Ali gibt gern Senf dazu

Ja – ich gebe bisweilen gern meinen Senf zu Dingen und muss mich manchmal wirklich bremsen. Aber es gelingt mir immer öfter – zum Glück.

Doch um diesen Senf soll es gar nicht gehen, nicht um den im übertragenen Sinne. Mehr um den gegenständlichen, diese wunderbare Erfindung. 🙂

Im alten China konnte vor 3000 Jahren, als der Senf dort seine Geburtsstunde feierte, natürlich niemand ahnen, dass dereinst mal in einem fernen Land, heute Deutschland genannt, ein Geschöpf das Licht der Welt erblicken würde, das sich schon im Kleinkindalter als begeisterter Fan dieser zumeist gelben Paste erwies und nun, in seinen besten Jahren, ganz freimütig bekundet: „Ja, es stimmt. Ich bin senfsüchtig.“ Es wäre den alten Chinesen sicherlich auch egal gewesen, wie auch den meisten anderen Menschen. Mal abgesehen von der Senfindustrie, die herbe Verluste einfahren würde, würde ich von einem Tag auf den anderen keinen Senf mehr mögen, soviel steht fest. 😉

Wenn ich auch manchmal feststelle, dass mir zum Kochen eines bestimmten Gerichts eine elementare Zutat fehlt und das Vorhaben damit zum Scheitern verurteilt ist, so mangelt es an einer Sache in meinem Haushalt nie: Senf. Der ist immer da. Und das in ganz verschiedenen Ausführungen und Varianten, denn immer nur den gleichen Senf – das will doch niemand! 🙂

Schon als Kind fiel ich auf, indem ich – gab es Würstchen – meine obligatorischen zwei Wiener Würstchen unter Unmengen Senfs förmlich begrub. Meine Mutter war davon immer etwas genervt, und sie meinte: „Am besten, du machst gleich das ganze Glas leer. Wir haben noch eines in Reserve.“ Oder: „Wozu eigentlich die Würstchen? Iss den Senf doch gleich pur.“ Ich ging auf ihren Sarkasmus nicht ein, sondern meinte höchstens: „Noch ein Glas? Dann ist es ja gut.“ Und ich nahm mir noch mehr Senf. Sie schüttelte dann immer den Kopf und meinte: „Das schmeckt doch nicht!“ Ha! Von wegen! Sie hatte ja keine Ahnung …

Tatsächlich ist es so, dass Wiener, Frankfurter oder Bockwürstchen bei mir hauptsächlich eine Funktion erfüllen: Sie fungieren als Senfträger. Anders kann man das nicht beschreiben. Gut, sie schmecken auch so nicht schlecht, aber ihre Hauptfunktion ist eben die des senftragenden Objekts. Es ergibt sich schon aus der pastösen Darreichungsform meines Suchtobjektes – das kann man nicht so gut mit den Fingern oder Messer und Gabel essen. (Und ich gebe zu, pur würde Senf sicherlich auch mir in größerer Menge nicht so schmecken.) Da braucht es eine Unterlage. Dafür eignen sich sogar eher geschmacksarme Würstchen.

Eine Todsünde allerdings: Nürnberger Rostbratwürste mit zuviel Senf versehen – das geht gar nicht. Oder Thüringer. Oder Krakauer. Aber noch strenger bin ich bei den Nürnbergern. 😉 Die esse ich zwar auch mit Senf, aber moderat. Wie normale Menschen eben. 😉

Vor einiger Zeit besuchte ich meinen besten Freund Fridolin und seine Frau Mona. Sie leben in Unterfranken, im Spessart, und immer, wenn ich dort bin, gibt es ein bayerisches Frühstück. Gut, Franken sind zwar keine Bayern, aber Unterfranken gehört zu Bayern, und so lasse ich das Ganze – und das sehr gern – gelten, denn das bayerische Frühstück besteht aus Weißwürsten. Natürlich gibt es auch ganz gängige Frühstückszutaten wie Brötchen, besser: Semmeln oder Weggla, Butter, Marmelade, Wurst und Käse, aber das zentrale Frühstücksobjekt sind doch die „Weißwürscht‘“.

Mein letzter Besuch ereignete sich im Zuge einer Party. Ich hatte mir an einem Freitag einen Tag Urlaub genommen und fuhr gen Frankfurt am Main, wo die beiden mich abholten. Dort gab es erst einmal eine der legendären Frankfurter Rindswürste. Natürlich mit Senf. Aber auch da nicht zuviel – die Frankfurter Rindswurst ist sehr aromatisch, und es wäre sogar aus meiner Perspektive ein Sakrileg, sie mit zuviel Senf zu verspeisen. 😉

Abends, als der Teil der Gäste, die auch schon einen Tag vor der Party kommen wollten, eingetroffen war, gab es in einem unterfränkischen Gasthof Hax‘n vom Buchenholzgrill. Natürlich mit Senf. Aber nicht zuviel, da die Hax’n auch so ein hervorragendes Aroma hat. 😉

Nachdem wir an jenem Freitagabend schon einmal das Bier, das es am nächsten Tag geben sollte, ausprobiert hatten, gab es am nächsten Morgen dann ein dazu passendes Frühstück – siehe oben. Größere Mengen Weißwürste wurden unermüdlich von Fridolin in einem riesigen Topf erhitzt, zusammen mit größeren Mengen „Roten“. Man muss dabei behutsam vorgehen, denn die Würste dürfen natürlich nicht platzen. 😉

Währenddessen deckten wir anderen den Tisch und kochten Kaffee in rauhen Mengen, was wichtig war nach einem Abend mit Bier. Das leuchtet sicherlich ein. 😉

Die wichtigste Zutat für das Weißwurst-Frühstück aber – neben den ebenfalls wichtigen Brez’n – habe ich dann höchstpersönlich auf den Tisch gestellt. Wir hatten sie extra nach meiner Ankunft zusammen mit einigen anderen noch fehlenden Dingen beim Einkaufen besorgt, und ich hatte sie selber fachkundig aus dem Regal geholt, als Fridolin gerufen hatte: „Ach, du Schande – wir brauchen ja noch Senf!“ Da standen wir bereits mit dem Einkaufswagen in einer langen Schlange an der Kasse, und so meinte ich: „Bleibt hier – ich hole ihn eben.“ – „Ja, aber weißt du denn, welchen? Süßen Senf, Ali! Du weißt doch gar nicht, welchen!“ Daraufhin meinte ich mit leicht vorwurfsvoller Miene: „Es gibt quasi nur eine Sorte! Lass mich mal machen.“ Und schon rannte ich los. Als hätte ausgerechnet ich keine Ahnung von Senf – also wirklich! 😉

Als ich mit meiner Beute zurückkam, strahlte Fridolin: „Ah, du hast genau den richtigen genommen!“ – „Ja, sicher. Das ist der beste süße Senf, den es gibt.“ Und ich stellte das große Glas „Hausmachersenf“ mit dem rot-schwarzen Etikett und dem roten Deckel in den Wagen. Etwas bedauernd meinte ich: „Den Weißwurst-Senf habe ich nicht gefunden.“ Doch egal – Weißwürste gehen auch mit dem Hausmachersenf. Hauptsache: süß! 😉 Weißwürste mit mittelscharfem oder gar scharfem Senf: ein Sakrileg. 😉

Der Hersteller dieses Senfs ist in Regensburg beheimatet, und der Senf ist wirklich hervorragend. Lange Zeit hatte man es hier nicht ganz so leicht, wollte man süßen Senf, aber meiner Meinung nach geht nichts über den aus Regensburg, den es inzwischen auch hier gibt. Zum Glück. Ich habe immer ein Glas davon im Kühlschrank, zu dessen Grundausstattung er quasi gehört. Manchmal, wenn ich Glück habe und in einem besonders gutsortierten Supermarkt lande, bekomme ich sogar eine andere Sorte des Herstellers, die ich auch heiß und innig liebe, denn sie enthält zusätzlich Meerrettich. Leider bekomme ich den nicht überall. Aber ich will nicht klagen – wenigstens hat der süße Hausmachersenf es geschafft, den Weißwurstäquator zu überwinden. 😉

Bin ich im Urlaub im Ausland, bringe ich garantiert immer Senf von dort mit. Prima, wenn der Urlaub in Frankreich oder England stattfindet. Mein früherer Kollege Frederic, gebürtig aus Dijon, brachte mir immer unaufgefordert ein Glas Senf mit, wenn er seine Mutter besuchte. Das war sehr nett, und ich freute mich immer riesig. Und aus England bringe ich dann den berüchtigten englischen Senf mit. Berüchtigt? O ja. Es gibt hier in Deutschland einen scharfen Senf, den ich auch sehr mag. Der ist wirklich sehr scharf. Aber englischer Senf ist noch viel schärfer. Den dosiere sogar ich immer sehr behutsam. Aber er hat einen immensen Vorteil: Er hilft bei Erkältungen sehr. Verstopfte Nase? Kein Problem mehr und Geschichte, hat man nur ein Glas englischen Senfs im Haus! Eine Messerspitze reicht, und die Nase ist sofort frei. Taschentücher bereithalten! Der Nachteil ist, dass dann die Augen tränen. Aber man kann nicht alles haben. 😉

Und jetzt gehe ich in die Küche und zähle mal meine gesammelten Werke, die aber alle in Benutzung sind. So viele sind es auch wieder nicht. 😉

Die Redensart: seinen Senf dazugeben stammt übrigens – so diverse Historiker – aus der Zeit des 17. Jahrhunderts. Senf galt damals als sehr kostbar – bei mir heute noch -, und Wirte gaben zu allen Gerichten Senf dazu, ob es nun passte oder nicht, um diese aufzuwerten. Ungefragt. Habe ich heute gelernt. 🙂

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