Ali bekommt ungebetenen Besuch – und flucht

Gestern und vorgestern hatte ich Besuch. Ich hatte ihn nicht eingeladen, er kam einfach so. Da ich derzeit einiges „ausmiste“ – unter anderem endlich, wie so lange schon geplant, auch meinen Kleiderschrank, aber auch Bücher, die ich noch nie gelesen habe und sicherlich auch nicht lesen werde -, hätte ich sicherlich auch niemanden eingeladen, selbst wenn es sich um angenehmere Gäste gehandelt hätte, da hier einige blaue Plastiksäcke und Kartons herumstehen, die ich – mit dem neuen Auto – peu à peu entsorgen werde.

Zumindest der erste Gästepart war eher unangenehm, zumal er sich quasi hinter meinem Rücken in die Wohnung „geschlichen“ zu haben scheint. Sowas kann ich gleich gar nicht leiden. Die beiden anderen Gäste kamen im Grunde gestern auf die gleiche Weise – hinter meinem Rücken – in die Wohnung, aber die beiden waren nett, riefen mir schon fröhlich entgegen, als ich wieder ins Wohnzimmer kam, das ich nur kurz verlassen hatte. Es waren zwei fröhliche Gesellen, gutgelaunt und lebhaft. Es fiel mir aufgrund dieser Tatsache auch schwer, ärgerlich über die Invasion zu sein. Obwohl diese Gäste eigentlich gar nicht in eine Wohnung gehören.

Denn: Es waren zwei Kohlmeisen. Offenbar ein Pärchen. Ich hatte sie schon zuvor mehrfach auf meinem Balkon gesehen, wo sie, zierlich-fröhliche Rufe absondernd, herumtrippelten, neugierig durch die Balkontür spähten und einander wiederholt etwas zuzurufen schienen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Dialog wohl wie folgt aussah: „Sieh mal, Pinky [denn man nennt Kohlmeisen landläufig auch „Pinkmeisen“]! Hier geht es noch weiter! Und das scheint da ganz nett zu sein. Sollen wir vielleicht da die nächsten Kinder aufziehen?“ – „Hmmm, naja, warum nicht? Aber sieh doch mal, Titus – da sitzt etwas. So ein Mensch. Offenbar ein Weibchen. Meinst du, die Trulla erlaubt, dass wir da auch einziehen?“ – „Wir fragen sie erst gar nicht! Wir ziehen einfach ein! Wenn wir erst einmal drin sind, wird sie uns schon mögen. Ich meine, wir sind doch auch nett!“

Und gestern war ich nur kurz im Bad. Die Sonne schien draußen, und ich hatte die Balkontür geöffnet. Da die Meisen das letzte Mal vor einigen Tagen aufgetaucht waren, dachte ich mir nichts Böses. Doch als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, schallten mir schon lebhafte Rufe entgegen, und ich sah das Kohlmeisenpärchen auf der Fensterbank sitzen …

Nein! Nicht schon wieder! Erst Anfang April hatte ich ein Rotkehlchenpaar im Wohnzimmer gehabt – nun Kohlmeisen! Nichts gegen Kohlmeisen, wohlgemerkt. Ich mag Meisen, sie wirken immer etwas frech und unerschrocken. Und genauso blickte mir das Pärchen auch entgegen … Als wäre ich der Eindringling! In der eigenen Wohnung – das muss man sich mal vorstellen! Und auch, als ich mich ihnen näherte, flogen sie nicht weg oder wurden unruhig, sondern blickten mir selbstbewusst stählernen Blickes entgegen. Einer von ihnen trippelte ebenso selbstbewusst die Fensterbank entlang und warf einen interessierten Blick in eines meiner Bücherregale. Meisen brüten ja in Nisthöhlen, und das Bücherregal schien diesbezüglich von Interesse zu sein. Ich sank erst einmal auf meinen Schreibtischstuhl. Nur keine Hektik. Und – ehrlich gestanden – ich musste auch ein wenig grinsen. 😉 Dreist hoch drei waren sie, aber genau das amüsierte mich. Wie gesagt: Ich mag Tiere, also auch Vögel, und ich mag Meisen. Vielleicht nicht unbedingt in meinem Wohnzimmer, aber ich mag sie.

Außerdem haben sie so schöne Namen auf Französisch und Englisch. Im Französischen heißt die Kohlmeise „mésange charbonnière“, kurz „charbonnière“, was wörtlich übersetzt „Köhlerin“ heißt. Oder eben „Köhlermeise“. Im Englischen ist es noch viel besser, und ich erinnerte mich an ein Seminar, in dem ich einmal einen Text bearbeiten ließ, da auch Kohlmeisen erwähnt wurden. Ein Studi las, und er stutzte, als er den englischen Begriff für „Kohlmeise“ las. Dann sah er mich fragend an, und ich meinte, natürlich auf Englisch: „Haben Sie eine Frage?“ – „Ja! Was ist denn das für ein Text?“ – „Warum?“ – „Weil da ‚great titmouse‘ steht! Und etwas weiter hinten steht ‚great tit‘! Dabei scheint es doch um Vögel zu gehen!“ Ich grinste heftig und meinte hinterhältig: „Wie würden Sie das denn übersetzen?“ Und der arme Studi fiel darauf herein und meinte mit unsicherer Stimme: „’Maus mit großen Titten‘. Oder ‚große Tittenmaus‘. Oder ‚große Titte‘.“ Ich gebe zu, das war gemein von mir. Aber ihr müsst mich ein bisschen verstehen, denn es war das zäheste Seminar, das ich je geleitet habe, die Teilnehmer alle sehr träge. Irgendwie muss man doch Stimmung in die Bude kriegen – oder nicht? 😉 Den Text hatte ich nicht zufällig ausgewählt.

Ich lachte und meinte: „Sehen Sie – es ist nicht immer angeraten, wörtlich zu übersetzen. Denn Sie haben Recht – es geht um Vögel. Und ‚great titmouse‘ heißt ‚Kohlmeise‘, auch kurz: ‚great tit‘, weil es die größte Meisenart, ‚titmouse‘, ist.“ Der Studi lachte und rief: „Das war gemein, Frau B.! Aber gut – das werde ich nie wieder vergessen.“ Und irgendwie lief das Seminar gleich viel geschmeidiger, und das blieb auch so.

Seither mag ich Meisen noch lieber. 😉 Sympathische Tiere, die sogar aufgrund ihres ihnen selber wahrscheinlich unbekannten englischen Namens Schwung in ein lahmes Seminar bringen können. 😉

Nur in meinem Wohnzimmer wollte ich sie nicht so gern. Und ich setzte alles daran, sie wieder in ihren naturgegebenen Lebensraum zu schicken. Ein gewisser Aufwand war damit verbunden, denn sie sahen es zunächst nicht ein, wurden sogar verbal ausfallend. Zumindest klangen ihre Rufe extrem empört. Es tat mir zwar leid, aber das hier ist meine Wohnung, in der ich ungehindert Bücher aus dem Regal nehmen möchte, ohne Gefahr zu laufen, ein Nest mit – zugegeben: niedlichen – Jungmeisen in der Hand zu halten. Auch die Hinterlassenschaften müssen bedacht werden. Und ich kann doch nicht den ganzen Tag Balkontür und Fenster geöffnet lassen, damit Mama und Papa ungehindert hinaus- und hineinkönnen, um kleine Kerbtiere und anderes Futter zur Aufzucht der Meisenkinder einzufliegen. Das mussten die beiden niedlichen Wichte doch einsehen. Aber es gebrach ihnen ein wenig an Einsicht, und sie schimpften, wie nur Meisen schimpfen können. 😉 Mit gesträubtem Kopfgefieder – so leicht wollten sie nicht aufgeben! Erst, als ich die Jalousie des Wohnzimmerfensters hinunterließ und es dunkel wurde, sausten sie laut schreiend durch die Balkontür ins Freie. Ich war erleichtert, hörte die Meisen aber noch längere Zeit von draußen schimpfen. Hoffentlich sagen sie weiter, dass mein Wohnzimmer keine Aufzuchtstation für Zweit- oder Drittbruten ist … 😉

Mit den Auswirkungen der Gäste vom Freitag habe ich jetzt noch zu kämpfen, und allmählich wird es mir ein wenig unheimlich. Unangenehm ist es ohnehin.

Denn bei diesem Gast oder diesen Gästen muss es sich um Mücken oder um eine Mücke gehandelt haben. Wie es aussieht, um eine Monstermücke. Sie hat mich an beiden Fußknöcheln erwischt, die ich wohl nachts, weil mir warm war, unter der Decke hervorgestreckt hatte …

Ich bin mit Mückenstichen vertraut – ich berichtete bereits. Aber nicht mit so etwas! Denn der Mücken- oder Insektenstich am linken Knöchel ist annähernd unerträglich, juckt furchtbar und weist, da ich leider daran gekratzt habe, inzwischen einen Durchmesser von etwa fünf Zentimetern auf, ist knallhart und heiß. Ich sehe mich schon beim Arzt – und ich bin wirklich niemand, der überängstlich wäre. Aber das hier ist wirklich absonderlich. Am rechten Knöchel ist es noch nicht ganz so schlimm … Warten wir es ab. Ich kühle beide Knöchel gerade mit zwei Dosen „Ice Tea“. Gibt’s seit neuestem – mit Kohlensäure, das ist der Clou – bei einem allseits bekannten Discounter. Ich trinke das beileibe nicht jeden Tag, aber ab und an schon. Und zwei Dosen „Peach“ waren noch vorhanden – schmeckt furchtbar! (weswegen auch noch zwei unberührte Dosen da waren) -, kühlt aber ungeöffnet in der Dose gut. Ich glaube, ich behalte die beiden Dosen und bewahre sie als „Cool Pack“ im Kühlschrank auf. Wenn überhaupt, geht nur Zitrone – jedenfalls zum Trinken. Zum Kühlen geht auch Pfirsich.

So kann es einem mit ungebetenem Besuch gehen. Und sollte diese Mücke hier noch einmal auftauchen, ist ihr Leben in sehr großer Gefahr …

Wen wundert es, dass ich die meisten Insekten nicht mag! Vielleicht sollte ich die Meisen zurückholen. Fressen die nicht auch Mücken? 😉

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