Mit-Esser und Augenmenschen

Heute las ich in der überregionalen Zeitung mit den drei Buchstaben, dass ein Video aus den USA im Netz kursiere, in dem eine junge Frau ausrastet und sich mit ihrem Freund streitet, weil dieser sich einfach ein Stück ihrer Pizza genommen und es gegessen habe. Ich sah es mir an und dachte, es sei wohl ein Fake. Aber vielleicht auch nicht, und selbst wenn, war es eine mir doch recht bekannte Situation …

Ich mag es nämlich auch nicht, wenn man – ohne zu fragen – einfach an Dinge geht, die mir gehören. Ich gehe auch nicht ungefragt an anderer Leute Besitztum.

So garstig, wie es hier klingen mag, bin ich allerdings nicht. Denn im Grunde kann man, wenn ich jemanden mag, das letzte Hemd von mir bekommen, und ich liebe es, Leuten, die ich mag, etwas zu schenken. Ich teile auch immer ohne Probleme und meist gern. 😉

Daher ist es auch völlig unnötig, sich einfach selber zu bedienen, wenn ich es ohnehin anbieten würde. Ich finde das immer ein wenig … übergriffig. Es gibt einige Dinge, in denen ich wirklich eigen bin. 😉

So auch beim Essen. Nein, ich gehöre nicht zu denen, die dieses und jenes nicht essen, nicht essen wollen, oft, ohne es je probiert zu haben. Ich bin nicht verwöhnt oder zicke beim Essen herum. Ich esse gerne gut – aber das ist ja eigentlich nichts Absonderliches.

Ich kann es aber wirklich nicht leiden, wenn ich im Restaurant bin, mein Essen gerade vor mir, wie alle anderen Leute am Tisch, und dann streckt jemand neben mir oder gegenüber seine Hand mit der Gabel aus und stochert auf meinem Teller herum, nimmt sich etwas, das ihm gefällt und isst es einfach. Nicht selten gefiel mir das Objekt auch, und ich hätte es gern selber gegessen. Nun ist es weg, einfach so dreist von meinem Teller entwendet, ohne eine Frage, während der Täter auf meine Beschwerde hin meint, ich solle mich nicht so haben, und ich könne mir gern was von seinem Teller nehmen. Darum geht es aber doch gar nicht. Oft hebe ich mir etwas besonders attraktiv Scheinendes bis zum Schluss auf – und dann kommt da einer an und nimmt es mir weg! Außerdem hasse ich dieses Gestocher mit der Gabel auf fremden Tellern, quer über den Tisch. Wenn ich gern etwas von einem anderen Gericht probieren möchte, frage ich, lasse mir etwas abschneiden, und da es ja meist noch einen kleinen Vorspeisenteller gibt, reiche ich den dann über den Tisch und lasse den edlen Spender das Probierstück darauflegen.

Vielleicht bin ich da etwas etepetete, aber ich mag das wirklich nicht. Einmal habe ich, im Restaurant mit mehreren Leuten, darunter zwei, die diese Angewohnheit pflegen, sarkastisch angeregt, wir könnten doch – wie in früheren Zeiten bei ärmeren Leuten üblich – alle bestellten Gerichte in einer großen Schüssel servieren lassen, die dann mitten auf dem Tisch stehe und aus der dann alle gemeinsam äßen. Kam nicht so gut an bei den „Mit-Essern“. Einer hob hervor, er sehe das ganz locker. Ich meinte, er sei nicht das Maß aller Dinge. Ich zwar auch nicht, aber man könne doch wohl individuelle Bedürfnisse berücksichtigen. Und eines meiner Bedürfnisse sei, ungestört essen zu können, ohne dass jemand mit seiner Gabel in meinem Essen herumstochere und – sollte jemand etwas von meinem Gericht probieren wollen – doch, bitte, gefragt zu werden. Alles andere sei für meine Begriffe keine Lockerheit, sondern einfach übergriffig und dreist.

Auch, wenn ich mir ein Eis oder ein Stück Kuchen gekauft und extra noch gefragt habe, ob jemand anderes auch eines wolle, dies verneint wurde, dann aber, wenn ich mein Eis oder den Kuchen habe, dauernd probiert werden muss, bis ich nichts mehr für mich habe, finde ich das ärgerlich. „Aber nein, ich möchte kein Eis, danke.“ Und dann wird so lange sehnsuchtsvoll gestarrt, und dann will ich auch nicht so sein, oder es wird einfach selber zugegriffen, und schon ist das Eis/der Kuchen so gut wie weg. So etwas macht keinen Spaß und ärgert mich sehr.

Einer meiner Ex-Freunde war da besonders dreist. Im Hotel beim Frühstück fraß er mir einmal die für mich vom Buffet geholte Portion sill weg, die ich gerade an meinem Platz abgestellt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er mir etwas wegaß, und ich merkte, wie ich sauer wurde. Ich hätte ihm durchaus etwas abgegeben – aber das schien nicht zu reichen. Und ratz-fatz verschwand der eingelegte Hering – wir waren in Skandinavien – in seinem gierigen Schlund. Mir blieb nur der Sud mit einigen Zwiebelstücken, sowie drei Wacholderbeeren. Und er machte keinerlei Anstalten, seinen Hintern zu heben, um Nachschub zu holen und mich zu entschädigen. Nein, er saß da ganz selbstverständlich und bräsig und meinte nur: „Lecker! Habe ich auf dem Buffet gar nicht gesehen.“

Da wurde ich richtig sauer: „Sag mal, geht es noch? Ich hole mir etwas vom Buffet, habe noch nicht einmal Zeit, mich hinzusetzen, da frisst du mir schon alles weg? Und sagst noch: ‚Lecker, habe ich gar nicht gesehen‘, ohne auf die Idee zu kommen, mir eine neue Portion zu holen? Ich glaube, es hackt!“ Ich hätte sicherlich weniger sauer reagiert, wären wir gerade eine Woche liiert gewesen, aber dies war schon länger der Fall, und es war nicht das erste Mal, dass er sich so verhielt. Nehmen war seine große Stärke. 😉

Beleidigt bot er mir an, mir eine neue Portion zu holen, aber ich lehnte ab und meinte: „Nein, danke. Und schon gar nicht so. Da gehe ich lieber selber – sonst muss ich mir am Ende noch anhören, dass ich dich herumkommandiert hätte.“ Und ich ging und erwischte noch den letzten Rest sill vom Buffet.

Dieser Ex pflegte auch, war er bei mir, in die Wohnung zu kommen, sofort in die Küche zu rennen, wo ich bereits kochte, den Kühlschrank aufzureißen und ungefragt Dinge in seinen Rachen zu stopfen. Dinge, die ich selber gern gegessen, aber durchaus geteilt hätte, Dinge, die ich zum Kochen brauchte. Ganz reizend. Dann warf er sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein, und in regelmäßigen Abständen hörte ich aus dem Wohnzimmer den ungeduldigen Ruf: „Ist das Essen bald fertig?“ Nicht, dass er mir mal geholfen hätte …

War ich bei ihm und fragte, ob ich eine bestimmte Sache probieren dürfe, hieß es nicht selten: „Ach, das hatte ich eigentlich für mich gekauft. Nimm lieber das hier.“ Ah, ja.

Kein Wunder, dass eine Portion eingelegten Herings im Urlaub mich derart in Rage brachte. 😉

Als ich heute das Video sah, wurde ich auf unangenehme Weise an den Herrn erinnert – und ich hatte volles Verständnis für die Frau, die sich über den Pizzadieb ärgerte.

Übergriffiges ist nicht so mein Fall. Auch in anderer Beziehung. Es gibt ja verschiedene Wahrnehmungstypen bei Menschen. Da gibt es zum Beispiel den sogenannten „visuellen“ Typ, den „auditiven“ und den „kinästhetischen“. Ich bin sicher ein Mischtyp und eher visuell-auditiv, aber die visuelle Komponente ist wohl dominant. Ich erfasse Dinge besonders gut über die Augen, brauche daher auch immer eine gewisse Distanz, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über diese drei Haupttypen, in denen der kinästhetische als „haptischer Typ“ bezeichnet wurde. Man hob die Unterschiede hervor, und an einer Stelle musste ich heftig lachen. Man beschrieb die Gegensätze bei Visuellen und Kinästheten und dass diese sich langsam aneinander gewöhnen müssten. Das beschriebene Beispiel spielte auf einer Party, wo ein Kinästhet einen Visuellen aufgrund seiner Ausprägung in Bedrängnis bringt. 😉 Denn Erstgenannte, so war zu lesen, sind die Menschen, die einen – obwohl sie einen das erste Mal sehen – sofort anfassen, geringe Distanz halten, zu gering fürs erste Aufeinandertreffen. Sie meinen es nicht böse – es ist ihre Art. Aber – so der Text – für visuell geprägte Menschen, die ja eben die Distanz brauchen, sei dies ein Alptraum, da dieses Verhalten sie bedränge. 😉 Und man beschrieb eine solche Begegnung: Der Kinästhet begrüße den ihm unbekannten Visuellen, rücke dicht an ihn heran, lege ihm die Hand auf den Arm, um noch dichter heranzurücken. Der Visuelle hingegen weiche nach hinten aus. Nicht etwa, weil er den Kinästheten per se nicht möge, sondern, weil er die Distanz brauche, um den anderen besser zu erfassen. Das Ausweichen sei nun aber gerade das Gegenteil dessen, was der Kinästhet brauche wie die Luft zum Atmen, und so folge er dem Ausweichenden, rücke diesem erneut auf die Pelle. Logische Konsequenz: Der Visuelle weicht erneut zurück. Und so fort – bis der Visuelle dann im wahrsten Sinne des Wortes in die Ecke gedrängt sei oder mit dem Rücken zur Wand stehe. Verloren. 😉 Es führe häufig zu Konflikten zwischen diesen beiden Typen, noch bevor sie einander überhaupt kennengelernt hätten. Da müsse man vorsichtig und einfühlsam vorgehen – dann kämen beide Typen hervorragend miteinander klar. Es sei denn, sie seien einander aus anderen Gründen nicht sympathisch. 😉

Ich musste heftig lachen – ich kenne diese Situation. Manchmal wirkte auch das auf mich dreist und „übergriffig“. Inzwischen nicht mehr, ich bin ja aufgeklärt. Manchmal irritiert es mich noch immer – ich brauche einfach etwas mehr Zeit und Raum, um jemanden kennenzulernen. 🙂

Nur beim Essen funktioniert diese Akzeptanz noch immer nicht. 😉