Leben und leben lassen

Hier seht ihr einen meiner zahlreichen Grundsätze, denn ich finde, solange man niemandem damit schade, sollte man sein Leben so gestalten dürfen, wie man dies selber wünscht und wie es am besten mit der eigenen Persönlichkeit harmoniert.  Wichtig dabei aber wirklich, dass man damit niemandem echten Schaden zufügt.

Es gibt Menschen, die haben ganz andere Grundsätze. So las ich vor einigen Tagen in der überregionalen Zeitung mit den drei Buchstaben einen – aus meiner Perspektive – spießig anmutenden Artikel, der sich mit dem aus Sicht der Autorin unhaltbaren Umstand befasste, dass und warum es Menschen gebe, die sich mit über 30 oder 40 wie die Kinder benähmen. Es gebe dazu auch Studien! Ah, ja … Das ist dann natürlich der Beweis oder zumindest ein Indiz dafür, dass es sich hierbei um ein besorgniserregendes gesellschaftliches Problem handle, nicht wahr? Zumal wir auch sonst keine Probleme haben.

So musste ich lesen, dass es doch tatsächlich Exemplare in der genannten Bevölkerungsgruppe  gebe, die sich nicht altersgerecht kleideten. Nein! Große Katastrophe – entsetzlich! Über 30- und 40-Jährige, die stylishe Sneakers und Jeans tragen – eine Unverschämtheit! Das ist doch nur den wahrhaft jungen Menschen vorbehalten. Diese ollen Tattergreise haben doch gar kein Recht darauf!

Ich war betroffen. Wie können diese Menschen nur? Und wie skrupellos von den Verkäuferinnen und Verkäufern, diesen alten Säcken und Säckinnen derlei jugendliche Kleidung überhaupt zu verkaufen, statt sie ihnen an der Kasse energisch-empört aus den alterszittrigen, gichtig-arthritischen Händen zu winden und angewidert darauf hinzuweisen, dass diese Teile nur an maximal 29-Jährige veräußert würden!

In mir keimte die Idee, der Textilindustrie den Vorschlag zu unterbreiten, zusätzlich zu den Konfektionsgrößen künftig Altersangaben auf die Etiketten in ihren Produkten zu drucken, damit die Alten auch gleich sehen könnten – es sei denn, sie hätten ihre Lesebrille nicht dabei, diese Schusselchen -, dass bestimmte Kleidungsstücke für sie tabu seien. Gleiches dann natürlich auch im Hinblick auf die Schuhindustrie. Wie viel einfacher würde das das Leben doch machen! Aber ich traue mich nicht so recht. Ich bin über 40, und ich befürchte, die Textil- und Schuhindustrie-Repräsentanten könnten mich daher a priori nicht für voll nehmen und wahrscheinlich Demenz oder Altersstarrsinn vermuten. Was meint ihr? Sollte ich diesen wertvollen Vorschlag dennoch wagen? Vielleicht gäbe es ja sogar so etwas wie Tantiemen. Oder ich könnte das Ganze patentieren lassen …

Aber es wurde ja noch schlimmer! Mit Tränen des Kummers und der ehrlichen Entrüstung in den Augen musste ich da weiterlesen, dass die betroffene Altersgruppe auch noch gern feiere! Ausgelassene Partys! In stylishen Sneakers und Jeans! Sogar in Markenklamotten! Die, wie ja bereits geklärt, nur bis maximal 29 zugelassen sein sollten! Armes Deutschland! Wie tief bist du gesunken? Deine Greise feiern bis zur Besinnungslosigkeit und rauchen dabei wahrscheinlich auch noch Joints! Und trinken Alkohol! Sicherlich darunter stylishe Cocktails, die ebenfalls nur bis 29 …

Schluchzend brach ich an meinem PC zusammen. Ich schämte mich. Fühlte mich ertappt. Warum nur trage ich auch nicht immer nur Kostümchen und Hosenanzüge? In gedeckten Farben wie Steingrau, Mausgrau, Taubenblau und Krankenhausgrün? Vielleicht noch, wenn ich mal besonders neckisch drauf bin, Altrosa – da hört man ja schon am Namen, an wen es gehört … Dazu ein klassisches Blüschen. Oder eine graue Joppe darüber. Und einen dunkelblauen Faltenrock mit blickdichten Strümpfen. Ist auch besser, falls man zu altersbedingten Venenproblemen und Krampfadern tendiert. Ihr wisst schon – zwei Fliegen, eine Klappe. „Praktisch denken – Särge schenken!“ Auch ein Motto von mir. Vielleicht sollte ich es mir einfach mal zu Herzen nehmen, statt immer nur herumzufrotzeln.

Auch sollte ich mir mal Gedanken über meine Frisur machen. So geht das ja wirklich nicht! Meine Haare sind viel zu kurz, um sie zu einem Dutt zu zwirbeln! Die klassische Omma-Frisur. Ich sollte sie wieder wachsen lassen. Früher hatte ich viel längere Haare – da brauchte ich die aber noch gar nicht. Immer vorausschauend handeln!

Und in den Dutt könnte ich mir auch die Stricknadeln stecken, die ich als Greisin ja tagtäglich für meine Fron benötige, denn Ommas stricken doch, wo sie gehen und stehen! Obwohl … Gehen? Viel zu juvenil! Ich brauche also einen Schaukelstuhl – die klassische Omma strickt und schaukelt dabei sachte in ihrem Schaukelstuhl, ab und an gar zierlich an einem Gläschen Melissengeist oder einem Likörchen nippend. Beides verabscheue ich – da muss ich wohl auch umdenken, um den Anfangs-, Mitt- und Endzwanzigern gerecht zu werden, deren Weltbild eklatant gestört werden könnte, wenn ich mit meinen über vierzig Lenzen so völlig schamlos und nicht altersgerecht tatternd daherkomme!

Interessant auch die Kommentare unter dem Artikel. Da gab es doch diverse Personen, die sich ereiferten, wie verantwortungslos diese Leute, die sich da so peinlich benähmen, doch seien! Mit 30, 40 nicht verheiratet mit zwei bis drei Kindern? Diese verantwortungslosen Gestalten wollten wohl nur Rosinen picken – andere Gründe für dieses abscheuliche Verhalten gebe es nicht. Keine geordneten Verhältnisse, einfach degoutant! Und das von Leuten, die jünger waren als ich.

Natürlich leben nur verheiratete Menschen in geordneten Verhältnissen. Ganz klar. Denn nur in Familien geht es ganz geordnet und harmonisch zu. Das kann jeder bestätigen. Dort gibt es nie Streit – noch nie hat man von häuslicher Gewalt in Familien gehört. Nicht wahr? Überhaupt dieser Ausdruck: „geordnete Verhältnisse“! Den kenne ich von meinem Vater, an dem ich sehr hänge, der aber ziemlich konservativ ist. Und selbst der ist lockerer als die Ansichten nicht weniger Kommentatoren.

Ich wurde an frühere Zeiten erinnert, da es immer irgendwelche Opas gab, die den neuen Freund der Enkelin als erstes fragten: „Hamse gedient?“ Und wehe, wenn nicht! Dann taugte der junge Mann nicht. Zumindest bei einigen Opas. Nicht bei allen. Und heutzutage wird man wohl in nicht allzu ferner Zukunft gefragt werden: „Leben Sie in geordneten Verhältnissen?“ Und wenn man ahnungslos: „Ja,“, sagt, dann aber erkennen muss, dass es nicht um die finanzielle Situation, sondern um Ehemann, Ehefrau und Kinder geht, wird man sicherlich noch des Betrugs bezichtigt. Wer weiß … 😉

Mir wurde ganz anders. Ist das die heutige Jugend? 😉 Verspießert und verknöchert bis zum Abwinken? Nicht in der Lage, zu differenzieren, anderen etwas zu gönnen? Andere Menschen einfach leben zu lassen? Sind die selber im Kopp so alt, wie ich niemals werden wollte? Und völlig unflexibel und kleinkariert in den sogenannten Argumenten, deren beliebtestes ist: „Das macht man nicht!“ Ah, da ist es ja gut, zu wissen, dass ich nicht man bin. Und dass ich Schubladisieren einfach nur stupide finde.

Aber zum Glück weiß ich: Auch hier sind beileibe nicht alle so! 🙂

Ich halte es da mit Erich Kästner, der einst sagte: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“ Bewahrt euch also immer euer inneres Kind. Es wirkt. Mich hat man neulich für 38 gehalten. Es lag wohl an meinen Jeans … 😉

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