Zwei brauchen dringend Urlaub …

Hallo, ihr da draußen! Ich heiße Janine und bin die Kollegin von Ali, die hier so viel schreibt. Anfangs fragte ich mich, warum sie das mache. Inzwischen ist es mir klar – irgendwie muss man sich abreagieren, wenn‘s mal wieder stressig war.

Ali und ich sitzen in einem Büro. Leicht ist das nicht immer. Ali ist bisweilen etwas eigen, und manchmal verstehe ich nicht, warum sie schallend lacht, wenn doch die Situation gerade mal wieder so richtig Sch…e – ach, das darf ich ja nicht sagen, weil mein Chef das nicht mag! – ist. Anfangs, als ich noch neu war, hielt ich sie sogar für etwas verrückt, wenn sie mal wieder so lachte, obwohl gerade Mist über uns hereinbrach. Inzwischen lache ich mit. Und seit viereinhalb Monaten lachen wir besonders viel.

Gestern war wieder ein ganz toller Tag. Vorgestern eigentlich auch, wenn ich es recht überlege. Aber das ist eine andere Geschichte – vielleicht erzählt Ali ja davon. Vielleicht auch nicht.

Mal schauen, ob ich davon erzähle, obwohl es so schön grotesk war. So eine typische Janine-Ali-Bürosituation, denn darin sind wir einander sehr ähnlich: Wir tappen gerne mal in Fettnäpfchen. Sogar in solche, die quasi mit Warnschildern versehen sind. Großen Warnschildern. By the way, Janine! Was machst du eigentlich hier in meinem Blog? 😉 Und wieso hältst du mich für etwas verrückt, bitte? 😉

Och, nun lass mich doch auch mal! Ich wollte gerade von dem tollen Freitag gestern erzählen!

Na gut. Aber ich werde das sicher kommentieren.

Das war klar – das tust du ja immer.

Du doch auch!

Das stimmt. So. Alles geklärt?

Ja, leg los – wenn es denn nicht anders geht … Aber warum du mich für etwas verrückt hältst – darüber reden wir noch, Madame! 😉

He – ich habe dich für etwas verrückt gehalten! Inzwischen nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr ganz so sehr.

Na, das beruhigt mich jetzt sehr! 😉 Wenn du mich für verrückt hältst, kann ich dir gerne mal meinen Ex Giacomo vorstellen. Dann hältst du mich nie wieder für etwas verrückt.

Wieso? Ist der echt verrückt?

Er würde es wohl als „exzentrisch“ bezeichnen. Vielleicht erzähle ich bei Gelegenheit mal davon. Einmal auf alle Fälle war ich kurz davor, in einem vollbesetzten italienischen Restaurant unter den Tisch zu kriechen, zusammen mit der Freundin von Giacomos Freund Ettore, als die beiden plötzlich lauthals „Fratelli d’Italia“ zu singen begannen – die italienische Nationalhymne. Die ganze italienische Nationalhymne. Ganz laut. Und Giacomo singt so, dass es klingt, als würde man eine in einem Ofenrohr eingeklemmte Katze foltern. Raffaela und ich sahen einander an, und sie deutete unter den Tisch und meinte, vielleicht sollten wir uns dort verstecken, denn sämtliche Leute um uns herum starrten uns vorwurfsvoll an. Merkwürdigerweise nur Raffaela und mich. Einige meinten sogar, ob wir unsere Begleiter nicht zur Ordnung rufen könnten – man wolle essen! Als hätten wir irgendeinen Einfluss auf die beiden Wahnsinnigen gehabt! Und das ist noch eine harmlose Geschichte.

Das stelle ich mir echt peinlich vor. Seid ihr unter den Tisch gekrochen?

Nein. Aber wir wagten nicht mehr, unsere Blicke zu heben, weil wir von allen Seiten böse angestarrt wurden. Ettore und Giacomo hatten Spaß, bis der Ober kam und ihnen je einen Grappa brachte, damit sie aufhörten …

Darf ich jetzt?

Ja.

Gestern hatten wir also wirklich einen echt tollen Tag. Ali würde sagen: „‘Toll‘ im anderen Sinne.“ Und da hat sie recht. Okay, Außenstehende werden das vielleicht gar nicht verstehen, aber wenn man mittendrin statt nur dabei ist, ist es wirklich manchmal etwas merkwürdig.

Wir sollen ja jetzt umbenannt werden, Ali, Daniela und ich. Also, unsere Tätigkeitsbezeichnung soll geändert werden, und darum ist ein echter Aufstand gemacht worden. Monatelang hat man überlegt, ob man das denn machen könne – und überhaupt. Dabei ist das Ganze nicht einmal mit einer finanziellen Beförderung verbunden. Was kann daran so lange zu entscheiden sein? Ali lacht sowieso immer und meint, dass diese Bezeichnung eigentlich ein Selbstverständnis sein sollte. Und mein Interesse ist auch schon etwas erlahmt, weil eine schlichte Entscheidung so lange dauert. Das kann es doch nicht sein.

Ja, und ausgerechnet jetzt, da ich ab nächster Woche Dienstag in den Urlaub gehe, kommt der Brief mit der offiziellen Umbenennung. Genauer: gestern. Und mein Vorgesetzter war nicht da, ist auch Montag nicht da, und der muss mir das Ganze doch übergeben. Ich würde also erst nach meinem Urlaub umbenannt werden. Alis Vorgesetzter war da und überlegte nun, was zu tun sei. Ob er mir das Ganze vielleicht …? Aber das wollte ich nicht. Nee, das soll mein Vorgesetzter mal schön selber machen. Alis Vorgesetzter bedauerte, dass er Ali das Ganze dann auch nicht aushändigen könne, aber die grinste nur und hob die Schultern, als wolle sie sagen: „Na, und? ‚Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix‘.“

Nachdem dann noch einige Leute – pünktlich am Freitagnachmittag – ganz plötzlich noch Termine brauchten, Danielas Vorgesetzter ihr eingeschärft hatte, dass wir drei bei der nächsten Einstandsfeier aber gefälligst unsere Telefone in den Raum, in dem wir gestern Mittag feierten, umstellen sollten – er und seine Kollegen müssten schließlich immer erreichbar sein -, und Ali defätistisch fragte, ob eine elektronische Fußfessel vielleicht angeraten sei, gingen wir erst einmal eine rauchen.

Und so standen wir draußen, lachten und meinten, irgendwie sei der Tag mal wieder einer der besonders charmanten. Da aber sah ich, wie Alis Züge sich entspannten und ein nahezu liebevolles Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Und sie hob den linken Arm und deutete mit dem Zeigefinger nach links, mitten ins Grün hinein, das sich hinter unserem Arbeitsplatz breitmacht, mit Bäumen, viel Gras – ein echtes Idyll.

„Da! Sieh mal! Wie süß!“ meinte sie, und ich blickte in die Richtung, in die ihr Zeigefinger deutete. Dort saß ein Kaninchen, das mit einem riesigen Blatt rang, das es zu fressen beabsichtigte. Ich blickte hin, und da hörte ich von rechts, wo Ali stand, einen Schrei – und schon bekam ich einen Schlag gegen den Hinterkopf, und es wurde an meinen Haaren gerissen!

Was war das denn? War die völlig durchgeknallt? Ich drehte mich zu ihr um und sah, dass sie mich mit weitaufgerissenen Augen panisch anstarrte. „Was ist denn?!?“ schrie ich, und da schlug sie schon wieder nach meinem Hinterkopf und zerrte an meinen Haaren! „Hallo? Geht‘ s noch?“ schrie ich, und da schrie sie zurück: „Nicht bewegen! Ruhig! Eine Wespe sitzt auf deinem Kopf!“ War das wieder einer ihrer Scherze, denen sie mich häufiger mal aussetzt? Aber sie meinte, nein, mit so etwas mache sie keine Scherze.

„Ruhig“! Wie sollte ich denn da, bitte, ruhig bleiben? Vorstellungen hat die manchmal! Ich schrie wie am Spieß, und Ali schrie, ich solle gefälligst ruhig bleiben, während sie mit der Hand die Wespe entfernte, die dann durch die Gegend taumelte. Ein Riesenvieh! War das etwa eine Hornisse?

Die Wespe taumelte zwischen uns hin und her, und Ali und ich sprangen wie zwei verrückte Bergziegen laut schreiend und kreischend in der Gegend herum, während die Wespe irritiert auf dem Boden landete und sich mit ihren vordersten Beinen verwirrt über die Fühler strich.

Hinter uns aus dem Gebäude hörten wir Stimmen und Gelächter. Als wir uns umdrehten, standen da diverse Leute, die mit den Fingern auf uns zeigten. Einer zückte sogar sein Smartphone und wollte offenbar ein Video machen. Rasch drehten wir uns wieder um und verhielten uns ganz ruhig. Wie peinlich! Aber dann lachten wir apokalyptisch. Die Krönung eines bekloppten Tages …

Umbenannt sind wir immer noch nicht. Ich bin gespannt, was als Nächstes passiert. Ali sagt, ihre Spannung halte sich in Grenzen, vielmehr graue ihr davor, dass ich in Kürze drei Wochen Urlaub habe, da es dann sicherlich sehr langweilig werde. Aber den brauche ich auch dringend.

Ich auch! Ich brauche auch Urlaub – aber ich kann ja erst ab Mitte August … 🙁 Aber an meinem Geburtstag Anfang August nehme ich mir auf alle Fälle frei – da kannst du sagen, was du willst!

Ist doch okay, habe ich doch gesagt! Kommst du am Vierten halt nicht. Bin ich ganz allein.

Naja, also – den einen Tag wirst du sicher überstehen! Aber ab Mitte August mache ich richtig Urlaub. Ist wirklich nötig – bei all der Aufregung mit Wespen und dem ganzen Rest!

Nachtrag: Es mag vielleicht auf Uneingeweihte und Außenstehende nicht gar so spektakulär erscheinen, was für uns etwas irre ist – aber wenn man mittendrin sitzt, sieht das Geschehen schon ganz anders aus … 😉

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