andere. Die mit Macken, Ecken und Kanten. Und Narben. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie einfach verstehe. Es sei denn, sie sind unsympathisch – dann nutzt auch der Underdog-Aspekt nicht. 😉

Man kann es zwar nicht verallgemeinern, aber sind diese ewigen Helden nicht irgendwie langweilig? Die, die die Mehrheit als „Helden“ sieht. Stets erfolgreich, alles glückt, niemals treffen sie eine falsche Entscheidung. Das vermittelt sicherlich ein Gefühl von Sicherheit in ihrer Nähe, aber auf Dauer wäre es zumindest mir zu langweilig. Wo bleibt denn die Herausforderung und, wenn man, trotz schlechterer Ausgangsposition, eine schwierige Situation gemeistert hat,  dieses wunderschöne Gefühl, etwas geschafft, etwas Großes geleistet zu haben? Und man wird irgendwie auch kreativer, wenn man nicht von vorneherein optimale Bedingungen hat. Stets viel Geld zur Verfügung zu haben, beruhigt ungemein, aber die Kreativität fördert es nicht unbedingt. 😉

Antihelden sind viel spannender. 😉 Egal, ob menschlich oder tierisch. Finde ich.

Wie oft hört man eigentlich den Satz: „Aber das ist doch nicht normal – man muss doch nach Erfolg streben und sich anstrengen!“ Oder: „Wenn Sie in der Schule besser aufgepasst hätten, wären Sie jetzt nicht Sekretärin/Müllwerker/Friseurin/Hilfsarbeiter …“ Es sind immer die Menschen, die sich selbst als „Norm“ oder „normal“ erachten und auch so betrachtet werden wollen, die so daherreden. Viele hatten einfach mehr Glück, was sie mit Können, Vernunft und dem schönen Umstand, vermeintlich besser in der Schule aufgepasst zu haben, verwechseln. Nicht, dass sie nichts könnten, nein, das auch nicht. Aber oft können sie schon ganz einfache Dinge nicht. Sie sehen oft nicht, was um sie herum los ist, dass es eben oft auch mit Glück zu tun hat, dass sie selber besser dastehen. Gerade heutzutage auf dem Arbeitsmarkt ist Glück durchaus ein sehr wertvoller Begleiter. Und was wissen sie über den Hintergrund der von ihnen so Herabgesetzten, die vermeintlich in der Schule … Lassen wir das.

Und immer diese Pauschalisierungen! Frauen seien angeblich nur an vermögenden Männern interessiert – wenn ich das schon höre! Ganz pauschal. Offenbar bin ich auch da völlig unnormal, und ich kenne auch hinreichend andere Frauen, die da anders ticken und bei denen es nicht auf die Brieftasche ankommt, sondern vielmehr aufs Herz. Statt aber mal hinzugehen und das erfreut zur Kenntnis zu nehmen, bezeichnet man solche Frauen gerne als dumm. Sei’s drum. Ärgerlich ist es trotzdem. Und völlig inkonsequent.

Ich kriege jedenfalls immer die Motten, wenn ich mal wieder höre: „Das ist doch nicht normal!“ Und wenn ich sehe, wie selbstgerecht manche hingehen und alles ratz-fatz in den ihrer Meinung nach passenden Karton packen, als wären sie Möbelpacker. Aber solch einen Beruf würden sie natürlich niemals ausüben. 😉

Wenn ich mich so umschaue, habe ich manchmal – und das ist noch geschönt! – den Eindruck, das Leben werde immer langweiliger, in bestimmte Richtungen kanalisiert, Verbote, Warnungen, Einschränkungen. Und dazu dann diese selbsternannten Volkserzieher! Gruselig finde ich das. Alles hübsch genormt – und bloß keine Abweichungen. Und das Allerschärfste: Nicht selten sprechen die Befürworter dieser Maßnahmen davon, dass jeder Mensch ein Individuum sei. Das hat dann schon etwas Groteskes und bringt mich regelmäßig zum Lachen … 😉

Ich weiß nur eins: Ich bleibe bei meinen „dreibeinigen Hunden“ und den anderen Underdogs. Die sind nämlich wirklich was Besonderes – speziell in Zeiten wie diesen. 😉

Was man von Hunden lernen kann

Heute war es bei der Arbeit insofern nett, als ich mit Geschenken überschüttet wurde. Sogar von meinem Chef bekam ich einen Blumenstrauß, und ich bedankte mich freundlich. Ein wirklich schöner Strauß, unter anderem mit Rosen und einer Sonnenblume. Beide Blumenarten liebe ich sehr.

Und so viele schöne andere Geschenke! Ich war richtig gerührt. Kollegin Sybille hatte mir – und ich mag es normalerweise nicht so, wenn ich Pflanzen geschenkt bekomme, was mit meinem „schwarzen Daumen“ zu tun hat – eine wunderschöne, kleine Topfpflanze mitgebracht, die auf den schönen Namen „Pink Lady“ zwar nicht hört, aber offenbar so geheißen wird. Bisher kannte ich nur die gleichnamige Apfelsorte, doch dafür ist die Pflanze eindeutig zu klein, aber wirklich richtig süß. Sage ich als Trägerin des Schwarzen Daumens, und das in der Hoffnung, sie möge lange erhalten bleiben. Ich fand „Pinky“, wie ich die Pflanze gleich getauft habe, da ich allem Möglichen Namen gebe – ich vermute, es liege daran, dass ich keine Kinder habe, denen ich Namen geben konnte, für die sie mich über kurz oder lang hassen würden -, auf meinem Schreibtisch vor, als ich mal kurz im Haus unterwegs gewesen war. Es war gleich klar, von wem sie kam, und ich rannte mit dem Topf nebst Pflanze in der Hand zu Sybille und Andrea ins Büro: „Sybille – die ist von dir, nicht wahr?“ – „Ja!“ rief Sybille, stand auf und drückte mich: „Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Ali! Ich hoffe, du bist nicht böse – ich weiß doch, dass du nicht gern Pflanzen geschenkt bekommst, aber ich fand sie wirklich süß und dachte, sie könnte dir gefallen.“ – „Ich freue mich total darüber – die ist wirklich süß! Hoffentlich bringe ich sie nicht unbeabsichtigt um!“

Janine und Andrea hatten mir schon so schöne Sachen geschenkt, und dann kam noch Dirk, ein Kollege, vorbei und brachte mir auch noch ein Geschenk, in das ich mich erst einmal vertiefen muss, denn es ist ein Buch: „101 Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist“! Danke, Dirk! 😉 Ich warf einen kurzen Blick in das Buch und entdeckte als Allererstes die Aufgabe: „Lerne Pokern und sprenge die Bank!“ Das gefiel mir. Ich sollte meine Pokerfähigkeiten mal wieder auffrischen, wie es scheint. Es ist so lange her, dass ich zuletzt Poker gespielt habe. Damals, noch in der Schule, war es, als ich in Freistunden, wenn es draußen wie aus Eimern schüttete, mit einigen Jungs aus meiner Stufe pokerte. (Nein, kein Strip-Poker! 😉 ) Ich glaube, ich kann das gar nicht mehr. Damals war ich gar nicht schlecht, obwohl Michael, mein absoluter Schwarm damals, immer meinte: „O je, Ali! Du hast sicherlich alles Mögliche, aber kein Pokerface. Man sieht dir immer an, was du denkst!“ Zunächst war das zumindest so. Ein paar Monate später meinte Michael: „Pokerface scheint man lernen zu können.“ Ich kann dazu nur sagen: Es kommt auf die Tagesform an, denn nicht selten kann man in meinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Ich sollte wohl wirklich wieder mit Pokern anfangen – das trainiert die Gesichtszüge. 😉

Und von Hunden kann man auch einiges lernen. Gut, das war mir seit jeher bekannt und bewusst, denn ich liebe Hunde, seit ich zumindest des Krabbelns mächtig war. (Wahrscheinlich auch schon vorher, da ich immer wieder von Verwandten höre, ich hätte stets gejubelt, wenn ich Hunde sah, und das schon lange vor der Krabbelfähigkeit. Wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben, an das einige Leute glauben, ich allerdings nicht wirklich, mal Hundezüchter. Oder Hund. Wer weiß das schon? 😉 )

Heute wurde ich allerdings besonders deutlich darauf hingewiesen, dass Hunde bisweilen sehr gute Dozenten sind.

Gegen Nachmittag war es dann auch endlich möglich, dass ich mal nach draußen ging, um eine oder zwei Zigaretten zu rauchen. Ich stand an der hinteren Seite des Gebäudes und blickte ins Grüne, denn da sind viele Bäume, Sträucher und auch ein kleineres Gewässer. (Wahrscheinlich wurde dieser Raucherplatz extra mit Blick ins Grüne angelegt, da ja jedes Kind weiß, dass Grün beruhigend wirke … 😉 ) Doch im Vordergrund, neben einem Teil unseres Gebäudes, sah ich einen Golden Retriever, offenbar eine Hündin, wie zu erkennen war, da sie sich gerade einer eher flüssigen Last entledigte. Weit und breit kein Hundehalter, keine Bezugsperson zu sehen. Niemand mit einer Leine. Es rief auch niemand nach dem goldblonden Tier.

Und da das so war, machte sich das treue Tier nach verrichteter Notdurft neben dem Gebäude („Braaav!“) sehr zielstrebig Richtung Gewässer auf. Retriever heißen nicht umsonst so, es sind Apportierhunde, die dazu gezüchtet wurden, Beute, z. B. Fischernetze oder aber geschossene Enten bei der Entenjagd, aus dem Wasser zu holen. Daher haben Retriever auch Ansätze von Schwimmhäuten zwischen den Zehen und ein wasserabweisendes Fell.

Dieser Hund hingegen hatte nicht nur wasserabweisendes Fell, sondern wies auch so einiges andere ab. Denn Minuten später erscholl eine weibliche Stimme, deren Klang leider nicht ganz so lieblich war, um den Ausdruck „ordinär“ zu vermeiden. Lange hatte man sich offenbar um den Hund gar nicht gekümmert, sich keinerlei Sorge um seinen Verbleib gemacht, aber nun kreischte man gleich extrem unfein los, das freundliche Tier mit peinlichen Schimpfwörtern belegend.

Ich zog kurz die Stirn in Falten, erinnerte mich jedoch schnell daran, dass ich gestern Geburtstag gehabt hatte und seither das Wort Hautalterung ganz besonders unschön klingt, als hätte man einen Schalter umgelegt. 😉 (Daher sitze ich hier nun auch mit einer jeweils großzügig bemessenen Portion Kokosöl unter beiden Augen und sonstwo im Gesicht, wo sich sogenannte Mimikfalten oder Schlimmeres breitmachen. Denn heute habe ich gelernt, dass Kokosöl der absolute Bringer sei, was die Vermeidung oder Minimierung von Falten anbelange. Und ich habe das letzte Gebinde im Drogeriemarkt erstanden. Offenbar hatten auch viele andere Frauen kürzlich Geburtstag … 😉  Immerhin riecht es ziemlich gut.)

Weiter ging es mit dem unästhetischen Gekreisch, und alsbald tauchte eine propere Gestalt in einer himmelblauen Jacke auf, die wütend ihre Arme wie zwei Propeller kreisen ließ und aufs Primitivste nach dem eigenmächtig agierenden blonden Tier schrie. Ich ertappte mich dabei, dass ich vor mich hinbrabbelte: „Wie wäre es mit einer Hundeschule? Oder, besser, einem Tierpsychologen? Oder einem Psychiater für dich?“, womit ich die Halterin meinte. Ich gebe zu, das war nicht nett, aber ihr habt die „Dame“ auch nicht kreischen hören. 😉

Imponiert hat mir allerdings, dass ihre Stimme gar nicht überschnappte, obwohl sie in immer höheren Tönen kreischte. Ob sie eine klassische Gesangsausbildung, Sopran, hinter sich hatte? Unwahrscheinlich, denn Musiker, speziell Sänger, sind meist Ästheten. Bisweilen aber auch durchgeknallt. Das zumindest stimmte – nur der ästhetische Aspekt ließ zu wünschen übrig. Untypisch.

Da stand sie und kreischte aufs Peinlichste, und ich erwartete eigentlich, dass sich jeden Moment das Dickicht um das Gewässer herum teilen würde und ein blonder Hund durch das Gebüsch bräche. Jedoch – nichts. Nicht einmal, als die Halterin: „Na gut, dann eben tschüss!“ rief und ich mit Schrecken feststellte, sie gehörte wohl zu den Haltern, die mit ihren Hunden allen Ernstes „diskutieren“. 😉 Wie man sah und wie jeder weiß, nutzte das auch nicht. Denn vom Hund keine Spur. Kein Wunder – bei einer solchen Erziehung hielt er sich wohl für das Alphatier. 😉

Und da grinste ich mir eins und dachte: „Guter Hund! Ich würde auch nicht angelaufen kommen, wenn jemand mich so ankreischen würde, statt es mal mit konsequenter Erziehung zu versuchen. Braaav!“ Mir war auch sofort klar, dass ich von diesem Hund nur lernen konnte. Eine Eigenschaft, die mir so sehr fehlt: „Zum einen Ohr rein, zum anderen raus!“ Gerade bei der Arbeit kann das sehr nützlich sein, ist sogar meist unerlässlich. Bei uns zumindest. Aber vielleicht war der Hund auch taub! Bei dem Dauergekreisch auch gar kein Wunder. 😉

Als ich von der Arbeit nach Hause fuhr, musste ich eine Vollbremsung einlegen, da eine Frau, die einen Australian Shepherd an der Leine hatte, sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatte, sich von dem Tier dirigieren zu lassen. Am Straßenrand hatten sie gestanden, der Hund bäumte sich bereits mehrfach auf und konnte von der Halterin nur mit Mühe gehalten werden. Ich bremste und fuhr schon extra langsam. Aber es passierte dann doch: Der Hund stürmte los, und Madame „Wir haben ja einen großen Hund!“ wurde hinterhergerissen. Ich bremste heftig, um die beiden nicht anzufahren. Dann fuhr ich das Seitenfenster hinunter und rief der Frau zu: „Gehen Sie in eine Hundeschule – das ist ja fahrlässig!“ Sie schrie zurück: „Er ist halt eigenwillig, und er soll doch artgerecht gehalten werden!“ Ich griff mir an die Stirn. Nein, ich tippte dagegen und hoffe nun, die Sehfähigkeit der Dame möge genauso unterentwickelt sein wie ihre Ahnung von Hunden. Nicht, dass sie sich meine Nummer gemerkt hat! 😉

Es ist nicht selten das Grauen, mitanzusehen, dass Leute Hunde – möglichst große! – führen, die keinen Dunst haben. Ich bin mit Hunden großgeworden, und manchmal möchte ich eingreifen. Aber ich traue mich nicht – die Halter könnten ihre Tiere nicht im Griff haben … 😉 (Und ich muss zugeben, beim Ersthund in meiner Familie ist auch einiges schiefgelaufen. Aber man lernt ja aus Fehlern und hat, wenn man sich wirklich für das Thema interessiert, auch gute Lehrer.)

Von Hunden kann man aber jedenfalls einiges lernen. Wenn man es denn will. Ich zumindest habe beschlossen, mir die vermeintliche Taubheit des Golden Retrievers eigen zu machen. 😉

Congratulations! Congratulations? Von wegen …

Nun ist er fast vorbei – der eine meiner beiden jährlichen Horrortage. Es war nicht ganz so grauenhaft, wie ich befürchtet hatte.

Gleich morgens warf ich einen besonders kritischen Blick in den Spiegel. War ich über Nacht merklich gealtert? War diese Falte dort gestern schon dagewesen? Seit wann habe ich diese komische Längsfalte auf der Stirn? Bis dato waren da nur zwei vertikale Falten, die im Grunde nur in Erscheinung treten, wenn ich skeptisch dreinblicke. Oder wütend werde. Letzteres sollte man daher nach Möglichkeit vermeiden … 😉

Man sollte sich tunlichst nicht in so etwas hineinsteigern. Im Grunde sah ich genauso aus wie gestern. Und wie vorgestern. Und die Tage davor. Nichtsdestotrotz hatte ich heute früh den Eindruck, im Spiegel das Antlitz eines chinesischen Faltenhundes, für Kenner: eines Shar-Peis, zu erblicken. Besser, ich ging unter die Dusche, statt paranoid zu werden. Das fehlte mir gerade noch.

Doch da klingelte das Telefon. Es war meine liebe Kollegin Janine, die bereits gestern mit Sorge gesehen hatte, wie ich vor lauter Horror vor dem heutigen Tage nicht ganz ich selbst war. Als ich mich mit leiserer Stimme als sonst meldete, sagte sie ihren Namen auch ganz zögernd. Dann hagelte es Glückwünsche, und sie fragte, wie es mir gehe. Ich lachte und meinte: „Naja, man kann es halt nicht ändern. Aber ansonsten geht’s.“ Wir plauderten ein wenig, dann ging ich unter die Dusche. Ich musste doch zum Friseur … Und natürlich würde ich mit frischgewaschenen Haaren hingehen. Das ist zwar Verschwendung pur und unnötige Strapaze fürs Haar, aber was sollte es. Besser das, als wie eine Vogelscheuche dort zu erscheinen, und um meinen herausgewachsenen Bob zu bändigen, musste man ihn waschen.

Beim Friseur kam ich zum Glück recht schnell dran und bin nun perfekt gesträhnt, und ich habe wieder einen Bob, den man auch als solchen erkennt. 😉

Zurück zu Hause, startete ich erst einmal meinen PC. Sicherlich hatten mir schon gaaanz viele Leute gratuliert! 😉 Dank Sozialer Medien kann ja eigentlich keiner mehr vergessen, dass man Geburtstag hat.

Doch was für eine Enttäuschung! Nicht einer meiner „Freunde“ aus dem derzeit von mir am meisten genutzten Medium hatte bemerkt, dass ich heute Geburtstag habe. Es sind sogar reale Freunde darunter. Wahrscheinlich hatten sie gemailt. Ich Dummerchen aber auch!

Tatsächlich hatte ich diverse Glückwunsch-Mails. Allesamt von irgendwelchen Online-Shops, bei denen ich mal vor 100 Jahren etwas bestellt hatte. O Gott! Was für eine Schmach! Zum Glück verfüge ich über hinreichend Galgenhumor, sonst hätte ich wahrscheinlich noch geweint. 😉

Einige hatten auch über WhatsApp gratuliert – immerhin. Komischerweise just die Leute, bei denen ich gar nicht damit gerechnet hatte. Als Allererste heute früh die einzige Frau unter den Sicherheitskräften meines Arbeitgebers. Als ich gerade nach Hause kam, ereilten mich auf diesem Wege noch Glückwünsche von Lydia und Daniela. Ich freute mich sehr.

Doch zuvor war ich bei meinen Eltern gewesen. Am frühen Nachmittag war ich losgefahren. Und irgendwie kam es da zu einem Missverständnis. Ich hatte gesagt, ich würde Kuchen mitbringen, Muttern meinte, aber nein – sie würden mit mir irgendwohin fahren, um dort Kaffee zu trinken. Ergo brachte ich keinen Kuchen mit. Kommentar Mutter: „Äh, wo ist denn der Kuchen?“ – „Welcher Kuchen?“ – „Der, den du mitbringen wolltest.“ – „Ich dachte, wir würden irgendwohin fahren und dort …“ – „Da hast du wohl etwas missverstanden.“ Ich glaubte nicht so ganz an ein Missverständnis meinerseits, aber ich lächelte und meinte: „Dann gehe ich mal eben los und besorge welchen.“

Ein recht netter Nachmittag war es – lange hatte ich mich nicht so gut mit meinen Eltern unterhalten. 🙂

Irgendwann nach 19 Uhr fuhr ich dann nach Hause. Natürlich kein Parkplatz vor dem Haus frei, und ich musste am Arsch der Welt parken. Und dann noch diese Überraschung im Briefkasten – ich bin noch immer ganz begeistert. 😉

Keine Geburtstagskarte, nicht eine. Dafür aber ein Brief. Von einer Hochschule in Unterfranken, an der ich mich beworben hatte. Vor vielen Wochen. Allzu viel Hoffnung hatte ich mir nicht gemacht, schon gar nicht, als ich gar nichts auf meine Bewerbung hin hörte. Mir war klar, dass ich keine Chance gehabt hatte.

Dass sie mir die Absage aber so schicken würden, dass ich just an meinem Geburtstag damit beglückt werden würde, fand ich richtig klasse! 😉

Wenigstens ein Schreiben mit einer persönlichen Ansprache im Briefkasten! 😉 Ich freute mich wie Bolle! Und ich zerriss es mit meinen altersschwachen Händen und ging eigens noch einmal vors Haus, um es in die Blaue Tonne zu werfen. Schnell weg damit.

Ich bin mir ganz sicher: Das neue Lebensjahr wird viel besser als das vergangene. Darauf ein Bier! Und gleich gucke ich Fußball! 😉