Wie man Schwäne fängt – oder: Unterwegs mit Machos

Esst ihr gern Fisch? Nein? Macht nix – ihr dürft trotzdem weiterlesen. 😉

Seid ihr unerschrocken, und haut euch nichts so schnell vom Stuhl? Oder seid ihr zickig? Zimperlich? Könnt ihr kein Blut sehen? Dann ist das, wovon ich hier erzähle, nichts für euch. 😉 Ihr dürft aber trotzdem weiterlesen und sehen, was für bekloppte Sachen man manchmal so mitmacht. Ich zumindest. Vielleicht hättet ihr es ja nicht gemacht. 😉

Ich bin schon als kleines Kind sehr gern mit meinem Onkel zum Angeln gegangen – das war immer klasse. Mein Onkel war Grund- und Volksschullehrer, aber von der lockeren Sorte, und er konnte prima mit Kindern umgehen. Zugegeben, das erleichtert diesen Beruf ungemein, ist aber gar nicht selbstverständlich. Brauche ich euch sicherlich nicht zu erklären, da ihr wohl alle selber zur Schule gegangen seid und wisst, was ich meine.

Mein Onkel war recht lässig, aber man lernte immer etwas, wenn man mit ihm unterwegs war. Zum Beispiel, wie man seine zwei Nichten aus dem „Pott“ mit einer bayerischen Schulklasse, die zum Sonderpreis hineinkommt, umsonst mit ins Kino schmuggelt, obwohl eines davon (ich) erheblich kleiner und jünger als die anderen ist und unmöglich schon Bestandteil dieser Klasse sein kann. („Geh her, do mischst dich fei a weng unner die annern, dess mer dich ned sso ssiehd, gell, Ali?“ So die Vorbereitung zu dieser Unternehmung. Und zu diversen anderen, zu denen ich dann kostenlosen Eintritt hatte.)

Und zum Angeln nahm er uns auch immer mit. Stephanie fand das alles wohl nicht so toll, ich fand es klasse. Vielleicht lag es daran, dass ich erheblich lieber Fisch esse als sie. Wir bekamen auch immer Aufgaben: Stephanie durfte nach Würmern graben, ich den Kescher halten, wenn denn ein Fisch angebissen hatte. Später, als ich größer war, „durfte“ ich sogar Fische schuppen. Nicht meine Lieblingstätigkeit übrigens. Und mein Onkel brachte mir bei, dass man immer nur so viele Fische fangen dürfe, wie man auch brauche. Und er behauptete, meine Anwesenheit sei ein Garant dafür, mindestens einen Karpfen zu fangen, denn er kam nicht immer mit Karpfen, der in meiner Familie mütterlicherseits eine große Rolle als Speisefisch spielt, nach Hause. War ich dabei, komischerweise immer. Keine Ahnung, woran das lag.

Derart vorgebildet, ging ich dann auch als Studentin mehrfach mit einem Bekannten und meinem damaligen Freund Freddy angeln. Einmal waren wir in Holland, genauer, an der Maas, wo wir Aale angeln wollten. Dort habe ich erstmalig in meinem Leben wirklich selber geangelt – ein Riesenfortschritt.

George, unser Bekannter, der ein begeisterter Angler war, wies mich kurz ein, zeigte mir, was zu tun sei: „Und so wirfst du dann die Angel aus. In einem großen Bogen. Mach mal!“ Ich machte, holte die Schnur wieder ein und warf noch ein paarmal. George meinte: „Mir scheint, du bist ein Naturtalent.“ Kunststück, ich hatte es ja von klein auf oft genug gesehen und gezeigt bekommen. 😉 Und so meinte George: „Noch ein letztes Mal zum Üben, los, Ali! Auf die Gruppe Bäume da am anderen Ufer zielen!“

Und ich warf. Richtung Baumgruppe, mitten auf die Maas, auf der ein paar Schwäne herumdümpelten. Der Haken flog noch durch die Luft, als einer der Schwäne sich von der Gruppe löste und energisch in die Richtung schwamm, in die man den Angelhaken fliegen sehen konnte. Mir schwante – im wahrsten Sinne – nichts Gutes, aber ändern konnte ich nun nichts mehr, und so musste ich hilflos zusehen und anhören, wie der Schwan mit einem deutlichen „Pling!“ vom Haken am Schnabel getroffen wurde! Nicht, dass er verletzt worden wäre, nein, aber man weiß ja, wie reizbar Schwäne sein können … Und dieser fing auch sogleich böse zu fauchen an und wandte sich … in unsere Richtung. O Gott!

„Los, Ali! Hol die Schnur ein! Schnell! Schneller!“ schrie George, denn nun fing auch der Rest der Schwanengruppe an, verärgert zu fauchen, als hätte ich sie alle getroffen! Ich kurbelte, und das mit links, was das Zeug hielt, die Schnur auf, während die gesamte Schwanengruppe fauchend und mit gesträubtem Gefieder in beachtlicher Geschwindigkeit auf uns zugeschwommen kam. Sie kamen näher. Und näher.

George schrie: „Los, alle Angeln aus dem Wasser! Und dann zum Auto!“ Ratz-fatz holten wir die Angeln ein, als die Schwäne auch schon Anstalten machten, aus dem Wasser zu steigen. „Rennt um euer Leben!“ schrie George, was ich ein bisschen übertrieben fand. Bis der erste Schwan an Land war …

Wir ließen alles fallen und rannten zum Auto, hechteten hinein und verrammelten die Türen. Das war auch gut so, denn die Schwäne waren inzwischen allesamt sehr zornig dem Wasser entstiegen und kamen zum Auto gerannt, das sie zischend belagerten, mit eindeutigen Drohgebärden. Zwei von ihnen klopften sogar wütend mit ihren Schnäbeln an die Karosserie. George drehte sich zu mir um und funkelte mich an: „Klasse, Ali! Hast du super gemacht! Was wollten wir angeln? Aal! Nicht Schwan! Und jetzt sitzen wir hier! Gefangen im Auto!“ – „Ich kann nix dafür! Ich habe genau das gemacht, was du gesagt hast! Kann ich ahnen, dass dieser Schwan so gierig ist?“ – „Hoffentlich hauen die schnell wieder ab!“

Als wir eine Dreiviertelstunde später vorsichtig wieder aussteigen konnten, war die Stimmung so gedämpft wie pochierter Kabeljau in Dillsauce. So lange hatten die Schwäne ausgeharrt. Wir auch. Zwangsläufig. Seitdem mag ich Aal nicht mehr so sehr. Ob ein Zusammenhang besteht?

Aber das Schärfste, was ich in puncto Angeln bisher erlebt habe, war eine denkwürdige Fahrt nach Oostende zum Makrelenfischen. Es war eine vom führenden Aachener Angelbedarfshändler organisierte Fahrt mit einem Bus. Einem Bus voll erwartungsfroher Angler. Eine Art Kaffeefahrt für ganze Kerle! Ich „liebe“ so etwas ja … Aber mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Um 4:30 h früh trafen wir uns vor dem Angelbedarfsgeschäft in der Franzstraße, wo der Treffpunkt war und auch George schon auf uns wartete. Um diese Uhrzeit sind meine Augen, selbst wenn ich im Wachzustand bin, noch halbgeschlossen, aber Freddy war zum Glück zur Gänze wach. Er gehört zu den Menschen, die morgens die Augen aufmachen und zu reden anfangen, als gäbe es kein Morgen. Egal, wann er aufwacht. Ein Alptraum. 😉

George war Stammkunde bei „Angelbedarf Mommertz“, und er meinte, der Inhaber sei total nett. Entweder war ich wirklich noch nicht richtig wach, oder ich habe ein anderes Verständnis von „nett“. Der Typ war total von oben herab, und mich betrachtete er ganz besonders von dort, eben von oben herab. „Noch eine Frau … Oh Mann, das ist doch kein Kaffeekränzchen hier!“ Ausgerechnet mir! Ich hasse Kaffeekränzchen, ich hasse Tussigehabe, ich bin nicht zimperlich. Aber ich war noch zu müde, um mich zu ärgern, und so dachte ich nur: „Nicken, lächeln, ‚Arschloch‘ denken.“

Schließlich saßen wir im Bus. Außer mir waren noch drei andere Frauen an Bord. Eine fuhr den Bus – das gestattete der Angelbedarfs-Heini offenbar. Und zwei Frauen, die recht handfest wirkten und wohl auch angeln wollten.

Die Gespräche während der Fahrt waren besonders erbaulich. Da prahlten einige mit ihren Fängen, und unter der Erzählung wurden die Fische immer größer. Andere machten ihrem Unmut Luft, dass Frauen dabei waren. Ich fühlte mich total wohl …

Hinter Freddy und mir saß ein Opa mit seinem etwa zwölfjährigen Enkelsohn. Er verklickerte ihm gerade: „Tut mir leid, dass Frauen dabei sind. Ich wollte dich doch zu einer echten Angeltour mitnehmen! Da haben Frauen nichts verloren. Die fangen ohnehin nichts, weil Frauen nicht angeln können. Das ist nun einmal so. Das ist Männersache.“ Und der zwölfjährige Pimpf nickte überzeugt. Am liebsten hätte ich ihm eins vor die Glocke gegeben, auf dass er frühzeitig lernte, dass Frauen durchaus handfest sein können, aber ich kann mich zum Glück beherrschen. Obwohl mir durch den Kopf schoss, dass später unter dem aufgrund dieser Erziehung zum Macho mutierten Enkel mal wieder speziell wer zu leiden haben würde? Eine Frau. Oder mehrere. Eigentlich wäre es meine Pflicht gewesen, einzuschreiten. 😉

Ich bedauerte schnell, kein Ohropax mitgenommen zu haben. Als man mir gegen 5:15 h ein Bier anbot und ich ablehnte, hieß es erneut: „Typisch Frau! Zu fein, um Bier zu trinken!“ – „Keineswegs,“, gab ich zurück, „aber nicht um diese Uhrzeit. Obwohl es ja heißt: ‚Kein Bier vor 4‘, und wir haben nach 4. Ich dachte allerdings immer, damit sei 16 Uhr gemeint.“ Freddy raunte mir zu: „Halt den Mund – reiz die nicht noch!“ – „Ach! Ich darf die nicht reizen, die mich aber unentwegt?“ Ich befand mich offenbar in einem Käfig voller Narren – und das an einem freien Samstag …

Endlich waren wir an Bord des Schiffs, mit dem wir in See stechen sollten. George hatte mir netterweise eine Angel mitgebracht und diese sogar auf meine Bedürfnisse „umgebaut“, so dass ich mit rechts spulen konnte. Er meinte etwas herablassend: „Machen normalerweise nur die Amerikaner so – aber weil du es bist … Normale Rechtshänder spulen mit links.“ Leuchtete mir zwar nicht so ganz ein, weil ich das Aufspulen der Schnur für eine filigranere Tätigkeit halte als das Halten der Angel nebst etwaigem „Anreißen“, und mir war auch nicht klar, dass es da nationale Unterschiede gebe, aber ich bin keine Expertin. Wir strebten zum Bug des Schiffs. Die beiden anderen Anglerinnen gingen zum Heck, und so war ich allein unter Machos.

Makrelen fängt  man mit einem „Makrelenpaternoster“, einer Vorrichtung mit mehreren Seitenschnüren und Haken. Dazu hatte ich ein 90-Gramm-Bleigewicht – es versprach ein tolles Training für die Armmuskulatur zu werden. Andererseits – ich brauchte mir ja gar keine Sorgen zu machen, dass ich der Sache nicht Herr werden würde, denn Frauen fangen ja eh nichts, weil sie als Frauen nicht angeln können. Hatte ich kurz zuvor gelernt 😉

Zunächst aber hatte ich mit etwas anderem zu kämpfen. Mir wurde ganz mulmig, als wir den Hafen verließen – ich würde doch wohl nicht seekrank werden? Alles, nur das nicht – nicht in diesem Schwarm Machos! Und so riss ich mich zusammen, starrte auf den Horizont, als würde ich dafür bezahlt, und irgendwann fühlte ich mich nicht mehr so, als müsste ich mich jeden Moment über die Reling hängen und mir so einiges nochmal durch den Kopf gehen lassen. Und schon wurde der erste Makrelenschwarm gesichtet, und ich machte mich ans Werk …

Hinterher hieß es, es sei ein ziemlich mauer Ausflug gewesen. Ich sah das anders. Freddy und ich hatten 16 Makrelen gefangen, ich davon immerhin sieben. Die beiden anderen Frauen hatten auch Beute gemacht. Dafür gingen diverse Männer völlig leer aus. Darunter auch der Opa mit seinem Enkel. Und noch ein paar derer, die so vollmundig gemeint hatten, Frauen hätten beim Angeln nichts verloren, weil sie es einfach nicht könnten, da Männersache. Ich grinste. Ich hatte es sogar geschafft, all meine Makrelen selber kurz und hoffentlich schmerzlos in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Das ist nicht schön, aber man muss es machen, wenn man Makrelen essen will, die man selbst gefangen hat. Ich hatte mir sogar einen Haken aus dem Finger manövriert, der sich beim Abnehmen einer Makrele hineingebohrt hatte, ohne mit der Wimper zu zucken. In meiner näheren Umgebung sagte keiner der Männer mehr etwas gegen Frauen beim Angeln.

Im Bus war es auf der Rückfahrt erheblich stiller als auf der Hinfahrt. Einzig der Enkel hinter mir meinte: „Was essen wir denn jetzt heute Abend? Du hattest Oma doch gesagt, wir kämen mit ganz vielen Makrelen zurück!“ Ich grinste, dann drehte ich mich um und meinte: „Möchten Sie vielleicht eine oder zwei von meinen haben? Ich habe so viele gefangen – ich weiß gar nicht, wohin damit!“ Das aber wollte Opa nicht. Dann lieber Käsebrote zum Abendessen. Ich grinste noch mehr.

Und am meisten habe ich gegrinst, als der angeberische Angelbedarfshändler Freddy vollprahlte, er habe kürzlich in Amerika gefischt. Dort habe man Hummer gegessen, „und sogar Lobster!“ So prahlte der Herr, und ich kicherte albern in mich hinein. Hummer! Und Lobster auch noch! Welche Steigerung! Mit dem Angeln schien der Mann sich auszukennen. Mit der englischen Sprache nicht.

Wir hatten dann jedenfalls einen Tag später einen schönen Abend mit vielen Freunden zum Makrelenessen. Makrelen mit vielen Kräutern im Ofen gegart – hervorragend.

Aber so eine alberne Macho-Kaffeefahrt habe ich lieber nicht mehr mitgemacht, denn Angeln macht eigentlich nur Spaß, wenn man die richtigen Leute dabei hat. Und keine Schwäne in der Nähe sind.

Laienexperten, Dogmatiker und Erzieher

Nein, ich meine hier nicht die Erzieher oder Erzieherinnen, die in Kitas oder ähnlichen Institutionen tätig sind – die machen einfach ihren Job, und den machen sie meist gut. Es ist nicht immer so einfach mit Kindern, oft ist es echt stressig, und daher ziehe ich meinen Hut vor erwachsenen Menschen, die sich hauptamtlich mit noch kleinen Menschen beschäftigen. Ich habe das längere Zeit ehrenamtlich gemacht, und so kann ich sagen: Es ist stressig, aber auch schön. Man bekommt vieles zurück, und es macht durchaus – neben dem Stress – sehr viel Freude.

Ich meine hier eher mehr oder minder erwachsene Menschen, die sich zur Aufgabe gemacht haben – denn meist wurde diese vermeintliche Aufgabe ihnen durchaus von keinem Dritten mit Weisungsbefugnis übertragen -, andere mehr oder minder erwachsene Menschen zu erziehen, zu belehren, und das in dem Bewusstsein, dass man selber alles wisse, und das natürlich besser als alle anderen. Allein der Tonfall, in dem diese Belehrungen von oben herab erteilt werden, könnte einen bereits zum Zerspringen bringen, wird man einmal mehr wie ein dummes und unmündiges Kind von solchen Menschen behandelt. Diese selbsternannten Volkserzieher gerieren sich, als hätten sie das Universum und alles, was darin kreucht und fleucht, höchstselbst erfunden und entwickelt. Daher wissen sie auch so gut Bescheid und können anderen beibringen, wie diese ihr Leben zu führen haben bzw. dass das, was diese bisweilen so tun, womit sie auch hervorragend zurechtkommen, total dumm, falsch und uninformiert sei.

Gut, dass es solche Menschen gibt. Wir anderen wüssten doch sonst gar nicht, wie wir einen Fuß vor den anderen setzen sollten. Nicht wahr?

Nicht selten zeichnen sich diese selbsternannten Erzieher durch einen gewissen Dogmatismus aus: Was sie sagen, denken und finden, ist so – und nur so, bitte schön! – richtig. Abweichende Meinungen sind von vorneherein falsch und daher rigoros abzulehnen. Nicht selten geschieht das dann in herablassend-mitleidigem Tonfall, der dem Deppen, der da aufgrund eigener Überzeugung anders als der Erzieher handeln wollte, zeigen soll, wie dämlich er doch sei, während die Herrlichkeit des Erziehers auf der anderen Seite herausgekehrt werden soll. Wer da nur ein bisschen sensibler ist, wird sich auch sogleich wie ein Knalldepp fühlen. Die Zeiten sind zumindest bei mir lange vorbei, zum Glück. Ich kenne aber Menschen, die sich durch solch ein Verhalten wirklich manipulieren und deprimieren lassen. Funktioniert bei mir nicht mehr – mich macht so etwas nur noch wütend. Und womit? Mit Recht. Finde ich zumindest.

Mir wurde kürzlich auch wieder eine solche Lektion zuteil, als ich einem Bekannten – froh, dass alles gut ausgegangen war, wie ich erst kurz zuvor erfahren hatte – von meiner ebenfalls kürzlich erfolgten Untersuchung mit bildgebendem Verfahren berichtete und erleichtert mitteilte, es sei alles in Ordnung, müsse aber sicherheitshalber beobachtet werden. Ich war einfach nur erleichtert, denn man hatte mich nicht ohne Grund dorthin überwiesen, und die letzten Tage waren wirklich eine Nervenprobe für mich gewesen.

Statt aber eine Reaktion zu generieren, die – zum Beispiel – besagte: „Das freut mich für dich“ oder: „Da bist du sicherlich erleichtert“, wurde mir ein Vortrag zuteil, wie nutz- und sinnlos diese Methodik des bildgebenden Verfahrens doch sei. Das sei hinlänglich bekannt. Ah, ja. Sicher, hatte ich auch schon gelesen, dass zumindest in bestimmten Fällen ein anderes bildgebendes Verfahren geraten sei. Zu diesen Fällen gehöre ich aber nicht. Ich gab an, mit mehreren Menschen vom Fach, Medizinern, über das Thema gesprochen zu haben. Das jedoch zählte überhaupt nicht, und mein Bekannter ging nonchalant darüber hinweg. Natürlich – er weiß es besser, immerhin ist er Laie, weder Mediziner, noch Medizintechniker, noch Physiker. 😉

Auch ich bin keine Freundin davon, Ärzte automatisch für Halbgötter in Weiß zu halten, aber es waren Mediziner, die ich kenne, die als sehr kompetent gelten und das auch sind. Deren Meinung sollte nicht zählen? Nun ja …

Ich gebe zu, ich habe einen Fehler gemacht: Ich hätte diese Diskussion einfach abbrechen sollen. Aber es ist ein guter, langjähriger Bekannter, und ich war entsetzt, dass das Einzige, das ihm zu der für mich guten Nachricht einfiel, Belehrungen waren und mich als kleines Dummchen hinzustellen. Ich solle mich da mal einlesen, hieß es – grau ist alle Theorie -, und ich sei im Moment sowieso nicht in der Lage, anders als emotional zu reagieren, da ich noch unter dem Einfluss der Gefahr, der ich da gerade entronnen sei, stünde. So hieß es. Erleichtert war ich, ja. So erleichtert, dass ich fast geweint hätte. Aber durchaus in der Lage, rational zu agieren. Eine Unverschämtheit und eine Enttäuschung, denn ich mag diesen Bekannten durchaus. Und dann wird man wie ein Idiot behandelt – ich fand es anmaßend hoch drei und bin sauer.

Doch dies nur ein Beispiel von so vielen im Leben – um mich soll es hier gar nicht gehen; nur ist das Beispiel halt ziemlich plastisch.

Täglich begegnet man ihnen – den Menschen, die wähnen, alles besser zu wissen. Man begegnet ihnen ja schon, wenn man morgens das Haus verlässt, sich ins Auto setzt und losfährt. Wie oft hat man selbsternannte Verkehrserzieher vor und um sich, die einem klarmachen wollen, dass man so zu fahren habe, wie sie es tun. Das beinhaltet nicht selten Schleichen auf Strecken, da man durchaus schneller fahren darf. Aber nein! So wird man nicht selten von den Schleichern aufgeklärt, man dürfe da ja auch langsamer fahren. Klar darf man das, muss sich dann aber nicht wundern, wenn man hinter sich einen Stau erzeugt und alle einen hassen. Und erneut: womit? Mit Recht. Oder? Denn wenn ich sehe, hinter mir entsteht ein Stau, weil ich nicht 50, sondern lieber 30, 35 fahren will und das dann auch anderen oktroyiere, muss ich mich nicht wundern, wenn die hinter mir Fahrenden dann wirklich stinkig sind, denn man könnte und dürfte ja schneller … Hatten wir schon, das Thema – ist aber immer wieder interessant.

Ich finde solche Menschen ganz erstaunlich. Die finden offenbar ganz normal, dass sich gefälligst alle anderen nach ihnen richten sollen. Ja, sie fühlen sich möglicherweise in dieser Rolle auch noch wohl – schließlich handeln sie ja richtig, weil sie alles besser wissen. Und damit ist es doch automatisch ihre heilige Aufgabe, den Unwissenden beizubringen, wie es richtig gehe. Oder?

Liest man manchmal in Kommentarbereichen von Online-Zeitungsartikeln, findet man sie auch. Die Menschen, die gern ihre eigene Meinung als einzig maßgebliche betrachten und akzeptieren. Die beenden ihre belehrenden Kommentare gern mit der Aufforderung: „Denkt mal darüber nach!“ Mit einer Arroganz sondergleichen.

Nicht selten aber auch mit einer erschreckenden Weltfremdheit, denn sie nehmen gar nicht wahr, dass um sie herum durchaus – wenn auch vielleicht nicht von allen gleichermaßen – nachgedacht wird, auch neben ihnen durchaus intelligentes Leben existiert. Vielleicht mit einer anderen Meinung, aber dennoch intelligent. Nur: Das vermögen unsere Erzieher und Alleswisser offenbar meist nicht zu erkennen, und da frage ich mich dann wiederum, ob die denn dann so intelligent seien …

In jedem Falle sind es durch die Bank Dogmatiker. Problemorientiert zumeist. Aber das ist auch irgendwie klar, denn wenn man keine Lösungen, zumindest keine allgemeingültig sinnvollen, anbieten kann, krallt man sich an das Problem und theoretisiert munter herum, während andere schon nach Lösungen oder zumindest Kompromissen suchen. Kompromisse gehen aber hier gar nicht! Und so sonnen sie sich in ihrer vermeintlichen Überlegenheit, während um sie herum reihenweise Köpfe geschüttelt werden. Da Dogmatiker aber – zumindest kenne ich einige solcher Fälle – nicht selten Scheuklappen tragen, bekommen sie dies gar nicht mit. Und selbst wenn: Die anderen sind ja aus ihrer Perspektive ohnehin im Unrecht und Unwissende. Immerhin: Bei all ihrer Vorliebe für alleinige Theorie muss man sagen, dass auch ihre Überlegenheit eine sehr theoretische ist – und bleibt.

Ich sage mal so: Wer’s mag … Für mich wäre das nichts. Und das ist sogar erlaubt, liebe Volkserzieher! Ich darf das echt total Scheiße finden. 😉

Denkt mal darüber nach! 😉 Ooops … Kleiner Scherz. 😉

Ich halte es eher mit: Ball flach halten, aber Mund aufmachen, wenn es wirklich ans Eingemachte geht. Dann aber auch mit Lösungsvorschlägen und als echte Diskussion gestaltet. Macht doch im Grunde auch viel mehr Spaß, oder? Und das Schöne: Manchmal findet man auch zusammen oder wenigstens einen Kompromiss. Ach nee, dat mögt ihr ja auch wieder nicht … Menschenskinder – ihr seid aber auch wat schwierig! 😉

Immer dieselben Fehler …

Kennt ihr das auch? Wider besseres Wissen macht ihr doch einige Fehler wieder und wieder? Bitte sagt ja! 😉

Es sind im Grunde oft nur Bagatellen. Die größeren oder großen Fehler tun oft sehr weh, und dann lässt man automatisch die Finger davon. „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ heißt es, und da ist durchaus so einiges dran.

Nein, hier sind eher die kleinen Fehlleistungen gemeint, die auch unangenehm sein können, aber offenbar nicht unangenehm genug, sie doch einfach zu unterlassen. Man sagt sich zwar: „Das mache ich nicht nochmal.“ Oder: „Das ist nicht vernünftig.“ Und dann befragt man doch wieder andere Menschen nach ihrer Erfahrung, was man im Sinne von: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ oder: „Ich gehe da ganz unvoreingenommen hin und bilde mir mein eigenes Urteil“ ja eigentlich künftig vermeiden wollte.

Morgen steht ein Arzttermin an, vor dem mir nicht ganz so wohl ist. Es geht um ein bildgebendes Verfahren, wie das so hübsch technisch heißt. Untersucht wird vor allem der linke Part eines paarig auftretenden Körperteils der oberen Körperhälfte, und die Untersuchung ist eine Erstuntersuchung.

Die Meinungen gehen da stark auseinander. Einige Frauen – denn ich hatte naturgemäß nur Frauen befragt – meinten: „Ach, da wird gern übertrieben. Das ist gar nicht so schlimm.“ Andere meinten: „O Gott – du Ärmste! Besser, du nimmst dir den Tag frei! Das ist echt schmerzhaft!“

In der letzten Zeit überwogen die „Alles nicht so schlimm“-Aussagen. Doch statt mich einfach damit zu bescheiden, kam ich heute mit Kollegin Sybille ins Gespräch. Ich mag Kollegin Sybille, aber das heute hätte ich mir besser geklemmt. (Obwohl ich in dem Kontext den Begriff „klemmen“ auch besser vermeiden sollte, wie ich gerade feststelle. Wegen der Assoziationen hinsichtlich der morgigen Untersuchung. 😉 )

Denn sie meinte: „O Gott! Da gehe ich ja nicht mehr hin, seitdem ich beim letzten Mal fast kollabiert wäre! Das tut richtig bescheiden weh, und die Minuten werden zu Stunden! Großer Gott, ging es mir beim letzten Mal schlecht – das war ganz schlimm!“

Super! Mir wurde da schon ganz flau, und ich wäre aufgrund der plastisch-drastischen Schilderung bereits dort, wo wir standen, am Kopierer, beinahe kollabiert … (Ich vermute, es lag am schwülen Wetter und der Wärme, die das Gerät abstrahlte. Aber ganz sicher bin ich mir nicht …)

Sybille fuhr aber auch schon fort: „Je dichter das Gewebe, desto mehr müssen die drücken und quetschen – und das tut einfach nur grauenhaft weh!“ Hervorragend! Hatte mein behandelnder Arzt mir nicht immer wieder erklärt, ich hätte da besonders dichtes Gewebe? Und je mehr Sybille erzählte, desto mehr schien sich das Gewebe dort zu verdichten! Es schien förmlich zusammenzuschnurren, sich zu einem Klumpen zu vereinigen, der soeben betonartig komplett aushärtete, und ich spürte ein Gefühl der Enge in meinem Brustkorb …

Ich mag Sybille, „pries“ aber in dem Moment mal wieder meine Inkonsequenz. Warum nur hatte ich ihr das erzählen müssen? Warum?

Weiß man es denn nicht besser? Lieber immer hingehen und ganz eigene Erfahrungen sammeln, egal, worum es sich handelt! Weiß ich auch, handle leider nicht immer danach.

Und da tönte auch schon Sybilles Stimme an meine Ohren: „Ali, wenn du mich fragst, solltest du da nicht hingehen! Das schadet mehr, als es nutzt. Das ist eine ganz blöde Vorsorgeuntersuchung!“ Da meinte ich: „Es ist keine Vorsorge. Es gibt Gründe, weswegen ich dahin muss. Es ist sicher nichts Schlimmes, aber ich wurde von meinem Arzt überwiesen.“

Und da sah sie mich ganz betroffen an, riss sich zusammen und meinte fröhlich: „Das ist alles gar nicht so schlimm!“ Klasse! Ich fand das echt überzeugend jetzt. 😉

Ich gehe da morgen jetzt ganz (un-)aufgeregt hin. Muss man alles mal mitgemacht haben. Und ich weiß, alles wird gut.

Und ich weiß, nie wieder werde ich abtrünnig werden. Abtrünnig hinsichtlich meiner total guten Vorsätze, nie, niemals wieder dieselben Fehler zu machen. 😉

Am besten, ihr nehmt euch das auch vor. Egal, worum es geht. 😉 Und ich weiß: Beim nächsten unangenehmen Ereignis jedweder Art werde ich da völlig standhaft bleiben.

So standhaft wie Wackelpudding. 😉

Nachtrag: Coolpacks helfen gegen Schmerzen. Muss ich mir merken. Ich muss nämlich wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft wieder hin. Kollabiert bin ich allerdings nicht. War durchaus auszuhalten. Schön ist allerdings anders. Aber „schön“ war auch nicht versprochen worden.

„Der Sommer dauert nur noch bis Ende Juli“

So las ich kürzlich in der Zeitung mit den drei Buchstaben. Aha. Was danach? Herbst? In der Nacht zum ersten August fällt quasi die Jalousie?

Doch nein! So ist das ja gar nicht gemeint. „Sommer“ ist hier zu interpretieren mit „warmes bis heißes, schwüles oder trockenes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein“. Eine einfache Gleichung. Sommer = gutes Wetter, warm, Sonne.
Viele Menschen scheinen diese einfache Gleichung zu lieben und benutzen sie ebenfalls. Ich finde das immer ein bisschen schade. Denn Sommer ist Sommer, egal, wie das Wetter ist.

Im Winter das Gleiche in Grün. Wehe, es schneit nicht! Noch dazu zu Weihnachten. Weiße Weihnachten stehen hoch im Kurs, und Jahr für Jahr warten wieder viele, viele Menschen darauf, hoffen und harren. Erstaunlich, da der Grund für dieses Fest, so man daran glaubt, in einer Gegend entstand, da Schnee wohl Mangelware war und eher höhere Temperaturen vorherrschten.

Manchmal habe ich den Eindruck, es gebe in der Wahrnehmung vieler ohnehin nur noch zwei Jahreszeiten: Sommer und Winter. Und an beide werden hohe Erwartungen gestellt. Und wehe, das Ergebnis stimmt nicht! Dann wird gemault und genölt, was das Zeug hält.

Frühling? Uninteressant und im Grunde nur der Vorspann zum Sommer. Es soll, bitte, richtig warm werden, damit man in der Sonne sitzen, liegen oder stehen und braun werden kann. Regen? Degoutant. Und herrschen im Frühling schon hohe Temperaturen, sagt so mancher: „Der Sommer kommt früh dieses Jahr.“ Warum Sommer, wenn doch Frühling ist? Hat denn nur der Sommer ein Anrecht auf höhere Temperaturen? Darf man denn nicht einmal aus der Schublade heraus, in die man von manchen gesteckt wurde, nicht einmal zeigen, dass man vielseitig ist, mehr Seiten besitzt, als viele denken? 😉

Wehe, der Sommer ist dann verregnet und/oder kühl! Das geht ja gar nicht. Und ich habe schon Leute sprechen hören, die dann meinten: „Als wäre gleich von Sommer auf Winter geswitcht worden!“ Hm, Moment – war da nicht noch etwas dazwischen? Doch! Herbst nannte sich das Ding doch irgendwie!

Und der Herbst ist so schön! Auch wenn es regnet. Finde ich zumindest. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung führt er ein Schattendasein. Noch schlimmer als der Frühling.

Kommt mir das nur so vor, oder scheint heutzutage nur noch das Spektakuläre zu zählen? Und wird das dann automatisch denen zugerechnet, zu denen es stereotyp zu gehören scheint?

Und nun soll laut Zeitung der Sommer nur noch bis Ende Juli dauern. Wie furchtbar! Danach kommt direkt der Winter! Da werde ich meinen Geburtstag wohl in einem Winterpullover begehen müssen. 😉

Mich irritiert diese Einstellung manchmal ein bisschen: Gilt denn nur das als „richtig“, was das Gros einer bestimmten Sache zumisst? Haben Dinge denn nicht verschiedene Facetten, oder dürfen die das nicht? Immer schön stur geradeaus, im Sommer Hitze und Freibadwetter, im Winter Schnee? Wieso denn immer alles in Schubladen packen? Damit wird man niemandem gerecht, und das Leben wäre ja auch entsetzlich langweilig.

Ich finde gerade die kleinen Überraschungen so schön! Sowohl bei Jahreszeiten, als auch bei Menschen. Wenn zum Beispiel ein stiller Mensch plötzlich aus sich herausgeht, weil ihn eine Sache begeistert. Auch dann oft: „Hätten wir ja gar nicht gedacht!“ Warum denn nicht? Ist doch toll und spannend, zu sehen, was so alles in einem anderen Menschen steckt!

Oder umgekehrt: Da ist ein vorlauter Tausendsassa plötzlich ganz nachdenklich und äußert Dinge, die man von ihm noch nie gehört hat. Reaktion auch hier nicht selten: „Hätten wir ja gar nicht gedacht, dass der auch so sein kann!“ Ja, aber warum denn nicht? Wir sind doch alle nicht unbedingt so einfach und schlicht gestrickt.

Ich werde jedenfalls nun ein wenig traurig meine Sommerklamotten wegpacken und schon mal so langsam die Winterkleidung aus ihrem Verlies holen. Es muss sein. Denn ab dem ersten August ist Winter. Wenn die Mehrheit und sogar die Zeitung das sagen, muss es ja wohl stimmen. 😉

Von Erst- und Zweitgeborenen

Nein, das hier wird keine Tirade darüber, dass Erst- oder Zweitgeborene – je nach Perspektive – es schwerer oder leichter hätten als der jeweils andere Part. Vor- wie Nachteile sind da, glaube ich, ziemlich gleichmäßig und gerecht verteilt. 😉

Ich hatte nur neulich ein interessantes Gespräch mit unserer studentischen Hilfskraft, in dem es um diese Thematik ging, und wir haben viel gelacht. Thorben ist der Ältere von zwei Geschwistern, hat noch eine jüngere Schwester.

Ich weiß gar nicht mehr, wie wir auf dieses Thema kamen. In jedem Falle erzählte Thorben, er sei immer ein ganz liebes und ruhiges Kind gewesen, stets brav. Habe man ihm gesagt: „Bleib da schön sitzen,“, so hätte man sich darauf verlassen können, dass er sich auch daran gehalten hätte.

Ähnliches habe ich über die Jahre wieder und wieder über meine Schwester Stephanie gehört. Meine Eltern waren stets des Lobes voll, wenn sie über diese Eigenschaft meiner älteren Schwester sprachen. Fiel dann ihr Blick auf mich, wechselte dessen Ausdruck eher zu leiser Resignation, gepaart mit noch leiserem Amüsement.

Zwar war auch ich ein eher ruhiges Kind, aber bei mir musste man die Redensart: „In der Ruhe liegt die Kraft“ ganz anders interpretieren, als dies für gewöhnlich der Fall ist. Denn ging ich auch ruhig zu Werke, hieß das nicht, dass im Zuge meiner – nicht selten destruktiven – Tätigkeit auch weiterhin Ruhe geherrscht hätte. Nicht immer.

Meine Schwester, die über meine Ankunft in der Familie nicht ganz so glücklich gewesen war wie meine Eltern – was ich jedoch verstehen kann -, berichtet noch heute voller Entrüstung, welch Aufstand man um mich bisweilen gemacht hätte. Einmal sei man im Aufbruch zu meinen Großeltern begriffen gewesen. Sie sei im Kinderzimmer gewesen, meine Mutter im Bad, und mein Vater habe sich wohl im Schlafzimmer gerade eine Krawatte umgebunden, während ich im ziemlich großen Flur unserer damaligen Wohnung auf dem Boden herumgerobbt sei – ich befand mich wohl noch in der Prä-Krabbelphase.

Plötzlich sirenenähnliches Geschrei aus dem Flur, und meine Eltern seien wie zwei panische geölte Blitze aus verschiedenen Richtungen in den Flur gerast, und auch sie sei eher genervt hinzugekommen. Da stak ich unter einem schmiedeeisernen Tischchen mit Marmorplatte fest, dessen vier Beine durch zwei ebenfalls schmiedeeiserne diagonale Streben miteinander verbunden waren. Das Werk eines Verwandten, der Kunstschlosser gewesen war. Wohl hauptsächlich deswegen stand es da, denn so richtig schön war es nicht und entsprach auch gar nicht dem Geschmack meiner Eltern. Stephanie erzählt noch heute voller Entrüstung, wie meine Eltern voller Sorge beruhigend auf die kleine Sirene, also mich, einredeten, man rasch Telefon und Telefonbuch nebst anderen Dingen von dem Tischchen nahm, das mein Vater dann hochheben musste, während meine Mutter mich rasch zur Seite nahm.

„So ein Aufstand! Und dann musstest du noch getröstet werden! Dabei warst du doch selber schuld – Ungeschickt lässt grüßen! Ich bin ja nie unter dem Tisch steckengeblieben!“ So die Worte meiner Schwester. 😉

Aber auch meine Mutter erzählte immer gern, dass man mich eigentlich nicht mal eine Sekunde aus den Augen lassen konnte. Einmal hatte sie einen Anruf von einer Freundin bekommen – da war ich wohl im gleichen Alter wie bei meinem Missgeschick mit dem Tischchen. Sie war mit mir in der Küche gewesen, wo ich, vor mich hinbrabbelnd, auf dem Fußboden herumgerobbt sei. Als das Telefon klingelte, sei sie in den Flur gegangen, zu besagtem Tischchen, und habe den Hörer abgenommen und sich gemeldet. Eine Freundin war dran, die, wie sie sagte, nur eine kurze Frage hatte. Meine Mutter meinte, sie habe leider auch nicht so viel Zeit: „Ich muss wieder in die Küche – Ali ist allein. Zwar kann sie nicht viel anrichten, weil sie ja noch nirgendwo drankommt. Aber bei ihr weiß man nie …“ Nett … 😉 (Hier kann man den Vorteil mobiler Telefone deutlich erkennen – unseres hatte damals eine sehr kurze Leitung, weshalb man es auch nicht mit in die Küche nehmen konnte … Ein ganz eindeutiger Nachteil. 😉 )

Die Frage der Freundin dauerte dann doch etwas länger. Zwar nicht übermäßig, aber meine Mutter war doch etwas unruhig, zumal das fröhliche Gebrabbel meiner Wenigkeit verstummt war. Es bestand Alarmstufe Rot, denn wenn man von mir gar nichts hörte, war stets Gefahr im Verzug. Und so meinte sie zu ihrer Freundin: „Einen Moment, Ute, ich lege dich mal kurz an die Seite. Ich muss mal kurz nachsehen, denn in der Küche ist es so verdächtig still. Ich bin gleich wieder da …“

Sie war schneller wieder am Telefon, als sie wohl selbst erwartet hatte. „Ute? Ich muss auflegen! Es ist nicht zu fassen – Ali hat den Spülenunterschrank aufgemacht! Weiß der Henker, wie sie das geschafft hat, denn die Tür klemmt und geht nur sehr schwer auf! Ich rufe dich später zurück!“

Es war in der Tat so, dass ich nicht nur den Spülenunterschrank geöffnet hatte, in dem meine Mutter sämtliche Putz- und Waschmittel aufbewahrte. Nein, das wäre ja auch zu langweilig gewesen. Wie auch immer dies gelingen konnte, hatte ich das Waschpulverpaket und ein Paket Wäschestärke herausgezogen und beide umgekippt. Offenbar fasziniert hatte ich gesehen, dass aus beiden ein weißes Pulver rann, und so hatte ich dafür gesorgt, dass noch mehr herauskam, bis beide Packungen geleert waren. Damit aber nicht genug … Ich hatte das Pulver fein säuberlich in der ganzen Küche verteilt und robbte, als meine Mutter hinzukam, gerade ganz verzückt durch die weiße Pracht. Schnee in der Küche! Dabei war nicht einmal Winter.

Meine Mutter war hellauf begeistert, untersuchte mich jedoch zunächst gründlich, ob ich irgendwie Schaum vor dem oder im Mund hatte. Was dachte sie denn von mir! Als würde ich so etwas gegessen haben! Ich wollte doch nur damit spielen und nicht essen!

Man war danach vorgewarnt, und immer, wenn von mir gar nichts zu hören war, war man in erhöhter Alarmbereitschaft. Auch, als ich schon etwas größer war. So hatte meine Mutter mich als Dreijährige mal im Bad nur kurz alleingelassen, und das mit diversen Ermahnungen, als sie etwas aus einem anderen Zimmer holen wollte. Als sie ziemlich schnell zurückkehrte, hatte ich mein Werk der Zerstörung schon beendet. Ich stand vor meiner Mutter mit gekürzten Ponyfransen und einer dicken Schicht Bebe-Creme im Gesicht, allerdings mit Wischspuren versehen. Die Creme roch so gut, und ich fand, dass meine Mutter immer viel zu sparsam damit umging. Allerdings hatte ich dann selber bemerkt, dass es nicht meine beste Idee gewesen war, gleich eine ganze Handvoll davon ins Gesicht zu schmieren, auch in den Pony, der mir nun fast in die Augen reichte. Die Fransen nervten gehörig und ließen sich auch nur schlecht zur Seite wischen. Da gab’s nur eins: Die mussten ab! Und so kletterte ich auf den Badewannenrand und erreichte so die Ablage unter dem Spiegelschrank. Da lag die Nagelschere … Und mit ihr in der Hand kletterte ich – erstaunlicherweise, ohne zu verunglücken – wieder hinunter und säbelte kurzerhand mit der Schere die störenden Fransen ab. So. Jetzt war es doch schon viel besser. Nur die Creme an den Händen störte doch massiv. Und so griff ich nach dem nächstbesten Handtuch. Und als das nicht reichte, nach dem nächsten … Meine Mutter traf fast der Schlag, und sie hat vor Schreck ziemlich laut geschrien, als sie die Bescherung, binnen kürzester Zeit spontan durchgeführt und vollendet, sah. Fortan waren Nagelschere, Creme und sonstige Gefahrenquellen gut verschlossen. Derlei Maßnahmen waren bei Stephanie nie notwendig gewesen. Sagte man ihr: „Geh da nicht dran,“, dann ging sie da nicht dran. Aber hier war komplettes Umdenken gefragt, weil ich ständig irgendeinen Blödsinn machte, der mir hingegen nicht wie solcher erschien, sondern eher total vernünftig. 😉

Meine Mutter meinte immer: „Du hast immer freundlich gelächelt und einen im Glauben gelassen, du würdest dich an die Vorgaben halten. Und wahrscheinlich hast du dabei gedacht: ‚Ja, ja – erzähl du nur.’“ Aber ich glaube, so war es gar nicht. Ich fand meine Ideen immer absolut sinnvoll … 😉 Erstaunlich, dass meine Mutter sich gar nicht so darüber freuen konnte, wie selbstständig ich war … 😉

Wenn jemand sich die Knie aufschlug, trotz Warnung in irgendwelche Mauerspalten segelte und heulend und mit heftigen Schürfwunden daraus geborgen werden musste oder sich mit revanchistischen Entenmüttern anlegte, weil er eines der Entenküken in die Hand nahm und damit begeistert zu Muttern eilte, um ihr das süße, piepsende Kerlchen zu zeigen, die daraufhin sehr energisch meinte: „Setz sofort die kleine Ente wieder hin! Die hat doch Angst! Sieh mal, da kommt schon die Mutter angerannt!“, war ich es. Niemals Stephanie. Die ist nie von einer Ente gebissen worden. Die musste auch nie aus einer Mauerspalte gezogen werden. Und ich kenne kein einziges Kinderfoto, auf dem Stephanie aufgeschlagene Knie gehabt hätte. Von mir hingegen diverse.

Früher dachte ich, nur ich sei so, da ich in meiner Familie das einzige „jüngere Geschwister“ bin und keiner meiner nächsten Verwandten je durch Blödsinn aufgefallen war. Aber dann bekam ich mehr und mehr mit, dass ich nicht allein war. Und erstaunlicherweise waren es meist die Zweitgeborenen, die sich durch diese Art kennzeichneten. Machten immer mehr Blödsinn als die Älteren, waren häufiger in der Bredouille als diese. Sehr merkwürdig.

Thorben erzählte Ähnliches von seiner Schwester, dann sah er mich an und meinte: „Du bist doch auch die Jüngere von zwei Geschwistern, nicht wahr?“ Ich grinste und meinte: „Ja. Und was du da über deine Schwester erzählst, finde ich sehr sympathisch. Ich erkenne da ein gewisses Muster …“ Und ich erzählte ihm ein paar Dinge aus meiner Kindheit, die er mit: „Och, wie süß!“ quittierte und lachte.

Meine Mutter fand das, glaube ich, damals gar nicht so süß. „Ich verstehe bis heute nicht, wie schnell du immer sein konntest, wenn du wieder irgendeinen Unsinn verzapft hast! Du warst sonst immer eher bedächtig, auch in deinen Bewegungen. Aber drehte man dir nur kurz den Rücken, warst du immer blitzschnell.“ Ja, ist doch auch klar! Die anderen in Sicherheit wiegen – und dann zuschlagen. So geht das! 😉

Ehrlich gestanden: Es ist mir noch heute immer etwas unangenehm, wenn mal wieder all die lustigen Geschichten aus meiner Kindheit erzählt werden. Möglichst noch vor Publikum, das mich gerade zum ersten Mal sieht. Ich komme mir immer wie l’idiot de la famille vor … 😉 Warum ich dann selber davon erzähle? Hmmm, ich sehe es als eine Art „Abhärtung“. Zumal ich morgen zu einer Familienfeier fahre … 😉

Ich weiß nur eines: Ich habe meine vernünftigere Schwester nicht selten beneidet und tue das auch heute noch bisweilen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir passieren manchmal die beklopptesten Dinge, die ihr nie passieren würden. Ob ein Fluch auf mir lastet? 😉

Leben und leben lassen

Hier seht ihr einen meiner zahlreichen Grundsätze, denn ich finde, solange man niemandem damit schade, sollte man sein Leben so gestalten dürfen, wie man dies selber wünscht und wie es am besten mit der eigenen Persönlichkeit harmoniert.  Wichtig dabei aber wirklich, dass man damit niemandem echten Schaden zufügt.

Es gibt Menschen, die haben ganz andere Grundsätze. So las ich vor einigen Tagen in der überregionalen Zeitung mit den drei Buchstaben einen – aus meiner Perspektive – spießig anmutenden Artikel, der sich mit dem aus Sicht der Autorin unhaltbaren Umstand befasste, dass und warum es Menschen gebe, die sich mit über 30 oder 40 wie die Kinder benähmen. Es gebe dazu auch Studien! Ah, ja … Das ist dann natürlich der Beweis oder zumindest ein Indiz dafür, dass es sich hierbei um ein besorgniserregendes gesellschaftliches Problem handle, nicht wahr? Zumal wir auch sonst keine Probleme haben.

So musste ich lesen, dass es doch tatsächlich Exemplare in der genannten Bevölkerungsgruppe  gebe, die sich nicht altersgerecht kleideten. Nein! Große Katastrophe – entsetzlich! Über 30- und 40-Jährige, die stylishe Sneakers und Jeans tragen – eine Unverschämtheit! Das ist doch nur den wahrhaft jungen Menschen vorbehalten. Diese ollen Tattergreise haben doch gar kein Recht darauf!

Ich war betroffen. Wie können diese Menschen nur? Und wie skrupellos von den Verkäuferinnen und Verkäufern, diesen alten Säcken und Säckinnen derlei jugendliche Kleidung überhaupt zu verkaufen, statt sie ihnen an der Kasse energisch-empört aus den alterszittrigen, gichtig-arthritischen Händen zu winden und angewidert darauf hinzuweisen, dass diese Teile nur an maximal 29-Jährige veräußert würden!

In mir keimte die Idee, der Textilindustrie den Vorschlag zu unterbreiten, zusätzlich zu den Konfektionsgrößen künftig Altersangaben auf die Etiketten in ihren Produkten zu drucken, damit die Alten auch gleich sehen könnten – es sei denn, sie hätten ihre Lesebrille nicht dabei, diese Schusselchen -, dass bestimmte Kleidungsstücke für sie tabu seien. Gleiches dann natürlich auch im Hinblick auf die Schuhindustrie. Wie viel einfacher würde das das Leben doch machen! Aber ich traue mich nicht so recht. Ich bin über 40, und ich befürchte, die Textil- und Schuhindustrie-Repräsentanten könnten mich daher a priori nicht für voll nehmen und wahrscheinlich Demenz oder Altersstarrsinn vermuten. Was meint ihr? Sollte ich diesen wertvollen Vorschlag dennoch wagen? Vielleicht gäbe es ja sogar so etwas wie Tantiemen. Oder ich könnte das Ganze patentieren lassen …

Aber es wurde ja noch schlimmer! Mit Tränen des Kummers und der ehrlichen Entrüstung in den Augen musste ich da weiterlesen, dass die betroffene Altersgruppe auch noch gern feiere! Ausgelassene Partys! In stylishen Sneakers und Jeans! Sogar in Markenklamotten! Die, wie ja bereits geklärt, nur bis maximal 29 zugelassen sein sollten! Armes Deutschland! Wie tief bist du gesunken? Deine Greise feiern bis zur Besinnungslosigkeit und rauchen dabei wahrscheinlich auch noch Joints! Und trinken Alkohol! Sicherlich darunter stylishe Cocktails, die ebenfalls nur bis 29 …

Schluchzend brach ich an meinem PC zusammen. Ich schämte mich. Fühlte mich ertappt. Warum nur trage ich auch nicht immer nur Kostümchen und Hosenanzüge? In gedeckten Farben wie Steingrau, Mausgrau, Taubenblau und Krankenhausgrün? Vielleicht noch, wenn ich mal besonders neckisch drauf bin, Altrosa – da hört man ja schon am Namen, an wen es gehört … Dazu ein klassisches Blüschen. Oder eine graue Joppe darüber. Und einen dunkelblauen Faltenrock mit blickdichten Strümpfen. Ist auch besser, falls man zu altersbedingten Venenproblemen und Krampfadern tendiert. Ihr wisst schon – zwei Fliegen, eine Klappe. „Praktisch denken – Särge schenken!“ Auch ein Motto von mir. Vielleicht sollte ich es mir einfach mal zu Herzen nehmen, statt immer nur herumzufrotzeln.

Auch sollte ich mir mal Gedanken über meine Frisur machen. So geht das ja wirklich nicht! Meine Haare sind viel zu kurz, um sie zu einem Dutt zu zwirbeln! Die klassische Omma-Frisur. Ich sollte sie wieder wachsen lassen. Früher hatte ich viel längere Haare – da brauchte ich die aber noch gar nicht. Immer vorausschauend handeln!

Und in den Dutt könnte ich mir auch die Stricknadeln stecken, die ich als Greisin ja tagtäglich für meine Fron benötige, denn Ommas stricken doch, wo sie gehen und stehen! Obwohl … Gehen? Viel zu juvenil! Ich brauche also einen Schaukelstuhl – die klassische Omma strickt und schaukelt dabei sachte in ihrem Schaukelstuhl, ab und an gar zierlich an einem Gläschen Melissengeist oder einem Likörchen nippend. Beides verabscheue ich – da muss ich wohl auch umdenken, um den Anfangs-, Mitt- und Endzwanzigern gerecht zu werden, deren Weltbild eklatant gestört werden könnte, wenn ich mit meinen über vierzig Lenzen so völlig schamlos und nicht altersgerecht tatternd daherkomme!

Interessant auch die Kommentare unter dem Artikel. Da gab es doch diverse Personen, die sich ereiferten, wie verantwortungslos diese Leute, die sich da so peinlich benähmen, doch seien! Mit 30, 40 nicht verheiratet mit zwei bis drei Kindern? Diese verantwortungslosen Gestalten wollten wohl nur Rosinen picken – andere Gründe für dieses abscheuliche Verhalten gebe es nicht. Keine geordneten Verhältnisse, einfach degoutant! Und das von Leuten, die jünger waren als ich.

Natürlich leben nur verheiratete Menschen in geordneten Verhältnissen. Ganz klar. Denn nur in Familien geht es ganz geordnet und harmonisch zu. Das kann jeder bestätigen. Dort gibt es nie Streit – noch nie hat man von häuslicher Gewalt in Familien gehört. Nicht wahr? Überhaupt dieser Ausdruck: „geordnete Verhältnisse“! Den kenne ich von meinem Vater, an dem ich sehr hänge, der aber ziemlich konservativ ist. Und selbst der ist lockerer als die Ansichten nicht weniger Kommentatoren.

Ich wurde an frühere Zeiten erinnert, da es immer irgendwelche Opas gab, die den neuen Freund der Enkelin als erstes fragten: „Hamse gedient?“ Und wehe, wenn nicht! Dann taugte der junge Mann nicht. Zumindest bei einigen Opas. Nicht bei allen. Und heutzutage wird man wohl in nicht allzu ferner Zukunft gefragt werden: „Leben Sie in geordneten Verhältnissen?“ Und wenn man ahnungslos: „Ja,“, sagt, dann aber erkennen muss, dass es nicht um die finanzielle Situation, sondern um Ehemann, Ehefrau und Kinder geht, wird man sicherlich noch des Betrugs bezichtigt. Wer weiß … 😉

Mir wurde ganz anders. Ist das die heutige Jugend? 😉 Verspießert und verknöchert bis zum Abwinken? Nicht in der Lage, zu differenzieren, anderen etwas zu gönnen? Andere Menschen einfach leben zu lassen? Sind die selber im Kopp so alt, wie ich niemals werden wollte? Und völlig unflexibel und kleinkariert in den sogenannten Argumenten, deren beliebtestes ist: „Das macht man nicht!“ Ah, da ist es ja gut, zu wissen, dass ich nicht man bin. Und dass ich Schubladisieren einfach nur stupide finde.

Aber zum Glück weiß ich: Auch hier sind beileibe nicht alle so! 🙂

Ich halte es da mit Erich Kästner, der einst sagte: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“ Bewahrt euch also immer euer inneres Kind. Es wirkt. Mich hat man neulich für 38 gehalten. Es lag wohl an meinen Jeans … 😉

„Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose …“

Ich zitiere hier mal frech aus Janis Joplins Lied: „Me and Bobby McGee“, da mich diese Liedzeile schon immer fasziniert hat. Denn sie ist absolut wahr. Freiheit ist in der Tat einfach ein anderes Wort für den Zustand, der sich ergibt, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Nur, wenn man gar nichts mehr hat, ist man wirklich frei. Frei von Verpflichtungen, frei von Eigentum – das ja bekanntermaßen wiederum verpflichtet.

Keine Angst – das hier wird kein philosophisches Pamphlet. 😉 Ich hatte in der Oberstufe exakt ein Halbjahr lang Philosophie, genauer: in 11.1. Dann habe ich das Fach abgewählt. Nicht, dass ich mich nicht dafür interessierte, aber der Kurs war echt langweilig. Und ich bin ohnehin jemand, der solche Dinge lieber mit sich ganz allein ausmacht, zumal ich gern lese. Oder mit Freunden, wenn sich ein tiefschürfendes Gesprächsthema ergibt. Nicht aber im Rahmen eines solchen Kurses. Und vor allem nicht so streng und bierernst.

Wie komme ich aber darauf? Die Antwort auf diese Frage ist so profan, dass sie meinem damaligen Philosophielehrer die Tränen in die Augen treiben würde. Oder er würde daraus ein hochkomplexes Problem stilisieren – ein Dogmatiker reinsten Weihwassers und damit problemorientiert. Damit komme ich im Allgemeinen weniger gut klar, da ich Lösungsorientierung ganz eindeutig vorziehe. 😉 Er sah aus wie George Harrison in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern auf Fotos, nahm aber garantiert – anders als George Harrison – keine Drogen. 😉

Die Antwort ist in der Tat ganz einfach und so blöde, dass Herr Gebhard mich – hätte ich seinen Kurs nicht ohnehin abgewählt – dessen verwiesen hätte. Zu wenig ernsthaft, zu profan, das Mädchen.

Gestern Abend kam ich nach einem brüllend heißen Tag im Büro mehr tot als lebendig mit dem kleinen Monty zu Hause an, fand einen Parkplatz vor dem Haus – klar, ich war ja auch nicht zum Einkaufen gekommen und hatte ergo nichts zu schleppen – und parkte schwungvoll ein. Ich wollte nur in meine Wohnung, präziser: unter die Dusche.

Was für eine Wohltat, als ich schließlich frisch geduscht und mit nassen Haaren an meinem PC saß. Draußen schien die Sonne. Doch was war das? Da verschwand sie plötzlich, und der Himmel verdüsterte sich! Gut, war ja so vorhergesagt worden – aber von jetzt auf gleich?

Ein unangenehmes Gefühl machte sich in mir breit. So ähnlich hatte der fiese Pfingststurm vor zwei Jahren auch begonnen, in dessen Verlauf hier der Strom kurzfristig ausfiel, der Keller partiell überschwemmt war, Dachpfannen en masse heruntergerissen wurden und draußen das Inferno tobte. Das Wasser war damals so heftig vom Himmel gekommen, dass ich mich in meiner Wohnung wie in einer Autowaschanlage fühlte, als das Wasser gewaltsam so gegen die Fenster gedrückt wurde, dass es quasi flächig und in immenser Geschwindigkeit und Menge daran herunterstürzte. Erhellt wurde das Szenario nur durch zahlreiche Blitze, wie ich noch nie welche gesehen hatte. Und während dieser jeweiligen Momentbeleuchtung konnte ich auch sehen, wie sich die Bäume – alte und sehr hohe Bäume – hinter unserem Grundstück aufs Grässlichste bogen. Jeden Moment würden sie brechen oder entwurzelt werden, zumal man in unregelmäßigen Abständen wieder und wieder hörte, wie etwas knallte, krachte oder splitterte. Ich bin in dieser Hinsicht kein Schisshase, gehöre nicht zu den Leuten, die vor Gewitter Angst haben, aber da war mir doch extrem mulmig zumute. Zumal ich bei einem Gang zur Vorderseite meiner Wohnung sah, wie ein hölzernes Gartenhäuschen aus einem angrenzenden Garten munter und von all seiner Verbundenheit und Verankerung losgelöst die Straße entlangschlitterte, wobei es wenig Rücksicht auf parkende Autos oder sonstige Hindernisse nahm, bevor es sich in seine Einzelteile zerlegte.

Damals hatte ich noch kein Auto besessen, und zumindest um Dinge, die sich außerhalb meiner Wohnung befanden – mal abgesehen von meinen Balkonmöbeln, die ich nicht mehr rechtzeitig hatte sichern können – hatte ich mir keine Sorgen machen müssen. (Die Balkonmöbel haben sich übrigens ganz vorbildlich verhalten und sich nur ganz geringfügig von der Stelle bewegt. 😉 )

Als es aber gestern hier losging, und das in einem ähnlichen Szenario wie vor zwei Jahren, war ich doch sehr unruhig. Der kleine Monty stand schutz- und wehrlos-ungewappnet unten auf der Straße! Und die Nachbarn hatten schon längst ein neues Gartenhäuschen installiert! Was, würde sich auch das wieder losreißen, dabei wahrscheinlich die Internationale singend, um Kurs just auf mein Auto zu nehmen?

Ich gebe zu, ich bin etwas pisselig, was mein Auto anbelangt. So lange habe ich keines gehabt, und ich bin in der Hinsicht ohnehin zwar keine Glucke, weiß aber doch gern alles, woran mein Herz hängt, warm, trocken und in Sicherheit, wenn es hart auf hart kommt. 😉 Übrigens nur dann – ansonsten muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen. 😉

Und so saß ich gestern unruhig in meiner Wohnung, als erneut Wasser wie eine Wand vom Himmel stürzte und die Bäume sich bogen, wobei krachend Äste zu Boden gingen und schließlich schier ununterbrochen Martinshörner zu hören waren. Zweimal blickte ich vorne aus dem Esszimmerfenster und sah Monty dort dunkelblau und standhaft stehen. Wie auch sonst? Immerhin war er mittels Handbremse fixiert, und zusätzlich war der erste Gang eingelegt. Wie hätte er da auch wegdriften sollen? 😉

Das war auch gar nicht so meine Sorge. Mir graute vor Hagel. Der kleine Monty ist doch noch neu! 😉 Und ich werde nun mal nie das Bild vergessen, das sich mir vor zwei Jahren bot, als ich morgens nach dem Sturm zu Fuß zur Arbeit gehen musste, da weder Busse, noch die Straßenbahn fahren konnten: Als ich hier um die Kurve bog, sah ich einen Baum. Der war entwurzelt worden und auf einen kleineren Wagen gekracht. Den schönsten kleineren Wagen der ganzen Siedlung: einen Audi A1. Und schon damals musste ich mir vorstellen, wie es wohl sein müsse, käme man morgens aus dem Haus, um zur Arbeit zu fahren und sähe sein Auto dann quasi zu Brei verarbeitet. Kein Wunder, dass ich mir da Sorgen machte. 😉

Zum Glück kam kein Hagel. Und irgendwann hörte das Unwetter auch wieder auf.

Aber ich dachte so für mich hin: „Super, Ali! Nun hast du noch ein Objekt mehr, über das du dir den Kopf zerbrechen und das Herz schwermachen kannst!“ Ganz großartig.

Ich vermute, das „Geschiss“ um mein Auto wird mit der Zeit wieder abnehmen. Aber dann kommt sicherlich etwas Neues, das dann meine leise Sorge auf sich zieht. Nicht, dass ich dauernd darüber nachdächte, nein, aber das Phänomen der leisen Sorge scheint mit meiner Persönlichkeit untrennbar verbunden. Ich sorge mich offenbar gern: um Menschen, um Tiere, an denen mein Herz hängt – und um Autos. 😉

Vielleicht sollte ich mir gar nichts mehr kaufen, denn, siehe oben: „Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose“. Aber das wäre ja auch wieder traurig. 😉

In diesem Sinne: Grübelt nicht zuviel – das ist echt kontraproduktiv! 😉

Kochen für Anfänger und Fortgeschrittene

Es gibt einige Dinge, die ich gern mache. Dazu gehört unter anderem das Kochen – das macht mir wirklich Spaß. Allerdings auch nur dann, wenn ich nicht für mich allein kochen muss, denn das ist total langweilig.

Jahrelang habe ich wirklich begeistert und enthusiastisch gekocht – keine Herausforderung war mir zu groß. In der letzten Zeit, wobei „in der letzten Zeit“ sehr relativ zu sehen ist, da dieser Zustand schon eine Weile andauert, liegt das Ganze etwas brach. Das ist schade, da ich wirklich gern koche – am liebsten mit mehreren Leuten zusammen.

Bis vor vier, fünf Jahren traf ich mich regelmäßig mit mehreren Bekannten in Erkrath, wo wir alle zusammen kochten und aßen. Meist ziemlich weinlastige Zusammenkünfte, und da lernte ich auch, dass ich Rotwein nicht vertrage, da ich davon nicht selten Migräneanfälle bekomme, aber schön war es irgendwie immer.

Leider ist Giacomo nebst seiner Frau von Erkrath nach München gezogen. Aus war es mit dem Kochen bei ihm. Und richtig aus war es dann mit dem Kochen, als meine letzte Beziehung auseinanderbrach. Für mich selber aufwendig zu kochen, würde mir wohl keine Freude machen. Ich koche zwar, aber weniger aufwendig. Eher praktisch gelagert. Vorher war es auch um anderes gegangen – das Ganze war eher eine Art Ritual und mit viel Freude und Spaß verbunden. Jeder hatte seine Aufgabe. Die, die nicht kochen konnten, mussten dann halt Gemüse kleinschneiden, Zwiebeln schälen und in Würfel oder Ringe schneiden, was für mich extrem bequem war, da ich Zwiebelschneiden hasse. Und nach all dem Aufwand gab es immer ein pompöses Diner, aus mindestens fünf, bisweilen aber sogar sieben Gängen bestehend. Mit Wein und tollen Gesprächen. (Obwohl das jetzt arg weltverbessernd klingt – oft alberten wir auch einfach herum. Und Giacomos Frau ging immer ganz früh schlafen. Besonders früh, als wir als Thema „russische Küche“ auf dem Programm hatten – das gefiel Sabrina gar nicht. Mir dafür umso mehr.)

Zwischen dieser Zeit und der Zeit, da ich Gefallen am Kochen fand, liegen diverse Jahre. Eigentlich hatten mein bester Freund Fridolin und ich gleichzeitig unsere Kochaffinität entdeckt, die ganz frugal ihre Anfänge nahm, als er und ich noch liiert waren – damals in Aachen, ganz zu Anfang. Da hatte er sich eines Tages in den Kopf gesetzt, unbedingt „Rievkooche“ essen zu wollen, denn er kommt aus dem Rheinland. Und er steckte mich an, die ich die Dinger unter „Reibekuchen“, „Gadowwlbaggers“ (von meiner fränkischen Mutter) oder „Rrreiberdatschi“ kenne, und schon stiefelten wir los, kauften in einem Geschäft in der Nähe der Antoniusstraße, in Aachen bekannt als „Puffstraße“, durch die man als Frau besser nicht geht, zunächst eine Reibe mit verschiedenen Funktionen. Das Geschäft war der absolute Brüller – eng und klein, aber bis unter die Decke vollgestopft mit allen möglichen, teils abwegig erscheinenden Haushaltsutensilien. (Meine Frage nach einem Eisbeutel, den man nirgendwo bekam, beantwortete der schon etwas betagte Inhaber damit, dass er ratz-fatz eine endlos scheinende Leiter an ein Regal rollte, flink hinaufkletterte, mitten ins Chaos, oben herumsuchte und mir dann bedauernd bescheinigte: „Leider alle gerade aus!“ Aber er hatte genau gewusst, wo er zu suchen hatte. Neben den Wärmflaschen, die von tief unten auch nicht als solche zu erkennen waren. 😉 )

Im Besitz dieser Nobelreibe kauften wir dann noch einen Sack Kartoffeln und Zwiebeln, und ich gab zu bedenken, meine Mutter gäbe auch noch immer Knoblauch hinein. Das ging gar nicht! Knoblauch in „Rievkooche“! Pfui! Aber Apfelmus musste her – heute würde Fridolin es selber kochen, ich wohl auch -, und dann kaufte Fridolin noch etwas, das bei mir gehobene Augenbrauen verursachte: Apfelkraut! Oder waren es Birnen? Frido – du musst mir helfen! 😉 Von derselben Firma, die den von mir seit Kindesbeinen heißgeliebten, in meiner Familie als „Rübenkraut“ bezeichneten Zuckerrübensirup produziert, dunkelbraun und zäh im Abgang. Ganz hervorragend auf einem Weizenbrötchen mit Butter.

Und beschwingt kehrten wir nach Hause zurück, wo wir dann völlig entfesselt Kartoffeln kurz und klein rieben (ich bin mir nicht ganz sicher, ob nicht einige Fingernagelspäne in den mit Liebe, Eifer, Blut, Schweiß und Tränen zusammengefügten Reibekuchen mitgebacken wurden – meine Fingernägel waren nach dem Reiben jedenfalls geringfügig kürzer …) – sogar ein zufällig vorbeikommender Freund Fridolins beteiligte sich, als Fridos und meine Arme erlahmten. 😉 Er durfte danach auch mitessen.

Später haben wir noch „Filet Wellington“ zubereitet. Ohne Filet, nur mit einem recht zähen Stück Rindfleisch, das aber wie ein echtes „Filet Wellington“ in einem Teigmantel im Ofen gegart. Und die beste Sauce hollandaise habe ich damals produziert, als ich noch nicht wusste, wie heikel Kochen sein kann. Anfängerglück.

Zwei oder drei Jahre später – da waren wir schon längst getrennt, aber gute Freunde geblieben -, schenkte ich Fridolin ein Kochbuch zum Geburtstag: französische Küche. Danach waren Telefonate oder andere Gespräche mit ihm recht eingleisig: „Hallo, Frido, wie geht es, was machst du?“ – „Ich ärgere mich.“ – „Wieso?“ – „Mir ist gerade dieses blöde Clafoutis aus deinem Kochbuch misslungen! Ich hätte keine Aprikosen nehmen sollen – Kirschen wären wohl besser gewesen, wie im Originalrezept!“ – „Ja, das tut mir leid, aber …“ – „Ich überlege, ob ich es noch einmal mit Äpfeln versuchen sollte!“ – „Ja, tu das unbedingt! Übrigens …“ – „Oder mit Birnen.“ – „Birnen mag ich ja nicht so, aber stell dir vor …“ – „Vielleicht gelingt das dann besser.“ Eines stand fest: Fridolin, Sternzeichen Jungfrau und damit besonders genau, hatte seine Passion gefunden. 😉

Irgendwann – ich glaube, ich hatte gerade Liebeskummer – besuchte ich ihn mal wieder. Als er mir die Tür öffnete, meinte er: „Komm schnell herein! Du kannst mir helfen! Ich habe ein Problem.“
O Schreck, er auch? Und ich sagte: „Klar, wie kann ich dir helfen?“

Es stellte sich heraus, er hatte sich in den Kopf gesetzt, einen Serviettenkloß zuzubereiten. Da kam ich doch gerade recht – Serviettenklöße oder -knödel, ursprünglich aus Böhmen stammend, sind mir von klein auf als Bestandteil der bayerischen, aber auch fränkischen Küche vertraut. Man gart Kloßteig in Form einer Wurst in siedendem Wasser. Nach der Garzeit holt man das Gebilde aus dem Wasser, und dann kann man es frisch aufschneiden, oder man lässt es erst stehen und auskühlen, schneidet es dann in Scheiben und brät es in der Pfanne in Butter. Wunderbar!

Leider hielten wir uns etwas zu sehr an die Angaben des Kochbuchs, das Fridolin herangezogen hatte. Das war wohl noch von anno Pief, denn es stand darin, der Kloß müsse „hängend“ bzw. „schwebend“ gegart werden. Und das in einem echten Küchenhandtuch, ergo einem Geschirrtrockentuch. Weiß war unseres, mit feinem, rotem Karomuster. Das gar kein Problem. Aber wie „hängend“ und „schwebend“ erzeugen? Wir rätselten herum, bis mir dann eine unglaublich tolle Konstruktion einfiel, eine Art Seilkonstruktion. Fridolin und ich lachen noch heute darüber, dass wir die Angaben des Kochbuchs bayerischer Herkunft so schräg interpretiert haben. Aber unsere Konstruktion war trotzdem nicht schlecht! 😉 Nur hätten wir es halt einfacher haben können, die Serviettenkloß-Wurst einfach in das siedende Wasser werfen und garziehen lassen sollen. So, wie wir beide heute völlig ungerührt einen Serviettenkloß zubereiten würden. 😉 (Übrigens ganz besonders gut aus altbackenem Laugengebäck, besser als aus altbackenen Weizensemmeln.)

Ich zog ins Niederbergische Land, Fridolin zog nach Frankfurt am Main. Als ich ihn dort anno 2008 – schon wieder mit Liebeskummer – besuchte, haben wir viel gekocht. Miesmuscheln rheinisch – mein Part bestand vor allem im „Entbarten“ der Muscheln. Seitdem bereite ich nur ungern Muscheln zu, esse die lieber im Restaurant. Kaum zu glauben, wie sehr die armen, kleinen Viecher ihre „Bärte“ verteidigen! 😉 Sie den Muscheln zu entreißen, bevor sie ihre Schalen zuklappen und die „Bärte“ damit wie festgetackert fixieren, ist harte Arbeit! 😉

Eine Ente haben wir auch gebraten. Aber unvergessen bleibt mir die abschließende Käseplatte. 😉 Wir hatten verschiedene Käsesorten gekauft, in der Metro. Und da hatte ich auch einen norwegischen Käse entdeckt, dessen Namen ich nie vergessen werde: „Gudbrandsdalsost“. Zu Deutsch: „Gudbrandstalkäse“. Klang harmlos, sah nett aus, wie ein harmloser, kleiner Würfel in netter Verpackung.

Fridolin drapierte alle Käsesorten auf einem Holzbrett, dann wickelte er den kleinen Norweger aus. Ein ockergelbes, würfelförmiges Gebilde kam zum Vorschein, und Fridolin meinte: „Da scheint noch so eine Art Wachspapier drum zu sein.“ Und wir versuchten, das vermeintliche Papier abzustreifen. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen: Das war kein Wachspapier. Das war der Käse an sich. Nun gut, etwas gewöhnungsbedürftig, aber Hauptsache, er schmeckte.

Und wir setzten uns mit neuerlich gefüllten Weingläsern an den Tisch, nahmen zunächst von den uns bekannten Käsesorten. Dann meinte Fridolin: „Ich traue mich – ich probiere jetzt diesen norwegischen Käse!“ Und er schnitt ein größeres Stück davon ab und steckte es in den Mund. Zunächst passierte nichts. Dann sah ich fasziniert, wie er mehrfach die Gesichtsfarbe wechselte. Und als er wieder sprechen konnte und ich: „Und? Und?“ fragte, meinte er nur: „Das solltest du lieber selbst probieren! Dein Käse!“

Das tat ich dann auch. Und auch bei mir ein ähnlicher Effekt. Solch einen Käse hatte ich noch nie gegessen! Ein wahres Geschmacksfeuerwerk, beginnend bei mild-süßlich und karamellartig. Dann ging es Richtung salzig-herzhaft und schien quasi zu explodieren und sekündlich seine Hauptnote zu verändern, um dann wieder bei mild-süßlich-karamellartig zu enden. Hui! Nicht mein Fall. Fridos auch nicht. Ich versprach, den Käse mit nach Hause zu nehmen, habe ihn dann aber – rein zufällig, versteht sich – bei meiner Abreise in der Hektik in Fridolins Kühlschrank vergessen … So ein Ärger! 😉

Während meine Kochkünste derzeit brachliegen, steigern sich Fridolins immer mehr. Er hat inzwischen vielfältige Erfahrungen mit der Garmethode bei Niedertemperatur – ich habe nur einmal einen Wildschweinbraten damit gegart und wäre darüber fast verhungert. Und er arbeitet mit einem Smoker. Ich rauche lieber selber.

Vielleicht sollte ich mal wieder mit Fridolin kochen – es fehlt etwas. Aber ich fürchte, dass ich seinen – Sternzeichen Jungfrau! – Ansprüchen nicht genügen kann. Aber Spaß würde es sicherlich machen. 🙂

Für Fridolin. Es wurde Zeit, dass ich mal was für Dich schreibe. 😉

Die Fliege an der Wand

Heute war einer jener Tage, an denen einen Kleinigkeiten auf die Palme bringen können. Mich zumindest. Dabei habe ich doch schon so gut gelernt, mich nicht über jeden Furz – sorry! – aufzuregen. Nein, nein, ich habe keine Impulsstörung, deren mein Ex-Kollege Chuck mich mal bezichtigte, als er sich – zu Recht – über mich geärgert hatte. Ich bin einfach etwas temperamentvoller, und manchmal – speziell, wenn verunsichert – bricht so manches aus mir heraus. Impulsiv bin ich, aber ohne Impulsstörung, bitte schön! 😉

Ich glaube, es war heute einfach zu warm für mich. Ich bin zwar im Sommer zur Welt gekommen, aber meine Ursprünge liegen damit wohl eher im Herbst, der auch meine Lieblingsjahreszeit ist. 😉

Hinzu kommt, dass mein Büro nach Süden geht und über keinerlei Klimatisierung verfügt. Das heißt, dass an Tagen wie dem heutigen spätestens um 11 Uhr die Jalousien geschlossen werden müssen, ebenso die Fenster, denn alles andere wäre wirklich absolut nicht tragbar. Ich sitze also in Dunkelhaft. Wer könnte mir verdenken, dass ich da vielleicht nicht immer ganz so euphorisch … Lassen wir das. Auf meine mehrmaligen Hinweise an meinen Chef, wir hätten ja gar keine Klimatisierung, grinste er nur und meinte … nichts.

Ich schleppte mich durch den Bürotag. Da derzeit Urlaub an allen Fronten zu herrschen scheint, kamen kaum Dienstmails, und ich war ratz-fatz mit dem Tagesgeschäft fertig. Zum Glück gab es vereinzelte Anrufe, und ich konnte sogar denen weiterhelfen, die eigentlich Janine hatten sprechen wollen, die aber derzeit Urlaub hat. Die Glückliche!

Der einzige Lichtblick an diesem Tag war das Telefonat mit meiner Kollegin und künftigen Vorgesetzten Eun-Mi von der Uni der Nachbarstadt, in der ich so lange gearbeitet hatte, in Nebentätigkeit. Sie stammt aus Südkorea und ist einer der reizendsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Sehr lustig und – ich weiß nicht, wie sie es macht! – sogar freundlich, wenn sie genervt ist. Ich telefonierte mit ihr, weil ich ab dem kommenden Wintersemester zumindest zwei Kurse wieder an der Uni mache. Zusätzlich zu meiner Vollzeitstelle, anders als vorher, da ich nur in Teilzeit hauptamtlich arbeitete.

Das Gespräch mit Eun-Mi verbesserte meine Stimmung erheblich. Vor allem, weil ich endlich mal wieder über längere Zeit am Stück englisch sprechen durfte. Klingt bescheuert, fehlt mir aber sehr, seit ich wieder Vollzeit an meinem hauptamtlichen Arbeitsplatz sitze. Wir plauderten, lachten, und sie erzählte mir von ihren Anfangsschwierigkeiten als Fachbereichsleiterin. Vor allem mit Brunhild, einer Kollegin, die ich auch nur zu gut kenne. Nicht sonderlich angenehm, und ganz schrecklich war sie bei einem „working dinner“ anno 2013 gewesen, als sie uns allen mit Macht klarmachen wollte, dass sie besser sei als wir alle zusammen. Eun-Mi hatte dazu nur gelacht, ich hatte Brunhild ebenfalls angelächelt, sie aber ab einem gewissen Punkt einfach ignoriert, zumindest dann, wenn sie wieder herumpesten wollte.

Eun-Mi erwähnte sie im Telefonat, lachte und meinte: „Du kennst sie ja auch!“ Und ich gab Eun-Mi dann einen Rat: „Sie ist Feministin. Und sie ist im Grunde nicht verkehrt, ist sehr belesen.“ – „Och, Ali, sind wir das nicht?“ – „Ja, doch, aber hör mir zu: Gleichberechtigung ist wichtig, aber übertriebener Feminismus ist zum Abgewöhnen. Brunhild steht darauf. Also nutze das! Ich mag es auch nicht, herumschwindeln zu müssen, aber wenn du ein Problem mit ihr bekommen solltest und sie dich vielleicht nicht akzeptieren will: Nutze das Wissen um ihre ‚Schwäche‘!“ Daraufhin meinte Eun-Mi: „Ali – du könntest glatt Asiatin sein! So diplomatisch!“ Diplomatisch! Ich! Das bin ich gewiss nicht, aber ich bin auch noch im Lernprozess, und Brunhild ist eine sehr rigide Lehrerin. Ich hatte einmal ein total einvernehmliches Gespräch mit ihr! Es war auch sehr interessant, was sie erzählte, und streckenweise gab es sogar Überschneidungen, aber sie machte dann alles zunichte, indem sie vertrauensvoll meinen Arm ergriff und meinte: „Ali – Männer sind alle bescheuert! Man sollte Frauen die Weltherrschaft übertragen!“ Ich lächelte zierlich, entriss ihr auch nicht meinen Arm, aber ich dachte mir meinen Teil. Weltherrschaft – ach, du Scheiße!

Eun-Mi hingegen erwies sich als ähnlich diplomatisch. Sie berichtete, sie habe zwischenzeitlich mehrere feministische Pamphlete an ihrer Büro-Pinnwand befestigt. Seitdem sei Brunhild viel netter. Und sie lachte und meinte: „Cool! Wir haben beide ähnliche Ideen!“ Ich lachte ebenfalls und meinte: „Es geht nichts über eine gute Strategie!“ Und das von mir. Ich bin eine ganz miserable Strategin.

Das Gespräch mit Eun-Mi baute mich sehr auf. Heiß war es aber immer noch im Büro, und so war ich froh, als ich gegen 17:15 h aufbrach. Zum kleinen Backofen, auch „Monty“ genannt, der geduldig auf dem Parkplatz meiner harrte. Als ich dort ankam, stand er im Schatten. Ich hatte ihn absichtlich so geparkt, dass er zumindest am Nachmittag im Schatten stehen würde. Aber als ich die Fahrertür öffnete, quoll mir heiße Luft entgegen. Gut – kein Unterschied zu dem, was ich tagsüber im Büro in manchen Fällen erlebt hatte. 😉 Zum Glück verfügt er über eine Klimaanlage …

Und nachdem es einigermaßen erträglich war, fuhr ich sehr dynamisch nach Hause. Als ich die Straße zu meinem Haus entlangfuhr, im zweiten Gang, da dort Tempo 30 herrscht und es um eine Kurve geht, dazu noch rechtsseitig viele Autos geparkt sind, musste ich knapp hinter der Kurve heftig bremsen! Ein Auto mit Neusser Kennzeichen war mir mit mindestens 40 oder 50 Stundenkilometern entgegengebrettert!

Der Fahrer hatte Vorfahrt, soviel war klar. Aber er stand auf gerader Strecke, ohne Hindernisse. Hinter mir war ein anderer Wagen, dessen Fahrer mit weniger Mühe zurücksetzen konnte und auch noch einen freien Ausweichplatz rechts am Bordstein fand. Ich hingegen musste um die Kurve zurücksetzen, hatte auch keinen ausreichend großen Platz zum Ausweichen.

Was hätte ich im umgekehrten Falle gemacht? Nun, das ist eigentlich ganz einfach: Ich hätte nicht auf Vorfahrt bestanden, sondern verzichtet und meinerseits auf freier und gerader Strecke zurückgesetzt. Wirklich – das wäre gar keine Frage gewesen. Aber der Herr aus Neuss bestand auf sein Recht! Und er gestikulierte noch so, als sei ich eine lästige Fliege. Und ich weiß, dass er dachte: „Typisch! Frau am Steuer!“ Nicht etwa, dass er in einer zu Recht bestehenden Tempo-30-Zone zu schnell gewesen sein könnte, nicht, dass es für mich ungleich schwieriger sein könnte, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Auch war er sich zu fein, über den – freien – Bürgersteig zur Rechten auszuweichen. Stattdessen hupte er, gestikulierte wild, und ich dachte: „Ja, du hast Vorfahrt, das weiß ich auch! Und ich setze auch gleich zurück. Aber am liebsten würde ich jetzt aussteigen, dich vorne am Kragen packen und dich fragen, wie man sich wohl fühle, so als Alphamännchen, das noch dazu zu schnell gefahren ist!“ Und ich setzte zurück, um die Kurve, wo ich dann auch eine kleine Lücke fand, in die ich hineinschlüpfen konnte. King Kong und die weiße Frau – die zu dem Alphamännchen gehörige Beifahrerin hatte leider in der Tat maximalblondierte Haare – bretterten mit aufheulendem Motor an mir vorbei, wobei King Kong noch immer wild gestikulierte. Wahrscheinlich hatte er einen Termin, zu dem er jetzt verspätet sein würde. Wahrscheinlich bei einem Psychotherapeuten oder so. Oder einem Seminar: „Kompromisse eingehen leichtgemacht“ bzw. „Im Recht auch mal zurückstehen können“. Ich hatte die Faxen endgültig dicke. Keine Frage, er hatte Vorfahrt gehabt, aber die Situation war nicht ganz so einfach gewesen – was ist so schwierig daran, auf ein Vorrecht zu verzichten, wenn man doch sieht, dessen Wiederherstellung ist für die andere Partei mit größerem Aufwand verbunden als für einen selber? Noch dazu, wenn man selber viel zu schnell unterwegs war? Eine Sache gesunden Menschenverstandes, nicht die des vermeintlich Stärkeren. Finde ich jedenfalls, ohne mich jetzt aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Korrekt war es so, wie es gelaufen ist. Zumindest formal, ohne auf das einzugehen, was von Gegenseite falsch gelaufen war.

Mich nervt so etwas. Statt vielleicht mal nachzugeben, auch wenn man formal im Recht ist, muss immer alles ausgefochten werden. Das nervt mich auch, wenn ich gar nicht selber betroffen bin.

Nachdem ich endlich am Ende der Straße einen freien Parkplatz gefunden hatte, was irgendwie klar war, da ich ja schwerer wiegende Einkäufe getätigt hatte – offenbar ein Naturgesetz -, kam ich in meiner Wohnung an, wo ich dann meinen PC hochfuhr und alsbald erfuhr, dass ein allseits bekannter Staatsmann, demokratisch gewählt, wie es heißt, sich nun offenbar tatsächlich zur Todesstrafe hinsichtlich Andersdenkender durchgerungen habe. Das schockte mich wirklich sehr. Noch jemand, der kein Nachgeben kennt.

Und ich rege mich über einen anderen Autofahrer auf! Ich Naivling …

Ali gibt gern Senf dazu

Ja – ich gebe bisweilen gern meinen Senf zu Dingen und muss mich manchmal wirklich bremsen. Aber es gelingt mir immer öfter – zum Glück.

Doch um diesen Senf soll es gar nicht gehen, nicht um den im übertragenen Sinne. Mehr um den gegenständlichen, diese wunderbare Erfindung. 🙂

Im alten China konnte vor 3000 Jahren, als der Senf dort seine Geburtsstunde feierte, natürlich niemand ahnen, dass dereinst mal in einem fernen Land, heute Deutschland genannt, ein Geschöpf das Licht der Welt erblicken würde, das sich schon im Kleinkindalter als begeisterter Fan dieser zumeist gelben Paste erwies und nun, in seinen besten Jahren, ganz freimütig bekundet: „Ja, es stimmt. Ich bin senfsüchtig.“ Es wäre den alten Chinesen sicherlich auch egal gewesen, wie auch den meisten anderen Menschen. Mal abgesehen von der Senfindustrie, die herbe Verluste einfahren würde, würde ich von einem Tag auf den anderen keinen Senf mehr mögen, soviel steht fest. 😉

Wenn ich auch manchmal feststelle, dass mir zum Kochen eines bestimmten Gerichts eine elementare Zutat fehlt und das Vorhaben damit zum Scheitern verurteilt ist, so mangelt es an einer Sache in meinem Haushalt nie: Senf. Der ist immer da. Und das in ganz verschiedenen Ausführungen und Varianten, denn immer nur den gleichen Senf – das will doch niemand! 🙂

Schon als Kind fiel ich auf, indem ich – gab es Würstchen – meine obligatorischen zwei Wiener Würstchen unter Unmengen Senfs förmlich begrub. Meine Mutter war davon immer etwas genervt, und sie meinte: „Am besten, du machst gleich das ganze Glas leer. Wir haben noch eines in Reserve.“ Oder: „Wozu eigentlich die Würstchen? Iss den Senf doch gleich pur.“ Ich ging auf ihren Sarkasmus nicht ein, sondern meinte höchstens: „Noch ein Glas? Dann ist es ja gut.“ Und ich nahm mir noch mehr Senf. Sie schüttelte dann immer den Kopf und meinte: „Das schmeckt doch nicht!“ Ha! Von wegen! Sie hatte ja keine Ahnung …

Tatsächlich ist es so, dass Wiener, Frankfurter oder Bockwürstchen bei mir hauptsächlich eine Funktion erfüllen: Sie fungieren als Senfträger. Anders kann man das nicht beschreiben. Gut, sie schmecken auch so nicht schlecht, aber ihre Hauptfunktion ist eben die des senftragenden Objekts. Es ergibt sich schon aus der pastösen Darreichungsform meines Suchtobjektes – das kann man nicht so gut mit den Fingern oder Messer und Gabel essen. (Und ich gebe zu, pur würde Senf sicherlich auch mir in größerer Menge nicht so schmecken.) Da braucht es eine Unterlage. Dafür eignen sich sogar eher geschmacksarme Würstchen.

Eine Todsünde allerdings: Nürnberger Rostbratwürste mit zuviel Senf versehen – das geht gar nicht. Oder Thüringer. Oder Krakauer. Aber noch strenger bin ich bei den Nürnbergern. 😉 Die esse ich zwar auch mit Senf, aber moderat. Wie normale Menschen eben. 😉

Vor einiger Zeit besuchte ich meinen besten Freund Fridolin und seine Frau Mona. Sie leben in Unterfranken, im Spessart, und immer, wenn ich dort bin, gibt es ein bayerisches Frühstück. Gut, Franken sind zwar keine Bayern, aber Unterfranken gehört zu Bayern, und so lasse ich das Ganze – und das sehr gern – gelten, denn das bayerische Frühstück besteht aus Weißwürsten. Natürlich gibt es auch ganz gängige Frühstückszutaten wie Brötchen, besser: Semmeln oder Weggla, Butter, Marmelade, Wurst und Käse, aber das zentrale Frühstücksobjekt sind doch die „Weißwürscht‘“.

Mein letzter Besuch ereignete sich im Zuge einer Party. Ich hatte mir an einem Freitag einen Tag Urlaub genommen und fuhr gen Frankfurt am Main, wo die beiden mich abholten. Dort gab es erst einmal eine der legendären Frankfurter Rindswürste. Natürlich mit Senf. Aber auch da nicht zuviel – die Frankfurter Rindswurst ist sehr aromatisch, und es wäre sogar aus meiner Perspektive ein Sakrileg, sie mit zuviel Senf zu verspeisen. 😉

Abends, als der Teil der Gäste, die auch schon einen Tag vor der Party kommen wollten, eingetroffen war, gab es in einem unterfränkischen Gasthof Hax‘n vom Buchenholzgrill. Natürlich mit Senf. Aber nicht zuviel, da die Hax’n auch so ein hervorragendes Aroma hat. 😉

Nachdem wir an jenem Freitagabend schon einmal das Bier, das es am nächsten Tag geben sollte, ausprobiert hatten, gab es am nächsten Morgen dann ein dazu passendes Frühstück – siehe oben. Größere Mengen Weißwürste wurden unermüdlich von Fridolin in einem riesigen Topf erhitzt, zusammen mit größeren Mengen „Roten“. Man muss dabei behutsam vorgehen, denn die Würste dürfen natürlich nicht platzen. 😉

Währenddessen deckten wir anderen den Tisch und kochten Kaffee in rauhen Mengen, was wichtig war nach einem Abend mit Bier. Das leuchtet sicherlich ein. 😉

Die wichtigste Zutat für das Weißwurst-Frühstück aber – neben den ebenfalls wichtigen Brez’n – habe ich dann höchstpersönlich auf den Tisch gestellt. Wir hatten sie extra nach meiner Ankunft zusammen mit einigen anderen noch fehlenden Dingen beim Einkaufen besorgt, und ich hatte sie selber fachkundig aus dem Regal geholt, als Fridolin gerufen hatte: „Ach, du Schande – wir brauchen ja noch Senf!“ Da standen wir bereits mit dem Einkaufswagen in einer langen Schlange an der Kasse, und so meinte ich: „Bleibt hier – ich hole ihn eben.“ – „Ja, aber weißt du denn, welchen? Süßen Senf, Ali! Du weißt doch gar nicht, welchen!“ Daraufhin meinte ich mit leicht vorwurfsvoller Miene: „Es gibt quasi nur eine Sorte! Lass mich mal machen.“ Und schon rannte ich los. Als hätte ausgerechnet ich keine Ahnung von Senf – also wirklich! 😉

Als ich mit meiner Beute zurückkam, strahlte Fridolin: „Ah, du hast genau den richtigen genommen!“ – „Ja, sicher. Das ist der beste süße Senf, den es gibt.“ Und ich stellte das große Glas „Hausmachersenf“ mit dem rot-schwarzen Etikett und dem roten Deckel in den Wagen. Etwas bedauernd meinte ich: „Den Weißwurst-Senf habe ich nicht gefunden.“ Doch egal – Weißwürste gehen auch mit dem Hausmachersenf. Hauptsache: süß! 😉 Weißwürste mit mittelscharfem oder gar scharfem Senf: ein Sakrileg. 😉

Der Hersteller dieses Senfs ist in Regensburg beheimatet, und der Senf ist wirklich hervorragend. Lange Zeit hatte man es hier nicht ganz so leicht, wollte man süßen Senf, aber meiner Meinung nach geht nichts über den aus Regensburg, den es inzwischen auch hier gibt. Zum Glück. Ich habe immer ein Glas davon im Kühlschrank, zu dessen Grundausstattung er quasi gehört. Manchmal, wenn ich Glück habe und in einem besonders gutsortierten Supermarkt lande, bekomme ich sogar eine andere Sorte des Herstellers, die ich auch heiß und innig liebe, denn sie enthält zusätzlich Meerrettich. Leider bekomme ich den nicht überall. Aber ich will nicht klagen – wenigstens hat der süße Hausmachersenf es geschafft, den Weißwurstäquator zu überwinden. 😉

Bin ich im Urlaub im Ausland, bringe ich garantiert immer Senf von dort mit. Prima, wenn der Urlaub in Frankreich oder England stattfindet. Mein früherer Kollege Frederic, gebürtig aus Dijon, brachte mir immer unaufgefordert ein Glas Senf mit, wenn er seine Mutter besuchte. Das war sehr nett, und ich freute mich immer riesig. Und aus England bringe ich dann den berüchtigten englischen Senf mit. Berüchtigt? O ja. Es gibt hier in Deutschland einen scharfen Senf, den ich auch sehr mag. Der ist wirklich sehr scharf. Aber englischer Senf ist noch viel schärfer. Den dosiere sogar ich immer sehr behutsam. Aber er hat einen immensen Vorteil: Er hilft bei Erkältungen sehr. Verstopfte Nase? Kein Problem mehr und Geschichte, hat man nur ein Glas englischen Senfs im Haus! Eine Messerspitze reicht, und die Nase ist sofort frei. Taschentücher bereithalten! Der Nachteil ist, dass dann die Augen tränen. Aber man kann nicht alles haben. 😉

Und jetzt gehe ich in die Küche und zähle mal meine gesammelten Werke, die aber alle in Benutzung sind. So viele sind es auch wieder nicht. 😉

Die Redensart: seinen Senf dazugeben stammt übrigens – so diverse Historiker – aus der Zeit des 17. Jahrhunderts. Senf galt damals als sehr kostbar – bei mir heute noch -, und Wirte gaben zu allen Gerichten Senf dazu, ob es nun passte oder nicht, um diese aufzuwerten. Ungefragt. Habe ich heute gelernt. 🙂

Der kleine Wanderpokal

Gestern habe ich aus Neugier mal auf der Homepage meines Autohändlers „gespinxt“, ob vielleicht der kleine Scotty schon wieder im Angebot sei. Und siehe da! Einen gebrauchten Toyota Auris hatten sie da, und als ich das Angebot anklickte, war da mein Ex-Auto zu sehen. Es glänzte silbern und sah sehr freundlich aus. 😉 Nicht nur freundlich, nein, es sah harmlos aus! So harmlos, als könne es kein Wässerchen trüben. Und es strahlte Zuverlässigkeit aus. Ich grinste. Ich wusste es besser.

Was mir noch gar nicht bewusst gewesen war, war die Tatsache, dass es sich hier um ein Super-Sondermodell gehandelt hatte! Mit –zig total attraktiven Extras! 😉 Und dieses tolle Sondermodell hatte ich leichtfertig verstoßen …

Suchend irrte mein Blick über die Daten des Wagens – wo war die Anzahl der bisherigen Halter vermerkt? Da stand … nichts. Gut, es könnte auch irritierend wirken, wenn ein Wagen, der gerade mal 31.050 Kilometer gelaufen ist – und das immerhin in acht Jahren! – gleich mehrere Halter zu verbuchen hat. Mir würde da der Gedanke kommen, dass da ganz gewiss etwas nicht stimmen könne. Und ich würde mir denken: „There’s something fishy about it.“

Mir hatte man beim Kauf ja verschwiegen,  dass der Wagen vor mir schon zwei Halter gehabt hatte, so dass ich davon ausging, ich sei die Zweithalterin. War aber falsch, wie sich erwies, als ich Scotty zurückgab, denn da stellte sich heraus: Ich war schon die Nummer 3! 😉

Und die Nummer 4 in spe wird bestimmt auch denken, dass bei einem vergleichsweise niedrigen Kilometerstand sicherlich nur ein bisheriger Halter zu verzeichnen sei. Tja – falsch gedacht. 😉

Dann fiel mein Blick auf den Preis. Und spontan, wie ich manchmal bin, erlitt ich einen Lachanfall. Denn die wollten 1000,- € mehr, als man als Verhandlungsbasis bei mir angesetzt hatte. Ich staunte. Mir war bis dato nicht bewusst gewesen, dass ein normaler Wagen – wir sprechen nicht von Klassikern und Oldtimern – mit zunehmender Halteranzahl und zunehmendem Kilometerstand an Wert gewinne! Das ist ein völlig neuer Ansatz. 😉 Meike meinte, offenbar hätten die dreieinhalb Monate mit mir den Wert erheblich gesteigert. Danke, Meike! 🙂

Jedenfalls hatte ich gestern richtig viel Spaß, als ich das Wahnsinnsangebot sah. Und mir tut schon jetzt die Nummer 4 in der Reihe der Halter des Toyotas leid …

Ehrlich gesagt: Am liebsten würde ich die Geschichte dieses Wagens weiterhin verfolgen. Mich würde interessieren, wie viele Halter dieser kleine Wanderpokal noch haben wird, bevor er irgendwann verschrottet wird.

Mein guter Freund Fridolin hingegen meinte: „In zwanzig Jahren wird der auf einem Online-Marktplatz für 500.000$ versteigert!“ Tja, wer weiß das schon? Aber Hand aufs Herz: Das halte ich für vergleichsweise unwahrscheinlich. 😉

It’s dreamtime

Dreamtime ist eigentlich ein Begriff aus der Mythologie der australischen Aborigines und bei Bedarf nachzulesen. Vielleicht habe ich den Begriff auch falsch gewählt. Bei mir geht es um die nächtlichen Träume, und ich bitte, die mögliche Misshandlung des Begriffs in seiner eigentlichen Bedeutung zu verzeihen.

Es gibt Leute in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis, die von sich behaupten, sie träumten nie. Ich behaupte dreist, dass dies gelogen sei. Man kann nicht „nicht träumen“, nur erinnert man sich oft nicht an Träume. Geht mir auch so. Und manchmal ist das auch gut so.

Ich habe über meinen Traum in der letzten Nacht bereits Worte verloren. Er ist nicht der einzige Alptraum der Schul- und Abi-Traumserie. Sie alle sind negativ besetzt. Denn irgendwie stehe ich immer unter Druck. Entweder mache ich gerade Abitur, und das in Fächern, die ich in der Oberstufe gar nicht mehr hatte – und das mit Grund -, oder ich bin noch vom Abitur entfernt, und es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Und ich in der Oberstufe, da es – zumindest damals – auf dem Gymnasium keinen festen Klassenraum mehr gab. Man pendelte gemäß Stundenplan von Raum zu Raum – wie ein Nomade ohne festen Wohnsitz.

Das Szenario in diesem Falle ist stets das gleiche: In der Schule auf den Gängen ein Treiben wie in einem Bienenstock oder Ameisenhaufen. Alle wissen, wohin sie müssen. Normale Zustände also. Nur ich – ich weiß nicht, wohin ich nun eigentlich muss, in welchem Raum gerade Erdkunde gelehrt wird, die ich mit Freude gar nicht erst in die Oberstufe gewählt habe. In der Wirklichkeit. Im Traum habe ich immer Erdkunde in der Oberstufe! Manchmal sogar als Hauptprüfungsfach, als Leistungskurs! (Ich frage mich manchmal, was mir damit gesagt werden solle: War ich vielleicht gemein zum Fach Erdkunde, dass ich es in der Oberstufe nicht wählte? Soll ich nun für den Rest meines Lebens in unregelmäßigen Abständen nächtens darunter leiden? Und: Wer veranlasst das?)

Nun … zurück: Während alle anderen Schüler wie die Ameisen in ihrem jeweiligen Bau – Verzeihung: Klassenraum, natürlich dem richtigen – verschwinden, um dort Wissen in geballter Dosis aufzunehmen, treidele ich durch die Schule (die im Traum erschreckend real aussieht, wirklich so, wie mein Gymnasium aussah, was das Ganze noch schlimmer macht) und finde den verdammten Raum nicht, in dem mein verdammter Erdkunde-LK stattfindet, den ich bei klarem Verstand niemals gewählt hätte.

Das Witzige ist, dass ich sogar im Alptraum oft denke: „Wieso Erdkunde? Du magst Erdkunde nicht! Du hattest in der Oberstufe keine Erdkunde!“ Und da kreuzen Traum und Realität ihre Bahnen, denn mir ist offenbar klar, dass das hier ein ziemlicher Murks sein müsse, da ich niemals freiwillig dieses Fach gewählt hätte – schon gar nicht als LK! Und mir scheint irgendwo auch klar zu sein, dass ich mein Abi vor vielen Jahren schon gemacht habe – nur kommen dann immer fiese Aspekte ins Spiel, die das Ganze durchaus logisch erscheinen lassen.  Und so suche ich so lange nach dem blöden Kursraum – vergeblich -, bis ich aufwache. Meist fällt das Aufwachen mit dem Ende des Schulhalbjahres zusammen, das zu Beginn des Traums noch ganz am Anfang stand. Kein schönes Erwachen, denn es braucht einige Sekundenbruchteile, bis mir klar wird: „Ich habe Abi, lange schon.“

Ein weiteres Alptraum-Motiv ist Wasser. Nicht etwa Wasser aus der Leitung, nein. Bei mir ist es immer etwas bombastischer. So wurde ich vor einiger Zeit im Traum am Meer von einer mehr als zehn Meter hohen Flutwelle überrascht, die sich erschreckend plötzlich auftürmte, als ich gerade den Strand entlangspazierte. Es war einige Zeit vor dem Tsunami zu Weihnachten 2004, und ich wachte auf, kurz bevor die Welle über mir brechen konnte. Nach der ersten Schrecksekunde dachte ich noch: „Was für eine Scheiße träumst du eigentlich immer zusammen? Solche Wellen gibt es gar nicht.“ Tja …

Das dritte Szenario ist das schlimmste. Und ich frage mich, woher das wohl kommen mag. Tatsache ist, dass ich in derlei Träumen stets auf der Suche nach einer Toilette bin. Der Witz: Es gibt davon im Übermaß, denn ich bin stets in irgendwelchen mehr oder weniger öffentlichen Gebäuden, Krankenhäusern, Schulen, Flughäfen … Wahre Suiten, Fluchten an Toilettenkabinen tun sich vor meinem Auge auf, und da sollte es doch gar kein Problem sein, sich seiner Last zu entledigen. Oder?

Ha! Von wegen! Denn trotz der wahren Flut [!] an Toilettenkabinen muss ich immer unverrichteter Dinge weiterziehen, denn all diese Kabinen haben stets irgendeinen eklatanten Mangel aufzuweisen: Entweder haben sie keine Tür, oder die Tür geht nicht zu. Oder die jeweilige Toilette ist total verdreckt, Wasser steht auf dem Boden, bei dem man hofft, es möge nur Wasser sein. Oder es stürzt von den Wänden. Und, und, und …

Was das Problem mit der nicht zu schließenden Tür anbelangt, tappe ich bis dato im Dunkeln, denn ich würde es ja verstehen, wäre ich extrem genant oder prüde. Bin ich aber nicht. Die anderen Dinge sind allerdings wirklich nicht akzeptabel.

Der allerschlimmste Traum dieser fragwürdigen Szenerie ereilte mich erstaunlicherweise Jahre nach dem zugehörigen Ereignis, als im Grunde alles schon wieder in trockenen Tüchern war: Ich träumte, ich sei auf dem Weg zu meinem ehemaligen Arbeitgeber, dessen miese Geschäftsführung dafür verantwortlich war, dass die Firma Insolvenz anmelden musste und ich temporär arbeitslos wurde. Im Traum hatte die Geschäftsführung alle Leute hinausgeworfen, um dann eine neue Firma mit neuen Angestellten zu gründen. Und ich auf dem Weg dorthin, um mich zu beschweren!

Schon der Weg war umständlich. Es sah zwar alles so aus wie in natura, aber der Weg war übersät mit Schnecken, auf denen ich stets ausrutschte, mir aber meinen Weg zum Seiteneingang kämpfte. Endlich im Gebäude, verspürte ich ein dringendes Bedürfnis, und im Traum dachte ich noch: „Nein! Bitte nicht! Nicht wieder dieser WC-Traum!“

Und dann landete ich erneut in einem WC-Trakt. Und erneut das Horrorszenario – mit Fäkalien verschmutzte Toiletten, unter Wasser stehende solche, und die einzige Kabine, die mir nutzbar erschien, da das Grauen von außen nicht einsehbar war, war die schlimmste: Als ich die Tür öffnete, war da eine gigantische Blutlache! Offenbar war hier jemand zu Tode gekommen, und im Traum war klar: nicht auf natürliche Weise.

Da wachte ich auf. Und relativ schnell dachte ich: „Es passt zu der Art, wie man euch behandelt hat. Man ging über Leichen. Hak‘ es einfach ab, Ali!“ Und das tat ich dann auch. Vor diesem Traum hatte ich stets mit dem Schicksal gehadert, hatte überlegt, ob ich vielleicht etwas falsch gemacht hätte. Danach nicht mehr.

Manchmal helfen Träume also weiter. Eigentlich immer – das, was da nachts passiert, passiert ja nicht ohne Grund. Nur sind die Zusammenhänge bisweilen ganz komisch, und manchmal werden Motive bemüht, über die man Monate zuvor sprach, keineswegs erst am Tage zuvor.

Ihr dürft jetzt gerne darüber rätseln, warum ich wohl von WCs träume! 😉 Nein, ich bin nicht irgendwie komisch, vielmehr könnte das Ganze darin begründet liegen, dass ich ganz schlecht loslassen kann. Oder immer auf der Suche nach etwas oder jemandem bin, dem ich ohne Sorgen etwas anvertrauen kann. Keine Ahnung, was die Traumdeutung da sagt. 😉

Allerdings wüsste ich doch gerne, warum ich letzte Nacht in meinem Abi-Alptraum ausgerechnet einen LK in Mathematik haben musste … Völlig irre. 😉

Mittwoch, der Dreizehnte

Der heutige Tag ist bis dato eine echte Herausforderung gewesen. Bereits am Morgen sah ich dem Grauen ins Auge, als ich am Ostring beinahe über einen bereits toten Igel gefahren wäre, im letzten Moment noch auswich. Der arme, kleine Wicht hatte wohl die Straße überqueren wollen – es war ihm nicht geglückt. Was da auf der Straße lag, möchte ich hier nicht beschreiben – sehr unschön.

Ich bin ja ein wenig abergläubisch, was ich bereits mehrfach zugegeben habe. Und ich dachte so für mich hin: „Super! Der Tag fängt gut an! Erst dieser Alptraum, und nun ein toter Igel. Was mag wohl noch passieren?“ Aber im nächsten Moment schimpfte ich mit mir selbst – man kann sich auch in etwas hineinsteigern.

Wenngleich mein nächtlicher Traum in der Tat recht unheilschwanger war. Es handelte sich um einen meiner typischen Serienträume, quasi Rezidivträume, was soviel heißt, dass ich mehrere Traummotive habe, die immer wiederkehren. Und gestern Nacht war offenbar mal wieder mein Abitur-Traum dran. Den liebe ich ganz besonders … Denn in den Träumen dieser grässlichen Serie stehe ich mehr oder weniger kurz vor dem Abi, das ich in der Realität vor diversen Jahren problemlos bestanden habe. Im Traum hingegen gibt es immer Probleme … Ich muss in Fächern zur Prüfung antreten, die ich in der Oberstufe gar nicht mehr gehabt habe – in der Realität. Erdkunde, zum Beispiel. Hatte ich zum letzten Mal in der zehnten Klasse und war durchaus nicht unglücklich darüber. 😉 Und im Alptraum habe ich dann einen Erdkunde-Leistungskurs, aber keinen Plan von der Materie … Blut und Wasser schwitze ich im Traum immer. Manchmal dringt die Realität durch, und dann wundere ich mich im Traum und frage mich: „Hatte ich das Abi nicht irgendwie schon bestanden?“ Aber wie das in Träumen so ist, gibt es immer eine vermeintlich logische Erklärung dafür, dass man hier und jetzt antreten muss. In völlig abwegigen Fächern.

Gestern Nacht hatte ich einen Mathematik-Leistungskurs. Das allein ist schon zum Brüllen komisch. 😉 Zwar hatte ich in der Oberstufe vor meinem echten Abi durchaus Mathe, aber als Grundkurs und ohne überragenden Erfolg. Meine Bemühungen waren nicht immer von Erfolg gekrönt – um es mal so zu sagen. 😉

Kurz: Gestern Nacht schrieb ich meine Mathe-LK-Abiklausur. Völlig absurd. Weniger absurd, dass ich nichts konnte. Das war sogar durchaus nicht unrealistisch. 😉 Und so war ich auf die Gutmütigkeit meiner Banknachbarn und der vielen Leute, die – völlig ungewöhnlich für eine Abiklausur – durch den Raum flanierten, zwingend angewiesen. Auch Kerstin und Christine sah ich – mit denen hatte ich in der Realität zusammen im Französisch-LK gesessen. Christine zeigte ich im Traum die Aufgabenstellung, und sie meinte: „Kein Problem – warte, ich löse das mal eben für dich, und dann bringe ich dir die Lösung.“ Und Kerstin, eine in der Realität leider bereits verstorbene Schulkameradin, meinte ihrerseits: „Ich helfe dir auch.“ – „Aber du bist doch tot!“ – „Wie kommst du denn darauf? Ich stehe doch hier.“  Gruselig, wirklich gruselig.

Mein Banknachbar zur Linken, ein humorloser Streber sowohl im Traum, als auch in der Wirklichkeit, löste dann die ganze Klausur für mich – aber ich konnte seine Schrift kaum lesen. Er sagte, es liege daran, dass er eigentlich Linkshänder sei, man ihn aber umerzogen hätte. (Auch das entspricht der Realität – beängstigend, welche Aspekte man in Träumen verwurstet … 😉 ) Und meine Nachbarin zur Rechten, die in der Realität mit Betrügereien schon immer weitergekommen ist, meinte, ich solle den Block, den der Mathecrack zur Linken mir vorsichtig unter dem Tisch zugeschoben hatte, auf den Tisch zwischen uns legen, damit sie auch etwas davon habe. Im Traum dachte ich: „Wie bescheuert ist das? Das fällt doch auf!“ Und so wurde dann auch Anna erwischt, obwohl offensichtlich war, dass ich genauso beteiligt war. Sie wurde vom Abi ausgeschlossen, mir sagte man, ich dürfe selbstverständlich die Klausur noch einmal schreiben … Der Traum verwirrte mich sehr, und ich wachte schweißgebadet auf. Starker Tobak! Was wollte dieser Traum mir sagen?

Ich war daher schon irgendwie etwas irritiert und beeinflusst, als ich beim Arbeitgeber ankam. Unterwegs der tote Igel – ehrlich gestanden, rechnete ich nicht unbedingt mit etwas Gutem hinsichtlich des weiteren Tagesverlaufs. 😉

Aber es kam schlimmer, denn ich hatte gerade meinen PC hochgefahren, als Janines Telefon klingelte. Frau Blech stand auf dem Display, und ich überlegte dreimal, ob ich wirklich drangehen sollte. Cindy Blech ist die reizende Kollegin, über die Janine und ich uns neulich beschwert haben. Eigentlich nicht unsere Art, jedenfalls meine nicht – aber sie war zu weit gegangen, hatte uns grundlos vor Publikum angepöbelt, weil sie wohl Wut auf unsere Chefs hatte (und hat). Derart unverschämt war sie, dass ich sagte: „Nun reicht es. Jahrelang habe ich nichts gesagt, aber jetzt reicht es.“

Und nun hatte ich die Dame am Telefon! Janine hat ja Urlaub … Das Telefonat verlief von meiner Seite aus kühl und distanziert, aber höflich. Nur Cindy Blech wütete und pöbelte erneut. Mittendrin aber, als sie mich gerade beleidigte, hielt sie dann doch inne. Offenbar wurde ihr gerade bewusst, dass sie erneut dabei war, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, und dass ich mir nichts mehr gefallen lasse. Da wurde sie ganz ruhig. Ich gab mich auch ruhig – aber mein Herz raste, mein Blutdruck war stark erhöht. Und nachdem sie den Hörer aufgeknallt hatte, weil sie wütend war, dass ich ruhig reagierte, obwohl es ganz anders in mir aussah und ich ihr am liebsten eigenhändig die Augen ausgekratzt hätte, musste ich mich erst einmal beruhigen. Es dauerte eine Weile, bis meine Herzfrequenz wieder im Normbereich und mein Blutdruck gesunken war. Was Cindy Blech konkret gewollt hatte, war ihrem wütenden Gestammel nicht zu entnehmen gewesen, aber ich habe dann ihren Chef angerufen und die Sache geklärt. Nein, ich habe Cindy Blech nicht verpetzt – ich habe sie gar nicht erwähnt.

Danach habe ich dann tatsächlich die Ablage gemacht – ich kann es noch immer nicht fassen. 😉

Und nun werde ich gleich Feierabend machen … Aber vorher muss ich doch noch wissen, was das Erscheinen realiter toter Personen in Träumen bedeute … Jaaa, ich weiß – Aberglaube.

Oh, es bedeutet Positives! Eine schwierige Phase in meinem Leben neige sich dem Ende zu. Daran glaube ich doch gern!

Und gleich fahre ich heim. Aber ganz vorsichtig. 🙂 Und in der Hoffnung, dass der morgige Tag einfach nur entspannt sein möge. Meinetwegen darf er auch langweilig sein, und ich werde mich nie wieder über Stagnation an solchen Tagen beschweren. Versprochen. 😉

Sommerstagnation

Im Biologieunterricht damals auf dem Gymnasium lernten wir in der Unterrichtseinheit Ökologie, dass jeweils zwei der vier Jahreszeiten wesensähnlich seien, zumindest im Ökosystem See. Da gibt es die Frühjahrs- und Herbstzirkulation, sowie die Sommer- und Winterstagnation. Ich bin im Sommer geboren, und das fand ich doch gleich nicht sonderlich erfreulich: Ich hasse Stagnation. Ich mag es lieber turbulent. Meist zumindest – Zeiten der Ruhe müssen natürlich auch sein.

Kleiner Exkurs: Ich liebe Vivaldis „Le quattro stagioni“, wenn sie auch noch so abgenudelt erscheinen mögen. Der „Frühling“ – wunderbar. Auch der „Herbst“ gefällt mir. Der „Sommer“ veranlasst mich immer, geduldig durchzuhalten und auf den Fingernägeln zu kauen. Ausgerechnet meine Geburts-Jahreszeit so dröge? Sogar die etwas impulsiveren Teile? Vor meinem geistigen Auge immer ein großer, großer See – mitten in der Sommerstagnation. Hallo? Kann mal jemand ein bisschen Stimmung machen? Der „Winter“ hat trotz der Stagnationsproblematik doch erheblich mehr Pep, aber auch beschauliche Momente. Ich liebe beim „Winter“ besonders den zweiten der regulär drei Sätze, von denen erster und dritter trotz Stagnation eher temperamentvoll sind. „La pioggia“ steht da – „Regen“, und wenn man diesen Satz hört, kann man sich auch mitten im Sommer vorstellen, wie es ist, im Winter im warmen Haus zu sitzen, in eine Decke gewickelt, und dazu Tee – meinetwegen auch etwas anderes – zu trinken, während die Regentropfen aufs Dach pladdern und es draußen kalt ist. Heimelig. Der „Sommer“ hingegen lässt derlei heimelige Momente missen. Und selbst die lebhafteren Teile sind – bei Licht betrachtet, wovon es im Sommer ja genug gibt – gar nicht so lebhaft … Ausgerechnet! Naja, okay – der dritte Satz reißt es zumindest ein bisschen wieder heraus. Da muss wohl ein Gewitter mit Starkregen geherrscht haben, das Antonio Vivaldi inspirierte. Also Wetter, das wir aus den letzten Wochen zur Genüge kennen. 😉

Die Vier Jahreszeiten von Vivaldi bestehen aus vier Konzerten, die meist getrennt aufgeführt werden, und einmal wollte eine Bekannte mich mitschleppen. Als ich sie fragte, welcher Teil denn aufgeführt werde und sie es mir verriet, habe ich – ich muss es zugeben – gesagt, ich hätte einen anderen Termin. Es war der „Sommer“. Ich Banause! 😉 Zusammengenommen sind alle vier Teile wunderschön, wenn man derlei Musik mag – aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir just den „Sommer“ anzuhören, wenn alle vier Teile getrennt aufgeführt werden. 😉

By the way: Ich mag nicht nur solche Musik. Mein Musikgeschmack ist weitgefächert. 😉

Heute musste ich feststellen, dass sich das oben genannte Muster nicht nur auf das Ökosystem See beschränkt, denn ich war heute Opfer der Sommerstagnation, obwohl der nächste See kilometerweit entfernt ist.

Am Arbeitsplatz stagniert derzeit so einiges. Genauer: Es ist todsterbenslangweilig. Ganz anders als im letzten Jahr. Ich weiß, zumindest partiell, woran das liegt, aber es ist nicht zu ändern. Und nun haben auch noch beide Chefs, mit denen ich zu tun habe, sowie Janine Urlaub. Ich bin ganz allein, und das ist eine Sache, die ich als massiv langweilig empfinde. Ich liebe den Austausch.

Das Schlimmste war, dass auch noch kaum Mails kommen – wie abgeschnitten. Keine Dienstmails. Offenbar haben alle möglichen Leute Urlaub. Nur ich wieder nicht, und ich muss nun das erdulden, sprich: erleiden, was ich noch nie leiden konnte: Stagnation. Ich gebe zu, heute wäre ich an meinem Arbeitsplatz beinahe eingeschlafen.

Nach einem todsterbenslangweiligen Arbeitstag schleppte ich mich zum Parkplatz, wo Monty meiner harrte. Aufgeheizt stand er da, den ganzen Tag in der Sonne gestanden. Und da komme ich saft- und kraftloses Bündel an …

Zum Glück kam mir Ulli entgegen, der mit Luna, seiner weißen Schäferhündin, die ich seit acht Jahren mehr oder minder kenne, spazieren ging. Ulli ist ein netter Mensch, der jahrzehntelang „au‘m Pütt“ gearbeitet hat. Verheiratet, zwei erwachsene Kinder, und ich „kenne“ ihn, seit er vor acht Jahren mit der weißen Schäferhündin Luna, damals noch ein winziger, niedlicher Welpe, immer das Gelände meines Arbeitgebers für die notwendigen Spaziergänge nutzte. Im letzten Jahr kamen Janine, er und ich ins Gespräch. Die arme Luna verzweifelte immer fast, weil Janine Angst vor Hunden hat, die spitze Ohren haben, präziser: vor allen Schäferhunden. Mit Grund. Nur konnte man der armen Luna das nicht begreiflich machen, die immer schweifwedelnd auch gen Janine stürmte, die ihrerseits nach hinten auswich. Luna blickte dann immer ganz ratlos und fragend zu ihrem Besitzer und zu mir. Ich rief dann: „Och, Luna, komm mal her!“ Und das freundliche Tier stürzte zu mir, warf sich volle Breitseite gegen meine Beine und hätte mich zweimal fast „abgesägt“. Ich knuddelte sie und meinte: „Janine hat etwas Angst vor dir, aber das ist nicht böse gemeint.“ Großer Blick aus ganz lieben und treuherzigen braunen Augen.

Und so freute ich mich, als ich die beiden des Weges kommen sah. Aber – ach! – was war mit Luna los? Sie war ein Schatten ihrer selbst! Kam zwar freudig auf mich zugesprungen, legte sich dann aber ermattet hin. Ich fragte Ulli, ihren Besitzer, und der meinte: „Seit wir in den Urlaub gefahren sind, ist sie so. Wir haben Freitag auch einen Termin beim Tierarzt.“

Ich kenne Luna ja nun schon ein Weilchen, aber so oft und viel habe ich sie noch nie Gras fressen sehen. „Hat sie etwas mit dem Magen? Ich habe noch nie so oft einen Hund Gras fressen sehen!“ – „Wir wissen es nicht, aber wir hoffen, dass der Tierarzt weiterhelfen kann.“ Ich hoffe, die liebe Luna leide auch nur unter der Sommerstagnation und dass es nichts Schlimmes sei. Denn Ulli erzählte, Lunas Vorgängerin, auch ein weißer Schäferhund, habe im etwa gleichen Alter eingeschläfert werden müssen – Krebs. Ich sah die brave Luna an und drückte ganz fest die Daumen, dass sie wirklich nur ein wenig stagniere.

Wer nicht stagnierte, war Freddy, der alte Ex von mir, mit dem – und Michael und Florian – ich mich vielleicht Ende Juli zu einer Art „Réunion“ in Aachen treffe. Denn heute, als ich gerade zu Hause war, wurde ich in dem Sozialen Netzwerk, in dem wir alle einander wiedergefunden haben, von ihm angechattet, und dreist – manche Leute nennen das auch „pragmatisch“ – fragte er mich, wie man denn „schnell und unproblematisch“ eine Bescheinigung darüber bekommen könne, die englische Sprache im B2-Modus zu beherrschen. Ich fragte, wofür er das brauche, und er erklärte, seine Freundin, mit der er die vergangenen Wochen so herumgestrunzt hat, dass es schon leicht übertrieben wirkte, habe ja BWL im eher internationalen Bereich mit Englisch und Französisch studiert. Die brauche eine solche Bescheinigung.

Ich war baff. Wenn sie doch einen dieser „VIP“-Studiengänge studiert hat, noch dazu mit zwei schwerpunktmäßigen Fremdsprachen, warum dann hatte sie keinen Nachweis darüber? Und was sollte ich da nun machen? Nur, weil ich Anglistin bin, stellt man mir solche Fragen? 😉

Ich musste grinsen. Es gibt unter den Leuten, die solch staatstragende Sachen wie „International Business“ studieren, nicht wenige, die sich ganz schlau und wichtig fühlen und meinen, sie könnten alles besser als Leute meiner Couleur, die „brotlose Kunst“ studiert haben. Und nun braucht jemand einen Schrieb, der doch alles im Studium hatte, und ich werde ausnahmsweise gefragt, was man denn da machen könne? Von Leuten, die sich sonst viel schlauer vorkommen und gern schon mal erklären, sie würden ja überhaupt nicht verstehen, wozu man so was wie Geisteswissenschaften studiere? 😉 Ich gebe zu, ich hatte heute nicht meinen besten Tag … Und ich ließ ein paar entsprechende Kommentare ab, riss mich dann aber zusammen und gab zumindest den einen oder anderen Tipp.

Ich gebe zu, ich schäme mich ein bisschen. Aber allzu sehr auch wieder nicht. Ich habe nun einmal keine guten Erfahrungen mit einer speziellen Sorte BWLer gemacht, die sich stets erhaben fühlen, bei denen man aber oft merkt, dass es an einigem gebreche. Immerhin habe ich drei Jahre lang „Business English“-Seminare an einer FH geleitet … 😉 Ich bin also Kummer gewohnt. 😉

Wenn ich ganz ehrlich bin, frage ich mich noch immer, wie es sein könne, dass jemand BWL bzw. etwas damit Verwandtes mit dem expliziten Zusatz von „Englisch und Französisch“ – ich kenne es noch als Studiengang „BWL und Sprachen“ – studieren könne, ohne auch nur einen winzigen Nachweis über standardmäßige Englischkenntnisse zu besitzen. Von Französisch wollen wir lieber ganz schweigen. 😉

Aber wahrscheinlich liegt auch das an dieser Sommerstagnation … 😉

Quel malheur!

Das also war das EM-Finale. Ich muss gestehen, der Ausgang gefällt mir gar nicht. Ich fand Portugal nicht sonderlich überzeugend im vergangenen Monat. Mir haben sie jedenfalls in den meisten Spielen, die ich sah, nicht gefallen. Hinzu kommt – aber das ist nun wirklich irrelevant und hat meine Tipps auch nicht beeinflusst -, dass ich die portugiesische Nationalmannschaft nicht sonderlich mag. Keine Ahnung, ob das nur an Ronaldo liegt, den ich nun wirklich unsympathisch finde. Aber das ist sicherlich Geschmackssache. Ich mag solche Typen jedenfalls nicht. Aber merkwürdigerweise ist meine Abneigung durchaus schon länger vorhanden – fragt mich nicht, woher sie rührt, denn ich könnte nicht einmal eine zufriedenstellende Antwort geben. Selbst die Italiener finde ich sympathischer – und das will was heißen! 😉 Aber hier geht es ja nicht nach Sympathien.

Ich hatte für Frankreich getippt. Wie so viele aus unserer Tipprunde. Und ich hätte es den Franzosen wirklich gegönnt. Die haben mir in den letzten vier Wochen auch erheblich besser gefallen als die Portugiesen. Wie gesagt: Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit dem Ausgang dieses Finales. Denn nicht nur, dass ich es den Franzosen wirklich gegönnt hätte – ich hatte nicht nur heute Abend auf Frankreich gesetzt, sondern bereits vor Beginn der EM in den Bonusfragen Frankreich als Europameister getippt. Ja, ich weiß – schlagt mich, beschimpft mich, gebt mir Tiernamen für meinen vermeintlich mangelnden Patriotismus. Ich sah das Ganze als recht realistisch an, und – so sah es zumindest bis vorhin aus – damit lag ich ja gar nicht so falsch. 😉

Immerhin hatte Ronaldo Gelegenheit, sich mal wieder auf ganz besondere Weise in Szene zu setzen. Nein, ich fand nicht gut, dass er verletzt wurde. Ich kann verstehen, was es bedeutet, ausgewechselt werden zu müssen, wenn es doch ums Ganze geht und man obendrein eine Scharte aus der Vergangenheit auswetzen will. Aber mir ging diese divenhafte Vorstellung als „sterbender Schwan“, der dann in einer Sänfte, Verzeihung, auf einer Trage weggetragen werden musste, etwas auf den Senkel. Und es muss grauenhaft für ihn gewesen sein, dass sein Team es sogar ohne ihn schaffte. Sicherlich aber lag es an seiner penetrant-theatralischen „Beratung“, die er seinen Kollegen zukommen ließ. Es wirkte auf mich nervend. Egal. Ich mag ihn nun mal nicht. Ich finde Diventum abstoßend, egal, ob bei Männlein oder bei Weiblein.

Ich werde mich jetzt zur Ruhe begeben – nicht ganz zufrieden. Noch schlimmer aber: Ich habe in den letzten Wochen so viel Fußball geguckt, dass mir sicherlich etwas fehlen wird in der nächsten Zeit. Was mache ich denn da? 😉

Ein kleiner Nachtrag: Was ist denn das? Ich habe gerade die Tippübersicht aktualisiert und bin die absolute Bonusfragen-Siegerin! Ha! Zwar hatte ich mich beim Europameister vertan, aber ich habe ganz richtig Frankreich als Mannschaft getippt, die den Spieler mit den meisten Toren stelle. Kaum zu glauben – aber das hat mich auf Platz 14 quasi katapultiert! He, he – ich bin ja gar nicht so schlecht! 😉

Mit-Esser und Augenmenschen

Heute las ich in der überregionalen Zeitung mit den drei Buchstaben, dass ein Video aus den USA im Netz kursiere, in dem eine junge Frau ausrastet und sich mit ihrem Freund streitet, weil dieser sich einfach ein Stück ihrer Pizza genommen und es gegessen habe. Ich sah es mir an und dachte, es sei wohl ein Fake. Aber vielleicht auch nicht, und selbst wenn, war es eine mir doch recht bekannte Situation …

Ich mag es nämlich auch nicht, wenn man – ohne zu fragen – einfach an Dinge geht, die mir gehören. Ich gehe auch nicht ungefragt an anderer Leute Besitztum.

So garstig, wie es hier klingen mag, bin ich allerdings nicht. Denn im Grunde kann man, wenn ich jemanden mag, das letzte Hemd von mir bekommen, und ich liebe es, Leuten, die ich mag, etwas zu schenken. Ich teile auch immer ohne Probleme und meist gern. 😉

Daher ist es auch völlig unnötig, sich einfach selber zu bedienen, wenn ich es ohnehin anbieten würde. Ich finde das immer ein wenig … übergriffig. Es gibt einige Dinge, in denen ich wirklich eigen bin. 😉

So auch beim Essen. Nein, ich gehöre nicht zu denen, die dieses und jenes nicht essen, nicht essen wollen, oft, ohne es je probiert zu haben. Ich bin nicht verwöhnt oder zicke beim Essen herum. Ich esse gerne gut – aber das ist ja eigentlich nichts Absonderliches.

Ich kann es aber wirklich nicht leiden, wenn ich im Restaurant bin, mein Essen gerade vor mir, wie alle anderen Leute am Tisch, und dann streckt jemand neben mir oder gegenüber seine Hand mit der Gabel aus und stochert auf meinem Teller herum, nimmt sich etwas, das ihm gefällt und isst es einfach. Nicht selten gefiel mir das Objekt auch, und ich hätte es gern selber gegessen. Nun ist es weg, einfach so dreist von meinem Teller entwendet, ohne eine Frage, während der Täter auf meine Beschwerde hin meint, ich solle mich nicht so haben, und ich könne mir gern was von seinem Teller nehmen. Darum geht es aber doch gar nicht. Oft hebe ich mir etwas besonders attraktiv Scheinendes bis zum Schluss auf – und dann kommt da einer an und nimmt es mir weg! Außerdem hasse ich dieses Gestocher mit der Gabel auf fremden Tellern, quer über den Tisch. Wenn ich gern etwas von einem anderen Gericht probieren möchte, frage ich, lasse mir etwas abschneiden, und da es ja meist noch einen kleinen Vorspeisenteller gibt, reiche ich den dann über den Tisch und lasse den edlen Spender das Probierstück darauflegen.

Vielleicht bin ich da etwas etepetete, aber ich mag das wirklich nicht. Einmal habe ich, im Restaurant mit mehreren Leuten, darunter zwei, die diese Angewohnheit pflegen, sarkastisch angeregt, wir könnten doch – wie in früheren Zeiten bei ärmeren Leuten üblich – alle bestellten Gerichte in einer großen Schüssel servieren lassen, die dann mitten auf dem Tisch stehe und aus der dann alle gemeinsam äßen. Kam nicht so gut an bei den „Mit-Essern“. Einer hob hervor, er sehe das ganz locker. Ich meinte, er sei nicht das Maß aller Dinge. Ich zwar auch nicht, aber man könne doch wohl individuelle Bedürfnisse berücksichtigen. Und eines meiner Bedürfnisse sei, ungestört essen zu können, ohne dass jemand mit seiner Gabel in meinem Essen herumstochere und – sollte jemand etwas von meinem Gericht probieren wollen – doch, bitte, gefragt zu werden. Alles andere sei für meine Begriffe keine Lockerheit, sondern einfach übergriffig und dreist.

Auch, wenn ich mir ein Eis oder ein Stück Kuchen gekauft und extra noch gefragt habe, ob jemand anderes auch eines wolle, dies verneint wurde, dann aber, wenn ich mein Eis oder den Kuchen habe, dauernd probiert werden muss, bis ich nichts mehr für mich habe, finde ich das ärgerlich. „Aber nein, ich möchte kein Eis, danke.“ Und dann wird so lange sehnsuchtsvoll gestarrt, und dann will ich auch nicht so sein, oder es wird einfach selber zugegriffen, und schon ist das Eis/der Kuchen so gut wie weg. So etwas macht keinen Spaß und ärgert mich sehr.

Einer meiner Ex-Freunde war da besonders dreist. Im Hotel beim Frühstück fraß er mir einmal die für mich vom Buffet geholte Portion sill weg, die ich gerade an meinem Platz abgestellt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er mir etwas wegaß, und ich merkte, wie ich sauer wurde. Ich hätte ihm durchaus etwas abgegeben – aber das schien nicht zu reichen. Und ratz-fatz verschwand der eingelegte Hering – wir waren in Skandinavien – in seinem gierigen Schlund. Mir blieb nur der Sud mit einigen Zwiebelstücken, sowie drei Wacholderbeeren. Und er machte keinerlei Anstalten, seinen Hintern zu heben, um Nachschub zu holen und mich zu entschädigen. Nein, er saß da ganz selbstverständlich und bräsig und meinte nur: „Lecker! Habe ich auf dem Buffet gar nicht gesehen.“

Da wurde ich richtig sauer: „Sag mal, geht es noch? Ich hole mir etwas vom Buffet, habe noch nicht einmal Zeit, mich hinzusetzen, da frisst du mir schon alles weg? Und sagst noch: ‚Lecker, habe ich gar nicht gesehen‘, ohne auf die Idee zu kommen, mir eine neue Portion zu holen? Ich glaube, es hackt!“ Ich hätte sicherlich weniger sauer reagiert, wären wir gerade eine Woche liiert gewesen, aber dies war schon länger der Fall, und es war nicht das erste Mal, dass er sich so verhielt. Nehmen war seine große Stärke. 😉

Beleidigt bot er mir an, mir eine neue Portion zu holen, aber ich lehnte ab und meinte: „Nein, danke. Und schon gar nicht so. Da gehe ich lieber selber – sonst muss ich mir am Ende noch anhören, dass ich dich herumkommandiert hätte.“ Und ich ging und erwischte noch den letzten Rest sill vom Buffet.

Dieser Ex pflegte auch, war er bei mir, in die Wohnung zu kommen, sofort in die Küche zu rennen, wo ich bereits kochte, den Kühlschrank aufzureißen und ungefragt Dinge in seinen Rachen zu stopfen. Dinge, die ich selber gern gegessen, aber durchaus geteilt hätte, Dinge, die ich zum Kochen brauchte. Ganz reizend. Dann warf er sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein, und in regelmäßigen Abständen hörte ich aus dem Wohnzimmer den ungeduldigen Ruf: „Ist das Essen bald fertig?“ Nicht, dass er mir mal geholfen hätte …

War ich bei ihm und fragte, ob ich eine bestimmte Sache probieren dürfe, hieß es nicht selten: „Ach, das hatte ich eigentlich für mich gekauft. Nimm lieber das hier.“ Ah, ja.

Kein Wunder, dass eine Portion eingelegten Herings im Urlaub mich derart in Rage brachte. 😉

Als ich heute das Video sah, wurde ich auf unangenehme Weise an den Herrn erinnert – und ich hatte volles Verständnis für die Frau, die sich über den Pizzadieb ärgerte.

Übergriffiges ist nicht so mein Fall. Auch in anderer Beziehung. Es gibt ja verschiedene Wahrnehmungstypen bei Menschen. Da gibt es zum Beispiel den sogenannten „visuellen“ Typ, den „auditiven“ und den „kinästhetischen“. Ich bin sicher ein Mischtyp und eher visuell-auditiv, aber die visuelle Komponente ist wohl dominant. Ich erfasse Dinge besonders gut über die Augen, brauche daher auch immer eine gewisse Distanz, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Vor einigen Jahren las ich einen Artikel über diese drei Haupttypen, in denen der kinästhetische als „haptischer Typ“ bezeichnet wurde. Man hob die Unterschiede hervor, und an einer Stelle musste ich heftig lachen. Man beschrieb die Gegensätze bei Visuellen und Kinästheten und dass diese sich langsam aneinander gewöhnen müssten. Das beschriebene Beispiel spielte auf einer Party, wo ein Kinästhet einen Visuellen aufgrund seiner Ausprägung in Bedrängnis bringt. 😉 Denn Erstgenannte, so war zu lesen, sind die Menschen, die einen – obwohl sie einen das erste Mal sehen – sofort anfassen, geringe Distanz halten, zu gering fürs erste Aufeinandertreffen. Sie meinen es nicht böse – es ist ihre Art. Aber – so der Text – für visuell geprägte Menschen, die ja eben die Distanz brauchen, sei dies ein Alptraum, da dieses Verhalten sie bedränge. 😉 Und man beschrieb eine solche Begegnung: Der Kinästhet begrüße den ihm unbekannten Visuellen, rücke dicht an ihn heran, lege ihm die Hand auf den Arm, um noch dichter heranzurücken. Der Visuelle hingegen weiche nach hinten aus. Nicht etwa, weil er den Kinästheten per se nicht möge, sondern, weil er die Distanz brauche, um den anderen besser zu erfassen. Das Ausweichen sei nun aber gerade das Gegenteil dessen, was der Kinästhet brauche wie die Luft zum Atmen, und so folge er dem Ausweichenden, rücke diesem erneut auf die Pelle. Logische Konsequenz: Der Visuelle weicht erneut zurück. Und so fort – bis der Visuelle dann im wahrsten Sinne des Wortes in die Ecke gedrängt sei oder mit dem Rücken zur Wand stehe. Verloren. 😉 Es führe häufig zu Konflikten zwischen diesen beiden Typen, noch bevor sie einander überhaupt kennengelernt hätten. Da müsse man vorsichtig und einfühlsam vorgehen – dann kämen beide Typen hervorragend miteinander klar. Es sei denn, sie seien einander aus anderen Gründen nicht sympathisch. 😉

Ich musste heftig lachen – ich kenne diese Situation. Manchmal wirkte auch das auf mich dreist und „übergriffig“. Inzwischen nicht mehr, ich bin ja aufgeklärt. Manchmal irritiert es mich noch immer – ich brauche einfach etwas mehr Zeit und Raum, um jemanden kennenzulernen. 🙂

Nur beim Essen funktioniert diese Akzeptanz noch immer nicht. 😉

Ein Hoch auf Schaltwagen, denn da hat man was Eigenes …

Ja, ich verfälsche hier ein wenig ein klassisches Zitat eines bekannten deutschen Humoristen. Aber es passt einfach zur Situation.

Nach dem unberechenbaren Scotty, dem silberfarbenen Toyota Auris mit seiner Fake-Automatik und aus verschiedenen Geschichten hier bekannt, bin ich nun extrem stolze Halterin des kleinen Monty, eines blazerblauen – die Farbe heißt wirklich so! – Ford Fiesta mit manuellem Schaltgetriebe.

Lange Zeit hatte ich mich gegen einen Schaltwagen gesträubt, was von daher merkwürdig ist, als ich früher – bevor ich vor meiner elf Jahre währenden freiwilligen Fahrpause noch regelmäßiger fuhr – immer mit Schaltwagen gefahren bin. Aber man verlernt so vieles, und zwischenzeitlich war ich zu einem echten Automatik-Fan mutiert. Ich liebe Automatikgetriebe nach wie vor, aber ich gebe zu, es macht wirklich Spaß mit dem kleinen Blauen. Er ist ein echter Musterschüler im Vergleich zu Scotty. Hat zwar nur die Hälfte der Motorleistung des Toyotas, tut aber im Gegensatz zu jenem, was von ihm erwartet wird. 😉 Sieht obendrein noch hübsch aus. Was will man mehr?

Nachdem ich am vergangenen Dienstag „den kleinen Blauen“, wie meine Freundin Meike meinen neuen fahrbaren Untersatz nennt, abgeholt und mich wieder an schaltwagentypische Eigenheiten einigermaßen gewöhnt hatte, fühlte ich mich bereits am gestrigen Donnerstag wie die „queen of the road“. Ohne Jeannette, meine Auffrisch-Fahrlehrerin aus den Geschichten von Februar und März, wäre das allerdings sicherlich nicht so geschmeidig gelaufen, aber das erwähnte ich ja schon.

Und doch gibt es recht vieles, an das man sich wieder gewöhnen muss … Auch eine „queen of the road“, wie ich gestern nach meinem bisherigen Höhenflug feststellen musste.

Denn gestern, auf der Heimfahrt nach Feierabend, hatte ich die wahnsinnig bahnbrechende Idee, doch am Nordring einfach mal links abzubiegen und zu „Penny“ zu fahren. Da war ich neulich schon mit Scotty gewesen. Und vor dessen Zeiten auch zu Fuß, um dann von dort entweder per pedes den Weg durch die Stadt oder eine der Buslinien zu nehmen, die gen Busbahnhof fahren.

Nie war mir dabei das Besondere des Kundenparkplatzes aufgefallen, das mir gestern zwangsläufig auffiel. Ich wurde quasi mit Nachdruck mit der Nase in die Eigenheiten dieses Parkplatzes gedrückt.

Doch alles nacheinander. Ich fuhr noch queenmäßig auf den Parkplatz, sah viele Parkplätze besetzt, aber nach einer Dreiviertelrunde fand ich eine freie Parklücke. Die daneben war auch frei. (Und das war auch gut so. 😉 ) Ich schlug ein und fuhr dynamisch-schwungvoll in die Lücke. Das ist so meine Art.

Aber – ach! Ich stand recht schief und blockierte auf diese Weise gleich zwei Parklücken! Eine Sache, die ich wie die Pest hasse. Nicht nur bei anderen, auch bei mir. Das ist unsozial. Und so dachte ich für mich hin: „Kein Problem. Rückwärtsgang rein und noch einmal raus aus der Parklücke, um geradezuziehen.“ Und so schaltete ich gekonnt in den Rückwärtsgang, ließ langsam die Kupplung kommen und gab sachte Gas.

Aber was um alles in der Welt war das? Monty schien sich eins zu grinsen und rollte sachte vorwärts. Und vor mir ein noch ziemlich neuer Mercedes der A-Klasse! So schnell war mein Fuß noch nie auf dem Bremspedal gewesen … Gleichzeitig fiel mir auf, dass alle Autos in meiner Reihe und auf meiner Seite rückwärts eingeparkt waren. Und mir war auch sofort klar, warum … 😉

Sofort tauchten vor meinem geistigen Auge bzw. Ohr die weisen Worte meines Vaters nach meiner Fahrprüfung vor vielen Jahren auf: „Ali, merk dir eines: Es ist immer Mist, wenn man einen Unfall hat. Aber noch viel schlimmer ist es, wenn man schuldhaft einem Mercedes, BMW oder Audi hineinfährt. Denk bitte immer daran!“

Ja, die Worte meines Vaters hatten gefruchtet. Ich dachte sofort daran. 😉 Und leise Hektik brach bei mir aus. Das hasse ich wie die Pest! Ich weiß, wie es geht, weiß auch, dass Hektik kontraproduktiv ist – und trotzdem reagiere ich so.

Ich versuchte es mit angezogener und gehaltener Handbremse. Aber der Versuch schlug fehl, und Monty entschied, ich solle noch ein bisschen darüber nachdenken. Das sei doch eine einer queen of the road unangemessene und alberne Hilfsmaßnahme! Jedenfalls ging er aus. (Ich war wohl zu zögerlich gewesen.) 😉 „Zu blöd zum Fahren!“ schimpfte ich mit mir selber, als ich die Handbremse ganz anzog, den Motor deaktivierte und den ersten Gang einlegte. In dem Moment war mir völlig egal, dass ich zwei Parklücken belegte – die kleine Hektikerin war zum Vorschein gekommen. Aber auch kein Wunder in der Eingewöhnungsphase, und dann stehen -zig Leute herum und glotzen wie die Ölgötzen! Ein Wunder, dass niemand sein Smartphone zückte, um ein Video zu machen …

Hier half nur die Devise: „Angriff ist die beste Verteidigung“! Und so stieg ich vermeintlich selbstbewusst aus, schloss den Wagen ab und schritt erhobenen Hauptes zum Eingang des Discounters. Mochte Monty auch noch so schief zwei Parklücken blockieren – man muss das Ganze per Selbstbewusstsein abfangen. Dann stellt keiner blöde Fragen. 😉

Dennoch beeilte ich mich im Geschäft sehr. Und fast hätte ich – nichtgläubig – mit dem Beten wieder angefangen. Denn mein innigster Wunsch war, dass der Mercedes zwischenzeitlich weggefahren sein möge und ich ganz einfach vorwärts aus der Parklücke fahren könne. 😉

Schnell packte ich jenseits der Kasse meine Sachen ein und verließ den Discounter. Und zunächst sah ich, dass alle Autos, die neben mir gestanden hatten – rückwärtig eingeparkt – nicht mehr da waren. Fast frohlockte ich. Aber dann sah ich das Grauen: Alle Autos waren weg. Bis auf den Mercedes, der mit meinem kleinen Fiesta so dicht Schnauze an Schnauze stand, als wollten die beiden alsbald knutschen. (Nein, es war noch genug Raum. Zumindest in dieser Position. Nur: Was würde werden, würde ich einen weiteren Ausparkversuch starten? 😉 )

Tapfer schritt ich an Montys linke Seite, schloss ihn auf. Dabei taxierte ich aus dem Augenwinkel die auf dem Parkplatz zahlreich vorhandenen Leute. Wenn alle Stricke rissen, würde ich einen von ihnen fragen …

Aber nein! Niemals! Jedenfalls nicht, bevor ich höchstselbst versucht hätte, den kleinen Monty aus der Parklücke zu befördern! Und so stieg ich ein, tat sehr beschäftigt, fixierte extra umständlich das Bedienteil meines CD-Radios an der richtigen Stelle, wurschtelte herum und gab mich ganz geschäftig. 😉

Doch irgendwann musste es ja sein … Ich atmete tief durch, und da fielen mir Jeannettes Worte wieder ein: „Du bist jahrelang nicht gefahren – gib dir selber die nötige Zeit, dich wieder einzugewöhnen, und achte nicht auf andere Leute! Manchmal lässt du die Kupplung zu schnell kommen. Das geht, wenn alles eben ist. Nicht aber an Steigungen, so minimal die auch sein mögen. Also: Cool bleiben, Kupplung und Bremse ganz durchtreten, dann die Kupplung gaaanz langsam kommen lassen, bis der Wagen zu knöttern anfängt. Dann runter von der Bremse und aufs Gas. Aber sachte.“

Und ich ließ den Motor an, mit echter Todesverachtung. Fast glaubte ich, das musikalische Hauptmotiv des 70er Italo-Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu hören … Immerhin war ich so schlau, schon einmal ein bisschen das Lenkrad einzuschlagen. Jeannette hätte mich dafür gekillt oder mir zumindest die Ohren abgerissen, und ich konnte sie förmlich sagen hören: „Denk an die Reifen, Ali!“ Ich hingegen dachte: „Scheiß auf die Reifen!“ Nicht sonderlich klug, ich gestehe es. Half aber bei der Ruhefindung. 😉

Brems- und Kupplungspedal trat ich annähernd bis zum Bodenblech durch – niemand sollte mir nachsagen können, ich hätte es nicht wenigstens versucht, würde ich mit Schmackes den Mercedes rammen! 😉

Weiterhin die Bremse tretend, ließ ich die Kupplung so sachte kommen, als handelte es sich bei ihr um einen neugeborenen Säugling. Gut – Monty hat heute die 90-km-Kilometerzählergrenze überschritten. Ist also wirklich ganz neu …

Und da passierte es! Der Wagen fing leise zu vibrieren an, ich nahm den rechten Fuß von der Bremse und gab vorsichtig Gas. In einer perfekten Kurve parkte ich aus! Hurra!

Und gerührt wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Vielleicht weniger gerührt, aber doch erleichtert. 😉

Ich schaltete in den ersten Gang und gab sanft Gas. Aber was war das? Der Wagen motzte und rollte sachte rückwärts! Ich konnte es nicht fassen – schon wieder stand ich auf abschüssigem Gelände! War überhaupt irgendetwas an diesem Parkplatz eben? 😉 Zum Glück beherrsche ich vorwärtiges Anfahren an einer Steigung inzwischen wieder aus dem Effeff, und so fuhr ich lässig vom Hof, dem buckligen. Vorwärts ist das gar kein Problem! Rückwärts hingegen muss ich wohl noch etwas üben, um es wieder so zu können wie vor meiner Fahrpause und dem Intermezzo mit Automatikwagen … 😉

In jedem Falle ist der „Penny“-Parkplatz am Nordring ein echtes Berg-und-Tal-Areal. Freiwillig fahre ich erst wieder hin, wenn ich auch mit einem Schaltwagen wieder wie eine echte queen of the road fahre. Ich tendiere normalerweise zum Understatement, aber so gern, wie ich im Moment fahre, wird es nicht lange dauern. 😉

Ihr dürft gerne über mich lachen. Ich tue es auch. 11 Jahre lang nicht zu fahren, hinterlässt Spuren. Zum Glück erinnert man sich doch schnell, und vieles kommt dann intuitiv wieder. 😉

Und ein unvergleichlicher Vorteil, wenn ihr als Anfänger oder als ehemals panischer Wiedereinsteiger mit einem Schaltwagen fahrt: Niemand kennt die Bodenbeschaffenheit hinsichtlich Steigung und Gefälle in eurer Stadt besser als ihr! 😉

Vom Regen in die Traufe – Tod allen Kriebelmücken!

Gestern war ich beim Arzt. Diese Mückenstiche, die ich glatt unterschätzt hatte, haben sich verschlimmert. Linksseitig hat sich dieser Riesen-Eumel von Mückenstich entzündet. Und nachdem Meike, die Freundin und Ärztin, die inzwischen in der Lüneburger Heide lebt und praktiziert, gemeint hatte, dass ich gemäß den von mir geschilderten Symptomen wohl ein Opfer einer Kriebelmücke geworden sei, dachte ich schließlich, dass es sicherlich kein Fehler sei, wegen des linken geschwollenen Knöchels und des rechten Knöchels, weniger geschwollen, zum Arzt zu gehen.

Was soll ich sagen? Inzwischen erinnere ich an ein Pferd. Zumindest unterhalb der Knie und an den Fesselgelenken. Denn wie so viele Pferde im Springsport trage ich dort zwei Bandagen. Nur sind meine Knöchel derzeit nicht so feingliedrig wie ein Warm- oder gar Vollblut-Fesselgelenk.

Der Arzt gestern ordnete „Rivanol“-Verbände an. Ergo Verbände aus einer mit Rivanol, einem erschreckend gelben Antiseptikum, getränkten Mullkompresse, darüber noch zwei weitere trockene Kompressen – und darüber ein Riesenpflaster. Der Ersteffekt war einfach nur schön: Kühlung für die brennenden Fesseln!

Inzwischen aber ist es so, dass mir vor dem Entfernen der Pflasterverbände graut. Das tut sicherlich höllenmäßig weh, muss aber sein. Aus zweierlei Gründen. Denn a) muss der Verband heute ab, b) leide ich inzwischen an einer weiteren „maladie“. Fiel mir auch erst wieder ein, als die Symptome einsetzten. Ich – offenbar ein Sensibelchen – leide ja auch noch unter einer Pflasterallergie! 😉

Nicht bei allen Pflastern ist das so. Es kommt auf den Klebstoff an, mit dem diese auf der Haut fixiert werden. Manche Pflaster vertrage ich, andere nicht. Es ist immer eine Frage des Ausprobierens. Diese hier vertrage ich ganz eindeutig nicht.

Und bevor ich weiterschreibe, werde ich diese doofen Dinger jetzt erst einmal entfernen – egal, was im Spiel Deutschland-Frankreich zwischenzeitlich passiert … Ich kann eh nicht hinsehen. 😉

O! Mein! Gott!

Nicht nur, dass beide Fesselgelenke quittengelb durch das Rivanol sind. Nein. Nun sieht die ursprünglich runde, stark gerötete Stelle eher quadratisch und noch stärker gerötet aus. (Falls eine farbliche Verstärkung überhaupt möglich ist.) Pflasterformat halt. Und alles juckt und brennt wie Feuer. Grauenhaft – offenbar sind sogar kurative Maßnahmen bei mir bisweilen kontraproduktiv. Wegen Bagatellen, wie man sieht.

Ich lenke mich jetzt am besten einfach ab und versuche, meine Hände von den beiden Stellen des Grauens an meinen Fesseln fernzuhalten. Es ist – um ehrlich zu sein – inzwischen noch schlimmer geworden als nur die Mückenstiche. Es ist so typisch Ali! Will etwas verbessern und verschlimmert alles noch … 😉

Ich weiß nur eines: Sollte diese in ihrer Optik fliegenähnliche Mücke sich hier noch einmal zeigen, ist sie längste Zeit Kriebelmücke gewesen. Ich überlege nur noch, ob ich sie zunächst foltern sollte, wenn sie sich zeigt …

Aber das ist nicht meine Art. Lieber haue ich sie mit einem klaren, gezielten und von ihr unerwarteten Schlag platt. Und wenn ich auch sonst immer Skrupel bei so etwas habe: hier sicherlich nicht!

Ich hole jetzt erst einmal die beiden Pfirsich-Eistee-Dosen aus dem Kühlschrank – Kühlen heißt das Programm … Und dann drücke ich lieber die Daumen, fußballtechnisch. Obwohl inzwischen wohl eher Beten dringend angesagt sein dürfte. 🙂

„Monty“ ist da! Oder: Wenn es Jeannette nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden!

Ich hatte heute einen echt spannenden Tag. Denn heute bekam ich mein neues Auto und musste mich von Scotty trennen.

Ein letztes Mal mit dem unzuverlässigen kleinen „Silberpfeil“ fahren! Diese Bezeichnung ist ein Euphemismus, denn trotz seiner 124 PS bewegte sich der kleine Toyota durchaus nicht immer wie ein Pfeil. Aber darüber berichtete ich ja schon. 😉

Ich gestehe, ich hatte schon gestern Abend Fracksausen. Nach jahrelanger Schaltwagenabstinenz nun ein solcher! Aber man lenkt sich ja ab, so gut es geht. Und ich besuchte ein allseits bekanntes Soziales Medium … Und wen sah ich da online? Jeannette. Meine Auffrisch-Fahrlehrerin. Der hatte ich kürzlich im dortigen Chat schon von meinem neuen Auto erzählt. Und so schrieb ich sie an und berichtete, mir ginge ein wenig die Düse. Eigentlich erhoffte ich mir nur ein wenig Zuspruch, à la: „Keine Sorge, Ali – das wird schon!“

Aber es kam anders, denn sie schrieb, sie hätte am heutigen Tage frei. Ob wir vielleicht zusammen losziehen sollten, wollte sie wissen. Ich dachte: „O je – wahrscheinlich meint sie, du könnest das nicht!“ Ich denke öfter mal so. (Diese Denkweise erleichtert einem das Leben nicht gerade, nur mal so angemerkt. Macht das also nicht nach! 😉 ) Aber sie schrieb, so sei das nicht gemeint. Das würde sie beileibe nicht jedem anbieten. Ich schrieb: „Sicherlich nur den ganz hoffnungslosen Fällen.“ (Ich bin ein Fan von „fishing for compliments“ – ich gebe es zu …) Sie schrieb, daran sei es nun ganz gewiss nicht, nicht bei mir. Nein, sie biete mir das an, weil ich zu den Leuten gehörte, mit denen sie gern Zeit verbringen möge.

Ich war überwältigt. So etwas bekommt man auch nicht jeden Tag zu hören oder zu lesen. Und so schrieb ich, das sei aber nicht meine Absicht gewesen, als ich sie anschrieb – immerhin hätte sie einen freien Tag! Aber sie meinte, sie freue sich, mich wiederzusehen und käme gern mit. Und wenn mir das Ganze Bauchschmerzen bereiten würde: Als „Bezahlung“ oder Entschädigung würde sie sich freuen, wenn wir ein Eis essen gingen und ich die Rechnung übernähme. Ich wäre extrem doof gewesen, hätte ich dieses tolle Angebot nicht wahrgenommen, zumal ich Jeannette wirklich mag.

Und so holte ich sie, von der Arbeit kommend, heute gegen 16 Uhr zu Hause ab. Wir wohnen nicht weit voneinander entfernt, und als ich langsam die Straße entlangfuhr und die Nummer 4 passierte, sah ich sie bereits in ihrem Schalke-T-Shirt im Hof stehen. Ich hielt ein paar Meter dahinter, und da kam sie auch schon angelaufen, öffnete die Beifahrertür und nahm Platz. „So sieht man sich wieder,“, meinte ich und lachte. Sie lachte auch und sagte: „Das also ist der kleine Wahnsinnige,“, indem sie über das Handschuhfach strich. Ich grinste und meinte: „Möchtest du ihn mal fahren? Mich würde interessieren, was du davon hältst.“

Und so wechselten wir die Plätze und fuhren Richtung Autohaus. Jeannette lachte sich scheckig und meinte: „Ali, wenn noch irgendwelche Zweifel an der Maßnahme bestanden, diesen Wagen zurückzugeben, nehme ich sie dir hier: Das ist das Beste, was du tun kannst! Das Getriebe ist ja wohl ein schlechter Witz!“ Ich grinste und nickte. Wir parkten auf dem Hof des Autohauses und begaben uns ins Innere der Vertretung, wo wir auch alsbald an den Verkäufer, Herrn Haase, weitergeleitet wurden. Ich meinte: „Herr Haase, Sie haben mir gesagt, dass Sie dreifacher Familienvater seien, und da ich mich kenne und Sie nicht irgendwelchen künftigen Traumata aussetzen möchte, habe ich eine Bekannte mitgebracht, so dass Sie mit mir nicht fahren müssen. Das ist Frau B. – sie ist Fahrlehrerin.“

Herr Haase lachte und meinte: „Das ist nun wirklich sehr pragmatisch, Frau B. – aber das hatten wir ja schon letztes Mal. Ich wäre aber auch gern mit Ihnen gefahren.“ – „Das richtet sich auch keineswegs gegen Sie, bitte nicht falsch verstehen!“ – „Nein, keine Sorge.“ – „Nur: Frau B. kennt mich, ich kenne sie.“ – „Frau B.! Ich finde, dass Sie das alles sehr pragmatisch angehen – und das gefällt mir.“ Nun ja. Jeannette lachte.

Erst einmal stand Papierkram an. Ich gab Scottys Schlüssel ab, erwähnte jedoch, dass ich noch ein paar Sachen aus seinem Kofferraum mitnehmen müsse. Kein Problem, beschied uns Herr Haase, und da gab ich ihm auch den KFZ-Brief, sowie den -Schein. 😉 Da ich eine brandneue Versicherung abgeschlossen habe, genauer: das Autohaus das für mich übernommen hat, fragte ich auch, wie das mit der bisherigen Versicherung sei. Gar kein Problem – die Kündigung übernimmt auch das Autohaus. Wie praktisch – so mag ich es! 🙂

Wir gingen zu dem kleinen Toyota, ich nahm alles heraus, was herauszunehmen war, und Jeannette klemmte sich meine Kunststoff-Klappbox unter den Arm, ich den Rest.

Und dann führte man uns zum Neuen. Ah! Zum Anbeißen sah der kleine, blazerblaue Geselle aus! Ich war begeistert – obwohl es ein Ford ist! 😉 Andererseits: Für Ford sieht er verdammt schnittig aus. Noch schnittiger natürlich als Fünftürer, aber so passte es auch, und man kann ja nicht alles haben. Wir betrachteten das Wunderwerk zunächst von außen, packten die Sachen, die wir aus Scottys Kofferraum mitgenommen hatten, in den etwas kleineren neuen Kofferraum. Gingen um das Auto herum. Sofort hatte Jeannette etwas entdeckt, das ihr nicht gefiel: „Das Nummernschild vorn sitzt nicht fest! Das steht in einem etwas komischen Winkel und kippt nach vorn!“ Herr Haase betrachtete Jeannette mit leisem Argwohn – Scheiße, eine Perfektionistin! Aber sogleich verstärkte sich sein gewinnendes Lächeln wieder, und er rief einen Azubi herbei, der mit einem Akku-Schrauber ankam und das Problem behob. Bei seinem Anblick jubelte Jeannette und rief: „Hallo, Mike!“ Die beiden kannten einander, liefen aufeinander zu und drückten sich gegenseitig. Ich grinste Herrn Haase an, der auch grinste. Auf sympathische Weise, wohlgemerkt.

Dann bekam ich eine Einweisung in das neue Auto, der es an nichts gebrach. Ich muss allerdings gestehen, einen Teil habe ich schon wieder vergessen … Und endlich konnten wir dann fahren. Ich bat Jeannette, den Wagen vom Hof zu fahren – da standen überall brandneue Wagen, und das dicht an dicht. Jeannette grinste und meinte: „Das kannst du auch! Aber okay …“ Und wir fuhren erst einmal zur nächsten Tanke, schräg gegenüber dem Autohaus gelegen.

Danach zum Parkplatz der Fußball-Arena. Und dort fuhr ich dann, nachdem wir noch sämtliche Spiegel eingestellt hatten und Jeannette des Lobes voll war und meinte: „Ali! Kopp hoch, auch wenn der Hals dreckig ist! Keine Feigheit vor dem Feind! Der kleine Kerl hier fährt sich total angenehm, und ich bin gespannt, was du gleich sagst!“

Nun ja. Was soll ich sagen? Der kleine Kerl fährt sich total angenehm. Und wenn ich das in puncto Schaltwagen sage, heißt das etwas und ist auch so. 😉 Ich fuhr wie eine Alte! Naja. Fast.

Denn ich verschaltete mich anfangs grundsätzlich dann, wenn ich vom zweiten in den dritten Gang schalten wollte – ich landete erst immer im fünften. Zum Glück funktioniert mein Gehör sehr gut, und ich nahm wahr, dass etwas nicht stimmte. Und das kann man ja alles beheben und korrigieren.

Vom Parkplatz lotste mich Jeannette zur Kurt-Schumacher-Straße – diese Füchsin! 😉 Ich hasse diese Straße! Und so „raste“ ich alsbald in einem Konvoi an Autos voran, bis ich endlich links abbiegen sollte … Wir wollten ja noch ein Eis essen.

Vorher aber übten wir in Bismarck an geeigneter Stelle noch einmal auf meinen Wunsch das Anfahren an einer Steigung. Das habe ich immer besonders gehasst, wenn ich Schaltwagen fuhr … Es klappte hier einfach wunderbar. Und Jeannette, die mich ja zumindest zuvor schon ein bisschen gekannt hatte, war schwer beeindruckt davon, dass ich meinte: „Ich möchte das noch einmal machen!“ Oder: „Das macht ja richtig Spaß! Nochmal!“ Das kannte sie nicht von mir … 😉 Ich übrigens auch nicht.

Dann fuhren wir in Bismarck zu einer Eisdiele. Ich parkte davor ein, als hätte ich nie etwas anderes getan. Und es war sehr nett beim Eisessen.

Dann fuhren wir sogar noch zum „Marktkauf“. Einkaufen. Und ich fuhr Jeannette dann nach Hause zurück. Sie – Fahrlehrerin mit Leib und Seele – nötigte mich dann noch, rückwärts in ihre schmale Hofeinfahrt zu fahren! Eine Situation, die ich normalerweise vermieden hätte. Aber es gab keine freien Parkplätze an der Straße. Blut und Wasser schwitzend, rangierte ich mit schleifender Kupplung und schaffte es problemlos. Man muss sich nur überwinden. 😉

Dann lud Jeannette mich noch in ihre Wohnung ein. Denn sie hat eine Katze, von der sie mir Fotos gezeigt hatte, und da ich Tiere liebe, wollte ich mir das Katzentier auch gern mal ansehen. Ich war begeistert: So ein nettes Tier! Leckte mir gleich die Hand, schnurrte und drückte seinen Kopf so fest an mich, dass Jeannette meinte: „Donnerwetter! Dich scheint sie wirklich zu mögen. Wundert mich aber nicht. Bist ja auch eine Nette.“

Nachdem wir noch den Garten besichtigt hatten – wunderschön verwunschen und doch mitten in der Stadt! – schwang ich mich wieder hinters Steuer und fuhr meiner Wege. Und ich habe den Wagen beim Herausfahren nur einmal abgewürgt und einen Lachanfall bekommen. Aus so blödem Grund hatte ich ihn abgewürgt! Mein linker Schuh war mir vom Fuß gerutscht! Als ich ihn aufhalten wollte, rutschte ich von der Kupplung … 😉 Nun, ich denke, es gibt Schlimmeres. 😉

Zu Hause angekommen, habe ich ziemlich schwungvoll und gar nicht schlecht eingeparkt, stehe mitten vor dem Haus. Wunderbar!

Das einzig Absurde waren die beiden Herren, die hier öfter durch die Straße flanieren, Brüder offenbar, bei denen ich immer den Eindruck habe, sie hätten über längere Zeit zu tief in die Schnapsbuddel geguckt. Sie sind immer freundlich, aber ich verstehe kaum ein Wort, wenn sie mit mir sprechen, an der sie offenbar einen Narren gefressen haben, warum auch immer. Just heute kamen sie des Weges, als ich gerade eingeparkt hatte und meine Sachen aus dem Kofferraum nahm … Ich sah es mit Besorgnis, denn die beiden reden viel. Und lange.

Und so versicherte ich ihnen – zu Anfang -, dass am Donnerstag sicherlich Deutschland das Halbfinalspiel gewönne, worauf ich keine Wetten abschließen würde, aber sah, dass jede andere Antwort falsch gewesen wäre. Der eine der beiden Brüder redete dann lange auf mich ein, und ich nickte und lachte und machte – wie ich hoffe! – einigermaßen passende Anmerkungen, denn ich verstand maximal ein Viertel dessen, was er sagte. Das ist nicht böse gemeint, denn die beiden sind wirklich sehr nett.

Nach etwa einer Viertelstunde kam ein Mann des Weges, den die beiden auch fröhlich grüßten. Der Mann lachte, sah mich an und rief den Brüdern zu: „Nun lasst die nette Frau aber auch mal gehen! Die will doch auch nach Hause!“ Unverständliches von den beiden Herren. Ich kniff dem anderen Mann ein Auge zu und meinte dann: „So leid es mir tut: Ich muss nun wirklich gehen! Aber ich wünsche einen schönen Abend und viel Spaß beim Fußball am Donnerstag!“ Daraufhin nahmen mir die beiden Brüder das Versprechen ab – soweit ich es verstanden habe -, meinen Mann zu grüßen. Mir war klar, die beiden schienen mich zu verwechseln, aber ich versprach alles. Mir wurden nämlich schon die Arme aufgrund des Gewichts meiner Einkäufe lang … 😉

Ein rundum schöner Tag, der so bescheiden angefangen hatte! Und Jeannette und ich gehen demnächst mal einen Kaffee trinken oder ein Bierchen zischen. Das ist nett. 🙂

Was auch immer passieren mag: Morgen werde ich ganz unerschrocken ins Auto steigen und losfahren. Genauer: Ich werde in „Monty“ steigen, wie ich den kleinen Kerl ganz spontan getauft habe, denn a) bin ich ein Fan von „Monty Python’s Flying Circus“. B) „To be the full monty“ heißt auf Deutsch: „ganz großartig sein“.

Und genau das glaube ich jetzt einfach mal. 🙂

Ali bekommt ungebetenen Besuch – und flucht

Gestern und vorgestern hatte ich Besuch. Ich hatte ihn nicht eingeladen, er kam einfach so. Da ich derzeit einiges „ausmiste“ – unter anderem endlich, wie so lange schon geplant, auch meinen Kleiderschrank, aber auch Bücher, die ich noch nie gelesen habe und sicherlich auch nicht lesen werde -, hätte ich sicherlich auch niemanden eingeladen, selbst wenn es sich um angenehmere Gäste gehandelt hätte, da hier einige blaue Plastiksäcke und Kartons herumstehen, die ich – mit dem neuen Auto – peu à peu entsorgen werde.

Zumindest der erste Gästepart war eher unangenehm, zumal er sich quasi hinter meinem Rücken in die Wohnung „geschlichen“ zu haben scheint. Sowas kann ich gleich gar nicht leiden. Die beiden anderen Gäste kamen im Grunde gestern auf die gleiche Weise – hinter meinem Rücken – in die Wohnung, aber die beiden waren nett, riefen mir schon fröhlich entgegen, als ich wieder ins Wohnzimmer kam, das ich nur kurz verlassen hatte. Es waren zwei fröhliche Gesellen, gutgelaunt und lebhaft. Es fiel mir aufgrund dieser Tatsache auch schwer, ärgerlich über die Invasion zu sein. Obwohl diese Gäste eigentlich gar nicht in eine Wohnung gehören.

Denn: Es waren zwei Kohlmeisen. Offenbar ein Pärchen. Ich hatte sie schon zuvor mehrfach auf meinem Balkon gesehen, wo sie, zierlich-fröhliche Rufe absondernd, herumtrippelten, neugierig durch die Balkontür spähten und einander wiederholt etwas zuzurufen schienen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Dialog wohl wie folgt aussah: „Sieh mal, Pinky [denn man nennt Kohlmeisen landläufig auch „Pinkmeisen“]! Hier geht es noch weiter! Und das scheint da ganz nett zu sein. Sollen wir vielleicht da die nächsten Kinder aufziehen?“ – „Hmmm, naja, warum nicht? Aber sieh doch mal, Titus – da sitzt etwas. So ein Mensch. Offenbar ein Weibchen. Meinst du, die Trulla erlaubt, dass wir da auch einziehen?“ – „Wir fragen sie erst gar nicht! Wir ziehen einfach ein! Wenn wir erst einmal drin sind, wird sie uns schon mögen. Ich meine, wir sind doch auch nett!“

Und gestern war ich nur kurz im Bad. Die Sonne schien draußen, und ich hatte die Balkontür geöffnet. Da die Meisen das letzte Mal vor einigen Tagen aufgetaucht waren, dachte ich mir nichts Böses. Doch als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, schallten mir schon lebhafte Rufe entgegen, und ich sah das Kohlmeisenpärchen auf der Fensterbank sitzen …

Nein! Nicht schon wieder! Erst Anfang April hatte ich ein Rotkehlchenpaar im Wohnzimmer gehabt – nun Kohlmeisen! Nichts gegen Kohlmeisen, wohlgemerkt. Ich mag Meisen, sie wirken immer etwas frech und unerschrocken. Und genauso blickte mir das Pärchen auch entgegen … Als wäre ich der Eindringling! In der eigenen Wohnung – das muss man sich mal vorstellen! Und auch, als ich mich ihnen näherte, flogen sie nicht weg oder wurden unruhig, sondern blickten mir selbstbewusst stählernen Blickes entgegen. Einer von ihnen trippelte ebenso selbstbewusst die Fensterbank entlang und warf einen interessierten Blick in eines meiner Bücherregale. Meisen brüten ja in Nisthöhlen, und das Bücherregal schien diesbezüglich von Interesse zu sein. Ich sank erst einmal auf meinen Schreibtischstuhl. Nur keine Hektik. Und – ehrlich gestanden – ich musste auch ein wenig grinsen. 😉 Dreist hoch drei waren sie, aber genau das amüsierte mich. Wie gesagt: Ich mag Tiere, also auch Vögel, und ich mag Meisen. Vielleicht nicht unbedingt in meinem Wohnzimmer, aber ich mag sie.

Außerdem haben sie so schöne Namen auf Französisch und Englisch. Im Französischen heißt die Kohlmeise „mésange charbonnière“, kurz „charbonnière“, was wörtlich übersetzt „Köhlerin“ heißt. Oder eben „Köhlermeise“. Im Englischen ist es noch viel besser, und ich erinnerte mich an ein Seminar, in dem ich einmal einen Text bearbeiten ließ, da auch Kohlmeisen erwähnt wurden. Ein Studi las, und er stutzte, als er den englischen Begriff für „Kohlmeise“ las. Dann sah er mich fragend an, und ich meinte, natürlich auf Englisch: „Haben Sie eine Frage?“ – „Ja! Was ist denn das für ein Text?“ – „Warum?“ – „Weil da ‚great titmouse‘ steht! Und etwas weiter hinten steht ‚great tit‘! Dabei scheint es doch um Vögel zu gehen!“ Ich grinste heftig und meinte hinterhältig: „Wie würden Sie das denn übersetzen?“ Und der arme Studi fiel darauf herein und meinte mit unsicherer Stimme: „’Maus mit großen Titten‘. Oder ‚große Tittenmaus‘. Oder ‚große Titte‘.“ Ich gebe zu, das war gemein von mir. Aber ihr müsst mich ein bisschen verstehen, denn es war das zäheste Seminar, das ich je geleitet habe, die Teilnehmer alle sehr träge. Irgendwie muss man doch Stimmung in die Bude kriegen – oder nicht? 😉 Den Text hatte ich nicht zufällig ausgewählt.

Ich lachte und meinte: „Sehen Sie – es ist nicht immer angeraten, wörtlich zu übersetzen. Denn Sie haben Recht – es geht um Vögel. Und ‚great titmouse‘ heißt ‚Kohlmeise‘, auch kurz: ‚great tit‘, weil es die größte Meisenart, ‚titmouse‘, ist.“ Der Studi lachte und rief: „Das war gemein, Frau B.! Aber gut – das werde ich nie wieder vergessen.“ Und irgendwie lief das Seminar gleich viel geschmeidiger, und das blieb auch so.

Seither mag ich Meisen noch lieber. 😉 Sympathische Tiere, die sogar aufgrund ihres ihnen selber wahrscheinlich unbekannten englischen Namens Schwung in ein lahmes Seminar bringen können. 😉

Nur in meinem Wohnzimmer wollte ich sie nicht so gern. Und ich setzte alles daran, sie wieder in ihren naturgegebenen Lebensraum zu schicken. Ein gewisser Aufwand war damit verbunden, denn sie sahen es zunächst nicht ein, wurden sogar verbal ausfallend. Zumindest klangen ihre Rufe extrem empört. Es tat mir zwar leid, aber das hier ist meine Wohnung, in der ich ungehindert Bücher aus dem Regal nehmen möchte, ohne Gefahr zu laufen, ein Nest mit – zugegeben: niedlichen – Jungmeisen in der Hand zu halten. Auch die Hinterlassenschaften müssen bedacht werden. Und ich kann doch nicht den ganzen Tag Balkontür und Fenster geöffnet lassen, damit Mama und Papa ungehindert hinaus- und hineinkönnen, um kleine Kerbtiere und anderes Futter zur Aufzucht der Meisenkinder einzufliegen. Das mussten die beiden niedlichen Wichte doch einsehen. Aber es gebrach ihnen ein wenig an Einsicht, und sie schimpften, wie nur Meisen schimpfen können. 😉 Mit gesträubtem Kopfgefieder – so leicht wollten sie nicht aufgeben! Erst, als ich die Jalousie des Wohnzimmerfensters hinunterließ und es dunkel wurde, sausten sie laut schreiend durch die Balkontür ins Freie. Ich war erleichtert, hörte die Meisen aber noch längere Zeit von draußen schimpfen. Hoffentlich sagen sie weiter, dass mein Wohnzimmer keine Aufzuchtstation für Zweit- oder Drittbruten ist … 😉

Mit den Auswirkungen der Gäste vom Freitag habe ich jetzt noch zu kämpfen, und allmählich wird es mir ein wenig unheimlich. Unangenehm ist es ohnehin.

Denn bei diesem Gast oder diesen Gästen muss es sich um Mücken oder um eine Mücke gehandelt haben. Wie es aussieht, um eine Monstermücke. Sie hat mich an beiden Fußknöcheln erwischt, die ich wohl nachts, weil mir warm war, unter der Decke hervorgestreckt hatte …

Ich bin mit Mückenstichen vertraut – ich berichtete bereits. Aber nicht mit so etwas! Denn der Mücken- oder Insektenstich am linken Knöchel ist annähernd unerträglich, juckt furchtbar und weist, da ich leider daran gekratzt habe, inzwischen einen Durchmesser von etwa fünf Zentimetern auf, ist knallhart und heiß. Ich sehe mich schon beim Arzt – und ich bin wirklich niemand, der überängstlich wäre. Aber das hier ist wirklich absonderlich. Am rechten Knöchel ist es noch nicht ganz so schlimm … Warten wir es ab. Ich kühle beide Knöchel gerade mit zwei Dosen „Ice Tea“. Gibt’s seit neuestem – mit Kohlensäure, das ist der Clou – bei einem allseits bekannten Discounter. Ich trinke das beileibe nicht jeden Tag, aber ab und an schon. Und zwei Dosen „Peach“ waren noch vorhanden – schmeckt furchtbar! (weswegen auch noch zwei unberührte Dosen da waren) -, kühlt aber ungeöffnet in der Dose gut. Ich glaube, ich behalte die beiden Dosen und bewahre sie als „Cool Pack“ im Kühlschrank auf. Wenn überhaupt, geht nur Zitrone – jedenfalls zum Trinken. Zum Kühlen geht auch Pfirsich.

So kann es einem mit ungebetenem Besuch gehen. Und sollte diese Mücke hier noch einmal auftauchen, ist ihr Leben in sehr großer Gefahr …

Wen wundert es, dass ich die meisten Insekten nicht mag! Vielleicht sollte ich die Meisen zurückholen. Fressen die nicht auch Mücken? 😉