Sommerstagnation

Im Biologieunterricht damals auf dem Gymnasium lernten wir in der Unterrichtseinheit Ökologie, dass jeweils zwei der vier Jahreszeiten wesensähnlich seien, zumindest im Ökosystem See. Da gibt es die Frühjahrs- und Herbstzirkulation, sowie die Sommer- und Winterstagnation. Ich bin im Sommer geboren, und das fand ich doch gleich nicht sonderlich erfreulich: Ich hasse Stagnation. Ich mag es lieber turbulent. Meist zumindest – Zeiten der Ruhe müssen natürlich auch sein.

Kleiner Exkurs: Ich liebe Vivaldis „Le quattro stagioni“, wenn sie auch noch so abgenudelt erscheinen mögen. Der „Frühling“ – wunderbar. Auch der „Herbst“ gefällt mir. Der „Sommer“ veranlasst mich immer, geduldig durchzuhalten und auf den Fingernägeln zu kauen. Ausgerechnet meine Geburts-Jahreszeit so dröge? Sogar die etwas impulsiveren Teile? Vor meinem geistigen Auge immer ein großer, großer See – mitten in der Sommerstagnation. Hallo? Kann mal jemand ein bisschen Stimmung machen? Der „Winter“ hat trotz der Stagnationsproblematik doch erheblich mehr Pep, aber auch beschauliche Momente. Ich liebe beim „Winter“ besonders den zweiten der regulär drei Sätze, von denen erster und dritter trotz Stagnation eher temperamentvoll sind. „La pioggia“ steht da – „Regen“, und wenn man diesen Satz hört, kann man sich auch mitten im Sommer vorstellen, wie es ist, im Winter im warmen Haus zu sitzen, in eine Decke gewickelt, und dazu Tee – meinetwegen auch etwas anderes – zu trinken, während die Regentropfen aufs Dach pladdern und es draußen kalt ist. Heimelig. Der „Sommer“ hingegen lässt derlei heimelige Momente missen. Und selbst die lebhafteren Teile sind – bei Licht betrachtet, wovon es im Sommer ja genug gibt – gar nicht so lebhaft … Ausgerechnet! Naja, okay – der dritte Satz reißt es zumindest ein bisschen wieder heraus. Da muss wohl ein Gewitter mit Starkregen geherrscht haben, das Antonio Vivaldi inspirierte. Also Wetter, das wir aus den letzten Wochen zur Genüge kennen. 😉

Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi bestehen aus vier Konzerten, die meist getrennt aufgeführt werden, und einmal wollte eine Bekannte mich mitschleppen. Als ich sie fragte, welcher Teil denn aufgeführt werde und sie es mir verriet, habe ich – ich muss es zugeben – gesagt, ich hätte einen anderen Termin. Es war der „Sommer“. Ich Banause! 😉 Zusammengenommen sind alle vier Teile wunderschön, wenn man derlei Musik mag – aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir just den „Sommer“ anzuhören, wenn alle vier Teile getrennt aufgeführt werden. 😉

By the way: Ich mag nicht nur solche Musik. Mein Musikgeschmack ist weitgefächert. 😉

Heute musste ich feststellen, dass sich das oben genannte Muster nicht nur auf das Ökosystem See beschränkt, denn ich war heute Opfer der Sommerstagnation, obwohl der nächste See kilometerweit entfernt ist.

Am Arbeitsplatz stagniert derzeit so einiges. Genauer: Es ist todsterbenslangweilig. Ganz anders als im letzten Jahr. Ich weiß, zumindest partiell, woran das liegt, aber es ist nicht zu ändern. Und nun haben auch noch beide Chefs, mit denen ich zu tun habe, sowie Janine Urlaub. Ich bin ganz allein, und das ist eine Sache, die ich als massiv langweilig empfinde. Ich liebe den Austausch.

Das Schlimmste war, dass auch noch kaum Mails kommen – wie abgeschnitten. Keine Dienstmails. Offenbar haben alle möglichen Leute Urlaub. Nur ich wieder nicht, und ich muss nun das erdulden, sprich: erleiden, was ich noch nie leiden konnte: Stagnation. Ich gebe zu, heute wäre ich an meinem Arbeitsplatz beinahe eingeschlafen.

Nach einem todsterbenslangweiligen Arbeitstag schleppte ich mich zum Parkplatz, wo Monty meiner harrte. Aufgeheizt stand er da, den ganzen Tag in der Sonne gestanden. Und da komme ich saft- und kraftloses Bündel an …

Zum Glück kam mir Ulli entgegen, der mit Luna, seiner weißen Schäferhündin, die ich seit acht Jahren mehr oder minder kenne, spazieren ging. Ulli ist ein netter Mensch, der jahrzehntelang „au‘m Pütt“ gearbeitet hat. Verheiratet, zwei erwachsene Kinder, und ich „kenne“ ihn, seit er vor acht Jahren mit der weißen Schäferhündin Luna, damals noch ein winziger, niedlicher Welpe, immer das Gelände meines Arbeitgebers für die notwendigen Spaziergänge nutzte. Im letzten Jahr kamen Janine, er und ich ins Gespräch. Die arme Luna verzweifelte immer fast, weil Janine Angst vor Hunden hat, die spitze Ohren haben, präziser: vor allen Schäferhunden. Mit Grund. Nur konnte man der armen Luna das nicht begreiflich machen, die immer schweifwedelnd auch gen Janine stürmte, die ihrerseits nach hinten auswich. Luna blickte dann immer ganz ratlos und fragend zu ihrem Besitzer und zu mir. Ich rief dann: „Och, Luna, komm mal her!“ Und das freundliche Tier stürzte zu mir, warf sich volle Breitseite gegen meine Beine und hätte mich zweimal fast „abgesägt“. Ich knuddelte sie und meinte: „Janine hat etwas Angst vor dir, aber das ist nicht böse gemeint.“ Großer Blick aus ganz lieben und treuherzigen braunen Augen.

Und so freute ich mich, als ich die beiden des Weges kommen sah. Aber – ach! – was war mit Luna los? Sie war ein Schatten ihrer selbst! Kam zwar freudig auf mich zugesprungen, legte sich dann aber ermattet hin. Ich fragte Ulli, ihren Besitzer, und der meinte: „Seit wir in den Urlaub gefahren sind, ist sie so. Wir haben Freitag auch einen Termin beim Tierarzt.“

Ich kenne Luna ja nun schon ein Weilchen, aber so oft und viel habe ich sie noch nie Gras fressen sehen. „Hat sie etwas mit dem Magen? Ich habe noch nie so oft einen Hund Gras fressen sehen!“ – „Wir wissen es nicht, aber wir hoffen, dass der Tierarzt weiterhelfen kann.“ Ich hoffe, die liebe Luna leide auch nur unter der Sommerstagnation und dass es nichts Schlimmes sei. Denn Ulli erzählte, Lunas Vorgängerin, auch ein weißer Schäferhund, habe im etwa gleichen Alter eingeschläfert werden müssen – Krebs. Ich sah die brave Luna an und drückte ganz fest die Daumen, dass sie wirklich nur ein wenig stagniere.

Wer nicht stagnierte, war Freddy, der alte Ex von mir, mit dem – und Michael und Florian – ich mich vielleicht Ende Juli zu einer Art „Réunion“ in Aachen treffe. Denn heute, als ich gerade zu Hause war, wurde ich in dem Sozialen Netzwerk, in dem wir alle einander wiedergefunden haben, von ihm angechattet, und dreist – manche Leute nennen das auch „pragmatisch“ – fragte er mich, wie man denn „schnell und unproblematisch“ eine Bescheinigung darüber bekommen könne, die englische Sprache im B2-Modus zu beherrschen. Ich fragte, wofür er das brauche, und er erklärte, seine Freundin, mit der er die vergangenen Wochen so herumgestrunzt hat, dass es schon leicht übertrieben wirkte, habe ja BWL im eher internationalen Bereich mit Englisch und Französisch studiert. Die brauche eine solche Bescheinigung.

Ich war baff. Wenn sie doch einen dieser „VIP“-Studiengänge studiert hat, noch dazu mit zwei schwerpunktmäßigen Fremdsprachen, warum dann hatte sie keinen Nachweis darüber? Und was sollte ich da nun machen? Nur, weil ich Anglistin bin, stellt man mir solche Fragen? 😉

Ich musste grinsen. Es gibt unter den Leuten, die solch staatstragende Sachen wie „International Business“ studieren, nicht wenige, die sich ganz schlau und wichtig fühlen und meinen, sie könnten alles besser als Leute meiner Couleur, die „brotlose Kunst“ studiert haben. Und nun braucht jemand einen Schrieb, der doch alles im Studium hatte, und ich werde ausnahmsweise gefragt, was man denn da machen könne? Von Leuten, die sich sonst viel schlauer vorkommen und gern schon mal erklären, sie würden ja überhaupt nicht verstehen, wozu man so was wie Geisteswissenschaften studiere? 😉 Ich gebe zu, ich hatte heute nicht meinen besten Tag … Und ich ließ ein paar entsprechende Kommentare ab, riss mich dann aber zusammen und gab zumindest den einen oder anderen Tipp.

Ich gebe zu, ich schäme mich ein bisschen. Aber allzu sehr auch wieder nicht. Ich habe nun einmal keine guten Erfahrungen mit einer speziellen Sorte BWLer gemacht, die sich stets erhaben fühlen, bei denen man aber oft merkt, dass es an einigem gebreche. Immerhin habe ich drei Jahre lang „Business English“-Seminare an einer FH geleitet … 😉 Ich bin also Kummer gewohnt. 😉

Wenn ich ganz ehrlich bin, frage ich mich noch immer, wie es sein könne, dass jemand BWL bzw. etwas damit Verwandtes mit dem expliziten Zusatz von „Englisch und Französisch“ – ich kenne es noch als Studiengang „BWL und Sprachen“ – studieren könne, ohne auch nur einen winzigen Nachweis über standardmäßige Englischkenntnisse zu besitzen. Von Französisch wollen wir lieber ganz schweigen. 😉

Aber wahrscheinlich liegt auch das an dieser Sommerstagnation … 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.